Umgang mit Menschen.
Dritter Theil.
Einleitung.
Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile dieses Buchs,
über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände, gesagt habe, führt
mich mein Plan nun zur Entwickelung der Vorschriften für den Umgang mit
Personen von verschiedenen Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen
Leben, da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang
mache.
Erstes Kapitel.
Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen
und Reichen.
1.
Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten,
alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten die Fehler
mit einander gemein, durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt
und unfähig zur wahren Freundschaft und zum Umgange werden. Allein
man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dieß bei
den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung
verwahrloset, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch
Andere und sich selbst verzärtelt. Da ihre Lage sie über Mangel und
Bedürfniß mancher Art hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit
oder Noth gerathen, so lernen sie nicht, wie nöthig ~ein~ Mensch
dem andern, und wie schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein
zu tragen, -- wie süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden,
und wie wichtig, Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine
Zuflucht nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man
sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche ihre
Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie sehen sich als
Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu
regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer
Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen, und ihren Phantasien
zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und
Reichen größtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen
im Umgange mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die
Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen
edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Ausbildung, alle
Privat-Tugenden verbindet. -- Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten;
-- aber sie sind Seltenheiten, und nicht immer macht der allgemeine Ruf
sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber
und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft mit
inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, als Wohlthäter
des Menschengeschlechts und Beförderer alles Edeln, Großen und Schönen
gepriesene Erdengott und Liebling des Volks, in der Nähe so klein, so
erbärmlich war. ~Die besten Fürsten sind nicht selten die, von welchen
am wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im Bösen.~
2.
Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden abgestuft
seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; von ihnen abhängig,
oder frei ist. Im ersten Falle darf man wohl nicht immer so gänzlich
seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches gefallen
lassen, darf nicht so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich
ein fester, redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger
Schmeichelei treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so
wie die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich
alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen, und den
Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was in jeder Lage
anwendbar ist.
3.
Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich den Vornehmen
und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet werden willst!
Ueberlaufe sie nicht mit Bitten für Dich und Andre, wenn sie Deiner
nicht überdrüssig werden, wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich
vielmehr von ihnen aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß
Deine Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine!
4.
Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du zu der
Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster
Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft, ihres
Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts über sie!
Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn scheint, so erfreue
Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! Es gibt Menschen, die
durchaus dafür angesehen seyn wollen, eine größere Figur in der Welt
zu spielen, und in höherem Ansehen zu stehen, als ihnen wirklich zu
Theil geworden ist. Sie führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den
Luxus der Vornehmen und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in
deren Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher
laufen müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern
und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und treue Freunde
und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen
zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit finden können, Zutritt in
großen Häusern zu erlangen, und hungern gern Monate hindurch, um einmal
einen Großen bei sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr
wird, oder es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei
ihnen hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl
gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre lassen es
sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden und verderbten
Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre hochmüthige Herablassung,
ihren geschäftigen Müßiggang, ihre Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre
leeren Vertröstungen, ihre seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit,
Windbeutelei, Gefühllosigkeit, Nachahmung der Ausländer, die Verachtung
ihrer Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre
lächerlichen Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln,
Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre affektirte
Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft, ihre
kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche Vorzüge treulich
anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist der beste Beweis für
die Güte einer Sache ~der~, daß doch jedermann von Stande so und nicht
anders handle und urtheile; -- als ob das in der That eine Narrheit
heiligen könnte! -- Handle selbstständig! Verleugne nicht Deine
Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe
und Niedre Dir ihre Achtung nicht versagen können!
5.
Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten
Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn
der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt, oder uns umarmt!
Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke, und behandelt
uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, sobald dieser Augenblick
vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts bei seiner Freundlichkeit;
wechselt Mienen, wie Andre Kleider wechseln; ist gerade in der
Verdauungs-Stunde zu unthätigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen
andern seiner Sclaven dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung
Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen,
und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und
Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch
noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr
Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer
Schmeichler sie an sich zieht; und dann setzt man sich unangenehmen
Demüthigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.
6.
Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen der Erde,
in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, -- die Grenzen der wahren
Ehre! Es ist eine große Versuchung für einen armen oder ehrbegierigen
jungen Menschen, der in dem Dienst eines schwachen Fürsten sich
emporschwingen will, ob er nicht dessen ränkevollem Minister, dem
regierenden Kammerdiener, oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen
soll; aber selten nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen
sich früh oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in
ihr Verderben; und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten
Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft, wenn
man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer aufopfern muß;
und das ist gewiß immer der Fall. -- Der gerade Weg hingegen führt
unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden, doch zu einem dauerhaften
Glücke.
7.
Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu keinen
unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig in allen
Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen leicht aus jeder
Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es nachher für Verabsäumung
unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht gerade
aufgelegt zeigen, uns eben so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens
vergessen sie leicht, was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal
der *** von ***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte,
ihm ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu
verfassen, die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen
wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an ~Zeit~, mein
Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen; doch, Sie sind
auch in ~dergleichen~ Arbeiten geübter, als ich.« Ich wendete einige
Stunden Fleiß und Anstrengung daran, und als ich ihm das Ganze brachte,
drückte er mich an seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den
zärtlichsten, herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr
übertrieben: meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz!
er gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet
hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that.
Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in *** zu ihm. Er erzählte
mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. -- Ich hörte demüthig zu. -- »Und
das alles,« fuhr er fort, »habe ich durch ein Paar Memoires bewirkt,
die mir, ohne mich zu rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie
selbst lesen. Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir
darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben;
ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte dazu, und
schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein wenig beschämt, und
wir scherzten nachher darüber; -- allein so sind auch die Besten unter
ihnen!
Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen in
gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen sie das zu
thun, und schieben dann entweder die Schuld auf den, der sich zu ihrem
Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die Unternehmung nicht gelingt, oder
lassen ihn gar darin stecken, und alles Ungemach allein erdulden,
wenn die Sache schief geht. Auch von letzterer Art habe ich in den
Jahren meiner Jugend Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre
Geheimnisse nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre
Heimlichkeiten weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich
bedürfen; aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen,
sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich zeigen, daß
man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr Zutrauen zu mißbrauchen!
8.
Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen und
Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht bauen. Opfere ihnen also
nichts auf! Sie fühlen den Werth davon nicht, glauben, alle andre
Menschen seyen ihnen einen solchen Tribut schuldig für den Schutz,
für die gnädigen Blicke, ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder
man wolle dadurch kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch
nichts! Das hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer
trüben Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde;
ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert
Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen haben
würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen mir äusserst
nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber, oder vielmehr meine
Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem Durchlauchtigsten *** von
*** zu schenken, welcher es auch annahm. Ich dachte dadurch nichts
zu erschleichen; aber theils wollte ich diesem Fürsten hiermit meine
Zuneigung bezeugen, theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn
an ein gegebenes Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger
sein Versprechen erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich,
als ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem
Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er nicht; und als
ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich mit einem Gesandten,
dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem Cabinette befand, sagte er
diesem Fremden in meiner Gegenwart, indem er von meinem theuren Gemälde
redete: »Es ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin ~ziemlich
wohlfeil~ dazu gekommen.« -- Er hatte also vergessen, oder wollte es
nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen ~sehr wohlfeilen~ Preis
gemacht hatte; -- und ich beseufzte die verschwundene Hoffnung und die
verlorne Summe, von welcher ich mit den Meinigen eine Zeitlang hätte
leben können.
Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder von ihnen
zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre Gläubiger als
Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre daraus machen müssen,
den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen aufzuwarten, sondern auch,
wenn sie saumselig in Wiederbezahlung der Schuld sind, was bei ihrer
unordentlichen Lebensweise in der Regel der Fall ist; so hat man
unerhörte Weitläuftigkeiten, hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie
zu erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei zu
Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von ihnen borgt, wagt
man tausendfältig ihr Sclave zu werden.
9.
Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben,
sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen nicht! Nähre
nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu
nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die Großen nicht in den
Grundsätzen von angebornen Vorzügen, von Herrschers-Rechten, von
Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht
die Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu
erlangen! Sey freimüthig, aber ohne die Höflichkeit zu verletzen,
und ohne Dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten
Unschuld, des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten
Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde dadurch
noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht auf Deine Lage
und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet,
die Wünsche, den guten Ruf und die billigen Gesuche Derer, die zu
schüchtern, zu arm, zu bescheiden, oder zu sehr niedergedrückt, die
verkannt, oder von zu geringem Stande sind, um sich den Palästen zu
nähern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines
verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben
können, sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile
ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, wenn auch
diese Wirkungen nicht sichtbar werden.
10.
Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu reden, von deren
Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber mit Schonung und Vorsicht
ausgeführt seyn wollen, damit sie nicht auf den Einfall kommen, bloß
durch ihre Macht etwas erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und
Behutsamkeit erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von
sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung gemäß
ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel zu geben),
daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten Dache redete,
das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber wieder abnehmen lassen,
weil es zu schwer befunden ward. Mir fiel gerade ein, daß ich von
einem französischen Ingenieur-Officier gehört hatte: man könne ein
wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes, plattes, italienisches Dach aus
einer Menge Lagen von blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf
mit Schiff-Theer beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß
erzählte ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der Sache
einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch -- wer weiß,
wie? -- gemacht hätte, daß dieser mißlungen war, und daß er nicht
undeutlich zu verstehen gegeben hätte, ich sey ein Mann, auf dessen
Angaben man sich nicht einlassen dürfe.
Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit den
Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller
nachtheiligen Urtheile über andre Leute, aller Ausstellungen! Sie
pflegen dergleichen zwar gern zu hören, aber die Folgen sind oft sehr
unglücklich. Zuerst setzt man dadurch sich und Andre in ihren Augen
herab; denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und
Ausspäher fremder Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen
vielfachen Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so
wächst diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann
mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen uns, indem
sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns mit Andern zusammen. Auch
kann man ja nicht immer wissen, ob nicht das zeitliche Glück solcher
Menschen, von welchen man nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist;
und hinterher erschrickt man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges,
in keiner bösen Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und
nach langer Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben
kann. Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das Böse
hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht. Am
allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit Vornehmen
über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich die Erdengötter
sich unter einander selten lieben, sondern mehrentheils durch allerlei
Leidenschaften getrennt sind; so hören sie doch nicht gern, daß man
die privilegirten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegenwart ohne
Ehrerbietung nennt. Uebrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm
unterhalten, und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf
unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige
Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern muß, so
oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges Wort hören mögen.
11.
In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei
ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen
sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, wenn unter denen, welche
ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um
Fürstengunst und große Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann
sich hierüber gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem
Herzen schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger
Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen wahren
Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand
reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will,
der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs,
seiner Vertrauten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten
besucht. Es herrschen da immer Partheien und Kabalen, in welche ein
wohlwollendes, theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird.
Und wenn nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft
der Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was
vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen.
12.
Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen häuslichen
Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich und Deine Familie
angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach! Vertraue ihnen nicht den
Kummer Deines Herzens! Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei,
haben keinen Sinn für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen
Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie
treu zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, --
und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von
Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane auf ihren Geldbeutel, auf
ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Großen von dem Augenblicke,
da wir etwas zu suchen, Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern
Augen an, als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja,
man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern
Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unsers
Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als
höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, so lange wir
als Fremde, als unabhängige Menschen, niemand im Wege stehen, niemand
verdunkeln; aber viel genauer, strenger und schonungsloser fängt man
an, uns zu richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen
und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich so gern
die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. Am besten wird
man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß
man ihrer gar nicht bedarf, und wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich
dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre
Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und
äussere Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre
größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung
einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten,
uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdringen -- Einen
solchen Mann schonen sie sorgfältig. --
13.
Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe
Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, deutlich, oder gar
in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, ihn zu
übertreffen oder zu übersehen. In der Stille darf er das wohl fühlen,
aber er muß es nur ~allein~ zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist
diese Vorsicht nöthig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem
Fache sind, als Du. Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten,
gleichsam als prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir
nach Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe Dir,
wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als merktest Du es;
oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung gegen sie annimmst! -- Wie
werden sie Dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von Dir
fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande seyn würden, damit sie
Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen.
14.
Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die Großen
der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen,
erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne
niedrige Schmeichelei erfüllen kann. Diese verzogenen Schooßkinder
des Glücks sind nämlich von Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in
Kleinigkeiten nach ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur
annimmt, ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was
ihnen aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die
Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen nicht
ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Großen
dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn
unser und unsrer Familie zeitliches Glück in seinen Händen ist: --
wer sollte da nicht nachgebend seyn, und sich ein wenig nach seinen
Eigenheiten und seiner Schwachheit richten? So reden z. B. manche
Fürstenkinder sehr geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern,
wenn man noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn.
