Wir haben vorstehend nicht ein Register der Werke des Leonardo gegeben,
wie es uns überhaupt nur daran lag, die wichtigen Lebensumstände
des großen Mannes zu skizziren. Der Karakter des Leonardo ist öfter
verschieden beurtheilt. Es hat ihm ein Theil seiner Zeitgenossen die
Schmeichelei gegen Fürsten vorgeworfen. Allein mit dieser Behauptung
stimmt doch die allgemeine Schilderung seines Wesens nicht, und aus
allen seinen Werken athmet uns ein ganz anderer Geist entgegen als der
eines um Fürstengunst Buhlenden. Leonardo hatte ein offenes Auge für
die Schönheiten der Natur und Kunst; sein ganzer Geist war überaus
harmonisch angelegt und von einer Herzensgüte und einem Wohlwollen
gegen die Menschheit erfüllt, wie es selten vereint getroffen wird
mit soviel Talent und Vielseitigkeit. Seine Kenntnisse und seine
Ideen verwandte er zum Besten der Menschen, und sein Haus und Rath
stand Jedermann offen. Leuchtet uns schon aus der grandiosen Arbeit
des Tessinkanals ein für das Wohl seiner Vaterlandsgenossen bedachter
Geist entgegen, -- so gibt sich derselbe noch mehr kund in der großen
Wirksamkeit zu Mailand.
Leonardo wirkte hier in Mailand nach allen Richtungen hin. Als Musiker,
als Maler und als Skulpteur diente er den Künsten, als Architekt
verdrängte er die Verirrungen der Spätgothik durch die Wiederbelebung
der griechischen und römischen Bauformen, als Ingenieur führte er das
Addawasser in einem Kanal nach Mailand, zog den 200 Miglien langen
Kanal durch das Veltlin und entwarf eine große Reihe Werkzeuge,
Geräthe und Maschinenapparate, -- als Denker, Philosoph und Freund
der induktiven Wissenschaften verfaßte er nicht sowohl eine Reihe
von werthvollen Schriften aus den Gebieten der Mechanik und Physik
und Mathematik, -- sondern näherte sich der freieren Denkungsweise,
so daß er fast als Häretiker betrachtet ward, und fand er die
Unhaltbarkeit der papistischen Lehre von der Unbeweglichkeit der Erde,
-- ein gewaltiger Denker, der an Gründlichkeit und Vielseitigkeit
des Wissens einer der ersten Männer der aufwachsenden großen Periode
der Wissenschaften in Italien genannt werden muß. An Bedeutung
unter den Malern der erste, der Gestaltungskraft und Formenstrenge
und Naturwahrheit anstrebt und erreicht, der Gesetze für die Form
der Malerei aufstellt und so für seine und die folgende Zeit der
Regenerator der Kunst wird, -- schafft er die trefflichsten Kunstwerke
selbst, die nur ein Raphael, ein Michel Angelo später vielleicht
übertroffen hat. Er formt mit kühner Hand das Reiterdenkmal Franz
Sforza’s, das an Größe und Schönheit alles, was die vorangehende
Periode gebracht, klein, elend erscheinen ließ. -- Und dabei finden
wir in Leonardo einen Mann von einer Körperstärke, daß er ein Hufeisen
mit den Händen zerbrechen konnte, -- und von einer Bescheidenheit und
Scheuheit des Geistes, von einer Unzufriedenheit mit sich selbst, daß
wir ihn stets zurücktreten sehen, wo andere sich breit machten, daß er
sich fürchtete, Lob über seine unsterblichen Bilder zu hören, weil er
der Welteitelkeit zu verfallen glaubte, daß er, ehe er ein Werk von
Bedeutung begann, erst die umfassendsten Vorstudien machte und dabei
sich in den Geist der Wissenschaften tief versenkte, bis er sich stark
genug glaubte, gleichsam den Kampf mit seiner Aufgabe aufzunehmen. Und
hatte er sie nun gelöst, so befriedigte ihn doch die Lösung nie, da er
fühlte, daß er nun doch noch im Stande sei, sie noch vollkommener zu
bewirken. Dabei erschreckte ihn das Glockengeläute, der Mönchsgesang
und Kindsgeschrei; bei Gewittern flüchtete er fast kindisch unter die
Decke des Bettes, -- nur das Plätschern des Regens heimelte ihn an, und
behaglich schaute er dem Tropfenfall zu.
