Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling, in Betracht der

Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen von gemeiner

Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten

derselben, von Seiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und

ihrer ökonomischen Umstände, für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht

sehr vortheilhaft seyn könne; allein noch in andern Rücksichten

ist hier Vorsicht zu empfehlen. -- Wenn man weiß, welch ein warmer

Verehrer der schönen Künste ich selbst bin: so wird man mir wohl

nicht Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn

ich dem Jünglinge rathe, mäßig im Genuß der schönen Künste, mäßig im

Genusse des Umgangs mit den gefälligen Musen und deren Priestern zu

seyn. -- Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei, wirken

freilich wohlthätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich

für manche edle Gefühle: sie erheben und bereichern die Phantasie,

schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten

und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen

Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, manchfaltiges Elend

veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und eingebildeten,

eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr gerathendes Gemüth ist

wahrlich ein trauriges Geschenk. Ein Herz, das, empfänglich für jeden

Eindruck, wie ein Rohr, von manchfaltigen Leidenschaften hin und her

bewegt, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen

hingerissen wird; ein Nerven-System, auf welchem jeder Betrüger, der

nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann: -- das

alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen Muth, auf

Ausdauern und Beharrlichkeit ankömmt, sehr zur Last. Eine zu warme, zu

hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen

romanhaften Schwung gibt, und uns in eine Ideen-Welt versetzt, kann

uns in der wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich

unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt

Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit

Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir

in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein üppiger Witz, eine

schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen

Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Kosten des Herzens

ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken,

so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit

nachzustreben, und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände

zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt, mitten

durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der Dinge einzudringen,

uns bei den glänzenden Aussenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in

Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehen. Milde

Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene

Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles

Gepräge vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben, das bloß

den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist,

verleidet uns jede ernsthafte Beschäftigung, und entreißt uns den edlen

und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung großer Schwierigkeiten

und durch anhaltende Anstrengung gewiß nicht zu theuer erkauft werden

muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit

unerträglich, raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles

häusliches, den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn

-- mit ~einem~ Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet,

und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt,

der läuft Gefahr, sein wahres dauerhaftes Wohl zu verscherzen, und

seinem Leben jeden Werth und jede Würze, seinem Bewußtseyn jede

Seligkeit, seinem Lebensmuthe jede Nahrung zu entreissen, und in den

späteren Jahren des Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles, was

ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem

Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das wären,

wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der Sitten, wo uns auf

eine gefällige und treffende Weise unsre Verirrungen und Thorheiten

dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es rathsam

seyn, die Bühne oft zu besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen,

welche man als Wohlthäter ihres Zeitalters ansehen müßte. Man darf

aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es ~seyn

könnte~, sondern nach dem, ~was es ist~. Wenn in unsern Lustspielen

die komischen Züge der Narrheit so übertrieben geschildert sind,

daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten darin erkennt;

wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird; wenn junge Phantasten

und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten vernünftigen

Väter und Mütter betrügen und überlisten soll, die zur ehelichen

Glückseligkeit ein wenig mehr, als eingebildete Sympathie und

vorübergehenden Liebes-Rausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der

Leichtsinn im gefälligen Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz

und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Größe und Kraft,

Bewundrung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblick

der ärgsten Greuel vertraut; wenn unsere Einbildungskraft an Erwartung

wunderbarer, feenmäßiger Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt

wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung

Verzicht zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an

die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen; wenn der elendeste

Fratzen-Schneider, die ungeschickteste Dirne, in so fern sie Anhang

unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernten; wenn endlich,

um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theater-Dichter

sich über Wahrscheinlichkeit, ächte Natur, weise Kunst und Anordnung

hinwegsetzen, und sich folglich der Zuschauer in dem Falle befindet,

im Schauspielhause keine Nahrung für den Geist, sondern nur

Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen: -- wer wird sich's

da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten

Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler

betrifft: ihr Stand hat sehr viel Blendendes. Freiheit, Unabhängigkeit

von dem Zwange des bürgerlichen Lebens, gute Bezahlung, Beifall,

Vorliebe des Publikums, Gunst und die schöne Gelegenheit, einem

glänzenden Publikum Talente zu zeigen, die sonst vielleicht auf immer

versteckt geblieben wären; Schmeichelei; die Freuden der Tafel bei

reichen und gastfreien Liebhabern der Kunst; viel Muße; Gelegenheit,

Städte und Menschen kennen zu lernen: -- das alles kann wohl einen

Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten

Gemüthe, mit übel geordneten Leidenschaften und Begierden kämpft,

in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in

vertrauten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen geräth. Aber

nun die Sache näher betrachtet! Was für Menschen sind gewöhnlich diese

Theater-Helden und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne

Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abentheurer; Menschen aus den niedrigsten

Ständen; freche Buhlerinnen; -- mit diesen lebt man, wenn man sich

demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist

schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde

zu gehen. Eifersucht, Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende

Elend, und da diese Künstler fast ganz ausser dem Staate leben, so

fällt bei ihnen ein starker Bewegungsgrund zum Gutseyn weg, nämlich

die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kömmt noch etwa die

Verachtung, mit welcher, freilich unbilliger Weise, manche ernsthafte

Leute auf sie herabsehen, hinzu: so wird das Herz erbittert und

verhärtet. Die tägliche Abwechselung von Rollen benimmt dem Charakter

alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit; man wird zuletzt aus Gewohnheit,

was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine

Gemüths-Stimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz

trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung. Das Publikum wird

des Mannes und seines Spiels überdrüssig; seine Manier gefällt nicht

mehr nach zehn Jahren; leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht

wieder fort; -- und so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches

Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspieler-Lebens.

9.

Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Leitung hat,

dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten und gemessenen

Fuß mit ihnen zu setzen, wenn er nicht von ihrem Eigensinne und ihren

Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankömmt,

sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sey; daß man

einen Künstler zu beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an

Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung,

Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie

übrigens aber, nach Verhältniß der Talente und der sittlichen

Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln,

ohne sich je gemein mit ihnen zu machen.

10.

Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht

zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller und Künstler! Durch

gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher auf immer verdorben worden.

Das übertriebne Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlich,

aufgeblasen, hochmüthig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der

Vollkommenheit nachzustreben, und hören auf, ein Publikum zu achten,

das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der

Zustand unsrer Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn

ist, weil in dem Fache der schönen Wissenschaften so selten etwas unter

uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im Pulte des

Verfassers seine volle Reife erlangt hat.

Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre

auch Dein Herz vor Eifersucht! Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit

widerfahren! Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren

Umgang Du, zum Vortheile Deiner Kunst, weiser und besser werden kannst,

nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten!

11.

So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern von gemeinem

Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit

Männern, die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit

Kunst und Talent verbinden. Es ist ein Glück, an der Seite eines

ächten Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet,

dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei

dem, durch die milden Einwirkungen der Musen, das Herz zu Liebe,

Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und

veredelt sind. Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und

belebend, sein Umgang söhnt mit der Welt und ihren Beschwerden

aus, gewährt Erholung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen

Berufs-Geschäften, und gibt demjenigen neue Federkraft, der durch

lange Anstrengung abgespannt ist; erhöht die mäßigste Kost zu einem

Göttermahle, unsere Hütte zu einem Heiligthume, unsern Heerd zu einem

Altare der Musen.

12.

Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres

wohlthätigen Einflusses auf die Bildung junger Leute zu sagen. Es

würde mich zu weit führen, wenn ich hier alles aus einander setzen

wollte, was sich für und gegen die Sache sagen läßt, und was ich

selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren Gelegenheit

gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil dessen, was über das

Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel gesagt worden, ist auch auf

die gesellschaftlichen Bühnen anwendbar. Welche besondre Vorsicht aber

noch bei der Wahl der Stücke und der Rollen-Vertheilung zu beobachten

ist, wenn gesittete junge Leute Schauspiele aufführen sollen, das

fällt leicht in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch ausserdem

vorzüglich eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart,

auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung und

Bestimmtheit des Charakters, den sie schon erlangt, oder noch nicht

erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich um Rath gefragt würde.

Sechstes Kapitel.

Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im

bürgerlichen Leben.

1.

