und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und
schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge belohnt werden. Die
Schlingen, denen ein junger Mann in dieser Hinsicht auszuweichen
hat, sind unzählig. Wohl ihm, wenn er Kraft und Klugheit genug hat,
diese Ausgearteten wie die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das
Unglück, in ihre Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so
viel kalte Ueberlegung haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht,
vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König
Salomon das alles weit besser gesagt. -- Doch ein Paar Zeilen darüber:
Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst,
sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln,
um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache, oder
irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist
es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Dein Selbst willen
anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit
gesetzt, und immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas,
aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto
sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr
Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. Hast Du sie
bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt
hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets treulich befunden; hat sie
zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt;
zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edlen Verbindungen;
opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: -- ei
nun! die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig
-- so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige
Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! Ein Weib, das die
ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und
Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann das wahre Ehrfurcht für
höhere Pflichten haben? Doch bin ich weit entfernt, alle unglückliche
Gefallne und Verführte in die Klasse verachtungswerther Buhlerinnen
setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend
zurückführen. Es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer
vor der Verführung sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie
in Versuchung geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art
von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte
Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, als
wenn man die geliebte Person von Andern verachtet sieht, wenn man
sich vor der Welt der Bande schämen muß, die man nicht zerreissen
mag oder kann. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen
Ausschweifungen, und der Umgang mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert
den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes
Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. -- Uebrigens bleibt es doch
immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns alle Arten von
Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch
uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihen wollen;
aber freilich, was würde aus der bürgerlichen Gesellschaft und aus
dem ganzen Menschengeschlecht werden, wenn diese Strenge gegen das
schwächere Geschlecht aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch:
wer sich rein weiß, hebe den ersten Stein auf!
Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß
~jedes~ Weib zu verführen sey? -- o ja! so wie jeder Richter auf irgend
eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle innre und äussre
Umstände dazu mitwirken, zu jeder Sünde fähig seyn würde. -- Aber heißt
das etwas andres gesagt, als: daß wir alle -- Menschen sind? Ueberlegt
man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche
Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament,
so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite
an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen
Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch Verdienste und
~höhere Tugenden~ vergessen machen können: -- o! wer wollte dann nicht
dulden und schweigen? -- Wenden wir uns nun zu einer erhabnen Klasse
von Frauenzimmern -- zu den ~gelehrten Weibern~!
18.
Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn
man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt,
die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf Gelehrsamkeit
macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wie viel
mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an
die Bestimmung der Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer
Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was
hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie
nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten Grundbegriffe
fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an eingeprägt werden? Es
gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben
der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmuth weiblicher
Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur,
philosophischen Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im
Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier
öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, daß ich
die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen brauchte; allein
wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! Und ist es nicht
Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Kosten
ihrer und Andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so
Wenige erreichen?
Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre
mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch sorgsam und
keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie sich bemühe,
nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; aber sie soll
kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll nicht in allen
Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt wahrlich, wo
nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche arme Geschöpfe
sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, die Jahrhunderte der
Gegenstand der mühsamsten Nachforschung großer Männer gewesen sind,
und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie
sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib
darüber am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken,
Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von dem
Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und
Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse
der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch in ihren unbescheidenen
Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft,
die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten
wie Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen
Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt sich und
ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten
hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft mit der gesunden
Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder
angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft;
der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er
nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit
Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach entgegen,
in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie
wenig der Unwürdige, Gefühllose, den Werth des Schatzes erkennt, den er
zu seinem Jammer besitzt.
Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter
den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als
Schriftstellerinnen zählt -- die Legionen Derer ungerechnet, die
keinen Unsinn haben drucken lassen, -- sind vielleicht kaum ein
halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, wahren
Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen; und diese
sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre
übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer
halbgelehrten Mitschwestern, daß sie sich durch meine Schilderung
gewiß nicht getroffen und beleidigt finden werden. Ist es aber nicht
bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen
Menge derselben nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit
dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese irre leiten
kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden
können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder weniger als mittelmäßigen
Talenten und Kenntnissen, eine Laufbahn betreten, welche weder die
Natur, noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat.
Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Litteratur
Anspruch machen: so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht
sind, ihr Umgang äusserst lehrreich und unterhaltend ist; und was die
von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anrathen, als
-- Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen
Gründe entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn man
sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler
zu vermehren.
19.
Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als wir, die
Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst
Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften haben zuweilen eine
besondre Fertigkeit in der Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in
welchen diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer
gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das
Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche
Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurf, wenn sie
zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber man nehme darauf Rücksicht
im Umgange mit ihnen! man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige
gleichgültig sey, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß
sie sich vorzüglich für den interessiren, mit dem sie öffentlich
vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß
gerade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder
Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern,
dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger
Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in diesen Blättern
entwickelt werden kann.
20.
Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten;
mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, auf
Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen
Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer;
die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn
sie an der Spitze einer Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender
verbieten würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und
Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier
Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und von denen
leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne Männer machten
bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von
den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur
christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von
Zeit zu Zeit an das Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht
verderben darf. -- Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen
nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen
keinen Theil nehme.
21.
Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit
verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich habe schon vorhin gesagt,
daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken
habe; und, in Wahrheit! das sprach ich aus der Fülle meines Herzens.
Ihr zartes Gefühl, ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen,
Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die
kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz;
ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten
Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige Laune
-- interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre Geduld in
langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, wo der
Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel durch Klagen schwerer
machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten,
zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht;
die kleine, unschädliche Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie
die Gesellschaft beleben -- das alles kenne ich, schätze ich, verehre
ich. -- Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter
ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige
Absichten beimessen?
Sechstes Kapitel.
Ueber den Umgang unter Freunden.
1.
Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl derselben
ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über diesen Gegenstand
vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen pflegen
dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der frühen Jugend geschlossen
werden. Man ist da noch weniger mißtrauisch, weniger schwierig in
Kleinigkeiten; das Herz ist offner, geneigter sich mitzutheilen,
sich anzuschließen; die Charaktere fügen sich leichter zusammen; man
gibt von beiden Seiten nach, und setzt sich in gleiche Stimmung;
man erfährt mit einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen,
gemeinschaftlich vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt
mit gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen dann
Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem vertrauten Kreise durch
die Hand des Todes dahingerissen, so kettet das die übrigbleibenden
Gefährten um desto fester an einander. -- Ganz anders sieht es aus in
reifern Jahren. Von Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht,
werden wir verschlossner, trauen nicht so leicht; das Herz steht
unter der Vormundschaft der Vernunft, die genauer abwägt, und sich
selbst Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet.
