III.

Wir haben vorstehend nicht ein Register der Werke des Leonardo gegeben,

wie es uns überhaupt nur daran lag, die wichtigen Lebensumstände

des großen Mannes zu skizziren. Der Karakter des Leonardo ist öfter

verschieden beurtheilt. Es hat ihm ein Theil seiner Zeitgenossen die

Schmeichelei gegen Fürsten vorgeworfen. Allein mit dieser Behauptung

stimmt doch die allgemeine Schilderung seines Wesens nicht, und aus

allen seinen Werken athmet uns ein ganz anderer Geist entgegen als der

eines um Fürstengunst Buhlenden. Leonardo hatte ein offenes Auge für

die Schönheiten der Natur und Kunst; sein ganzer Geist war überaus

harmonisch angelegt und von einer Herzensgüte und einem Wohlwollen

gegen die Menschheit erfüllt, wie es selten vereint getroffen wird

mit soviel Talent und Vielseitigkeit. Seine Kenntnisse und seine

Ideen verwandte er zum Besten der Menschen, und sein Haus und Rath

stand Jedermann offen. Leuchtet uns schon aus der grandiosen Arbeit

des Tessinkanals ein für das Wohl seiner Vaterlandsgenossen bedachter

Geist entgegen, -- so gibt sich derselbe noch mehr kund in der großen

Wirksamkeit zu Mailand.

Leonardo wirkte hier in Mailand nach allen Richtungen hin. Als Musiker,

als Maler und als Skulpteur diente er den Künsten, als Architekt

verdrängte er die Verirrungen der Spätgothik durch die Wiederbelebung

der griechischen und römischen Bauformen, als Ingenieur führte er das

Addawasser in einem Kanal nach Mailand, zog den 200 Miglien langen

Kanal durch das Veltlin und entwarf eine große Reihe Werkzeuge,

Geräthe und Maschinenapparate, -- als Denker, Philosoph und Freund

der induktiven Wissenschaften verfaßte er nicht sowohl eine Reihe

von werthvollen Schriften aus den Gebieten der Mechanik und Physik

und Mathematik, -- sondern näherte sich der freieren Denkungsweise,

so daß er fast als Häretiker betrachtet ward, und fand er die

Unhaltbarkeit der papistischen Lehre von der Unbeweglichkeit der Erde,

-- ein gewaltiger Denker, der an Gründlichkeit und Vielseitigkeit

des Wissens einer der ersten Männer der aufwachsenden großen Periode

der Wissenschaften in Italien genannt werden muß. An Bedeutung

unter den Malern der erste, der Gestaltungskraft und Formenstrenge

und Naturwahrheit anstrebt und erreicht, der Gesetze für die Form

der Malerei aufstellt und so für seine und die folgende Zeit der

Regenerator der Kunst wird, -- schafft er die trefflichsten Kunstwerke

selbst, die nur ein Raphael, ein Michel Angelo später vielleicht

übertroffen hat. Er formt mit kühner Hand das Reiterdenkmal Franz

Sforza’s, das an Größe und Schönheit alles, was die vorangehende

Periode gebracht, klein, elend erscheinen ließ. -- Und dabei finden

wir in Leonardo einen Mann von einer Körperstärke, daß er ein Hufeisen

mit den Händen zerbrechen konnte, -- und von einer Bescheidenheit und

Scheuheit des Geistes, von einer Unzufriedenheit mit sich selbst, daß

wir ihn stets zurücktreten sehen, wo andere sich breit machten, daß er

sich fürchtete, Lob über seine unsterblichen Bilder zu hören, weil er

der Welteitelkeit zu verfallen glaubte, daß er, ehe er ein Werk von

Bedeutung begann, erst die umfassendsten Vorstudien machte und dabei

sich in den Geist der Wissenschaften tief versenkte, bis er sich stark

genug glaubte, gleichsam den Kampf mit seiner Aufgabe aufzunehmen. Und

hatte er sie nun gelöst, so befriedigte ihn doch die Lösung nie, da er

fühlte, daß er nun doch noch im Stande sei, sie noch vollkommener zu

bewirken. Dabei erschreckte ihn das Glockengeläute, der Mönchsgesang

und Kindsgeschrei; bei Gewittern flüchtete er fast kindisch unter die

Decke des Bettes, -- nur das Plätschern des Regens heimelte ihn an, und

behaglich schaute er dem Tropfenfall zu.