Machen wir den Anfang mit den ~Aerzten~! Kein Stand ist für das

Menschengeschlecht wohlthätiger, als dieser, wenn er seine Bestimmung

erfüllt. Der Mann, welcher alle Schätze der Natur durchwühlt, und

ihre Kräfte erforscht, um Mittel aufzusuchen, das Meisterstück der

Schöpfung, den Menschen, von den Plagen zu befreien, von welchen sein

sichtbarer, materieller Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden

drücken, und oft schon seine Maschine zerstören, ehe noch einmal

sich jede Kraft in ihm entwickelt hat: der Mann, der sich vor dem

Anblicke des Elendes, Jammers und Schmerzens nicht scheuet, der seine

Gemächlichkeit, seine Ruhe, selbst seine eigne Gesundheit und sein

Leben daran wagt, um den leidenden Brüdern beizustehen; dieser Mann

verdient Verehrung und warmen Dank. Er gibt einer zahlreichen Familie

ihren Beschützer, ihren Erhalter, ihren Wohlthäter wieder, rettet

unmündigen Kindern ihren Vater, Ernährer und Erzieher, führt vom Rande

des Grabes den edeln Gatten zurück in die Arme seines treuen Weibes. --

Mit Einem Worte: kein Stand hat so unmittelbar segenvollen Einfluß auf

das Wohl der Welt, auf das Glück, auf die Ruhe, auf die Zufriedenheit

der Mitbürger, wie der eines Arztes. Und wenn man bedenkt, welch

ein Umfang von Kenntnissen, welch eine Besonnenheit und Ausdauer,

welch eine Geistesgegenwart und Reife des Urtheils dazu gehört: so

erscheint der Arzt, wenn er ganz ist, was sein Beruf fordert, in einer

Würde, die beinahe jede andere überstrahlt, und ihm die stärksten

Ansprüche auf Dank und Verehrung seiner Mitbürger gibt. -- Man wird

es ohne Genie in keinem Stande recht weit bringen; doch gibt es

Wissenschaften, in welchen ein schlichter gesunder Hausverstand,

und wohl noch etwas weniger, recht gute Dienste thut! große Aerzte

hingegen können durchaus nur die feinsten Köpfe seyn. Doch das Genie

macht es nicht allein aus; es gehört das ämsigste und mühseligste

Studium dazu, um es in diesem Fache weit zu bringen. Endlich, wenn man

überlegt, daß diese Kenntnisse, mit allen Hülfswissenschaften, welche

die Arzneikunde voraussetzt, gerade die erhabensten, natürlichsten,

ersten Grundkenntnisse des Menschen sind -- Studium der Natur in

allen ihren Reichen, in allen ihren möglichen Wirkungen, in allen

ihren Bestandtheilen; Studium des Menschen, an Leib und Seele, in

seinen festen und flüssigen Theilen, in seiner ganzen Zusammensetzung,

in seinen Gemüthsbewegungen und Leidenschaften -- was kann denn

lehrreicher, tröstender, erquickender seyn, als der Umgang und die

Hülfe eines solchen Mannes? Es gibt aber unter den Söhnen Aesculaps

auch unzählige von ganz andrer Art; ungerathene Söhne des berühmten und

erhabenen Vaters, denen der Doctorhut das Privilegium gibt, an armen

Kranken Versuche ihrer Unwissenheit zu machen; Leute, die den Körper

des Patienten wie ihr Eigenthum, wie ein Gefäß ansehen, in welches sie

nach Willkühr allerlei flüssige und trockene Materie schütten dürfen,

um wahrzunehmen, welche Wirkung durch den Streit dieser salzartigen,

sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wobei sie nichts

wagen, als höchstens, daß das Gefäß zu Grunde geht. Andern fehlt es,

bei der gründlichsten Kenntniß, an Beobachtungsgeist. Sie verwechseln

die Zeichen der Krankheiten, lassen sich durch falsche Berichte der

Kranken täuschen, forschen nicht kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig

genug, und verordnen dann Mittel, die gewiß helfen würden -- wenn der

Kranke in der That die Krankheit hätte, mit welcher sie ihn behaftet

glauben. Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode, und

schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die Schuld, wenn

ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen, als die erwarteten;

endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht die Genesung der Leidenden

auf, um desto länger, nebst dem Apotheker und Wundarzte, den Vortheil

davon zu ziehen. Fällt man in die Hände eines solchen Afterarztes,

so ist man in der größten Gefahr, das Opfer der Unwissenheit, der

Sorglosigkeit, des Eigensinns oder der Bosheit zu werden.

Nun ist es freilich, selbst einem Laien, der sonst einen geraden Blick

mit einiger Menschenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit verbindet,

nicht so schwer, den ~groben~ Charlatan von dem geschickten Manne,

an seinem Vortrage, an der Art seiner Fragen und Verordnungen, zu

unterscheiden; unter ~den Bessern~ aber Den auszuzeichnen, dem man

am sichersten seinen Körper anvertrauen kann, das ist viel schwerer.

Folgende Vorschriften würde ich daher, in Rücksicht auf den Umgang mit

Aerzten, empfehlen:

Lebe mäßig in allem Betracht, so wirst Du so glücklich seyn, den Arzt

nur als Freund bei Dir zu sehen; aber Du wirst seiner Hülfe selten

bedürfen!

Gib wohl Acht auf das, was Deiner besondern Leibesbeschaffenheit

schädlich oder dienlich ist, was Dir wohl, und was Dir übel bekömmt!

Richte darnach strenge Deine Lebensart ein, so wirst Du nicht oft in

den Fall kommen, Dein Geld in die Apotheke schicken zu müssen!

Wenn man nicht ganz fremd in der Physik, dabei ein wenig bewandert

in medicinischen Büchern ist, sein Temperament kennt, und weiß, zu

welchen Krankheiten man Anlage hat, und was Wirkung auf uns macht: so

kann man auch oft, bei wirklichen Krankheiten, sein eigner Arzt seyn.

Jeder Mensch ist ~einer~ Art von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer

~andern~, in so fern er einförmig lebt. Studirt er nun mit Ernst diesen

einzigen Zweig der Heilkunde, so müßte es sonderbar zugehen, wenn er

davon nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen

sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten übersehen muß.

Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Arzt wendest, und Du

willst Dir einen unter dem Haufen aussuchen: so gib zuerst Acht,

ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er über andre Gegenstände mit

Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil raisonnirt; ob er bescheiden,

verschwiegen, fleißig und seiner Kunst ganz ergeben ist; ob er ein

gefühlvolles, menschenliebendes Herz zeigt; ob er seine Kranken mit

einer Menge verschiedner Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher

Mittel zu bedienen, der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt;

ob er eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob er

verbietet, was ~ihm~ selbst zuwider ist; nur anräth, wozu er selbst

geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob er fest in

seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und von einer Heilart

zur andern übergehet; ob er einzelnen Kennzeichen entgegen arbeitet,

oder immer die Hauptsache vor Augen hat; ob er Brodneid gegen seine

Kunstverwandten, sich eben so bereitwillig zeigt, den Großen und

Reichen, als den Niedern und Armen beizustehen? Bist Du über diese

Punkte befriedigt und beruhigt, so vertraue Dich ihm an.

Vertraue Dich aber ihm allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung!

Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der dazu dienen mag, ihn

mit dem Zustande und dem Sitze Deines Uebels bekannt zu machen! Doch

mische keine nichtsbedeutende Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine

Grillen, keine Einbildungen hinein, die ihn irre machen könnten! Folge

strenge und pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe,

ob das, was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel

sey! Laß Dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei Hausmittel,

möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu gebrauchen, noch

heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen! Vor allen Dingen nimm

nicht etwa zu gleicher Zeit zwei solcher Herren öffentlich an! Die

Resultate ihrer Berathungen werden eben so viel Todesurtheile für Dich

seyn; Keinem von Beiden wird Deine Genesung am Herzen liegen; sie

werden Deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen

gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen, Dich gesund

zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich dem Tode überliefern,

um nachher wechselseitig die Schuld auf einander schieben zu können.

Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kräften steht, Deine

Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern reichlich, nach

Deinem Vermögen! Hast Du aber Ursache, zu glauben, daß er eigennützig

sey, so setze Dich auf den Fuß, ihm jährlich etwas Festgesetztes zu

zahlen, Du mögest krank oder gesund seyn, damit er kein Interesse dabei

habe, Dich mit allerlei Krankheiten zu versehen, oder Deine Herstellung

aufzuhalten.

2.

Wenden wir uns nun zu den Juristen! Nächst den natürlichen Gütern,

nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und des Leibes, ist

in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz des Eigenthums

das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beiträgt, uns diesen Besitz

zuzusichern; wer sich weder durch Freundschaft, noch Partheilichkeit,

noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft, noch Schmeichelei, noch

Eigennutz, noch Menschen-Furcht bewegen läßt, auch nur einen einzelnen

kleinen Schritt von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abzuweichen; wer

durch alle Künste der List und Ueberredung, durch die Unbestimmtheit,

Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch,

klar zu schauen, und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit, Redlichkeit

und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer der Beschützer der

Aermern, des Schwächern und Unterdrückten gegen den Stärkern, Reichern

und Unterdrücker; wer der Waisen Vater, der Unschuldigen Retter und

Vertheidiger ist -- der ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth.

Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie sehr viel

dazu gehöre, auf den Titel eines würdigen Richters und auf den

eines edlen Sachwalters Anspruch machen zu dürfen; und es ist, am

gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurtheilt, wenn man behauptet,

es werde, um ein guter Jurist zu seyn, wenig gesunde Vernunft,

sondern nur Gedächtniß, ein wenig Schlauheit und ein wenig Phlegma,

Vorliebe für den Schlendrian und ein hartes Herz erfordert; oder die

Rechtsgelehrsamkeit sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf

eine rechtsbeständige Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn

man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein römisches

Recht im Kopfe hat, die Kunstgriffe der Auslegung und Anwendung der

Gesetze kennt, und die spitzfindigen Distinctionen der Rabulisten

studirt hat, so mag man Recht haben; aber ein solcher entheiligt auch

sein ehrwürdiges Amt.