Man fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach
neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden
Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, von
dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden einer gänzlichen
Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze sind auf Systeme
zurückgeführt, in welche die Gesinnungen und Theorien eines uns
fremden Menschen selten passen; folglich wird es schwerer, eine
dauerhafte Harmonie zu Stande zu bringen; und endlich sind wir in so
manche Geschäfte und Verbindungen verflochten, daß wir kaum Muße, und
wenigstens selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige
man seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen und
andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von unsern Gespielen
getrennt haben, so suche man doch jene alten Bande wieder anzuknüpfen,
und man wird selten übel dabei fahren.
2.
Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß zu
vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der Jahre
erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; sie fessele, durch
unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, die dem kalten Beobachter
gar nicht für einander geschaffen zu seyn schienen; und da sie nur
durch Gefühle, nicht durch Vernunft geleitet werde, so fielen bei
ihr alle Rücksichten des Abstandes, den äussere Umstände erzeugen,
weg. Die Freundschaft hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und
Neigungen; nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine ihm
eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung und Erfahrungen,
und desfalls finde unter Personen von ungleichen Jahren und ungleichen
bürgerlichen Verhältnissen keine so vollkommne Harmonie Statt, wie zur
Knüpfung des Freundschafts-Bandes erfordert werde.«
Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich schon zärtliche
und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, die, weder
dem Alter noch dem Stande nach, sich ähnlich waren, und wenn man sich
an dasjenige erinnert, was ich zu Anfange des ersten Kapitels in
diesem Theile gesagt habe: so wird man dieß leicht erklären können. Es
gibt junge Greise und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in
Wünschen, Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben
den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige
Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen selbst einen Fürsten
zu dem Pöbel herabwürdigen können. Das ist aber zuverlässig gewiß, daß
zu einer dauerhaften innigen Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und
Empfindungen erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen
Verschiedenheit in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz
finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, was sie
zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der reinsten Glückseligkeit
macht: die Mittheilung verschwisterter Gefühle, die sanfte, durch
Theilnahme versüßte Warnung und Zurechtweisung? Und kann ich den mit
Zustimmung meines Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen
völlig fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele
ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen und
seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur bewundern darf, an
welche man immer hinaufschauen muß, und diese Menschen verehrt man,
aber -- man liebt sie nicht, oder man verzweifelt wenigstens daran, von
ihnen wieder geliebt zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile
gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht
von ~einer~ Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die
Freundschaft.
3.
Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn
für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen-Bedürfniß,
weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle
ertödtet, und sie zu Sclaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften
zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freuden nachzurennen; immer
zu genießen; geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es
ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen
werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt;
die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung
eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; die Geringern und
Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß
sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen
können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen
erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe
seyen, und das tödtet dann die Freundschaft.
4.
Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, Alter
und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft
Derer, die nicht von unedlen, heftigen, oder thörichten Leidenschaften
beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn, von Launen und Grillen hin- und
hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen
sich ergibt; wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem
unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre,
Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen und
Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie Wachs, von Jedem in
jede Form drücken läßt; der mag vielleicht ein guter Gesellschafter,
aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund seyn. Sobald es auf
Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt,
wird ein Solcher Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und
Dich hintergangen glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem Du
unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so oft der
Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie wir gern möchten,
daß sie aussähen, und es nachher sehr übel nimmt, wenn sie gewahr wird,
daß die Natur nicht das Original dem Gemälde gleich geschaffen hat.
5.
Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sey --
keiner Freunde zu ~bedürfen~; aber jeder Mensch von Gefühl ~bedarf~
Freunde. -- Und sollte es denn wirklich so schwer seyn, in dieser
Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, nicht halb so schwer, wie
man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden jungen Herren schaffen
sich nur zu überspannte Begriffe von der Freundschaft. Freilich, wenn
wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles
eignen Interesse, in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung
unsrer Parthei gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung
unsrer Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern
leidenschaftlichen Verirrungen -- mit Einem Worte: wenn wir mehr von
unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen
verlangen darf, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben: so
werden wir nicht leicht unter tausend Wesen Eins finden, das sich so
gänzlich in unsre Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen,
deren Hauptgrundsätze und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen,
kleine unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude
finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert,
das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre Schwächen zu seyn;
die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen
Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungeheuchelter und
herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, uns, wo es
höchst nöthig ist, und wir dessen werth sind, alles aufopfern, ~was man
ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und
die Seinigen aufopfern darf~, uns die Wahrheit nicht verhehlen, und
aufmerksam auf unsre Mängel machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen,
uns allen andern Menschen vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit
geschehen kann -- -- suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir
deren gewiß. -- Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein
Paar für jeden Biedermann; -- und was braucht man mehr in dieser Welt?
6.
Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch!
Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das Glück Dich plötzlich über ihn
erhebt, auch da, wo Dein Freund nicht glänzt, wo Deine Verbindung
mit ihm durch die öffentliche Stimme nicht gerechtfertigt zu werden
scheint! Schäme Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten
Freundes; beneide nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an
ihm, ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als Du
selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn Dein
Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes Temperament,
einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl hat! Ergreife warm
und eifrig die Parthei Deines Freundes, aber nicht auf Kosten der
Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du sollst nicht seinetwegen blind gegen
die Tugenden Andrer seyn, noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines
würdigen, geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen
Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen,
seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, in kleinen
Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich die
Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit in sein Verderben
stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen wird, oder vielleicht gar
durch unkluge Vertheidigung seine Feinde mehr erbittern, und Dir und
den Deinigen den Untergang bereiten. Aber retten sollst Du seinen Ruf,
wenn er unschuldig verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn
verläßt und verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend
Vortheil bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und
Dich nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder böse
Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht mitlächeln
sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her ihn höhnen. Mit
Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht geben von Gefahren, die
ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; aber nur, in so fern dieß dazu
dienen kann, dem Uebel auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut
zu machen, nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt
wird.
7.
Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst selten.
-- Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es
vermagst! opfre Dich auf -- nur vergiß nicht, was Klugheit und
Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir fordern! Aber tobe nicht,
klage nicht, wenn Andre nicht ein Gleiches für Dich thun! Nicht immer
herrscht böser Wille bei ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft
beherrschte Menschen sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es,
die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von
kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer
Anhänglichkeit an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, Deine
Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht gern Schande
vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen; wie
Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung ankömmt, den Schwächern gegen
den Mächtigern aufopfern! Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich
über Deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten,
oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection
und Rathgebersrolle verwandeln -- nun, so sey billig! Schiebe die
Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre
Abhängigkeit von äussern Umständen, auf die Nothwendigkeit, heut
zu Tage ~durch Gunst~ sein Glück zu machen, um in schweren Zeiten
fortzukommen! Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du
Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest,
wenn Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine Freunde
machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß wirklich unsre
Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten
unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung
schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Thorheiten
verwickelt waren. Oft werden sie durch unsre widrige Lage gerade so
gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt seyn sollen, wenn sie ein
gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf,
uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns
zu verlieren, thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden,
und unsre Freunde ~wählen~ konnten. Ich habe in einigen blendenden
Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdringen
gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner
witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, schmeichelhafte
Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien, und
meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht
genug, um nicht alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern
fest überzeugt zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf
mich herabsehen würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche
Lage kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte
nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken und
Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als Solche kennen;
sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es
befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber Manche waren vorher
nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde
erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem
Auge, und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte
oder einige Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft
vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu
werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir nützlichere,
ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die mich in meiner Eitelkeit
und Selbstgenügsamkeit zu bestärken suchten.