Leonardo hinterließ ein Testament, demzufolge Francesco da Melzo als
Belohnung für seine Freundschaft sämmtliche nachgelassene Schriften des
Leonardo und seine Handzeichnungen erhielt. (Item il prefato testatore
dona et concede ad messer Francesco da Melzo, gentilomo da Milano, per
remuneratione de servitii ad epso grati a lui facti per il passato
tutti, et chiaschaduno di libri, che il dicto testatore ha de presente
et altri instrumenti et portracti circa larte sua et industria de
pictori.) An diese Schriften knüpft sich unser spezielles Interesse
für Leonardo hier an, denn sie sind die Aufzeichnungen und Schriften
des Ingenieurs, Architekten, Physikers, Mathematikers, Mechanikers und
Anatomen Leonardo da Vinci, welche, wenn sie zu seiner Zeit gedruckt
und publizirt worden wären, sicherlich einen gewaltigen Einfluß auf
die Gesammtfortschritte aller Gebiete des Wissens gehabt haben würden,
-- deren Studium für jeden Biographen des Mannes unerläßlich ist, --
und die endlich dazu angethan sind, das Dunkel zu lichten, welches
über der Geschichte der induktiven Wissenschaften sowie der Praxis der
Industrien seiner Zeit bisher geschwebt hat.
Wie kam es aber, daß diese bedeutenden Werke eines so berühmten
Mannes unbekannt bleiben konnten? -- Francesco da Melzo nahm die
Manuskripte Leonardo’s mit sich und bewachte sie sorgsam bis an
seinen Tod. Mazenta (gestorben 1635) hat uns eine Geschichte der
Manuskripte aufgeschrieben. Er war für dieselben interessirt, weil er
beim Festungsbau Leonardo’s Gesetzen folgte, ebenso bei seinen Studien
über die Schiffbarmachung der Adda. Mazenta kam durch Zufall in Besitz
von dreizehn Volumen der Schriften Leonardo’s. Dieselben waren von
einem gewissen Lelio Gavardi d’Asola aus der Villa ~Vavero~, welche
Francesco Melzi sammt dem Manuskript geerbt hatte, mit Erlaubniß der
nachgebliebenen Söhne Melzi’s nach Florenz gebracht, mit der Absicht,
dieselben dem Großherzog Franz, Liebhaber solcher Handschriften, zum
Kauf anzubieten. Im Moment, wo Gavardi in Florenz ankam, starb der
Großherzog 1587. Gavardi ging nun nach Pisa zu Manucio, einem großen
Liebhaber von Büchern. Allein dieser Mann scheint sich nicht besonders
anständig gegen Gavardi benommen zu haben, so daß dieser es vorzog,
die dreizehn Volumen dem J. A. Mazenta nach Mailand mitzugeben, mit
der Bitte, diese Bände der Familie Melzi zurückzubringen. Mazenta
entledigte sich dieses Auftrags, allein der Aelteste der Melzi, Dr.
