Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und

Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und

Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber sind

uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, ~wo wir,

oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr schweben~. Hier hängt die

ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen

Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo

es Noth ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und

winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und

Wassers-Noth und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn

man den Kopf verliert, -- wo Die, welche wir retten können, zuweilen

mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, sich uns zu

überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes

auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen

wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam,

oder, wenn Verzweiflung sie kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut,

-- auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein

entschlossener, kaltblütiger Mann ist da stärker, als zehn solcher

Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es

Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre

zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm zu machen,

oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht zu weichen und

mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen, oder das Leben

daran zu setzen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln

geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rathe

ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken, und

sich dann dienliche Maaßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für

einen wichtigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur

durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden,

aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie

auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um sie an

Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die Probe zu stellen.

2.

In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer

Theil der Regeln Platz finden, welche man auf Reisen und unter Fremden

zu beobachten hat; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit

Stillschweigen übergehen; denn zu dem, was man unter Menschen treibt,

gehört doch auch das Reisen. Also einige Bemerkungen ~über das Betragen

auf Reisen und gegen Reisende~.

Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen

Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von

demjenigen, was unterweges und in den Oertern, die man besuchen möchte,

zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den

Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit

man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas zu

sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint.

Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von unbescholtenem

gutem Rufe und von feinen und guten Sitten bedarf nicht einer Menge

von Empfehlungs-Briefen, wie die mehrsten Reisenden von gemeiner Art

mit auf den Weg zu nehmen pflegen. Er wird sich schon überall bekannt

zu machen und in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang

aufzulegen. Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, durch

Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in Bekanntschaft

kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es ist daher der Klugheit

gemäß, an einem fremden Orte, bevor man von solchen kleinen Umständen

unterrichtet ist, in den Häusern, in welchen man Zutritt erhält, von

seinen übrigen Verbindungen nicht zu reden, gelegentlich aber zu

äussern, daß man, als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht

bekümmern wolle.

Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten;

ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, sich immer etwa

auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt,

sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch

welche man kömmt, an sichre Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst

Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der

Verlegenheit zu reissen.

In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, wegen

des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln in Acht zu

nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirthe

den Fremden dabei hintergehen, oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die

er auf der nächsten Post nicht brauchen kann.

Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse zu

erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von allerlei

Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen

Staaten und Residenzen ähnlich; aber das eigentliche Volk, oder noch

mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach

~ihnen~ muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurtheilen.

Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit aller

häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle,

Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost u. dergl. nicht

niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen

Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und

verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, und in einem Kasten

eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei dem

geringsten unangenehmen Ereigniß aus der Haut fahren will, über Dinge

jammert, die nicht zu ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so

viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat.

Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, und auf

gewisse Weise vertraut, die man ausserdem schwerlich zu Gesellschaftern

wählen würde; das ist auch weiter von keinen Folgen, wenn man sich

hütet, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterweges

antrifft, zu weit zu gehen, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in

die Hände zu fallen.

Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man

kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit gerathen;

und selten ist es nöthig und nützlich, ein solches Incognito zu

beobachten.

Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu

verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet zu seyn. Das ist

eine thörichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshäusern theuer abbüßen

müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten, als der einfache Reisende.

Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht

hat, wenn dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen

ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man ~rechtlich~

nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu

demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst,

in beiden Fällen, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen

erste Ausflucht dieß ist, und den man also nach Gefallen prellen kann,

oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist,

oder für einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen,

und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse.

Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man z. B. den

Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch nach den Umständen

reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das Einer dem Andern auf den

Stationen wieder; man kömmt dann schneller fort, und hat manche

Vortheile davon, besonders den, daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt

ist.

Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und sein Geld nicht

verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich aus allen Bad- und

Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn sollte, und überhaupt nur für

die nichtswürdigsten Menschen eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann.

In Bädern soll Jeder dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber

Sittsamkeit und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu

verbannen. Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist,

eine Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich

im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit

herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. Man lebt da

nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach Ablauf dieser Zeit rückt

Jeder wieder in die Rolle ein, die der Staat ihm anvertrauet hat.

Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Rufe

einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt aber alles auf die Art

an, wie man mit ihnen umgeht; ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde

begleitetes Betragen, und, wo es anzubringen ist, ein freundliches

Wort, wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt.

Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den

Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch

wohl mit den Postknechten, den Schaden für viel größer anzugeben, als

er ist, um desto mehr Geld von dem Reisenden zu ziehen. Ich rathe

desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder

durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur

Ausbesserung gibt.

Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen (oder

~ein~ Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen

Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber

weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher

vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern

sichern Leuten zu erkundigen: wo man am besten und billigsten behandelt

werde.

Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf

Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten,

nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andere

Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese

mit den Chaussee-Aufsehern sich zu verstehen, an den Weghäusern

vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen,

nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt

so viel bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben

würden, wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten.

Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das

genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, oder sonst Dinge,

die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft.

Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann es Vortheil

bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man werde öfter da ansprechen;

er pflegt dann billiger mit der Zeche zu seyn, um sich zu empfehlen.

Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, und sich

nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut man doch nicht

wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes

einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe werth seyn, ihn

bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er

immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte; -- und wer kann

dann mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel

sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der

Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sey sehr

schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich Wein zu bestellen, und

das Bier hinterher zu verlangen.

Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen wünsche? --

Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen lassen muß.

Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder

dergleichen: so muß man das Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche

Mahlzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange

nichts, als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch

ist es rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein

zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem

Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten oder fremden Wein

verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man ihn am allgemeinen

Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist

gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als

auf seinem Zimmer seiner eignen Person gegenüber zu sitzen.

Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen folgenden

Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn man Pferde wechselt,

und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich

lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden die Pferde gefüttert und

angeschirrt. Kaum aber steht das Essen auf dem Tische, so meldet schon

der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll

also in Eil wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich

rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen zu

lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.

Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt ist, Postmeister

dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, als billig ist, und zu

Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, sey es nun unter dem

Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu

schwer sey: so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder

sein Recht, auf eben solche Weise weiter befördert zu werden, wie man

gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß

einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als

sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte zu führen.

Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen für alle übrigen

Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich

sind, zu erbieten, einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dieß

weiter nicht von Folgen seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht

ein! Dies Papier hat keinen Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird

man, wenn gerade ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger

eben so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der eben

so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste Mittel bei

solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu

geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu

gewinnen, oder ein Pferd ~mehr~ zu bezahlen, ohne es vorspannen zu

lassen.

Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath auf diese Weise

fortbringen läßt: so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer,

in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen!

Sie halten sich mehrentheils unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu

ihrem Vortheile aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie

heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies

Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn.

Wer zu Pferde reist, sey es nun ~mit~ oder ~ohne~ Reitknecht, der

darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung der

Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst besorgt seyn,

oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten,

reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig

gewartet und gefüttert werden.

Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier

noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man

fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will,

langsam ~in~ den Stall, und langsam ~aus~ dem Stalle reiten solle;

daß man nicht wohl thue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern

bedeckt sind, zu reiten, und so ferner. Man sage nicht, daß dieß

bekannte Dinge sind, Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde

bändigen! aber praktisch ~reiten~ lernt man nicht auf der Bahn. Allein

ich sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß so

etwas in einem Buche ~über den Umgang mit Menschen~ Platz finden

sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt ~Vorschriften

zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und

unter Menschen~ gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er

hört, daß ein +deutscher+ Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler

so vieler ~deutscher~ Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu

viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich -- weniger

unterhaltend schrieben.

Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die

Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute

mischen; beobachten, was man ausserdem nicht erfahren würde; man

ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg

wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will; man stärkt

den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und

süßen Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung das

Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Doch ist

diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft.

Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher,

Schriften u. dgl. mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen

dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen

kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man

reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht darin, daß

diese, in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu

reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht

eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser

gekleidet, als gewöhnliche Fußgänger, so wird man entweder für einen

verdächtigen Menschen, für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals

gehalten; man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: man

paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu

taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man, wie

ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen und schmutzige Betten

einquartirt, oder man muß jedesmal weitläuftig erzählen: wer man sey,

und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen

ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich

angenehm.

Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen,

die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! So wie überhaupt diese

Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten

sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn

herab für die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß

und Ueberlegung gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu

berichtigen. Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit

treiben.

Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh Morgens

nichts, als ein Glas Wasser! Hat man dann einige Stunden zurückgelegt,

und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam.

Zuweilen ein Glas Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde

und schlaff.

Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und denkt binnen

ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so streue man hie und

da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wieder zu

finden; man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock!

Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im ~neunten Kapitel~

dieses Theils etwas gesagt worden. Hier füge ich nur noch folgende

Bemerkungen bei: man hat in jetzigen Zeiten Ursache, vorsichtig gegen

solche Leute zu handeln, nicht nur, um von Abentheurern und schlechten

Menschen unbehelligt zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden

Gelehrten nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen

Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und uns nachher,

zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt aufzustellen. Auf der

andern Seite aber sey man auch so billig, Fremde, ~die sich uns nicht

aufdringen~, edel zu behandeln, und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit

zu verleiten, um nachher aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild

von ihnen zu entwerfen, und der Welt mitzutheilen.

3.

Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu werden

anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, an der

Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange mit ~betrunkenen

Leuten~ die Rede seyn, obgleich bei diesem Umgange wenig Vernunft und

Klugheit anzubringen ist. Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und

wenn man diese Arzenei nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne

welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie

ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen

guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen Biedermannes

weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen:

so ist nichts dagegen einzuwenden. Allein kein Anblick ist so widrig

für den verständigen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch

starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber

auch nicht bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei

einem Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der

einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, die

sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, und um

einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften

Geschäften hingebracht hat, und dann des Abends in einen Zirkel solcher

Gäste geräth: so ist fast kein anderes Mittel zu finden (oder man müßte

denn ~von Natur~ zu den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu

zechen, um sich ~denselben~ Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den

Wölfen zu heulen.

Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen sind aber, nach

ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden. Manche zeigen sich

äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig;

Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; Andre hingegen

geschwätzig, und noch Andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut

wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern

Art in Gesellschaft zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so

kann man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden

und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht,

so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche

verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich wo möglich hüten müsse,

eine Ausschweifung im Trunke zu begehen, wenn man aus warnender

Erfahrung weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt

sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen

oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man mit Leuten, die zu

tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln

müsse: -- das versteht sich wohl von selbst.

Allgemeine

Behandlung der Kinder

in den

Jahren der ersten Entwickelung.

1.

Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene Natur

des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer und glücklicher

gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte Beschäftigung -- Uebung

der Denkkraft (man soll nicht abweisen die Fragen der Wißbegier und des

Forschens), und Mittheilung neuer Kenntnisse, welche an die erlangten

geknüpft werden, damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das

Unbekannte durch das Bekannte erläutert werde. -- Eine Hauptsache

hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes Lob und

wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); Stärkung der Liebe zum

Guten durch Belohnung, doch mit Verhütung des Eigennutzes.

2.

Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven Behandlung, so

wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine oder andere vorherrscht.

Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen und Arbeiten -- und zum Sprechen

-- kein Erzwingen von Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn

für das Anständige haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem

Erregen und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, daß

man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter welchen sein

Inneres sich still entfaltet.

3.

Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie wird die positive

Einwirkung nothwendig; denn überließe man die Kinder sich selbst,

so würden sie auf dieses und jenes, und auf allerlei Thörichtes und

Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, wie sie der Langenweile

wehren sollen, schiefe Richtungen annehmen, alles Gesehene und Gehörte

blindlings nachmachen, und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So

geschiehet es auch durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven

Einwirkens durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß die

Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die Kraft sprudelt,

desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. Die Kinder wollen

und bedürfen dann viel, besonders körperliche Beschäftigung, und fehlt

diese, so regt sich Unmuth, Widerspenstigkeit, und es erscheint eine

ganze Reihe von Unarten. -- Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten.

Jedes Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und

Ausgelassenheit, jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes

und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie das

Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit und Faulheit

erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung der Erziehung,

und hiebei sich leidend verhalten, heißt: sich an den Kindern schwer

versündigen. Denn wird z. B. den eigensinnigen Kindern nicht zu

rechter Zeit der Wille gebrochen, den Trägen der Sporn angesetzt, den

Wilden Einhalt gethan, so werden endlich die Hindernisse der Erziehung

unüberwindlich, und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen

Gemüths, ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen

Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane

Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff in die

vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und verdirbt dadurch

das ganze Werk. Durch Verbote muß man den Kindern, nie durch Strafe,

zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln erlösen, die sie nicht selbst zu

zerbrechen die Kraft haben, so wie man sie eben dadurch aus sinnlicher

Betäubung weckt, in welcher sie zu Grunde gehen müßten.

4.

Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des Gefühls, je

älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf denselben gewirkt, doch

so, daß er nie von der einen oder andern Seite vernachlässigt, auch daß

er durch Beides zur ~Vernunft~ geführt werde.

Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin gedacht,

für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich handeln

und verderben, wenn man das frühere Alter mit Vorstellungen, oder das

spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken lenken wollte. -- Bewahrung

der kindlichen Herzens-Reinheit, durch Verhütung alles verführenden

Umgangs und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung -- dann

Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum willst Du dieß,

hast Du dieß gethan? -- Gewöhnung zur Ordnung und Thätigkeit, das sind

die einfachen und wirksamen Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit

angewandt, ihres Zweckes nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren

bei Kindern von 3 bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch

verderblich. Bei Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen

muß das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung des

Verstandes gewirkt werden.

5.

Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, doch so, daß es

zur Ertragung des Widrigen erstarke.

Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; daher rauh

behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, verschlossen,

boshaft und linkisch werden, wie das besonders an Bauernkindern

sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig entgegen wirken.

Doch muß die Jugend für das Leben erzogen werden, und also auch

Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher hüte man sich vor dem

Bedauern bei geringfügigen Unfällen und Beschwerden, vor dem Entfernen

oder Erleichtern jeder Beschwerde und Anstrengung, vor Verwöhnung durch

Gemächlichkeit, z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich

auskleiden und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde ihres

Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am sichersten, daß

man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude und den Genuß durch

Beschwerde zu erringen, und daß man sie vor jener Verzärtelung bewahrt,

welche die Quelle der bösen Laune und so vieler peinlichen Zustände

des Körpers und des Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller

Genuß untergeht. Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu

leiden; überall zeigen sich Störungen seiner Freude -- er begehrt einen

Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, und

darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, und in noch

höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung -- Empfindelei ist der

Tod alles Lebensgenusses und aller frohen Gefühle.

6.

Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und auf seine

Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind immer mehr zur

Einsicht gelange.

Auf seine ~Sphäre~ oder den ihm von der Natur angewiesenen Kreis, aus

dem also die Erziehung und der Unterricht nicht heraustreten dürfen,

wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet seyn sollen. Das Kind soll

an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl gewinnen, damit es die natürliche

Trägheit auf der einen, und den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf

der andern Seite beherrschen lerne. Jene aber muß ein verderbliches

Uebergewicht erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften

nicht angemessen beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn

er nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute

erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder entweder

an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, oder an einer eben so

verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, indem man den Verstand

mit einer Menge von Kenntnissen überladet, die er nicht zu fassen

vermag. Hier wird es sichtbar, wie viel auf richtige und naturgemäße

Methode, auf die ~Geistes-Diät~ ankommt, denn die wahre Methode

entfernt sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den

Buchstaben, als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse,

und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam -- noch den Stoff,

als der formalen Bildung nachtheilig. Sie sorgt vorzüglich dafür, daß

alles Gelernte auch ein Verstandenes oder Begriffenes werde, und legt

es daher nicht einseitig auf Bereicherung des Gedächtnisses mit einer

Menge unverarbeiteter Materialien an -- sie läßt das Kind in der Natur

und Kunst beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie

erneuert und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es

dadurch immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So verhütet

sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, der das ganze

Innere verdirbt.

7.

Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe man in

ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, und zur

~Selbstständigkeit~ gelange.

Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die

einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder von

selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht durch

Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. Man

überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und dämme ihn nicht

durch Vorschriften ein; aber man suche ihm durch Winke eine nützliche

und angemessene Richtung zu geben -- oder -- eine gemeinschaftliche, so

daß die geselligen Triebe in Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge

(Himly) sagt hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort:

»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, daß

der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend nützlich,

als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem Leben einen Werth

gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er als Glied des großen Ganzen

wirksam wird. Jeder soll sich, durch Hülfe derer, die auf seine Bildung

gewirkt haben, an der Stelle befinden, wo er unter harmonischer

Zusammenstimmung seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und

sein Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber

ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb

führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, nicht irgend

etwas ~hervorbringt~. Denn zum Handeln, das heißt, zum Thun nach

Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung, ist der Mensch bestimmt, und

daher ist es das Ziel seiner Bestrebungen und sein innigster Wunsch,

einen ihm angemessenen und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder

Thätigkeits-Kreis zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer

und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter

wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt,

und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus sich selbst

hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das vereinigte Daseyn

der Menschen gleicht einer Maschine von tausend und abertausend in

einandergreifenden Rädern. Es erfordert so mannigfache und so viel

geartete Verwendung. Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet

seyn, damit jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der

unzerstörbare Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet

den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft stößt

denjenigen aus, der nichts für sie thun kann oder will. So geschiehet

es denn, daß die nächsten physischen Bedürfnisse des Menschen, wie

seine feinsten und geistigsten, nur darin befriedigt werden, daß er zu

einer angemessenen Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also

nur dann erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle

in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf zu seiner

Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer ihm angemessenen

Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.«

8.

Daher die Regel: Sorge immer für eine ~angemessene~ und ~bestimmte~

Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, wodurch die

harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte

bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts.

Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, bei nichts

aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der Kraft. Sie wird

verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art nützlicher Thätigkeit,

erregten Wetteifer, und Vereinigung der Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe

zur Thätigkeit entsteht durch die Bemerkung des Hervorgebrachten und

des Wohlgefallens daran. Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der

freieste.

9.

~Man gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigne

Kraft.~

Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern zu Hülfe

zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten ihnen alles zu

erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, als sie leisten können, so

bestehe man auch darauf, daß sie es durch eigene Kräfte leisten. Neigt

sich die Thätigkeit vorzüglich auf einen Punkt hin, so zwinge man sie

nicht -- man impfe ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer

Natur, ihrem Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt -- man gräme sich

nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters leisten.

Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch nur eine Manier

oder steifer Zwang herauskommen, oder man würde wenigstens vergeblich

arbeiten. Nur das gehört dem Menschen wahrhaft an, was aus seinem

Innern hervorgeht.

Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, als wenn ihr

ihm vordemonstriret -- erfindet es selbst etwas, so ist es besser, als

wenn ihr es ihm vorsagt -- macht es etwas auf seine Weise, und es ist

Verstand darin, so lasset es dabei.

So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche Verstand am

meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. Da störe man

Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein.

Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und gern, mögen

es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn einiges Talent darin

sichtbar wird, so halte man es nicht ab. Aber freilich hat diese Regel

ihre Grenze. Wenn man sieht, daß ein Kind eine ganz verkehrte Richtung

nimmt, seine Kräfte zersplittert -- so thue man Einhalt.

10.

Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, daß mehr

die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend wirkt, als daß

er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung bedürfe.

Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß man zu

viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher,

als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, daß zuletzt

keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck macht. Hier muß

man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten, und unmöglich zu

machen suchen, auch dadurch schon, daß man Kinder auf Reizungen und

Versuchungen aufmerksam macht, in die sie gerathen werden, oder diese

entfernt und entkräftet. Je liebevoller z. B. die Behandlung ist,

und je mehr Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat

man sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre

Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an

einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der Hunger ihnen

die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; je sorgfältiger

man den Einfluß roher oder unsittlicher Menschen von ihnen entfernt,

desto weniger Unarten werden sie begehen; denn die meisten Unarten

erzeugt der Nachahmungs-Trieb, der bei Kindern eine unwiderstehliche

Kraft hat; je anhaltender und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto

weniger Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich

befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, Einfalt

und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, besonnene

und billige Urtheile hören, nur Worte des Friedens und der Liebe, so

entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit von selbst.

In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden Vorzug

vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger einrichten,

Störungen und Versuchungen kräftiger entfernen, eine genauere Aufsicht

anordnen, regelmäßiger beschäftigen und eine feste Tagesordnung

durchführen können; nur daß sie auf der andern Seite durch die strenge

Regelmäßigkeit auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden.

Und doch ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen zu

gestatten.

11.

Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige

Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung sich

unterwerfen müssen, und von dieser in keinem Falle abweichen dürfen --

dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. Jede feigherzige Unterwerfung

unter den Zeitgeist und herrschenden Gesellschaftston, jedes

Anschmiegen an Mode und Sitte, auch da, wo sich Vernunft und Gefühl

dagegen sträuben, ist in der Erziehung unverzeihlich und führt zu den

traurigsten Ausartungen. Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die

Frömmigkeit, dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt

überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des Zeitgeistes

die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste Grundsätze und reine

Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit des Verstandes gegen die

giftigen Dünste des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks zu schützen wissen.

12.

Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, und ~bewache~

ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; versage ihm nicht

eine Freiheit, die seine Natur und seine Entwickelung fordert. Suche

dagegen den Mißbrauch der Freiheit möglichst zu verhüten durch Belebung

sittlicher Gefühle, durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß

Du seinen Kräften eine angemessene Richtung gibst.

Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit gar

nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und diese zu Sclaven,

und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden diejenigen Kinder die

ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt wurden. Man muß erdulden

lernen, was Kinder, weil sie Kinder sind, nicht unterlassen können.

Nur in Ansehung des Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige

Beschränkung der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder

noch nicht beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig,

und wie wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit

des Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn.

Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie in die

Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren Eltern und

Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten im Kreise der Ihrigen

gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit und Besonnenheit, so

lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus zu Jerusalem im zwölften Jahre.)

Besonders verkümmere man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch

nicht zu, daß sie sie willkührlich erweitern.

13.

Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, wenn es

in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer Dein Versprechen, und

sey daher auf Deiner Hut, wenn Du ihm etwas versprichst; verletze

nie sein Recht (z. B. auf Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder

Entschuldigung), und wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es

so ein, daß das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde:

laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein Recht

verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, oder die

Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums.

14.

In der Erziehung darf keine ~Willkühr~ herrschen, denn sie erstickt die

edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt Verschlossenheit

und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind sein Spielzeug

verdorben, so verschenke man nicht das andere, sondern entziehe es ihm

nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt oder vernascht, man nehme ihm

das übrige nicht. Zeigt es Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf

eine andere Art entgegen, als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine

Theilnahme reizt. -- Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, so

entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst.

Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein Recht auf

Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale fehlt, auf Nachsicht?

Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden werden? Darf sich ein

Kind lebhaft vertheidigen? Wie leicht kann man Kindern Unrecht thun!

Oft wird man durch die Farbe der Handlung irre geführt.

Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen zu bestehen,

ungeduldig zu werden?

Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem Belohnungen,

und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, wenn man dem Kinde

nicht begreiflich machen kann, daß die Erfüllung des Versprochenen ihm

nachtheilig seyn würde. Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die

Liebe.

15.

Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, oder die

Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel nicht zum Zweck führen;

laß aber auch das gestrafte Kind weder zu schnell, noch zu spät,

Beweise Deiner Verzeihung und Liebe sehen. Doch unterlaß es nie, ihm

die Fehler seiner Arbeiten und seines Betragens zu zeigen, und sey

karg mit Deinem Lobe, aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung

und Ermunterung. Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden,

hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und der Tadel

müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der Liebe erscheinen, wie

die Belohnung und das Lob. Ironie und Bitterkeit wirken gefährlich.

Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, sondern auch gepflegt werden,

doch so, daß dem Kinde immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach

jener vorzugsweise strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen

und Tadeln zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse

sich nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese

Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten Tadel geheilt

werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als Arznei des Tadels; aber

er muß bei diesen besonders in der Sprache des Wohlwollens ausgedrückt

seyn, wenn er wohlthätig wirken soll. Den bittern Tadel empfinden

sie als eine Ungerechtigkeit, und ihr Herz verschließt sich dagegen.

Den Tadel begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er

mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde nur dann

ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das Kind etwas Besseres

hätte machen können.

16.

Soll der Tadel nicht seine ~Wirksamkeit~ verlieren, so muß er nicht zu

oft kommen; nicht seine ~Wohlthätigkeit~, so muß er nicht im Tone der

Verachtung ausgesprochen werden; nicht seine ~Würde~, so muß er kein

ironischer und spottender seyn; nicht seine ~anregende Kraft~, so muß

er mit lebhaftem Gefühl und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen

werden. Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast

Uebereilungen und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen,

als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, als verbieten.

Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung einer

Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung -- ~scheinen~

oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit nicht gleich sichtbar wird; sie

wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. Ist der wiederholte und

verstärkte Tadel unwirksam, so folge ihm unmittelbar die Strafe.

17.

Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den lebhaften

gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, nicht zu

schnell wieder Beweise der Liebe.

Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben werden, so sey

jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf man in der Erziehung mit

seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders bei Kindern von zartem und

reizbarem Gefühl. In seltenen Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung

eines anderen Kindes, -- beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter

vier Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als

Reizmittel wirkt.

18.

~Rousseau~ verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende

Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr das Kind nicht

hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, ja es ist

Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft läßt, denn man überliefert

es dadurch der Knechtschaft seiner Sinnlichkeit, und legt den Grund

zu seinem physischen und moralischen Verderben. Der freie Wille muß

dem Kinde eben so folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen

erscheinen, wie die physischen Folgen, damit es eine moralische

Nothwendigkeit erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der

Güte im Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei

pflichtmäßigem und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt

wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten Eltern

haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. Der Mensch und das

Kind weiß nur zu achten, was errungen seyn will, und nicht unverdient

gegeben wird. Das Kind wird und muß sich seinen Eltern gleich setzen,

wenn diese ihm nicht den Abstand fühlbar machen.

19.

Alles kommt auf die ~Art~ des Strafens, des Tadelns, des Ver- und

Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe bessert; aber auch

so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande reizt. Darum sind

folgende Regeln hiebei sorgfältig zu beobachten:

1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern mehr am

kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach Zeit und Umständen;

haltet es zurück, wo es unzeitig ist.

2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset also

z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset es selber, aufs

freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es mit Freiheit handeln

lerne.

3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, z. B. »Du

sollst nicht springen, rennen, klettern.«

Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton von dem

zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem

Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr Verbot zurück, oder

beschränkt es, und schwächt es dadurch. So kommt es, daß sich die

Kinder endlich nichts mehr wollen verbieten lassen. -- Das Verbieten

geschehe in kräftiger Kürze, und je jünger das Kind ist, desto nöthiger

ist diese Kürze; ja sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf,

und damit gut. Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig

und reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser

geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter

der Verstärkung freistehe -- und nur einmal, und für den kleinsten

Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe.

20.

Was das ~Strafen~ betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten:

Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, wo alle

andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete die Strafe

unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch auch hier beobachte

man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das Kind Entschuldigung verdiene,

und ob es seine Schuld zu erkennen im Stande sey, denn Strafe gebührt

nur dem, der sich der Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen

nöthig sind, da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen

werden bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und

unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht nur, auch

unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des Schicksals, welche die

Eltern empfingen, Gegenschläge auf die Kinder.« Wie oft wird nur

gestraft, weil eine üble Laune reizbar macht. Wie oft härter, als recht

ist, weil das Schreien der Kinder zum Unwillen hinreißt.

»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer aber

ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt ~Salomo~, und daher sorge

der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr Herz der Strafe

verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, und das wird sie seyn,

wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit geschieht, mit allen Zeichen

des Bedauerns, daß man strafen muß. -- »Wer seiner Ruthen schonet, der

hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred.

Sal. 13, 24.). Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht

bald alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe schlecht

angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« Aber ganz

entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es gleich einige gibt, die

so weiche moralische Anlagen haben, daß schon die leiseste Aeusserung

des Unwillens harte Strafe ist. Kinder von heftiger Gemüthsart werden

unerträglich verwildern, und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht

gestraft werden. Sir. 30, 9. 12. -- Ein Kind, das schlägt, werde

geschlagen. Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es

abbitten soll -- oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. -- »Schande,«

sagt ~Friedrich Richter~, »ist eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin

der Verdammte nichts werden kann, als höchstens ein Teufel.« -- Auch

werde nie die kleinste Strafe ~spottend~ auferlegt, sondern ernst,

öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen, und

macht das Herz für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet.

21.

Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene Nachsicht.

Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach welchem wir das

Betragen, die Aeusserungen und die Unarten der Kinder beurtheilen. Wer

sich am besten in die Kindes-Seele hinein versetzen kann, wird der

beste Erzieher seyn. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« das gilt

auch hier. Liebevolle und freundliche Behandlung sey durchaus in der

Erziehung herrschend; doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft

das jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und schätzen

lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. -- Aber ferne sey jenes eben so

unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen und die Unarten

der Kinder, womit viele Erzieher ihre ganze Pflicht erfüllt zu haben

glauben, und das nur in seltenen Fällen, und als liebreiche Vorstellung

der traurigen Folgen eines Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto

mehr Güte und Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann,

soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten kann,

dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten werden.«

In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung als

Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast alle

Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die Mittelstraße

hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie ohne Abweichung zu

gehen, da die meisten Kinder eben so sehr zur Liebe, als zum Unwillen

reizen, und die Geduld so sehr in Anspruch nehmen, als sie der Liebe

bedürfen, und da dem durch Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile

befangenen Erzieher so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht

und Strenge entgehen, besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft.

22.

Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung,

Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde immer mehr dahin

gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, und aus eigenem

Antriebe handeln lerne, damit es früh zur Selbstherrschaft gelange, und

keiner Bewachung oder peinlicher Aufsicht bedürfe.

Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen verlieren, welcher

ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich selbst beherrschen und

leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. Daher stärke die Erziehung

seine Vernunft und seine sittliche Kraft, übe ihn im Ueberlegen,

Nachdenken, Entsagen und Erdulden, belebe seine guten Gefühle,

wecke und nähre Ehrfurcht gegen Gott, und lehre ihn merken auf die

Regungen und Urtheile seines Gewissens, damit so früh als möglich die

eigentliche Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen

Kindern, die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher

Aufsicht gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen werden.

Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und durch ihr Gefühl

und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher entwickelt sich der

Charakter. Doch gibt es auch gewisse weiche Naturen, die jeden Eindruck

annehmen, und gewisse lebhafte und sinnliche, die es nie oder sehr

spät erst zu reifer Ueberlegung und Selbstbeherrschung bringen. Diese

bedürfen der längern und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch

diese werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen

lernen, wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in

eine solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße

übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten wird. Bei

Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der Trieb zu gefallen,

der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen Kraft vertritt, oder

diese ergänzt.

23.

Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und Geld überläßt,

und sie nur von Ferne beobachtet -- indem man sie in Lagen bringt, wo

sie ihrem eigenen Urtheil überlassen sind -- indem man ihnen Aufträge

ertheilt -- indem man endlich gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich,

jedoch nicht durch Entziehung aller Freiheit straft -- wird man diesen

Zweck erreichen.

Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je mehr sich

Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, je mehr

weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung herrscht, desto eher

wird die Selbstbestimmung erfolgen. Je mehr dagegen der Erzieher

schwankt, und von der weichlichsten Güte zur härtesten Strenge

übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit Nahrung gibt und Laune duldet,

desto schwerer wird es ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu

erhalten, und zur Selbstherrschaft zu erheben.

Emilie ist sinnlich und lebhaft -- vergißt sich leicht -- ist leicht

hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl heute möglich

seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du würdest mir eine

große Freude machen« -- erhält sie eine gewisse Kraft über sich. Ein

treffliches Mittel ist auch der Auftrag, über kleinere Kinder die

Aufsicht zu führen, ihre Spiele zu leiten -- daher Kinder, die junge

Geschwister haben, eher sich ausbilden.

Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei gut

organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, als

übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem Kinde in

seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht gegeben; aber

dieser muß es ohne Rettung und Widerstand unterliegen, weil sie ihm nur

als Wohlthat erscheinen kann.

24.

Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, von welchen er

Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen seyen gut erzogene

Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete Menschen.

Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung ist die,

Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele zu

verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und guten Eindrücken zu

umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so muß es die Erziehung dahin

zu bringen suchen, daß das Herz des Kindes dem Einfluß des Bösen

widerstehen könne, und keinen sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken

mehr, als andere, die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind

mit diesen ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen

und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und das

ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden sie

nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie sehen und hören,

empfinden und nichts davon annehmen. Nur das Böse haftet, was sie von

solchen Menschen hören und sehen, welchen sie mit Achtung, Vertrauen

und Liebe ergeben sind. Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr

sorgfältig zu hüten, daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in

der lebhaften Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; -- daß sie

höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich versucht

man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen und unbesonnenen

Scherz und Spott niedergerissen hat; daher sind witzige Menschen keine

gute Erzieher. Da es in jeder Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht

rein sind, oder nicht fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz

offen reden, und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften

solcher Personen aufmerksam machen.

25.

Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern

Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem Schlimmen

das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß zu überwinden ist,

da ist auch keine Kraft-Entwickelung möglich. Solche Kinder, die sich

so leicht verführen lassen, sind überhaupt schwach, und würden auch

geringeren Versuchungen unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder,

so bald sie es begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen,

welchen man sie aussetzen muß.

In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig,

weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste

Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke

Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel zur

Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man bringe

lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, aber nicht

zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind läßt sich von dem lebhaften

alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig und eigensinnig. Am besten

ist es, wenn die Gespielen sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade

ganz entgegengesetzte Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren

und geringeren Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es

müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete

Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten haben. Dagegen

ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder zu Lehrmeistern

der Vernachlässigten zu machen. -- Kinder, die sich fortdauernd nicht

vertragen, bringe man ja auseinander.

26.

Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, so bald

man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und dann auch ohne

Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie immer einige ältere

zu Freunden haben, an welche sie sich durch den Nachahmungstrieb

hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr Selbstgefühl nicht zu

verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, weil das Gleiche sich am

innigsten vereinigt, und am glücklichsten fortstrebt.

27.

Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen,

nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und Muth genug haben, sich

in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, und aus ihr Nutzen zu ziehen,

und auch dann geschehe es nicht zwangsweise, und nicht zu oft und zu

lange! Es ist bedenklich, Kinder stundenlang in einer erzwungenen

Ernsthaftigkeit und Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine

Grausamkeit an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt,

zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen

Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter

Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften

gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da nur wenig

Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder haben, als diese

fordern können und bedürfen. Herangewachsenen Kindern, und besonders

Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, wenn sie sich in Gesellschaft

geachteter Personen in ihre Gewalt bekommen lernen, aber auch nur

solchen. Mädchen müssen früher die gesellschaftliche Sitte und die

Sprache des Umgangs lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen,

damit sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig

werden.

28.

Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, was auf sie

Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche die bösen Eindrücke,

mache sie aufmerksam auf den Ton der Gesellschaft, und leite ihr

Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen spöttelnden Tadel des Gesehenen

und Gehörten, lehre sie mehr das Unsittliche und Thörichte, als

das Lächerliche auffinden und beurtheilen, und bewahre sie vor der

conventionellen Heuchelei und Abgeschliffenheit.

Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, müssen

Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, viel Worte zu machen,

und die, zu schmeicheln. In so fern die Theilnahme an Gesellschaften

Nahrung der Eitelkeit und des Stolzes werden kann, ist sie besonders zu

verhüten, wenn nicht die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll.

Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt werden.

Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der Erwachsenen, so

leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, und werden

der Umgangssprache nie mächtig. Aber die Erziehung muß sie zuvor in

den Stand gesetzt haben, an einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil

nehmen zu können; ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre

Sprache gereinigt, ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute

in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur

Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und Kenntnissen.

29.

Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er darf von den

Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. Die Mittheilung von

Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert sehr die Bildung des Geistes

und des Herzens. Eben so belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle,

und übt in der Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur

Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft,

soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn sie zu früh in

Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer Annehmlichkeit und

Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung für ihre Eitelkeit.

Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht Blödigkeit festsetze, die so

viel gesellschaftliche Freude verbittert, und so schwer beseitigt wird.

Man führe eben darum das Mädchen nicht eher in die Gesellschaft, als

bis sie in dieser etwas gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung

beitragen kann, und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft

werth sey, wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last

für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält.

Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, wo sie zu

sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache des Umgangs, und übe

sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit bringe; man gebe ihr

zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, z. B. Bestellungen.

30.

Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich

Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und umgekehrt, damit

alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und das Kind zum Menschen

gebildet, zur Menschenwürde erhoben werde.

Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander getrennt,

nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte betrieben

werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, und alle Erziehung

belehrend wirkt, nur da kommt man zum Zweck. Der Unterricht wirkt aber

dann erziehend, oder auf Gesinnung und Gefühl, wenn er wohlwollend, im

Ton der Liebe und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf

hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf ihr Inneres

merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene anwenden lehrt;

wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe bei dem Wetteifer sey, wenn man

bei dem Unterricht es nicht bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern

auch der Frömmigkeit und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den

Unterricht in einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in

eine Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern Lust

und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser das Verhältniß

des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger wird er wirken.

Bei dem Unterricht werde nie Anstand und Sittlichkeit verletzt, nie

das Ehrgefühl gemißhandelt, aber auch nie das Kind weichlich geschont;

er sey Anstrengung, aber angemessene und nicht zu anhaltende; es werde

dabei eine Regel befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und

zu Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl benutzt.

Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch Ausdruck des

Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben soll; das Schreiben

auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; das Rechnen Belebung

des Sinnes für Ordnung, der Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld

und Ausdauer; die Musik Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für

Harmonie und Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der

Leidenschaften -- jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung darin,

als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere.

31.

Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und

Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung

an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Fleiß und

Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die Kinder, von der übertriebenen

und lieblosen Strenge der Erziehung verleitet, sich dem Gebot zu

entziehen suchen, oder es umgehen, und die Erziehung biete ihnen nie

einen Anlaß dar, und reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte

Schwachheiten zu benutzen.

Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich seiner

Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend und

ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem Kinde bildend und erhebend.

Das Kind werde nie mit seinen Fragen abgewiesen, nie in seiner

Thätigkeit und seinem Fleiß durch Unordnung und Geräusch gestört, nie

durch Vergnügen von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie

wegen seiner Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine

Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen;

die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die Erziehung, daß

dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte beigebracht, und das Herz

vor Vorurtheilen der Geburt und des Standes bewahrt werde; denn diese

verfinstern den Verstand, und lähmen die sittliche Kraft, zerstören

alle Einwirkung guter Grundsätze, und bringen Willkühr hervor.

Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern Kindern, besonders

seinen Geschwistern, bedient; darum lerne es ~bitten~, auch Dienstboten

bitten; es werde Lehrer der Kleinern, es thue ihnen Handreichung,

auch beschwerliche Handreichung. Da durch Lehren gelernt wird, so

kann man nicht früh genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen.

Indem sie diesen ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich

Wohlwollen und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art

stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen

und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen nicht alles

zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, fordere sie

zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur Ueberlegung, und zum

Handeln mit Ueberlegung.

32.

Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die Nachsicht

und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der Ermunterung und

des Tadels, die strenge Ordnung, welche man dabei beobachtet, die

gewissenhafte Treue, mit welcher die festgesetzten Stunden des

Unterrichts gehalten werden; der Eifer des Lehrenden, seine Freude

über bemerkte Fortschritte, seine Traurigkeit über Nachlässigkeit und

Trägheit, das alles müsse den Charakter des Kindes begründen helfen.

33.

Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem jeder

Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben nach dem

Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe dies Ziel,

wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider Eifer nie erkalte

und nie ermatte. Der Zögling werde sich der gewonnenen Kraft und

Kenntniß mit Freude bewußt, und diese Freude werde ihm der Sporn zu

neuer Anstrengung. Nie erscheine ihm das Lernen und Gehorchen als ein

mühseliges Tagewerk, sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen.

34.

Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und Anstrengung

des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar keine Annäherung

zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher sich überzeuge,

sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten Erfolge, und bei diesem

gerade am wenigsten, nachlassen, sondern müsse unter allen Umständen

sich gleich bleiben -- und wenn er sich gleich bleibt, so könne auch

der Erfolg nicht ausbleiben. Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch

eine sorgsame Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch

eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine gewisse

~Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen und Forderungen~.

Der Erzieher darf eben so wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit

der Regeln seiner Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der

Natur das Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das

Wenigste erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie zwingen

wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, und ihre

Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren Beistand weise und

sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig beachten. Wer bei

jedem Zöglinge denselben Erfolg von seinen Erziehungsmitteln und

Maßregeln erwartet, dessen Eifer wird bald erkalten, und dessen Muth

muß sinken, und alles Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und

fruchtloses Werk erscheinen.

35.

Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf auch,

besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange Pause in den

Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung des Tages, keine

eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. durch eine Reise, Statt

finden. Man erschwert sich selbst und seinen Zöglingen das Geschäft

der Erziehung unglaublich, so oft man einen längeren Ruhepunkt macht,

und von der gewohnten Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein

Nachlassen des Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt

dieß von einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn

sie krank werden, oder kränklich sind -- von den langen Pausen, die

man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen zu diesen

Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, auf deren dramatische Feier

nicht selten Wochen verwandt werden bei dem Einstudiren. Dagegen sind

bei dem Unterricht und bei der Erziehung ~solche~ Ruhepunkte sehr

heilsam, welche bestimmt sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene

Fähigkeit, Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen

Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen,

wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn des Wissens und

Lernens durchlaufen hat, und man halte über diese Einnahme des Zöglings

ordentlich Buch und Rechnung. Das Kind werde zu einem recht lebendigen

Bewußtseyn seiner erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und

besonders zum Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man

es erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige

Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. Das Gehorchen

werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit der Gebote,

durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes Vertrauen, erleichterte

Ueberzeugung, daß es so recht und wohlgethan sey.

36.

Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, und also

Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, die sich

das Erziehen zu ~leicht~ gedacht haben, und meinten, man habe nur

zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, und ihm hie und da mit

Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu kommen; eben so bei solchen,

die nicht Liebe genug zu den Kindern haben, und sich durch die

immer wiederkehrenden Unarten der Kinder zum Unwillen und zu einer

harten Behandlung reizen lassen, dadurch aber nichts weiter, als

einen größeren Widerstand der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln

bewirken. Ferner bei denen, welche den Kindern ~Blößen~ geben, und

sich dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge

setzen. Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit

und Unfehlbarkeit ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher

sich nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und

zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann leicht

ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, und bei einem

solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein ungünstig seyn, weil

dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung des Zöglings eintritt,

alle Behandlung nach Regeln aufhört.

37.

Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich seyn,

wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen ~übereilt~ und

~übertrieben~ hat, und Kinder über ihr Vermögen anstrengte, ehe die

wahre Bildungs-Periode eingetreten war. Solche Treibhaus-Erziehung

bringt nur kränkelnde Erzeugnisse hervor.

Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich,

wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn nicht nach Grundsätzen

erzogen wird; wenn man in gewissen Perioden der Sinnlichkeit zu viel

Befriedigung verstattet; wenn die Eitelkeit und der Eigendünkel durch

falsch angewandte Ermunterungs-Mittel geweckt und genährt ist; wenn

die Lebens-Ordnung, welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan,

welcher befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings,

und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes angemessen

ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich Kindern Vorurtheile des

Standes und der Geburt eingeflößt werden, oder Wohlleben sie träge und

verdrossen macht.

38.

~Die Lehren und die Eindrücke der Religion~ müssen allen andern Lehren

und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. Daher geschehe in der

Erziehung alles mit religiösem Geiste; aber man hüte sich dabei, den

Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen Alter und der Bildungsstufe,

auf welcher der Zögling steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze

sorgfältig alle die Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die

religiösen Eindrücke dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da

die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und

theilnehmende Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in dem

Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und Bestimmung erweckt

werden.

Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen bilden; sie soll

die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, sondern ihnen Kraft und

Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit anlegen, und die Anlagen

zur Sittlichkeit in dem Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß

verabsäumen, haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es

der Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht,

Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches er als

Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält der Wille Kraft

und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit und Wärme,

der Seele eine Richtung auf das Höhere. Aber ist die religiöse Bildung

verabsäumt, so bleibt die Bildung für das ganze Leben mangelhaft und

unvollständig; nur die Religion kann das Werk des Erziehers fördern und

krönen. Gerade darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden

muß, wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen

Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen.

Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden Richter,

der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, daß die Regungen des

Gewissens Gottes-Stimme sind; daß alles Gute von Gott kommt, und daß er

Beschützer und Führer der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine

Gesandten seinen Willen bekannt gemacht habe -- daß er ihre Gebete

erhöre.

Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen

Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; des Sonntags,

als eines dem Herrn und unserer Seele geweihten Tages; der Festtage,

als solcher Tage, die uns an eine große Wohlthat Gottes erinnern -- vor

allen auch der letzte Tag des Jahres.

39.

Die ~religiöse Bildung~ darf am wenigsten der weiblichen Seele fehlen,

weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe und

Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und weil vor allem durch die

Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle fortgepflanzt werden sollen.

Das Menschengeschlecht wäre verloren, wenn Religiosität nicht mehr

in weiblichen Herzen gefunden, und durch sie fortgepflanzt würde,

so wie auch alle Erziehung bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht,

wenn sie nicht eine religiöse, und durch Religion geheiligte und

befruchtete ist. Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher

Religions-Unterricht, oder daß man das lallende Kind schon zum Beten

abrichte; wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache

für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der Natur, und

ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des Kindes gerührte oder

erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und des Göttlichen zu erheben;

daß man die, das kindliche Gemüth so sehr ansprechenden Erzählungen

und Lehren der Bibel zur Weckung religiöser Gefühle benutze, und die

einfachsten Aussprüche der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande

einpräge; daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer

Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung gebe.

Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, wird gewiß

bei den Meisten von großer Wirkung seyn. Auch das Hinführen in die

Kirche, besonders bei feierlichen Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken;

nur verlange man nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste

aushalten soll. -- Schriften, wie Gumal und Lina -- ~Spiekers~ Emiliens

Stunden der Andacht -- ~Krummachers~ Parabeln und dessen Festbüchlein

-- Allwin und Theodor von ~Jakobs~, und von demselben Rosaliens Nachlaß

-- ~Witschels~ Morgen- und Abendopfer -- ~Glatz~ Andachtsbuch, werden

hiebei gute Dienste leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der

biblischen Geschichte, und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht.

40.

Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten

Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend beschäftigt,

seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und suche alle diese

Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, damit die Seele dadurch

gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo aus sich Leben, Licht und Wärme

durch das Ganze verbreite.

Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man sich den

geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten bei

den Kindern machte, und das, was Eindruck machen sollte, desselben

verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes zu merken, und den

Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß gilt besonders von dem,

was wohlwollende Gefühle, den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit

weckt und belebt, was die Ahnung des Göttlichen hervorruft, das

Selbstgefühl stärkt, den Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung

ermuntert und stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung

des Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern die

Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem dritten der

Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten das Gelingen einer

gefürchteten Arbeit -- bei einem fünften ein Geschenk von Werth -- ein

unerwartetes Lob -- ein empfindlicher oder beschämender Tadel.

41.

Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; es bildet

sich hieraus eine ~pädagogische Klugheitslehre~. Kinder von einer

zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen Anlagen, und solche,

die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, über alles nachdenken,

wollen mit einer vorzüglichen Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn.

Lebhafte Kinder bedürfen und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische

starke Reizmittel. Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie

fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze

Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch ihre

Phantasie in Aufruhr bringen -- eine Schmeichelei die Eitelkeit in

furchtbarer Kraft wecken.

42.

Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte,

als auf ~bleibende Eindrücke~ an. Diese werden durch ein sich gleich

bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung und Belebung sittlicher

Regungen, durch Einflößung religiöser Gesinnungen und Gefühle bewirkt;

aber auch durch Benutzung ausserordentlicher Ereignisse, z. B.

Unglücks- und Todesfälle, Verluste, Krankheiten, durch welche besonders

der Sinn für Religion geweckt und belebt wird.

Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes aus

seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für Pädagogik von Gutsmuths,

Julius und August 1812.)

»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen,

in welchen meine Mutter, mich herumtragend, geistliche Lieder sang.

Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich diese Lieder. Ich horchte

und horchte, und mag auch wohl die Händlein gefaltet haben. Ein Reich

Gottes that sich mir auf; ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich

noch heute, eine milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige

Gesinnung, wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit mit

meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange diese Klänge

und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand freilich viele

Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der mir zusammenhängend

verständlichen waren genug. Manches hellte mir die, zwar sehr dürftige,

Belehrung auf, und übrigens fand ich mich instinktartig zurecht. Ich

verstehe mich hier selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des

Verstandes zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken,

welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt.

Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen ursprünglich gesetzt

ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, wurde mir in das Bewußtseyn

gebracht durch jene Gesänge, und wenn ich einmal auf diesem heiligen

Boden war, so konnten ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts

verschlagen; die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war

gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken des Heiligen

eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde kam, und die größere

Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, die nicht durch den Begriff

kommt, das ist spätere Losung gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir

damit im Erkennen, Wollen und Fühlen gekommen sind.«

»Ich mußte früh und Abends ~beten~, vor und nach Tische, und sah es

die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht dabei; oft

wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner spätern Jahre machte

es umgekehrt; er versagte mir das laute regelmäßige Beten, wenn ich

nicht gesammelt war, mit dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer

solchen Stimmung nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das

wirkte mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens,

den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch kann es seyn,

daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten Jahre an ausser

dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden bewahrt hat. Dagegen weiß

ich, daß ich auch sehr oft andächtig betete; daß mir der Gedanke an

Gott und die Beschäftigung mit ihm etwas wurde, das sich von selbst

verstände; daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb

die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich in manchem

Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den Tag und die Nacht als

ein Geschenk des liebevollen Gottes, und das Leben, als bedürftig der

Weihe in jedem seiner Theile zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine

gewisse Gottesherrschaft, die dem Leben getaufter Menschen erst den

wahren Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch

frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert an Gott

richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu ängstliche Scheu

vor dem Mechanismus im Beten im Anfang der religiösen Erziehung nicht

dem höchsten, dem freien Beten selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird.

Mich dünkt, das Beten wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, ~geübt~ seyn.«

»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter verstand

ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung unrichtig; erklärt

wurden mir wenige recht. Die einen habe ich in der Folge verstehen,

die andern recht erklären gelernt. Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz

zu Theil geworden, so hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen

Schatz gesammelt von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher

Sprache der Urwelt.«

»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe ich als Kind nie

etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte theils daran liegen, daß

Predigten für mein Kindesalter nicht paßten, theils an der schlechten

Declamation. Aber das häusliche Singen an Sonn- und Festtagen erbaute

mich mehr. Da ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich

die vornehmsten Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig.

Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter ~Paul~, ~Gerhard~,

~Richter~, ~Luther~, ~Neumann~, und später des sanften ~Gellert~,

hat mich mahnend, warnend, tröstend durch das Leben geleitet! Wo die

heutige Jugend so oft trostlos schwankt, oder in wilder Verworrenheit

dem Abgrund zutaumelt, habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht

erhalten.«

»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, die

meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre erhellten, adelten

und beseligten. Eine Welt ging mir im Geiste auf, deren Schimmer die

enge sichtbare mir nicht verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben,

der im stolzen Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott,

zu dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand einst

aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern verklärt. An den

einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche anschaute,

richtete sich meine schüchterne Seele auf; die festlichen Tage der

Christen brachten auch in meiner Eltern Haus einen Schimmer der Freude;

an Abendmahlstagen sah ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie

da mit besonderer Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich

auch, des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, die ihr

Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen Blick gen Himmel

gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger Tröstung gesprochen,

das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen gegründet war. So lernte ich

zeitig etwas von der erhabensten aller Künste, zu stehen wie ein Berg

Gottes, den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.«

43.

~Jean Paul~ sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an den

~Grenzen~ des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und

heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern ihm zuletzt

den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne zu wissen, wovor.

Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde,

war ohne Worte ein Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht ~mit~,

aber ~vor~ ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine

verordnete und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte.

Kindergebete sind ~leer~ und ~kalt~, und eigentlich nur Ueberreste des

jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, statt durch

Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das Wahre an dieser zu stark

ausgedrückten Behauptung ist wohl dieß, daß eine befohlene Andacht gar

keine ist, und daß ein Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen

müsse.

»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch in die

Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach, sondern voraus,

damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe.

Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes seyn?

Um die schöne Frühlingszeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter

Erwachsene -- eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale

öffentlich und mit allen Rechten eines ~Ichs~ auftritt und forthandelt

-- um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein

Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der Liebe und der Natur

verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester für die junge Seele, als

der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt vernichtet, um auf ihr

eine unsterbliche zu bauen.« Levana 1. 146.

44.

Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings

geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn daher

in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen Natur

angemessenen ~Thätigkeit~; flöße ihm keine Furcht, sondern nur

ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, sondern

Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche selbst da, wo Du einen

Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, und benimm ihm

nicht durch übertriebene Strenge und durch Pedanterie die Lust und

Liebe zu dem, was er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey

kein Spiel-Verderber.

»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende

Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die armen Kinder ein

Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem Wild, nur gefüttert und

geschlagen werden.«

Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da auf

das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang geht es

freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt darauf an,

was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er eingeleitet wird.

Kinder sträuben sich gegen anhaltende und ernste Thätigkeit, gegen

Gehorsam und Gebot, gegen eine feste Ordnung, gegen Entbehrungen und

Entsagungen. Hier muß oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen

werden, wenn nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch

eine freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen

den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit und

Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung und

Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und Ermunterung, Belohnung

und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust. Es ist nicht schwer, Kindern,

deren Phantasie so beweglich ist, die Unlust zu benehmen, und dann

werden von selbst alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit

der Kinder zu Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der

Wille gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der

Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen

und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in einem rauhen Tone

gebietet, oder fordert, was so schwache Kräfte nicht leisten können;

wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen des Wetteifers, des Lobes,

der Belohnung, oder wohl gar die Arbeit als Strafe dictirt und

verordnet, der mag sich nicht beklagen, wenn ihm überall die ~Unlust~

entgegentritt. Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll

nicht erkauft und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und

durch beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch

Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege bildet man nur

Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen Beweggrundes mehr

fähig sind. Auch sind diese Mittel so bald erschöpft, und es entsteht

große Verlegenheit.

45.

»~Heiterkeit~ oder ~Freudigkeit~ ist der Himmel, unter dem alles

gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die Heiterkeit kann nicht

gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder zu freigebig genährt wird;

vielmehr entsteht alsdann ein launichtes und mürrisches Wesen, und die

Kinder wissen nicht, was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken,

wie Riechfläschchen, auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit

zu Thätigkeit.« -- Seltene Genüsse sind, nebst einer sich gleich

bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit und Frohsinn,

und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes und der Seele.

Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu lange und

nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht mit Spielsachen,

denn das führt nur zum Ueberdruß und zur Laune; »auch verwelkt an

reicher Wirklichkeit und verarmt die Phantasie. Vor den Kindern, deren

Phantasie noch stärker, als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein

Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es

jedesmal begehren.«

Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn ihre

Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte. »Daher

die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am liebsten haben,

z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder Puppen-Statt

annehmen.« Hingegen je älter der Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß

ihm eine reiche Wirklichkeit erscheine.

46.

~Das Spiel ist die eigentliche Heimath der kindlichen Seele, ist sein

Paradies, auch mit dem Baum der Erkenntniß.~ Hütet euch aber, der

flammende Cherub zu seyn, der sie aus diesem Paradiese verjagt; sie

verlassen es von selbst, wenn es aufgehört hat, für sie ein Paradies

zu seyn. Spielt das Kind zu lange, nämlich auch dann noch, wenn es

schon das Bedürfniß, beschäftigt zu seyn, lebhaft fühlt, so ist

ihm das Spiel verderblich; zu wenig, so nimmt es eine unnatürliche

Richtung, und verliert seine Freudigkeit und Heiterkeit. ~Es kommt

viel darauf an, daß der Uebergang vom Spiel zum Lernen mit Vorsicht

und Klugheit geschehe.~ Bilder und bildliche Darstellungen vermitteln

diesen Uebergang am besten; aber auch hiebei beobachte man eine

weise Sparsamkeit, und gebe ihnen nicht zuerst unbekannte Thiere und

Gewächse, die ein gelehrtes Auge fordern, sondern solche Bilder, auf

welchen Menschen oder Thiere handelnd dargestellt werden. »Auch sind

kleine Bilder den Kindern angemessener und angenehmer, als große. Was

für uns fast unsichtbar ist, ist für Kinder nur klein; sie sind nicht

bloß moralisch, sondern auch physisch kurzsichtig, folglich gewachsen

der Nähe; und mit ihren kurzen Ellen, mit ihrem Leibchen, messen sie

ohnehin überall so leicht Riesen heraus, daß wir wohl thun, wenn wir

ihnen die Welt im verjüngten Maßstabe vorführen.«

Der Spielplatz ist die rechte Uebungsschule für alle moralische

und geistige Anlagen und Kräfte der Kinder; daher die Erscheinung,

daß einsam und einförmig erzogene Kinder sich so langsam und so

einseitig entwickeln, und immer rauhe Ecken behalten, die selbst die

Welt mit ihren Reibungen nicht abschleift. Aber soll der Spielplatz

eine solche Uebungsschule werden, so muß Freiheit herrschen, und die

Erwachsenen müssen nicht weiter, als wenn ein Friede zu schließen,

oder ein Beschluß zu fassen ist, als Mittelspersonen und Rathgeber,

oder höchstens als Redner mit Vorschlägen in dieser Volksversammlung

auftreten. Aber die Vorschläge, und das Abstimmen darüber kann von

gutem Nutzen seyn; nur bleibe es auch, wie in der Volksversammlung, bei

dem, was die Mehrheit beschlossen hat.

