Ueber den

Umgang mit Menschen.

Zweiter Theil.

Einleitung.

Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den Umgang

mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre besondern

Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen, häuslichen

und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern verschiedene Anwendung

der Regeln des Umgangs und neue Vorschriften für einzelne Fälle. Ich

rede daher in diesem zweiten Theile zuerst von demjenigen, was wir in

der menschlichen Gesellschaft zu beobachten haben, in so fern wir auf

Verschiedenheit des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft,

auf die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft,

Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher Art, in

welche Menschen aus allen Ständen gerathen können, unser Augenmerk

richten. Der dritte Theil aber wird die Pflichten entwickeln, die

uns Stand, bürgerliche Verbindung, Uebereinkunft und alle übrigen

zusammengesetztern Verhältnisse auflegen.

Erstes Kapitel.

Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.

1.

Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich viel

Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in der Denkungsart,

und wechselseitige Austauschung solcher Ideen, die gleich lebhaft die

Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen, ketten die Menschen an

einander. Jedem Alter sind gewisse Neigungen und leidenschaftliche

Triebe eigen. In der Folge der Zeit verändert sich die Stimmung; man

rückt nicht so fort mit dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht

mehr so warm, faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen;

Lebhaftigkeit und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche

Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns theuer waren,

sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern Augen entrückt; die

Gefährten unserer glücklichen Jugend sind fern von uns, oder schlummern

schon im Grabe; der Jüngling hört die Erzählungen von den Freuden

unserer schönsten Jahre nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche

Erfahrungen geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das,

was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. -- Das alles

leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der Temperamente,

der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen diese Grenzlinien

oft vor und zurück. Viele Menschen bleiben in gewissem Betrachte ewig

Kinder, indeß Andere vor der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele

abgestumpfte Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat,

findet freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute,

die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte Biedermann, der

nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise von fünf Meilen sich

von seiner Heimath entfernt hat, ist unter einem Haufen erfahrner und

belebter Residenz-Bewohner, mit ihm von gleichem Alter, eben so wenig

an seinem Platze, wie ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft

von alten Gelehrten. Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum

Beispiel die noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance

und des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht

herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen Bemerkung,

von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten von gleichen Jahren viel

Vorzüge habe, kann indessen die Vorschriften nicht unkräftig machen,

die ich jetzt über das Betragen, welches man im Umgange mit Menschen

von verschiedenem Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß

ich noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine zu

bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem Alter Statt

findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war, wo fast jedes Stufenjahr

seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen Cirkel hatte, so daß,

wer vierzig Jahre alt war, anständiger Weise nicht mit einem Jünglinge

von fünf und zwanzig Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines

solchen conventionellen Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen.

Der Ton, den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen

ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung wird

verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht, im Mangel

an Duldung, und werden mürrische Hausväter, wenn sie keine andre, als

solche Menschen um sich sehen, die mit ihnen gemeinschaftliche Sache

machen, sobald von Lobeserhebung alter Zeiten und Heruntersetzung der

gegenwärtigen, deren Ton und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede

ist.

2.

Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich in

Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden derselben

nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und durch Theilnahme zu

erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in ihre eigenen Jugendjahre

zurück; Greise verlangen von Jünglingen dieselbe ruhige, nüchterne,

kaltblütige Ueberlegung, Abwägung des Nützlichen und Nöthigen gegen

das Entbehrliche, dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung

und physische Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend

scheinen ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber

auch wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu

denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren, und bei

dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige Urtheile und manche

Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. -- O! lasset uns doch lieber

selbst so lange als möglich jung bleiben, und, wenn der Winter unsers

Lebens unser Haar bleicht, und nun das Blut langsamer durch die Adern

rollt, das Herz nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit

theilnehmender Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch

Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am häuslichen,

väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht durch platte

Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen! Wenn wir

zurückschauen auf ~jene seligen Tage~, wo ein einziger Liebesblick des

holden Mädchens, das jetzt eine alte runzligte Matrone ist, uns bis

in den dritten Himmel entzückte; wo bei Musik und Tanz jede Nerve in

uns wiederhallte; wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten;

wo süße Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten; --

o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern Kindern

zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem Wonnegefühle

Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen sich dann Kind,

Knabe, Mädchen und Jüngling um den freundlichen alten Mann, der sie

zu unschuldiger Fröhlichkeit aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so

liebenswürdigen alten Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die

Wahl gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben

würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und wenn bei großen

Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die Reihe traf, neben einer

geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen, habe ich oft den Mann beneidet,

dem sein Rang ein Recht gab, der Nachbar einer verständigen, muntern

alten Frau zu seyn.

3.

So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung der Jugend

ist, so lächerlich muß es uns vorkommen, wenn ein Greis so sehr Würde

und Anstand verleugnet, daß er in Gesellschaft den Stutzer oder den

lustigen Studenten spielt; wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt,

sich wie ein junges Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die

alten Gliedmaßen beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren

Generationen Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken

Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit geben,

daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung, oder irgend eine der

Rücksichten vergesse, die man ihnen schuldig ist.

4.

Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute den jüngern

nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen auch Nutzen schaffen.

Eine größere Summe von Erfahrungen berechtigt und verpflichtet Jene,

Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen, ihnen durch Rath und Beispiel

nützlich zu werden. Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und

Anmaßung geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen,

was alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige Huldigung

und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile zu erregen, und

ohne sich aufzudringen. Man soll sich vielmehr aufsuchen lassen; und

das wird gewiß nicht fehlen, da gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre

zu rechnen pflegen, mit freundlichen und verständigen Greisen umgehen

zu dürfen, und es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches

gesehen und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz

fehlt.

5.

So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere Leute! Jetzt

noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im Umgange mit Männern und

Greisen!

In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten

Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur uns eingeprägt hat,

wegvernünftelt. Dahin gehört denn auch das Gefühl der Ehrerbietung

gegen das hohe Alter. Unsre Jünglinge werden früher reif, früher klug,

früher gelehrt; durch fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten

Journale, ersetzen sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt;

dieß macht sie so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man

ehemals glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu erfordert,

nur einigermaßen ~klar~ darinn zu ~sehen~. Daher entsteht auch jenes

kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht, die schwächere Köpfe

für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung des eignen Werths, mit

welcher unbärtige Knaben heut zu Tage auf alte Männer herabsehen, und

alles verwerfen und verurtheilen, was nicht mit ihrer untrüglichen

Ansicht übereinstimmt. Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren

von diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht,

züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden mit ihm,

der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen Tagen, in

welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt, wie Manna vom Himmel

regnet, geboren worden zu seyn. Ich, der ich auch das Schicksal gehabt

habe, in einem Jahre zur Welt zu kommen, in welchem der größte Theil

der Polyhistoren, von denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne

noch am Wolfszahn übten, oder gar noch Embryonen waren, -- ich habe

es nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß daher

um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu geben wage, die

ziemlich nach der alten Mode schmecken werden. -- Doch zur Sache!

6.

Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht anders, als

durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften, die durchaus

ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten von verschiednen

Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich glaube, auch das feurigste

Genie, der feinste Kopf, sollte einem bejahrten Manne, der, selbst bei

schwächern Geistesgaben, Alter und Erfahrung auf seiner Seite hat,

in den mehrsten Fällen einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht

versagen. Und wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede,

so ist doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger

Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer langen Reihe

von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt, schwankende Ideen zu

berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben und diejenigen zurecht

zu weisen, die von ihrer aufgeregten Phantasie, ihrem warmen Blute

und reizbaren Nerven irre geführt werden, und sie dahin zu bringen,

daß sie die Menschen und die Dinge um sich her aus einem richtigern

Gesichtspunkte betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel,

Dem, welcher nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser

Welt schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich

Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt, so leicht als

möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage, dem Jünglinge und

Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen: »Vor einem grauen Haupte

sollst Du aufstehen! Ehre das Alter! Suche den Umgang ältrer kluger

Leute! Verachte nicht den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des

Erfahrnen! Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle, wenn

einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege seiner, und

verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend ihn flieht!«

Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke gibt,

an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit nicht,«

bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge, die schon geerntet

haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe zum Graben und Pflügen

schleifen.

7.

Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur sehr wenig!

Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein Werk über Erziehung

schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck.

Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann unendlich

viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in unverfälschter

Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen Grundtext, den

man nachher nur unter dem Wuste von fremden Glossen, Verzierungen und

Verbrämungen herausfinden kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit

des Charakters, die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren

geht, oder sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter

conventionelle Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele

Dinge urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit

unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen manche

Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl Vorurtheile

weniger gefaßt. -- Kurz, wer Menschen studiren will, der versäume

nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein der Umgang mit denselben

erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit, eine Klugheit und

Selbstbeherrschung, die im Umgange mit ältern Personen unnöthig ist.

Heilige Pflicht ist es, ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich

leichtfertiger Reden und Handlungen zu enthalten, die von niemand so

lebhaft, als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und

Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen in jeder

Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit und Anständigkeit

Beispiel zu geben; -- kurz, zu ihrer Bildung alles nur Mögliche

beizutragen.

Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem Betragen gegen

diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab (jedoch nicht auf eine Weise,

die ihnen selbst lächerlich vorkommen muß) zu dem Tone, der ihnen nach

ihrem Alter verständlich ist! Zerre, täusche und necke die Kinder

nicht, wie einige Leute die Gewohnheit haben! -- das hat böse Einflüsse

auf den Charakter.

Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn zu edlen,

liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch nicht besonders

mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre fliehen, ob sie ihnen

gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit, Güte und Einfalt des

Herzens, ist das große Zauberband, wodurch dieß bewirkt wird, und dafür

lassen sich also keine Vorschriften geben.

Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern hängt, ist sehr

natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn uns an der Gunst

der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder nicht zu übersehen,

sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen! Weit entfernt von

uns aber bleibe es, den ungezogenen Knaben und Mädchen der Großen

niederträchtiger Weise zu schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den

Eigensinn und die Eitelkeit dieser mehrentheils schon so sehr

verderbten kleinen Geschöpfe zu nähren, und ihre moralische Ausartung

recht geflissentlich zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur

übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht aber

der Mann dem Knaben huldige!

Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer Gegenwart

ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der Kinder zu nehmen! denn

dadurch werden diese in ihrer Unart bestärkt, und jene in ihrem

Erziehungsplane gestört.

Zweites Kapitel.

Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.

1.

Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der

Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band zwischen

Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die Erzeugung an sich nicht

eigentlich absichtliche Wohlthat für die neue Generation ist, so gibt

es doch wohl wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären,

daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und

obgleich in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem

Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt,

zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert und nach

sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder: es sey nicht

wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns denen

Personen näher bringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren

Herzen wir gelegen, die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die

alles mit uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß

zu behaupten.

Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen ~eines~

Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation,

gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches Interesse harmonisch

gestimmt und an einander geknüpft, fühlen für einander, was sie für

Fremde nicht fühlen; und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr

sich dieser Kreis erweitert.

Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl,

aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist,

für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen

Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und von Land zu Land

irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten

gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen hat;

wessen Herz bei dem Anblicke der Gefilde nicht warm wird, in welchen

er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und

sorgenlos verlebt hat: -- was für ein Eifer oder welche Theilnahme

für das Wohl der Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten,

da Eigenthum, Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde

irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und Werthschätzung

jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet?

Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als

daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur und

deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein

Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt, weil er sich den

Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den

ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen, behauptet, es

sey des Philosophen würdig, alle engere Verbindungen aufzulösen,

und kein anderes Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband

unter allen Erdbewohnern: so beweist das nichts weiter, als daß

keine Behauptung so widersinnig und so närrisch ist, die nicht in

unsern Tagen in irgend einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler

aufgestellt würde. -- Glückliches Jahrhundert, in welchem man so große

Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen,

nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu seyn brauche, und

daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen Einzelnen lieben dürfe!

Jahrhundert der Universal-Arzeneien, der Philalethen, Philantropen,

Alchymisten und Cosmopoliten! wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe

im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten;

ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten

über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des

Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten; ich

sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt, wie

Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen, wie der

Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht zurückfordert,

und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Kosten

der Schwächern gültig macht; wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und

Grenzlinien aufhören, wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein

System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. -- O gebenedeietes,

goldenes Zeitalter! dann machen wir Alle nur ~eine~ Familie aus; dann

drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an

unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich

auch mit dem genialen Orang-Outang Hand in Hand durch dies Leben. Dann

fallen alle Fesseln ab; dann schwinden alle Vorurtheile; ich brauche

nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich

mit ~einem~ Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars

Geldkasten ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold, das

die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu bringen[4].

So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da es viele Menschen

gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von der Schwachheit nicht

losmachen können, ihre Verwandten zu lieben, und Sinn für häusliche

Freuden, für das Familienband zu haben, so will ich doch hier einige

Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern.

2.

Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen

umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden des Tages sehen,

ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß Miethlingen die Bildung ihrer

Söhne und Töchter überlassen, oder, wenn diese schon erwachsen sind,

mit ihnen auf einem so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen

gar nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein solches

Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es gibt aber andre

Eltern, die von den Kindern eine so sclavische Ehrerbietung und so viel

peinliche Rücksichten und Aufopferungen fordern, daß durch den Zwang

und den gewaltigen Abstand, der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle

Herzens-Ergießung wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche

sie an der Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und

langweilig vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich

Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer

noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien

Willen, und trauen den Einsichten derselben nicht das Mindeste zu.

-- Das alles sollte nicht so seyn. Ehrerbietung besteht nicht in

feierlicher, kalter und strenger Entfernung, sondern kann recht gut

mit liebevoller Vertraulichkeit und freier Mittheilung bestehen. Man

liebt Den nicht, an welchen man kaum hinauf zu schauen wagen darf;

man vertrauet sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz

predigt; Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann

hingegen entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters

mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen und

freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken ihres Herzens vor

~dem~ verbergen, der ihr treuester Rathgeber, ihr nachsichtsvoller

Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen Freuden Theil

nimmt, oder sie wenigstens nicht stört, und mit ihnen als mit seinen

besten und natürlichsten Freunden lebt! -- Eine Verbindung, zu welcher

sich alle Empfindungen vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn

können. -- Stimme der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des

Geschmacks, gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs! Allein diese

Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und ich kenne Väter und

Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, daß sie die Gefährten der

Ausschweifungen ihrer Kinder, oder gar, wenn diese besser sind, als sie

selbst, mit ihren Lastern, die sie nicht einmal zu verbergen suchen,

das Gespötte oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der

Tugend seyn sollten.

3.

Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen, die ihre

Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig und unedel

behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht weise, nicht

unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen hat Langeweile bei

der alten Mutter, und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese

bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten,

oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in

den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat,

um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu

sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde.

Die Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch

ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte sie

dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine

Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit entziehen,

so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht vor Schurken sich

krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen. Gutgeartete

Gemüther werden indessen nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit

ersticken, daß sie meiner Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen

schreibe ich nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache

hätten, sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern

zu schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler

derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern Umgange

nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie ihnen auch selbst

bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind. Segen des Himmels

und Achtung aller gutgesinnten Menschen sind der sichere Preis der

Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter auf die Pflege, Erhaltung und

liebevolle Behandlung ihrer Eltern verwenden. Traurig ist die Lage

eines Kindes, welches durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern

leben, oder durch ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit

geräth, Parthei ~für~ oder ~gegen~ Vater oder Mutter nehmen zu sollen.

Vernünftige Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre

Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und gute

Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu Werke gehen,

und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit leiten lassen.

4.

Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden Leuten mehr

Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als bei seinen nächsten

Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage größtentheils für

ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten Menschen ohne Liebe und

Theilnahme, und in einer zahlreichen Familie müssen sie allerdings

häufiger vorkommen, so daß wohl Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen

und Zuneigung findet, als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer

dies Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und

seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme und

Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost bei der Freundschaft.

Auch fordert man wohl oft von seinen Herren Oheimen und Frauen Basen

mehr, als man billiger Weise verlangen sollte. Unsre politischen

Verfassungen, und der täglich mehr überhandnehmende Luxus machen es

wahrlich nothwendig, daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und

Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse, die

oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der sichern

Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten nicht verlassen

zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich kann der Mann,

dem Pflicht und Gewissen heilig sind, solche Erwartungen befriedigen,

ohne ungerecht gegen Andre zu handeln. Um nun diesen unangenehmen

Collisionen sich nie auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche

Vertraulichkeit, die den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht,

nicht zu verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden

Erwartungen von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken,

wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen, in

so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen geschehen kann,

freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern, daß es immer mit

Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit benutzt werden solle. Dagegen ist

es höchst gewissenlos, wenn man sich von der Vorliebe für Verwandte

verleiten läßt, Menschen ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen

Aemtern zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen.

Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch dasjenige

anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter Eheleuten und Freunden

wird gesagt werden, nämlich, daß Menschen, die sich lange kennen, und

oft ohne Larve und Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen

seyn müssen, damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner

Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde.

Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien in mittlern

Städten nicht ganz ausschließend ~unter sich~ leben möchten, weil

dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte Theile zerschnitten

wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit sich erzeugt,

neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch solche Abgeschlossenheit

eine zu reiche Nahrung erhält, und neben der Unfreundlichkeit, mit

welcher gewöhnlich Fremde in solchen Familien behandelt werden, so daß

sie gleichsam verrathen und verkauft sind.

Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte Vettern und

Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern zu hofmeistern,

ihre podagrischen und hysterischen Launen an ihren erwachsenen Nichten

und Neffen auszulassen, und diese zu behandeln, als liefen sie noch

im Rollwägelchen herum. -- Ich denke, das sollten sie bleiben lassen.

Dadurch sind wirklich die alten Tanten und Onkel zum Sprichworte

geworden, und manche Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft,

wenn man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten

anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst und

ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten die junge

Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von ihren jungen Verwandten

mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet werden würden, wenn

sie weniger säuerlich in ihrem Betragen gegen sie wären. Die andre

Anmerkung: Es herrscht in manchen Städten, besonders in Reichsstädten,

ein äußerst steifer und übler Ton unter den Personen ~einer~ Familie.

Bürgerliche, ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft

zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich

unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr schwer. Wo gar

keine Sympathie in der Denkungsart Statt findet, wo gar keine Einigkeit

und Freundschaft herrschet, da lasse man sich doch lieber ungeplagt,

betrage sich höflich gegen einander, wähle sich aber Freunde nach

seinem Herzen!

Drittes Kapitel.

Von dem Umgange unter Eheleuten.

1.

Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten Verbindung

im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel, um in der Ehe

glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem Gatten die reinsten Freuden

des Lebens zu finden. Aber diese Wahl gelingt, wie die Erfahrung

lehrt, selbst den Einsichtsvollsten und Gebildetsten nur selten; die

meisten lassen sich von Gefühlen und von ihrer gereizten Sinnlichkeit

übermannen, und greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen

sich in der Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen

sich vereinigen, deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im

vollkommensten Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher Eheleute

(und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein Wehestand) höchst

traurig, eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein

Stand der schwersten Sclaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln

der Nothwendigkeit, ohne Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der

dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.

Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von ~einer~

Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, wenn nicht

freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten, Zwang,

Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, +dépit amoureux+, ein Ungefähr, eine

Grille, oder nur körperliches Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu

geben hatte, die Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden

und ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie geben

will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse, Hülfe,

Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, Trost im Leiden fordert,

-- und dagegen nichts leistet. Wähle also mit großer Vorsicht die

Gefährtin Deines Lebens, und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes

Herz, laß Dich nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn

Deine künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls

seyn soll!

2.

Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen, welche auf eigner

Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen geschlossen werden,

wo weniger reife Ueberlegung und Vernunft, als blinde Leidenschaft

und Naturtrieb diese Wahl bestimmen, obgleich man im Brautstande

wohl sehr viel von Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt:

so sollte man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel

glückliche Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles

so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege zu

stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den Jahren der

Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man von der andern

Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten, zu bilden, und

nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die Ecken -- möchten sie auch

noch so scharf seyn! -- schleifen sich leichter an einander ab, und

fügen sich, wenn der Stoff noch weich ist. Man nimmt die Sachen nicht

so genau, wie nachher, wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und

vorsichtig gemacht, und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn

die kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr hoch

anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre man noch

vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit und Vergnügen

seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten leicht Zwistigkeiten, so

ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet. Widerwille und Zorn

fassen nicht so feste Wurzel; und da die Sinnlichkeit hier als die

kräftigste Vermittlerin auftritt, so wird oft der heftigste Streit

durch eine einzige eheliche Umarmung wieder geschlichtet. Dazu kommen

denn nach und nach Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben,

gemeinschaftliches Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel

Zeit zu müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche

Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, -- welches alles, statt die

Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo Jugend, Kräfte

und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß macht, und manche reine

oder unverhoffte Freude gewährt, welche doppelt genossen wird, wenn

man sie mit einer zärtlichen und feinfühlenden Gattin theilt. Nicht

also im männlichen Alter. Da fordert man mehr für sich, will ernten,

genießen, nicht neue Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der

Charakter hat eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr

umformen lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung.

Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und diese nur unter

den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren nachsichtiger,

sanfter werden, und, fest überzeugt von der allgemeinen Schwäche der

menschlichen Natur, wenig fordern und gern mit Aufopferung leisten, was

gefordert werden mag; aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine

heldenmüthige Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger

Glückseligkeits-Beförderung die Rede; -- darum kann man wohl in diesem

Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu Werke gehen,

nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der Wahn ist kurz, die

Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren auf diese Weise übereilt,

der mag dann die Folgen von den Thorheiten tragen, zu welchen ein

Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern verführt!

3.

Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten,

Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack, durchaus erfordert

werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften, vielmehr mag wohl zuweilen

gerade das Gegentheil (nur nicht in zu hohem Grade, noch in

Haupt-Grundsätzen, noch ein zu beträchtlicher Unterschied von Jahren)

mehr Glück gewähren. Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem

Interesse beruht, und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils

zugleich mit auf den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter

Schritte und deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große

Lebhaftigkeit, das rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein

wenig Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt.

So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen, wenn beide Eheleute

gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit, einerlei Liebhaberei,

oder gleichviel Hang zu einer nicht immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit

und Geselligkeit hätten; und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen

gemeiniglich die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem

eignen werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn

zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich durch

dergleichen Verbindungsplane macht. -- So viel nur von der Wahl des

Gatten! und das ist beinahe schon mehr, als eigentlich hieher gehört.

4.

Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie

sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß dieser enge

und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig werde, und sie

nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. Denn da sie

Muße und Gelegenheit genug haben, Einer mit des Andern Fehlern und

Launen bekannt zu werden, und selbst durch die kleinsten derselben

manche Ungemächlichkeit leiden müssen, so kann es leicht geschehen,

daß sie sich gegenseitig lästig, langweilig, kalt und gleichgültig

gegen einander werden, oder gar Ekel und Abneigung empfinden.

Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde

hier das unglücklichste und strafbarste Mittel seyn; aber einer

gewissen Achtsamkeit auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung

alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man

sich befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander

jene Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit

Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung

bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung fremd zu werden,

sorge man doch dafür, daß man nicht durch oft wiederholte Gespräche

über dieselben Gegenstände einander langweilig werde, daß man sich

nicht gleichsam auswendig lerne, so daß endlich jedes Gespräch der

Eheleute unter vier Augen lästig scheint, und man sich nach fremder

Unterhaltung sehnt! Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen

und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in

deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten Weibe

jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit einem dergleichen

Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher liest, Gesellschaften

besucht, und nachdenkt, der wird ja täglich neuen Stoff zu anziehenden

Gesprächen finden; aber freilich reicht dieser nicht zu, wenn man den

ganzen Tag müssig einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher

nicht wundern, wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden

Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn gerade

keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander halbe Tage

lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer Flasche Wein ergötzen.

Sehr gut ist es daher, wenn der Mann bestimmte Berufsarbeiten hat,

die ihn wenigstens einige Stunden täglich an seinen Schreibtisch

fesseln, oder ausser Hause rufen; wenn zuweilen kleine Abwesenheiten,

Reisen in Geschäften und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben.

Ihn erwartet dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem

Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt

und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und freundlich; die

Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei Verabredungen, die das

Wohl ihrer Familie zum Gegenstande haben, im häuslichen Cirkel vorüber,

und man wird sich einander nie überdrüssig. Es gibt eine feine,

bescheidene Art, sich rar zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach

uns sehne; diese soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles

entfernen, was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten,

seiner Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen,

sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben -- das ist man

ja schon sich selber schuldig -- und vor allen Dingen, wenn man auf dem

Lande lebt, nicht ~verbauern~, nicht pöbelhafte Sitten, noch niedrige,

plumpe Ausdrücke im Reden annehmen, noch unreinlich, nachlässig an

seinem Körper werden. Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die

unaufhörlich an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt,

von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt,

denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? Noch

einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen Selbstverleugnung

und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten als ein schweres Gewicht auf

uns liegen: dann kann sie nur ein Zustand der Qual, keine Quelle der

Zufriedenheit seyn.

5.

Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle Verhältnisse

wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist diese: Erfülle so

sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane und nach festen

Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du, wo möglich, darin alle Deine

Bekannten übertreffest: so wirst Du auch auf die wärmste Hochachtung

Deines Ehegatten Anspruch machen können, und in der Folge alle

Diejenigen verdunkeln, welche nur durch ~einzelne~ glänzende

Eigenschaften augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber

erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa

mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten

Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich in der

Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt! Die Frau poche

nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue, welche vielleicht das

Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, indem sie

sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt! Nein; wer Achtung

und Zuneigung als Pflicht fordert, der muß auch Achtung und Zuneigung

zu verdienen wissen; und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter

allen Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich

nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, -- wer kann so

etwas versprechen? -- sondern darauf, daß Du alle Kräfte aufbieten

willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in jedem Betrachte; nur

den Folgen nach lassen sich Tugenden und Laster klassificiren; denn

übrigens sind sie alle gleich wichtig, und ein sorgloser Hausvater

ist eben so strafbar, wie ein unkeusches Eheweib. Allein das ist der

Menschen gewöhnliche Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu

welchen sie keinen Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung

wichtiger Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung

einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem Grimm ein armes

junges Mädchen, das durch Temperament und Verführung zu einem Fehltritt

ist verleitet worden; daß aber die gute Matrone ihre Kinder in

thierischer Vernunftlosigkeit hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie

keine Verantwortung geben zu dürfen: -- hat sie doch nie die eheliche

Treue verletzt! -- Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste

Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß zu

seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für die Liebe.

6.

Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen fremde

liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere Eindrücke auf

Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe wegen wünschen und ihrer

Eitelkeit wegen fürchten möchten. Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn

die erste blinde Liebe verraucht ist, -- und die verraucht denn doch

bald, -- eine so zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die

Vorzüge anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu

kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich immer von

ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln, als die, mit

denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art werden aber bald wieder

verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, seine Pflichten treulich zu

erfüllen, und wenn er keinen niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht

blicken läßt, die ohnehin nie gute, sondern allemal schlimme Folgen

hat. Liebe und Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen;

ein Herz, das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen,

mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird seiner nie

froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, daß sie nicht

hintergangen werden könnte, und es liegt in der Natur des Menschen, daß

man ein Gut, das vielleicht sonst gar keinen Reiz für uns haben würde,

doppelt eifrig wünscht, sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten

für uns verbunden ist.

Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt werden,

durch welche man, um die Liebe des andern Theils mehr anzufeuern, mit

Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten Eheleute verschmähen. Bei

einem Bündniß, das auf gegenseitiger Hochachtung beruhen soll, darf man

sich durchaus keiner schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich

sey fähig, meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen

aufzuopfern, so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern; und

merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr treiben will: so ist

das mehr, als verlorne Arbeit, die noch obendrein oft ernstliche Folgen

haben kann.

Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die Frau ihrem

Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht gibt, so wird

doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn der leidende Theil nur

fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn, nicht von langer Dauer seyn,

wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen Ausbrüchen des Unwillens kommt.

Bei kaltblütiger Prüfung wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte

Liebe und Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden,

und erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. -- Und ein

solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth, komme er früh

oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene Leiden vergessen.

7.

Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich selber

gegen die Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, welche fremde Personen

auf uns machen könnten, waffne. In der frühen Jugend, wenn die

Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig wirken, und das Herz noch

oft mit dem Kopf davon läuft, würde ich rathen, solchen gefährlichen

Versuchungen sorgfältig auszuweichen; ein junger Mann, welcher

merkt, daß ein Frauenzimmer, mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst

besser, als seine Frau, gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden,

oder wenigstens seine häusliche Glückseligkeit stören könnte, thut

wohl, wenn er, in so fern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet --

und er urtheilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet, --

den verführerischen Umgang, so viel möglich, meidet, damit er ihm

nicht zum Bedürfnisse werde und sein Herz überwältige. Diese Vorsicht

ist am nöthigsten gegen die feinern Koketten, die, ohne eben Plane

auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk mit der Ruhe eines

gefühlvollen redlichen Mannes treiben, und einen zwecklosen Triumph

darin suchen, schlaflose Nächte zu verursachen, Thränen zu veranlassen,

und Eifersucht rege zu machen. Es gibt viel solcher eiteln Damen, die

nicht immer durch böses Herz, noch Temperament, aber wohl durch die

nimmersatte Begierde, zu glänzen und zu gefallen, getrieben, manche

stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese Weise

unbarmherzig zerstören. In reifern Jahren dürfte die entgegengesetzte

Heil-Methode anwendbarer seyn. Ein Mann von festen Grundsätzen, der

seinem Verstande Rechenschaft von den Gefühlen seines Herzens gibt und

dauerhaftes Glück sucht, wird am leichtesten von einer zu günstigen

Vorstellung, die er von fremden Personen in Vergleichung mit seiner

Gattin gefaßt hat, zurückkommen, wenn er Jene so oft und vielfältig

sieht, daß er an ihnen mehr Fehler wahrnimmt, als an seinem edlen,

verständigen, treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke des

Seelen-Bedürfnisses, wo man sich nach der theilnehmenden Gefährtin

sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die kein Fremder so uns

tragen hilft, oder wenn höhere Freuden das Herz erweitern, Freuden,

die kein Fremder so mit uns theilt, oder Verlegenheiten uns ängstigen,

die wir keinem Fremden so aufrichtig, so sicher entdecken dürfen, wie

der Person, die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick

auf wohlerzogene, durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogne Kinder,

auf die Früchte der ersten jugendlichen Liebe! -- und das Herz kehrt

ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück.