Horatius Melzi, schenkte die dreizehn Bände dem Mazenta, indem er ihm
mittheilte, daß auf dem Landhause noch eine Menge solcher Schriften
herumlägen. Da Mazenta über die Liberalität des Horaz Melzi nicht
schwieg, fanden sich bald viele Amateurs bei demselben ein und wählten
aus den Handschriften Einzelnes aus. Besonders unverschämt war bei
dieser Gelegenheit Pompejus Aretin (Sohn des Kardinals Leoni), ein
Bronzegießer und Künstler an Philipp’s II. Hof im Escurial. Derselbe
wollte dem König schmeicheln oder selbst ein gutes Geschäft machen und
bat den Melzi überdem, daß er die dreizehn Volumen zu diesem Zwecke
wieder herbeischaffe. Melzi nun, sehr überrascht und einen hohen Werth
in dem Verschenkten ahnend, bat kniefällig den Bruder des Mazenta um
Herausgabe der Volumen. Dieser gab sieben zurück, während die Familie
Mazenta später, 1603, von den anderen ein Volumen dem Kardinal Borromeo
für die Ambrosianische Bibliothek schenkte, ein Volumen an Ambroise
Figini, einen berühmten Maler seiner Zeit, von dem es Hercules Bianchi
erbte. Ein drittes Volumen gab Mazenta auf vieles Drängen an den Herzog
von Savoyen ab, und als der Bruder des Mazenta 1617 starb, wußte Aretin
die übrigen drei Volumen in seinen Besitz zu bringen. Aretin formte aus
einer Reihe von Bänden ein großes Volumen von 392 Blättern in Folio,
und als er starb, kam dasselbe in die Hände Polydor Calchi’s, der es
verkaufte an Galeazzi Arconati. Arconati bewachte diesen Band in seiner
Bibliothek und wies alle Gebote zurück. Howard Graf von Arundel bot
dafür im Namen des englischen Königs 60,000 Frcs. Allein Arconati hielt
diesen Schatz fest und wußte auch die durch Aretin in Leoni’s Besitz
gelangten zu bekommen. Um 1637 schenkte Arconati die ganze Kollektion
an die Ambrosianische Bibliothek. 1674 endlich lieferte Horace Archinto
noch ein Volumen ein, und die Familie Trivulcio schenkte ein in ihrem
Besitz befindliches Manuskript, eine Vocabulaire, derselben Bibliothek.
-- Eine Anzahl Leonardo’scher Schriften wurde durch Thomas Graf von
Arundel 1610 bereits acquirirt und dem British Museum einverleibt. Die
anatomischen Studien sind ebenfalls nach London gewandert, und zwar
stammen diese und andere Blätter wohl von dem Codex des Bianchi her,
der sie an einen gewissen Engländer Smith verkaufte. -- Eine Reihe
Schriften des Leonardo war im Landhause Vaprio bei Florenz verblieben,
im Besitz der Melzi. Dieselben sind später an das Florentiner Museum
gekommen. Endlich befinden sich etliche Blätter in Venedig.
Die auf diese Weise entstandene Hauptsammlung in der Ambrosiana hatte
leider das Schicksal, 1796 von den Franzosen geraubt und nach Paris
transportirt zu werden, mit Ausnahme des großen Volumens, welches
Aretin kompilirt hat, des berühmten Codex Atlanticus.
Trotzdem beim Friedensschluß 1814 die Rückgabe der Leonardo’schen
Manuskripte an die Ambrosiana statuirt war, erfüllten die Franzosen
diese Ehrenpflicht doch nicht, unter dem Vorwande, diese vierzehn
Codices seien nicht mehr aufzufinden. Kurze Zeit darauf aber wurden sie
der Bibliothek des Instituts einverleibt.
Die Perle der nachgelassenen Manuskriptsammlungen ist der Codex
Atlanticus, -- abgesehen von den Handzeichnungen und Karikaturen. Der
Codex Atlanticus allein würde hinreichen, um an seinem Inhalt die
eminenten Kenntnisse des Leonardo zu erweisen.
Schon in obiger Nachweisung über den Verbleib der Manuskripte des
Leonardo liegt der Grund offenbar, daß der Inhalt derselben seiner
Zeit nicht zu Gute kommen konnte. Zuerst aus Pietät ängstlich bewahrt,
sodann aus Unkenntniß vernachlässigt und zersplittert, von dem einen
aus Geldgier, von dem andern aus Liebhaberei festgehalten, bot
sich keine Gelegenheit dar zum Bekanntwerden, und als man endlich
alles beinahe beisammen hatte und daran dachte, durch den Druck
diese Schätze bekannt zu machen, da wurde die Kollektion wieder
zersplittert. Die Spuren von Verbreitung der Leonardo’schen Lehren
sind äusserst spärlich. Benvenuto Cellini[4] erzählt uns von einer
Kopie, welche ihm von einer Leonardo’schen Schrift durch einen ganz
armen Mann angeboten ward 1542, -- vermuthlich eine Kopie der zu
Vaprio aufbewahrten Handschriften, die über Skulptur, Malerei und
Architektur handelten. Ferner hatte Pinelli von Neapel Kopien von
Leonardo’s Schriften über die Malerei entnommen und benutzte dieselben
mit anderen Studien zur Herstellung seines Codex Pinellianus, der
nach seinem Tode (1601) in Paris durch Dufresne 1651 veröffentlicht
wurde. Eine ähnliche Ausgabe erschien von Steffano Della-Bella
(1610-1664) in Florenz 1792. Der Trattato della Pittura ist frühzeitig
und sicherlich von allen seinen Schülern bereits kopirt worden und
1651 zuerst gedruckt. Die Ambrosiana besitzt hiervon eine Kopie durch
Mazena’s Vermittelung. Sie besitzt ferner noch Kopien von diversen
Abhandlungen, die theilweise in den Pariser Codices enthalten sind,
so von der berühmten Schrift des Leonardo: Del moto e misura dell’
acqua, welche später 1828 in Bologna gedruckt ward, im übrigen aber
sehr bekannt war. In diesem kopirten Codex sind noch viele andere
Sachen enthalten, besonders auch die Dessins für den Kanal Martesana.