Doch ist es in der That traurig -- um auch das Böse nicht zu

verschweigen -- daß die Handlungen so vieler Richter und Advocaten,

so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern, so viel Grund

und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen geben. So geschieht es, daß

sich Menschen ohne Grundsätze, verschrobene und alltägliche Köpfe,

dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der

Gesetze keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz

auf diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden

Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandecten nicht am

Schnürchen hat, glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze

Gedanken-Reihe knüpft sich nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus

Juris an, und ein steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen

Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. In allen

übrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden,

das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist

in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze Stadt der

einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer Styl, seine

bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, die einfachste

deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, und unverständlich

zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack und Sinn für Klarheit hat,

mit Ekel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß

Deine Angelegenheit einem eigennützigen, partheiischen, faulen,

oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt; so ist es schon

genug, daß Dein oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl,

ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, um

bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer

Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze

Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu sehen, und dreimal so viel

Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits werth ist,

ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren, und Dein offenbares

Eigenthum fremden Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht

der Fall; wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche

Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art,

daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses

zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer,

indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermögen theilen.

Da wird die gegründeteste Forderung wegen eines kleinen Mangels an

elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's

gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe

wegreißt, wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn irgend

eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte nicht

Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zur Führung des Prozesses

aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter

ihrer Voreltern, unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden

zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe

bleiben, indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. Da muß

mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die

Richter mit der Sprache der Unschuld weniger bekannt sind, als mit den

Wendungen einer falschen Beredsamkeit. Da lassen Professoren Urtheile

über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben

demjenigen Recht, der das Responsum bezahlt. -- Doch was helfen hier

alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung?

Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey, als ein

fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine Geschäfte in solcher

Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten so klar, daß man seinen Erben

nicht die geringste Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes

hinterlasse!

Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so suche man

sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten -- man

wird oft ein wenig lange suchen müssen -- und bemühe sich, mit ihm also

einig zu werden, daß man ihm, ausser seinen Gebühren, noch reichere

Bezahlung verspreche, nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen

welcher er die Sache zu Ende bringen wird!

Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen,

wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände gerathen

sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und

Inconsequenz in Geschäften herrschen!

Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen

anwendet, der ist beinahe ein eben so arger Schelm, wie Der, welcher

nimmt.

Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die man mit

Juristen von gemeinem Schlage vorhat.

Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und

einfach behandelt werden sollen!

Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen und

Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. Ein

juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft;

juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger, als

gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck ist nicht selten einer andern

Auslegung fähig, als gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft

das Gegentheil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt.

3.

Ich komme jetzt zu dem ~Wehrstande~. Wenn in unsern heutigen Kriegen

noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst, Menschen zu vertilgen,

nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben würde; wenn allein

persönliche Tapferkeit das Glück des Kriegers entschiede, und der

Soldat nur für sein Vaterland, zur Vertheidigung seines Eigenthums

und seiner Freiheit stritte: so würde auch kein solcher Ton unter den

Kriegsleuten herrschen, wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz

andre Arten von Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich

Subordination und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse

Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese die

Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich stehen zu bleiben

und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich schießen zu lassen, weil

die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz und ihre Eroberungssucht

es so wollen, und die Völker nur um der Fürsten willen da sind.

Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zügellosigkeit und ein trotziges

Hinwegsetzen über alle Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft

-- gleich als wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens -- noch in

der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine

Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In unsern Tagen

aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europäischen

Staaten, besonders in Frankreich, findet man im Soldatenstande

Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern der Wissenschaften und

Künste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke gehören, durch ein

gefälliges, geschmeidiges und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit,

Sanftmuth des Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich

der allgemeinen Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also keine

besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu geben haben,

wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also auch hier, Ausnahmen

Statt fänden, theils einige andre Rücksichten nicht mit Stillschweigen

übergangen werden dürfen; doch kann ich mich dabei kurz fassen.

Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen nach, sich

weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch

den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, der thut wohl, wenn er die

Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, Trunk oder andern dergleichen Fällen,

mit ~rohen~ Leuten vom Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen,

oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so

behutsam, höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen

kömmt hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht; und

ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt, selbst von

ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und geschont zu werden.

Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen Offiziere

vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner Ehre, das in

den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, herrschend ist,

und das von mancher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu

weitläuftig zu entwickeln seyn würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht

das kleinste zweideutige Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen,

ohne Genugthuung durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht

selten ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich

erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf z. B.

wohl sagen: »Das war doch ~nicht gut~,« aber keinesweges: »Das war

~schlecht~ von Ihnen;« -- und doch muß das, was ~nicht gut~ ist,

nothwendig ~schlecht~ seyn. Mit dieser Sprache der Uebereinkunft soll

man sich also ~bekannt~ machen, wenn man mit Personen, denen dieselbe

Gesetze auflegt, umgehen will.

Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das Mindeste,

zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht sich wohl

um so mehr von selbst, da es in der That nöthig ist, daß der Soldat

seinen Stand für den ersten und wichtigsten in der Welt halte. -- Denn

was soll ihn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefährlichen

Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind?

Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein offenes,

treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen, durch freien und

muntern Scherz, Gunst und Beifall; man muß also mit ihrer Weise bekannt

seyn, wenn man mit dieser Klasse leben will. Doch sind vielleicht die

Zeiten nicht mehr fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und

der Stand eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt

bleiben wird.

4.

Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der eines

~Kaufmanns~, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfängt, wenn das

Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, wenn er ein wenig vor sich

gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen mit gehöriger Klugheit

treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt

einer so glücklichen Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her

so unmittelbar thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur

und Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie und

durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten

und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer Nationen

umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen Bedürfnissen,

mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, Schätzen und Sitten bekannt

gemacht werden, die ausserdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel

später, bis dahin gedrungen seyn würden, so läßt sich wohl nicht

zweifeln, daß eine Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich

die Gewalt erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst

dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben, und

der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht übertreten

könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es theils nur sehr

wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten dieses Standes

in der Welt, theils sind sie durch ein sehr verschiedenes Interesse

so getrennt, daß sie sich nicht zu einer solchen Machthaberschaft

vereinigen können; und so fällt zwar die Wirkung nicht weg, welche der

Handel auf Sitten und Aufklärung hat; aber es geht doch damit nicht

methodisch zu, sondern alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der

Zeit fort. Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches

ich von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann von

feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und, wenn es ihm

um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann von edeln, erhabenen

Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es solche Männer in diesem Stande,

und ich habe, besonders während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen

und andern großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die

wahrlich, wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter den

größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären.

Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit

weisen und guten Menschen umgehen soll, so will ich hier nur von dem

Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese

werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur

dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders,

als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den Werth eines

Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens beurtheilen,

und bei ihnen: ~der Mann ist gut~, so viel heißt, als: ~der Mann ist

reich~. Hierzu gesellet sich wohl noch, besonders in Reichsstädten,

eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo

es Aufsehen macht, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen

fest stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit

und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, äusserst

eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel versagen: so

bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geitz

und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit

und Ansprüchen, der Mitleiden erregt; und so industriös auch sonst die

Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein

kleines Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen

Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser Hamburg ist dieß

wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr oder weniger der Fall.

Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens in

dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände nicht zerrüttet seyen:

Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sey es durch Deine Schuld,

oder durch Unglück, so wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen

des Verstandes und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel

leidest.

Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer

großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder seine Eitelkeit mit

in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus

an Arme gibt; oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe

hundertfältig vergelten werde: dann wird es andächtiger Wucher.

Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld.

Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel; aber sie

spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich

daher, wenn man das Spiel nicht versteht, und es nachlässig, bloß als

einen Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern einzulassen!

Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen Stand oder Rang,

oder Deine Geburt geltend machen zu wollen, besonders wenn Du nicht

reich bist! oder Du wirst Dich kränkenden Demüthigungen aussetzen.

Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne mit Stern, Orden

und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht dann aus Prahlerei, um

zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen, oder daß man

mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen stehe.

Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder nur aus

Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth erkannt

werde!

Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf

Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den Kaufleuten in den Ruf,

strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen: so werden sie Dich

höher achten, als manchen viel reichern Mann.

Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem Grunde

versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen

und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei der Sache ein sicherer

Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so hütet sich der Kaufmann wohl,

einem Laien, und wäre er sein bester Freund, davon Eröffnung zu

thun, um ihn Theil nehmen zu lassen. Solche Anträge sind also immer

verdächtig. Daß man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich

ausfällt, bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich

von selbst.

Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! -- das ist

eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und

von Waaren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der

Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werde, für seine Waare einen

übertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingibt, was er hat.

Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem man

Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn: so wechsele

man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern!

Man wird von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer

Kundschaft gelegen ist, treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn

es ja unsere Umstände erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den

Preis der Waaren zu erhöhen.

Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, der ihm

aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, Zeitverlust und

Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den Frauenzimmern eigen,

die zuweilen sich für tausend Thaler Waare auspacken lassen, um, nach

zweistündiger Beäuglung und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder

gar alles Gesehene zu schlecht und theuer zu finden.

Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur Krämer

wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr

viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie dieselben hingeben

wollen. Andre geben mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit vor,

daß sie den äussersten Preis setzen, und lassen sich keinen Heller

abdingen; und so muß man oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache

werth ist. Erstern würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen

können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen

Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren

dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, als

unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und Solche,

die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bei Andern hingegen

verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so

bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Uebrigens

soll der, welcher kaufen will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig,

einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich

Kenntniß von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die man

kaufen will.

Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten habe,

das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurtheil

eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herren

und Diener sich keinen Gewissensvorwurf machen zu dürfen glauben, wenn

sie einander betrügen.

5.

