4. Leckerbissen nur bei kleinen Kindern, und nur sehr sparsam.

5. Zur pädagogischen Klugheit gehört es, die Belohnung selbst zuweilen

weit hinaus zu setzen, sie nur in der Entfernung zu zeigen, und bei

schlaffen Kindern die Bedingungen zu erschweren, um Anstrengung zu

bewirken.

6. Wo möglich sey die Belohnung von der Art, daß sie bei

Verschlimmerung oder Rückfall zurückgenommen, oder eine Zeitlang

entzogen werden kann, wie z. B. ein bewilligtes Taschen-Geld,

versprochene Reise u. dgl.

7. Der Grad der Moralität bestimme den Grad der Belohnung. Daher ist es

nöthig, Kinder erst genauer kennen zu lernen, und bei Uebergängen von

einer mangelhaften Tagesordnung zu einer regelmäßigen und strengen den

Verwöhnten die Macht der Gewohnheit zu Gute zu rechnen.

54.

Die ganze Behandlung des Zöglings sollte in der Erziehung eine

fortgehende Belohnung und Bestrafung des Zöglings seyn, denn die Kinder

bedürfen fast in jedem Augenblick dieser Antriebe. Daher wird diejenige

Erziehung die wirksamste seyn, wo ein liebevoller Ernst dem Zögling

Hochachtung und Scheu eingeflößt hat, und schon eine mißbilligende

Miene, oder ein einziges Wort des Tadels oder Lobes auf des Zöglings

Willen kräftig wirkt. Dem gutgearteten Kinde ist Mißfallen und

Unzufriedenheit, vor allem ~Trauer~ des Erziehers die höchste Strafe,

der Beifall und die Liebe desselben die höchste Belohnung und das

höchste Ziel seiner Wünsche.

~Bedenkliche Strafen~ bei lebhaften Kindern sind: Einsperren,

Stehenlassen, langwierige Geduldsprüfungen, Wegnehmen dessen, was sie

sehr hoch halten, Beschämung vor Fremden und vor Respektspersonen.

Dagegen sind oft sehr wohlthätig wirksam: körperliche Strafen, weil sie

der Gewalt des Temperaments ein Gegengewicht geben.

~Bedenkliche Belohnungen~ sind alle die, welche der Eitelkeit und

Vergnügungsliebe Nahrung geben, oder wobei man dem Eigennutz Vorschub

leistet, und die Kinder zur Geldliebe reizt, oder die Unbelohnten zur

Eifersucht und Mißgunst verleitet.

55.

Der ~Ehrtrieb~ werde, weil er so leicht ausartet, und dann den

Charakter so sehr entstellt, nur mit der äußersten Vorsicht in der

Erziehung benutzt, und nur bei solchen Kindern, die von Natur wenig

reizbar, und mit einem sehr schwachen Gefühls-Vermögen ausgestattet

sind. Auch hüte man sich, jenes eitle Lauschen auf den Beifall der Welt

zu begünstigen, welches zur Menschenfurcht und Menschengefälligkeit

führt, und der Sittlichkeit höchst gefährlich ist. Der Beifall

achtungswürdiger Menschen erscheine zwar den Kindern als ein hohes

und schätzbares Gut, aber nie als das höchste, und das Urtheil ihres

Gewissens sey ihnen die entscheidende Stimme, der sie unbedingt

gehorchen. Keine Verirrungen sind häufiger und verderblicher, als die

des ausgearteten Ehrtriebes, und keine Vorurtheile wurzeln tiefer, als

die von Ehre und Schande. Da, wo diese Vorurtheile schon durch die

erste Erziehung, gleichsam durch Vererbung, sich festgesetzt haben,

kommt es nie zu einer richtigen und unbefangenen Ansicht der Dinge,

und es entspringen aus diesen Vorurtheilen Ungerechtigkeiten der

gröbsten Art. Hier kann nur durch Verstandesbildung und Berichtigung

der Begriffe, zuweilen durch entgegengesetztes häusliches Verhältniß

entgegengearbeitet werden. Von dieser Seite wird oft den Kindern

vornehmer Eltern die Erziehung in einer öffentlichen Erziehungsanstalt,

mit Kindern von sehr verschiedenen Ständen und Bildungsgraden, sehr

wohlthätig durch den Zwang und die Nöthigung, welche sie herbeiführt.

Kindern soll das Lob nur als eine Stärkung von Zeit zu Zeit und

sparsam gereicht werden, denn sie können nicht viel davon ertragen.

Bei jeder Gelegenheit den Kindern eine Lobrede halten, alle ihre

kleinen Geschicklichkeiten bewundern und preisen, sie ihre Künste

machen lassen, so oft Fremde erscheinen, heißt: sie methodisch

verderben. Besonders verhüte man das Loben bei talentvollen Kindern,

da diese ohnehin schon sehr bald selbst die Bemerkung machen, daß

sie sich auszeichnen, und Vorzüge haben; man dulde nicht, daß Kinder

viel bedient werden, und entferne solche dienende Personen, die den

Kindern eine Art von Unterwürfigkeit bezeigen, und sie dadurch im

Dünkel bestärken. Man kleide Kinder nicht so kostbar, oder so glänzend,

daß ihr Anzug Aufsehen erregt, und sie den Erwachsenen gleich stellt;

man führe sie nicht zu früh in große Gesellschaften, besonders in

Tanzgesellschaften.