Das schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des Kindes mit

sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt im Spiele und zur

Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so wie bei Strafe und Lehre

nicht zu wenig. Levana 1r Th. S. 197.

47.

»Nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Eltern und Lehrer sind

ihnen immer jene fremde Himmelsgötter, welche, nach dem Glauben

vieler Völker, dem neuen Menschen auf der neugebornen Erde lehrend

und helfend erschienen waren; wenigstens sind sie den Kinder-Zwergen

die körperlichen Titanen. Folglich ist ihnen in dieser Theokratie und

Monarchie freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und

Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das Kind seine

Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben, sein Geben, seine

Milde, kurz jede Blüthe und Wurzel der Gesellschaft anders zeigen und

zeitigen, als im Freistaate unter seines Gleichen? Schulet Kinder durch

Kinder. Der Eintritt in den Spielplatz ist für sie einer in ihre große

Welt, und ihre geistige Erwerbschule ist im kindlichen Spiel- und

Gesellschafts-Zimmer.«

»Wie das Schachbrett Kriegs- und Regierungs-Unterricht auftischen soll,

so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- und Erkenntniß-Baum.

-- Der Schaum des kindlichen Spiels sinkt zu wahrem Wein zusammen, und

ihre Feigenblätter verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen.«

48.

~Gesang~ gehört, wie Musik überhaupt, zu den wirksamsten Mitteln, die

Freudigkeit und Heiterkeit der Kinder zu beleben, und gleichsam einen

Fond von Freudigkeit in ihnen anzulegen. »Musik sollte eher, als die

Poesie, die fröhliche Kunst heißen; sie theilt Kindern nur Himmel aus,

denn sie haben noch keinen verloren, und setzen noch keine Erinnerungen

als Dämpfer auf die hellen Töne. Wählet schmelzende Tongänge und weiche

Tonarten, ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen auf. Einige

Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der Vater, aber jenes nur vor

Ueberlust, da bei den Kindern unsere Erinnerung noch nicht den tönenden

Hoffnungen die Rechnungen des Verlustes unterlegt. -- Gibt es etwas

Schöneres, als ein frohsingendes Kind?«

Wollet ihr, daß das Kind singe, und durch Gesang fröhlich gestimmt

werde, so machet es empfänglich für Einwirkung der Musik, indem ihr

seine Gefühle für's Schöne bildet und nähret, für seine Gesundheit

sorget, es vor übler Laune und Mißmuth durch Gewöhnung zur Genügsamkeit

bewahret. Jene, von Lust und sinnlichem Genuß übersättigte Kinder,

können nie fröhliche Kinder werden, denn die Freude wohnt nicht

bei dem Ueberdruß. So wie die Menschen, welche dem Glücke gleichsam

im Schooße sitzen, nie wahrhaft glücklich, und nichts weniger, als

allezeit fröhlich sind, so noch viel weniger die Kinder, welche nie

eine rauhe Luft anwehte, denen nie ein Wunsch versagt ward.

49.

Auch eine zu große Anstrengung des kindlichen Geistes ertödtet die

Fröhlichkeit der Kinder; die Seele erliegt unter der Last, die

ihrer Kraft nicht angemessen ist, und der Körper erliegt mit ihr.

Da, wo man mit ängstlicher Eilfertigkeit den Kindern gleich in den

frühesten Jahren des erwachenden Verstandes eine Masse von Kenntnissen

einzupfropfen bemüht ist, entsteht eine unnatürliche Ernsthaftigkeit,

ein verdrießliches und in sich gekehrtes Wesen, und hat das Kind auf

diese Art Schaden an seiner Seele genommen, so wird es nie wieder eine

rechte Heiterkeit gewinnen.

Vor allem aber ist Herzensreinheit und Unschuld die Quelle der

Freudigkeit und Fröhlichkeit; darum hören die Kinder auf, fröhlich zu

seyn, so bald sie etwas zu verhehlen und zu verbergen haben. Religiöse

Eindrücke und vertrauter Umgang der Eltern werden sie am sichersten

davor bewahren. Kinder, die den Allwissenden und Allgegenwärtigen

scheuen, werden nicht leicht heimlich sündigen, und wenn sie fallen,

bald wieder aufstehen. Aber erfüllet auch gern ihre unschuldigen

Wünsche, gönnet ihnen unschuldige Genüsse, sonst nöthiget ihr

selbst sie zu Heimlichkeiten, und weg ist dann ihre Freudigkeit und

Fröhlichkeit.

50.

Endlich erhaltet sie im ~Umgange mit der Natur~, und reichet ihnen oft

den Becher der Freude, dadurch, daß ihr sie unter Gottes Himmel führet,

und sie die reine Himmelsluft einathmen lasset. Indem diese durch ihre

Adern strömt, ergreift Freude und Fröhlichkeit ihr ganzes Wesen. Die

Natur ist und bleibt die unversiegbare Quelle der Freude, und wer aus

dieser nicht schöpfen darf, genießt sein Leben nur halb. Aber gebt auch

den Kindern ~Gespielen ihrer Lust~, wenn ihr sie hinausführet; das

Kind, welches sich nicht mit andern Kindern freut, genießt nur halb.

Die Einsamkeit macht Kinder gemüthskrank, so wie der enge Horizont der

Stube und die Stubenluft. Der Geist wird freier, wo das Auge weit und

frei umher blicken kann. Viele Kinder verschmachten körperlich und

geistig, wenn sie nie oder zu selten hinauskommen in's Freie.

Auch der Veränderlichkeit, welche zur Natur des menschlichen

Geistes gehört, und die so wohlthätig wirkt, gib mit Weisheit nach,

damit des Kindes Freudigkeit erhalten und genährt werde, durch

die Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen. Wird ein Kind durch

Furcht und Strafe gezwungen, bei einer einförmigen und anstrengenden

Beschäftigung stundenlang, wohl tagelang auszuhalten, so geht leicht

Gesundheit und Freudigkeit verloren. So ist's, wenn z. B. mütterliche

Eitelkeit oder die Charlatanerie der Schule von dem armen Mädchen in

kurzer Zeit eine Arbeit erpreßt, zu welcher die höchste Sorgfalt und

Anstrengung erfordert wird. So werden oft Talente und Freuden-Tage

(z. B. Geburtsfeste) den Kindern zu Folterbänken gemacht, auf welchen

sie ihre besten Gemüthskräfte ausseufzen. Die Veränderlichkeit der

Kinder ist nicht Laune und Uebermuth, »sondern die natürliche Folge

der schnellen Entfaltungsreihe; denn das so eilig reifende Kind sucht

in neuen Ländern neue Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue --

und vielleicht liegt auch der Grund noch tiefer, nämlich in dem Mangel

an Zukunft und Vergangenheit, wobei ein Kind desto stärker von der

Gegenwart getroffen und erschöpft wird.«

51.

Die Regel sagt: suche selbst da, wo Du Zwang eintreten lassen mußt,

seinen Willen zu gewinnen, besonders bei anhaltender Beschäftigung und

bei dem Uebergange vom Spiel zur Arbeit -- ferner bei Enthaltsamkeit

und Mäßigkeit im Genuß. Daher werde jeder reine Zwang möglichst

verhütet und vermieden, und der Gehorsam werde dem Kinde nicht

Ertödtung seiner kindlichen Gefühle und Triebe; denn dabei muß

nothwendig alle Freudigkeit verloren gehen, da sich der Erzieher in

einen Zuchtmeister verwandelt, und dem Kinde allen eigenen Willen

nimmt. Muß sich das Kind nicht gedrückt, gemißhandelt und gekränkt

fühlen, da es sich zu den Absichten und Gründen der Erwachsenen nicht

zu erheben vermag? muß es nicht störrisch, mürrisch und trübsinnig

werden, wenn man ihm gar keinen eigenen Willen zugestehen will?

»Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung mit

seinem Motiv, keinen andern Werth haben, als daß den Eltern Vieles

dadurch leichter wird. Oder gälte es auch für Seelenwuchs, wenn

euer Kind nun überall so vor allen Menschen, wie vor euch, seinen

Willen unterordnete, böge und bräche? Welcher gelenkige, geräderte

Gliedermensch, aufs Rad des Glücks (Gehorsam) geflochten, wäre das

Kind! Allein was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern seine

Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagungskraft, die dankende

Verehrung des Besten, nämlich des Eltern-Paars. Und dann habt ihr

Recht. Aber um so mehr ~gebietet~ nirgends, wo euch das höhere Motiv

nicht selber aufruft und gebeut.« S. Levana 1r Th. S. 221.