Freilich wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit
abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen. Oder sie
lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, Pfeifenköpfe,
Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl selbst; bauen, pflanzen,
errichten Academien, Museen u. dgl. -- Wie unschuldig ist es nicht da,
zuweilen mit einzustimmen, und einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß
man sie in ihren Lieblingsfächern nicht übersehen, nicht übertreffen
wollen, welches leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen,
womit sie sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen -- wie
sich denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten
und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben ließe.
-- Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren, den Ton der Stimme,
was Styl, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, darüber haben
sie zuweilen gewisse eigne Meinungen, die man schonen muß, wenn man
sich ihnen nicht unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's,
daß diese Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen
Einfluß auf den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus
bestärkt, von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen
Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder wenn ihre
Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert,
verhärtet, grausam wird.
Zu den ~mehrentheils~ schädlichen Liebhabereien großer, besonders
~regierender~ Herren, gehört auch die Lust zu reisen. Ungern möchte
ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen da gewöhnlich in fremden
Himmelsgegenden herum, bevor sie ihr eigenes Land kennen, in welchem
tausend Gegenstände, mehr als die Carnavals von Venedig und die
Pferderennen in England, ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für
den sauren Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten
des Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen,
Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse Laune, Müßiggang,
Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz zurück.
15.
Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit zu Leuten
von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben um Rath fragen,
oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke, ihrer Schriften, Anlagen,
Plane, Meinungen u. dergl. bitten. Hier ist die größte Behutsamkeit zu
empfehlen, und daß man sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen
dem armen Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam,
obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen,
was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast alle übrige
Menschen, so legen besonders die Großen der Erde uns mehrentheils nur
darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, damit wir sie loben sollen,
und fragen nicht eher um Rath, als wenn sie schon beschlossen haben,
was sie thun wollen.
16.
Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln schon wichtig
ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar nicht frei von den
Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch gut geartet, wohlwollend
und verständig sind; so ist sie doppelt wichtig, wenn man es mit
vornehmen Pinseln, mit Menschen zu thun hat, die zugleich hochmüthig,
unwissend, dumm, ohne Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind,
-- und ich bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und
großen Tyrannen abhängen muß.
17.
Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines schwachen
Erden-Götzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber dazu vor, daß
diese Freude nicht lange dauern, daß ein Schmeichler Dich aus Deinem
Posten verdrängen wird; sondern zeige auch sowohl Deinem Sultane,
daß Du nicht gänzlich von seinen Blicken lebst, als auch dem Volke,
wie wenig Du Dir auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie
unwesentlich zu Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender,
zufälliger Glanz ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen
doch wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten,
verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt, daß es noch
Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt nicht auf die
Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit der Großen! Sie achten
Dich, so lange sie Deiner bedürfen; sie sind wankelmüthig, und mehr
geneigt, das Böse, als das Gute zu glauben, und der Letzte hat bei
ihnen immer Recht.
Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, Treue,
Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme ihnen bei, wenn sie
je vergessen wollen: ~daß sie, was sie sind, und was sie haben, nur
durch Uebereinkunft und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man
ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn sie Mißbrauch davon
machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern
daß alles, was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir dafür alle
ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen, und ihnen noch obenein
Rang, Ehre und Sicherheit geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen;
endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger Begriffe
von Menschenrechten und Volksrechten bald kein Mensch mehr daran
glauben wird, daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen
Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert tausend weisern und
bessern Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne
Trabanten und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare Volk,
dessen treue Diener sie sind, sie liebt, und für das Wohl der Edeln
Segen vom Himmel erfleht.~. -- Es versteht sich, daß diese Wahrheiten
einiger Einkleidung bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen
harmonisch klingen sollen.
Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der eitle Große
merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest, noch daß Du gern
Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen wollest! Zeige ihm, daß
wirklich Achtung und Liebe zu seiner Person und das Verlangen, nützlich
zu seyn, Deine Schritte leiten, nicht aber Eigennutz und kindische
Eitelkeit! Aber sey auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder
wohlerworbene Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen
aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde ist, Dich mit
einem weißen Stabe fortschicken zu lassen!
Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden, führe
so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß Du zu jeder Zeit die
Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen Verläumder und Ankläger beweisen
könnest!
Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem Amte gehört!
Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag die Geschäfte
noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon gewöhnlich sind!
Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an Neidern und
Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in Deinem sittlichen
Betragen!
Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist, genau zu wissen,
wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und das Herz des Fürsten ist. Um
diese nie in Deine Karte blicken zu lassen, und damit sie nicht wissen
mögen, von welcher Seite etwa der Herr gegen dich gewonnen werden
könnte: so vermeide alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von
Geschäften, oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht mit
ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden!
Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung andrer
Leute, zum Dienste des Fürsten!
Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen, d. h.
solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken haben!
Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht gewiß bist!
Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven Feinde in
billigen Dingen!
18.
Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der Zeit seines
äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder gutem Willen,
gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt; wenn er Stand, Vermögen,
Einfluß oder Glanz verliert: so schlage Dich nicht zu der Parthei der
Niederträchtigen, die dem Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr
helfen kann, den Rücken zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so
zeige ihm nun mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme
des Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so schone
seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen ist, und also
zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche Dich auch eben deswegen nie an
dem, von welchem Du verfolgt, gedrückt worden bist, so lange er Gewicht
hatte! Sammle vielmehr feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn
durch sanftmüthige, liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und,
wo möglich, durch Großmuth gebessert werde!
19.
Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern Leuten von der
großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus Prahlerei, und behandeln
Dich, als wäre es ein Almosen für Dich. -- Ueberhaupt hilf ~selbst~,
wo Du kannst! Gib nicht Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber
auch nicht sogleich den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen
Dürftigen versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine
größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel)
und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit ihn mit
dem, der weniger hat, in ~eine~ Klasse setzen, und daß man, wenn man
gegen Alle freigebig seyn will, gegen Einige nicht ~wohlthätig~ seyn
kann.
20.
Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile des
Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt habe, so bin ich doch
weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf alle Personen der höhern
Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist mir äusserst zuwider gewesen,
zu sehen, wie manche unsrer armseligen neuern Schriftsteller es
sich zum Geschäft machen, auf die höhern Stände zu schimpfen. Viele
von ihnen sind so wenig mit den erhabenern Menschenklassen bekannt,
daß es die höchste Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und
Denkungsart derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen
schielen sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen
hinunter. Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge, die
süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse
leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven, erregt ihre
Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen nicht, wie jenen,
erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; sie verwünschen den Mann
im vergoldeten Wagen, den sie zu Fuße nicht einholen können, schimpfen
auf den hartherzigen Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von
ihren großen Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das
Geschick, welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da
müssen es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen
entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und hartherzige
Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. Ein so
fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes Gehirn ergreifen. Selbst
im Ueberflusse und mit großen Erwartungen aufgewachsen, kenne ich
recht gut die Vortheile und Nachtheile einer reichen und vornehmen
Erziehung. Meine nachherigen Schicksale aber, mein Aufenthalt an
Höfen, und der Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich
gelehrt, wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen
gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre,
unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was ihnen
so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich herzlich
gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend,
deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger werden können, als die
sanften Aufwallungen ärmerer und unmächtigerer Sterblichen. Sie haben
von ihrer ersten Jugend an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu
bilden, sich Talente zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen;
haben Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden der
Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt,
auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel, oder durch die
Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. Und wenn von einer
Seite Schmeichelei sie leicht verderben kann, so ist von der andern
der Gedanke, daß jede ihrer edeln Handlungen bemerkt wird, und ihre
Verirrungen oft noch der späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn
mehr, groß und vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle
diese Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten zu
leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines Standes kennt,
und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich kenne deren Einige, die
es auch gewiß nicht übel aufnehmen, wenn man ihnen die Klippen zeigt,
an welchen so viele von ihnen scheitern.
21.
Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der Großen und Reichen
unter sich! Sie verderben sich größtentheils Einer den Andern. Die
Kleinern beeifern sich, es den Größern nach-, ja, es ihnen an Aufwand
und übelverstandener Erhabenheit zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre
Thorheiten, welche von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten,
der nur einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach
möglichsten Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser Art
sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander aufpassen,
sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen suchen; wie,
wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an seinem Geburtstage einen Ball
und zugleich eine Illumination von sieben Pfund Talglichtern gegeben
hat, der Fürst in V*** an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund
Pulver hinzuthut; wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall
für drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der Andre
dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband über den
hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende Graf sich eine
Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein Potentat in Europa hat,
besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici, die wenigstens eben so
viel Lärm macht; der Dritte, voll Verzweiflung darüber, daß er es
seinen Nachbarn nicht zuvorthun kann, verzehrt lieber den sauern
Erwerb seiner geplünderten Unterthanen in Paris, spielt lieber dort
eine höchst elende Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten,
treuen Landesvater vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter.
Man fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben,
welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten wird,
und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste, bei welchem
sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen Wein und
kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen Punsch hinzu; und ehe ein
Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserei
ausgeartet. Das sollte nun unter verständigen, vornehmen und reichen
Leuten nicht also seyn. Sie sollten den Niedern Beispiele geben von
Ordnung, Einfalt, Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in
Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen.
Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen zu
keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen -- mit Einem Worte: sie
sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler auf sie gerichtet sind.
22.
Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an ~kleinen~ Höfen! Besser so,
als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes Garden zu Fuß und
zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere in Menge hält, und Schulden über
Schulden macht! Es ist nur alles relativ klein, und ist immer gut, wenn
es nur nicht zwecklos und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig
Mann, die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth, als
dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um auf Kosten
des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen zu treiben.
Zweites Kapitel.
Ueber den Umgang mit Geringern.
1.
Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich
von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den
Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll,
damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit
zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise
also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln
für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar
nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen,
oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als
wir, stehen.
2.
Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen
das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger
zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre
Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern
Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen,
etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm
Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt,
oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren
kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer
gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit
Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht,
öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient,
möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen!
Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz
und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu
gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über
Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den
Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen
Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und
glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man
die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum
freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im
Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto
mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht,
aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und
aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse
hinaus, in dem Menschen nur ~den~ Werth schätzt, den
er als Mensch hat!
3.
Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht
übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre,
welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt
er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es
für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas
dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch
eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei
der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges
Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine
abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten
von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht
verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich
ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit,
Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt,
die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist
der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für
die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei
dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst
des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und
nach Gelegenheit annehmen zu können.
4.
Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen
solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen
leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und
werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen
vermag!
5.
Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern
in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich,
so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er
Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die
großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß
solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn
sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen
und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß
sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und
daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln,
den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen.
6.
Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache,
oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen
und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen
ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder
in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche,
aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten
und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet
hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme
geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit
den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere
Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte,
und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie
sehr er sich betrogen hat.
7.
Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche
Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern
die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu
seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen
zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger
Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine
Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die
für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel
zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen
Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann
der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen
zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann
muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu
können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise,
aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß
er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine
Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht
recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt,
so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen.
Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger
Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn.
8.
Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und
Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande
zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte
zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen
ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen
Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen!
Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr
gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes,
als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und
phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes
ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern
Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig
zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben.
9.
Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen bei ihnen
etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die Subalternen sich ihren
Vorgesetzten unentbehrlich machen; und verächtlich wird der Chef eines
Departements, der, weil er nicht selbst arbeiten will, oder nicht
arbeiten kann, sich auf die Untergebenen verlassen muß; da er dann
nicht Ansehen und nicht Muth genug behält, einen nachlässigen oder
eigensinnigen Secretair an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich
alles muß gefallen lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder
zurückzulegen.
Drittes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.
1.
Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten
und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten
großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben,
zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme
von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben
habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die
einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung
von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und
süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld
und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit;
Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit
und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen
Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit,
Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen;
Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit,
Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth,
Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht,
als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und
Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken
der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas
zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf,
aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen
kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu
erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit,
Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd;
lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten --
das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer
und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen
Hofgesinde lernen; -- das sind die Studien, nach welchen
sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton
herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern,
so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von
leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer
Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den
Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich
fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller
feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß
zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache
oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin
bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem
Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse,
als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und
äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten
von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles
muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser
Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn
uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar
darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick,
wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders
von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber
drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem
man nämlich ~entweder~ sich von der großen Welt ganz
zurückzieht, ~oder~ in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne
sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, ~oder~ endlich, daß
man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung
des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.
2.
Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt
ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe
fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern
vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und
zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im
Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden
ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten,
den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist,
und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen,
an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen,
um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will,
neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der
Einförmigkeit zu verlöschen: -- das ist ein Leben, das eines
weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in
unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt
zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige
Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht -- das
ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt,
seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde
nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln,
und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm
treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen,
nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern
auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz
der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, -- mag auch
davon gesprochen werden, was da will.