8.

Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn Eheleute durch

die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches Recht auf jede

Empfindung des Herzens erzwungen zu haben glauben, daß sie wähnen: nun

dürfe in dem Herzen des Gatten auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend

einen andern guten Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine

Freunde und Freundinnen todt seyn, dürfe für kein Geschöpf auf der

Welt, als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden,

und es sey Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme, Zärtlichkeit

und Theilnahme von und mit andern Personen zu reden. Diese Forderungen

werden doppelt abgeschmackt bei einer ungleichen Ehe, wo von der einen

Seite schon Aufopferungen mancher Art Statt finden. Wenn da der eine

Theil, um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern,

neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist zu erheben und

zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig treu ergebener

Freunde eilt: so sollte der andre Theil ihm dafür danken, und jeden

kränkenden Vorwurf unterdrücken.

9.

Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen, so wie die Wahl

sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien dem Geschmacke

eines Jeden überlassen bleiben. Es wird nicht durchaus Gleichheit

von Neigungen, Temperamenten und Geschmack zum Eheglück erfordert.

Unerträgliche Sclaverei wäre es daher, sich seine Erheiterungen

aufdringen lassen zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der

Gatte die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhabne Gedanken,

feinere Eindrücke, welche seelen-erhebende Schriften, Kunstwerke und

Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin seines Lebens theilen zu

können, weil die stumpfen Organe derselben dafür nicht empfänglich

sind; aber nun gar diesem allen entsagen, oder sich in der Wahl seines

Umganges und seiner Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und

kalten Herzens richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art

entsagen zu müssen: -- das ist Höllenpein! und ich brauche wohl nicht

hinzuzufügen, daß am wenigsten ~der Mann~ eine solche Beschränkung und

Sclaverei dulden dürfe, da er von der Natur und durch die bürgerliche

Verfassung bestimmt ist, das Haupt der Familie zu seyn, und Gründe

haben kann, ~warum~ er diesen oder jenen Umgang wählt, dieser oder

jener Beschäftigung sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der

Manchen auffallend seyn kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter

Menschen, die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden zu

theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung unter ihnen

eintritt, sey es auch nur von der Liebe zum Frieden erzeugt, und es

zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz, wo nicht von dem

bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger Verbindung mit einem

verständigen, gebildeten und feinfühlenden Geschöpfe, noch eben so

unwissend, roh, stumpf und starrköpfig geblieben ist, wie man vorher

war.

10.

Wie soll man sich bei wirklichen Ausschweifungen verhalten? -- denn

bis jetzt war nur von Verirrungen die Rede. -- Wie soll man sich

zur Nachsicht und Ausdauer waffnen, wenn von einer Seite heftiges

Temperament, ein reizbarer Körper, Mangel an Herrschaft über die

Leidenschaften, Verführung, Buhler-Künste, anlockende Schönheiten

und Verhältnisse in Versuchung führen; von der andern vielleicht der

Gattin mürrisches Betragen, üble Laune, Geistes-Armuth, Kränklichkeit,

Mangel an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament,

lebhaft zurückstoßen? -- Diese Schrift soll keine Pflichtenlehre

enthalten; darum überlasse ich es jedem vernünftigen Manne, diese

Frage sich selbst zu beantworten, und selbst zu beurtheilen, wie er es

anfangen müsse, über seine Begierden Meister zu werden, gefährlichen

Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen, welches freilich in der

Jugend nicht so leicht ist, wie man wohl denkt. Doch so viel über

diesen Gegenstand, als hieher gehört, und sich ohne Beleidigung der

Sittsamkeit sagen läßt! Man gewöhne sich selbst, und Einer den Andern,

nicht an Ueppigkeit, Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei; lasse die

körperlichen Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig werden; man

sey, selbst in der Ehe, schamhaft, keusch, zart und sparsam in den

Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische Lüsternheit

zu entfernen! Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr, und nichts weniger,

als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird fast immer des Weibes

Schuld seyn, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuß, den er

von treuen, reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause

erlangen könnte, mit Hintansetzung seiner Pflicht und der Ehrbarkeit,

bei Fremden holt. Hat aber die größre Schwierigkeit und Neuheit so viel

Reiz: ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit diesen

Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in den Weg zu

legen, oder durch Enthaltung, Entfernung u. dgl. das Verlangen nach

Befriedigung der sinnlichen Liebe zu vermehren! In späteren Jahren

fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich weg; denn da werden ja die

Triebe bescheidner und lassen sich williger von der Vernunft regieren,

oder man müßte sie muthwilliger Weise reizen.

11.

In der Ehe soll gegenseitiges uneingeschränktes Zutrauen, soll

Offenherzigkeit Statt finden. Kann denn aber gar kein Fall eintreten,

wo Einer vor dem Andern Geheimnisse haben dürfte? Ich denke. Freilich,

da der Mann von der Natur bestimmt ist, der Rathgeber seines Weibes,

das Haupt der Familie zu seyn; da die Folgen jedes übereilten

Schrittes der Gattin auf ~ihn~ fallen; da der Staat sich nur an ~ihn~

hält; da die Frau eigentlich gar keine Person in der bürgerlichen

Gesellschaft ausmacht; da die Verletzung der Pflichten von ihrer

Seite schwer auf ~ihm~ liegt, und diese Verletzung die Familie

weit unmittelbarer beschimpft, und derselben Schande und Nachtheil

bringt, als die Ausschweifungen des Mannes; da die Frau mehr von dem

äussern Rufe abhängt, als der Mann; endlich, da Verschwiegenheit

mehr eine männliche, als weibliche Tugend ist: so kann es wohl nur

in äusserst seltenen Fällen der Frau erlaubt seyn, ohne ihres Mannes

Wissen Schritte zu thun, Verbindungen anzuknüpfen, in Verhältnisse

mit Männern zu treten, und dem Manne das alles zu verheimlichen. Er

hingegen, der an den Staat geknüpft ist, oft Geheimnisse zu bewahren

hat, die nicht ihm gehören, und durch deren Verbreitung er zugleich

mit Andern in Verlegenheit kommen könnte; er, der das Ganze seines

Hauswesens übersehen soll, auch vielfältig den Plan, nach welchem er

handelt, nicht den schwächern Einsichten unterwerfen darf, sondern

fest und unerschüttert seinem Verstande und Herzen folgen, und das

Urtheil des Volks verachten muß: ~er~ kann unmöglich alles erzählen

und mittheilen, was er unternimmt. Verschiedenheit der Lagen aber kann

diesen Gesichtspunkt verrücken. Es gibt Männer, die sehr übel fahren

würden, wenn sie einen einzigen Schritt ohne Rath und Wissen ihrer

Weiber thäten; es gibt sehr plauderhafte Herren und sehr verschwiegne

Damen; und eine Frau kann weibliche Geheimnisse von einer Freundin

anvertrauet bekommen haben. -- In allen diesen und ähnlichen Fällen

müssen Klugheit und Redlichkeit das Verhalten beider Theile bestimmen.

Das aber bleibt eine heilige Wahrheit, daß, wenn wahrhaftes Mißtrauen

sich einschleicht, wenn man ein offenes Geständniß erzwingen muß,

alles Glück der Ehe entflieht. Nichts kann endlich strafbarer seyn,

als wenn der Mann niedrig genug denkt, heimlich die Briefe seiner

Frau zu erbrechen, ihre Papiere zu durchwühlen, oder ihre Schränke

zu durchsuchen. Auch verfehlt er mit solchen unwürdigen Mitteln

immer seines Zwecks. Nichts ist leichter, als die Wachsamkeit eines

Menschen zu täuschen, wenn es bloß auf beweisbare Vergehen ankömmt,

und man die feinern Bande zerrissen, sich über alle Bedenklichkeiten

des Zartgefühls und der Ehre hinweggesetzt hat. Ein Mann, der

~einmal~ seine Frau eine Treulose nennt, steckt sich selbst das

Horn der Hahnreischaft auf. Nichts ist leichter, als einen Menschen

zu hintergehen, den man genau kennt, bei dem man allen Glauben

verloren hat, den man oft auf ungerechtem Argwohn ertappen kann, weil

Leidenschaft ihn blind macht, und der es wegen seiner argwöhnischen

Ungerechtigkeit verdient, getäuscht zu werden. -- Betrug ist fast immer

die sichere Folge davon, und man kann auf diese Weise das edelste

Geschöpf moralisch zu Grunde richten und zu Verbrechen reizen.

12.

Ich rathe, aus Gründen, die wohl jeder vernünftige Mensch selbst

einsehen wird, auch nicht einmal an, daß Eheleute alle ihre Geschäfte

gemeinschaftlich treiben, sondern daß Jeder seinen angewiesenen

Wirkungskreis habe. Es geht selten gut im Hause, wenn die Gattin

für ihren Gatten die Berichte an die höchste Behörde entwerfen,

und er dagegen, wenn Fremde eingeladen sind, die Tafel besorgen,

Cremen machen, und die Töchter ankleiden helfen muß. Daraus entsteht

Verwirrung; man setzt sich dem Gespötte des Hausgesindes aus; der Eine

verläßt sich auf den Andern, will sich aber dagegen in alles mischen,

alles wissen. -- Mit Einem Worte: das taugt nicht!

