Der ~Eitle~ will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich;
und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewundrung widmet: so
braucht nicht eben große Ehrenbezeigung damit verbunden zu seyn. Da
nun jeder Mensch mehr oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich
geltend zu machen und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht
oder in Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da einem
sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in solchen
Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, das er gern hört, gegen ihn
fallen lassen, ihm erlauben, an dem Lobe, das er einerndtet, sich
zu erquicken, oder sich selbst bei Gelegenheit ein wenig zu loben.
Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler,
die durch unaufhörliches Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so
betäuben, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob;
daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß
sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so
weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit und
Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten in's Gesicht zu werfen.
Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu seyn, und
ich habe deren einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann
deswegen fast gar nicht umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach
den Taschen schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen
mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du sprichst, um zu
vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für sie enthält, und werden
mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden.
Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus, der zu aller
gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht,
und dem Eiteln eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit
ihm leben muß.
Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll, so
hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung zu
befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern Verbindung
stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder ihnen jede Gefälligkeit
und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; und es ist unbillig, wenn
diejenigen, welche täglich mit ihnen leben müssen, dieß von uns
verlangen; wenn sie fordern, daß wir mit Hand anlegen sollen, ihre
verzognen Freunde umzubilden.
Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen desto
größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und weil sie das für
das einzige würdige Opfer, für die einzige vollwichtige Münze halten.
5.
Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist ~Hochmuth~, so wie von
~Stolz~, unterschieden. Ich möchte gern, daß man Stolz für eine
edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn wahrer innrer
Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig
zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Thaten; er ist die
Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt
über Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem
mächtigen Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen
dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet sich mit
Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar
keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der den Pinsel von sechszehn Ahnen
aufbläht, und zu der Thorheit verleitet, daß er die Verdienste seiner
Vorfahren -- die oft nicht einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft
nicht einmal Verdienst gehabt haben, -- ~sich~ anrechnet, als wenn
Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist
es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und
wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel
an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo möglich,
noch empörender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Künstler
mit so viel Zuversicht zu seinen Talenten erfüllt, die, sollten sie
auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in seiner Meinung
von sich selbst über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn
niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt
schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es wohl mit
seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse.
Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjekte
wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht
viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit
gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern, und keiner
bescheidnen Behandlung werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen
Uebermuth zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein
hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar
keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie man auf einen
leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; denn je mehr man
nachgibt, desto mehr fordern, desto übermüthiger werden sie. Bezahlt
man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie
aus dieser Erfahrung machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und
spannt gewöhnlich andre Saiten auf.
6.
Mit sehr ~empfindlichen~, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht
angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedne
Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem
wir leben müssen, und der leicht durch ein kleines unschuldiges
Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, oder durch einen Mangel an
Aufmerksamkeit, gekränkt und vor den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit,
wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft
von bösen Menschen hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich
deswegen so leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich
fühlt, weil er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst
gibt: so muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß
dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch ist
diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und nur ein
bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag sie zu lösen. Ist
er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht
lange dauren; er wird durch eine gerade, freundliche Erklärung bald
zu besänftigen seyn; er wird zu denen, welche er für wahre Freunde
erkennt, ein unbegrenztes Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer
edel und offen mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen.
Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der That diejenigen
am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft am lästigsten, die
sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt
glauben. Es ist ein großes Unglück, in diesen Fehler zu verfallen,
denn man verkümmert und verbittert sich durch solch eine thörichte
Reizbarkeit nicht nur jedes gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt
auch Andern zur Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet,
und erreicht nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt.
7.
~Eigensinnige~ Menschen sind viel schwerer zu behandeln, als sehr
empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie übrigens
verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem
ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selber der Stimme
der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer
Behandlung zu fühlen, und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger
zu werden. Ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von
Dummheit anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe,
noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen
solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber
so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen zu verwickeln, daß
er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit geräth,
sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. Dann läßt man ihn eine
Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demüthig und folgsam wird,
und das Bedürfniß, geleitet zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher,
eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt,
oder uns über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht
darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen
glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das
ist eine höchst verdrießliche Lage.
Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in
dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen,
indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen wir von
Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir voraussehen, daß sie
nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt werden: so kann man nichts
Klügeres thun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber
entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß
eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen
Einsichten einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken
zu billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben weiß,
als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich unterläßt,
sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine Selbstverleugnung, die
sich sogleich belohnt.
Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen Fällen kann
es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen,
und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wirkung
dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft, und bei unbedeutenden
Gelegenheiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer
zankt, der hat die Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es
ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen.
8.
Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn entspringt,
doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder ungesellige Laune,
oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist die ~Zanksucht~. Es gibt
Menschen, die alles besser wissen wollen, allem widersprechen, was man
vorbringt; oft gegen eigene Ueberzeugung widersprechen, um nur das
Vergnügen zu haben, streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein,
~Paradoxen~ aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben;
Dinge zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen
kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich noch
Andre, die man +Querelleurs+ (~Stänker~) nennt, suchen vorsätzlich
Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine Art von Triumph über
furchtsame Leute zu gewinnen, über Leute, die wenigstens noch feiger
sind, als sie; oder, wenn sie mit dem Degen umzugehen wissen, ihren
falschen und tollen Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen.
In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche
Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, das
unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum Nachgeben
oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit denen von der
ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern
breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen,
zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, ihrem Zankgeiste,
wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnütze Worte zu
sparen. Denen von der zweiten Gattung kann man je zuweilen die Freude
machen, ihre Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu
bespötteln. Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden.
Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben,
durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes Betragen
ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: so rathe
ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu begegnen, daß ihnen die
Lust vergehe, sich ein zweitesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf
der Stelle, in unzweideutigen, männlichen Ausdrücken Eure Meinung,
und lasset Euch durch ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man
wird mir zutrauen, daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder
vernünftige Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische,
unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, seiner
bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus sich dem
Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung durch die andre und
durch persönliche Rache auszulöschen: so kann doch dieser Fall nie dann
eintreten, wenn er, ohne die geringste Veranlassung von seiner Seite,
hämischer Weise angetastet wird; und der hat doppelt Unrecht, der
gegen einen sogenannten Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung,
oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem
geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, wenn er
ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen pflegt.
Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des
Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können;
sind nie mit dem zufrieden, was Andre thun; murren gegen Alles, was
grade ~sie~ nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut.
Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß
man ihnen entweder das Gegentheil von ~dem~ vorschlägt, was man gern
durchsetzen möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt,
daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.
9.
~Jähzornige~ Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht
Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und so vergessen sie
sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten
Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre Uebereilung. Ich brauche
wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit -- vorausgesetzt, daß
diese Leute, andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth
scheinen, denn ausserdem muß man sie gänzlich fliehen; -- daß weise
Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen
zur Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß,
phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger als der
heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, und wird
doppelt aufgebracht.
10.
Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und über den
kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; nachher aber auch
eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht bereuet, und das erlittene
verzeiht; so verschließt hingegen der ~Rachgierige~ seinen Groll im
Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er
vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung
anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet,
seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm zugefügte
wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht nach Verhältniß der
Größe und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine
Neckereien, wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in
Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; für eine Kränkung unter vier
Augen, öffentliche Genugthuung; für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung
wesentlicher Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die
Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die
bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem
solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst trauriges
Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, so viel möglich,
vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von
ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame
Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu halten.
11.
~Faule~ und ~phlegmatische~ Menschen müssen ohne Unterlaß getrieben
werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende
Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, durch Aufregung
derselben solche schläfrige Geschöpfe in Bewegung zu setzen.
Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus ~Unentschlossenheit~ die
kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch die Verlegenheit
oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie sich dadurch zuziehen,
oder Andern verursachen, und ohne vor den Folgen zu erschrecken, die
eine solche Saumseligkeit früher oder später herbeiführen muß. Auf
einen Brief zu antworten, eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung
zu bezahlen -- ja! das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher
unbeschreibliche Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst
bei den dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können.
Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; und ist das
schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie sich recht dankbar
zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre Zudringlichkeit aufnahmen.
Aber wehe diesen Unentschlossenen, wenn sie nicht einen kräftigen
Freund haben, der ihnen zu ihrer Rettung Gewalt anthut, und einmal alle
Schonung aus den Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen!
12.
~Mißtrauische~, ~argwöhnische~, ~mürrische~ und ~verschlossene~
Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen diejenigen,
in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten von den Freuden
des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden
unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu
schändlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender
Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen
frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern
Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur durch
Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar,
mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus
unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre
Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind,
in ihrem zärtlichsten Freunde einen Bösewicht, in ihrem treuesten
Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben; dann gehört
wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht
darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei
ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches
Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man
ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige
Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr
mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, sondern muthig und
munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben.
Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich
und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum
Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft
auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen
worden -- das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und
diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die,
welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit
ihm umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur
so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen,
und ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben
auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt
gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in der Regel jeder
Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, und dies Uebel
so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihm Geduld und
Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.
Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis
zum ~Menschenhasse~ gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels:
~Menschenhaß und Reue~, läßt in demselben den Major sagen, ich hätte
vergessen, Vorschriften »für den Umgang mit dieser Art von Menschen
zu geben.« Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein
es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es
nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen
des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber von
aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung
ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf Menschengröße
und Edelmuth, besonders aber die zart und klug herbeigeführte
Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, und ihren Dank zu
erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser, ganz
ohne Familien-Verbindung, in öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit,
so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu
gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der
großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen
Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu
hoffen.
13.
~Neidische~, ~schadenfrohe~, ~mißgünstige~ und ~eifersüchtige~
Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, niederträchtiger
Menschen seyn; und doch trifft man leider einen unglücklichen
Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in den Herzen solcher Leute
an, die übrigens manche gute Eigenschaft haben. -- So schwach ist
die menschliche Natur! -- Ehrgeiz und Eitelkeit können in uns das
Gefühl erwecken, Andern ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir
ausschließlich streben; sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit,
Gelehrsamkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch
sey; und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen
die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz
unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann
können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren,
wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung unsre
feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir schwach genug waren, sie
zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich werde bei den Gelegenheiten,
wenn von Künstler-, Gelehrten- und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter
Fürsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben,
von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede seyn
wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber überflüssig zu
wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich nichts hinzuzufügen
übrig, als daß, um allem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede
gute Eigenschaft, so wie auf Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und
Glück heißt, Verzicht thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter
einem Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide
und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben, seine
Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kund
machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, anscheinend wenig fordern,
wenig begehren, auf Weniges Ansprüche machen, und wenig leisten müsse.
Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen ~Verleumdungen~,
denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt sich nicht fest
bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen habe, wenn man
verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit und Klugheit die schnellste
und deutlichste Darstellung der wahren Beschaffenheit; oft hingegen ist
es unter der Würde eines rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen
und Rechtfertigungen einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu
necken, wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh
oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen.
14.
Der ~Geiz~ ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. Man
kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein Geizhals nicht
fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern in das Spiel kömmt,
und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen,
finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen;
ja, er gönnt sich selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so
fern er sie nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht
er einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten
seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt.
Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben wird, wo
die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in der Welt leben
und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der
nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel
entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches Uebergewicht über den
Armen hat; wo endlich von der einen Seite Betrug und Falschheit, und
von der andern Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in
allen Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht und
des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen,
vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner Verhältnisse und der
Bewegungsgründe, welche seine Handlungen leiten, sogleich für einen
Knicker erklärt. Man möchte vielmehr diejenigen, welche das Beispiel
einer Sparsamkeit geben, die eben so sehr von Menschenliebe, als
von Klugheit und Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige
erklären, weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke
und Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen
Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt eine
unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen.
Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, die neben
dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leidenschaft
regiert werden. Diese scharren dann zusammen, sparen, betrügen Andre
und versagen sich alles, außer da, wo es auf Befriedigung dieser
Leidenschaft ankömmt; sey es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz,
Eitelkeit, Neugier, Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe
ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und
Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt
haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines Augenblicks
hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes Geld hielten.
Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler
wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit
umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von
Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem
Gesinde nicht satt zu essen; und um tausend Thaler wieder zu gewinnen,
die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise
aller Orten einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht
einen Heller Aufgeld gewinnen.
Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und achten das
Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf sie gerade eine
thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. Meine Freunde
haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in
Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig
reich ich bin, so kostet es mich doch geringere Ueberwindung, mich
von einem halben Gulden, als von einem holländischen Brief-Bogen zu
scheiden, obgleich man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des
feinsten Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute
gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten,
auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden, wo sie
dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, welche auch das
Geringste, was noch auf irgend eine Art brauchbar ist, zu erhalten
und zu bewahren sucht, ist unstreitig die rechte, denn sie geht von
einer richtigen Schätzung der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und
Verschwenden, weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit
und Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt ~Engel~ in der bekannten Erzählung
seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit dem Manne einen
Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, und sie sorgfältig
aufnimmt und bewahrt.
Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß,
wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern müsse.
Da dieß nun aber nicht immer möglich ist, so scheint es der Klugheit
gemäß, daß man prüfe, zu welcher der vorhin geschilderten Gattungen von
Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine
Behandlung einzurichten.
Ueber den Umgang mit ~Verschwendern~ brauche ich nichts zu sagen, als
daß der verständige Mann sich nicht durch ihr Beispiel zu thörichten
Ausgaben verleiten lassen, und daß der redliche Mann von ihrer übel
geordneten Freigebigkeit weder für sich, noch für Andre, Vortheile
ziehen soll.
15.
Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen ~Undankbare~ reden? Ich habe
bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde auch bei
den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf Erfolg, noch auf
Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafür
halte, nie aus den Augen verlieren, wenn man nicht karg mit seinen
Dienstleistungen, feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen
Vorsehung und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte man
jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kränken
sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennützig
gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz gewidmet,
für die wir uns vielleicht aufgeopfert haben, uns vernachlässigen,
sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen,
mißhandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer
mächtigen Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner
und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen,
großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hierüber im zehnten
Kapitel des zweiten Theils und im fünften Abschnitte des zweiten
Kapitels in dem dritten Theile gesagt wird, erinnere ich nur nochmals
für die, welche noch dieser Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung
sich selbst durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß
der Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit der
Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt zu seyn,
gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, ihnen Gutes gethan zu
haben, besonders wenn er voraus weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit
rechnen darf. Er bedauert die Verkehrtheit Derer, die fähig sind,
ihres Wohlthäters zu vergessen, und läßt sich dadurch nicht abhalten,
den Menschen zu dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je
schwächer sie sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem
Herzen haben.
Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man Dir lohnt;
wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und Dich dadurch kränkt;
fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; nimm ihn wieder auf, wenn
er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fühlt
den ganzen Werth, die Zartheit und das Große Deiner Behandlung, und
wird dadurch gebessert; -- wenn nicht: so denke, daß jedes Laster
sich selbst bestraft, und daß das eigne Herz des Bösewichts und die
unausbleibliche Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen
werden. -- O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit der
Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die,
welche sich von dieser Seite an mir versündigt haben, meine vielfachen
traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte, und
wenn ich es leugnen dürfte, daß man zuweilen durch die verfehlte Art
des Wohlthuns Undankbare mache; eine Schuld, von welcher sich selbst
die Edelsten nicht frei sprechen dürfen.
16.
Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend einer Sache
den geraden Weg zu gehen. ~Ränke~ und ~Winkelzüge~ mischen sich in
alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie deswegen von Grund aus böse
sind. Eine unglückliche Stimmung des Gemüths, und die Einwirkung
von Lebensart und Schicksalen können diesen Charakter bilden. So
wird zum Beispiel ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die
unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen
wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit,
oder von zu vielem raschen Feuer, -- ein schlauer unternehmender Kopf,
der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an
Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerlei schiefe
Seitensprünge wagen, um seinen Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr
Interesse in die Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel
genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in
manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen.
Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich her nichts als
Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken zu sehen, und
selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen gewohnt ist, findet ein
Leben, das ohne Verwickelung fortgeht, zu einförmig; er wird seine
unbedeutendsten Schritte so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann,
und seinen unschuldigsten Handlungen einen räthselhaften Anschein
geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der
Chikane beschäftigt, findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in
Worten und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer seine
Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Träumereien
überspannt, oder wer durch ein üppiges, müssiges Leben, durch schlechte
Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, den Sinn für Einfalt,
kunstlose Natur und Wahrheit verloren hat, der kann ohne Intrigue
nicht existiren, -- und so gibt es eine Menge Menschen, die, was sie
auf geradem Wege erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen,
als das, was sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs
zu erschleichen hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten,
offenherzigsten Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen
verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen zeigt, oder ihn mit
einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, ihn in einer solchen
Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen zu uns haben kann.
Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen Ränke und
Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist wohl folgende Art, sich
gegen sie zu betragen, die beste, die man wählen kann.
Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige sich ihnen
in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind von allem, was
Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, und als einen so warmen
Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen Mannes, daß sie wenigstens
fühlen, wie viel sie in unsern Augen verlieren, und welche Verachtung
sie sich zuziehen würden, wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten!
Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus gegen alle
Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung ein, und versage
ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als sie sich offen und redlich
zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, daß man sie für unfähig halte,
hinterlistig und unredlich zu seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes
Ehrgefühl auf.
Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt ihnen
mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du merkst, daß sie
Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche Fragen vor, worauf sie
nothwendig eine bestimmte und unumwundene Antwort geben, oder sich
verrathen müssen. Sieh ihnen dabei fest und kräftig in's Gesicht,
mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich
selbst zu verachten, oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen
wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und
Besorgniß einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben.
Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder ab, um ihnen
zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die Schande eines Betrugs ersparen
wollest; nimm aber dann ein kaltes und entfernendes Betragen gegen sie
an, oder warne sie mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer
nicht unwürdig zu handeln!
Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die Sache nicht zu
leicht, und verschwende keine Schonung an diese Unwürdigen, sondern laß
sie das ganze Gewicht Deines Unwillens und Deiner Verachtung fühlen,
und sey nicht sogleich bereit, zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch
Deine Absicht nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und
Ränken zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des
Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los zu machen,
als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung fähig sind.
Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen gegen ~Lügner~.
17.
Was man aber im gemeinen Leben einen ~Windbeutel~ oder ~Aufschneider~
und ~Prahler~ nennt, das ist eine andere Gattung von Menschen.
Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich zu hintergehen,
aber täuschen und blenden möchten sie gern, um Ehre und Beifall zu
erschleichen; überreden möchten sie gern Andere, ihnen einen höheren
Werth beizumessen, als sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre
Eitelkeit, als Befriedigung des Eigennutzes, und für einen Lobspruch
geben sie unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu
zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe Meinung
von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit durch
Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; oder um für angenehme,
unterhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten oder vergrößern sie;
und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Kosten der Wahrheit
eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie
zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände
durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder
zu Papier zu bringen.
Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders
sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man erst mit seiner
Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, was man vom Ganzen
abzurechnen hat, um den Ueberrest für baares Geld anzunehmen. So läßt
man sich denn, besonders in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß
eines Lustigmachers oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und
geduldig vorlügen, was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen
gibt. Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft,
so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, ihn durch
eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände so in sein eignes
Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder rückwärts noch vorwärts
kann, beschämt wird, oder, wenigstens einen klugen Rückzug zur Wahrheit
macht. Noch besser kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für
jede Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet,
und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug gewesen
sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt zu blasen, die
Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht,
da er denn, wenn dieß öfter und von mehreren verständigen Männern
geschieht, endlich scheu und klug wird.
18.
~Unverschämte Müssiggänger~, ~Schmarotzer~, ~Schmeichler~ und
~zudringliche Leute~, rathe ich, in der gehörigen Entfernung von sich
zu halten, sich mit ihnen nicht gemein zu machen, ihnen durch ein
höfliches, aber immer steifes und ernsthaftes Betragen zu erkennen
zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertraulichkeit uns zuwider ist.
Einer meiner Bekannten erzählte mir einst: Er habe in Holland über
der Thür des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte
mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich
beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, von Leuten
überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« -- Der Einfall war
nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, kann man am leichtesten
dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen,
wieder fortgehen läßt; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von
feinerer Art, soll man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner
Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren
Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt
und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige Stimme der Wahrheit nicht
harmonisch genug, und vernachlässigen und versäumen die treuern,
bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsere Fehler machen wollen.
Um nicht so tief zu fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit
gegen die gefährlichen Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor
dem Schmeichler, wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so
leicht, wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen,
die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. Der schlaue
Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, wird, wenn er Dich
für zu verständig hält, um nicht die größern Schlingen dieser Art für
gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; er wird vielmehr
Dich tadeln; er wird Dir sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein
so edler und weiser Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick
auch einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas könne
nur gemeinen Leuten von ~seinem~ Schlage begegnen.« Er wird an Deinen
Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim ersten Anblicke unbedeutend
scheinen müssen, und ihm nur dazu dienen, diejenigen Stellen um desto
unverschämter zu loben, von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf
zu gute thust. »Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien -- ich
bin kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus --
Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in allem Betracht ein
klassisches Werk genannt werden können, so äusserst schwer vorzutragen
sind. Wo findet man Meister, die würdig wären, so etwas aufzuführen?
und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner
Offenherzigkeit! hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir
finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, -- Schwachheiten
und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er wird
Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt hat, daß Du durch
Deine abgezogene Lebensart Aufsehen erregen möchtest; er wird Dir
vorwerfen, Du seyest intrigant, wenn er merkt, daß es Dir behagt, für
einen schlauen Hofmann angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er
sich bei Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen,
wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt
hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel
dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig habe ich, besonders
an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, die unter der Maske der
Bonhommie und bei dem Rufe, den Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen,
die ärgsten Maulschwätzer waren.
19.
Das Betragen gegen ~Schurken~, das heißt, gegen Leute, die von Grund
aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, fordert vor
allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe mich dabei zuerst auf das, was
ich weiterhin über den Umgang mit Feinden, und über das Betragen gegen
Verirrte und Gefallne sagen werde, und füge nur noch nachstehende
Bemerkungen hinzu:
Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehen müsse,
weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr kommt, besonders wenn
sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze eine feine Verstandesbildung
verbinden, und viel geselliges Talent haben, -- das versteht sich wohl
von selber. Wenn ein Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr
kommt, von ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und
nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten
und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen Schmutzes,
und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was unedel ist; einen
Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken der
Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. Leider aber zwingt uns
unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit ihnen
gemeinschaftlich Geschäfte zu treiben; und da ist es denn nöthig,
gewisse Vorsichtigkeits-Regeln nicht aus der Acht zu lassen.
Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und
des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß Du von schlechten
Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, oder nie durch sie
leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß unter Schurken und Schleichern
gegen alle verständige und edle Menschen; auch sind sie auf eine
unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen
Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten
sie auch durch äussere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt
seyn, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen
und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und
Zurückhaltung; da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft nicht
Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten Eigenschaften
verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht
das Gute, das in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt
innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der
Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und
arbeitet mit Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird
Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig,
bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten
boshaft auslegen. -- Aber laß Dich das nicht anfechten! würdest Du
auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die
Rechtschaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und
der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben.
Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf
männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten
können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander rennen!
Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie
sich unter einander bei den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem
Eigenthume ruhig davon wandern lassen. Geh Deinen geraden Gang fort!
Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu
begegnen; nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche
Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle großmüthig! Unedle
Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen können Den, welcher auf
halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth
hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf
einige Zeit wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm
erwecken. Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht
also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf das Aeusserste kömmt,
wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der
kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als
der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und
Muth, stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke
steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren
hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem
Augenblicke der äussersten, verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan,
ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von
welchem er immer bedroht, oder in die Flanke genommen wird, gegen den
niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf,
Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat?
Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren
Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann, und es wird
nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten.
Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen Eröffnungen
zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben,
womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen
wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man
erkennt sie leicht an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich
uns zu nähern, und unser Vertrauen zu erschleichen suchen.
Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich ~bestehlen~, wenn Du
glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf ihn machen könnte!
Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend eine
Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es
gibt Leute, die viel Gutes ~sagen~, im ~Handeln~ aber heimliche Schalke
sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft:
entlarve diese nicht, in so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß!
Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man
sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute
Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen,
um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel nicht die Wirkung
ihrer Lehren zu verderben.
20.
Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene
Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch eine
Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst der
Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und allen Vortheil
bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. Man macht sich um
sie und um die Gesellschaft verdient, wenn man ihnen Zuversicht zu sich
selbst einzuflößen sucht, und ihnen Veranlassung gibt, sich geltend
zu machen. So verachtungswerth Unbescheidenheit und Dünkel sind,
so unmännlich ist zu weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll
seinen Werth fühlen, und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen
Andre seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber
beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, als aus
Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen, Deine
Hochachtung gegen ihn erkennen!
21.
~Unvorsichtigen~ und ~plauderhaften~ Leuten darf man natürlicher Weise
keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre es, man hätte überhaupt
keine Geheimnisse in der Welt, könnte immer frei und offen handeln, und
alles, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehen lassen; besser wäre
es, man dächte und redete nichts, als was man laut denken und reden
darf. Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen
Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht
möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der Mittheilung dessen
seyn, was nicht Jeder wissen darf.
Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich ist, irgend
etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn sie ängstlich
umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, und daß sie große
Herzensangst leiden, bis sie einem andern Plaudrer ihre Nachricht heiß
mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Willen zu
schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke,
oder auf andre Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht
ausfragen zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der
Ehrlichkeit und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen.
-- Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn.
Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute
bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns geschwatzt haben,
dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen dürfen, hinter
unserm Rücken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im
Guten oder Bösen. Die eigentlichen bekannten Zeitungsträger aber,
deren es fast in jeder Stadt einige gibt, kann man nützen, wenn man
ein unschuldiges Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das
den Leuten etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas
aufmerksam machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um
Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der
Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern.
~Vorwitzige~ und ~neugierige~ Menschen kann man nach den Umständen
entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstern
Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsere
Angelegenheiten bekümmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsere
Geschäfte mischen, unsern Schritten nachspüren, oder unsre Plane und
Handlungen ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder
thätig, so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken,
daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns zu wagen.
Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so kann man ihrer Neugier
ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, daß sie über die Kindereien,
worauf man ihre Aufmerksamkeit lenkt, keine Muße behalten, sich
um diejenigen Dinge zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu
entziehen wünschen.
~Zerstreute~ und ~vergessene~ Leute taugen nicht zu Geschäften, wo es
auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann man diese Fehler wohl
zu gute halten, und durch eine verständige Behandlung zuweilen noch
abgewöhnen, so, daß sie ihre Gedanken bei einander halten. Manche, die
aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen,
und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser
Schwachheit zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre
affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm oder
gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln zucken,
und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder artig zu finden.
Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt worden ist, welche sich
körperlich krank stellen, um Interesse zu erwecken. Wessen Gedächtniß
aber wirklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu
stärken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was
er behalten will, und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal
durchzulesen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns
jemand verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen
ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, mit der
Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe.
Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht anrechnen,
wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Höflichkeit, oder
was man sonst im geselligen und freundschaftlichen Umgange fordert,
unvorsätzlich fehlen.
22.
Es gibt eine Art Menschen, die man ~wunderliche~ (+difficiles+) ~Leute~
nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer zänkisch und mürrisch;
aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie
haben sich, zum Beispiel, an eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren
Regel nicht Jeder, so wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht
kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie
es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste herrührt,
so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); oder sie hängen
gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen muß, wenn man
in ihren Augen Werth haben will; zum Beispiel: in Kleidertrachten, in
der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und
dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über
solche Kleinigkeiten hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch
Männer an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig
denken, nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das ist, an
dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn
dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in Dingen von geringem
Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind,
sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in
keinem Verhältniß stehen, lasse man, in so fern sie übrigens brave
Männer sind, bei ihrer Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre
Schwachheiten haben, die man brüderlich ertragen muß!
Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in
unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich aus
Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, sondern hauptsächlich
darum, weil sie etwas darein setzen, das zu thun, was Andre nicht
thun), solche Leute nennt man ~Sonderlinge~. Sie sehen es gern, wenn
man ihre Weise bemerkt; und ein verständiger Mann muß in seinem
Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher
Art ist, und ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung
verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es
Vernunft und Duldung fordern.
Was endlich Leute betrifft, die von ~Launen~ regiert werden, so daß
man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste
Gesellschafter ist, so rathe ich, -- vorausgesetzt, daß diese Launen
nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe
Mitleiden!) -- gar nicht zu thun, als bemerkte man solche Ebben und
Fluthen, sondern auf immer gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen.
23.
~Einfältige Menschen~, die ihre Schwäche fühlen, und sich daher willig
von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch bei ihrem natürlich
gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente zwar leicht zum Guten,
aber schwer zum Bösen zu bewegen sind, soll man nicht verachten. Es
können nicht alle Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben;
und die Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. Es
müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen
seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß
ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine
Beurtheilungskraft, nicht mit Schwäche des Geistes bestehen könne,
ist freilich gewiß; allein das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen
nur das Gute geschieht, und die dummen Menschen zu diesem Guten sich
die Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus,
als die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich
durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben.
Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit einem
Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, mit einem
eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem verzogenen,
verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder und Völker zu regieren hat,
und leider alles selbst regieren will. Doch soll an seinem Orte gezeigt
werden, wie man mit dieser Art Menschen umgehen müsse.
Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und plumper Menschen,
ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. Die Sprache der Ironie
verstehen sie nicht. Ist sie zu fein, so nehmen sie es für baares Geld.
Ein ernsthafter Ton greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme,
gefühlvolle Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung.
Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche durchaus
unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der Sprache nicht
mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch Erziehung angebildeten
Schüchternheit nicht losmachen können, indem man sie für schwach,
dumm, gefühllos oder unwissend hält, da sie es doch keinesweges sind,
sondern nur so scheinen. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und
Empfindungen an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf
die Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes
in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen die
feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen wir uns
gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen ~Worten~, sondern nach seinem
~Thun~ gerichtet seyn, und auch sein Thun ist von der Art, daß man
ungerecht über ihn urtheilen würde, wenn man nicht Rücksicht nehmen
wollte auf seine Erziehung, seine Lage und auf die Gelegenheit, die er
gehabt, oder die ihm gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt
selten, daß ~der~ Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt
nur nichts Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur
Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf eines
thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhörlichem Kampfe
mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit,
Kultur und gesunde Vernunft wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht
unter Menschen von einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so
viel Convention, daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden,
und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf
diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der
reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, nach jenem Richtmaße
des Herkommens zu urtheilen und zu denken, oder vielmehr Worte ganz
unbefangen zu gebrauchen und nachzusprechen, deren zweideutigen
Sinn wir Mühe haben würden, einem ganz rohen Wilden zu erklären;
und so halten wir denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen
einfältigen Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht
auswendig weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz
ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des gesunden
Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten durch die Urtheile
gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten Kenner sehr abgeschmackt
vorkommen würden, sehr angenehm überrascht, und aus dem Zauber einer
falschen, erzwungenen Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in
uns der Sinn für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich
im Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet;
habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene Volk,
das wir Pöbel nennen, machen, -- habe erwartet, ob ein rührender
Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter verbreiten würde, um
mich zu bestimmen in meinem Urtheil, wie treu der Schriftsteller und
Schauspieler die Natur kopiert, oder ob er sie verfehlt oder erreicht
habe. Auf den Gebildeten wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf
in einer Welt voll Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in
der Natur und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der
Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur
auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte Menschen
vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. Groß ist ferner der
Mann, der den Sinn für ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von
Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten
trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen
Einklange an! -- Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern
Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja
nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in die Schule
gehn!