Ein dritter Band enthält Kopien von Trattato d’ ombre e lumi, Trattato
della Pittura u. s. w. In der Periode von 1625-1645 wurden von den im
Besitz des Arconati befindlichen Schriften Kopien für die Bibliothek
des Kardinals Barberini angefertigt. Ebenso nimmt man an, daß ein
Theil der in England befindlichen Manuskripte nur Kopien sind. --
Uebrigens geht aus dem allgemeinen Stillschweigen der sämmtlichen
Schriftsteller über naturwissenschaftliche Gebiete aus dem 16. und
17. Jahrhundert genugsam hervor, daß im Großen und Ganzen Leonardo’s
Schriften unbekannt blieben. Dagegen, und dies werden wir im Verlauf
der speziellen Besprechung seiner Schriften zeigen, ist einzelnes
bekannt geworden, und wie oben bereits angeführt worden, daß Galilei’s
Art der Betrachtung mit der des Leonardo frappante Aehnlichkeit habe,
so auch finden wir z. B. einige Leonardo’sche Gesetze und Beispiele
zur Theorie der Wellenbewegung bis auf den heutigen Tag in den
physikalischen Lehrbüchern wiederkehren. Es ist natürlich unfruchtbar,
derartige absolute Beweise und Nachweise führen zu wollen; wir können
nur bedauern, daß die Schriften nicht früher zur Kenntniß gelangt sind.
Die spätere Literatur weist auch nicht allzuviel von Leonardo auf. Da
schon Vasari (Vite dei Pittori, Scultori ecc.) von den nachgelassenen
Schriften des Leonardo für Mechanik, Physik, Maschinen etc. spricht
(1568), so müßte dadurch allerdings wohl die Aufmerksamkeit im Laufe
der Jahrhunderte darauf gezogen worden sein. Und dennoch ist dieselbe
sehr gering gewesen. So wesentliche Bewunderung Leonardo als Maler
und Sculpteur beständig gefunden hat, so wenig wurde Acht gegeben
auf seine übrigen Leistungen. Studirt hat man seine Manuskripte
allerdings öfter, aber nur wenige haben den innern Werth derselben
hervorgehoben, den geschichtlichen Werth. Die meisten hatten sich
begnügt mit der Durchsicht und waren dann befriedigt fortgegangen.
Während Leonardo als Maler eine Reihe Biographen gefunden hat, wie
Vasari, Amoretti, Ranalli, Campori, Piles, Rio, Lomazzo, Manzi,
Libri, Calvi, Brown, Marquis d’Adda, Delécluze, Marx, Houssaye,
Gallenberg, Bossi, Blanc, Braun, Clément, und in vielen Kunstschriften
seine Gemälde und Kunstwerke beurtheilt werden (auch Goethe referirt
darüber), während seine Familienverhältnisse gründlich untersucht
worden sind durch Uzielli, Calvi und Dozio, ist für die Fülle der
übrigen Leistungen wenig geschehen, so daß dieselben noch heute im
allgemeinen als ~unbekannt~ betrachtet werden können. Die Begründung
dafür haben wir bereits auf mehrfache Weise dargethan. Was bisher über
die wissenschaftliche Bedeutung Leonardo’s klargelegt ist, wollen
wir folgen lassen, nicht ohne den bestimmten Vermerk, daß alle diese
Arbeiten ~Stückwerk~ sind und nur einen geringen Theil der Arbeiten und
Leistungen Leonardo’s umfassen, ja oft nur ein einziges Objekt.