8.
Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen Gesinnungen
und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als der: »daß es ein
Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke zu haben.« Ist es
nicht genug, selbst leiden, und dabei überzeugt seyn zu müssen,
daß in der Welt noch viel eben so redlich gute Menschen, wie wir
sind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe
dieser Unglücklichen muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir
Andre zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts
leichter wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey,
sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache
Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit
von ~der~ Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten Kapitel des ersten
Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern seine Widerwärtigkeiten
zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung dieser Frage nur das,
was Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; im Umgange mit Freunden
hingegen, wovon hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls
vorschreiben, unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich
theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich sage: so viel
möglich, denn es können Fälle kommen, wo die Bedürfnisse des gepreßten
Herzens, sich zu entladen, zu groß, oder die liebreichen Anforderungen
des Freundes, der den Kummer auf unsrer Stirne liest, zu dringend
werden, wo länger zu schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den
Vertrauten werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten
kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers Freundes, wie
unserer eignen, schonen!
9.
Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie
könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest Du
seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegensetzen, ihm wehe thun
durch Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine
Noth hätte verhüten können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller
Freund, so wirst Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder
Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch
weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich
über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichle ihm nicht mit
falschen Hoffnungen, mit Erwartungen eines blinden Ungefährs; sondern
hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind!
10.
Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt seyn.
Da soll alle ~falsche~ Scham, da soll aller Zwang, den Convenienz,
übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen Leben auflegen,
wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter innigen Freunden
herrschen. Allein man überlege dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit
seyn würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig
sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt,
oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß
wenige Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß zu
bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die
zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser
Eigenthum sind; und endlich, daß es auch eigne Geheimnisse geben kann,
die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf
der Welt anvertrauen darf!
11.
Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange
unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit,
die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit
in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, deren Zuneigung man
augenblicklich verloren hat, sobald man aufhört, ihnen Weihrauch
zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit
ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf
man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit
widerfahren lassen. Gewisse Saiten kann man gar nicht berühren,
ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie
blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache; werden sie von
Phantasie oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder
schädliche Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben und
zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich,
hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andre
werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt,
sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören
können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren
faulen Seelen-Schlummer befördern. -- »Wenn ich Dich bitten darf,«
sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich
nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht
anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders
handeln sollte; aber es würde einen zu schweren Kampf kosten -- meine
Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht,
daß ich ernstlich darüber nachsinne.« -- Pfui! welch eine Feigheit
und Verblendung! ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und
ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem
Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. -- Alle solche
verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man
muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch
dann, wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert.
Doch das Recht, welches die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln,
und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit
und liebevoller Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut,
den fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und zu
erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn, seinem
Temperamente oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten
steht.
12.
Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter Freunden
aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das Verhältniß
zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten empfängt, am
wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: so scheint es der Zartheit der
Gefühle angemessen, zu verhindern, daß durch ein zu großes Gewicht
von Wohlthaten auf ~einer~ Seite ein Freund dem andern gleichsam
unterwürfig werde. Verbindlichkeiten von der Art sind der Freiheit,
der uneingeschränkten Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft
beruhen soll. Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht
hinein gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig,
sondern Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig
mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. Vorzüglich aber soll
das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes Güte in Anspruch zu
nehmen, weil ich voraussetzen darf, daß er mir zugestehen werde, was er
einem Fremden abschlagen würde. Wäre es endlich auch nur die einzige
Rücksicht, daß empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter
macht, und Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein
starker Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von
Erheischung und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand des Freundes
die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen Besorgniß,
als ob es möglich wäre, daß angenommene Wohlthat der Freundschaft
gefährlich werden könnte. -- Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man
die Dienstwilligkeit seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für
fremde Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke
mißbrauchen sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der gern
Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die seiner Hülfe
werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem Officier gebeten,
ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. Er antwortete nicht, gab ihm
aber, bei seiner Abreise nach Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen
mit, den der Officier dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte.
Friedrich begriff, daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage
einen solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier
in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich eine
eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt es Fälle,
in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden muß, nämlich wenn
die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, von der Art sind, daß
der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit erweisen, oder ohne uns in
Verlegenheit zu setzen und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern
kann; wenn wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche
Gefälligkeiten zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage
der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt werden
kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück auf Verschweigung
einer Sache beruht; wenn wir uns keinem Andern sicher, ohne Gefahr und
Schaden, anvertrauen, von keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn
wir dann gewiß wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner
Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und ähnlichen
Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das wir ihm schuldig
sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen.
13.
Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten gesagt
habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, daß man sich hüten muß,
einander überdrüssig zu werden, oder durch zu öftern, zu vertraulichen
Umgang, widrige Eindrücke zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde
nicht zu oft sehen, sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie
ihn dann desto inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu
häufigen Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren
jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die Innigkeit
der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, oder
wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem Freunde ersparen
sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft noch nöthiger, als in
der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, gewisse Rücksichten und
Ueberlegungen wirksam sind, vor allen die, daß man nun einmal auf die
ganze Lebenszeit mit einander zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher
Ertragung, und um ~ein~ Leib und ~eine~ Seele zu seyn, vereint ist;
folglich die Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung
abhängt. Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und
verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur eines
Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder die Augen zu öffnen
über den Werth und Vorzug unsers Freundes vor andern mittelmäßigen
Leuten, mit denen wir indeß gelebt haben; allein besser ist es doch,
wenn dergleichen Empfindungen gar nicht in unser Herz kommen; und
das kann man ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit
Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit
und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten Kapitel
dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, geredet habe;
und lege endlich auch dem Freunde keine Art von Zwang auf; verlange
nicht, daß er sich nach unsern Launen, nach unserm Geschmacke richten,
noch daß er den Umgang solcher Menschen, gegen welche wir eingenommen
sind, fliehen solle!
Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten
Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß man ohne sie
durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind auf dieser Welt nicht
Herren über unser Schicksal. Man muß sich gewöhnen, Trennungen durch
Tod, Entfernungen und andere Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut
besitzt, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch
verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz auf
das Daseyn eines andern Wesens.
14.
Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner
Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur aus Eigennutz, nur um
den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich an sie geschlossen. Halte die
Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die
man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst Du Dich dessen Freund
nennen, dem Du nicht einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem
Jahre weihen willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft
erwarten, den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr
weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in Monaten und
Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit Deinem Freunde zu
unterhalten, so liegst Du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder
bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse
auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit
hindurch gar nicht gestimmt sey, seine Gedanken in Ordnung auf das
Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine
rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in
unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf diese Weise
kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen
erträglich werden.
15.
Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft,
wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, als von
einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es Dich, wenn auch andre
Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der Dir theuer ist;
freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling noch ausser Dir gute Seelen
findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne
schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht
undankbar gegen Dich werden -- und würdest Du denn dadurch mehr Werth
in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen Menschen zu
entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für Dich
allein zu behalten?
16.
Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches
Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld
und Bildung seiner Kinder -- das alles sey Dir heilig, sey ein
Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner Theilnahme und Deiner Schonung! Auch
Deine heftigste Leidenschaft, Deine unmäßigste Begierde müsse diese
Unverletzlichkeit ehren!
17.
Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag zu legen,
sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der
Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und
Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und
beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust
drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer
annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille
Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung.
Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern
Freundschafts-Bezeigungen, sondern beurtheile seine Freunde nach
der fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit,
welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei,
beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth
der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und
die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an
deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen
ihre Worte Orakelsprüche sind.
18.
Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf jeden
ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich darauf
an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede Art von
Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, pflegt Verdacht
oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in der Stille auf dem Pfade
fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit bezeichnen, und dabei ein
wohlwollendes, zur Mittheilung gestimmtes Herz in seinem Busen trägt,
der bleibt nicht unbemerkt, nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich
anzudrängen, ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde
reichen.
19.
Es gibt aber Menschen, die gar keinen ~vertrauten~ Freund, sondern nur
Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelen-Bedürfniß
fehlt, oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen, oder weil ihre
Gemüthsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel, oder zänkisch
ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor
die Füße, und deswegen bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es
aufzunehmen. -- Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen
beiden Menschenklassen zu gehören.
20.
Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen,
Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit verstreichen läßt,
oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: so erwächst
daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, die mehrentheils um so
heftiger wird, je zärtlicher, je vertrauter die Verbindung war, und je
ärger man sich also hintergangen glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger
Anblick, auf diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander
empört zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten
von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu säumen,
ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. Da pflegt alles
sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, daß kein böser Wille
obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, wohlwollenden Freunden
voraussetzen muß.
21.
Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger Zeit
wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, uns an Menschen
gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? -- Meine Leser! ich kann es
nicht oft genug wiederholen, daß wir mehrentheils selbst daran Schuld
sind, wenn wir bei näherm Umgange die Menschen anders finden, als
wir sie uns anfangs gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie,
Aehnlichkeit des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei;
Seelen-Drang, in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint,
der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt -- diese und
andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und bereiten
uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen als engelreine und
erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine gewisse natürliche
Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind nachher, wenn wir ihre
Schwächen entdecken, viel unduldsamer gegen diese unsre Lieblinge, als
gegen fremde Leute, weil es unserem Stolz weh thut, daß wir so falsch
gesehen hatten, oder so kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure
Erwartung, Eure Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch
ein menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung
begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr bedürft
deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet nicht, damit
auch Ihr nicht gerichtet werdet! -- Und was für Recht hast Du denn auch
über die Moralität Deines Freundes? Was ist er Dir anders schuldig, als
Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? Wer hat Dich zum Sittenrichter über
ihn bestellt? -- Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! --
Du kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden.
Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze,
womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unsrer Freunde
unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heute mit
einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen
theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein
ärgerliches Mährchen aufgehängt hat, denselben zu dem verächtlichsten
Betrüger herabwürdigen! Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften
Freund, auf Angabe des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm
schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, -- wäre auch alle
Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! -- solche wankelmüthige,
elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer
Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich;
man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können
Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig
scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann
keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines
Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sey,
edel und schlecht zugleich zu seyn.
22.
Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch
verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich in einem
solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsre
Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank belohnt hätte -- nun! so
hört er auf, unser ~Freund~ zu seyn; ich meine aber, er behält doch
nicht mehr und nicht weniger Recht auf unsre Duldung, als jeder andre
uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher
mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil hat,
wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit
großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige,
was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt
das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu
weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser
Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der
Mann ~uns~ betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit
größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als
gegen jeden andern Schelm, der ~andre Menschen~ und überhaupt die
Tugend betrügt.
Siebentes Kapitel.
Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.
1.
Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts,
durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, gezwungen ist, dem
kleinern zu Gebote stehen, und daß oft der Bessere den Winken und
Launen des Schlechtern gehorchen muß. Was ist daher billiger, als daß
die, denen das Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren
Nebenmenschen das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, diese
glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth benutzen.
2.
Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei geboren,
daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und Gefühle hingegen nur das
Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl zu seyn scheinen. Lasset
uns indessen den Grund dieser Wahrheit weniger in den natürlichen
Anlagen, als in der Art der Erziehung, und in unsern, durch Luxus und
Despotismus verderbten Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure
Menge Bedürfnisse erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das
ewige Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften,
zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig zu
unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit die
Quellen aller Tugend und Freiheit sind.
3.
Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, und
unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so sind sie doch nicht Alle
unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, noch blind gegen wahren
Werth. Rechne also weder auf die Zuneigung und Achtung, noch auf
freiwillige Folgsamkeit derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese
selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind,
als Du, daß Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner;
wenn Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst,
die Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern
vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den
Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr von ihnen verlangst, als Du
selbst an ihrer Stelle würdest leisten können; wenn Du Dich weder um
ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst,
ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln,
oder Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben
können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand,
sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; wenn Du ihnen
wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn sie, indeß Du schwelgst, in
rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter
bloßgestellt, auf Dich voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn
Dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder
Dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller
Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! --
Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit
in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, so wie überhaupt das sicherste
Mittel, uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondre geschickt,
uns der Ehrerbietung und Zuneigung Derer zu versichern, die von
uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und
gegen welche wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist
ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der
Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, die lange
genug in einem Hause gedient haben, um den darin herrschenden Ton
anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn auch fast unfehlbar ein.
Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel ist, dient mehrentheils einem
Prahler! bescheidne Herrschaften haben höfliches Gesinde; in stillen,
ordentlichen Haushaltungen findet man sittsame, fleißige Leute zur
Aufwartung; zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind ~da~ zu
Hause, wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange
sind. -- Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen bedarf es
nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu bilden.
4.