56.

Eben so bedenklich aber, wie es ist, dem ~Ehrtriebe~ zu viel Nahrung

zu geben, eben so bedenklich ist es, ihn zu ~unterdrücken~, und ihm

Gewalt anzuthun, durch beschämende und herabsetzende Strafen und durch

Demüthigungen. Hiebei sind folgende Regeln die bewährtesten:

1. Wenn die natürliche Schaam sich stark genug bei Fehltritten äussert,

so verstärke man sie nicht; vielmehr gebe man dem Zöglinge den Wunsch

zu erkennen, ihm Beschämung zu ersparen.

2. Da, wo Beschämung als Antrieb und Strafe nöthig ist, geschehe sie

doch mit möglichster Schonung, z. B. ohne Nennung des Namens, nicht vor

Dienstboten oder Fremden, ohne irgend eine Beschimpfung. So z. B. bei

wiederholten Lügen im Erzählen, bei Unordnung und Faulheit -- man lasse

dem Zögling noch einen Ausweg, die Beschämung abzuwenden.

3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun; er würde nur

Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit bewirken. Daher sind

alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit verrathen,

und der Würde des Erziehers nicht angemessen sind, von der Erziehung

auszuschließen, und es muß in Gesellschaft von Fremden manches

übersehen, und nicht auf der Stelle gerügt werden. Nie werde das

strafbare Kind dem Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden

Namen belegt. Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten

zur Selbstanklage zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen,

besonders wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und Reue

stillschweigend eingestanden ist.

57.

Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit

bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht sclavische

Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel und die Ungunst der

Menschen als das höchste Uebel, Beifall und Gunst als das höchste

Glück betrachten, so werden sie bald dahin kommen, daß sie immer nur

~eine Rolle spielen~, und nur ~für~ die Gesellschaft und ~in der~

Gesellschaft gut seyn wollen, oder daß sie Lob ~erschleichen~, anstatt

es zu ~verdienen~, nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine

Ausartung, welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist.

58.

Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine ~Ausartung des

Thätigkeitstriebes~ zu fürchten, es sey denn, daß Eitelkeit und Sucht,

sich auszuzeichnen und Aufsehen zu erregen, ihr Herz beherrsche.

Daher werde die Thätigkeit des Mädchens früh, und recht vielfach

angeregt und genährt, also nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen

und Fertigkeiten, obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung

gehören, sondern auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey

den eigenthümlichen Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen

Seele angemessen, und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche

Beschäftigung und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des

Weibes im Widerspruche ist.

Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten

Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die Erziehung in den

ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt werde, und nicht

ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe, durch eine weichliche Erziehung,

durch Verwöhnung und Verzärtelung. Auch soll in dieser Zeit der

Thätigkeitstrieb schon ~veredelt~ werden, dadurch, daß man ihn mit den

wohlwollenden Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht.

Dieß geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält,

sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste zu leisten,

und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen helfen, sie etwas

tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem Schönheits- und Ordnungssinn

setze man den Thätigkeitstrieb in Verbindung, damit er moralisch und

veredlend wirke, und gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu

ordnen und einzurichten, mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam,

fordere sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die

Verletzung der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und

vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo möglich,

Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu seyn, und sich mit

Garten-Arbeit zu beschäftigen.

59.

Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu gewinnen

dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung, oder doch

wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden an den

Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem mechanischen und

hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen, daß sie darüber die

Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen verlieren, oder dagegen völlig

gleichgültig werden. Gegen diese Ausartung des Thätigkeitstriebes

sichert die Erziehung, indem sie den Sinn für das Geistige und für

geistige Beschäftigung weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur

kein Trieb dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch

eben so sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung

des Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern

Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige und

wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die mechanischen

Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert.

Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch ächte

Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge Gewöhnung an

eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige Geistesbildung läßt

keine Vernachlässigung des Geistes zu; die Gewissenhaftigkeit treibt zu

einer geordneten und sich gleichbleibenden Thätigkeit, die Gewöhnung

wirkt der Zeitzersplitterung und einer launigen Gemächlichkeit

entgegen. Lieblings-Beschäftigungen wird es zwar immer für jeden

Menschen geben; aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr

nachzugeben. Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und kein

hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit und Sorgfalt

erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des Nocheinmalmachens

ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das flüchtige Mädchen werde durch

langwierige und mühsame Arbeiten festgehalten, gebessert und geprüft.

Die Zeit erscheine dem Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und

Zeitverschwendung als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die

Freude des Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr

verabscheuen, als die der langen Weile.

Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der Thätigkeit und

Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige Richtung gibt, muß

sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten; doch darf sie nicht

versäumen, die harmonische Entwickelung der Kräfte und Anlagen zu

bewirken, worauf doch Werth und Glück des Menschen beruht.