13.

Was aber die Verwaltung der Einkünfte betrifft, so kann ich die

Weise der mehresten Männer von Stande nicht billigen, welche ihren

Gemahlinnen eine gewisse Summe geben, womit sie auskommen und den

ganzen Haushalt ohne Ausnahme bestreiten müssen. Dadurch entsteht

getheiltes Interesse; die Frau tritt in die Klasse der Bedienten, wird

zum Eigennutz verleitet, muß ängstlich sparen, findet, daß der Mann zu

lecker ist, macht verdrießliche Gesichter, wenn er einen guten Freund

zur Tafel einladet; der Mann, wenn er nicht fein denkt, meint immer,

er speise für sein theures Geld zu schlecht, oder wagt es im andern

Falle aus übertriebener Zurückhaltung und Feinheit nicht, zuweilen ein

Gerichtchen mehr zu fordern, um seine Gattin nicht in Verlegenheit

zu setzen. Willst Du also Deine Hausfrau nicht in Versuchung führen,

so gib, wenn nicht etwa ein Haushofmeister oder eine Ausgeberin

diejenigen Geschäfte bei Dir versieht, die eigentlich zu den Pflichten

der Gattin gehören, eine Summe Geldes, die Deinen Einkünften und den

Zeitverhältnissen angemessen ist, zur Ausgabe! Wenn diese verwendet

ist, so sey ihr verstattet, mehr von Dir zu fordern; findest Du, daß zu

viel ist ausgegeben worden, so laß Dir die Rechnung zeigen! Ueberlege

mit ihr gemeinschaftlich, auf welcher Seite gespart werden könnte!

Mache ihr kein Geheimniß aus Deinen Vermögensumständen; allein bestimme

ihr auch eine kleine Summe zu ihren unschuldigen Vergnügungen, zu ihrem

Putze, zu stillen wohlthätigen Handlungen, und fordre davon keine

Berechnung!

14.

Gute Hauswirthschaft ist eins der nothwendigsten Stücke zur ehelichen

Glückseligkeit. Man suche daher vor allen Dingen, wenn man auch im

ledigen Stande einigen Hang zur Verschwendung gehabt hätte, sich davon

loszumachen, und sich häuslicher Sparsamkeit zu befleißigen, sobald man

heirathet! Wer noch einzeln da steht, erträgt leicht alles Ungemach

der Zeit: Noth, Mangel, Demüthigung, Zurücksetzung; am Ende steht ihm,

wenn er gesunde Arme hat, die ganze Welt offen; er kann alles im Stiche

lassen, und in einem unbekannten Winkelchen der Erde leicht mit seiner

Hände Arbeit sein Leben fristen. Aber wenn schlechte Haushaltung den

Ehemann und Vater in Armuth gestürzt hat, und er nun den Blick auf die

Personen seiner Familie umherwirft, die von ihm Unterhalt, Nahrung,

Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern; wenn er dann oft nicht weiß,

woher er auf morgen Brod nehmen, wovon er die heranwachsenden Mädchen

kleiden soll, oder wenn seine bürgerliche Ehre, seine Beförderung,

die Versorgung seiner Kinder davon abhängt, daß er mit den Seinigen

in einem gewissen anständigen Aufzuge, vielleicht gar mit einigem

Glanze erscheine, und es doch von allen Seiten dazu fehlt; wenn das

Silbergeräthe vom Wucherer, wo es im Versatze steht, auf einen Mittag

geborgt werden muß, um Gäste bewirthen zu können, indeß unten im Hause

ein Knabe wartet, der es gleich nach der Mahlzeit wieder in Empfang

nehmen soll; wenn Gläubiger und Advokaten ihn in die Enge treiben, und

Juden an den Zipfeln seines schlaffen Geldbeutels melken: dann fallen

böse Launen, Krankheit des Leibes und der Seele den Unglücklichen

an; Verzweiflung ergreift ihn; er sucht sich zu betäuben, verfällt

in Ausschweifungen; von Innen zernagt ihn das unruhige Gewissen, von

Aussen verfolgen ihn bittre Vorwürfe seines Weibes; das Winseln seiner

Kinder schreckt ihn aus fürchterlichen Träumen auf; die Verachtung,

womit der vornehme und reiche Pöbel auf ihn herabblickt, umwölkt jeden

Strahl von Hoffnung; Muth und Trost schwinden; die Freunde fliehen,

das Hohngelächter der Feinde und Neider erschüttert jede Nerve, und

in dieser traurigen Lage schwindet dann freilich aller Schatten von

häuslicher Freude, das Haus wird zur Hölle. Der Elende flieht auch

nichts so sehr, als den Anblick und den Umgang derer, die er mit sich

in's Unglück gestürzt hat. -- Sollte also einer von den Eheleuten

zur Verschwendung geneigt seyn, so ist es rathsam, weil es noch Zeit

ist, Mittel vorzuschieben, jener gräßlichen Lage auszuweichen. Der

~andre~ Theil, der besser mit dem Gelde umzugehen weiß, übernehme die

Kasse! Man mache sich einen genauen Etat, wie man dem Haushalte wieder

aufhelfen will, und befolge diesen pünktlich, schränke sich ein, sorge

aber dafür, daß, wo möglich, auch etwas zu erlaubten Vergnügungen übrig

bleibe, damit dem Verschwender die Einschränkungen und Entbehrungen

nicht zu schwer werden!

15.

Ist es aber besser, daß ~der Mann~, oder daß ~die Frau~ reich sey?

Wenn eins seyn soll, so stimme ich für Ersteres. Gut ist es, wenn

Beide einiges Vermögen haben, um zu den Nothwendigkeiten des Lebens

gemeinschaftlich beitragen zu können, damit nicht Einer so ganz auf

Kosten des Andern zehre. Soll aber nun einmal Abhängigkeit, welche doch

natürlicher Weise auf Seiten des ärmern Theils entsteht, Statt finden:

so ist es der Natur gemäßer, daß das Haupt der Familie am mehrsten zum

Unterhalte der Familie beitrage. Heirathet ein Mann eine reiche Frau,

so verhüte er wenigstens durch angestrengte Thätigkeit, daß er nie in

eine sclavische Abhängigkeit von seiner Frau gerathe. Aus Verabsäumung

dieser Vorsicht sind so wenig Ehen von ~der~ Art glücklich. Hätte

meine Frau mir großes Vermögen zugebracht, so würde ich mich doppelt

bestreben, ihr zu beweisen, daß ich geringe Bedürfnisse hätte; ich

würde wenig an meine Person wenden; ich würde sie überzeugen, daß ich

dies Wenige mit meinem Fleisse mir erwerben könnte; ich würde ihr

Kostgeld geben; ich würde nur der Verwalter ihres Vermögens seyn;

ich würde Aufwand im Hause machen, weil das sich für reiche Leute

schickt; aber ich würde ihr zeigen, daß dieser Aufwand meiner Eitelkeit

nicht schmeichele; daß ich bei zwei Speisen eben so vergnügt, wie bei

zwanzigen sey; daß ich keine Aufwartung bedürfe; daß ich gesunde Beine

habe, die mich eben so weit, wenn gleich nicht so schnell fortbringen,

wie ihre prächtigen Wagen; und dann würde ich, wie es dem Hausherrn

zukömmt, über die Anwendung ihres Vermögens unumschränkte Gewalt

verlangen.

16.

Ist es nöthig, daß der Mann klüger sey, als die Frau? -- Das

ist wiederum eine nicht unwichtige Frage; wir wollen sie näher

beleuchten. Der Begriff von Klugheit, von Vernunft, wird, mit allen

seinen Beziehungen und Modifikationen, nicht immer auf einerlei Art

verstanden. Die Klugheit eines Mannes soll wohl von ganz anderer

Art seyn, als die, welche man von einer Frau verlangt; und wenn nun

vollends Klugheit mit Welt-Erfahrung, oder gar mit Gelehrsamkeit

verwechselt wird, so wäre es Unsinn, von diesen bei dem einen

Geschlechte so viel, wie bei dem andern, voraussetzen oder verlangen

zu wollen. Ich fordre daher von einem Frauenzimmer einen verständigen

Kleinigkeitsgeist, Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit,

Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld: -- lauter Stücke,

die doch auch zur Klugheit gehören; -- welche in gleichem Grade

nicht immer das Eigenthum des männlichen Charakters sind. Dagegen

erwarte ich, daß der Mann umsichtiger, gefaßter bei allen Vorfällen,

fester, unerschütterlicher, weniger den Vorurtheilen unterworfen,

ausdauernder und gebildeter sey, als das Weib. Jene Frage aber war in

allgemeinem Sinne zu verstehen, nämlich also: Wenn einer von beiden

Theilen schwach, stumpf von Organen und unwissend in manchen zum

Weltleben nöthigen Kenntnissen seyn sollte: würde es da besser seyn,

daß der Mann, oder daß die Frau der schwächere Theil wäre? -- Ich

antworte ohne Anstand: Noch habe ich nie eine glückliche und weise

geordnete Haushaltung gesehen, in welcher die Frau die entschiedne

Alleinherrschaft gehabt hätte. Es geht in einem Hause, wo ein Mann

von mittelmäßigen Fähigkeiten das Regiment führt, größtentheils immer

noch besser her, als in einem, wo eine kluge Frau ausschließlich

gebietet. Es kann vielleicht Ausnahmen davon geben; allein ~ich~ kenne

deren keine. Es versteht sich aber, daß hier nicht von der feinern

Herrschaft über das Herz eines edlen Gatten die Rede ist: wer wird

diese nicht gern einem klugen Weibe einräumen? welcher verständige

Mann wird nicht fühlen, daß er oft sanfter Zurechtweisung bedarf?