Leonardo hinterließ ein Testament, demzufolge Francesco da Melzo als

Belohnung für seine Freundschaft sämmtliche nachgelassene Schriften des

Leonardo und seine Handzeichnungen erhielt. (Item il prefato testatore

dona et concede ad messer Francesco da Melzo, gentilomo da Milano, per

remuneratione de servitii ad epso grati a lui facti per il passato

tutti, et chiaschaduno di libri, che il dicto testatore ha de presente

et altri instrumenti et portracti circa larte sua et industria de

pictori.) An diese Schriften knüpft sich unser spezielles Interesse

für Leonardo hier an, denn sie sind die Aufzeichnungen und Schriften

des Ingenieurs, Architekten, Physikers, Mathematikers, Mechanikers und

Anatomen Leonardo da Vinci, welche, wenn sie zu seiner Zeit gedruckt

und publizirt worden wären, sicherlich einen gewaltigen Einfluß auf

die Gesammtfortschritte aller Gebiete des Wissens gehabt haben würden,

-- deren Studium für jeden Biographen des Mannes unerläßlich ist, --

und die endlich dazu angethan sind, das Dunkel zu lichten, welches

über der Geschichte der induktiven Wissenschaften sowie der Praxis der

Industrien seiner Zeit bisher geschwebt hat.

Wie kam es aber, daß diese bedeutenden Werke eines so berühmten

Mannes unbekannt bleiben konnten? -- Francesco da Melzo nahm die

Manuskripte Leonardo’s mit sich und bewachte sie sorgsam bis an

seinen Tod. Mazenta (gestorben 1635) hat uns eine Geschichte der

Manuskripte aufgeschrieben. Er war für dieselben interessirt, weil er

beim Festungsbau Leonardo’s Gesetzen folgte, ebenso bei seinen Studien

über die Schiffbarmachung der Adda. Mazenta kam durch Zufall in Besitz

von dreizehn Volumen der Schriften Leonardo’s. Dieselben waren von

einem gewissen Lelio Gavardi d’Asola aus der Villa ~Vavero~, welche

Francesco Melzi sammt dem Manuskript geerbt hatte, mit Erlaubniß der

nachgebliebenen Söhne Melzi’s nach Florenz gebracht, mit der Absicht,

dieselben dem Großherzog Franz, Liebhaber solcher Handschriften, zum

Kauf anzubieten. Im Moment, wo Gavardi in Florenz ankam, starb der

Großherzog 1587. Gavardi ging nun nach Pisa zu Manucio, einem großen

Liebhaber von Büchern. Allein dieser Mann scheint sich nicht besonders

anständig gegen Gavardi benommen zu haben, so daß dieser es vorzog,

die dreizehn Volumen dem J. A. Mazenta nach Mailand mitzugeben, mit

der Bitte, diese Bände der Familie Melzi zurückzubringen. Mazenta

entledigte sich dieses Auftrags, allein der Aelteste der Melzi, Dr.