So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit Bedienten
anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man sich ihnen unverholen
in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten in heimlichen
Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige Bezahlung an ein üppiges
Leben gewöhnt, -- wenn man sie nicht gehörig beschäftigt, alles
ihrer Willkühr überläßt, sie zu unumschränkten Herren über Kassen
und Vorräthe macht, und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, --
wenn man alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt,
und sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie
nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. -- Man findet
unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, der das vertragen
kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen Nachsicht macht. Auch
ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu machen. Ein wohlwollendes,
ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches Betragen, entfernt von steifer,
hochmüthiger Kälte und Feierlichkeit, -- gute, richtige, nicht
übermäßige, der Wichtigkeit ihrer Dienste angemessene Bezahlung, --
strenge Pünktlichkeit, wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu
demjenigen anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, --
Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer anständigen,
bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen Vergnügens
von uns begehren, oder auch ungebeten nur erwarten können, -- weise
Ueberlegung in Zutheilung der Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen
Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum
Gegenstande haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen,
sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung
reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben,
-- Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, wenn man
Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal zu verschaffen, sie zu
befördern, -- väterliche Sorgsamkeit für ihre Gesundheit, für ehrlichen
Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: -- das sind die sichersten
Mittel, gut, treu bedient, und von denen, die uns dienen, geliebt zu
werden. Hierzu füge ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu
halten; aber die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich
und hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu
behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird man bedient.
5.
Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse,
dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth,
alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte und Hausvaters-Freuden sind
größtentheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil
der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die wir
nach Gefallen abschaffen, so wie auch ~sie~ uns verlassen können,
sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder
reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt,
daß wir ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen,
kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie
nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie
aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns
hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung
trennt das Interesse beider Theile, das doch ein gemeinschaftliches
seyn sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: der Herr
sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus
Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; -- was im Alter
aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er
sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen
Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen
Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf Sittlichkeit, auf
Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist
leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen
so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man
in jetzigen Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die
ihnen dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen,
durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer
sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges
Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl
erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen
und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, das Gesinde
selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang,
wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr
Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens,
zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer
solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich
nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen
an, sich zu fühlen, und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein
oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran Schuld: und
nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen
eine ganz andre Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch
gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück
zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch
immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur
eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von
uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen
und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in
der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter
einem ~Herrn~ und einem ~Hausvater~ erfahren, und richtige Begriffe
von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht
immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und
Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das
Gute bloß aus Liebe zum Guten thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren,
die verloren zu seyn scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung
äussern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu
pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die
man selbst genießt.
6.
Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur
Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze
verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern,
oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann mag nur Kraft gegen
Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, der sich nicht wehren darf.
Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner
Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, einen Theil
ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, seinen Dienstboten
so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst es sogleich anzeigen, wenn
durch ihre Schuld etwas im Hause verloren gegangen oder zerbrochen ist,
und dann ersetze man das fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein
häusliches Inventarium nie verringert werden. Ist von einem Dutzend
Tassen, Teller, Gläser oder dgl. erst ~ein~ Stück fort: so wird nicht
mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind sie alle
verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen muß.
7.
Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und liebreich
begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, oder wir dürfen
selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten dienen. Dazu kömmt, daß
manche Bediente sehr viel Einfluß auf ihre Herrschaften haben, daß die
Stimme der Menschen aus niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für
unsern Ruf werden kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel
genauer damit zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als
Personen, welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende
Kleinigkeiten hinaussetzt.
8.
Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die Warnung
hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit in dem Umgange
mit Haarkräuslern, Bartscheerern und Putzmacherinnen zu hüten. Dies
Volk -- doch gibt es auch da Ausnahmen -- ist sehr geneigt, aus
einem Hause in das andre zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien
anzuspinnen, und sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu
lassen. Am besten ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu
setzen.
9.
Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, Kaffee, Zucker
u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht dieß ist, so bleibt
es doch darum nicht weniger die Pflicht der Herrschaften, ihren
Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, dergleichen Unredlichkeiten
sich schuldig zu machen. Zwei Dinge sind hierbei am wirksamsten:
zuerst, daß die Herrschaften mit dem Beispiel der Mäßigkeit und
Selbstbeherrschung vorangehen, und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch
freiwillige Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen
könnten, die Versuchung verhüten.
10.
Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners gegen den
Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: Wer dient, der
erfülle treu die Pflichten, zu welchen er sich verbindlich gemacht
hat; er thue darin lieber zu viel, als zu wenig; den Vortheil seines
Herrn sehe er wie seinen eignen an; er handle immer so offenbar, und
führe seine Geschäfte mit solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit
schwer fallen könne, Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er
mißbrauche nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er
decke nie die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich
nicht verleiten, weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen
der Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das
Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch
immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne,
ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern
daß dieser seinen Werth, als den eines Menschen, fühle, und, wenn er
einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die
bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine
Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende
Aussenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege,
daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der Ferne nicht
wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen
dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn
zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen,
geduldig, ohne Geschwätz und ohne Murren, die lieblose Behandlung,
so lange er sich dieser Lage nicht entziehen kann. Kann er aber, so
trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was
ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung,
aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre
eine öffentliche oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen
Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn und fest,
voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes und der Menschen
Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch
durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu retten, wenn auch der stärkere
Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann!
Achtes Kapitel.
Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in
demselben Hause wohnen.
1.
Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten Verhältnissen
ausgehen, und immer von den einfachen zu den zusammengesetztern
fortschreiten: so denken wir, nach den bis dahin betrachteten
Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung mit Nachbarn und
Hausgenossen.
Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse;
allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und schreibe also aus
Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen Deiner Familie, bist
Du am ersten Deinen Nachbarn und Hausgenossen Rath, That und Hülfe
schuldig.« Es ist sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn
man mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen
und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im menschlichen Leben
so manche Fälle, wo augenblickliche kleine Hülfe uns Wohlthat ist, wo
wir uns zur Erholung von ernsthaften Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken,
nach der Gegenwart eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst
weit zu suchen brauchen; -- also vernachlässige man seine Nachbarn
nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart sind!
In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, nicht einmal zu
wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. Das finde ich sehr
abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich bewegen sollte, eine halbe
Meile weit zu fahren, wenn ich die Unterhaltung, oder die Langeweile,
welcher ich nachrenne, eben so gut zu Hause finden könnte, oder um
einen Freundschafts-Dienst die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben
mir an ein Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in
so fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte.
Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die Miethkutscher
und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn kennten.
2.
Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, sowohl sich
denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht ausweichen können,
wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, uns in ihre häuslichen
Angelegenheiten zu mischen, ihren Schritten nachzuspüren, und ihre
Schwachheiten oder Fehltritte unter die Leute zu bringen. Da vor
Allen das Gesinde hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man
seine Dienstleute davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus
seinem Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht
unauflöslich.
3.
Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, mit welchen
man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren
Nachbar man ist, -- Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber
dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man
deswegen nicht verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen,
spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in die Fenster
gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, und dergleichen mehr.