Jene ausschließliche Herrschaft hingegen scheint der Bestimmung der

Natur zuwider zu seyn. Schwächerer Körperbau; eingepflanzte Neigung zu

weniger dauerhaften Freuden; Launen aller Arten, die den Verstand, oft

in den entscheidendsten Augenblicken fesseln; Erziehung; und endlich

unsere bürgerliche Verfassung, welche die Verantwortung dessen, was

im Hause geschieht, allein auf den Mann wälzt: das alles bestimmt

die Gattin, Schutz zu suchen, und legt dem Gatten die Pflicht auf,

zu schützen. Nun ist aber doch nichts lächerlicher, als wenn der

Weisere und Stärkere bei dem Thoren und Schwachen Schutz suchen soll.

Frauenzimmer von vorzüglichen Geistesgaben handeln daher wahrlich

gegen ihren eignen Vortheil, und bereiten sich unangenehme Aussichten,

wenn sie aus Herrschsucht sich dumme Männer wünschen oder wählen;

die sichern Folgen davon sind Ueberdruß, verwirrte Haushaltung und

Verachtung des Publikums für einen von beiden Theilen, und das heißt

ja: für ~beide~ Theile. Männer aber, die so unmündig am Geiste sind,

daß sie die Rolle eines Hausvaters nicht gehörig zu spielen, nicht

Herr in ihrem Hause zu seyn vermögen, thun besser, Hagestolze zu

bleiben, und sich ein Plätzchen in einem Hospital, oder eine Präbende

zu kaufen, als daß sie sich vor Kindern, Hausgesinde und Nachbarn

lächerlich machen. Ich habe einen schwachen Fürsten gekannt, dessen

Gemahlin so unumschränkte Gebieterin über ihn war, daß, als sie einst

bestellt hatte, auszufahren, der Fürst hinunter in den Schloßhof

schlich, und den Kutscher, welcher da hielt, leise fragte: »Wisset ihr

nicht, ob ich mitfahre?« Wer möchte wohl Geschäfte mit einem Manne

treiben, dessen Willen, dessen Freundschaft und dessen Art, die Dinge

anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweisungen seiner Frau

abhängen, -- der seine Briefe erst seiner Hofmeisterin zur Durchsicht

vorlegen, und über die wichtigsten, geheimsten Angelegenheiten erst

Instruktion bei der Toilette holen muß? Sogar in der Gefälligkeit

und Aufmerksamkeit gegen die Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht

verleugnen. Verächtlich ist, selbst den Weibern, ein Mann, der, bevor

er sich zu etwas entschließt, erst jedesmal sagt: »Ich will es mit

meiner Frau überlegen;« der ihr immer das Mäntelchen nachträgt, sich

nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu gehen, wo ~sie~ nicht ist,

oder der seine treuesten Bedienten abschaffen muß, wenn Madam deren

Gesichtsbildung nicht ertragen kann.

17.

Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. Auch der,

welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime Leiden mancher

Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder selbstgeschaffne,

gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden. Sehr wenige Weiber

haben Kraft genug, das Unglück standhaft erdulden, guten Rath in der

Noth zu ertheilen, und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die

nun einmal getragen werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel

durch unzeitige Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn ~könnte~, wenn

es nicht ~so~ wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte,

zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, kleinere

Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber läßt sich das selten

thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so verschließe lieber den

Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin kann ein gutgeartetes Gemüth darin

keinen Trost finden, Andre, die es liebt, mit in seine Leiden zu

ziehen; und wenn nun gar die Last dadurch nicht erleichtert, sondern

vielmehr erschwert wird: wer wollte dann nicht lieber schweigen, und

seinen Rücken dem Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir

aber einen großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz,

Krankheit zu, -- verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse Menschen:

o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse Deinen Muth

zusammen, und versüße der Gefährtin Deines Lebens die Bitterkeit des

Kelchs, den sie mit Dir austrinken muß; wache über Deine Launen,

damit nicht der Unschuldige durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich

in Dein Kämmerlein, wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre

Dich durch Thränen oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch

Philosophie, durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise

Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und sey der

Tröster des Schwächern! -- Ist doch kein Ungemach und kein Leiden in

der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz so groß, der nicht freie

Augenblicke übrig ließe; führt doch ein gewisser Heroismus im Kampfe

gegen das Unglück Freuden mit sich, die selbst das härteste Ungemach

versüßen können; und der Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten,

erhebt das Herz wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. --

Ich rede aus Erfahrung.

18.

Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit in

Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen Ehe nicht nothwendig

sey. Traurig ist aber doch immer die Lage, wenn die Ungleichheit gar zu

auffallend ist, wenn die Gattin sich bei allem kalt und gleichgültig

zeigt, was dem Gatten wichtig und interessant scheint. Traurig ist es

immer, wenn man, um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche

Leiden, um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, --

kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich nach

fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn ein phlegmatisches

Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den uns die süße Phantasie

einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder seligen Täuschung unsanft

aufweckt, unsre wärmsten Gespräche mit Plattheiten beantwortet, und

unsre schönsten Pflanzungen zertritt. -- Was ist aber in solchen Lagen

zu thun? Vor allen Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange

moralisirt, wo keine Besserung zu hoffen ist, -- geschwiegen, wenn man

doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden, Scenen

zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet, oder zu bitter gekränkt,

oder durch die Dummheit des Weibes öffentlich beschimpft werden könnte

-- so kann man doch wenigstens negativ so ziemlich glücklich seyn.

19.

Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann auf ewig an

ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen Gebrechen oder

gar mit Lastern behaftet, der Liebe und Achtung edler Menschen unwerth

ist; wenn die Frau durch ein mürrisches, feindseliges Temperament,

durch Neid, Geiz, oder unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben

verbittert, oder wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz

verächtlich macht, oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei

lebt? Ich brauche hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann

unschuldiger Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies

Labyrinth gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch

und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus im

Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich schweige hingegen

auch davon, daß sehr oft der Mann durch üble oder unvorsichtige

Behandlung daran Schuld ist, wenn Untugenden und Laster, zu welchen

der Keim in dem Herzen seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde

mich endlich zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder

einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. -- Also nur so

viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen dreierlei Rücksichten

nehmen, nämlich: ~zuerst~ solche, welche auf Beförderung unserer eignen

Ruhe abzielen; ~sodann~ Rücksichten auf Kinder und Hausgenossen; und

~endlich~ auf das Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe

ich: wenn einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da

ist, sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten,

sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die uns

Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen. Entwirf

reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan! Ueberlege wohl,

ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es anzufangen habest, Deinen

Zustand, wenn derselbe nun einmal nicht zu verbessern ist, leidlich zu

machen, und laß Dich dann von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst

durch keine bloß anscheinende Besserung, noch durch Liebkosungen,

abwendig machen! Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch

Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast Du

schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine Pflichten,

je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein Gewissen beruhigt

seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt sich alles, auch das Aergste,

ertragen. In Betracht Deiner Kinder, des Hausgesindes und des Publikums

aber vermeide alles Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht

ruchtbar werden! Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden

die Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht

zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und überlaß

ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare Uneinigkeit unter

Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde nie zur Ordnung, Treue

und Redlichkeit geneigt. Es entstehen Partheien und Klatschereien

ohne Ende. Vermeide daher allen Zank in Gegenwart des Gesindes!

Wenn öffentliche Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so verliert

der unschuldige Theil, zugleich mit dem schuldigen, die Achtung der

Mitbürger. Vertraue deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück

fremden Leuten.

20.

Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte Weiber,

beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten

zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer es auch sey,

ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um Deine häuslichen

Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen mit aller männlichen

Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen vertragen sich ohne Vermittlung,

und mit schlechten richtet ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein

bitte Gott, daß er Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern

bewahre, die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am

Geiste sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist,

Hetzereien anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und

Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher

Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest Du aber zum

Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches Hausgeräth mit

erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit, da sie sich in

Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen will, ihre freundlichen,

frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten, daß sie Dir sobald nicht

wiederkomme! Es gibt aber auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren

verheiratheten Töchtern mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn

um so mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man ihnen

die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat.

Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter ihren

vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das Höchste kömmt, von

der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen gar nichts, und fremde

Friedensstifter und Beschützer des leidenden Theils machen immer das

Uebel ärger. Der Mann muß Herr seyn in seinem Hause: ~so~ wollen es

Natur und Vernunft. Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter

~über~ sich, nicht ~neben~ sich. Er soll sich auf keine Weise diese

Herrschaft rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau seiner

offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz entgegenstellt,

muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie wegfallen.

21.

Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und Gattinnen,

als die ~Verletzung ehelicher Treue~. Der Moralität nach und unsern

religiösen und politischen Grundsätzen gemäß, ist zwar die Uebertretung

der ehelichen Pflichten von einer Seite so unedel wie von der

andern; in Rücksicht auf die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit

einer Frau weit strafbarer, als die eines Mannes; jene zerreißt die

Familien-Bande, vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder,

zerstört die heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut

den Gesetzen der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger

unnatürlich, als Vielmännerei seyn würde. -- Man hat nicht einmal

in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das Letztere.

Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte Aufführung seiner

Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den Haus-Regenten; -- nicht

umgekehrt also! Ohne Betracht auf Folge und Rechenschaft aber, dünkt

mich, handelt ein Theil, der den andern für untreu hält, sehr unweise,

wenn er durch Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in

Schranken halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er

wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt,

durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den alleinigen

Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten Art. Eheleute,

die durch kein edleres Band an einander geknüpft sind, finden tausend

Mittel, sich zu hintergehen, und es ist daran nicht viel verloren.

