IV.

Wir hatten bereits im I. Abschnitt dieser Abhandlung dargelegt, wie

die philosophische Betrachtungsweise des Aristoteles überall im

Mittelalter die herrschende war. Wir werden in fernerer Darstellung

noch speziell diesen Einfluß kennzeichnen müssen. Leonardo zeigt sich

in seiner Art und Weise der Beobachtung nicht von der aristotelischen

Methode befangen. Klar und deutlich, unseren jetzigen Anschauungen

ungemein nahe verwandt, gibt er die Prinzipien an, nach denen er die

Naturbetrachtung, die Forschung vornimmt.

Die Art und Weise des Behandelns naturwissenschaftlicher und

technischer Fragen seitens des Leonardo finden wir in seinen Schriften

selbst präzisirt, wo er sagt: „Zuerst stelle ich bei der Behandlung

naturwissenschaftlicher Probleme einige Experimente an, weil meine

Absicht ist, die Aufgabe nach der Erfahrung zu stellen und dann zu

beweisen, weshalb die Körper gezwungen sind, in der gezeigten Manier

zu agiren. Das ist die Methode, welche man beobachten muß bei allen

Untersuchungen über die Phänomene der Natur. Es ist wahr, daß die Natur

gleichsam mit dem Raisonnement beginnt und durch die Erfahrung endigt,

aber gleichviel, wir müssen den entgegengesetzten Weg nehmen; wie

ich schon sagte, wir müssen mit der Erfahrung beginnen und mit ihren

Mitteln nach der Entdeckung der Wahrheit trachten.“ -- Ist das nicht

die gleiche Idee, die Franz Baco in seiner Vorrede zur Instauratio

magna auseinandersetzte und in der Einleitung seines Werkes, zum

zweiten Theile, des Breiteren besprach, und die er in seinem Novum

organum wiederholt als selbstbefolgt darlegte? Ein anderer Wahlspruch

des Leonardo besagt: „Die Theorie ist der Feldherr, die Praxis sind die

Soldaten,“ und wieder am andern Orte spricht er aus: „Der Interpret

der Wunderwerke der Natur ist die Erfahrung. Sie täuscht niemals; es

ist unsere Auffassung, welche zuweilen sich selbst täuscht, weil sie

Effekte erwartet, die die Natur nicht gibt. Wir müssen die Erfahrung

konsultiren in der Verschiedenheit der Fälle und Umstände, bis wir

daraus eine General-Regel ziehen können, die darin enthalten. Und wozu

sind diese Regeln gut? Sie führen uns zu weiteren Untersuchungen der

Natur und zu Schöpfungen der Kunst. Sie verhindern, daß wir uns selbst

verlieren oder andere, wenn wir Resultate uns versprechen, die nicht

zu erhalten sind.“ Ferner sagt er: „Es gibt keine Gewißheit in den

Wissenschaften, wo man nicht einige Theile der Mathematik anwenden

könnte, oder die nicht davon in gewisser Beziehung abhinge. -- In dem

Studium der Wissenschaften, welche mit der Mathematik zusammenhängen,

sind diejenigen, welche die Natur nicht konsultiren, oder die Autoren,

welche nicht Kinder der Natur sind, ich sage es laut, nur kleine

Kinder. Die Natur allein ist wirklich der Lehrer des wahren Genies. Und

sehet die Sottise! Man spottet über einen Menschen, welcher lieber von

der Natur lernen will, als von Autoren, welche doch nur die Schüler

derselben sind.“ Und in Vol. E. fol. 8 seiner Manuskripte schreibt

Leonardo da Vinci:

„La meccanica è il paradiso delle scienze matematiche, perché con

quella si viene al frutto delle scienza matematiche.“

Alle diese Aussprüche geben uns die Erklärung für die unermüdliche

Methode und Arbeit des Leonardo auf wissenschaftlichem Gebiete, auf dem

Gesammtgebiet der Naturwissenschaften.

Wir übergehen hier die trefflichen Sentenzen, die Leonardo als

Philosoph vorbringt über die menschlichen Leidenschaften, über den

Glauben und die Religion, über den Tod, über Selbstbeherrschung

u. s. w. In allen weht ein tief gefühlvoller Geist, eine Einfachheit

und Klarheit der Anschauung, eine Ergebenheit in das Geschick, wie es

auch zugetheilt sei. Wir übergehen ferner seine ~poetischen~ Ergüsse,

seine Sprach- und grammatikalischen Studien, seine Schriften über die

Malerei, und wenden uns der näheren Betrachtung der Leistungen zu, die

gleichsam Ausflüsse oder Resultate obiger philosophischer Methoden sind.

Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph Ein Beitrag zur Geschichte der Technik und der induktiven Wissenschaften · 第 24 / 36 题