Horatius Melzi, schenkte die dreizehn Bände dem Mazenta, indem er ihm

mittheilte, daß auf dem Landhause noch eine Menge solcher Schriften

herumlägen. Da Mazenta über die Liberalität des Horaz Melzi nicht

schwieg, fanden sich bald viele Amateurs bei demselben ein und wählten

aus den Handschriften Einzelnes aus. Besonders unverschämt war bei

dieser Gelegenheit Pompejus Aretin (Sohn des Kardinals Leoni), ein

Bronzegießer und Künstler an Philipp’s II. Hof im Escurial. Derselbe

wollte dem König schmeicheln oder selbst ein gutes Geschäft machen und

bat den Melzi überdem, daß er die dreizehn Volumen zu diesem Zwecke

wieder herbeischaffe. Melzi nun, sehr überrascht und einen hohen Werth

in dem Verschenkten ahnend, bat kniefällig den Bruder des Mazenta um

Herausgabe der Volumen. Dieser gab sieben zurück, während die Familie

Mazenta später, 1603, von den anderen ein Volumen dem Kardinal Borromeo

für die Ambrosianische Bibliothek schenkte, ein Volumen an Ambroise

Figini, einen berühmten Maler seiner Zeit, von dem es Hercules Bianchi

erbte. Ein drittes Volumen gab Mazenta auf vieles Drängen an den Herzog

von Savoyen ab, und als der Bruder des Mazenta 1617 starb, wußte Aretin

die übrigen drei Volumen in seinen Besitz zu bringen. Aretin formte aus

einer Reihe von Bänden ein großes Volumen von 392 Blättern in Folio,

und als er starb, kam dasselbe in die Hände Polydor Calchi’s, der es

verkaufte an Galeazzi Arconati. Arconati bewachte diesen Band in seiner

Bibliothek und wies alle Gebote zurück. Howard Graf von Arundel bot

dafür im Namen des englischen Königs 60,000 Frcs. Allein Arconati hielt

diesen Schatz fest und wußte auch die durch Aretin in Leoni’s Besitz

gelangten zu bekommen. Um 1637 schenkte Arconati die ganze Kollektion

an die Ambrosianische Bibliothek. 1674 endlich lieferte Horace Archinto

noch ein Volumen ein, und die Familie Trivulcio schenkte ein in ihrem

Besitz befindliches Manuskript, eine Vocabulaire, derselben Bibliothek.

-- Eine Anzahl Leonardo’scher Schriften wurde durch Thomas Graf von

Arundel 1610 bereits acquirirt und dem British Museum einverleibt. Die

anatomischen Studien sind ebenfalls nach London gewandert, und zwar

stammen diese und andere Blätter wohl von dem Codex des Bianchi her,

der sie an einen gewissen Engländer Smith verkaufte. -- Eine Reihe

Schriften des Leonardo war im Landhause Vaprio bei Florenz verblieben,

im Besitz der Melzi. Dieselben sind später an das Florentiner Museum

gekommen. Endlich befinden sich etliche Blätter in Venedig.

Die auf diese Weise entstandene Hauptsammlung in der Ambrosiana hatte

leider das Schicksal, 1796 von den Franzosen geraubt und nach Paris

transportirt zu werden, mit Ausnahme des großen Volumens, welches

Aretin kompilirt hat, des berühmten Codex Atlanticus.

Trotzdem beim Friedensschluß 1814 die Rückgabe der Leonardo’schen

Manuskripte an die Ambrosiana statuirt war, erfüllten die Franzosen

diese Ehrenpflicht doch nicht, unter dem Vorwande, diese vierzehn

Codices seien nicht mehr aufzufinden. Kurze Zeit darauf aber wurden sie

der Bibliothek des Instituts einverleibt.

Die Perle der nachgelassenen Manuskriptsammlungen ist der Codex

Atlanticus, -- abgesehen von den Handzeichnungen und Karikaturen. Der

Codex Atlanticus allein würde hinreichen, um an seinem Inhalt die

eminenten Kenntnisse des Leonardo zu erweisen.