3.
Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist man nicht
ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben anzunehmen: so
bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur
und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn
man jene Sitten halb und unvollständig copirt, -- wenn der ehrliche
Landmann, der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann,
den französischen Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen
will, -- wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig
sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder,
wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken,
daß die galante Sprache aus Ludwigs des Vierzehnten Zeiten jetzt
gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe jetzt nur
noch auf den komischen Theatern Wirkung thut. Solche Menschen machen
sich muthwilliger Weise zum Gespötte, da man hingegen mit einem
ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und
Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist,
sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo nicht
ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann.
Sey also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher
Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig!
Rede nicht zu viel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in
einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit
Dir spricht, Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und
Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird man Dich
ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht sehr vorgezogen:
Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich!
Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft
kein Mensch mit Dir redet; Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich
an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen,
und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar ~fürchten~,
ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht.
Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine
unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher
aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet
haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier immer ein Modegesicht
zu bleiben, nie den Faden der herrschenden Conversation aus der Hand
verlieren, nie versäumen darf, der Kultur -- wenn man das Kultur
nennen muß -- auch in den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das
ist aber, bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks
und der Phantasie, unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen
Geschwader auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich dem Winde
und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich, als daß denjenigen
eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt, und unbärtigen
Männchen nachgesetzt sieht? O! es ist unglaublich, wie so etwas die
Fassung auch des klugen Mannes (denn selbst die klugen Leute sind
nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen
und bewirken kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen
wollte, weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint,
und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt, weil er
sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung verliert.
Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in
der großen Welt hat umher treiben müssen, der wird nie in Verlegenheit
von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben,
sich geschwind zu orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen,
welche Sprache hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht
Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen,
sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt
worden.
4.
Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut
doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern
Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht,
und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter
geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung
oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen
Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire
nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische
Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute,
mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den
Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere
Würde, Charakter und Wahrheit!
5.
Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit
man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger
und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner
Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können.
Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche
Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht,
den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten
und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter
haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit
annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß
zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken
in den Stand gesetzt wird.
Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke,
in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und der Beifall, den
eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler,
Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler, oft ganz gegen Verdienst
und Würdigkeit, vom vornehmen großen Haufen einerntet, hat nur in der
Mode seinen Grund, d. h. darin, daß einer dem andern nachschwatzt,
und es ist verlorne Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu
wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit
die alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien,
denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben, -- sey es,
daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses Bad und in kein
anderes reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgend eines
Marktschreiers langsam vergiften! Lächle in der Stille darüber!
clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich auch ein wenig, und mache
mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache
Dich mit diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen
dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner
Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern grade zu der
Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme gilt, oder wenn Du ein Buch
erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein Original-Genie anerkannt
wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die gerade in der
Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze
haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat
seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen
schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden, nicht mehr zu
tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches,
philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit in die Gesellschaft zu
bringen; kommen sie aber nahe an die Vierzige, dann werden sie wieder
jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen: -- das alles
muß man beobachten, und seine Maßregeln darnach nehmen.
6.
Uebrigens gestehe ich -- es bleibt aber unter uns -- daß der
Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein
an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir
gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig
Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen
und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas
darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen,
stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst
ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze
herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine
Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller
Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet
des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit,
Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich
einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange,
die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und
es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler
Anstand ist nicht Steifigkeit, -- verbindliche Höflichkeit und
Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang -- und
ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man
sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile
auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie
unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in
den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen
Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. -- Doch, ich habe
Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und
ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir
haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen
Klassen und Ständen aufzuweisen[6].
7.
Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen)
Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen Welt leben
willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äussere
Auszeichnungen und Zierden; aber setze auch keinen innern Werth
darauf! ringe nicht ängstlich darnach! Es gibt doch wohl Fälle, wo
ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen, wo nicht
reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich
in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten
lachen; aber thue das nicht laut! ~Mit einem Worte~: zeichne Dich unter
den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch eine
gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß ist nicht nur
Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes
anzunehmen, den man wählt; ganz zu seyn, was man ist, - doch wie sich
das versteht, nie auf Kosten des Charakters[7]. Erwarte übrigens auf
diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten
Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: +Par Dieu! il a de
l'esprit, comme nous autres!+
8.
Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst
Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm
Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger.
Der klügere und edlere Mann -- bequemte er sich auch noch so
pünktlich nach den Sitten der feinen Societät -- wird dennoch
dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien
und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen:
denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler
Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu
lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine ~Unruhe
zu äussern~, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also
seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren
schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen,
alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du
mit Widerlegung ~einer~ Verleumdung fertig bist, so wird man
schon eine andere in Bereitschaft haben.
9.
In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht
aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann nur so viel gilt,
als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile seines Gewissens ihn
gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich hat, der wird sich frei,
zuversichtlich und edelstolz zeigen, und sein Publikum nöthigen, ihm
Achtung und Vertrauen zu beweisen, wird selbst denjenigen, die ihre
Aufmerksamkeit nach dem Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen
gewohnt sind, eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht
wagen, ihn geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen
Standespersonen, noch zu den Reichen gehört.
10.
Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann messe sein
Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen ihn ab, und
gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese Menschen-Gattung nimmt eine
Hand breit, wo man ihnen Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit
Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber
nicht mehr und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser
Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein
Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtseyn
innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äussern
Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du
im guten Lichte erscheinst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste
Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts
auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir
Nachtheiliges aussprengen. Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen,
so werden jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum
macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll
höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, --
behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du
gern halten mögtest: so werden sie immer unverschämter, und helfen
eifrigst die elende Klatscherei verbreiten, woraus Dir denn, so geringe
auch die Sache scheinen mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf
aber auf den Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen
Blick, so wird er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein
nachtheiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich vor
dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben,
weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme
des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu
bieten! Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken,
bis er gänzlich zu Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über
dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die
geringste Unruhe zu ~zeigen~, mit niemand weiter darüber zu reden, und
sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen das
Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die Sache ärger
gemacht wird.
11.
Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen und im
Umgange in großen Städten manchen Menschen sehen, ertragen und
freundlich behandeln, den man nicht schätzt; auch sucht man ja in
diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo
es Nutzen stiften, oder wenigstens unser Ansehen befestigen, wo es
wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht
im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den
Hofschranzen eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an,
damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen, oder
zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern vor dem Uebergewicht
des verständigen, consequenten Mannes; allein das muß weder in
Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten
zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit! Schlage
ihre flachen, schiefen Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es
nach den Umständen die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen
Widerspruch zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze ihren
Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen! Scherze nicht
vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den Lauf, -- aus Furcht,
ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehen könnte!