~Verbieten~, besonders wenn es mit Worten der Liebe geschieht, wird das

Kind nicht so mürrisch machen, als ~Gebieten~; es wird ihm leichter,

zu unterlassen, als zu thun, weil es bei dem Unterlassen noch die

Freiheit behält, etwas anders zu thun -- ihr müßtet es denn mit euren

Verboten wie mit Schranken einengen, oder damit auf jedem Schritte

verfolgen, oder verbieten, was das Kind, weil es ein Kind, und dies

Kind ist, nicht lassen kann, z. B. zerbrechen und zerreissen, oder

lärmen und springen, oder albern seyn. -- Gebietet ihr zu viel und zu

oft, so wird das Kind furchtsam und ängstlich; immer steht ihm ein

Gebot schreckend und drohend vor Augen, und es verliert endlich alle

Heiterkeit und Freimüthigkeit: Nichts tödtet so sehr alle Freudigkeit

der Kinder, als ungerechtes Ge- und Verbieten, und nichts lähmt so

sehr ihre Willenskraft. Ein Gebot im Ton der Bitte, der Aufforderung,

wobei Liebe und Ehrtrieb zu Hülfe gerufen, oder ein ~Ableiter~ für die

Begierde aufgerichtet wird, würde anders, und besser wirken. Und der

pädagogischen Klugheit bieten sich überall solche Ableiter dar, durch

welche die Begierde nicht nur von dem Thörichten und Gefährlichen

abgeleitet, sondern auch zugleich auf etwas Gutes und Nützliches

hingeleitet wird, z. B. eine angenehme Beschäftigung, ein Auftrag, eine

Erzählung, ein Reiz für die Neugierde u. dgl. m. Und wie viel liegt

daran, daß Kinder mit Freudigkeit gehorchen lernen! -- fast die ganze

Charakterbildung. Auch ist doch nur das Gehorchen mit Freudigkeit ein

wahres Gehorchen.

»Nur den Sclaven peitscht man zum Ueberverdienst; aber selbst das

Kameel trabt nicht hinter der Peitsche, sondern nur hinter der Flöte,

schneller.« (Jean Paul.)

52.

Auch durch ~Belohnungen~ und ~Bestrafungen~ suche die Erziehung auf den

Zögling und seinen Willen zu wirken; denn da die ~natürlichen~ Folgen

nicht gleich sichtbar und fühlbar, oft sogar durch dazwischen tretende

Umstände verzögert oder entfernt werden, und Kinder so erfinderisch

sind in Entschuldigungen und Beschönigungen; so sind ~positive~

Belohnungen und Bestrafungen in der Erziehung unentbehrlich, um den

Willen der Kinder von Thorheiten und Fehltritten abzulenken, und ihn

für das Gute zu gewinnen; doch müssen sie, wenn sie wohlthätig wirken

sollen, der reinen Sittlichkeit keinen Eintrag thun, und also weder in

unnatürliche Zwangsmittel, noch in Bestechungen des Willens ausarten,

(wie z. B. wenn die Leckerhaftigkeit oder die Eitelkeit, oder wohl gar

der Neid der Kinder angeregt, und als Reizmittel gebraucht wird), noch

jemals einen an sich guten Trieb, wie z. B. den Ehrtrieb unterdrücken,

oder den Muth und die Freudigkeit des kindlichen Gemüths. -- Der

Zögling selbst muß sie als nothwendig und wohlthätig erkennen, und

sie müssen keine Spur von Laune, Eigennutz oder Härte an sich tragen.

Darum ist es z. B. unverantwortlich, wenn Eltern und Erzieher von vier-

und sechsjährigen Kindern ein stundenlanges Stillsitzen bei einem

Bilderbuche oder bei einer Arbeit, bei der Fibel, dem Schreibebuche,

verlangen, und es durch Drohungen oder Versprechungen erzwingen.

Behutsam und sparsam wollen sie angewandt seyn, gleichsam als Würze der

Erziehung, damit nicht auf der einen Seite Eigennutz und Selbstsucht,

auf der andern Furcht entstehe, und der Zögling auch ~unbelohntes Gute~

liebe, und ~unbestraftes Böse~ verabscheue. Folgende Regeln sind hiebei

zu beobachten: 1) So lange es noch andere Mittel zum Zweck gibt, trete

keine Belohnung und keine Strafe ein; nur, wenn jedes andere unwirksam

blieb, oder geringe Wirkung that. Aeusserungen der Liebe wirken besser,

als Aeusserungen des Beifalls; Aeusserungen der Unzufriedenheit und

Betrübniß besser, als Verweise und Strafen. Darum sollen diese nur

im Nothfalle eintreten. 2) Kinder, die unverwöhnt, natürlich gut und

gefühlvoll sind, sollen nicht gestraft und nicht belohnt werden, denn

das würde sie nur verderben. Bei Verwöhnten ist Strafe und Belohnung

nothwendig. Eben so bei Kindern von großer Lebhaftigkeit und starker

Sinnlichkeit. 3) Man beobachte das genaueste Verhältniß gegen Verdienst

und Schuld. Wenn ein Kind sich im Memoriren auszeichnet, oder wegen

seines Phlegma's still und folgsam ist, so hat es auf keine Belohnung

Anspruch. Wenn ein Kind von dürftiger Fähigkeit keine Fortschritte

macht, so kann es nicht bestraft und nicht getadelt werden. Da, wo

eine natürliche Weichheit und Gutmüthigkeit die einzige Quelle des

Gehorsams, der Gesetztheit und Lenksamkeit ist, wird der Erziehung

durch unberufene Lobredner und freigebige unbesonnene Lobsprüche sehr

oft ihr Werk verdorben. Wo die Natur oder die Umstände Hindernisse

in den Weg gelegt haben, aber eifriges und anhaltendes Streben sich

zeigt, da werde liebreich belehrt und ermuntert. Man unterscheide

wohl bösen Willen und Schwachheit, und traue jenen den Kindern nicht

leicht zu, versage dieser die verdiente Nachsicht nicht. Daher sind

alle feststehende Strafen und Belohnungen bedenklich; denn wie oft

wird die Schuld zur Unschuld durch die Berücksichtigung der Umstände;

wie oft sinkt das scheinbare Verdienst zur Schwachheit hinab, wenn man

genauer nach seinem Ursprunge forscht. Aber bei feststehenden Strafen

kann keine von den Rücksichten genommen werden, welche Klugheit und

Billigkeit vorschreiben. So ist es besonders mit Ehrenbezeigungen.

4) Man beobachte genau die Wirkungen der Belohnung und Strafe, denn

diese sind oft ganz anders, als man sie erwartet hatte, und bei

verschiedenen Kindern verschieden. Die Furcht, welche abschrecken

sollte, reizt zuweilen, besonders bei Kindern, welche einen festen

Willen haben, und durch ihr Temperament fortgerissen werden. 5) Man

hüte sich ein Straf-Urtheil im Zorn auszusprechen, noch mehr es im

Zorn zu vollziehen. 6) Man beobachte eine gehörige Stufenfolge im

Strafen, und lasse sich durch des Kindes Widerstreben nicht reizen.

7) Sichtbare und innige Reue wende die Strafe ab, oder diese bestehe

doch nur in der Aufgabe, den Fehler wieder gut zu machen. 8) Die

sichtbare Theilnahme des Strafenden erhöhe die Wirksamkeit der Strafe,

die immer als Aeusserung der Liebe erscheinen muß. 9) Man suche die

Strafe den natürlichen Folgen der Handlungen möglichst anzupassen und

gleich zu stellen, und schließe also z. B. das zänkische Kind von der

Spielgesellschaft aus, lasse das unmäßige und leckerhafte entweder

dieselbe Kost häufig nach einander, bis zum Ueberdruß genießen, oder

fasten, oder nur das Einfachste genießen; strafe das träge Kind durch

lange Weile, das flatterhafte durch Anhalten zur Wiederholung und zum

Bessermachen, gönne dem fleißigen vorzugsweise Erholung und Vergnügen,

schließe das geschwätzige und plauderhafte für eine Zeit von allem

Umgange aus, nöthige das ungestüme zur Abbitte, gebe dem sanftmüthigen

Aufsicht über Andere -- lasse die schmutzigen sich zurückziehen --

die unordentlichen aufräumen. 10) Der Erzieher sorge dafür, daß

sein Mißfallen und seine Mißbilligung die schwerste Strafe sey, und

suche daher seinen Zöglingen Ehrerbietung und Liebe einzuflößen, ihr

sittliches Gefühl zu schärfen, ihr Ehrgefühl zu erhöhen. 11) In solchen

Fällen, wo an der Aufrichtigkeit der Reue zwar nicht zu zweifeln ist,

aber der Wille des Kindes sich noch sehr schwach und wankend zeigt,

erlasse man die Strafe nicht, aber man lasse dem Kinde die Wahl

zwischen zwei Strafen.

Bei eingewurzelten Fehlern und geringem Ehrgefühl können auch solche

Strafen sehr wohlthätig werden, die beschämen und demüthigen, z. B.

Absonderung und Entfernung, Bekenntniß und Abbitte.

53.

Die Wirksamkeit der Strafe und Belohnung werde durch die Gesinnung

erhöht und befördert, welche der Erzieher dabei zu erkennen gibt: die

herzliche Betrübniß über die Fehltritte des Zöglings, das Bedauern

seines Wankelmuths, das Trauern über seinen Leichtsinn, die Freude über

seine Besserung und seine Fortschritte im Guten. Er erblicke nie den

Zorn, den eine persönliche Beleidigung entschuldigen oder rechtfertigen

würde, und zürne nur sich selbst, nie seinem strafenden Erzieher. Die

Liebe desselben sey seine höchste Belohnung, die Trauer desselben seine

härteste Strafe.

~Für Belohnungen besonders~ stehet Folgendes ~als Regel~ fest:

1. Sie werde nie für das ertheilt, was allein die Natur gab, und also

nicht errungen werden durfte, sondern nur für das, was Anstrengung,

Ueberwindung, Geduld und Beharrlichkeit kostete.

2. Man lasse sie sich nicht abschmeicheln durch ein gefälliges

Betragen, zarte Aufmerksamkeit, scheinbare Folgsamkeit. Leider

kommen auch in der Kinderwelt schon die Künste der Heuchelei und des

Schmeichelns zum Vorschein.

3. Nie Geldbelohnungen (aber wohl Geldstrafen unter gewissen

Umständen), und ~selten~, bei eitlen Kindern ~nie~, Ehren-Belohnungen;

vorzüglich dagegen Vergnügen, Befriedigung der Neugier, und einer

unschuldigen oder sogar nützlichen Liebhaberei.

Ueber den Umgang mit Menschen · 第 9 / 14 题