~Gutmüthige~, und dabei ~schwache~ Menschen sind fast als Unmündige
zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen und Guten
übergeben sind. Man soll ihnen nicht den Beistand versagen, den sie
unaufhörlich bedürfen, -- soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her
zu versammeln suchen, von denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu
Handlungen bestimmt und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens
würdig sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens
nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kränken,
oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie
mehr versprechen, als sie leisten können; mehr hingeben, mehr Arbeit
für Andre übernehmen, als sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre
sind so ~leichtgläubig~, daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und
aufopfern, Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite
des ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind nicht im
Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch darüber nichts in
der Welt von demjenigen erlangen, worauf sie die billigsten Ansprüche
machen dürfen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese
Schwachen gemißhandelt oder wenigstens vernachlässigt werden; wie man
auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und
wie den Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, weil
sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche geltend zu
machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! Erschleiche von Keinem
Vortheile, Geschenke, Verwendung von Kräften, die Du nicht nach den
Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last
aufzuladen, von ihm fordern darfst; suche auch zu verhindern, daß
Andre dergleichen thun; mache dem ~Blöden~ Muth! Verwende Dich, rede
für ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher
zu seyn!
Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele ~gewissen
Liebhabereien nachzuhängen~. Sey es nun irgend eine noble Passion:
Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Musik, Malerei, oder die Wuth,
Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe
und dergleichen zu sammeln, oder Bau-Geist, Garten-Anlage,
Kinder-Erziehung, Mäcenatenschaft, physikalische Versuche -- oder
was für ein Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der
ganze Kreis ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von
keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande;
jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der
Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der
Welt weniger versteht, als von diesem, verlangen aber auch dagegen
nicht gerade, daß er mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die
Geduld hat, ihnen zuzuhören; wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit
Aufmerksamkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte
Seltenheit empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, wer
wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der
übrigens redlich und verständig ist, zu versagen oder zu verkümmern!
Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die -- doch wie sich's
versteht, unschuldigen -- Liebhabereien der Großen, an deren Gunst
uns gelegen ist; denn, wie Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb,
welchen man dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein
Schlag, den der Reiter selbst empfängt.
24.
Mit ~muntern~, ~aufgeweckten Leuten~, die von ächtem Humor beseelt
werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage: sie müssen von
~ächtem~ Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muß aus dem Herzen
kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht
Haschen nach Witz seyn. Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den
Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein
ganz böser Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft,
nachdenkend, verschlossen; +mais un homme, qui rit, ne sera jamais
dangereux+. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von
fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig und
zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen etwas Böses im
Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüths hängt vom Temperamente,
so wie von der Gesundheit und von innern und äussern Verhältnissen
ab. Aechte muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese
Epidemie hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück,
einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich
dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, oder anfeuern zu
lassen, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise
der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.
Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze
den Zügel schießen läßt, nicht in einen ~satyrischen~ Ton zu fallen.
Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als das unzählige Heer von
Thorheiten der Menschen? Und diese Thorheiten treten am lebhaftesten
vor unsre Augen, wenn wir uns die Originale dazu denken, in welchen sie
wohnen. Lachen wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich,
auch über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen sehr
ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spöttereien
Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner
zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu
munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, durch unser Beispiel
verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die Mängel ihrer Nebenmenschen:
und wohin das führen, welche böse Folgen es haben, und wie leicht es
Streit erregen, das Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne,
das ist theils bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im
ersten Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange mit
sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich
persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten müßte, denn
das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm Bewußtseyn eigener
Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verführt werde, mit
zu lästern; daß man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der
Geist der Duldung nicht von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen
Leuten keinen zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit,
ihren Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache
nicht mit, wenn sie lästern und schmähen.
Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich zu
fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden sie, wenn
sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch den Charakter des
redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte Spötter, so werden sie
sich mehr, als Andern, schaden. -- An den Mann von Würde wagt sich denn
auch nicht leicht ein Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal.
25.
~Trunkenbolde~, grobe ~Wollüstlinge~ und alle andre Arten von
~lasterhaften Menschen~ soll man freilich fliehn, und ihren Umgang,
wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus unmöglich, so bedarf
es wohl keiner Erinnerung, daß man sich hüten müsse, von ihnen
angesteckt, verblendet oder verführt zu werden. Allein das ist nicht
genug. Es ist Pflicht, ihren Ausschweifungen, möchten sie solche auch
in das gefälligste Gewand hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu
entschuldigen, sondern vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann,
einen erklärten Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht
heilige Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals,
und auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in
der großen Welt die sogenannten +agréables débauchés+ mehrentheils
die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders männlichen
Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten hinausgehen,
wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schlüpfrigen Bildern
erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit weiter ausgebreitet
wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zur Verspottung,
vielleicht gar zur Verachtung der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit
und Schamhaftigkeit, darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste
beitragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person,
sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er es
vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln,
durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thätigkeit auf
würdigere Gegenstände, zu bessern, ihnen wenigstens zeigen, daß er den
Sinn für Reinigkeit und Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner
Gegenwart die Unschuld respektirt werden müsse.
26.
Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die ~Enthusiasten~,
~überspannten~, ~romanhaften Menschen~, ~Kraft-Genies~ und
~excentrischen Leute~. Sie leben und weben in einer Atmosphäre von
Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne
Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele,
geheime Verbindungen, Mangel an gründlichen wissenschaftlichen
Kenntnissen, und Müßiggang, stimmen einen großen Theil unsrer heutigen
Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen
Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen und
Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen
Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige und Nützliche, um Plane
für das Entbehrliche zu machen; legen die Hände in den Schooß, wo es
Pflicht wäre, zu wirken, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts
angehen; reformiren die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen
Geschäfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste
erhaben; haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche,
Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens
stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, und
bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen gemeinen Menschen,
ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, verachten, Mitleiden mit Deiner
Weisheit zeigen, und sich lieber an ein Paar andre Narren von ähnlichem
Schwunge anschließen, die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also
darum zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch nur
einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen Deine Gespräche
warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben so viel Enthusiasmus der
gesunden Vernunft das Wort reden, womit er die Sache seiner Thorheit
verficht. Selten aber richtet man überhaupt etwas mit solchen Menschen
aus, und es ist am besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen.