Die Herren ~Buchhändler~ verdienten wohl ein eigenes Kapitel. In

demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen unter ihnen

sagen, die diesen Handel nicht als einen jüdischen Erwerb treiben, so

daß sie etwa wenig darum bekümmert wären, was ~für~ Bücher bei ihnen

verlegt und verkauft werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird,

-- denen es nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen

Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung

eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und schlechter Grundsätze

dienen, -- sondern denen, wie unserm Nicolai, Wahrheit, Kultur und

Aufklärung am Herzen liegen, -- die das verkannte, im Dunkeln lebende

Talent ermuntern, aus dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und

großmüthig unterstützen, -- die den täglichen Umgang und das Verkehr

mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse zu

sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen zu werden. Und

dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild keine üble Wirkung

machen -- das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert

hindurch die vortrefflichsten Werke durch seine schmutzigen,

geldgierigen Finger gegangen sind, noch immer eben so unwissend

und dumm geblieben ist -- ausgenommen die kleinen Wucher-Künste,

-- wie ein zehnjähriger Knabe, -- der Manuscripte und neue Bücher

nach der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack

und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, -- der, um diesen

falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben jämmerliche

Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben, und unter seiner Firma

(Namen) in die Welt gehen läßt, -- der die erbärmlichste Schmiererei,

deren Nichtswürdigkeit er selbst fühlt, durch einen viel versprechenden

Mode-Titel, oder durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt

und Leipzig schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob

von feilen Recensenten erkauft, -- den Mann von Talenten wie einen

Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen

Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein Werk,

das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer

Geistesgröße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie

Maculatur zu erhandeln, -- der, so oft ihm ein Werk angeboten wird,

verächtlich die Nase rümpft und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler

daran zu kommen, -- der, wie unter andern unsere Carlsruher und

Frankenthaler Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume

wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller

mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um nicht ihre Sclaven

zu werden, -- wie man sich bei ihnen ein Gewicht geben könne, und in

welche Form man seine Geistes-Produkte gießen müsse, damit sie von den

Sosiern unsrer Zeit in Verlag genommen werden. -- Das aber sind zum

Theil Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich

fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der bloß Leser ist,

verrathen darf.

Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle

Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten reich

werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen Einwohner

annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch tausendmal abgedruckt

würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen nur ein Exemplar. -- Und

welches Buch könnte so schlecht seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen

wenigstens Einer Lust bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald

anderer Meinung, wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler

durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern nicht mit

Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von andern Käufern aber

oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß man von der Summe jener

24 Millionen beinahe den ganzen Bauernstand und die Einwohner der

kleinsten Städte abrechnen muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken

und Nachdruck-Fabriken ihnen beträchtlichen Schaden zufügen.

Doch noch ~eine~ Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern, besonders in

minder großen Städten, beliebt machen will, der leihe und verleihe

nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! Man kann

es sonst wahrlich den armen Handelsmännern nicht übel nehmen, daß

sie sich durch Nachdruck, kleine Künste und sparsames Honorarium an

ihren Collegen, am Publiko und an den Autoren zu erholen suchen, wenn

unter zwanzig Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber

unentgeldlich mitlesen.

6.

Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit, da ich

Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte, zugleich von dem

Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet. Unter dieser Klasse habe

ich aber die sogenannten +Maîtres+, d. h. die stundenweise bedungenen

Unterweiser ~in Sprachen und Künsten~, nicht mit begriffen. Von diesen

muß ich daher hier noch ein Paar Worte sagen.

Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung seines

Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und Wetter, von einem Hause

in das andere zu laufen, und ohne freie Wahl der Schüler dieselben

Anfangsgründe einer Kunst oder Sprache unzähligemal wiederholen zu

müssen. Findet man nun unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den,

trotz dieser abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche

seine Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich

darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und deutlich

vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern, der etwas zu

unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter diesen Herren sehr

schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung und Sitten, die von

dem, was sie Andern beibringen wollen, selbst keine klare Begriffe,

am wenigsten aber die Gabe haben, in Andern dergleichen zu erwecken,

-- Menschen, die, besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es

bloß auf Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die

unwissenden Eltern täuschen können, welche sich nun überreden, daß

ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der Meister froh

ist, wenn er die Stunde überstanden hat, -- Menschen, die, um nur die

Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen erzählen, aus ~einem~ Hause

in das andre tragen, oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und

Liebesbriefträgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater, und

wem sonst junge Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen

Gattung von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei

den Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt,

gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht

besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen. Die größere

Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister besteht aus sehr

leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen. Die Musik erregt Gefühle,

aber dunkle Gefühle, die öfter für Wollust, als für hohe Tugenden

empfänglich machen, mehr die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen.

Deswegen gibt es unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche

Menschen. Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede

nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse Klasse

von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die so reich ist an

glatten Worten und feinen Wendungen, wird von diesen Menschen benutzt,

um unschuldigen Herzen das Gift der Eitelkeit beizubringen.

7.

Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter ~Handwerksmann~ oder

~Künstler~ ist eine der nützlichsten Personen im Staate, und es macht

unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so gering schätzen. Was

hat ein müssiger Hofschranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein

baares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger

voraus, der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände

Arbeit erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten

Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung und Kleidung und

für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen hohen Händen sorgen

müssen; und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Künstler (wie es

sehr oft der Fall ist) durch Erfindungskraft und Verfeinerung seiner

Kunst über das Mechanische, so verdient er doppelte Achtung. Dazu

kömmt, daß man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften

Zeit genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die

hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen sind,

als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft

verschroben haben.

Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen

Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu betragen! Und

wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen, ob man gleich keine

Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem Fleiße und seinen Preisen

unzufrieden zu seyn. Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen

Leuten rege! Man ziehe, bei gleichen Umständen, ~den~ Handwerksmann,

der unser Nachbar ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle

ordentlich, pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen

der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler

Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den sie machen,

zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche für sie arbeiten, zu

befriedigen. Eben die Verschwender, welche vielleicht in ~einem~ Abende

Tausende im Spiele verlieren, und es für eine Ehrensache halten, diese

Schuld ohne Aufschub zu tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine

Rechnung von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren

Auslagen von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre lang

warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen ihn wohl gar

von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende Weise abfertigen.

Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt so manchen ehrlichen, sonst

wohlhabenden Bürger in Mangel, oder verleitet ihn, ein Betrüger zu

werden.

Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige Gewohnheit

des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten können, noch halten

wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als sie in der bestimmten Frist zu

liefern im Stande sind. Es würde der Mühe werth seyn, daß sich, wie

ich schon oben in Ansehung der übertheuernden Krämer vorgeschlagen

habe, die angesehensten Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem

solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit

den Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß ich

augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht

halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung der Arbeit

baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner belogen wird, als Andre.

8.

Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit

Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit

auch von den ~Juden~, als gebornen Handelsmännern, hätte reden

sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa über diesen Gegenstand

vorzutragen habe, hier nachholen.

In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in allen ihren

Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar mit christlichen

Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden. In Holland

und in einigen Städten von Deutschland, besonders in Berlin, ist

die Lebensart mancher jüdischen Familien von der Weise anderer

Religions-Verwandten auch fast gar nicht verschieden. In diesen Fällen

nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Charakter dieses

Volks so viel widrige Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider

die mehrsten Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie

die Einfalt und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und

Thorheiten vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist

spielt dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens

die höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden

begegnen, -- der Druck, unter welchem sie in den mehrsten Ländern

leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als durch Wucher, ihren

Lebens-Unterhalt zu gewinnen, -- daß diese unsere Ungerechtigkeit

nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch schlecht zu machen, und

zur Niederträchtigkeit und zum Betruge zu reizen, -- endlich daß

es, ungeachtet aller dieser Umstände, dennoch edle, wohlwollende,

großmüthige Menschen unter ihnen gibt: -- das sind bekannte, oft

gesagte Dinge. Laßt uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern

Umständen seyn ~könnten~, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind,

sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern Anzahl

beurtheilen müssen, betrachten!

Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld und

Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch den kleinsten

Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen, durch ihren Zusammenhang in

allen Ländern und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Bedrückung

und Zurückweisung abschrecken lassen, fast unmögliche Dinge möglich.

Man kann sie daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf

ihre Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß man

ihre Dienste gut bezahlen.

Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig;

zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das Aergste zu wagen;

verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren Einfällen; Schmeichler im

höchsten Grade, und finden dadurch Mittel, sich ohne Aufsehen in den

größten Häusern Einfluß zu verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne

sie schwerlich bewirken würde.

Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber ~einmal~ überzeugt, daß sie

pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen Manne

zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe finden, wenn alle

christlichen Wucherer sich zurückziehen.

Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände

in einer zweideutigen Lage: so wird niemand dieß leichter gewahr

werden, als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld

vorschießen werde, oder mache Dich gefaßt, ihm, wenn er es auf

Speculation daran wagt, Dich zu so übertriebenen Procenten und zu

solchen Bedingungen verbindlich machen zu müssen, daß dadurch Deine

Lage gewiß noch unglücklicher wird!

Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen, weil

es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns ist. Darum gehen

sie in Geld-Angelegenheiten mit der größten Vorsicht zu Werke, und

lassen sich dabei keine Mühe verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht

recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie

denselben auf einen andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen

sie bei Handwerkern, Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten

Umständen des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten Zeit

wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt die Zahlung

noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte

nur irgend eine Spur von Verlegenheit über Deine Umstände, oder von

zu großer Freude über die zu hoffende Hülfe zu lesen, so wird der

Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und hätte er auch schon

angefangen, das Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold

geben wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich

gefaßt machen, wenn man in solche Fälle kömmt.

Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam, die Augen oder

den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß ein Christ sich auf

ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen nicht verlassen darf.

Sie werden Euch Kupfer für Gold, drei Ellen für vier, alte Sachen für

neue verkaufen, falsche Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser

verstehet.

Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will,

so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches Gebot thut,

sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen, ohne sein Gebot

anzunehmen, so wird die Nachricht, daß bei Dir etwas zu schachern sey,

und daß man Mendeln oder Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie

ein Lauf-Feuer durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge

publicirt werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es

werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein

Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird immer etwas weniger

bieten, als der vorhergehende, bis Du endlich entweder den ersten

wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebotene Summe

noch vermindert, oder bis Deine Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie

für die Hälfte des Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem

Ersten einhändigt. Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel

so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so schlage doch

nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder weil er nun

denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen können, oder es stecke

Betrug dahinter.

Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig, so wird er

doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen. Er wird gewöhnlich

sagen: »er habe kein baares Geld bei sich, wolle aber die Uhr oder

sonst etwas zum Unterpfande lassen.« Er weiß wohl, daß man das selten

annimmt. Gibt man ihm nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er

dies in der ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder,

mit dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich

übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß lange hinter

der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu gerne Waare statt

Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen gar zu sehr an's Herz

gewachsen. -- Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. Etwas ganz

Charakteristisches hat diese Nation übrigens in Allem. -- Ich rede von

dem großen Haufen derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht

nicht zu ihrem Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben.

-- Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene Art,

wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man gebe Acht auf

die Verzierungen, welche auch die reichsten alten Juden in ihren

Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von den Knäufen an dem Tempel

Salomons, von den Verzierungen der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und

gezwirnter weißer Seide mit unterläuft.

9.

In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der ~Bauer~

in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter ist,

als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit Abgaben

überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem Joche grausamer,

habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben

keinen Schatten von Freiheit, kein sichres Eigenthum, und arbeiten

nicht für sich und die Ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen.

Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, zu

Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen,

zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu können:

o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen Hütten

Freude zu verbreiten, und seinen Namen von Kindern und Enkeln mit Segen

nennen zu hören!

Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische,

widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus der geringsten

Wohlthat eine Schuldigkeit machen, -- daß sie nie zufrieden sind,

immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehen kann;

allein sind wir nicht selbst durch lange fortgesetzte unedle Behandlung

und Vernachlässigung ihrer Bildung daran Schuld, daß niederträchtige

Gesinnungen bei ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen

Mittelweg zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge

und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr

sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt hat, des Rechts

begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen Diensten zu gebrauchen;

allein, kann es erlaubt seyn, diese Dienste auch dann zu verlangen,

wenn nur von dem edlen Vergnügen einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei

die Rede ist? ist es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine

Gegenwart zu Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter

einander in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren und

Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm die schuldigen

Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umständen

haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle nehmen, und darauf halten,

daß die Beamten die Gelder in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen

Landmanne weniger schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit

Leib und Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben.

Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung

des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer genau genug,

welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den

von niedrigem Stande, taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr

durch Beispiele als durch Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen

ererbten Vorurtheilen, in der Art des Feldbaues und überhaupt in der

Führung des Haushalts, zurückzukommen, -- daß man durch zweckmäßigen

Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen Aberglauben,

den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu zerstören trachte,

-- daß man die Bauern gut schreiben, lesen und rechnen lehre: das

ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten

und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine

Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand

zu öffnen, so lange man nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu

verbessern; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage,

und aufgelegt zu machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter

zu declamiren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der

feinen Höflichkeit zu geben -- das taugt wahrlich nicht, obgleich es

auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte einer

solchen Aufklärung vorsätzlich ~hindern~ zu wollen. Ohne alle diese

künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten Menschen

von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm Kopfe, und von so

festem Charakter an, die manchen hochstudirten Herrn beschämen könnten.

Es scheint also rathsam, hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu

Werke zu gehen. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig,

gerade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem

Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich seine

Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen.

Von ~Land-Edelleuten~ und andern Personen höhern Standes, die in den

Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man nehme keinen Residenz-Ton

im Umgange mit ihnen an, hüte sich vor leeren Complimenten, nehme Theil

an ihren ländlichen Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen

Zwang, ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen als

Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn.

Siebentes Kapitel.

Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.

1.

Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern. Ich rede

hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern -- von diesen

soll gleich nachher gehandelt werden! -- sondern von der unschädlichen

Art der Abentheurer, die, wenn sie sich mit der Glücksgöttin gar

zu oft überworfen haben, zuletzt an die kleinen Neckereien dieses

launigten Weibes so gewöhnt sind, daß sie immer aufs Neue blindlings

in den Glückstopf hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger

geklopft zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen.

Sie leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung

los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was ihnen für den

Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu eröffnen scheint.

Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension, eine Bedienung an

irgend einem Hofe, oder dergleichen zu erschleichen ist, da sind sie

nicht saumselig. Sie verändern den Namen, adeln sich, schaffen sich um,

so oft es ihnen beliebt, und es die Sache erleichtern kann. Was sich

als Edelmann nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis,

als Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, kein

Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an die Spitze

der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, über welche

sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar den Gelehrten

zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen Gewandtheit,

mit einem +savoir faire+, das selbst der bessere Mann zum Theil von

ihnen lernen sollte, gelangen sie zu Dingen, die der Rechtschaffenste

und Verständigste nicht einmal zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe

Menschenkenntniß haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über

wahre Weisheit den Meister spielt -- +esprit de conduite+. Gelingt

das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch nicht in

ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland, und als

blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen eben so zu Hause, wie

in einer prächtigen Karosse. -- Ein gutmüthiges Völkchen, durch das

Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden und Leiden geduldig zu ertragen und zu

theilen! Haben sie irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr

Bündelchen, und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein

flüchtiger Morgen-Traum.

Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie haben so

Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner ihr Umgang nicht

ganz uninteressant seyn kann. Ja, wenn sie sonst nicht bösartig sind,

so findet man bei ihnen Theilnehmung, Dienstfertigkeit und Gefälligkeit

in hohem Grade. Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen

Verbindung mit ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich

gegen sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften!

Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich von ihrem

Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre Hülfe versprechen;

auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der Wahl der Mittel zu seyn,

welche sie anwenden, um zu einem Zwecke zu gelangen.

2.

Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter

Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt, unter

falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln und Ehrenzeichen

geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige Gründe eintreten,

oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch würde Dir das nicht immer

gelingen; denn seine Unverschämtheit möchte vielleicht Wege finden,

das Unangenehme einer solchen Scene auf Dich selbst fallen zu machen.

Doch kann es zuweilen nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen

merken zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht stehen

würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen wolle. Dann

wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung zurückhalten, böse

Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen Landläufern äusserst

gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer, Verleumder, Diebe und

Schelme aller Art. Nicht nur sollte diesen die Thür jedes ehrlichen

Mannes sorgfältig verschlossen werden, sondern die kleinern deutschen

Fürsten würden auch wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem

Gesindel einließen, welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne

und Entwürfe zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum

Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt, redliche

Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig macht, seinen Beutel

zum Ruin des Landes spickt, freilich seine Rolle selten lange spielt;

aber wenn es auch, mit Schimpf und Schande beladen, davon gehen muß,

mehrentheils viel gestiftetes Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut

machen kann, und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es

seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es Pflicht,

dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch thue man das

nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise gegen ihn in Händen

hat! denn dergleichen Menschen haben die Gabe, ihre Sache von solchen

Seiten vorzustellen, daß man sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern

Waffen angreift.

3.

Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung, die ~Spieler~

vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun von ihnen rede, werde

ich auch Gelegenheit nehmen, über das Spiel im Allgemeinen und über das

Betragen bei demselben etwas zu sagen.

Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling, den

Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend stürzen, keine

den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen und Lastern

verwickeln, als die unglückselige Spielsucht. Sie erzeugt und nährt

alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen: Habsucht, Neid, Haß, Zorn,

Schadenfreude, Verstellung, Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück;

sie kann zu Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung

führen, und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer

reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld auf

so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen hat, muß

furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks nicht abwarten, sondern

muß bei dem ersten widrigen Schlage das Feld räumen, oder er wagt

es darauf, aus einem Dürftigen ein Bettler zu werden. Doch ist die

Thorheit der Erstern noch weit größer, als die der Letztern. Selten

stirbt der Spieler als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden

Wege Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen, den

möchte man einen Wahnsinnigen nennen.

Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken gewiß nicht,

daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche ~gewisse~

Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen, die sie von dem

möglichen ~ungewissen~ Gewinne abrechnen müssen; nämlich das

Kartengeld. Sie bedenken noch weniger, daß sie die unwürdigsten

Zeitverschwender, und allen Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher

oder später der Verzweiflung preisgegeben sind.

Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel einzulassen,

wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist!

Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! -- Die wenigen Ausnahmen,

wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von Profession Unrecht thun

könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht zu werden; und wer sich

dieser verächtlichen Lebensart widmet, mag es nicht übel nehmen, daß

man ihm den Geist der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt.

Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen Preis

gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem Ungefähr

preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet ohnehin jede

Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz schlummern müssen, und man

darf nur ein mittelmäßiger Rechner seyn, um sich zu überzeugen, daß

bei solchen Glücksspielen die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist.

Wollen wir aber gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der

Erfolg ein Werk des Zufalls: -- und wer wird denn vom Zufalle abhängen

wollen?

Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht, oder lerne

sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit, es mag um

hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit gelten! Lerne Dich aber auch im

Spiele beherrschen, und wage nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch

gehäufte Fehler der Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und

Deinen Mitspielern Ungeduld und Langeweile!

Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst, und wenn Du

verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will, der muß sich auf die

Blindekuh einschränken.

Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere klagen stets

über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren eigenen Geldbeutel; die

Andern aber sprechen sich selbst ein böses Urtheil. Denn wer ohne

Unterlaß verliert, ist ein Narr, wenn er nicht endlich das Spielen

aufgibt.

Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß Deinen

Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht, wenn Deine

Mitspieler Fehler machen!

Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt Dem, welcher

verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust selbst.

Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern oder

unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten, denen es eine

wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen vollzählig zu haben.

-- Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung werth. --

Wenden wir uns zu andern Gegenständen!

4.

Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die ~Geisterseher~,

~Goldmacher~ und andre ~mystische Betrüger~ keine unbeträchtliche

Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der Glaube an übernatürliche

Wirkungen und Erscheinungen, ist sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie

manche Lücke in unsern philosophischen Systemen und Theorien übrig

bleibt, so lange unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung

eingeschränkt ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen

dieser Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem

Menschen ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen +a posteriori+ zu

erläutern, wenn es mit den Beweisen +a priori+ nicht recht gehen

will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu ziehen, die

ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch Schlüsse, nicht

vollständig herauskommen. Da geschieht es dann, daß, um eine Menge

solcher Thatsachen zu gewinnen, man geneigt ist, jedes Mährchen für

wahr, jede Täuschung für Realität zu halten, damit man seinem Glauben

Gewicht gebe. Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man

sich bestrebt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer

wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden; um desto

leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher verachtet

haben, so lange noch auf dem hellen Wege der Theorie neue Entdeckungen

zu machen waren. Ich glaube, daß dieß eine ungezwungene Erklärung

des Phänomens ist, das so Manchem höchst wunderbar scheint, -- des

Phänomens, daß in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube

an Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt.

Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine Menge Betrüger zu

Nutze, die theils planmäßig verbunden, uns zu unterjochen, theils

einzeln, nach Zeit und Gelegenheit darauf ausgehen, die Augen der

Schwachen zu blenden.

Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei über unsern

Willen, oder auf irgend einen andern moralischen, intellectuellen oder

politischen Mißbrauch angesehen: so ist es immer sehr wichtig, dagegen

auf seiner Hut zu seyn.

Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer

solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's, Schröpfer und

Consorten, bis auf den armen Masius hinunter, sämmtlich von einer

einzigen Triebfeder regiert werden, und daß jeder solcher Wundermann

seine Unternehmungen auf denselben Zweck zu leiten die Absicht haben

sollte: so sind wir doch denen allen Dank schuldig, die uns vor

solchen Abentheurern warnen, und uns wenigstens zeigen, ~wohin das

führen~ könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist

gesagt worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei dem

Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln

vorschlagen.

Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen und Gold

machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon Du nicht das

Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht möglich ist, dagegen

etwas einzuwenden! -- denn Beweise, die auf Vordersätzen beruhen,

welche nur willkührlich angenommen sind, können bloß den überzeugen,

der Lust hat, davon überzeugt zu werden. -- Aber baue nicht, bei

der Möglichkeit einer Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch

auf metaphysische Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand

durch Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich

jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben ist: so

bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare Wesen

seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen unsichtbaren

Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als nach den Sitten der

wackern wirklichen Personen, unter denen es umherwandelt.

Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme für thätige,

nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden sich die Herren

Mystiker nicht leicht zu uns gesellen!

Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist Dir daran

gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu lernen: so hüte Dich,

vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren! Er wird sonst bald merken,

daß mit Dir, als einem Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird

Dich nicht einweihen in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem

esoterischen Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich

und Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten, --

ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen Mann nicht

schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen zu lassen,

bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat, wäre auch aller Anschein

dagegen; besonders wenn es Dinge betrifft, in welchen selbst der

Weiseste lebenslang im Finstern tappt.

Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben; so ist

Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer zu bekehren. Man

gehe also Schritt vor Schritt, und da die Sinne leichter getäuscht

werden können, als die Vernunft, so fordre man, bevor man sich auf

Erscheinungen, Proben und Processe einläßt, daß vor allen Dingen

zuerst die Theorie, auf welcher das alles beruht, recht deutlich

erklärt werde! und hier lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche

Sprache ein, sondern auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und

auf den Ideen-Gang und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten

üblich ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der

Mystiker stecken; aber für ~uns~ kann nur ~das~ Werth haben, was ~wir~

verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen schmutzigen Kiesel

für einen Diamant zu halten; aber wenn man kein eben so großer Kenner

von Edelsteinen ist, so sage man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus:

»daß man diesen Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen

Kiesel halten könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen;

aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben zu

wollen, als verstünde man, -- was man nicht versteht.

Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder Geisterseher,

bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang sein Spielwerk mit

Dir getrieben -- o! wer ist mehr in dieser Leute Händen gewesen,

als ich? -- und Du entlarvst endlich den Schurken: dann scheue Dich

nicht, nein! denke, daß es Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher,

leichtgläubiger Leute, öffentlich den Betrug bekannt zu machen, --

möchtest Du auch dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen!

Achtes Kapitel.

Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern

derselben.

1.

Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke, mit

welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt, gehört auch

die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener Art. Man wird

heut zu Tage in allen Ständen wenig Menschen antreffen, die nicht von

Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet,

wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung

gewesen wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit seyn,

diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen

Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe mich lange genug

mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden, und jedem

jungen Manne, dem seine Zeit lieb ist, mit Zuversicht den Rath geben

zu können, sich in keine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben,

wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in

gleichem Grade, aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und

gefährlich. Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine

Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. Die

christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, wie

diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen Auslegung,

einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften werden die

neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt öffentlich bekannt gemacht,

müssen und sollen öffentlich bekannt gemacht werden, damit sie jeder

Sachverständige prüfen und bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern

hingegen, wo noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den

kommenden Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man verdirbt

oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen überspringen

will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne Menschen die Periode der

Aufklärung zu beschleunigen trachten; auch können sie das nicht;

und wenn sie es können, so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun,

um desto mehr Pflicht, damit andre vernünftige Männer, in demselben

Lande und in andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den

Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber mögen

urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich Aufklärung sey,

oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen ausprägen, als die ist,

welche sie verrufen. Unnütz sind solche Verbindungen ferner, von Seiten

ihrer Wirksamkeit, weil sie mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten

und abgeschmackten Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden,

die alle mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen

handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich bald

ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzüge vor

öffentlichen Gesellschaften haben könnten, nachher dieselben und noch

mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, als die, über welche man in

der Welt klagt. Wer Lust hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der

findet dazu im bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit,

die fast kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er

sollte, um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung

und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf diesem

öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig bliebe, oder

daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche Hindernisse in

den Weg gelegt wären, bevor man das Recht haben dürfte, sich einen

vom Staate nicht sanctionirten, geheimen, besondern Wirkungskreis zu

schaffen. Wohlthätigkeit bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft

muß auf freier Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch

geheime Wege befördert zu werden.

Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für die

Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten gegen die

bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was im Verborgenen

geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; unvereinbar mit

unsern Pflichten gegen den Staat, weil die Vorsteher der bürgerlichen

Gesellschaft die Befugniß haben, von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu

welcher sich Mehrere vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst,

unter dem Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane

und schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse,

versteckt seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder

von solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der

schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil

nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen, die

bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde gehen,

ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf Kosten der

Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere im Hinterhalte

stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth ist, nach einem

Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, für dessen Wichtigkeit

und Güte ihm Leute einstehen, -- die er nicht kennt, denen er sich

verbindlich machen muß, ohne daß ~sie~ sich ~ihm~ verbindlich

machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man

ihm dafür gar nichts leistet; weil schiefe Köpfe und Schurken sich

dieß zu Nutze machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen, und die

übrigen Mitglieder zu ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder

Erdensohn Leidenschaften hat, und diese Leidenschaften also mit in die

Gesellschaft bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern

Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen einen

unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit kosten; weil sie von

ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und zum Müßiggange oder zu

zweckloser Beschäftigung hinleiten; weil sie bald der Sammelplatz von

Abentheurern und Tagedieben werden; weil sie allerlei Gattungen von

politischer, religiöser und philosophischer Schwärmerei begünstigen;

weil mönchischer Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil

stiftet; endlich, weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung,

Intoleranz und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die nur

deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines solchen,

oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen.

Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen! Gibt es

eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen nicht hat -- ei nun!

so mag sie dann als Ausnahme gelten! -- ich kenne keine, die nicht

wenigstens an einigen derselben krank läge.

2.

Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der Zeit und zu

den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen soll, weil er

dabei seine Vernunft verleugnen, und seine sittliche Freiheit mehr

oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit- und Geldverschwendung, und

gewährt sie durchaus keine Befriedigung, so folgt daraus, daß der,

welcher seine Freiheit und Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die

Systeme, um das Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen

bekümmern, seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften

verschwenden, und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn

müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch böses

Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund derselben oft sehr

tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder Versuchung und Anreizung,

sich einweihen zu lassen, muthigen Widerstand leisten müsse.

3.

Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn, Neugier,

Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe Dich verleitet,

in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich wenigstens von den

Thorheiten und Schwärmereien und von dem Secten-Geiste, die in Deinem

Orden herrschen, nicht ganz hinreißen, sondern suche Dich immer noch

im Besitz und Gebrauch Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das

Spielwerk, die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe,

wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des ganzen

Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen, durch

große Verheissungen, durch blendende Plane zum Besten der Menschheit,

durch den Anschein von Uneigennützigkeit, Heiligkeit und Reinigkeit

der Absicht blenden; sondern fordre Beweise von Thaten und gänzliche

Uebersicht! Wirft man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine

Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften die hohen

Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst, nach ihrem

Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite gesetzt, gegen

den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein,

~unbekannten~ Obern zu huldigen, möchte man auch noch so einleuchtend

scheinende Gründe dafür anführen! Sey vorsichtig in jedem Worte, das

Du in Ordensgeschäften schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend

einer eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von

der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! -- Und wenn,

bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung müde wirst, oder

die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so trenne Dich ohne Geräusch

und Zank von ihr, und rede nachher nie wieder von der Sache, damit Du

allen Verfolgungen ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in

Ruhe lassen, so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug,

Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums, Andern zur

Warnung, bekannt zu machen!

Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles zu

zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch gegen manche

Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen sich als Verfolger zu zeigen,

wodurch ohnehin das Uebel fast immer ärger gemacht wird. Man kann

sogar Ordens-Versammlungen von der unschädlichsten Art besuchen, wenn

man einmal ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte,

Beförderungsmittel der Geselligkeit; -- ja, es kann Pflicht werden,

sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern,

gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und Ausartung zu

verhindern.

Neuntes Kapitel.

Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.

1.

In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl freilich ein

Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht an seinem Platze.

Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so wenig, und hat doch im

Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche Leben überhaupt, daß ich

hoffen darf, man werde mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen.

2.

Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. -- Das ist ein

vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann martert kein

lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen, grausamen, oder, um

billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, verwilderten

Menschen, deren Augen sich an der Qual eines rastlos umhergetriebenen

Hirsches, oder an der Todesangst eines in dem Schauplatze der Barbarei

auf den Tod gehetzten Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken

wollten, was es heiße, ~ein Mensch seyn~, und welch eine Bedeutung

dieser Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines

armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit einem

Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder sie spießen,

um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in convulsivischer

Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger, die, um die

Ehre zu haben, am schnellsten der lieben Langenweile in den Rachen

zu reiten oder zu fahren, ihre armen Pferde auf den Tod jagen; wenn

Diese doch einen Augenblick erwägen wollten, wie tief sich der Mensch

herabwürdigt, wenn er, als das grausamste unter allen Raubthieren,

mit kaltem Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein

Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert, und

wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn müsse, der in dem

Winseln seines gemarterten Geschöpfes die freche Uebertretung des

Gebotes vernimmt, das er dem Menschen in's Herz geschrieben hat; wenn

sie sich doch überzeugen wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft

jede Mißhandlung, und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt,

wie wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf

sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns vielleicht

die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, um auf der

Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo ~wir~ jetzt stehen; und daß die

Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe unmerklich und unausbleiblich

zur Härte und Grausamkeit gegen unsere vernünftigen Nebengeschöpfe

führt. -- Wenn sie doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem

sanften Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten!

3.

Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte und

schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln

fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich ihn bedaure, und

jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen verachte. Ich weiß, es gibt

leider unter uns so zarte Männlein und Weiblein, die gar kein Blut

sehen können; die zwar mit großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren,

aber ohnmächtig werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten

sehen müßten! Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte

und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer

matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren Augen --

zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem rauhesten Wetter

ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen herzlich den armen

Sperling bedauren, der, wenn es regnet, ohne Regenschirm und Ueberrock

herumfliegen muß. Zu diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch

nicht alle Jäger für grausame Menschen. -- Es muß ja dergleichen Leute

geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären, bloß von

Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. -- Aber ich verlange nur,

daß man nicht ohne Zweck und Nutzen Thiere martern, noch ein vornehmes

Vergnügen darin suchen solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen

Krieg zu führen.

4.

Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man daran haben

könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren. Der Anblick eines

lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt ist, seine natürlichen

Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, darf keinem verständigen Menschen

Freude gewähren. Wer mir daher einen schönen Vogel in einem Bauer

schenken will, dem kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen,

welches er mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß

zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes freie Luft

hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in welcher wilde

Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen aufbewahrt werden,

meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher Gegenstand der Unterhaltung,

und vielleicht nur von der Seite zu vertheidigen, daß sie dem

Naturforscher Gelegenheit und Mittel gibt, genaue und lehrreiche

Beobachtungen anzustellen.

5.

Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an einem Vogel

ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen müssen, um vom

Morgen bis zum Abende die Melodie einer elenden Polonaise zu pfeifen,

oder wenn man Geld ausgibt, um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet

hat, einen Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink

seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der

Versammlung sind.

6.

Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere

verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in die

entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe eben

so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen Geschöpfe die

Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich kenne Damen, die ihre Katzen

zärtlicher umarmen, als ihre Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden

sorgsamer aufwarten, als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die

gegen ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen,

als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders, als unter dem

obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder Pudels unterhalten.

Indessen scheinen manche Thiere in besserm Rufe zu stehen, als andere.

Niemand schämt sich, zu bekennen, daß er Flöhe habe; gewisse andere

kleine Insekten hingegen darf kein Mensch von Erziehung mit sich

führen, obgleich beides Ungeziefer ist; und an Geselligkeit geben die

letztern den erstern nichts nach.

Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine natürliche

Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen &c. angeboren zu seyn.

Sollte sich auch dergleichen Widerwillen, wie ich doch glaube, nicht

nach und nach überwinden lassen: so vermag man es doch gewiß, in so

fern Meister über sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem

Anblicke dieser Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde,

wie es vielfältig geschieht.

Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen, mit denen

die Menschen so übel gespielt haben, daß sie (mißtrauisch gegen alle

vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte nur zum Schaden

ihrer Brüder anwenden) in dem liebevollen Drange des Herzens, das

sich gern ein Geschöpf zugesellen und irgend etwas in der Natur zum

Gegenstande seiner Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie

ihren einzigen Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur,

in dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines so

bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen zeigen,

die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu lindern, und das bittere

Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern suchen.

Zehntes Kapitel.

Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.

1.

Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang mit

Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte über unsre

wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden. Zuerst also

einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu schreiben!

Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die

Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen Zweig

oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche Unterredung

mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im freundschaftlichen

Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn auch einmal ein unnützes

Wort mit unterliefe. Man soll es daher dem Schriftsteller nicht

übel ausdeuten, wenn er, ein wenig von seiner Lebhaftigkeit und

Mittheilungslust verführt, von der Begierde, über irgend einen

Gegenstand allerlei Arten von Menschen seine Gedanken mitzutheilen,

etwas drucken läßt, das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit,

Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder

die Freiheit, dem Schwätzer zuzuhören, oder nicht, -- und kann sich,

bevor er ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen,

mit dem er sich unterhalten will, -- hat aber, denke ich, auf keinen

Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen, weil ihm die

gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt, in so fern er ihn

nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und großen Versprechungen

getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel schwerer, als man glauben

sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen; nicht nur, weil unsre

Eitelkeit da in das Spiel kömmt, sondern auch, weil die Gegenstände,

über deren Beobachtung wir lange gebrütet, für uns, eben durch das

Nachdenken, welches wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen

haben, daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten,

indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen, unwichtig und

gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar Sprache und Beredsamkeit nicht

in unsrer Gewalt, oder sind verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene

Gedanken zu Papier bringen wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand,

über welchen wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf

unsre damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am

Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, in

einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht es, daß

wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle Nebenbegriffe daran

knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und Farbe gewinnt, sehr unterhaltend

scheint, jenen Andern aber gähnen macht und mit Unwillen gegen uns

erfüllt. Indem es nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß

selbst ein verständiger Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit

geblendet, oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch

schreibt, das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch

halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und darf es

doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas öffentlich vor dem

Publikum zu reden, das gegen Moralität und gesunde Vernunft stritte,

oder wodurch er einem seiner Mitmenschen muthwillig Schaden zufügte.

Denn wenn gleich Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und

Unterredung ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man

hinreichende Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so mehr

also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz schiefen

und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine daher, alles, was

das Publikum von einem Schriftsteller, der ohne zu weit getriebene

Ansprüche auftritt, mit Recht fordern kann, ist, daß er durch seine

Werke weder Sitten-Verderbniß, noch Vorurtheil und Unduldsamkeit

verbreite, und das, was Allen heilig seyn soll, unangetastet und

unentweiht lasse. Alles Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des

Gegenstandes; Einkleidung; Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu

stiftender Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit

-- das alles ist ~seine Sache~, und es geht auf seine Gefahr, wenn er

sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der Stille zu Fuß vom Parnasse

wieder herunterschleichen zu müssen, oder von der Meute der Recensenten

zu Tode gejagt zu werden.