Schon in obiger Nachweisung über den Verbleib der Manuskripte des

Leonardo liegt der Grund offenbar, daß der Inhalt derselben seiner

Zeit nicht zu Gute kommen konnte. Zuerst aus Pietät ängstlich bewahrt,

sodann aus Unkenntniß vernachlässigt und zersplittert, von dem einen

aus Geldgier, von dem andern aus Liebhaberei festgehalten, bot

sich keine Gelegenheit dar zum Bekanntwerden, und als man endlich

alles beinahe beisammen hatte und daran dachte, durch den Druck

diese Schätze bekannt zu machen, da wurde die Kollektion wieder

zersplittert. Die Spuren von Verbreitung der Leonardo’schen Lehren

sind äusserst spärlich. Benvenuto Cellini[4] erzählt uns von einer

Kopie, welche ihm von einer Leonardo’schen Schrift durch einen ganz

armen Mann angeboten ward 1542, -- vermuthlich eine Kopie der zu

Vaprio aufbewahrten Handschriften, die über Skulptur, Malerei und

Architektur handelten. Ferner hatte Pinelli von Neapel Kopien von

Leonardo’s Schriften über die Malerei entnommen und benutzte dieselben

mit anderen Studien zur Herstellung seines Codex Pinellianus, der

nach seinem Tode (1601) in Paris durch Dufresne 1651 veröffentlicht

wurde. Eine ähnliche Ausgabe erschien von Steffano Della-Bella

(1610-1664) in Florenz 1792. Der Trattato della Pittura ist frühzeitig

und sicherlich von allen seinen Schülern bereits kopirt worden und

1651 zuerst gedruckt. Die Ambrosiana besitzt hiervon eine Kopie durch

Mazena’s Vermittelung. Sie besitzt ferner noch Kopien von diversen

Abhandlungen, die theilweise in den Pariser Codices enthalten sind,

so von der berühmten Schrift des Leonardo: Del moto e misura dell’

acqua, welche später 1828 in Bologna gedruckt ward, im übrigen aber

sehr bekannt war. In diesem kopirten Codex sind noch viele andere

Sachen enthalten, besonders auch die Dessins für den Kanal Martesana.

Ein dritter Band enthält Kopien von Trattato d’ ombre e lumi, Trattato

della Pittura u. s. w. In der Periode von 1625-1645 wurden von den im

Besitz des Arconati befindlichen Schriften Kopien für die Bibliothek

des Kardinals Barberini angefertigt. Ebenso nimmt man an, daß ein

Theil der in England befindlichen Manuskripte nur Kopien sind. --

Uebrigens geht aus dem allgemeinen Stillschweigen der sämmtlichen

Schriftsteller über naturwissenschaftliche Gebiete aus dem 16. und

17. Jahrhundert genugsam hervor, daß im Großen und Ganzen Leonardo’s

Schriften unbekannt blieben. Dagegen, und dies werden wir im Verlauf

der speziellen Besprechung seiner Schriften zeigen, ist einzelnes

bekannt geworden, und wie oben bereits angeführt worden, daß Galilei’s

Art der Betrachtung mit der des Leonardo frappante Aehnlichkeit habe,

so auch finden wir z. B. einige Leonardo’sche Gesetze und Beispiele

zur Theorie der Wellenbewegung bis auf den heutigen Tag in den

physikalischen Lehrbüchern wiederkehren. Es ist natürlich unfruchtbar,

derartige absolute Beweise und Nachweise führen zu wollen; wir können

nur bedauern, daß die Schriften nicht früher zur Kenntniß gelangt sind.

Die spätere Literatur weist auch nicht allzuviel von Leonardo auf. Da

schon Vasari (Vite dei Pittori, Scultori ecc.) von den nachgelassenen

Schriften des Leonardo für Mechanik, Physik, Maschinen etc. spricht

(1568), so müßte dadurch allerdings wohl die Aufmerksamkeit im Laufe

der Jahrhunderte darauf gezogen worden sein. Und dennoch ist dieselbe

sehr gering gewesen. So wesentliche Bewunderung Leonardo als Maler

und Sculpteur beständig gefunden hat, so wenig wurde Acht gegeben

auf seine übrigen Leistungen. Studirt hat man seine Manuskripte

allerdings öfter, aber nur wenige haben den innern Werth derselben

hervorgehoben, den geschichtlichen Werth. Die meisten hatten sich

begnügt mit der Durchsicht und waren dann befriedigt fortgegangen.

Während Leonardo als Maler eine Reihe Biographen gefunden hat, wie

Vasari, Amoretti, Ranalli, Campori, Piles, Rio, Lomazzo, Manzi,

Libri, Calvi, Brown, Marquis d’Adda, Delécluze, Marx, Houssaye,

Gallenberg, Bossi, Blanc, Braun, Clément, und in vielen Kunstschriften

seine Gemälde und Kunstwerke beurtheilt werden (auch Goethe referirt

darüber), während seine Familienverhältnisse gründlich untersucht

worden sind durch Uzielli, Calvi und Dozio, ist für die Fülle der

übrigen Leistungen wenig geschehen, so daß dieselben noch heute im

allgemeinen als ~unbekannt~ betrachtet werden können. Die Begründung

dafür haben wir bereits auf mehrfache Weise dargethan. Was bisher über

die wissenschaftliche Bedeutung Leonardo’s klargelegt ist, wollen

wir folgen lassen, nicht ohne den bestimmten Vermerk, daß alle diese

Arbeiten ~Stückwerk~ sind und nur einen geringen Theil der Arbeiten und

Leistungen Leonardo’s umfassen, ja oft nur ein einziges Objekt.