Indessen steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer
daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz sicher
von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem rathe
ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf seiner Hut zu
seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen an religiöser,
theosophischer und mystischer Schwärmerei, und bringt Manches zu Ehren,
was zum Heil der Welt eine bessere Zeit verlacht und in den Staub
geworfen hatte. So hört man z. B. jetzt einen ~Jakob Böhme~ rühmen
und preisen, und alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile
eine Sünde gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl
begehen, als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge
Mädchen, schon lange vor ~der~ Periode, in welcher sie von Rechtswegen
in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar andächtig singen,
was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum Lächeln reizen müßte,
und dergleichen Erscheinungen mehr, welche beweisen, wie behaglich
es dem Menschen in seiner Schwachheit ist, von einem Extrem auf das
andere überzuspringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen
Gattungen der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür,
diejenigen, welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische
Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl wenigstens
nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich glaube dieß um
so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen am mehrsten
Verwirrung im Staate anrichten kann, und die blendendste Aussenseite
zu haben pflegt, statt daß die übrigen bald Langeweile machen, und nur
schiefe und mittelmäßige Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne
sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem
Biedermanne sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit,
Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, Glaube
und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, oder höchstens
für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen,
wie die Schulknaben mit den oratorischen Figuren und Tropen, welche sie
in ihren magern Exercitien anbringen müssen.
Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich
noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. Die Erde ist so groß,
daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf hat.
27.
Jetzt noch ein Wort von ~Andächtlern~, ~Frömmlern~, ~Heuchlern~ und
~abergläubischen Leuten~, welche mit den eben beschriebenen nur darin
Eine Klasse ausmachen, daß sie eine Freude an der Uebertreibung, und
eine Scheu vor dem Vernünftigen haben.
Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner Wärme
für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, und mit seiner
Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche, zu
welcher er sich in seinem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist:
der hat die gegründetsten Ansprüche auf unsre Achtung. Sollte er auch
das Wesen der Religion, mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl,
ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der
Vernunft, setzen: -- sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte
Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: -- sollte er
auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, Gebräuche
und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens ein redlicher
Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe.
Allein um desto verachtungswürdiger ist ein Heuchler und Kopfhänger,
ein gleisnerischer Bösewicht, der hinter der Larve der Heiligkeit,
Sanftmuth und Religiosität den wollüstigen Verführer, den tückischen
Verläumder, Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den
fanatischen Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht
schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still und
heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, noch
übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem
Betragen. Er ist nachsichtig, milde und duldend, redet auch nicht
viel, ausser mit vertrauten Freunden, über religiöse Gegenstände; der
Heuchler hingegen pflegt süß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner
Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein
Freund der Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn.
Er führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, gibt
seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten
mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über den Gottlosen und
Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie
dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. Hüte Dich, diesem auf irgend
eine Weise in die Hände zu fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den
Fuß; beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist!
Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen und
dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit erzählen, sind
nicht durch Gründe der Philosophie und durch vernünftige Vorstellungen
und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, am wenigsten aber durch
Declamationen, Verspottung und Ereiferung. Es ist da kein anderes
Mittel, als, ihnen nicht eher zu widersprechen, bis man zugleich eine
einzelne Thatsache strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit
eignen Augen von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich
es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche
Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen auflegt,
der die Rechte der Vernunft vertheidigt.
28.
Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler,
die ~Deisten~, ~Freigeister~ und ~Religionsspötter~ von gemeiner
Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug ist, sich von der
Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der christlichen Religion
nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, weil er einen sehr
wesentlichen Vorzug, einen kräftigen Trost im Leben und Sterben
entbehrt; er verdient mehr, als Mitleiden, er verdient Liebe und
Achtung, wenn er dabei seine Pflichten als Mensch und Bürger, so viel
an ihm ist, treulich erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht.
Wenn aber die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der
Sucht, durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen
Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle hat, und darauf
ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich mit schaalem Witze,
oder nachgebeteten voltairischen Floskeln, der Lehren spottet, auf
welche andre Menschen ihre einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige
Glückseligkeit bauen; wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet
und schimpft, und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt,
der nicht wie ~er~ denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer
Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, wäre
er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es für vergebliche
Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe entgegenzusetzen: so
bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte Bekämpfung zum Schweigen!
29.
Ueber die Art, wie man ~schwermüthige~, ~tolle~ und ~rasende Menschen~
behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eignes
Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute von der Art in und ausser den
Hospitälern aufsuchen, dieselben genau und in verschiednen Jahrszeiten
und Mondsveränderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser
Untersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge
von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier
würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand auch zu viel
Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen über den
Umgang mit ~nicht eingesperrten Narren~ angefüllet habe. Also nur noch
wenig Zeilen darüber!
Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs ~der~ zu seyn,
daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man ausmittle,
ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung einzelner Organe,
oder durch Gemüthsleiden, heftige Leidenschaften, oder Unglücksfälle,
entstanden seyn. Zu diesem Endzwecke muß man Acht geben, womit sich
ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und
ausser denselben, beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte.
Da würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach und
nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt zu wirken,
in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu
zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner würde es wichtig seyn,
darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter-Veränderung, Jahreszeit
und Monds-Wandlung Einfluß auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen
Augenblicke zur Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich
bemerkt, daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer
das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem,
aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche im Irrenhause
in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich vielfältig zu beobachten
Gelegenheit gefunden habe. Man läßt dort die Wahnsinnigen, wenn es nur
irgend ohne Gefahr geschehen kann, wenigstens in ~den~ Jahrszeiten, von
welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter
unmerklicher Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; und der
Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen, daß viele
derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, und
eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch bleibt, und allerlei
Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in
manchen andern Hospitälern durch Einsperren und Härte vielleicht im
höchsten Grade wüthend geworden seyn würden.
Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand
bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welcher sie regiert
werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, nährt, reizt und dann
wieder kränkt. Zwei solcher elenden Geschöpfe erinnere ich mich gesehen
zu haben. Der eine trug ein Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von
***. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen
und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken
Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts gelernt, sondern
sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er darauf in sein
Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn als einen unwissenden
Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß er weiter nichts war. Er
hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gänzlich arm. Von
seiner Familie und den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun
an, mit den Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben.