60.

Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere

Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen will mehr negativ

behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung wird es leicht irre

gemacht in der Entwickelung seines sichern Gefühls; die Zartheit seines

Herzens geht verloren. Gleich dem zarten Gewächse überlasse man es

seiner eigenen Entfaltung, indem man es pflegt und behütet, und schon

die leiseste Berührung sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können

Männer nicht gut Erzieher der Töchter seyn.

Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den sanftern

Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige gerathen. Daher

ist auch hier größere Sorgfalt in der Wahl der Gespielen nöthig, deren

es nur wenige bedarf, da es leicht in eine gewisse Zerstreutheit und

Flüchtigkeit hinein geräth, in welcher es an Innigkeit des Gefühls so

sehr verliert, und herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen,

sich mit sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt

seyn, weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern

Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch Gefühle

stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es an Ordnung und an

das zu Rathe halten seiner Sachen, weil dieß, nach seiner Bestimmung,

Grundzug in dem weiblichen Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken,

Lesen, Erzählen, sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch

nicht zu bald) bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine

Bestellungen ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen,

sich von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und

Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber der früh sich

regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht, es zu viel in der

Stube zu erhalten.

Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für häusliche

Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine gewisse

Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen davon abzieht,

so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil sich sonst die Mädchen in

der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders gilt dieß vom Lesen, worin

es unsere Erziehung so leicht übertreibt, selbst zum Nachtheil der

Gesundheit. Die körperliche freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die

Ausbildung des Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders

Tanz, damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines

Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall im Hause

herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von selbst entfalten:

Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit, müssen doch sorgsam

gepflegt werden, und darum wende die Erziehung viel Zeit auf den

Anzug, und entwickele und stärke besonders bei diesem und durch diesen

jene Eigenschaften und Gefühle. Es sey schon dem Kinde unerträglich,

in einem Anzuge zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das

Auge oder das Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder

achten Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu gefallen

lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich wird.

Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher, als

wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit oder Talent

sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders das Declamiren und

kleine dramatische Darstellungen.

61.

Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des Sinnes für

das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf die Anregung und

Entwickelung des Intellectuellen an; soll die Erziehung mehr intensiv

und der Unterricht mehr extensiv wirken, so folgt, daß ein gut

erzogener Mensch sittlich-gut und tugendhaft, ein gut unterrichteter

einsichtsvoll und gelehrt, ein gut gebildeter verständig, klug und

weise sey. In unsern Zeiten hat man die Vernachlässigung der weiblichen

Bildung, deren die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu

verhüten gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem

Weibe ist mehr ~Fertigkeit~, als ~Wissen~ nöthig, mehr sittliche,

als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils

verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen

streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben,

die man wohl ~Verbildung~ nennen mag, und sie zu sehr an den Genuß

der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine Abneigung gegen

mechanische Beschäftigung erhalten, die dann schwer zu besiegen ist.

Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten, als daß das Mädchen sich

nicht unglücklich glaube und fühle, weil es durch seine Bestimmung zu

einförmigen und mechanischen Beschäftigungen verpflichtet ist, und

sich nicht dünken lasse, für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher

präge man ihnen die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß

auf den Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief

ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande davon

lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit, Ueberlegung,

Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der Haushaltung erfordere,

und wie planmäßig dies alles eingerichtet werden könne und müsse.

Schon das zehnjährige Mädchen habe ihren kleinen Antheil an den

Haushaltungsgeschäften, und ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu

solchen Fertigkeiten, die im Hause nöthig sind.

Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse

des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft zum

Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet ist, so hat die

Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu nehmen, und besonders

dem Geselligkeitstriebe und der Neugier entgegen zu arbeiten, denn

beide stellen sich den Forderungen der Pflicht entgegen, und werden am

häufigsten gereizt; sie üben die stärkste Gewalt über das weibliche

Herz aus. Darum ist Eingezogenheit die gedeihliche Witterung, in

welcher sich alle Keime des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten,

und ein zerstreutes, geräuschvolles Leben der Tod der ächten

Weiblichkeit. Da der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden

Hanges zur Mittheilung in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so

muß er nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man nur

selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler Thorheiten,

und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit und Einförmigkeit

aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche Herrschaft über das Herz, daß

alle weibliche Würde dabei verloren geht, besonders wenn der Umgang

mit Dienstboten sie nährt. Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt,

das Mädchen in harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das

Schöne und Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der

Neugierde.

Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu ~entsagen~, sich selbst

zu verleugnen und zu ~erdulden~, besonders wenn die wohlwollenden

Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung und durch eine

religiöse Erziehung genährt sind. Doch in dem zarten Alter, wo die

Sinnlichkeit noch so mächtig, und die Vernunft noch so ohnmächtig ist,

lege man ihm nicht ausdrückliche Entsagungen und Entbehrungen auf,

wenigstens nicht ohne die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft,

damit nicht der liebliche und wohlthätige Frohsinn verloren gehe.

Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle andere

weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen des Mädchens

erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit nicht eine ganz verkehrte

ist; doch müssen auch sie gepflegt und genährt werden, besonders bei

dem achtjährigen Mädchen.

62.

»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus seiner

kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da an sorgsam

beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt, positiver behandelt

seyn, damit durch äussere Einwirkung und Verhältnisse die innere gute

Natur bewacht und gesichert wird, vor allem durch die wohlthätige

Macht guter Gewohnheiten und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den

rechten Ton in der Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel

von seiner liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben,

indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige, Ehrbare

und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor, in welchen man sich genöthigt

sieht, die äussere gesellschaftliche Bildung fast aufzugeben, um

Mädchen nicht zu verderben durch aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule

ist von dieser Seite nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne

Gefahr. Man denke nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht,

und wie leicht dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren,

der reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine

Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose Behandlung

erfolgen kann.« ~Schwarz Erziehungslehre~ 3. 1. S. 218.

Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden

Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen früh mit

kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich zu beschäftigen

hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie überträgt, besonders in

Krankheit, und die Aufsicht über ihre Spiele. Wunderbar und herrlich

wirkt dann die Liebe, die Gott so tief in die Seele des Mädchens

gepflanzt hat, und sie haben dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu

beschreiben ist. Die Uebung in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit

und Selbstverleugnung bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. --

Nur wache man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder

verziehen, und lege ihnen keine zu schwere Last auf.

63.

Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung

der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des Mädchens zum

deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres Gefühl für die Würde

und für die äussern Vorzüge des Geschlechts, zugleich Ansprüche und

Verlangen, welchen die Erziehung entgegen zu arbeiten, oder vielmehr,

welchen sie den Widerstand der vernünftigen Ueberlegung entgegen

zu stellen hat. Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und

menschliche Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt

tiefer, und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des

Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung

höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm Ueberlegung und

Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere Beobachtung des

Schicklichen und Anständigen verlange; sie muß auch dem Herzen, welches

in dem Kampfe zwischen Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und

beängstigt fühlt, mit ihrer ganzen ~Liebe~ zu Hülfe kommen und mit

einer ~weisen Strenge~; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher

Gehorsam eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft der

Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das Mädchen der

Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen in diesem Alter

in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des gesellschaftlichen

Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des Lebens bekannt gemacht,

und in seine Täuschungen verstrickt werden, so sind sie in den meisten

Fällen für ihre ganze Bestimmung verloren. Die regelmäßigste und

mannigfaltigste Beschäftigung muß hier, vereint mit der religiösen

Ausbildung, jeder Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede

krankhafte Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der

Phantasie verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit,

Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht in diesem

Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen des

Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig ist, als das männliche, so

ist es auch einer weit größeren Ausartung fähig; und besonders zwei

Klippen sind es, woran die Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so

leicht scheitert, Gefallsucht und Vergnügungssucht. Wenn daher die

Erziehung hier nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen

Seite durch die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des

Bewußtseyns menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern durch

Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und durch Uebung

des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird die Ausartung nicht zu

verhüten seyn. Die Meinung, daß junge Mädchen ihres Lebens froh werden

müßten in sinnlichem Genuß, und daß man es hierin nicht zu genau nehmen

dürfe, da doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann

die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter,

und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet,

bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige

und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten Fortschritte im

Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich ist, setzen

sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens und sittlichen

Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen, und bringen es zu einer

höchst verderblichen Abneigung gegen alles Ernsthafte und Anstrengende.

Wie die Eitelkeit die Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich

die Selbstkenntniß, unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen

Eifer und alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese

Verirrungen des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit

haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils in der

Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft mit

geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit für geistige Genüsse

ihren Grund. Daher die Erscheinung, daß viele, für gebildet geltende,

Weiber sich unbeschreiblich langweilen, wenn man ihnen zumuthet, an

geistigen Genüssen Theil zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel

ihrer Eitelkeit und in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung

fordern.

64.

Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz verdanken;

sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen und Fertigkeiten

ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung und der

weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung fordert, damit sie

entweder Vorsteherin eines Hauswesens, oder Erzieherin, oder Beides,

oder nur eine Gewerbtreibende seyn könne. Man achte dabei auf die

besondere Richtung ihrer Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent

unausgebildet bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich

nothwendigen Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im

richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß irgend ein

Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben werde.

Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders in so fern sie

Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als das rastlose Hinarbeiten auf

die Entwickelung eines einzigen Talents. Das eigentlich Menschliche,

die Bildung zu einem Vernunftwesen, und das glückliche Gleichgewicht

der Seelenkräfte geht dann ganz verloren, und es entsteht eine

Einseitigkeit und Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben

in einen Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich macht,

sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das Edle, das

Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen.

Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun soll, wenn

sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf, der ihr zunächst

durch die Bestimmung ihres Geschlechts angewiesen ist, sorgfältig

und zweckmäßig gebildet werde; sie hat noch eine wichtige Rücksicht

zu nehmen auf die Verhältnisse des weiblichen Geschlechts in der

bürgerlichen Gesellschaft und auf das, was diese Verhältnisse fordern,

nämlich solche Fertigkeiten, Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch

es dem Weibe möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine

Erhaltung und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer

größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an sich schon

die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig, dem Mädchen

einen Erwerb zu sichern, der es gegen Mangel schützt, und bei dem es

die Würde seines Geschlechts behaupten kann.

Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von Männern,

sondern immer nur von Weibern betrieben werden sollten, und es gehört

zu den Ausartungen, welche Verfeinerung und Luxus herbeiführen, daß die

Männer Erwerbszweige an sich gerissen haben, welche weder männliche

Körperkraft, noch männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der

Krieg, der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder

in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die Erziehung

die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten, aber auch

mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft und Gewerbe erfordern.

Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken, Stricken, Zeichnen, Spielen,

Singen, Verfertigung aller Arten von Kleidungsstücken, Schreiben und

Rechnen. Der Kleinhandel sollte nur von Weibern betrieben werden,

weil nur diese dem entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen

können, zu welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen

Hand-Arbeit, verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur von

weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche sollten mehr Köche

anzutreffen seyn.

Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die bürgerliche

Gesellschaft fordert mehr als ~eine~ Fertigkeit und Geschicklichkeit

zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in welchen diese

oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die Erziehung auf

die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen Zweck vorzüglich

aus. So werde also z. B. ein musikalisches Talent, eine vorzügliche

Singestimme, eine Anlage zur mechanischen Geschicklichkeit ja nicht

vernachlässigt, weil der Genuß, der Werth und die Ruhe des Lebens

hievon abhängt. Der ~Genuß~, weil es keinen reineren gibt, als den des

Vollbringens und des Bestehens durch eigene Kraft; der ~Werth~, weil

dies den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern

Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl einzelner

Menschen, oder der Familie gewährt; die ~Ruhe~, weil das Bewußtseyn

einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten Brauchbarkeit für

die Welt jede Nahrungssorge und jede Besorgniß wegen der Zukunft

verbannt. Und wie oft wird dadurch das Schicksal einer ganzen Familie

sicher gestellt! Wie manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater,

Mutter und Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen,

Erzieherinnen, Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große

Verdienste. Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die,

welche nicht durch sich selbst bestehen können!

65.

Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint

wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung und

Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe. Für

die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt die Geschichte der

Erfindungen, und die Bekanntmachung mit nützlichen Verbesserungen der

gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften. Wie oft gab schon ein einziger

glücklicher Gedanke in dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und

ausgebreitete Wirksamkeit, und begründete den Wohlstand einer ganzen

Familie.

Pädagogische Heilkunde.

Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen durch seine

sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben ist,

und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist Krankheit der Seele,

und erfordert Heilung. In der Kindheit entstehen diese Krankheiten,

und werden oft nur dem sorgfältigen Beobachter und dem geübtern

Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt, und also in ihren Anfängen

ungehemmt, so gehen sie in den Charakter über. Jede Unart hat in der

Vernachlässigung der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse

des Körpers und der physischen Gewöhnung ihren Grund.

Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten, der aber

verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen ist,

oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung, welche irgend

eine Seelenkraft genommen hat. Soll die Heilung gelingen, so muß die

Natur der Krankheit von dem Erzieher richtig erkannt, ihr Zusammenhang

mit andern Uebeln und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also

ihr Ursprung mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das

Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht

angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel weggeschafft wird,

ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt werde. Der Erzieher

kann, z. B. die Trägheit des Zöglings überwältigt, aber dadurch, daß

er gewaltsame Mittel anwandte, demselben die Lust und Liebe und die

kindliche Fröhlichkeit genommen haben, oder indem er dem Eigensinnigen

den Willen brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den

Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich gemacht

haben.

»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch Ablenkung

der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im Ganzen und im Einzelnen,

also negativ, oder auch positiv durch Strafen.« Das erste ist hier

unstreitig das Wohlthätige und Wirksamere, eine gründliche Heilung,

wobei nicht leicht ein neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf

~die~ Art angewandt, daß man entweder das Kind in eine ganz andere,

und zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine

Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz, z.

B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der Furcht, der Hoffnung,

anwendet, um seinen Neigungen eine bessere Richtung zu geben.

Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes, als

verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer eine

Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich verstärkend, andere

nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so viele Reihen von Unarten,

als es Tugenden des Kindes gibt.

Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als verkehrte

Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und Trieb, also Trägheit.