In so fern also bei der Untreue nicht Zärtlichkeit und Hochachtung

gekränkt werden, so ist wahrlich, wie die Franzosen in der That

vorgeben, die Hahnreischaft sehr wenig, und wenn man die Sache nicht

weiß, gar nichts. Noch ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den

treuesten Gatten zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen

Verdacht durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte aber

Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen seyn: so ist

freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch gerichtliche Hülfe,

oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich der Schandfleck dadurch

nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen Fällen ist die Ehescheidung

eine höchst bedenkliche Sache. Leute, die eine Reihe von Jahren mit

einander verlebt haben, können einen solchen Schritt nicht leicht

thun, ohne Beide an öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die

Kinder haben, können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und

zeitliche Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher

irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit einander

auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und vermeide öffentliches

Aergerniß!

22.

Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im mittlern

Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und sehr reichen

Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit, fühlen keine

Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem sehr fremden Fuße mit

ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner andern Regeln, als solcher,

die eine feine Erziehung vorschreibt. Und da sie auch eine eigne Moral

zu haben pflegen, so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden,

das für sie tauglich wäre.

Viertes Kapitel.

Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.

1.

Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie sind

so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt; ausser

ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag übrigens leicht

mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem

Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören, ohne zu gähnen; wenn

man im Gegentheile dabei einiges Interesse zeigt, sich über ihre

Thorheiten und Launen nicht zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich

gehalten seyn soll, sie nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint,

wüßte auch die ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils

geschieht); endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt.

Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts zu reden.

-- Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr einen verständigen

Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder mit festem Muthe, mit Fleiß und

dauernder Arbeit dienen soll: so wählet keinen Verliebten dazu! Ist

es Euch aber darum zu thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu

finden, die mit Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit

Geld borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen

beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche

mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen und Sonaten

lobe: -- so wendet Euch nach den Umständen an einen glücklichen oder

hoffnungslosen Liebhaber!

2.

Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander zu geben,

das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese Menschen selten bei

gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so unsinnig, zu verlangen, daß

sie sich dabei gewissen Vorschriften unterwerfen sollten, als wenn man

einem Rasenden zumuthen wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem,

der die Kolik hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges

sagen, das gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte,

daß solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte

Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können.

3.

Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen Sinnesart

und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt hat, kann keinen Begriff

haben von den seligen Freuden, die der Umgang unter Verliebten gewährt;

wer zu oft mit seinem Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert

den Sinn dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich

jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle hier

abschreiben[5].

»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen.

Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, seine zärtlichen

Seufzer vor manchen Schönen schon ausgeblasen hat, dem wird es eben

nicht schwer, wenn er einmal wieder sich die Lust macht, verliebt zu

werden, seine Empfindungen bei einer schicklichen Gelegenheit an den

Tag zu legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen

Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint,

der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Roman-Helden, oder,

wenn er dringend wird, und sie glaubt nach und nach überzeugt werden

zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen,

ihr nicht ein Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und

dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen,

und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt feierlich

gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre

und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt

ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parcelen, um täglich

nur um ein Haar breit dem Ziele näher rücken zu dürfen, damit der

schöne Roman desto länger dauern möge; und wenn auf andre Art keine

Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen,

die völlige Entwickelung aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde

zurückstellen. Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber

empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein

sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können voraus

calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte

kommen müssen, und werden dick und fett bei ihrer Liebespein.«

»Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, die, zum

erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren

süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten, und immer nicht

Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebehrden oft

schon deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die

Geliebte zärtlich an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät,

wenn Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein

Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken,

wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt hat; man

fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich

und fast unhöflich das Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt

hat; der Versöhnte dankt durch das zärtliche Lächeln und durch die

fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune; man nimmt mit den Augen

Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern,

erkennt sich gegenseitige Rechte auf einander an -- und hat sich

doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, ~was~ man für einander fühlt.

Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu;

sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen,

drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch auch das nie

ohne irgend einen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort,

ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, und hat sich oft noch nicht

gegen einander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und

der Gegenstand der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das

längst im Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd

entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit einem

bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet

worden; dann lebt man vollends erst ganz für einander, ist wenig um

die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in

keiner Gesellschaft verlegen mit seiner Person, wenn nur der theure

Gegenstand uns freundlich anlächelt; findet an der Seite der Geliebten

alles Ungemach des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es

Krankheit, Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne;

lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, köstliche

Speise, Schlaf. -- O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt

habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist

unter allen phantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig,

so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich

glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? -- Ach! daß dieser selige

Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu

unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt wird!«

4.

In der Ehe ist ~Eifersucht~ ein schreckliches, Ruhe und Frieden

störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die Liebe

hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues Leben;

nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach kleinen

Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester. Zittre vor

der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines Weibes, dessen Liebe

Du verschmäht hast, oder für welches Dein Herz nicht mehr spricht, wenn

sie Deiner -- sey es nun aus Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz,

oder aus Eigensinn -- noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme

verfolgen, und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit,

keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine

öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders wenn

sie Dich nicht etwa fürchtet.

5.

Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie mit so

gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit, Vorwitz, Lust

an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey es nur, was sie zu

uns hinreisse, und man dürfe nicht länger auf Weibertreue rechnen,

als so lange eine von diesen Leidenschaften und Trieben nach Zeit

und Gelegenheit zu befriedigen ist; Andre hingegen lehren gerade

das Gegentheil, und beschreiben mit den reizendsten Farben die

Beständigkeit, die Innigkeit und das Feuer eines weiblichen, von Liebe

erfüllten Herzens. Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit

und Reizbarkeit, als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse,

wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr kaltes

Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste, heiligste Liebe,

ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft, diese göttliche

Flamme könne nur in weiblichen Seelen in ihrer ganzen Fülle wohnen.

Wer von beiden Partheien Recht hat, das mögen Diejenigen entscheiden,

denen eine größere Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete

Welt-Erfahrung ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner,

unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer Vernunft,

als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage das nicht; auch sind

es zwei verschiedene Fragen: aus welchen Quellen zuerst Weiberliebe

zu entspringen pflege? und: welche Eigenschaften nachher diese Liebe

habe, wenn einmal die Seele davon ergriffen ist? Das aber getraue

ich mir zu behaupten, ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu

treten, daß wir Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe

wohl schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller

Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der

heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung

aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten weiht, und

sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten sucht. Ich kenne

kein höheres Glück auf der Welt, als so innig, so treu geliebt zu

werden. Leichtsinnige Gemüther findet man unter Männern, wie unter

Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung ist dem ganzen Menschengeschlecht

eigen; neue Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder

eingebildeter, können die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber

fast möchte ich sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei

Männern, als bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger

Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln; und

es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen davon anzugeben,

wenn das hieher gehörte.

6.

Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses,

prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht sich's sogar

selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten Augenblicke in der

Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen einander mit Worten erklärt

hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten

Freuden sind die, welche man mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande

davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft

nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth

verlieren, die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls,

gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas

darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht

verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn es merkbar wird, daß es

mit Absicht gegeben werden soll.

7.

In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe davon

läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch übereilte

Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt der Jüngling, wie

wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von allen Verbindlichkeiten,

die man übernehmen kann, diese die schwerste, die gefährlichste

und leider die unauflöslichste ist. Er verbindet sich auf ewig mit

einem Geschöpfe, das sich seinen von Leidenschaft geblendeten Augen

ganz anders darstellt, als es späterhin seiner nüchternen Vernunft

erscheint, und dann hat er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder

er vergißt, daß mit einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen

und Arbeiten wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst

geliebten Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt alle

Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort, wenn ihm vor

der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen; und dann sind

Gewissensbisse sein Theil. -- Allein, was vermögen Rath und Warnung im

Augenblicke des Rausches? Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich

im 15ten und 16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde.

8.

Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet, und

Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch Schicksale, Untreue

und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder durch andere Umstände:

so handle, nach dem Bruche, oder wenn die Verbindung sonst aufhört,

nie unedel. Laß Dich nie hinreissen zu niedriger Rache! Mißbrauche

nicht Briefe, noch Zutrauen! Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu

lästern, einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht

hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht sehr

liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer nur allein

seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und Vorsichtigkeit in

Liebessachen zu danken!

Fünftes Kapitel.

Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.

1.

Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären, daß

ich kein Weiber-Feind bin. -- Zwar sollte es billig einer solchen

Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand

lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften nicht Gelegenheit

geben, mich für einen Lästerer des schönen Geschlechts zu halten; doch

der Schwachen wegen füge ich es hinzu. Alles also, was ich hier im

Allgemeinen zum Nachtheile des weiblichen Charakters sagen muß, soll

der Verehrung unbeschadet gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne

edle Weib und Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen

genommen, von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften,

verdient. ~Diese~ zu verschweigen, um ~jene~ zu erheben, das ist das

Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag ich nicht seyn. Die

mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas über die Frauenzimmer sagen,

scheinen sich's zum Geschäft zu machen, nur die Schwächen derselben

aufzudecken -- das ist noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über

den Umgang mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch

die Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die man

schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern weder ungerecht, noch

ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht, jeder Stand, jedes Alter, jeder

einzelne Charakter hat dergleichen Schwächen. In so fern ich diese

kenne, gehört es zu meinem Zwecke, davon zu reden; und man wird finden,

daß ich von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe, die

den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten und Jungen, mit

Weisern und Schwächern, mit Vornehmen und Geringen, angenehm machen,

noch irgend eine einzelne Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der

andern, lobe oder tadle. -- So viel als Vorrede zu diesem Kapitel.

2.

Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung

zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten Weibern.

Da werden die sanftern Tinten in den Charakter eingetragen; da wird

durch mildere und feinere Züge manche Härte gemäßigt, mancher Flecken

verwischt, -- kurz: wer nie mit Weibern besserer Art umgegangen ist,

der entbehrt nicht nur sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im

geselligen Leben nicht weit kommen; und ~den~ Mann, der verächtlich

vom ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht

zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem Kreise

liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas Gutes an mir ist,

wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von Menschen und Schicksalen,

Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit noch nicht alles Wohlwollen,

alle Liebe und Duldung aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich

es den sanften Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter

gehabt hat.

3.

Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen unter den

Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren, sie

verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man hat sehr Unrecht,

wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche Schönheit allein mache auf

sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft hat gerade der entgegengesetzte

Fall Statt. Ich kenne Jünglinge mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück

bei dem schönen Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit

fast garstigen Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken.

Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und Witzigern

vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei und Huldigung;

es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern umzugehen, die nur von ihnen

selbst erlernt werden kann; und wer ~die~ nicht versteht, der mag mit

allen innern und äussern Vorzügen ausgerüstet seyn -- er wird ihnen

nicht behagen. Man findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern

zu gefallen, großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter

anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien Zutritt,

und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu seyn, denen

man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze erlaubt, oft aber

dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber zu spät, bereut, ihnen

so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch hebt indessen den erlaubten

Gebrauch jener Kunst nicht auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher

Sanftmuth, die aber ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf;

Gefälligkeiten, die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen,

daß sie Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen,

aber auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine

Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein Recht

geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden, doch

angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die, sehr vom Liebäugeln

unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen Herzen aufgefaßt

wird, ohne in Worte übersetzt werden zu dürfen; das Verbergen gewisser

geheimen Gefühle; ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche,

gemeine Vertraulichkeit ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth,

die nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung, der

weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit,

ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit,

ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit, Geschicktheit,

Behendigkeit, angenehme Talente; -- ich denke, das ist es ungefähr, was

den Weibern an uns gefallen könnte.

4.

Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung, daß der

Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen Schutz zu verleihen,

ist von der Natur auch ~denen~ Frauen eingepflanzt, die Stärke und

Entschlossenheit genug haben, sich selbst zu schützen. Daher fühlen

auch weichgeschaffne Damen eine Art von Widerwillen gegen schwächliche,

gebrechliche Männer. Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden

empfinden, zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen; aber

eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch der

Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des sittsamsten Weibes, von

Dir abwendig machen.

5.

Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich für

ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr ist: so kann ich

doch nichts durchaus Anstößiges darin finden. Sind sie, bei dem

Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer, als wir: so macht das ihrem

Herzen Ehre; allein wir Männer tadeln auch oft nur aus Neid solche

glückliche Verbrecher von unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir

die Lovelace und Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne

sehen, heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem Allen liegt

wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt, daß zu Verirrungen von

der Art eine gewisse Kraft des Gemüths, eine lebendige Thätigkeit, und

eine Empfänglichkeit des Gefühls gehöre, die immer Interesse erweckt.

Uebrigens will man bemerkt haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur

vorzüglich duldsam gegen ~hübsche Männer~ und gegen ~garstige Weiber~

seyen.

6.

Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern Reinlichkeit

und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische Kleidung lieben, und

daß sie leicht mit einem Blicke kleine Fehler und Nachlässigkeiten im

Anzuge bemerken.

7.

Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an demselben

Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu thun ist, Zuneigung

oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen! Sie verzeihen uns kleine

Untreuen, ja man kann dadurch bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber

in dem Augenblicke, da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt,

muß man fühlen, was man sagt, und es nur ~für sie~ fühlen. Sobald sie

merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst, ist

alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern ~ungetheilt~, ~allein~

und ausschließend bleiben.

8.

Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von einerlei Art

machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit, oder sonst,

stimmen in einer Gesellschaft nicht gut zusammen. Doch werden sie

zuweilen mit einander fertig; kömmt aber die Dritte hinzu, dann hat der

böse Feind sein Spiel.

Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche von irgend

einer Art macht, eine andre, wegen gleicher Eigenschaften, zu sehr

zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin mit denselben Ansprüchen! Es

pflegt allen Menschen, die ein Gefühl von eignem Werthe, und Begierde

zu glänzen haben, vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie

gern ausschließlich bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit,

wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen Gelehrsamkeit,

oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch nicht von Aehnlichkeiten,

die Du findest, zwischen der Frau, mit welcher Du redest, und ihren

Kindern, oder irgend einer andern Person! Frauenzimmer haben zuweilen

sonderbare Grillen; man weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer

Vorstellung, aussehen, oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt

Simplicität, Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe

Grazie, Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe es gern,

wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth; eine Andre

möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll, erhaben aussehen. Die

möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen können; Jene mit ihren Augen

alle Herzen wie Butter schmelzen. Die Eine will ein gesundes und

frisches, die Andre ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. -- Das

sind nun kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl

richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen will.

9.

Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm unterhalten

seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen oft mehr werth, als der

würdige, verdienstvolle Mann, von dessen Lippen Weisheit strömt, wenn

er redet; der aber lieber schweigen, als leere Worte sprechen mag.

Allein kein Gegenstand scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes

Lob, wenn es ihnen nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; -- doch

auch damit nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal

die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal die Mutter

für die Tochter im Hause an! -- Sie werden uns darum die Augen nicht

auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit dem Alter der Frauenzimmer

ein kitzlicher Punkt. Man thut am besten, diese Saite gar nicht zu

berühren. Wenn man übrigens die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu

geben, zu glänzen, so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man

wird ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. -- Ist das nicht bei allen

Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern öfter,

weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit auf Rechnung ihres

Geschlechts schreiben, als dem unsrigen Schuld geben darf.

10.

Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier. Auch

darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit ihnen zu wirken, und

dies Bedürfniß nach den Umständen zu erwecken, zu beschäftigen und zu

befriedigen verstehen. Sonderbar genug ist es, wie weit oft Vorwitz

und Neugier bei ihnen gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter

ihnen empfinden zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche

Scenen, Exekutionen, Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen,

jämmerliche Mordgeschichten zu hören; -- Gegenstände, denen sich der

weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber sieht. Deswegen

sind ihnen auch diejenigen Romane und Schauspiele größtentheils

die angenehmsten, in welchen Abentheuer ohne Ende, unerwartete

Begebenheiten in Menge, und Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen

forschen die Schlimmern unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen,

und spähen die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer

Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen. Chesterfield sagt:

»Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln willst, so vertraue ihnen ein

Geheimniß!« -- freilich wohl nur ein kleines Geheimniß. -- Doch warum

nicht auch größere? Können nicht manche Weiber besser schweigen, als

ihre Männer? Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an.

11.

Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen, sind weniger

gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer. Reizbarere Nerven, die

leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen in Schwingung zu bringen sind,

und ein schwächerer Körperbau, der manchen unbehaglichen Gefühlen

ausgesetzt ist, die wir gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert

Euch daher nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben

Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen Damen zu

finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist! Ertraget diese

vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen Augenblicken

von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder zur Unzeit mit Witz oder

Troste angezogen zu kommen; sondern überleget wohl, was sie in jeder

Gemüthslage etwa gern hören mögten, und wartet ruhig den Augenblick

ab, wo sie selbst den Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und

ihr Unrecht gutmachen!

12.

Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen Neckereien;

mögen selbst denen Personen, die ihnen am theuersten sind, zuweilen

unruhige Augenblicke machen. Auch hiervon liegt der Grund in ihren

Launen, und nicht in Bösartigkeit des Gemüths. Wenn man sich dabei

vernünftig, duldsam, nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld

den kleinen Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen

läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen, die sie

uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus, und man erlangt

dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung.

13.

In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten mit

Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des Augenblicks lassen, nie

aber sie merklich beschämen; denn das ist etwas, das ihre Eitelkeit

selten verzeiht.

14.

Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und

nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon so oft gesagt, daß ich

es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es

kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen,

einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern,

zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen

Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider

selbst eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener

Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz und

die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn gleich früher,

als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er

nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück

zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß

heimliche, durch allerlei Wege gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten

vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan

zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie

anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste Betragen,

nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne.

-- Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu verfolgen, bis er

endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht,

und sich auf eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht

rauben kann. -- Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele

Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen

Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.

Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer

grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, weil das

Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt,

und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben.

15.

Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, über die

Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu werden, oder nicht?«

läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas Neues über die Mittel sagen

zu können, welche man anzuwenden hat, um im Umgange mit liebenswürdigen

Frauenzimmern die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten.

Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, gerade

wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches wir also

gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu nehmen, wenn es schon zu

spät ist; da sie aber oft sehr bittre Leiden, und Zerstörung aller Ruhe

und alles Friedens mit in ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe

wohl eine der schrecklichsten Plagen ist, und äussere Verhältnisse

zuweilen auch den edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche

Hindernisse in den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders

für Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente und mit

warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse Herrschaft

des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, und, wo

er sich dazu zu schwach fühlt, -- der Versuchung auszuweichen. Groß

ist die Qual für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden, und Liebe

nicht erwiedern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben, und

verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage Dessen, der für

gränzenlose treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue

belohnt wird. -- Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den

Stein der Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: -- ich kenne

keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt.

16.

Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, Redlichkeit und

die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige,

unerfahrne Mädchen, wenn nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster

verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen

einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick

eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indeß

ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen

sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die

Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl Jeder einsehen,

der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt;

und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht.

Es gibt aber ein andres, den Folgen nach nicht weniger schädliches,

obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der

Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur

Warnung sagen muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar

kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen

nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder eine Art von Wärme und

Herzens-Andringlichkeit aus Worten und Gebehrden hervorleuchten lasse.

Aber ein solches Betragen ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht

nur den ohnehin schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit,

sondern, da eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer

Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: so

setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler Mann

benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich auf eine

Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt,

so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich

darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiraths-Anträgen hat fallen

lassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen

zu huldigen, so ist das Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie

absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn

bittre Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß

der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das Unglück nicht

einmal ahnet, das er angerichtet hat.

Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu Grunde zu richten,

ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen

Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung

romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von

solchen Gegenständen, womit sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen

sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben

ertödtet, oder ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der

Stadt-Freuden, mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden,

leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm ihnen nicht

unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre

Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu

benutzen, um seiner Eitelkeit eine Nahrung zu bereiten, und wie edel

dagegen, ein unbefangenes und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu

behandeln.

17.

Ueber den Umgang mit Menschen · 第 7 / 14 题