~Gerli Milanese~, Disegni di Leonardo da Vinci incisi e pubblicati da
--. 1784. Hiernach die englische Ausgabe von ~J. Chamberlain~, London
1797.
~Venturi~, Essai sur les ouvrages Physico-Mathématiques de Leonard da
Vinci etc. Paris 1797.
Auch ~Amoretti~, Memorie etc. enthält über die wissenschaftliche Seite
Leonardo’s schätzenswerthe Beiträge.
~Rippetti~, Dizionario geogr. fisico-storico della Toscana. Vol. V., p.
789.
~Govi~, Leonardo scienziato, filosofo, politico et moraliste.
~Trattato~ del moto e misura dell’ acqua di Leonardo da Vinci. 1828.
Bologna.
~Lombardini~, dell’ origine e del progresso della scienza idraulica nel
Milanese et in altri parti d’Italia.
~Libri~, Hist. scien. matem. III.
~Marx~, Ueber M. A. della Torre und Leonardo da Vinci, die Begründer
der bildlichen Anatomie. Göttingen, 1849.
~Grothe~, Allg. deutsche polytechn. Zeitung 1873, pag. 2. 25. 41. 53.
78. 89. 130. 141. 153. 169. 249. -- 1874. pag. 87. Ueber Leonardo’s
Bedeutung für die Geschichte der induktiven Wissenschaften, mit 36 Abbd.
Saggio delle opere di Leonardo da Vinci. Mailand 1872 (ausgegeben
Februar 1873), mit 24 Tafeln aus dem Codex Atlanticus. So trefflich
diese Ausgabe an sich ist, so enthält sie doch nur ~wenige~ der
werthvolleren Zeichnungen des Leonardo. Ebenso ist zu bedauern, daß
man von der Ausgabe nur 300 Exemplare gedruckt hat, so daß schon
jetzt kein Exemplar mehr aufzutreiben ist und ein hoher Preis für den
Ankauf gezahlt wird. Jedenfalls zeigt diese Ausgabe sich nicht auf
richtigem Wege, sowohl Leonardo’s Bedeutung für die Geschichte und die
Wissenschaft klar zu legen (trotz der an sich trefflichen Einleitung)
und dieselbe populärer zu machen. -- Von den vorherbenannten Schriften
tritt die von Venturi als diejenige auf, welche für Leonardo als
Physiker und Mathematiker Propaganda machte.
Bis 1797 war also den naturwissenschaftlichen Kreisen der Name
Leonardo da Vinci fast fremd. Da erschien die Schrift von Venturi:
Essai sur les ouvrages physico-mathématiques de L. de V. in Paris und
verbreitete zuerst die verlorne Kunde von Schriften des Leonardo, die
in den Bereich der induktiven Wissenschaften gehören. Dieselben waren
1796 von den Franzosen nach Eroberung Mailands nach Paris zum Theil
übergeführt, während sie zuvor in der Ambrosianischen Bibliothek zu
Mailand wohlgeborgen und der Einsicht des Publikums wenig zugänglich
geruht hatten. Venturi hatte diese reichen Manuskripte gesehen und
durchstudirt trotz der Schwierigkeit, welche die Schreibweise Leonardo
da Vinci’s von rechts nach links mit sich brachte, -- und hatte
gefunden, daß die Bedeutung dieser Schriften groß sei und Leonardo mit
Recht in die Reihe der Beförderer des Wiederauflebens der induktiven
Wissenschaften hervorragend eintrete und als ein Vorgänger Galilei’s
zu betrachten sei. Daß die Schrift Aufsehen machte, bezeugt Whewell,
indem er dieselbe sofort zur Ergänzung des betreffenden Abschnittes
seiner Geschichte der induktiven Wissenschaften benutzte. Schon vorher
1757 hatte Ximenes einen Brief des Leonardo an Christoph Columbus
vom Jahre 1473 entdeckt „über die Wahrscheinlichkeit des Erreichens
des Orient-Indiens auf dem intendirten Wege“, und in London ward
von Richard Henry eine Karte von Amerika gefunden mit Leonardo’s
Unterschrift, -- die erste Karte Amerika’s. Major Richard Henry: Memoir
on a Mappemonde by Leonardo da Vinci, being the earliest map hitherto
known containing the name of America. Archaeologia Vol. XI. London. --
1828 ward endlich die zusammenhängende Schrift Leonardo’s: Del moto
e misura dell’ Acqua di Leonardo da Vinci in Bologna herausgegeben,
während später Elia Lombardini in seinen Osservazioni storico-critiche
sopra dell’ origini e del progresso della Scienza idraulica nel
Milanese ed in altre parte d’Italia gerade hervorhob, daß Leonardo da
Vinci der Urheber einer ~systematischen Hydraulik~ gewesen sei.
