Wir hatten bereits im I. Abschnitt dieser Abhandlung dargelegt, wie
die philosophische Betrachtungsweise des Aristoteles überall im
Mittelalter die herrschende war. Wir werden in fernerer Darstellung
noch speziell diesen Einfluß kennzeichnen müssen. Leonardo zeigt sich
in seiner Art und Weise der Beobachtung nicht von der aristotelischen
Methode befangen. Klar und deutlich, unseren jetzigen Anschauungen
ungemein nahe verwandt, gibt er die Prinzipien an, nach denen er die
Naturbetrachtung, die Forschung vornimmt.
Die Art und Weise des Behandelns naturwissenschaftlicher und
technischer Fragen seitens des Leonardo finden wir in seinen Schriften
selbst präzisirt, wo er sagt: „Zuerst stelle ich bei der Behandlung
naturwissenschaftlicher Probleme einige Experimente an, weil meine
Absicht ist, die Aufgabe nach der Erfahrung zu stellen und dann zu
beweisen, weshalb die Körper gezwungen sind, in der gezeigten Manier
zu agiren. Das ist die Methode, welche man beobachten muß bei allen
Untersuchungen über die Phänomene der Natur. Es ist wahr, daß die Natur
gleichsam mit dem Raisonnement beginnt und durch die Erfahrung endigt,
aber gleichviel, wir müssen den entgegengesetzten Weg nehmen; wie
ich schon sagte, wir müssen mit der Erfahrung beginnen und mit ihren
Mitteln nach der Entdeckung der Wahrheit trachten.“ -- Ist das nicht
die gleiche Idee, die Franz Baco in seiner Vorrede zur Instauratio
magna auseinandersetzte und in der Einleitung seines Werkes, zum
zweiten Theile, des Breiteren besprach, und die er in seinem Novum
organum wiederholt als selbstbefolgt darlegte? Ein anderer Wahlspruch
des Leonardo besagt: „Die Theorie ist der Feldherr, die Praxis sind die
Soldaten,“ und wieder am andern Orte spricht er aus: „Der Interpret
der Wunderwerke der Natur ist die Erfahrung. Sie täuscht niemals; es
ist unsere Auffassung, welche zuweilen sich selbst täuscht, weil sie
Effekte erwartet, die die Natur nicht gibt. Wir müssen die Erfahrung
konsultiren in der Verschiedenheit der Fälle und Umstände, bis wir
daraus eine General-Regel ziehen können, die darin enthalten. Und wozu
sind diese Regeln gut? Sie führen uns zu weiteren Untersuchungen der
Natur und zu Schöpfungen der Kunst. Sie verhindern, daß wir uns selbst
verlieren oder andere, wenn wir Resultate uns versprechen, die nicht
zu erhalten sind.“ Ferner sagt er: „Es gibt keine Gewißheit in den
Wissenschaften, wo man nicht einige Theile der Mathematik anwenden
könnte, oder die nicht davon in gewisser Beziehung abhinge. -- In dem
Studium der Wissenschaften, welche mit der Mathematik zusammenhängen,
sind diejenigen, welche die Natur nicht konsultiren, oder die Autoren,
welche nicht Kinder der Natur sind, ich sage es laut, nur kleine
Kinder. Die Natur allein ist wirklich der Lehrer des wahren Genies. Und
sehet die Sottise! Man spottet über einen Menschen, welcher lieber von
der Natur lernen will, als von Autoren, welche doch nur die Schüler
derselben sind.“ Und in Vol. E. fol. 8 seiner Manuskripte schreibt
Leonardo da Vinci:
„La meccanica è il paradiso delle scienze matematiche, perché con
quella si viene al frutto delle scienza matematiche.“
Alle diese Aussprüche geben uns die Erklärung für die unermüdliche
Methode und Arbeit des Leonardo auf wissenschaftlichem Gebiete, auf dem
Gesammtgebiet der Naturwissenschaften.
Wir übergehen hier die trefflichen Sentenzen, die Leonardo als
Philosoph vorbringt über die menschlichen Leidenschaften, über den
Glauben und die Religion, über den Tod, über Selbstbeherrschung
u. s. w. In allen weht ein tief gefühlvoller Geist, eine Einfachheit
und Klarheit der Anschauung, eine Ergebenheit in das Geschick, wie es
auch zugetheilt sei. Wir übergehen ferner seine ~poetischen~ Ergüsse,
seine Sprach- und grammatikalischen Studien, seine Schriften über die
Malerei, und wenden uns der näheren Betrachtung der Leistungen zu, die
gleichsam Ausflüsse oder Resultate obiger philosophischer Methoden sind.