setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im Begriff ist, eine
Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von einem Buche zu reden,
dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder sonst beschämt zu werden, ihm
diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise
wieder in's Gleiche zu bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit
etwas zerbrochen, oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit
schuldig gemacht hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken,
wenigstens nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch
betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren!
26.
Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß die Leute
unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; daß selbst der
unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn
er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird; daß ferner
nichts in der Welt ihnen so witzreich, so weise und so ergötzend
scheint, als wenn man sie lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß
es aber unter der Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und
eines redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein es
gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch doch wenigstens
Eine gute Seite hat, die man loben darf, und dies Lob, wenn es nicht
übertrieben wird, aus dem Munde eines verständigen Mannes, Sporn zu
größerer Vervollkommnung werden kann: so kann es sogar Pflicht werden,
denen ein ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so
sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, die
es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, oder auf
halbem Wege stehen zu bleiben.
Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts
ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre
Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen
Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen und Theilnahme
bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's in der Gesellschaft merken
läßt, daß er sich Zwang anthue, um heiter zu erscheinen, oder wer sich
recht sichtbar anstrengt, um das Wort zu führen, und daher unaufhörlich
Anekdoten auskramt, Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es
ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten:
der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen Interesse
erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, deren Herz sich
nach besserm Umgange, und deren Kopf sich nach lebendiger und durch
Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung sehnt.
Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur leicht und
wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit, daß, wenn er einmal
gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath von lustigen Kleinigkeiten
zu öffnen, seine Gefährten das sehr ungnädig aufnehmen. Bei jeder
Mahlzeit, zu welcher er gebeten wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die
man ihm beweist, scheint die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß
er diese Ehre durch seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der
Unterhaltung allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen
höheren und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder
Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe er mit
seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter Witz lassen sich
nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, wie ein milder
Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und wohlthuend. Willst Du witzige
Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du
Dich befindest! Was Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen
Bildung sehr unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und
unschicklich vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem
Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht
seyn.
27.
Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches
oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben;
aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit
nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht
verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und fühle,
Du nehmest Interesse an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du
verkaufest nicht bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem
Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn
es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbannt
sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie
etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch
~wahres~ Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit
dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene
Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne
Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in
die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht ~eins~ antworten zu
können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze darüber deutlicher
machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen,
verständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von
etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit
hindurch mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein
Wort zu reden. Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart;
und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen
andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete
mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren
vorgegangen war -- Sie wußte nichts davon -- »Es ist kein Wunder,«
sagte ich, »Sie waren damals noch ein Kind.« Das kleine Wesen freute
sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige
Wort erwarb mir ihre Gunst. -- Sie hätte mich dieser niedrigen
Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen
Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend
eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine
Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken,
und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung
zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft
gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen
unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie
sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten
die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft
gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.
Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den
Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So gibt es
Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß
man sie für gutmüthig halte, und Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn
man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas
so Jugendliches in ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich
ahnen könne.
28.
Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben;
wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem
zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit
Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre, und gewöhne sich nicht an
den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und,
bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man
flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute
Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will,
und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß
Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen
Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen
anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und
edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Spötterei und liebloser
Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten
großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen,
da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung
gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft
zernagt.
Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt
erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten,
~im weniger vertrauten Umgange~, am besten durch einen feinen, nicht
beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden
Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt,
zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler
entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so
sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen
Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch
das Gute, das sie von den Leuten ~reden~, das Böse vergessen machen,
welches sie ihnen ~zufügen~, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre
eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu
erschleichen.
29.
Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand
in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft
sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, oder schon durch so viel
Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden sind,
und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig
kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter
sich selber großen Verdruß zuziehn.
30.
Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu tragen,
vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, die Du über
das häusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht
hast, u. dergl. auszuplaudern! Wenn dieß auch nicht eigentlich aus
Bosheit geschieht, so kann doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen
gegen Dich, und allerlei Zwist und Verstimmung veranlassen.
31.
Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in
der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile verdunkeln oft
die Augen, selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich
gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht
so leicht über kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit
müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, als sie seyst! und da ist es
denn eine mißliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist
mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu
bekämpfen, bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens,
hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche
Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: »Was thut
der Mann Nützliches für Andre?« und, wenn er dergleichen thut, über
dies Gute die kleinen Gemüthsfehler und Schwachheiten, die nur ihm
selber schaden, oder höchstens unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil
wirken, vergessen.
Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe zu jeder
guten Handlung ergründen und beurtheilen zu wollen! Bei einer solchen
Strenge würden vielleicht manche Deiner eignen edlen Handlungen als
sehr unedel, oder als reine Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen
Rührung, Deiner gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen.
Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden.
32.
Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen
Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen Vortrag
ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige Kürze --
in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen und Aphorismen
zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, ausartet -- ein gewisser
Laconismus und die Geschicklichkeit, einen nichtsbedeutenden Umstand
durch die Lebhaftigkeit der Darstellung interessant zu machen -- das
ist die wahre Kunst der gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt
aber rede nicht zu viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und
Kenntnissen, damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht
redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und niemand
Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu Worte kommen, ihren
Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit hergeben! Es gibt Leute, die,
ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären
sie in einem Zirkel von funfzig Personen, so würden sie sich dennoch
bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen.
So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, Freude
störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die stumm und
gespannt horchen und lauern, und die man leicht für gefährliche
Beobachter halten kann, denen es nur darum zu thun scheint, jedes
unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, das man in sorgloser
Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem hämischen Zwecke aufzusammeln.
33.
Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen da zu seyn
glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben
wollen; die vom übrigen Theile des Publikums belustigt, unterrichtet,
bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas
dafür zu leisten; die über Langeweile klagen, ohne zu fragen, ob sie
Andern weniger Langeweile gemacht haben; die behaglich da sitzen,
sich's wohlseyn, sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch
ihren Beitrag, und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung
beizusteuern. -- Das ist aber eben so ungerecht, als lästig.
Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, ihre häuslichen
Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und ihre Berufs-Geschäfte zum
Gegenstande der Unterredung machen, und alles dahin zu drehen wissen,
jedes Gleichniß, jedes Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich
laß in gemischten Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine
specielle Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart geben,
hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, schwerlich
jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler Derjenigen zu
verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne werthe Person zum
Besten haben! Das setzt die Anwesenden in Verlegenheit, und verräth
einen eiteln Egoismus. Spiele nicht auf Anekdoten an, die Deinem
Nachbar unbekannt sind, auf Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich
nicht gelesen hat! Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es
glaublich ist, daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht!
Lerne den Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest!
Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge
Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, der
Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame Professions-Ergreifung
und das +edictum Divi Martii+, der alte gebrechliche Gelehrte eine
junge Cokette von seinem offnen Beinschaden unterhält.
Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, wo es
schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme erweckte. Wenn ein
verständiger Mann von leeren, beschränkten, in die Eitelkeiten des
Alltagslebens versunkenen Menschen umgeben ist, die für gar nichts von
bessrer Art Sinn haben; ei nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er
nicht verstanden wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen
geredet hat, die billig ~interessiren müßten~!
34.
Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise Deiner
vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die Sache des Einen
unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache Dich,
daß Du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von Dir
zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch
aus Höflichkeit auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine
Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten
Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je seltner
diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit,
jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten,
oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, Deine
Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch
auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten müsse!
Auch ~drücke~ niemand durch Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner
Gesellschaft ein solches Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in
schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!
35.
Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest,
dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt hast! Man kann seine
Meinung von Dingen ändern; allein man thut doch wohl, in Gesellschaften
nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man
alle Gründe für und wider gehörig abgewogen hat.
36.
Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus Mangel
an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so
verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, Anekdoten,
Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, bei jeder Gelegenheit
wiederholen! Ueberhaupt ist es, und besonders auch für den geselligen
Umgang, wichtig, sein Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht
zu sehr daran zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man
behalten will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich
selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn es
möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder suche das
Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, ohne etwas gewagt
zu haben.
37.
Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit Anspielungen
auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche Wangen erröthen
machen; zeige auch keinen Beifall, wenn Andre dergleichen vorbringen!
Ein verständiger Mann kann an solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch
in bloß männlichen Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit,
das Zartgefühl und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir
dadurch eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines
Geschlechts.
38.
Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: daß
Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes
Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, was lange
dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen übernehme;
daß man durch Schaden klug werde, welches leider! selten eintrifft;
oder daß die Zeit schnell hingehe -- welches, im Vorbeigehen zu sagen,
gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe
berechnet wird: so geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß,
und Der, welchem ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in
demselben über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht
mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung irre
führen -- oder: daß Ausnahmen die Regel ~bestätigten~ -- Gleich als
wenn ein partikularer verneinender Satz die Wahrheit eines allgemeinen
bejahenden beweisen könnte, oder umgekehrt! da doch vielmehr durch
die Ausnahme klar wird, daß die Regel nicht allgemein ist. Solche
Sprüchwörter sind sehr langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr.
Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur Hälfte aus
gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas dabei zu denken,
herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank im Bette an, und freuen
sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du ihnen Dein Bildniß: so finden sie,
daß es zwar ähnlich sehe, aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern
sagen sie: sie seyen groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und
was dergleichen leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen
Stoff zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u.
dgl., wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird
selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, das
Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich immer Einige
finden, welche sich durch solche Unterhaltungen gedrückt fühlen, weil
sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, hiebei eine anständige
Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit zu entgehen.
39.
Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen Fragen!
Man findet Menschen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern
weil sie nun einmal gewöhnt sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form
zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht
möglich ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen.
40.
Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen
Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob im Zanke; auch dann nicht,
wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt!
Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht
kaltblütig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen
und nie gefallen.
41.
An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim Tanze, in
Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch weniger
von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um
auszuruhen, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also
unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch
hineinschieben zu wollen.
42.
Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche
Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an
der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott
erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch
über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche von
einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über Ceremonien,
die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, soll man nie in
Gesellschaften spotten. Man respektire das, was Andern ehrwürdig ist!
Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, die wir für uns selbst
verlangen! Man vergesse nicht, daß das, was wir Aufklärung nennen,
Andern vielleicht Verfinsterung scheint! Man schone der Vorurtheile,
die Andern Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres
an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe,
oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen als Wahrheit erscheint,
und unentbehrlich geworden ist! Man vergesse nicht, daß Spott nicht
bessert; daß unsre, hier auf Erden noch nicht entwickelte Vernunft über
so wichtige Gegenstände leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System,
auf welchem aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht
umzureissen ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu
werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht von der
Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne!
Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich alle
Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute schämen sich, Wärme
für Gottes-Verehrung und für die höchsten Angelegenheiten des Menschen
zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden,
und Andre affektiren religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im
mindesten gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in
Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei;
Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth.
43.
Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern Gebrechen
redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse Grundsätze oder
Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse Stände in ein nachtheiliges
Licht setzen sollen: so siehe Dich vorher wohl um, ob niemand
gegenwärtig sey, der das übel aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf
sich und seine Verwandten ziehen könnte!
Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung auf! Es steht
in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. Nichts ist kränkender,
niederschlagender und empörender für den Mann, der unglücklicher Weise
eine etwas auffallende Gesichtsbildung oder Figur hat, als wenn er
bemerkt, daß diese der Gegenstand der Verspottung oder Befremdung wird.
Leuten, die ein wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter
Menschen von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man
darüber billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft
man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter
Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so wenig Begriffe
von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, daß sie die Eindrücke,
welche ein ungewöhnlicher Anblick von ~der~ Art auf sie macht,
nicht verbergen können. -- Das ist schwach, und wenn man noch dabei
überlegt, wie relativ und dem verschiednen Geschmacke unterworfen die
Begriffe von Schönheit und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern
Grundsätzen beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie
oft unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes,
großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: so sieht man
leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere Ansehen eines
Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, und nie die Befugniß haben
kann, die Eindrücke, welche ein solcher Anblick etwa auf uns macht,
zu jemands Kränkung durch Lachen oder auf andre Art kund werden zu
lassen. Ueberhaupt ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken,
mögen sie günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen,
daß man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere
Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß man sich in der
Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von jenem verleiten ließ,
günstig oder ungünstig zu urtheilen.
Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre
Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche,
phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren,
Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten,
Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer
Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart,
hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die
man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen
zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen
zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen.
44.
Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden mit Deinem
Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, überhaupt
unanständig ist): so gebrauche wenigstens die Vorsicht und Schonung,
die Person, von welcher Du redest, nicht dabei anzusehen! Und ist
Dir daran gelegen, etwas zu hören, das in einiger Entfernung von Dir
gesprochen wird: so wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst
aufmerksam auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht mit
den Augen.
45.
Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen
unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft bewegt eine Art von
unkluger Theilnehmung und ein Mangel an Zartgefühl die Leute, uns um
die Beschaffenheit unsrer ökonomischen und anderer verdrießlichen
Sachen zu befragen, obgleich sie uns nicht helfen können, und uns
dadurch zu zwingen, Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen,
die wir in Gesellschaften, wo wir uns aufzuheitern dachten, so
gern vergessen möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu
unterscheiden, ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente,
seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch solche Gespräche
erheitert oder getröstet werden könne, oder ob nicht vielleicht sein
Leiden dadurch doppelt erschwert werde[2].
Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun einmal haben,
und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu machen, ihnen die Lage,
darin sie nun einmal leben müssen, durch unangenehme Schilderungen
und unwillkommene Bemerkungen zu verleiden. Es gibt solche unberufene
Wahrheits-Prediger, die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den
unschuldigsten glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt bei
Wielands Ausspruch:
Ein Wahn, der mich beglückt,
Ist eine Wahrheit werth,
Die mich zu Boden drückt.
46.
Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, als
hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge
sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines solchen Betragens wird
gefühlt und oft dankbar belohnt.
47.
Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über
Widersprechungsgeist, Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die
Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten Kapitel
dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf.
48.
Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche
wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist
heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, ja in
Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel
des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise
ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, aber höchst
leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer
Redseligkeit keinen Zaum anlegen können. Sie vergessen, daß man sie
gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher
Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an
öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in
Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während
ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen
Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten
sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche
Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren ~eignen~
Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft
ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen.
Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung
fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner
Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar
nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und
die Vernunft lehrt, daß es besser sey, sie zu verschweigen, und
andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und
unterhaltend seyn kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre
Verplauderung irgend jemand nachtheilig seyn möchte. -- Darum gehört
eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und
Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang
fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist
es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu
führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft
etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts
zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr
finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen,
verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen
Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder
dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.
Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß:
so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen
glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften.
Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich, wenn man sie
zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen
entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus
Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man
die Bedingung voraussetzt. Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der
aufrichtige Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als
bis er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich
machen könne, oder nicht.
49.
Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht
durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung
vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen
Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der
Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen
weiß.
Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit
auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt,
fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu seyn,
sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen
man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht
über seine eignen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder
lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit
natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein
Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt
haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen
wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel seyn: man
soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen
aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern
herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber
bescheiden und sanft, in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln,
Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung,
was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört
nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig,
sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern jede kleine Regel
des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner Familie, zu beobachten,
um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft
fehlen, welche nie erwägen, daß es Pflichten gegen die Gesellschaft
gibt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum
scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich
in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und
Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es
mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer
auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte
gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen,
doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in
seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in
seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort
führen solle; daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um
sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße,
wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse,
wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf
~steilen~ Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im
Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht
versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts
helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist,
daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze
Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über
Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich
und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als ~wir~ gestern zusammen
spazieren gingen.« »~Wir~ haben im gestrigen Spiele gewonnen, und
~unsre~ Gegner verloren,«) und, daß sie verlangen, man solle thun,
als seyen sie allein in der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz,
Ihro Gnaden haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »~mit
mir~«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch
hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer
oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon
Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sey, immer
etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt
und spielend zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder
Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart
fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte von der Art
treiben will; daß es anständig sey, wenn man jemand im Vorbeigehen
grüßen will, den Hut auf ~der~ Seite abzuziehen, wo der Fremde ~nicht~
geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor
ihm verberge; daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so
fern dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse;
daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern,
bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu
leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir,
von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sey,
in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z.
B. wenn er Kartenkünste zeigt, seine Kunst zu enthüllen. Leuten von
gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der
ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese
kleinen Dinge in mancher Leute Augen ~große~ Dinge sind, und daß oft
unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.
50.
Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten und
Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer überlegen muß,
was daraus werden würde, wenn Jeder von den Anwesenden sich dieselbe
Freiheit erlauben wollte; zum Beispiel: in Concerten plaudern; hinter
eines Andern Rücken einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke
geben, die Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen,
oder ein Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören
lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen reitzen;
bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in Schauspielen so
hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; in jeder Versammlung
so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger mehr hat, und doch der
Erste seyn, der sie verläßt, oder länger verweilen, als alle übrigen
Mitglieder der Gesellschaft. Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide
alle diese Unschicklichkeiten mit Sorgfalt, und willst Du ein edler
Mensch, nicht bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie
nicht um der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen
Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß ~klug~, sondern
auch ~gut~ seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge auch noch
diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder Schreibenden auf
die Finger sehen, und nicht allein in einem fremden Zimmer bleiben, in
welchem Schriften oder Gelder herumliegen. Ferner: wenn zwei Personen,
die vor Dir hergehen, leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu
werden, so will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch
Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem Verdachte,
als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller Verlegenheit zu
befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen
sie doch den Umgang angenehm und werden Bildungsmittel für Geist und
Herz, wenn man sie als solche ~ansieht~ und ~benutzt~, sind aber auch,
wenn man sie nicht von dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als
Schleifsteine für die äussere Politur.
51.
Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht
wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe gebieten uns dann,
wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen, und nicht
durch beleidigendes Betragen unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben.
Man kann ja, je seelenloser das Gespräch und je geschwätziger der Mann
ist, um desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch das
nicht -- ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche verträumte
Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung der Gesellschaft
schuldig, mit welcher man umgeht? -- Und geschieht es nicht vielleicht
zuweilen, daß auch wir dagegen, so groß auch die Meinung seyn mag,
die wir von der Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch
unsre Redseligkeit Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch
einen Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, oder
wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten zwischen
seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, manches zu
überspringen, was er noch einschieben wollte, oder bringt ihn durch
eine unerwartete Frage plötzlich auf ein anderes, nicht so ergiebiges
Thema.
52.
Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die Gabe,
geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung zu gewinnen, wie
angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend auf eine gewisse Blödigkeit
und Schüchternheit an, die sie nicht abzulegen vermögen, wenn sie
gleich täglich fremde Leute aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit
ist freilich sehr oft die Folge einer fehlerhaften Erziehung, so
wie auch zuweilen die Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in
Verlegenheit geräth, aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen
zu werden, und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese
Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen zu
seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, ist
verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und verständigsten
Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich seines Aeussern wegen
sich nicht zu schämen noch zu fürchten braucht, nachtheilige Eindrücke
zu machen, hat mich versichert, daß, obgleich ihn sein Stand von
Kindheit an in die Lage gesetzt habe, täglich große Cirkel und viele
fremde Gesichter zu sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer
trete, wo der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit
auf einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei
diesem liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat,
die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen mit
jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, bei solchen
Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und Hunde zu sagen wissen.
Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich gleich bei
der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit Menschen aller
Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und bald zu merken, wen man
vor sich hat, und was man mit Jedem reden könne und müsse: das sind
Eigenschaften, die man zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch
müsse dieß nie in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und
Zudringlichkeit ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde Frist,
einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre Lebensläufe
abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste und Freundschaft
angeboten, und Dienste, Verwendung und Hülfe für sich erbeten haben.
Die Hauptsache kommt immer darauf an, leicht in den fremden Ton
einzustimmen, und nichts auskramen, nichts geltend machen zu wollen,
was in diesem Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich
auch nicht gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten
Versuche, die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen
sind.
53.
Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen und
Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein seyn, mit aller
Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen zu wollen; zu verlangen,
daß aller Menschen Augen nur auf uns gerichtet, ihre Ohren nur für
uns gespitzt seyen; denn sonst werden wir freilich uns aller Orten
zurückgesetzt glauben, eine traurige Rolle spielen, uns und Andern
Langeweile machen, menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn,
und von ihr geflohen werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die
durchaus, wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der
Mittelpunkt seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt
manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich vertragen, der mit
ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln vortrefflich, groß, edel,
nützlich, wohlthätig, geistreich, sobald sie es allein sind, an die
man sich wendet, von denen man bittet, erwartet, hofft; aber klein,
niedrig, rachsüchtig und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern
stehen sollen, und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan
gemacht, oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr
eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung daran
angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige Gemüthsart.
Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und Andre glücklich zu
machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern.
54.
So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und über die
Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit und Mäßigung;
und nun noch etwas über die ~Kleidung~. Kleide Dich nicht ~unter~
und nicht ~über~ Deinen Stand, nicht ~über~ und nicht ~unter~ Dein
Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig,
noch glänzend, noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und,
wo Du Aufwand machen mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und
schön! Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische
Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit
auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man
ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer
unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten. Trage nie geliehene Sachen!
Das hat von mehr als Einer Seite nachtheiligen Einfluß auf den
Charakter.
55.
Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in Gesellschaft
zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben freilich, nach den
verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen und nach unzähligen kleinen
Umständen und Rücksichten, bei jedem Menschen anders ausfallen. Im
Ganzen aber kann man den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich
nicht aufdringen, die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser
sey, wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, daß
gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir zu oft und an
allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten ist. Es gibt einen
feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung des Umgangs (wenn uns nicht
übertriebne Eitelkeit und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn,
der uns sagt, ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist,
fortzugehn, oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns
von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, pflegt man
am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder Eltern gegen uns
gestimmt sind.
Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt haben kann,
mit so wenig Leuten, als möglich, ~vertraulich~ zu werden, nur einen
kleinen Cirkel von ~Freunden~ zu haben, und diesen nur mit äusserster
Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht mißbrauchen und vernachlässigen
uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen
vertraulichen Tone umgehen. Um angenehm zu leben, muß man fast immer
ein ~Fremder~ unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt,
aufgesucht. -- Deswegen ist das Leben in großen Städten so schön, wo
man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für einen Mann, der sonst
nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, unter ~Unbekannten~ zu
sitzen. Da hört man, was man sonst nicht hören würde; man wird nicht
behorcht und belauscht, und kann in der Stille beobachten.
56.
Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer willen, ja
nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so ganz schlecht,
das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend, daß man nicht
daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, einen Stoff zum Nachdenken
sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine
Cultur fordern, sondern sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn
genügen lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal
wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum unter
Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich nach und
nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen
erfordert werden, und überzeugt sich, daß auch in den niederen
Ständen Witz, Verstand und Scharfsinn zu finden sey. Aber diese
Ueberzeugung ist sehr heilsam zur Dämpfung eines gewissen Stolzes,
der sich so leicht der Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen
Ungebildete macht. Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein
solcher Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von
den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, und
gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte Kenntniß
sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft so viel Witz und Kraft
verborgen liegt.
57.
Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher Weise läßt sich
auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer Lage beantworten.
Hat man die Wahl (und wirklich hat man diese auch öfter, als man
glaubt), so wähle man sich die Weisern zu seinem Umgange; Leute, von
denen man lernen kann, die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen
an Kenntnissen und Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in
Kreisen tanzen, so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt.
Den Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um
sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was und wie sie
sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. Es gibt zwar Lagen, in
welchen es nützlich und lehrreich ist, sich unter Menschen von allerlei
Fähigkeiten zu mischen, ja, wo es auch Pflicht ist, nicht bloß mit
Leuten umzugehn, von denen ~wir~, sondern auch mit solchen, die ~von
uns~ lernen können, und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese
Gefälligkeit aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die
wir einst von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu
vervollkommnen, geben sollen, dabei Gefahr laufe.
58.
Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in
Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität,
Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, stimmen diesen Ton so,
daß zuweilen Menschen, die an einem Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr
ein, sich auf eine Weise versammeln, unterhalten, Dinge mit einander
treiben, und über Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem
Einzelnen unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den
Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. Gewährt wohl
die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln einem Einzigen von
den da Versammelten wahres Vergnügen? Spielen unter funfzig Personen,
die jeden Abend die Karten in die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer
Neigung? Um desto erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern
Oertern, oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den Ton
der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter das Joch dieser
Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei seinen Mitbürgern und Nachbarn,
so ist es Pflicht, alles dazu beizutragen, den Ton vernünftiger zu
stimmen. Ist das aber nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen
solchen Cirkel, so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes,
oder mürrisches Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe die
Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich sämmtlich weit
von da weg wünschten; sondern man zeige sich vielmehr als einen Meister
in der Kunst, viel zu reden, ohne etwas zu sagen, und erwerbe sich
wenigstens das Verdienst, den Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung
auszufüllen, wovon ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt!
In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, und ganz
nach seiner Neigung leben. Da fallen eine Menge kleiner Rücksichten
weg; man wird nicht ausgespäht, controllirt, beobachtet; es laufen
nicht so aus Mund in Mund die interessanten Nachrichten: wie vielmal in
der Woche ich Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin;
wer zu mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe,
und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung wird nicht
gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause meine Magd, wenn sie
für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen der Pfeffer ist, und wozu der
Pfeffer gebraucht werden soll? Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt
da nicht sechs Wochen lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt,
friedenvoll und ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine
Geschäfte, und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig
hält. In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft
sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen und
Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach dem Mittagstische
ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, das heißt, bis
zehn Uhr Abends, fortdauern, während welcher Zeit die Unterhaltung
gewöhnlich den König von Preussen, die Franzosen und Engländer, den
Kaiser, andre hohe Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von
ihnen meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich;
doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und nach zu
verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, nachdem
es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert hat, uns endlich
auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man sich übrigens redlich,
menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig beträgt. Am übelsten
aber pflegt man in den mittlern Städten daran zu seyn, sowohl in den
freien Städten, wo der Handel die Achse ist, um die sich alles dreht,
als in unbeträchtlichen Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben
einem übertriebnen Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die
mit der Ausartung in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle
Gebrechen kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian,
an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten
Forderungen und die lächerliche Classificirung der Stände. So habe ich
eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, durch seine kürzlich erhaltene
Bedienung, die ehemals dort nicht existirt hatte, so sehr von allen
übrigen, einmal bestimmten Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie
ein Elephant in einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren
gehn mußte, ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch
eine Gefährtin finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten
von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, so muß
man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; und nichts
kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von nachtheiligeren
Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht besonders in Ansehen
steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren will. Nirgends kömmt
indessen ein solcher Declamator übler an, als in den freien Städten,
wo alte Sitte und Schlendrian innig verwebt sind in die Regierungsform
und in alle übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit
ihren Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern,
die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet in
Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr bedeutende, doch
nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht.
In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That am
ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu beschäftigen,
und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet sich da mannigfaltige
Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, zu sehr niedergedrückten
und vernachlässigten Stande zum Wohlthäter werden kann; allein die
geselligen Freuden sind auf dem Lande nicht so leicht zu erlangen,
und nicht so rein zu genießen. In Augenblicken, wo man gerade das
Bedürfniß fühlt, seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken,
ist dieser Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man
müßte reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich her
zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und sehr reiche
Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um also hier glücklich
und vergnügt leben zu können, ohne gerade ausgezeichnet wohlhabend
zu seyn, muß man die Kunst verstehen, das Gute aus dem Umgange der
Menschen, die man bei sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen,
der einfachen Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen
auf erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf dem
Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom Morgen bis
zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, so entsteht leicht
Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann durch einen Vorrath guter
Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung geben, durch interessanten
Briefwechsel mit abwesenden Freunden, und durch weise Eintheilung der
Zeit, indem man manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt,
gehoben werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, nach
einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte emsig
und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine Cirkel zum
Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen Gespräche sammelt. Es
gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß kennen, und ich habe einst, am
Fuße der vogesischen Gebirge, einige Wochen an dem Hofe eines guten und
klugen Fürsten auf diese Art sehr glücklich hingebracht.
Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als wenn
Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem platten Lande,
täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem Zwiste mit einander
leben, und dabei doch nicht reich genug sind, sich eine besondre
Existenz zu schaffen. Sie bereiten sich eine Hölle auf Erden.
Nirgends also ist es so wichtig, als an solchen Orten, in Eintracht
mit denen zu leben, die man weder entbehren, noch vermeiden kann,
und darum mit edler Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben,
was die Kleinstädterei zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit
schonend, nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer
Art von Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen,
Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man Ursache,
vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in kleinen Städten, und
da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, weil da die Menschen aus
Mangel an Zerstreuung beständig auf den lieben Nächsten lauern, und
wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, doch die scharfsichtigsten sind,
wenn es darauf ankommt, den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen,
und die beredtesten, um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie
sind oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von
langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch nur eine
kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts andres zu thun
wissen, als alles nachzuplaudern und sich um fremde Händel zu bekümmern.
59.
In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange zu
empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen nun dort Unterricht
und Belehrung, oder ökonomische und politische Vortheile, oder bloß
Vergnügen suchen: so ist es sehr nothwendig, gewisse Rücksichten nicht
zu verachten. Im ersten Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu
unterrichten, versteht sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl
überlegen, in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr und
Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es gibt leider!
auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern
sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsterniß an
das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in
Gesprächen und Nachforschungen, als in der Wahl der Menschen, mit denen
man sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß ich
auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf haben,
sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; allein
thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, jagt jetzt
haufenweise die Menschen hinaus, um in fremden Gasthöfen, Posthäusern,
Clubbs, und in den Schwitzkammern hypochondrischer Gelehrten, unsichere
Anekdoten zu einem Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich
viel zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen um
ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre.
Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an einem
fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, versteht
sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf uns gerichtet ist,
so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, die, unzufrieden mit
der Regierung, sich so gern den Fremden an den Hals werfen, weil sie
unter ihren Mitbürgern durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen
gemacht, und sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche
Vortheile zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der
Fuchs die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig
zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen
oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt laufen,
und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen lassen. Ein
Fremder, der nur wenig Tage sich an einem Orte aufhalten will, kann
ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils sehr geschwätzigen, und von
lustigen und ärgerlichen Mährchen aller Art vollgepfropften Ciceroni's
nach Gefallen herumrennen, und kein vernünftiger Mann wird ihm das
verdenken. Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern
Cirkeln Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen will;
dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die Stimme des
Publikums zu ehren.
Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener; es
sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen
geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese
Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben sich nicht geehrt genug,
oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, Menschen voll unvernünftiger
Forderungen, ränkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer
dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen
sie unter sich eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie,
wenn sie können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung
durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch überhaupt
auf das ein, was Partei und Faction genannt werden kann, wenn Du mit
Annehmlichkeit und Sicherheit leben willst!
60.
Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom persönlichen
Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf den Briefwechsel. Als
Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel ist der Briefwechsel
überaus wirksam, und oft ist es nur dadurch möglich, mit seinen
Freunden in Verbindung zu bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit
zu erhalten, und der Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber
auch hier ist Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit.
Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht über die
Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist zwecklos, fordert
einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und wird zu kostbar. Sey eben
so vorsichtig in der Wahl derer, mit denen Du einen ~vertrauten~
Briefwechsel anfängst, wie in der Wahl Deines täglichen Umgangs und
Deiner Lectüre! Nimm Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu
schreiben, in welchem nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an
welchen er gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte;
denn ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den man
schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig den, dem sie
bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. Vorsichtigkeit ist im
Schreiben noch weit dringender, als im Reden zu empfehlen; und eben so
wichtig ist es, mit den Briefen, welche man erhält, behutsam umzugehn.
Man sollte es kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß
durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein
einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein
einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat manches
Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört.
Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, ungegründete
oder entstellte Nachrichten, können unendlichen Schaden stiften, den
redlichen Mann bei Tausenden verdächtig machen und seine Nachkommen in
Verlegenheit bringen.
Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und überhaupt im
Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes mündliches Wort wird
wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach funfzig Jahren,
in den Händen unvorsichtiger oder eitler Erben, Unheil stiften.
Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend etwas
gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise mit der Post,
oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, etwa zur Ersparung
des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder sonst durch Gelegenheit, und
in fremden Umschlägen fortschicken. Man kann sich gar zu wenig auf die
Pünktlichkeit der Menschen verlassen.
Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in Andrer Gegenwart,
sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil es die Höflichkeit also
befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch Deine Mienen den Inhalt nicht
zu verrathen.
Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die Leute, die mit
ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten Veranlassungen,
mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, und dadurch dem, der seine
Zeit besser anwenden könnte, seine kostbare Zeit rauben.
61.
Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr wohl befinden,
daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut sind, als ihre Freunde sie
schildern; und nicht halb so böse, als ihre Feinde sie ausschreien!
Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie ~reden~, sondern nach
dem, was sie ~thun~! Die Meisten sind weder so gut, noch so böse, als
sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, und Du mußt sie in allerlei
Lagen beobachten, wenn Du ihren wahren Werth erforschen willst. Aber
wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie
von Dir unbemerkt zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die
kleinen Züge, nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in
seinen Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder Mann
beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des
Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe
geweckt wird; -- auf das, was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob
sehr materielle, einfache, oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte
Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg
geht, oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer geraden
Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers Weg durchkreuzt,
oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen
Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an
Andre anschließen, auch um die geringsten Kleinigkeiten erst Rath
fragen, sich erkundigen will, wie es sein Nachbar, sein College macht;
ob er offne Thüren, offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches
Reden liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand
zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die
Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in
allem entscheidet, und so ferner. Auch die Handschriften der Leute
tragen mehrentheils den Stempel ihres Charakters. Alle Kinder, mit
deren Erziehung ich beschäftigt gewesen bin, haben nach meiner Hand das
Schreiben gelernt; allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten
entwickelten, brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim
ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer
aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des Einen
Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, Flüchtigkeit,
Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder irgend eine andre
Eigenthümlichkeit. -- Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sey
nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu
richten!
Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher begegnen,
als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß sie Dir mit
besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, ob sie vielleicht
gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend eine Art zu ihrem Vortheil
brauchen zu können, oder ob Du ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit
entgegen gekommen bist, oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast.
Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe und
Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die ~Aufopferung~
kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen,
treten zurück, sobald es darauf ankömmt, ihren Lieblings-Neigungen zu
unserm Vortheile zu entsagen. Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn
man wissen will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst,
alles zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen,
was Ueberwindung kostet.
62.
Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, und viel
mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über Gebühr auszudehnen, der
eigenen Einsicht der Leser überlasse, zielen dahin, den Umgang leicht
und angenehm zu machen, und das gesellige Leben zu erleichtern. Es
kann aber Mancher seine besondern Gründe haben, warum er sich über
einige derselben hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr
billig, Jedem zu erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern.
Dringen wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der
Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, noch Beifall
verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen Lage, oder andrer
Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den Cirkel seiner Bekanntschaft
zu erweitern; wer Alters oder Schwächlichkeit halber den Umgang flieht,
der bedarf keiner Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn,
von niemand zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern
jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit
in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es grausam,
irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen auf eine ihm nicht
zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft lustig anzusehn, wie ein
Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr verständigen Mann aufhält,
der keinen Beruf fühlt, oder nicht aufgelegt ist, den Ton ihrer
Gesellschaft anzunehmen, sondern, mit einer abgesonderten Existenz
sehr wohl zufrieden, seine theure Zeit nicht jedem Narren preisgeben
will. Wenn wir nicht gerade Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so
nehmen das die müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen,
als aus dem Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den
Spieltisch, von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett zu
wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit nicht
höhere Pflichten aufopfern wollen -- das ist eine Unart, deren man
sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, wenn man zu Hause
bleibt, um zu thun, was man ~thun soll~, und wovon man Rechenschaft
geben muß.
63.
Und nun weiter, zu den ~besondern Umgangs-Regeln~ -- doch vorher
noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch nur vorzüglich, für
Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine Menge der schon gegebenen
und noch folgenden Vorschriften, theils gänzlich übergehen, theils
modificiren, theils andre an deren Stelle setzen müssen, die alsdann
für Männer weniger brauchbar wären. -- Das ist indessen nicht der Zweck
meines Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres
Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen
Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht gelingen würde.
Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas für sich Brauchbares
in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit über mein eignes
Werk sehr vermehren. Uebrigens haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in
der That Rücksichten zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie
hängen viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend im
Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, und eine
Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und kommen selten oder gar
nicht in die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche
der Mann kommt, werden endlich auch durch einen gewissen feinen Takt
richtig geleitet, ohne der Regeln zu bedürfen. Man verzeiht ihnen
von einer Seite weniger Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr
Launen; ihre Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben
und Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz
schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen des Mannes
Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die große bürgerliche
Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden und Laster, Handlungen
und Unterlassungen, die bei dem ersten Geschlechte von ganz andern
Folgen sind, als bei dem zweiten. -- Doch über dies alles ist den
Damen so viel Gutes in andern Büchern gesagt worden, daß jede weitere
Ausführung dieses Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde.
Zweites Kapitel.
Ueber den Umgang mit sich selbst.
1.
Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten,
und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder der
unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen,
wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den
Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft vernachlässigt,
gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eignes Ich nicht
zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in
fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft, und sich von
Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eignen Hause; wer immer in
Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge
müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert
endlich alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal
Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein seyn
muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche
Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß
er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört, oder
sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des
Lebens hingibt.
2.
Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein eigenes Herz,
so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer findest, wenn Du aus
seiner Tiefe Trost und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es
kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst,
wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang
mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist. -- Was wird aber in solchen
Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in
Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe Dir
versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufst Du Gefahr, wenn
Du ein Fremdling in Deinem eigenen Herzen geworden bist, sondern auch
noch von einer andern; Du bringst es nämlich nie zu einer gründlichen
Menschenkenntniß, lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre
Schwachheiten ertragen, wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht
Dein eigenes Herz zu behandeln weißt.
3.
Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt
Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn,
wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und
niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch
Schmeichelei verderbest.
4.
Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle
beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein
Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal
zu erheben, und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare
sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet, und jede Anstrengung und
Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses
Austern-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in
den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen
Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der
Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich
spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem
Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen
Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und
Gedächtnisses immer schlummern läßt, oder vor jedem kleinen Kampfe, vor
jeder Art von Anstrengung zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren
Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft,
Muth und Entschlossenheit ankommt.
Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich
nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder
körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der
Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, durch Standhaftigkeit;
alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, wenn man seine
Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die
Gesellschaft die Hand bieten; sie soll Deine schmerzlichen Gefühle
lindern, Deinen Gedanken eine Richtung geben, welche Deinem Herzen
wohlthue; aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie
~aufsuchst~; sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du
ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen
wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden
kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit zu ermannen, daß Du den
Muth hast, mit einem traurigen oder verwundeten Herzen unter die
Menschen zu treten, ohne Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen.
5.
Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren sollen! Thue
nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein
Fremder sähe! Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigne
Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem
Aeussern, in Deiner Kleidung halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute,
wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht
unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich
niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! Verliere nie
die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn Deiner Menschenwürde,
das Gefühl, wenn nicht eben so weise und geschickt, als manche Andre,
zu seyn, doch weder an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit
des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in Deinem Herzen
ersterben. Begleitet es Dich in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus
Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du
zur Unterhaltung liefern sollst.
6.
Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du nicht die
moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein
Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute Seiten an Dir zu
übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus haben magst! -- Und wäre
das auch nicht der Fall; müssen wir denn Alle groß seyn?
Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde finden, so laß
Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben, und in der
Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst Du überall Anstoß
und Aergerniß geben und finden, und jede Auszeichnung theuer erkaufen;
denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie
wird hart und ungerecht gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz
aufzugeben. Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu
seyn, ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer
abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt, und sieht,
wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig
man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die alles im Schlafe
erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunter blicken -- ja! es ist
hart! -- Du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht;
Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an
dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen
niedergedrückt; und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest
tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht
entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und Dich auf
der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. -- Das alles
fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den
Glauben an Dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur;
verzweifle darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, die
Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du sie nicht finden,
könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher Du Dir selbst genug
bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und Deines
Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit,
Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner
Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir eine
unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.
7.
Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir keine
Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu
sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man
glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich
immer in dem Cirkel seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und
wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.
Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel
dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachtheiliger
Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die
Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie
sehr sich selbst zur Last ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht
gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie
froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht
geweihten Tages!
8.
Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit und
Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und
unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von
aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten und aufrichtigsten
Freund zeigen; und wenn Du eben so viel Gefälligkeit gegen Deine
Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so
strenge gegen Dich, wie gegen Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man
sich alles, verzeiht sich alles, und Andern nichts; gibt bei eignen
Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder
unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen
die Verirrung seiner Brüder. -- Das ist nicht gut gethan.
9.
Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre
Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, denke nicht bei
Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, kein
Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser u.
dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach den Graden Deiner Fähigkeiten,
Anlagen, Erziehung, und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und
besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden
Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob
Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest?
Drittes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten,
Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.
1.
Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen,
und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch, phlegmatisch,
sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine
dieser Gemüthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe
nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modificirt würde,
da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen
Nüancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch
mehrentheils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier
Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane dieses
Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß über die
vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß ich aus Ueberzeugung Folgendes
sagen:
Bloß ~cholerische~ Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, dem seine
Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehret,
ohne zu wärmen.
Bloß ~Sanguinische~ sind unzuverlässige Weichlinge, ohne Kraft und
Festigkeit.
Bloß ~Melancholische~ sind sich selber, und bloß ~Phlegmatische~ Andern
eine unerträgliche Last.
~Cholerisch-sanguinische~ Leute sind die, welche in der Welt sich
am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, welche Epoche
machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen;
cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- (der Despoten-)
Charakter; aber nur noch ein Grad von melancholischem Zusatze, -- und
der furchtbarste Tyrann ist gebildet.
~Sanguinisch-phlegmatische~ leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten
und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte,
kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser
Charakter, im höchsten Grade, artet in geschmacklose, dumme und grobe
Wollust aus.
~Cholerisch-melancholische~ richten viel Unheil an: Blutdurst, Rache,
Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht
selten die Folgen dieser Gemüthsart.
~Melancholisch-sanguinische~ zünden sich mehrentheils an beiden Enden
zugleich an, und reiben sich selber an Leib und Seele auf.
~Cholerisch-phlegmatische~ Menschen trifft man selten an; es scheint
ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch
gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und Fluth
abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu
welchen gesunde Vernunft und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie
sind nur mit äusserster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie
endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher,
fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch ihren
rasenden Ungestüm.
~Melancholisch-phlegmatische~ Leute aber sind wohl unter allen
die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden
vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden.
Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. Wo man aber
eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand nehmen sieht,
da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, diesem Temperamente
besonders eigne Tugenden und Laster. So sind z. B. sanguinische Leute
mehrentheils eitel, aber wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit
einer großen Lebhaftigkeit und selbst mit Leidenschaft; cholerische
pflegen ehrgeizig zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht
selten geizig; und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten
Meinungen, um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. -- Man muß die
Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern man im Umgange mit ihnen
auf sie wirken will. Ich kann hier nur einzelne Fingerzeige geben, wenn
ich mein Buch nicht zur Ungebühr ausdehnen will.
2.
~Herrschsüchtige~ Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht
zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen überall
durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach ihrem Kopfe gehen.
Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt und gewollt haben, das
verachten sie nicht nur; nein! sie zerstören es, wenn sie können. Wo
sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben
macht, daß alles nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten
sie mit unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem
Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander taugen
zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um sich her, aus
Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, wie man sich
gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß; und
ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen.
3.
~Ehrgeizige~ Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt
werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt
der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, sondern begnügt sich auch
wohl mit einer Nebenrolle, in so fern er darin nur mit einigem Glanze
zu erscheinen hoffen darf; ja es können Fälle kommen, wo er selbst in
der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn
man ihn an dieser schwachen Seite kränkt.