Libri, in seiner Geschichte der mathematischen Wissenschaft,
nimmt bereits eingehender Rücksicht auf Leonardo und zitirt unter
anderen auch Chasles, der in seiner Geschichte der Geometrie an das
Ovalwerk des Leonardo nach Mittheilung seines Schülers anknüpft,
wenn er auch dabei mit seinen Betrachtungen in der Irre geht, wie
Reuleaux[5] gezeigt hat. Hier und da tauchen einzelne Betrachtungen
des Leonardo auf, abgesehen von dem trefflichen Werke über die
Anatomie des Leonardo von Marx. Michel Alcan gab in seinem Traité
du travail de laine irrthümlich eine Zeichnung einer Leonardo’schen
Longitudinalscheermaschine für Tuche[6], die in der That eine Maschine
zum Ziehen und Härten der Metallfedern war. Dies war die Veranlassung,
daß der Verfasser dieser Abhandlung mit seinen bereits aus Liebhaberei
an der Geschichte der Technologie, welche er seit 1869 an der Königl.
Gewerbe-Akademie vortrug, gesammelten Notizen über Leonardo hervortrat
und zunächst den Irrthum des Alcan nachwies unter Beibringung der
Kopien der Leonardo’schen Skizzen. Karmarsch nannte diese Skizze in
seiner Geschichte der Technologie „naiv“, und um einmal die Bedeutung
des Leonardo für die Technologie darzulegen, veröffentlichte der
Verfasser dieses eine Reihe Arbeiten über Leonardo unter Beibringung
der Handzeichnungen in Kopien seit Medio Dezember 1872.[7] Im Frühjahr
1873 erschien dann die Ausgabe Il Saggio etc. mit 24 photographirten
Tafeln und kurz darauf die treffliche Abhandlung von Alessandro Cialdi,
Leonardo da Vinci, fondatore della dottrina sul moto ondoso del Mare.[8]
Alles dies regte den Verfasser an, nunmehr noch eingehender die
Studien über Leonardo fortzusetzen und zumal nach Kenntnißnahme des
bereits Veröffentlichten, dahin zu streben, die Lücken auszufüllen.
Bei allen diesen Studien und in dieser Wiedergabe ihrer Resultate ist
als erster Gesichtspunkt festgehalten: „~Leonardo’s nachgelassene
Schriften gleichsam als eine Geschichtsquelle zu betrachten und aus
ihr Daten festzustellen für die geistige und materielle Entwicklung
seiner Zeit in Wissenschaft und Technik, um jene oben näher bezeichnete
bisher dunkel gebliebene Geschichte seiner Zeit so weit als möglich zu
erhellen~.“ Daneben stellt sich unzweifelhaft heraus, welche Bedeutung
Leonardo selbst als Mathematiker, Mechaniker, Physiker, praktischer
Ingenieur und Erfinder resp. Konstrukteur hat, wie weit sein Genie
seinen Zeitgenossen voraneilte.
[4] Cellini Discorso sull’ architettura publ. dal Morelli (Naniana).
[5] Verhandlungen des Vereins für Gewerbfleiß in Preußen.
[6] Zeitschrift des Vereins der Wollinteressenten 1870.
[7] Allg. deutsche polyt. Zeitung von Dr. H. Grothe 1873.
[8] Jl Politechnico. Mailand 1873. Nr. 3.