4.
Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete
Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht geschont zu werden,
und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe schon auf die Abnutzung
und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß
wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der
Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise
etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt,
und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünktlich
im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich
ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne
aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere.
5.
Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst
täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse
entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn
nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben,
gegen die man einen Widerwillen hegt.
Neuntes Kapitel.
Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.
1.
In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der
Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und
Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei
weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem
Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft
heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen,
wo nach und nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu
verdrängen anfängt, gehören die Gesetze der Gastfreundschaft nur
zu den Höflichkeits-Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach
seinem Gefallen mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist
es wahrlich zu verzeihen, wenn man, bei immer zunehmendem Luxus,
und dem mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der
Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher
Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache mit seinem
Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen
Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter
Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er
ein Vermögen verschwendet, das er besser anwenden könnte; und Andre,
indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur
Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen
rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da
alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie Der, welcher
empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, und wie er sich
dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen
vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben.
2.
Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in
gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem
Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines
Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen;
fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche
Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie
Mahlzeit, aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten
Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu
unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. Gastfreundschaft
gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen
aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem
Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es
dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus
Höflichkeit hergibt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als
seine Umstände leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen
Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine
Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er
selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung
gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern gibt, die Frau hingegen
dem armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den
Schüsseln liegt, daß Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen
kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken
nöthigen, oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist nun
einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet recht satt,
so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet so bald nicht wieder zu
kommen!« endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung,
die im Hause herrscht, seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art,
Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen
höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu
die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen
Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem
größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen
Theil nehmen und sich dabei in vortheilhaftem Lichte zeigen können.
Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast
muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet.
Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen
zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr seyn, ohne daß
dieß mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen
Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte
nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander,
die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu
einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten
aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr
Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten
aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den
unrechten Tag gebeten; so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns
unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt,
uns unwillkommen ist.
Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie
zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, wenn sie glänzen,
oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu
einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht
haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in Deinem Hause ist, und
wäre er Dein ärgster Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von
Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt
seyn! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter
seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm
nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, und
verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der
Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine
Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit
und Bewirthung, wenn der Freund sich längre, vielleicht, ein wenig
unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich
in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge
fortsetzen kann!
3.
Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu
nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und ein Gast halten sich
beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.« Diese Vorschrift
leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel
Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und
Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, ~wie lange~ unsre Gegenwart
in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer
ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten
so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange
beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll
man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen.
Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir, zum Lohne
seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen
Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig
davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still
sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen,
als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern,
genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht
durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach,
irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel
hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem
Hause gesehen hat, seinen Spott treiben.
4.
Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf
die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen, daß sie dafür
gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst
alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann
verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja
leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht
werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne
Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.
Zehntes Kapitel.
Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten
empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,
Gläubigern und Schuldnern.
1.
Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir Gutes gethan
hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, die ihm die Wärme Deiner
Erkenntlichkeit zeigen, sondern suche auch jede Gelegenheit auf, wo
Du ihm wieder dienen und nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu
die Veranlassung, so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend
ehrendes und theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst
nicht gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat
abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des guten
Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre auch ~dann~ nicht
auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du seiner nicht mehr bedarfst,
oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner Höhe herabgestürzt, ihn seines
Glanzes beraubt haben!
2.
Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, um entweder
Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen Schutz auf unedle
Weise Dich zum Sclaven eines schlechten Mannes zu machen! Wo Pflicht
und Rechtschaffenheit es fordern, da müsse Dein Mund nie zum Unrechte
schweigen, und keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum
Schweigen bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür
die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit Gefahr,
den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu werden, dem
Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu hören ist. Eben
so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste anrechnet, daß er
Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei Andern gelobt und vertheidigt
habe! Warst Du dessen würdig, so erfüllte er eine Pflicht, die man
auch seinen Feinden nicht versagen darf, wo nicht, so hat er nicht
gehandelt, wie ein gerechter und verständiger Mann, selbst in Rücksicht
seiner Freunde, handeln soll.
3.
Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem man viel
Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten Seite
kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun freilich aus, wenn
man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. Allein nicht immer läßt
sich das thun; und wenn man dann wirklich in die Verlegenheit kommt,
einem schlechten Menschen auf diese Art verpflichtet zu werden: so
rathe ich an, ihn wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als
nur immer mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und
von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern Schweigen
nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt ist; -- denn in diesem
letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. So wie aber unter den
Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: so ist auch ein Unterschied unter
den Wohlthaten selbst. Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man
ohne Furcht, auch von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist
dann ~ihre~ Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth
sind. In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene Dienste
nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber nicht anzunehmen.
4.
Die Art, ~wie~ man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, als
die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder Gabe
erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst rauben.
Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die Edlen und Gefühlvollen
wissen sie meisterhaft auszuüben, und zugleich dem dankbaren Herzen
die Gelegenheit, sich erkenntlich zu beweisen, nicht zu verkümmern.
~Der~ gibt doppelt, der ~gleich~, zu rechter Zeit, ungebeten und mit
Freuden gibt. Gib gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben,
zur Freude Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber
verschwende nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig;
aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, ob es erkannt
und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung im Umgange mit
Denen, welchen Du Gutes erwiesen, aus Furcht, sie mögten argwöhnen,
Du wolltest Dich für Deine Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht
fühlen lassen, Dir größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus
Dankbarkeit schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt,
von Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten
erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten zu
geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen kann,
für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu schwere Last von
Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. Weise nicht die Bittenden
von Deiner Thür zurück! Wenn Dich jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat
anspricht: so höre ihm freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu!
Laß ihn ausreden, Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu
fallen, denn dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz
ausschütten kann.
5.
Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der Bildung.
Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, bessern und
glücklichern Menschen zu machen, der müsse unsers wärmsten Danks
lebenslang gewiß seyn können! Hat er dabei nicht alles geleistet, was
wir jetzt, bei reifern Jahren, bei weitern Fortschritten in der Kultur,
von einem Lehrer und Erzieher fordern würden: so sollen wir doch nicht
unerkenntlich gegen das seyn, was wir von ihm empfangen haben.
Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher
Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen
Erziehungs-Geschäfte widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere
Arbeit, Menschen zu bilden: -- eine Arbeit, die sich nie mit Gelde
bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn er seine Pflichten
treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate,
als der Finanz-Minister; und da sein Gehalt gewöhnlich sparsam genug
abgemessen ist: was kann da billiger seyn, als daß man diesem Mann
wenigstens durch hinreichendes Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das
Leben süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten
sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art von
Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn sie auch nicht
fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich schon ist), welchen
nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung der Jugend hat! Es kann mir
durch die Seele gehen, wenn ich den Hofmeister in manchem adelichen
Hause demüthig und stumm an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen
sehe, wo er es nicht wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen,
sich auf irgend eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen,
-- wenn sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und
Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, -- vor ihm, der, wenn er
seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter der Familie
angesehen werden sollte. -- Es ist wahr, daß es unter den Männern
dieser Art hie und da solche gibt, die eine so traurige Figur ausser
ihrer Studirstube spielen, daß man nicht wohl auf einem bessern Fuß
mit ihnen umgehen kann; allein das widerlegt nicht dasjenige, was ich
von der Achtung gesagt habe, die man diesem Stande schuldig ist. --
Wehe ~den~ Eltern, die ihre Kinder solchen ~selbst~ nicht erzogenen
Miethlingen anvertrauen!
Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung Deines
Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, daß Du ihm ausgezeichnet
freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; Du mußt ihm auch freie
Macht lassen, ohne Widerspruch seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und
von ~dem~ Augenblicke an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst,
hast Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn
übertragen. -- Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über Erziehung,
als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu handeln. Ich schweige
daher auch von dem Betragen der Lehrer und Hofmeister im Umgange mit
ihren Untergebenen, und eile weiter.
6.
Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe ich wenig zu sagen.
Man sey menschlich, billig und höflich gegen die Erstern! Man glaube
nicht, daß jemand, der uns Geld schuldig ist, deswegen unser Sclave
geworden sey, daß er sich alle Arten Demüthigungen von uns müsse
gefallen lassen, daß er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt,
daß der elende Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne,
sein Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle man
pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele nicht den
ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, mit dem jüdischen
Wucherer: so wird man immer Kredit haben, und, wenn man in Verlegenheit
sich befindet, billige Menschen antreffen, die uns, ohne ihren Schaden,
aus der Noth helfen.
Eilftes Kapitel.
Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen
und Lagen.
1.
Zuerst über die Aufführung gegen unsre ~Feinde~! Man kränke niemand
vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig,
gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; man erlaube sich keinen
Schritt zum Nachtheil eines Andern; man zerstöre keines Menschen
Glückseligkeit; man verläumde niemand; man verschweige selbst das
wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht
entschiednen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert,
darüber zu reden: so wird man -- etwa keine Feinde haben? -- das sage
ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen,
wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft
gegeben zu haben.
Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es hängt immer
von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob
sind eben so zweideutige, als entbehrliche Merkmale des persönlichen
Werthes; allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen
und Weisen in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde
bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn.
Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben,
so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten,
von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr
hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto
gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und
schlechter Menschen Manches ertragen zu müssen; und Die, welche
die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind
mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder
niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer,
Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten
gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch
unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es
recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes
unwürdige Kunst, -- und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die
mein Herz nicht kennen, -- ja, die mich nie gesehen haben, durch die
Geschwätze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder
nicht?
Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast,
die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl
furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth
haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die
aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hülflos, scheu
und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch
scheinen mögten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer
machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu
Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten!
Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann hat mit
seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist,
Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne
Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke
er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt:
»Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen
Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den
Verlassenen Jeder herfällt.
Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt wirst,
so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen,
noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es
mehrentheils geschieht, bei ihnen im Spiele sind: so laß Dich auf
keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch
Verachtung bestraft, und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn
man sich gar nicht darum bekümmert.
Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so
zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen: und die Zeit
wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben.
Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige,
immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man,
so lange sich's irgend thun läßt, gegen seine Feinde! Sie müssen nicht
Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Publikums, wenn sie
fortfahren, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung
versagt.
Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker
macht, dann zeige einmal, was Du ~thun könntest~, wenn Du ~wolltest~!
Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige Dich nie mit andern
schlechten Leuten; mache keine gemeinschaftliche Sache mit ~einem~
Schelme, um den andern zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig,
kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich,
wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer,
gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.
Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, des
Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals
zugefügt hat, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden,
oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der
Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; -- das
Gefühl seiner eignen Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den,
welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den
Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs!
Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle
Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger
bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird! Sey zwar
auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! Es ist besser, unschuldiger
Weise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigmal den Mann, dem
es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und
ihm allen Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, ~ohne~
darum gebeten zu werden.
Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines Menschen dann
kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er es
durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? -- und wie? --
gleich, oder lange nachher? -- öffentlich oder heimlich? -- und warum
nicht gleich, und vor allen Leuten? -- Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit,
oder Blödigkeit? -- Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns
laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig und verhaßt
zu machen sucht? -- Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? -- Oder ob er
den Fehler zu beschönigen sucht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht,
um Recht zu behalten. -- Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus
diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen.
Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde
oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter sind. Sie machen uns
aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, und die Nachsicht
unsrer partheiischen Freunde, und die niedrige Gefälligkeit der
Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns
den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und
wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer
Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben.
Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten
Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; wir schämen uns,
das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu seyn; wir wenden alles
an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor
der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. -- Es ist ein
trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst ~edle~ Menschen, wenn sie
gegen einander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu
verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S.
Kap. 6.)
2.
Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns
zwingt, mit ~Leuten~ umzugehen, ~die einander feind sind~, wo man es
gar leicht mit einer Parthei verdirbt, sobald man mit der andern gut
steht, oder es mit Beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten, oder
auf unvorsichtige Weise, in diese Händel mischt; ich empfehle dabei
folgende Vorsichtigkeits-Regeln:
So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien umzugehen, die
mit einander in Zwist leben!
Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich ein
Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: so setze
man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die obwaltenden Streitigkeiten
durchaus nicht eingeflochten zu werden! Man bitte sich's vielmehr aus,
daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet
vorzüglich dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde
gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen.
Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir
klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zu viel gesagt
haben, und nachher mit seinem Gegentheile wieder einig werden, oder es
mag in dauernde Feindschaft übergehen: so wird er es doch bei kaltem
Blute übel nehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast.
Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller
feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das heißt: man rede nicht,
wenn man bei der einen Parthei ist, zum Nachtheile der andern, und
wiederum zum Tadel jeder, wenn diese es wünschen; sondern, wenn man
sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen,
gerechten Manne zukömmt!
Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren mancher
Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben zu fischen, oder
sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue,
von beiden Seiten Oel zum Feuer gießen, und den Zwist unterhalten.
Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn
sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß
weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun
hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, oder durch andre,
mit Hülfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt worden;
wenn vielmehr böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder
unbändige Leidenschaft im Spiele ist, -- folglich keine dauerhafte
Wiedervereinigung zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein,
Versöhnung stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer
Parthei, und nicht selten mit beiden.
Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich ~für~ oder
~gegen~ eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so erkläre
man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft,
Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich und unerschütterlich, für
Den, von dem die Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu
und beständig zugethan, es gehe auch, wie es wolle!
3.