~Gerli Milanese~, Disegni di Leonardo da Vinci incisi e pubblicati da

--. 1784. Hiernach die englische Ausgabe von ~J. Chamberlain~, London

1797.

~Venturi~, Essai sur les ouvrages Physico-Mathématiques de Leonard da

Vinci etc. Paris 1797.

Auch ~Amoretti~, Memorie etc. enthält über die wissenschaftliche Seite

Leonardo’s schätzenswerthe Beiträge.

~Rippetti~, Dizionario geogr. fisico-storico della Toscana. Vol. V., p.

789.

~Govi~, Leonardo scienziato, filosofo, politico et moraliste.

~Trattato~ del moto e misura dell’ acqua di Leonardo da Vinci. 1828.

Bologna.

~Lombardini~, dell’ origine e del progresso della scienza idraulica nel

Milanese et in altri parti d’Italia.

~Libri~, Hist. scien. matem. III.

~Marx~, Ueber M. A. della Torre und Leonardo da Vinci, die Begründer

der bildlichen Anatomie. Göttingen, 1849.

~Grothe~, Allg. deutsche polytechn. Zeitung 1873, pag. 2. 25. 41. 53.

78. 89. 130. 141. 153. 169. 249. -- 1874. pag. 87. Ueber Leonardo’s

Bedeutung für die Geschichte der induktiven Wissenschaften, mit 36 Abbd.

Saggio delle opere di Leonardo da Vinci. Mailand 1872 (ausgegeben

Februar 1873), mit 24 Tafeln aus dem Codex Atlanticus. So trefflich

diese Ausgabe an sich ist, so enthält sie doch nur ~wenige~ der

werthvolleren Zeichnungen des Leonardo. Ebenso ist zu bedauern, daß

man von der Ausgabe nur 300 Exemplare gedruckt hat, so daß schon

jetzt kein Exemplar mehr aufzutreiben ist und ein hoher Preis für den

Ankauf gezahlt wird. Jedenfalls zeigt diese Ausgabe sich nicht auf

richtigem Wege, sowohl Leonardo’s Bedeutung für die Geschichte und die

Wissenschaft klar zu legen (trotz der an sich trefflichen Einleitung)

und dieselbe populärer zu machen. -- Von den vorherbenannten Schriften

tritt die von Venturi als diejenige auf, welche für Leonardo als

Physiker und Mathematiker Propaganda machte.

Bis 1797 war also den naturwissenschaftlichen Kreisen der Name

Leonardo da Vinci fast fremd. Da erschien die Schrift von Venturi:

Essai sur les ouvrages physico-mathématiques de L. de V. in Paris und

verbreitete zuerst die verlorne Kunde von Schriften des Leonardo, die

in den Bereich der induktiven Wissenschaften gehören. Dieselben waren

1796 von den Franzosen nach Eroberung Mailands nach Paris zum Theil

übergeführt, während sie zuvor in der Ambrosianischen Bibliothek zu

Mailand wohlgeborgen und der Einsicht des Publikums wenig zugänglich

geruht hatten. Venturi hatte diese reichen Manuskripte gesehen und

durchstudirt trotz der Schwierigkeit, welche die Schreibweise Leonardo

da Vinci’s von rechts nach links mit sich brachte, -- und hatte

gefunden, daß die Bedeutung dieser Schriften groß sei und Leonardo mit

Recht in die Reihe der Beförderer des Wiederauflebens der induktiven

Wissenschaften hervorragend eintrete und als ein Vorgänger Galilei’s

zu betrachten sei. Daß die Schrift Aufsehen machte, bezeugt Whewell,

indem er dieselbe sofort zur Ergänzung des betreffenden Abschnittes

seiner Geschichte der induktiven Wissenschaften benutzte. Schon vorher

1757 hatte Ximenes einen Brief des Leonardo an Christoph Columbus

vom Jahre 1473 entdeckt „über die Wahrscheinlichkeit des Erreichens

des Orient-Indiens auf dem intendirten Wege“, und in London ward

von Richard Henry eine Karte von Amerika gefunden mit Leonardo’s

Unterschrift, -- die erste Karte Amerika’s. Major Richard Henry: Memoir

on a Mappemonde by Leonardo da Vinci, being the earliest map hitherto

known containing the name of America. Archaeologia Vol. XI. London. --

1828 ward endlich die zusammenhängende Schrift Leonardo’s: Del moto

e misura dell’ Acqua di Leonardo da Vinci in Bologna herausgegeben,

während später Elia Lombardini in seinen Osservazioni storico-critiche

sopra dell’ origini e del progresso della Scienza idraulica nel

Milanese ed in altre parte d’Italia gerade hervorhob, daß Leonardo da

Vinci der Urheber einer ~systematischen Hydraulik~ gewesen sei.

Libri, in seiner Geschichte der mathematischen Wissenschaft,

nimmt bereits eingehender Rücksicht auf Leonardo und zitirt unter

anderen auch Chasles, der in seiner Geschichte der Geometrie an das

Ovalwerk des Leonardo nach Mittheilung seines Schülers anknüpft,

wenn er auch dabei mit seinen Betrachtungen in der Irre geht, wie

Reuleaux[5] gezeigt hat. Hier und da tauchen einzelne Betrachtungen

des Leonardo auf, abgesehen von dem trefflichen Werke über die

Anatomie des Leonardo von Marx. Michel Alcan gab in seinem Traité

du travail de laine irrthümlich eine Zeichnung einer Leonardo’schen

Longitudinalscheermaschine für Tuche[6], die in der That eine Maschine

zum Ziehen und Härten der Metallfedern war. Dies war die Veranlassung,

daß der Verfasser dieser Abhandlung mit seinen bereits aus Liebhaberei

an der Geschichte der Technologie, welche er seit 1869 an der Königl.

Gewerbe-Akademie vortrug, gesammelten Notizen über Leonardo hervortrat

und zunächst den Irrthum des Alcan nachwies unter Beibringung der

Kopien der Leonardo’schen Skizzen. Karmarsch nannte diese Skizze in

seiner Geschichte der Technologie „naiv“, und um einmal die Bedeutung

des Leonardo für die Technologie darzulegen, veröffentlichte der

Verfasser dieses eine Reihe Arbeiten über Leonardo unter Beibringung

der Handzeichnungen in Kopien seit Medio Dezember 1872.[7] Im Frühjahr

1873 erschien dann die Ausgabe Il Saggio etc. mit 24 photographirten

Tafeln und kurz darauf die treffliche Abhandlung von Alessandro Cialdi,

Leonardo da Vinci, fondatore della dottrina sul moto ondoso del Mare.[8]

Alles dies regte den Verfasser an, nunmehr noch eingehender die

Studien über Leonardo fortzusetzen und zumal nach Kenntnißnahme des

bereits Veröffentlichten, dahin zu streben, die Lücken auszufüllen.

Bei allen diesen Studien und in dieser Wiedergabe ihrer Resultate ist

als erster Gesichtspunkt festgehalten: „~Leonardo’s nachgelassene

Schriften gleichsam als eine Geschichtsquelle zu betrachten und aus

ihr Daten festzustellen für die geistige und materielle Entwicklung

seiner Zeit in Wissenschaft und Technik, um jene oben näher bezeichnete

bisher dunkel gebliebene Geschichte seiner Zeit so weit als möglich zu

erhellen~.“ Daneben stellt sich unzweifelhaft heraus, welche Bedeutung

Leonardo selbst als Mathematiker, Mechaniker, Physiker, praktischer

Ingenieur und Erfinder resp. Konstrukteur hat, wie weit sein Genie

seinen Zeitgenossen voraneilte.

[4] Cellini Discorso sull’ architettura publ. dal Morelli (Naniana).

[5] Verhandlungen des Vereins für Gewerbfleiß in Preußen.

[6] Zeitschrift des Vereins der Wollinteressenten 1870.

[7] Allg. deutsche polyt. Zeitung von Dr. H. Grothe 1873.

[8] Jl Politechnico. Mailand 1873. Nr. 3.

Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph Ein Beitrag zur Geschichte der Technik und der induktiven Wissenschaften · 第 23 / 36 题