So z. B. wenn Kinder bei einer großen Lebhaftigkeit, und einem

ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit, nicht hinreichende Beschäftigung

finden, und also lange Weile empfinden -- oder wenn man sie in der

Periode, da noch der Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter

Aufmerksamkeit beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen

gegen das Lernen beibringt -- oder zu der Zeit, da sie noch nicht

sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen können,

unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen Zustand der

Spannung und des Mißmuths versetzt -- oder ohne Nachsicht straft, wo

erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten müßte. Ist es nicht

natürlich, daß das Kind muthwillig, oder auch schlaff und träge wird,

weil sein Thätigkeitstrieb keine Befriedigung erhält? Darum soll der

ganze Umgang der Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung

ihres Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das

Nützliche und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher Lieblinge

haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft hingehen

lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig, trotzig

und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen zurückgesetzten

verschlossen, boshaft und verdrossen werden? Bei solchen Kindern ist

es eine verkehrte Behandlung, sie durch Liebkosungen und wohl gar

Schmeicheleien an sich zu ziehen, oder durch anderweitige Reizungen

ablenken zu wollen. Gründlich können sie nur geheilt werden, wenn man

sie aus dem ganzen ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres

versetzt, mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt,

keine Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie

möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle durch

Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung und

gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen

sucht, die sittlichen Regungen belebt und stärkt. Verzogene Kinder

sind nicht undankbar gegen eine solche Bestrebung, sie zu bessern;

sie fühlen es bald, daß man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe

und Wohlwollen durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der

Beschäftigung. Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn

diese erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner Spott,

Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte Wirkung.

Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so schwer im

Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt sind durch

einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen, und in welchen

sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt haben, weil sie sich

bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten, ohne Anregung und

Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt durch eine Behandlung, bei welcher

man ihnen alle Anstrengung ersparte, versunken in eine Zerstreuung und

Schlaffheit, die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der

Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch Unbändigkeit

und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die traurigen Folgen

einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein gewisser Wohlstand

herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt. Dabei kann doch hie und da

Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn im Kinde seyn, daß es etwas

vermöge; aber desto mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher

zu thun, desto schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen

festzuhalten, und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen.

Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle. Das

Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung, und es tritt bald

in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher, wenn dieser nicht

Klugheit und Mäßigung genug hat, sich mit dem langsamsten Annähern an

sein Ziel zu begnügen, und in die nothwendige Strenge die Milderung

eines sichtbaren Wohlwollens zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben

dem verzogenen und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies

Mittel nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des Zöglings

und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine regelmäßige und

angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen Gehorsam zu gewinnen. In

dem Umgange mit solchen Kindern ist es sehr schwer, den rechten Ton zu

treffen, der sich von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt.

Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit und

verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen, theils

mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und versteckt sich wohl

unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit und falsche Güte in

der Erziehung erspart den Kindern jede Anstrengung, und verwöhnt sie

dadurch so sehr, daß jede Art der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die

Faulheit zieht aber, da sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet,

Gefräßigkeit und Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die

Kinder diebisch, lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher

bei Kindern der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie

dem Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder immer

hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen noch zu jung,

dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn man bei den Erwachsenen

die Noth als Antrieb zur Thätigkeit gebraucht, so will das bei Kindern

nicht gelingen, und ist nicht immer anzuwenden. Soll man das Kind

hungern lassen? So wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe.

Oder der Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es

auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber hinweg. Man

versuche es lieber zuerst mit allerlei ~sinnlichen Beschäftigungen~,

und solchen, die sich dem Spiele nähern. Du sollst mir helfen! sage

man freundlich dem Kinde. Oder: wir wollen mit einander dieß und jenes

thun. Man bringe absichtlich Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung,

und lasse alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche

man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey für's

erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit

der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung zu viel

nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen, in

Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher heften und einbinden,

schnitzen und ein wenig drechseln lernen, so kann man viel Abwechselung

in ihre Beschäftigung bringen. Haben sie die Buchstaben zusammensetzen

gelernt, so gebe man ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter

zusammensetzen, eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als

nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders fest,

weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern, als zarte

Kinder haben können. Können sie schon mit einiger Fertigkeit schreiben,

so lasse man sie das Auswendiggelernte oder das, was man ihnen vor

einiger Zeit erzählt hat, aus dem Gedächtniß niederschreiben; man

lasse die, welche ein schwaches Gedächtniß haben, durch Nachsprechen

memoriren -- man ermuntere sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und

lasse sie kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen.

Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung

und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden. Dabei sey man

unerbittlich in der Strenge.

Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu viel

nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie

regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit

(Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem, bald

nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth, so oft einige

Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird. Das Kind fängt etwas mit

Hitze an, läßt es aber bald wieder liegen, und fängt etwas Neues an,

ohne je zu vollenden; endlich wird es aller Beschäftigung überdrüßig,

und will nur herumlaufen, spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von

lebhaftem Temperament und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte

Wesen wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung, aber

auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung und Anstrengung

der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern ganz vorne anfangen, jedoch

ohne daß sie dieß inne werden, muß vor allem Denkübungen mit ihnen

vornehmen, und sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum

Schwerern fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen,

oder sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt ihre

Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und Phantasie

beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen, läßt sie aber

viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu üben, rechnet oft mit ihnen

im Kopfe.

Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade durch

Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur gegen die, welche

Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder die gerade jetzt gebotene an,

durch ungebehrdiges Wesen, faule und nachlässige Stellungen, Plumpheit,

Lärmen, Zanksucht und grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will

nur genießen, nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und

Beschimpfen, bei Naschhaftigkeit strenge Strafe.