Wenden wir uns jetzt zu ~Kranken~ und ~Leidenden~! -- Wer je empfunden
hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute,
sorgsame, stille und theilnehmende Pflege gewährt, der wird den
Gegenstand nicht unwichtig finden. Die Art der Behandlung und Sorgfalt
muß sich allerdings nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten,
mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein
passende Regeln vorschlagen; doch, so viel sich im Ganzen über diesen
Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden!
Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, Zerstreuung
und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und
hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege das Einzige sind,
wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher
wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar
seyn mögte.
Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung ~bezahlter~ Wärter der
sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther Freunde darum
vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, und dann dem Kranken
lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl eines Jeden überlassen
bleiben. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt,
und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit
und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen, und
leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft,
besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer
lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns
umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und machen unser Leiden
durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt
schwer; wozu denn noch kömmt, daß der Gedanke, wie sehr sie mit uns
leiden, und welche Opfer sie uns bringen, uns einen peinlichen Zwang
auflegt. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man
die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie
möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, wie er es
gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker
zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch wird! Wir fühlen nicht,
wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen
Geist wirkt. Doch kann ein Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist,
viel über sich erlangen, und selbst in schweren Krankheiten in so weit
Meister über seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche
ihm Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage.
Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher,
weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches
Bezeigen noch schwerer!
Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre,
unangenehm seyn würden, -- nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom
Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht Theil nehmen kann!
Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht
verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn
das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung auf sie; aber man soll
sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, sondern, wenn vernünftige
Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre
Klagen mit Stillschweigen beantworten, und, wenn der Sitz des Uebels im
Gemüthe ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken
zu bringen suchen.
Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß
sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte Schwäche!
Man suche solche Leute durch sanften Spott und kräftige Ansprache von
ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sey,
Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein
vortheilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an
Leib und Seele, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht!
Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper
vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und die Besserung
hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit aufbieten,
um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung in das Gemüth des Kranken
zurückzurufen.
4.
Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit ~Leuten~
umgehen, ~auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt~, -- mit
Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit
Verirrten und Gefallenen.
Nimm Dich des ~Armen~ an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände
gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von
Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die
Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel, so
gib es mit gutem Herzen, und -- wie ich bei Gelegenheit gesagt habe,
als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, -- gib es mit
guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein
holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was für
ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen
Theilnahme. -- Sey ferner nicht allzu gerecht, wo vom Helfen und
Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem Du
helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer
in der Welt würde ~ganz~ unschuldig an den Leiden, die ihn treffen,
befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst
oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine
leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter
allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten
aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, z. B.
Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du
abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürfe; sondern sprich den
Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du
nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort,
was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man
durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie
ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit
gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre nicht an
den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem
hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit, und dem durch widrige Zufälle
Verunglückten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite
Deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und
ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein
mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen
sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte
sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider
nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich
von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche
ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine
Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche
mißtrauisch, und meinen, jedermann sey ~gegen~ sie. Suche ihnen diesen
quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen!
Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte
der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut seyn mit dem mancherlei
Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders
recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidne Arme
im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe
zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst
bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche
Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht
so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit
zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten
Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: -- ~dahin~,
menschenfreundlicher Wohlthäter! ~dahin~ dringe Dein Blick! ~Da~ kannst
Du Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank
auf Erden Dir zusichern kann.
Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten
zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen,
und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. -- Ach! ermuntre einen
also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege
Deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun!
Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth und des
Mangels: ~Seelenleiden~, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone
des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten,
mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn
Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen,
und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner
Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, wo alle
Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl
oft das beste Labsal. Es gibt einen Kummer, dessen Tilgung man ruhig
und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert
werden, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und
von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die
nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches
Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten
Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo man den Niedergebeugten
mit Gewalt herausreissen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum
Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser
einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.
Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber
gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander,
und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum
suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner
eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen,
den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er
an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände
zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.
Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger
~traurig~, als ~mürrisch~, ~zänkisch~, ja, sogar ~hämisch~ sind, so
daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach
ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und
selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn
er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach
seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden;
aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers
wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.
Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden
aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht weil diese sie gleichsam
zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen.
Der ~Unterdrückten~, ~Zurückgesetzten~ und ~Verfolgten~ soll man sich
annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch
nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn
von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch
im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft
übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird,
wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und
Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht
machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen,
und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand
angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich
gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern
und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung
und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen Leuten begegnen,
die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene
sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme
Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen
eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird.
Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der
Pflicht.
Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen
selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie
emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht
Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine
Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da
ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen,
man wäre nicht ~ganz~ verloren, so lange man noch Feinde hätte.
Unter allen Unglücklichen sind wohl die ~Verirrten~ und ~Gefallenen~
am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht
durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen
verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit,
schlecht zu handeln, erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den
Menschen, und zu sich selbst, also auch den Muth verloren haben,
den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff
stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn
sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden
aufrichten kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr
hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber
nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht,
unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand.
Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu
überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten
ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und
verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie
blendend, anlockend und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster
sind; wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische
Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu
bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt,
um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise unmerklich in das
schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte,
wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus
einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher
machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute
Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den
Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören,
die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so
zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk
eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und
einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich
der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand
zu reichen. -- Aber heißt das nicht, tauben Ohren predigen? -- Doch
mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also
zur Sache! -- Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten.
Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht
eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie
übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, daß die Stimme der
Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit spricht, als die Stimme der
Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt
Du die Kunst verstehen, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand
zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die
Sinnlichkeit Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite
bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich,
sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, den Du
vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir
hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt
werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem
Wege erblicken, auf welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein
Rath und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber erlangst
Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn
hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst;
wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht
mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders
würde gekommen seyn, wenn -- es nicht ~so~ gekommen wäre, wie es
gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so
fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung
und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines
Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zu retten, der
begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens äusserlich ein
ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn das stolze und selige Bewußtseyn
und die unerschütterliche Seelenruhe ahnen, welche der schöne Lohn
seiner Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe
dem Gefallenen nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine
ehemaligen Verirrungen vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige
Aufführung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von
Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden sind; also
darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; und obgleich Du dann die
Stärke Deines Vortrags und der Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so
sollst Du doch nicht muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth
benehmen. Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung
unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von
Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, bei redlicher, eifriger
Anwendung der besten Rettungsmittel, noch zu helfen wäre! Und Ihr, die
Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, einen Mann oder
ein Weib, die durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung
sich erniedrigt, oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben,
auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande und
Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder
dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben würden, wenn es
die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn
Verzweiflung Jene ergreift, wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken,
und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich
einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und
zuletzt, ohne Rettung verloren, durch ~Eure~ Schuld zu Grunde gehen!
Zwölftes Kapitel.
Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben.
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