Seine lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr
muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und mit
dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; doch
endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man ihn mißbrauchte,
und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. Dieß war indessen
immer noch eine Art von Existenz, die ihm behagte, so lange die
Sache in gewissen Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf
vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen
derbe Wahrheiten zu sagen. Weil diese aber sich nicht umsonst so weit
herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt
waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so
erfuhr er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und konnte
doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten und Bekannten
in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, und sein kleines
Vermögen geschmolzen war. -- Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde
gänzlich abhängig vom Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte
Kleidung machen, und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht
das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm
für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus Verzweiflung
berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal nüchtern, so
nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen Lage, das Gefühl der
unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, neue Spässe zu
erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein aufwachender
Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen
zerrüttete. Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man
ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. Als ich ihn
sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem armseligen Zustande
umher, wurde als ein verrückter Mensch angesehen, war aber mehr ein
Gegenstand des Widerwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch
helle Augenblicke, in welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und
Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf
eine feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß
die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wußte,
ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief hinabgestoßen hatten,
als über seine Verirrungen seufzen sollte.
Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst Verwalter
auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf Pension gesetzt
worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft nichts mit ihm anzufangen
wußte, trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich
hochmüthig und verliebt war. Sie nannten ihn ~Fürst~, gaben ihm einen
Orden, ließen erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben,
in welchen ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen
Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; daß der
Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder besäße, ihm nach
dem Leben trachtete; daß eine griechische oder hebräische Prinzessinn
in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mußten lustige Freunde,
als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten; -- und
kurz! nach wenig Jahren brachte man es dahin, daß der arme Tropf
wirklich verrückt wurde, und diese Thorheiten glaubte.
Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden Geschichten; der
Leser wird sie ohne meine Anweisung machen können.
Nachtrag des Herausgebers[3].
Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich leider
seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein zweiter
Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen und Arten zu
klassificiren, nämlich die ~Finsterlinge~. Ich will nur drei Hauptarten
beschreiben.
Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der ~theologischen
Finsterlinge~ ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor einiger Zeit fast
im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem sich dermaßen besaamt
hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. Sie schimpft noch immer
auf die Vernunft, als die Wurzel alles Uebels, und verdammt daher jeden
Rationalisten als einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den
weltlichen Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt,
flüstert sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht
behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden Glaubens
mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der Finsterlinge ist
daher: »machet die Augen zu, daß euch die Sonne nicht blende.« --
An diese Klasse schließt sich sehr natürlich die der ~politischen
Finsterlinge~. Sie lacht zwar insgeheim über jene, da sie wohl merkt,
daß die Finsterlinge nur durch sie herrschen wollen; aber da sie aus
Erfahrung weiß, daß der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen
siegt, so nimmt sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter
an, um damit die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen.
Die politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem
Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge von Gott
ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar von der
göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten, wie Gott, lauter Rechte
ohne Pflichten, die Völker hingegen lauter Pflichten ohne Rechte haben;
daß eben darum von Verträgen zwischen Fürsten und Völkern, und von
Verfassungen, wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu
bestimmen sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten Klasse
das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das Wort Freiheit;
denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort der Rebellen gegen
die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort der Rebellen gegen die
Gottheit. Auch hat sie eine Menge von Geschichten bei der Hand, woraus
erhellen soll, daß die Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte
(besonders die Preßfreiheit), und Revolutionen erzeuge, wenn man sie
nur im mindesten gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist
daher: »laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.«
Die dritte Klasse kann man die ~ästhetisch-philosophischen
Finsterlinge~ nennen. Diese ziehen gegen den Verstand zu Felde, und
halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen sie, kann sich nur in
prosaischer Nüchternheit aussprechen, und tummelt sich auf dem Gebiete
hohler Begriffe herum, dieses aber hebt den Menschen in poetischer
Trunkenheit bis zur unmittelbaren Anschauung des Absoluten selbst.
Daher reden sie in lauter Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie
selbst nicht verstehen, und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand
es wagt, über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein
klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles ist
ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, Staat und
Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, Endliches und
Unendliches; denn alles schauen sie in mystischer Verzuckung mit einem
und demselben Gefühle der Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt!
ist daher ihr Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber
verlieren!«
Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen sie sich
in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen Lebens
stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder dahin fließe, wovon er
ausgegangen ist? Die ohnmächtigen Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam
nach ewigen Gesetzen fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen,
mit sich fortreißen, oder -- verschlingen.
So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie man diese
Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, und wie man sie
bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. Daß ein großes Verdienst
hiebei zu erwerben sey, darf wohl nicht erst gesagt werden; eben so
wenig, daß große Unbefangenheit, Festigkeit und Freimüthigkeit, auch
ein wenig Witz und Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu
bringen, oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art
mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren
und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe einlassen; sie
haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der sie mit Gründen und
mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen suchen, oder ihn wo möglich
in Verdacht bringen; sie wissen sich das Ansehen des lebendigsten
Eifers für die Wahrheit zu geben. Durch das alles suchen sie sich ein
Uebergewicht zu verschaffen. Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie
wohl angesehen, weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und
es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten bekämpfen,
wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe entgegensetzt, sie bei
dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen fest hält, und sich
Erläuterung ausbittet, als wolle man sich von ihnen belehren, und in
ihre Weisheit einweihen lassen; wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt,
durch welche sie genöthigt sind, sich näher zu erklären; wenn man sie
mit Zweifeln bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht,
deren Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die sie als
unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte entgegenstellt,
die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu forschen, dargethan
und vertheidigt haben; wenn man ihnen besonders den Stifter des
Christenthums, und die Reformatoren, als solche in's Gedächtniß bringt,
die ihren Zeitgenossen das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie
durch ihre ganze Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu
gebrauchen, dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen,
und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. Man
erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die Zeit der Finsterniß
gebaut, und an die Religionskriege, die sie entzündet hat, und frage
sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, diese Zeiten mit ihrem blinden
Glauben und ihrer Verketzerungssucht wiederkehren zu sehen. Wer die
Vernunft verdächtig macht (so erkläre man sich männlich gegen sie),
der kündigt aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an,
und zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren
Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, die
Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, die Herrschaft
in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den Vorzug, selbst zu denken,
Verzicht leiste, und bei gesunden Augen und gesunden Füßen sich
lebenslang als einen Blinden wolle führen lassen.
Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter Vernunft und
wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, denn es wird immer mehr
herrschender Ton, das Begreifliche zu verwerfen, und das Unbegreifliche
als die höchste Weisheit zu rühmen und zu preisen, das Alte zu
bewundern, zu erheben und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung
alles guten Geschmacks und aller gesunden Vernunft geschehen; und
den Gefühlen die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle
Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch eine
gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns nüchtern, und
bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn nicht zu fürchten, daß
es den Finsterlingen gelingen werde, das Licht auszublasen, welches
eine bessere Zeit angezündet hat.