12.
Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache!
Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von
den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind
Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner
Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung,
noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß!
Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast
ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand!
Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im
Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet.
13.
Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der großen Welt nach
eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse, und daß, was dem Einen
darin zu beobachten wichtig und nöthig ist, für den Andern vielleicht
von gar keinem Belange seyn könne. Wer nicht bloß in derselben leben
und geachtet werden, sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren
will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es
äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei, oder
(wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz
unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht
zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu
werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils
nicht gewiß sind, -- wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar
nachtheilig ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde
allein kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen.
Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen, um
nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr als ein
unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner
Seite hat, als der von besserer Art) befördert zu werden. Zu allen
Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so
dringend anzuempfehlen, als -- ~Kaltblütigkeit~, das heißt: sich nie
zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem
Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit,
Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher
Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und Launen. Mit
Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen
von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten,
feinsten Feuer-Kopf herrschen. Aber diese schwere Kunst -- wenn sie
sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der
Natur ist -- erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.
14.
Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen,
den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt! Er ist
wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch oft theuer genug
erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der
feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich keine Grundsätze der
Moral, sondern nur der Uebereinkunft; allein eben diese Uebereinkunft
beruht doch darauf, daß man suche, sich und Andern in einer
zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit man nun einmal nicht ganz aus
dem Wege räumen kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen,
ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das
Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz unter der
Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Wittwen und Waisen
nähren, und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit
setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Convention in
Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird, -- anerkannt von
Denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen,
die nur auf das Gepräge achten. -- Darum sollte man nicht so unbedingt
und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern, ihn nicht ganz
verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht ausser Acht
zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns
Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern
Beobachtungs-Geist, gewöhnt uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt
zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und
zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man
braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern
zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen
zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen Welt hilft uns alle
Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich
rathe also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt-
und Menschen-Kenntniß, und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn,
wenigstens auf einige Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre
es auch nur, um zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter
seinen Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern
und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in großen
Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.
Viertes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Geistlichen.
1.
Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern Ständen
und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem eigenen Kapitel
mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohlthätig ist der
Umgang mit einem solchen Geistlichen, der sich aus ganzer Seele seinem
heiligen Berufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften
Einfluß der Religion Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und
Weisheit erworben hat, -- der als ein unerschrockener Verkündiger
und Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des Guten
Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch eigenes Beispiel
bestätigt, -- der seiner Gemeine Bruder, Freund, Wohlthäter und
Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm und herzlich ist, -- durch
Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Mäßigkeit und Uneigennützigkeit
sich als einen würdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet, -- duldsam
und billig gegen fremde Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig
gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in
seinem häuslichen Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater
ist. Allein nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen
diesem Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem
niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne andre
Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden Schlendrian
examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand ein, haschen
nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben sich, um dahin zu
gelangen, alle Arten von Schleichwegen und Niederträchtigkeiten. Haben
sie nun ihren Zweck erreicht, dann fährt der rechte Pfaffen-Geist
in sie. Geizig, habsüchtig, träge und kriechend, Schmeichler der
Großen und Reichen, übermüthig und stolz gegen Niedre, voll Neid
und Scheelsucht gegen ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran
Schuld, wenn Verachtung der heiligsten Religion und ihrer Diener so
allgemein einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne
Wissenschaft, und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem Lande
verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der Bequemlichkeit,
und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von
der Kanzel herunter die Zuhörer mit ihren dogmatischen, armseligen
Spitzfindigkeiten einschläfern. Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften
und Vermächtnissen, wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist
unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche
Herrschsucht ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie zum
Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole; blinder
Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den unschuldigen
ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie
macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und ihnen nicht opfert, bis
in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft ist unversöhnlich --
ich rede aus Erfahrung -- gegen Den, der sich ihrem eisernen Scepter
nicht unterwerfen, oder zu ihren Gewissenlosigkeiten nicht schweigen
will. Ihre Eitelkeit ist größer, als die eines Weibes. Aus Vorwitz
und kindischer Neugier schleichen sie sich in die Häuser und Familien
ein, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu
schmieden, Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand
versteht besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung
aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen zu haben,
als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf die eine Weise nicht,
so greifen sie die Sache am entgegengesetzten Ende an, drehen, wenden,
bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt, und ruhen nicht eher, als
bis sie, zur Befriedigung ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer
Habsucht, den vorgesetzten Zweck erreicht haben.
Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen,
Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre Religions-Verwandte
und gegen Jeden, der das Unglück hat, nicht glauben zu können, was
sie -- oft selbst nicht glauben, sondern -- nur lehren, weil es Geld
einbringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien
dieselben vergrößert aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun
dürfen, da wirken sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die
Maske der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und
gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln, die
Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den Weisern und Bessern bei
dem Volke verdächtig zu machen. -- Ja, solche Ungeheuer gibt es leider!
unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur unter Mönchskutten
und Jesuitenmänteln, -- nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein
zweiter Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären.
2.
Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, ja, unter
den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen Anstrich von
manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze, von Unduldsamkeit,
von Anhänglichkeit an Systemgeist, von falschem Priestergeist, von
Habsucht, oder von Rachsucht haben: so kann es wohl nicht schaden,
wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln beobachtet, die im Umgange mit
~allen~ Personen dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind.
Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben! Und
so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse
Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern: so soll man in Gegenwart
eines Geistlichen vorzüglich Acht haben, nie ein Wort fallen zu lassen,
das übel ausgelegt, und als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem
oder einen Religionsgebrauch angesehen werden könnte! Auch besuche man
die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des
Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels wegen, und
um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichgültigkeit gegen die
Religion aufbürde.
Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, möchte er
auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede man mit Vorsicht
von ihnen! Theils machen diese Herren gar zu gern ihre eigene Sache zur
Sache Gottes; theils verdient dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise
eine Schonung, die man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder
nicht aus den Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil
die verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt,
wider Willen befördern.
Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung, die
sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige nicht nur
keinen derselben, sondern mache sich auch keines Mangels an Höflichkeit
gegen sie schuldig!
Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren und
Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit zu Schulden kommen;
gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten können, nicht zu viel!
denn die Habsüchtigen unter ihnen schreiben gern alles auf, und machen,
was die Freigebigkeit oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem
Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten.
Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen
Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten in häuslichen
Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit zu machen, und halte
ihn entfernt, wenn er sich unberufen in dergleichen mischen will!
Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und Töchter mit
gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern!
3.
In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren Patrum
anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen seyn will. Ein guter
gesunder Appetit, nach Verhältniß eben so viel Durst, und die Gabe,
ein Gläschen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu können; ein
kurzweiliger Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig
grobartig seyn muß; zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches
Räthsel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitzfindigkeit, --
einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvätern, -- Beifall, durch
baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher
(dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank hervorbringt,
-- viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn Prälaten, Guardian,
oder Prior, -- Bewunderung der Kostbarkeiten, Reliquien, Gebäude und
Anstalten, -- kein Gespräch über Aufklärung und Literatur, aber desto
mehr über Politik, Krieg und Frieden, -- Zeitungs-Nachrichten, --
Befriedigung der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten
geforscht wird, -- Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden,
besonders von Jesuiten, die Rede ist, -- Rang, Ansehen, Reichthum,
Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies alles, wo es nöthig ist,
Geschenke: -- das sind ungefähr die Mittel, dort gut aufgenommen zu
werden, und sich Achtung zu erwerben.
Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum Essen
und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune, und tiefes
Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen, um ihnen
gefällig zu werden.
In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen
weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen Figur, mit
treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit, mit einem
Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und Späßchen auch ziemlich weit kommen.
Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; darüber ist
in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen andern Schriften
schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden.
Fünftes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.
1.
Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein würde, wie
der eines +Gentleman+ in England; wenn man sich unter einem Gelehrten
immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig
nützliche Kenntnisse ausgebildet, und diese Kenntnisse zu Veredlung
seines Herzens angewendet hätte; -- kurz einen Mann, den Wissenschaften
und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger
thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich hier kein Kapitel
über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben. Bedarf es einer Vorschrift,
wie man mit dem Weisen und Edeln umgehen soll? An seiner Seite auf
die Lehren zu horchen, die von seinen Lippen strömen; seine Augen
auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel zur Richtschnur unserer
Handlungen zu machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser
Wahrheit zu folgen -- dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach
Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage jeder elende
Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger, Uebersetzer,
Plündrer fremder literarischer Güter, und überhaupt Jeder, der die
unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums zu mißbrauchen, sich nicht
schämt, um ganze Bände voll Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst
besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten
nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit
für die Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke
des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit genannt
werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn
ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in abwechselnd kurzen und langen
Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn
der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne
Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der,
welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier setzen
kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer
genannt wird: dann muß man wohl ein Paar Worte darüber sagen, wie man
sich im Umgange mit solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht
für einen Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem
das Seinige geben will.
2.
Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem
Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz
anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht so übel zu nehmen. Am
Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung wählen kann,
wenn keine stürmische Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung
bringen: da lassen sich herrliche Vorschriften geben, die nachher in
der wirklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von
Seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her
treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich ~den~
Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend
halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt; ihm wenigstens
dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark
genug ist, diese Fehler zu vermeiden; und es würde unbillig seyn, ihn
deswegen für einen Heuchler zu halten (obgleich es eben so unbillig
wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was
er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten).
Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein
Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den Mund legt,
als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht,
oder Faun, oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie,
sein feuriges Blut ihn verleitet, irgend einen boshaften Charakter von
einer glänzenden Seite darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit
lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu
spotten. Er thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist
darum noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen
Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die den Wein
und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und dennoch die
mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel
von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben, und
dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen;
kenne endlich Satyriker, voll Menschenliebe und Wohlwollen.
Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und
Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch
im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts als Weisheit
und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer
Kunst schwatzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten
Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm, und schmeckt
nach Pedanterei, wenn wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen
Lieblings-Beschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um
sich zu zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören.
Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im Getümmel,
und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und
Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause
in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschauet. Und
dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich
anders, als wir, gestimmt sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten
ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so
zu fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie uns
vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer Erdensohn,
seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen
und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die
Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines
Aufwandes von Verstand und Witz würdig.
Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden
Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum einen Charakter
zuzuschreiben), daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt
von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten
aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen,
wenn ihre Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die
Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf Männer
gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar eine gewisse Art von
Kleinstädterei, welche darin besteht, daß man sich den Schein gibt, auf
den Mann mit Verachtung zu blicken, dem es gelungen ist, durch gute
literarische Produkte, auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren
Vettern und Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen
Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse,
das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen Dinge; aber seinen
moralischen Charakter aus Neid verdächtig machen, und ihn, wenn er auch
noch so demüthig, noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht,
durch Verachtung mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht
hie und da, besonders in einigen minder großen Städten.
Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem
Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche
Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften und
Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen, ist nicht eben
das, was unserm Zeitalter am meisten Ehre macht; und wenn es
langweilig ist, einem Manne zuzuhören, der alle Gespräche auf seinen
Lieblings-Gegenstand zu lenken sucht, und sich unaufhörlich auf
seinem Steckenpferde herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es
ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge
ausspricht, die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn
der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt über
Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände,
der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube dem Manne, der
etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst,
von seiner Wissenschaft zu reden; ja, gib ihm Gelegenheit dazu! Man
ist wahrlich recht viel werth in der Welt, wenn man -- doch übrigens
bei gesundem Hausverstande -- ~ein~ Fach aus dem Grunde versteht;
und mir ekelt vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern;
mir ekelt vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den
bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen,
und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen unterhaltend
gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich werden.
3.
Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; so
hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal
eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehen. Nichts wird
leichter gekränkt, als die Eitelkeit eines Gelehrten. Man muß sogar
alle Zweideutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie
ausspendet.
Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn wir
ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten
Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so sey vorsichtig
in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, wenn sie Dich um Deine
Meinung darüber fragen, so hast Du dieß klüglich und demüthiglich
so auszulegen, als bäten sie Dich um einen Lobspruch und eine
Schmeichelei. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft Dich zu völliger
Offenherzigkeit verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht
ohne Niederträchtigkeit loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was
die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann.
Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr
schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer
Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn man sie im
gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt, der auf andre Weise
der Welt nützlich wird; endlich, wenn man Grundsätze äussert, die nicht
in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung
sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich
vor diesem allen, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen
willst! Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast:
groß, klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der
ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art
einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm grade in's Gesicht
sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist zufrieden, wenn Du nur
ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß selbst von sich sage; der Dritte
verlangt nichts von Dir, als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden
Produkte vorlieset; den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte
Anspielung auf irgend eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften
behagt äussere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner
Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster
endlich -- es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen --
begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu
thun sey, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu
schämen braucht, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind,
sie doch nicht ausschließlich zu Makulatur sich eignen.