2.

Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges sagt, so muß

man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu lassen; wenn er etwas

Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein Verdienst um das Publikum,

und wenn er Wahrheiten an's Licht zieht, die lange schon verkannt

oder vergessen sind, so soll er gehört, und seine Schrift von allen

Guten ausgezeichnet und verbreitet werden. -- Aber wird deswegen

sein Buch auch gewiß Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere

Frage. -- Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und

Thoren, von Hohen und Niedern? -- Ei nun! wer wird so eitel seyn,

darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem größten Theile

der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel wählt da nicht

mancher Schriftsteller? -- Wer sich nicht, in Ansehung der Form, der

Einkleidung, des Titels seines Buchs, nach dem Zeitgeschmacke, d. h.

nach dem Geschmacke, nicht dieses Jahrzehends, sondern dieses Jahres

richtet; wer keine Anekdötchen mit einmischt; wer nicht dafür sorgt,

daß sein Werkchen hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert

werde; wer herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten,

politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus

angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt, auf den

die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind; wer sich nicht

demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten Posaunen-Blasers

begibt; wer nicht die Schreier im Publikum, und Die, welche in der

feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen sucht; wer zu bescheiden

auftritt; wer sein Buch einem Manne widmet, oder in demselben einem

Manne Gerechtigkeit widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet,

verfolgt werden; wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr

Aufmerksamkeit zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages, welche

bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten; wer dadurch

auswärts sich einen Namen macht, den ihm seine Landsleute nicht gönnen;

-- der wird, wenigstens in dieser Generation, vielleicht sein Glück als

Schriftsteller nicht machen, und auch sein nützlichstes Werk bald als

Maculatur behandelt sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter

diesen kleinen Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen.

Viele davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth.

In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen allgemeinen

Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen seiner

Werke einzusenden, die man selbst, oder die ein gefälliger Freund

aufgesetzt hat, und in welchen man dem Publikum dazu Glück wünscht,

daß der ~Lieblings-Schriftsteller~ der Nation die Welt abermals mit

einem schönen Buche beschenkt habe, und dergleichen elende Künste

mehr, helfen doch nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen,

obgleich nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs

entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens ist

es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein Werk nicht für ganz

schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters angemessen hält, das

eine Reihe von Jahren hindurch häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt

und übersetzt wird, wenn er dann auf den einzelnen Tadel unberufener

Kunstrichter wenig achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten,

so lange diese Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt -- dann ist es

freilich Zeit, aufzuhören.

3.

Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten des Lesers

gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, jener nie vergessen,

daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke jedes Einzelnen richten kann.

Was für Dich, in Deiner Lage, in Deiner Stimmung, höchst interessant

ist, das scheint einem Andern vielleicht äusserst langweilig und

unbedeutend, und wahrlich! ~der~ Mann müßte ein Hexenmeister seyn,

der ein Buch verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte.

Es gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn man eben so

gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb, so wie es auch andere

gibt, deren Sinn und Schönheit man ~immer~, in jeder Laune, fassen und

sich eigen machen kann. Nicht immer sind darum ~jene~ geistvoll, groß

und erhaben nach ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch

und fieberhaft. Nicht immer enthalten darum ~diese~ lauter bestimmte,

ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des vollkommnen

Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie gegründet, oder im

Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne Mühe leicht zu verdauende

Seelen-Speise. Sey also nicht zu strenge, geehrter und erleuchteter

Leser, in Deiner Beurtheilung eines sonst nicht schlecht geschriebenen

Buches, oder wenn Du es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so

behalte wenigstens Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem

oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am wenigsten

aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter des Schriftstellers

auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit anzugreifen, ihm

gefährliche Absichten beizumessen, seinen Worten einen erzwungenen Sinn

zu geben, und seine Winke hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein

Buch, wenn Du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht

das Lob und den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten

nach!

4.

Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, eben so

vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen zu seyn. Um nicht

zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu verschwenden, das heißt: um

nicht von Schwätzern mir die Zeit verderben zu lassen, suche ich auch

von ~dieser~ Seite nicht viel neue Bekanntschaft eher zu machen, als

bis der allgemeine Ruf mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes

Buch aufmerksam macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter

Freunde zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen,

schriftlich mit mir reden lasse.

Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden

Abschnitt den Bemerkungen über den ~Umgang mit verstorbenen großen

und edeln Männern~ zu widmen; allein das würde mich zu weit führen;

wichtig ist aber gewiß der Einfluß, den das Studium der Geschichte,

des Charakters und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen

verflossener Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten

Geistes hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt von

dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen Menschen

hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang mit Verstorbenen sehr

oft größere Wirkung auf Köpfe und Herzen, und durch diese auf große

Weltbegebenheiten geäussert, als der Umgang mit den Zeitgenossen.

Eilftes Kapitel.

Schluß.

1.

Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks über den

Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, das Ihrer Aufmerksamkeit

werth ist, -- wird dies Buch vom Publiko gütig aufgenommen und billig

beurtheilt: so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis jetzt

selbst der beste Erfolg irgend einer meiner Schriften gewährt hat.

Wenigstens hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen,

deren sich ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte,

und, wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der

Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch nicht

leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden werden könne,

über welches ich nicht etwas gesagt hätte. -- Ob gut, oder schlecht,

oder beides vermischt, oder mittelmäßig von Anfang bis zu Ende: -- das

darf ich nicht entscheiden.

2.

Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der Gegenstand

mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behandelt wäre,

nicht nur Jünglingen, sondern selbst Männern Nutzen gewähren könnte:

~das~ darf ich wohl behaupten. Man verlangt von feinen, hellsehenden

Leuten immer auch feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser

Geist des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe

Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten antrifft.

Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam

machen auf Fehler, welche er bisher, ohne es zu wissen, in Behandlung

der Menschen beging, -- auf Fehler, die er an sich selbst aus zu großer

Lebhaftigkeit bis jetzt übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten,

die fremden Erfahrungen auf ~seine~ Weise zu nützen, und dennoch

selbstständig zu handeln.

3.

Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die

Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen

zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in

Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: »daß man aus den Menschen

machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten

zu fassen verstünde.« Nur ein ~Schurke~ kann das, und will das, weil

nur ~ihm~ die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind;

der ~ehrliche~ Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und

will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen ~läßt~ auch

nicht alles aus sich machen. Aber ~das~ wünscht, und ~das~ kann jeder

Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm

Gerechtigkeit widerfahren lassen: daß niemand ihn verachte; daß er

Frieden von aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß

und Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß

Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung täuschen. Und wenn

er ausdauert, immer folgerecht, edel, vorsichtig und gerade handelt:

so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die

Menschen studirt hat, und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken

läßt, fast jede ~gute~ Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel

zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, --

das ist der Zweck dieses Buchs.

Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen Handlung,

bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen hat, erst nachsehen

wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, keine Vorschrift fände,

der würde freilich alle Eigenthümlichkeit des Charakters verleugnen.

-- Doch, wie kann das auch meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser

Erinnerung, wenn es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der

Welt gäbe.

4.

Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher Klassen

von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf Einzelne unedel

anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! was hätte ich sagen

können, wenn ich mein Buch mit wirklichen Anekdoten hätte auszieren,

und besondere Erfahrungen aus meinem Leben erzählen wollen! --

Schmeichle ich mir zu viel, wenn ich hoffe, daß man mir dergleichen

nicht Schuld geben, und mir wenigstens von ~dieser~ Seite Gerechtigkeit

widerfahren lassen werde?

Fußnoten:

[1] Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für

die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich

sind, und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer

nichts anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer

glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet, was

er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck, auch wohl

bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens zeigen, daß

er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen, und in diesem ehrlichen

Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm oft gelingt. Der Franzose

und der Russe haben den sichersten, feinsten, und für alle in der

Gesellschaft Auftretende gefährlichsten Takt, das Lächerliche auf den

ersten Blick aufzufinden. Wer sich vor ihnen auf seinen Sprach- oder

Tanzmeister allein verläßt, den werden sie bald seinen Irrthum fühlen

lassen, vorausgesetzt, er habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das,

was man an ihm am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. ~Klinger

Betrachtungen und Gedanken~ 1r Thl. S. 316.

[2] Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft haben,

um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen zu können,

oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber erwarten, daß nicht das

Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand wenden wird. Denjenigen,

welche sich nicht taktfest in der Unterhaltung fühlen, sollten sich

überhaupt vor Fragen hüten, denn Fragen werden oft, wie Blicke, unsere

Verräther.

A. d. H.

[3] Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und

sinnreiche Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: ~Ernst

und Scherz~, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs 1817,

und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen diese Menschen hinzu.

d. H.

[4] Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann,

Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler verketzerten!

[5] Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von

Seelberg, Theil 1. Seite 108.

[6] Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe, in

ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse

männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und

offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber

Bescheidenheit würde er sehr vermissen.

A. d. H.

[7] Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die Lösung

dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß glauben, daß

er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl denen beipflichten

müssen, die es nicht der Mühe werth halten, sie zu lösen.

A. d. H.

[8] Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte

in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider

noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen

Schriftstellern des Tages und einigen Philologen.

Ueber den Umgang mit Menschen · 第 12 / 14 题