Dem Frohsinn stehen ~Trübsinn~ und ~Leichtsinn~ entgegen. Das düstere,

verdrießliche und mürrische Wesen wird den Kindern leicht zur Natur,

wenn unfreundliche und harte Behandlung, oder lange Weile ihr Gefühl

aufgeregt haben. »Es gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke,

verworrene Stunden (Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte

nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag, aber

wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn. Ich kenne

Männer, die auf die Ausrottung einer üblen Angewohnheit Jahre lang

losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dieß auf

Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal

abzulegen befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam

schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist.«

Aber auch ängstliche und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames

Aufmerken auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung

hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene

Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt, sie durch

Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur Selbstbeherrschung bringt,

sie bei jeder Regung mürrischer Laune entfernt, ihnen durch Strafe Noth

verursacht, und dadurch ihren Gedanken eine andere Richtung gibt, bei

wiederkehrender Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch

bei eintretender mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge -- (z. B.

ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird man sie

bessern.

~Leichtsinn~ zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber der

Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit,

und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in schnellem Uebergang

von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit. Kinder, die

sich selbst überlassen sind, oder es zu gut haben, und nicht mit

der den Kindern so nothwendigen Strenge erzogen werden, sondern zu

viel Nachsicht genießen, werden leichtsinnig, und müssen es werden.

Daher ist Leichtsinn ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen

Geschlechts. Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht

die aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr

verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen. --

Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug die Achtsamkeit

des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit auf sich selbst, durch

einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung, durch Zeichen, durch

solche Aufträge, wobei große Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z.

B. zerbrechliche Sachen in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs

und Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren

und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt, die

weicheren am wenigsten zum Trübsinn.

Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen ~Unfolgsamkeit~ und

~Wankelmuth~. In dem Kinde regt sich bald der Trieb zu herrschen, und

zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille. Sehr bald entsteht daraus

Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit. Das unzeitige Nachgeben der

Eltern ist die nächste Ursache -- aber auch wohl ihr Eigensinn und

ihre Ungerechtigkeit. Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes

oder der Eitelkeit der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie

kunstmäßig abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also

kein liebevolles Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können

diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur können,

dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern Antrieben,

als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun noch dazu alle Pflege

des religiösen Gefühls, wie können die Kinder vor dieser traurigen

Ausartung bewahrt bleiben? Aber auch zu weichliche Güte, von Eltern

oder Großeltern, ist die Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie

Widerstand bei ihren thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch

unzeitiges und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse

Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen sie

bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und in der

mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten sind im

Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und boshaftes Wesen gegen

Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann nicht die ganze Behandlung des

Kindes geändert, und auch wohl seine äussere Lage, so daß es unter

ganz andere Menschen, und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das

Uebel unheilbar. Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so

darf ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden;

vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten, und ihm

sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung hat, förmlich ankündigen,

daß es von nun an nicht mehr seinen Willen haben werde, wobei er ihm

begreiflich zu machen sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und

es, so oft es gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt

aber durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer

und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit zur

Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue, des Dankes,

des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen zu wecken; man

zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme; man gewähre ihm Vergnügen

und Erholung, so oft es sich besser zeigte -- man erleichtere ihm das

Gehorchen durch die Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung

zum Ungehorsam -- man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die Augen

zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie zürnend. Zeigt

es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen Vorstellungen zu Hülfe;

faßt es kein Zutrauen, und zeigt es kein Gefühl, so lasse man sich

dadurch nicht zu Bitterkeiten und zu harten Behandlungen reizen, werfe

ihm nicht seine Gefühllosigkeit vor, mache es aber auf Beispiele der

Dankbarkeit und Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm

etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet.

Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist, besteht

darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu ihrer Familie

gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind; eine Folge zu

weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit, oder auch

der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder im zarten Alter mit der

Schlechtigkeit der Menschen bekannt macht, auch wohl die Wirkung des

den Kindern mit der ersten Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und

der Thorheit, ihnen eine äussere Haltung und Würde beibringen zu

wollen. Sehen sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit

nähert, und werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz

behandelt, so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und

Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen, auch

wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit. Auch hier ist

Veränderung der Lage das beste Heilmittel. -- Die Religion muß zu Hülfe

kommen, und ein Erzieher, der sich ganz des Herzens zu bemächtigen weiß.

Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten und

mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten Kinder darf man, wenn

sie heranwachsen, nicht dulden, auch geht es leicht in Gleißnerei über;

es ist eine Wirkung jener thörichten Weichlichkeit in der Erziehung,

die alles durch Liebkosung und Belohnung erreichen, und nie strafen,

nie Ernst gebrauchen will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur

Empfindelei, ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen

alles, was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man die

also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und ohne Spott.

Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich und früh

sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum Hochmuth und Dünkel

hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht, viel aus ihnen macht, und sie

unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth zeigt sich im Widersprechen und in

der Rechthaberei, in der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten

und unbescheidenen Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus

solchen Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von ihnen zu

erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. Bei Mädchen wird

Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und Andern gefallen will; das

Natürliche geht ganz verloren; Albernheit, Putzsucht und Koketterie

regen sich, und alles wird nur nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und

geschätzt, die es erregt. Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens,

fader Zeitvertreib, Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung.