4.
Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander
mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte Recensionen
gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamiren,
und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern. Auch mag ich wohl
ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die
gern von einander bewundert werden möchten, oder die sehr viel Gutes
von einander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich
wechselsweise die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander
gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich findet,
wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente
auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen
Thorheiten ertappt haben.
Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter
Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der Verschiedenheit ihrer
Meinungen und Systeme, sich vor dem ehrsamen Volke der geneigten Leser
wie Bettelbuben herumzanken, oder, wenn sie an demselben Orte leben,
und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen,
hassen, sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit
widerfahren lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem
Publikum herabzusetzen sucht. -- Pfui der Niederträchtigkeit! Ist
denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den
Durst vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und
pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die der
Weisheit geweiht sind? -- Doch hierüber ist schon oft so vieles gesagt
worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrte
Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in unsern Zeiten nicht
selten gesehen werden.[8]
5.
Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen,
daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft,
oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist
eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem
Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller
haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung
mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich
weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und
Freundlichkeit behandeln.[9] Auch kann ich das unmäßige und
luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt
alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht
leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung
Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste,
was wir bloß nachlallen.
6.
Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig einigen unsrer
Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen Rang einräumen, weil
sie nun einmal die erklärten Lieblinge des leselustigen Publikums sind,
und dieses gutmüthig oder verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort
zu glauben. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht
im Umgange nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe
von eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen
Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen
Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden, Mystikern,
oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie durch's Land, um Mährchen
zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem
Schwerte der Verleumdung Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne
schwören will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer
Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr
System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen Stoff
zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der
besten, sorglosesten und arglosesten Menschen. Sey behutsam im Reden,
wenn ein Solcher Dich freundlich besucht, und denke beständig und
klüglich daran, daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum
haarklein alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört hat!
Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten und ärgerlichsten
treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hülfe
vergebens angewendet wird; dieser Mann heißt -- ich muß ihn hier
öffentlich nennen -- heißt -- Anonymus, auch Redacteur, und ist ein
gar sonderbarer Mann. Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache
Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe
ich, jeden Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche
und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz, oder
Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben, höhere Wissenschaften,
Magnetismus, oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, fürerst für
jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher
Spitzbube ist, und umhergeht, wie ein brüllender Löwe, um zu suchen,
wen er verschlingen mögte.
7.
Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden Gattung von
Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern
ist der Fall ein ganz anderer. Diese sind -- es versteht sich auch
hier, daß ich in jeder Klasse die Bessern ausnehme -- wohl keine
gefährliche, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und
unzuverlässige Leute. Weit entfernt, zu fühlen, daß die schönen Künste,
obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen
kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das ~Vergnügen~ haben, folglich,
in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den höhern,
wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen; weit
entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den Titel eines großen
Mannes zu verdienen, mehr verstehen und mehr müsse bewirken können,
als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und
Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige
an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen werth wäre; und
es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet
wird, als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts
Besseres gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg
Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl in
Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen, mit allen
Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein; der Schauspieler,
bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Hochachtung verdienen,
wie der unnachahmliche Schröder, -- solcher Männer gibt es nicht so
gar viele unter ihnen. Ich rathe desfalls, einen äusserst vertrauten
Umgang mit dieser Menschen-Klasse nur nach der strengsten Auswahl zu
suchen. +Cantores amant humores+, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt
ein Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben, und
das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu
der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben
kann; und, die Wahrheit zu gestehen, das ist wohl die einzige, deren
Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung
des Genius hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er
entsprungen, ist freilich von ganz anderer Art, als Spannung der
Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht
es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos
sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche ist
gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern
Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche Aufführung und unglückliche
äussere Verhältnisse geschwächte Maschine fordert, wenn sie den Geist
nicht ganz niederdrücken soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr
Berauschungs-Mittel. Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen
Freuden gewidmeten Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die
schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch
Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, -- daß diese ihm äusserst
trocken scheinen; und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen
und pinseln kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen,
welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Vertheilung und
Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen
Umgangs denken also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann,
der ihnen sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei
schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit
und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen fliehen sie.
Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke unseres Zeitalters,
bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften, ist dieß, wie
ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch
deswegen für einen Pedanten halten! Jeder seichte Kopf, der nur ein
weiches Herz hat, und der den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben
liebt, legt sich heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt
Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater,
spielt ein Instrument, componirt, pinselt; -- und so muß denn am Ende
der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden. Deswegen
sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler herumlaufen, die nicht
einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt
sind: Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen; die
nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife
auswendig gelernt haben; Künstler ohne philosophischen Geist, ohne
gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen
mit desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet;
unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der
ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch mehr davon
weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber
Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er den Schutz der
anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein
Stümper sey, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und
alle Dilettanten gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht
vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren
schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei
diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben,
ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehen, ihn
zu loben, und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber
bei ihnen in Ansehen setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben
so unverschämt, wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht
mitten unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als seyest
Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer, den Beifall
Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen! Rede von dem allgemeinen
Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden! Verachte, was Dir zu hoch
ist! Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes
zu sagen weißt! Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle
vornehmen, reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre
die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondo's, an
Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken; an buntschäckigtem
Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast und leerer Phraseologie,
an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung und Uebertreibung! -- So
kannst Du Dein Schärflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks
redlich beitragen! Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache,
Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre gegen diese
Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke den ~Midassen~
unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen zurück, damit
man ihre langen Ohren sehe, und sich nicht durch ihre Amtsgesichter
täuschen lasse! Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig
große Künstler heut zu Tage zum Theil diese Wege einschlagen muß,
wenn er nicht dem Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft
Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile
aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel
und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brod zu
finden. Uebel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran,
wenn er in eine Gesellschaft von Leuten geräth, die ihn bewundern
wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die denn
doch weder Aufmerksamkeit, noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen
darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden,
und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt
sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die
zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »O! das
ist gar schön! vortrefflich!« -- und darüber geht die Stelle verloren.
-- Merke dir's, liebes Publikum, daß du dir solche Unarten abgewöhnen,
und nicht bloß ein geehrtes, sondern auch ein ehrenwerthes Publikum
seyn sollst.
8.