Solche Kinder wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht

seyn, zuweilen durch Beschämung -- die aber sehr vorsichtig anzuwenden

ist -- am besten dadurch, daß man ihnen Fragen vorlegt, und Arbeiten

aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen und gestehen müssen -- und

endlich dadurch, daß man sie auf dem Felde des Wissens herumführt,

und ihnen zeigt, wie viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie

aber auch zugleich mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen

zuweilen Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung

und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum Muster

aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine Zeitlang

nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden, sich

sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung vor dem Wissen

bemerklich zu machen.

Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt, weil dadurch

die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern man gebe ihr, was

sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber in ihren schönen Kleidern

lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser Vorzug ist, und daß er

keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt, wohl aber leicht thöricht

und unsittlich macht. Man sage ihr, doch ohne Bitterkeit, wie viel

hübscher ihr der einfache Anzug stehe, damit sie nach und nach diese

Armseligkeiten würdigen lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die

Gespielin oder Mitschülerin gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten

Einfachheit und Anspruchlosigkeit voran.

Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden

Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im Hause herrscht; er ist

gleichsam das gedeihliche oder verderbliche Klima, in welchem diese

zarten Pflanzen sich entwickeln sollen. Das Beispiel der Eltern und der

Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen Gewalt auf Kinderherzen,

und darum sollten Erzieher in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig

zu Werke gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen

nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell und so

flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich betreiben; hört

er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos richten; läßt er sogar den

Sohn fast an jedem Vergnügen Theil nehmen, und ohne Umstände Schule und

Unterricht versäumen, wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm

selbst die Spielkarten in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner

Kinder ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische zu

-- er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder einen Frohnknecht

in seinem Sohne der Welt erziehen, und das schreckliche Erbtheil des

bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten, oder ihm wenigstens alle

Menschenwürde rauben.

Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn, die es nur

darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen Bildung

oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen alles das beizubringen und

anzubilden, was in dem gesellschaftlichen Umgange gilt, und gerade

jetzt an der Tagesordnung ist, oder für Bildung ausgegeben wird.

Zwar hat sich, seit dem Freiheitskriege, eine eigene Secte in der

Gesellschaft gebildet, welche der conventionellen Form, weil sie

größtentheils französischen Ursprungs ist, den Krieg angekündigt,

und die freieste Form, welche eigentlich gar keine ist, als die

rechte angenommen hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß

die Grundsätze dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die

Bemerkung gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit

führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders dem mit dem

anderen Geschlechte, den Untergang bringen müßte. Für die Beförderung

~der~ Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Gefälligkeit, welche

die Natur des gesellschaftlichen Umgangs fordert, sind unstreitig

die conventionellen Formen sehr ersprießlich, und eben darum nicht

aufzugeben. Aber es ist eine merkwürdige Erscheinung, und eine für

Erzieher sehr lehrreiche, daß Naturen von einer unüberwindlichen

Unempfänglichkeit für diese Formen unter beiden Geschlechtern

vorkommen, an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen

Theil der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen,

daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen

gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische, zur

allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden dürfe, wenigstens

nicht ohne gewisse Modificationen; daß sie am allerwenigsten das

Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe, sondern daß diese vor allem das

Reinmenschliche in dem Kinde auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln

habe; daß also die Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für

den gesellschaftlichen Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird

jetzt zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes

sind, allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt,

welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war, daß die

religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung sey, und daß

man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß auf dem Wege der

Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen allein bewirken

könne. Man erwartet nun nicht mehr alles Heil für die Menschheit von

der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung, und überhaupt von dem

Wissen, sondern läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen,

wieder den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der

Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen zu

hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat der Gesinnungen

und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es so bequem ist, sich

dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen die Anstrengungen und

Beschwerden des Handelns und der Selbstverleugnung zu ersparen. Daher

möchte es die heutige Erziehung vorzüglich auf eine recht sorgfältige

Bildung der Vernunft, und also auf feste Grundsätze anzulegen haben,

und ihre Zöglinge in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen,

damit sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer

Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme werfen.

Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden ~Umgange~

mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich: 1) Daß sie es

nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine bestimmte Form anzubilden,

z. B. nicht die des Oberen, des Untergebenen, des Soldaten, des

Rechtsverständigen, des gläubigen Christen, des Rationalisten, sondern

darauf: Menschen zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben,

sich frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes,

der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft.

2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß von Bildungsstoff

zutheilen, und zwar nur von einer einzigen Gattung, z. B. nur

wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff, oder nur moralischen, oder

nur philologischen; sondern den ganzen Stoff ihm darreichen, und zwar

ganz unverarbeitet, denn die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und

ohne ihm unsere Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei

dem Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern ihm

diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke, als durch Worte

geben, so daß also der Zögling mehr sucht und findet, als nimmt und

empfängt, und alles aus ihm selbst hervorgehe.

Ueber den Umgang mit Menschen · 第 10 / 14 题