Umgang mit Menschen.
Erster Theil.
Einleitung des Herausgebers.
Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten ~Bildungs-~,
~Erheiterungs-~ und ~Anregungsmitteln~ des menschlichen Geistes und
Gemüths; aber wohlthätig werden seine Wirkungen nur dann für uns
seyn, wenn wir gehörig vorbereitet unter die Menschen treten, und im
Umgange eben so viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit,
als Geschmeidigkeit, eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen
und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den Schein
von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen Welttons
zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, und in der
Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich in der richtigen Würdigung
der Menschen, damit ein Bewußtseyn des eigenen Werthes erwache, und
die Blödigkeit verschwinde, welche unfähig macht, den Umgang mit
Menschen von höherer Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen.
Man könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf den
Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich das
Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn auch zugegeben werden
muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten größtentheils in der
Gesellschaft gewonnen werden, so ist doch eben so gewiß, daß die
Gesellschaft ein Recht habe, von ihren Mitgliedern zu fordern, daß
sie einen Beitrag zur Unterhaltung geben, nicht bloß empfangen und
genießen sollen. Diese billige Forderung aber kann nur von denjenigen
erfüllt werden, welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die
Gesellschaft treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und
daneben die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht bloß
aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners
Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen Romanen
und historischen Darstellungen geschöpft wird, welche sich durch eine
lebhafte und getreue Charakterschilderung auszeichnen, und Menschen
von allen Seiten, und in allerlei Lagen, Verhältnissen und Beziehungen
darstellen. Nicht bloß Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des
feineren Gesellschaftstones findet sich in solchen Schriften, und sie
gehören eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln.
In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der ~Umgang~ ein
Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden,
denn für die Ausführung findet sich im Verfolg eine passendere Stelle.
~Die Weisheit im Umgange~ würde zunächst in der Sichtung der Spreu von
dem Weizen bestehen, damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und
berichtigten Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen,
mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, auch Vorurtheile aller
Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher Geschmack, Heuchelei und
Verstellungskunst, Leichtsinn und Eitelkeit in die Seele einschleiche.
Ohne diese Weisheit hat die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß,
wird sie endlich selbst die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame
Eindrücke der Erziehung auf unsern Willen wirken, wird sie den, der
sich sorglos ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte
machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen.
Aber mit der ~Weisheit~ reicht man in der Gesellschaft nicht aus;
sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene ~Klugheit~,
welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu benutzen,
und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht die Fassung, die
Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im Umgange mit der großen Welt
zu oft in Verlegenheit kommt, zu oft, durch den Schein irre geführt,
sich zu einer Offenheit verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken
gemißbraucht oder gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein
Gespräch abzubrechen, oder es auf eine ungezwungene und verständige
Weise anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich
zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen; wer
nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die Gesellschaft besteht,
nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen berücksichtigt,
und seine Urtheile ohne alle Rücksicht fällt, seine Bemerkungen ohne
alle Umsicht mittheilt: der wird für alle diese Verstoße gegen die
Klugheit im Umgange hart büßen müssen, und sich bald genug von der
Gesellschaft ausgeschlossen sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang
fordert, und jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in
der ~Festigkeit~, die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und
in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als von
Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer der Meinung
dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das Wort in der Gesellschaft
führt, nie eine eigene Meinung hat, oder sie wenigstens sogleich
feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch findet, wird der Gesellschaft
eben so wenig verdanken, als der, welcher mit rechthaberischer
Heftigkeit seine Gegner nur überschreit, nicht mit Gründen bekämpft.
Aber vorzüglich kommt es hier auf die ~Art~ an, wie man solche
Meinungen und Urtheile, welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt
und begründet. Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen
alle Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen
des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher
Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als bekämpfen.
Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders wenn die
Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt wird, oder
persönliche Mißverhältnisse der Streitenden einwirken und sichtbar
werden. Dennoch gehört die Festigkeit recht eigentlich zu den
geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft nicht ohne ~Reizmittel~
bestehen kann, und der Widerspruch zu den wirksamsten Reizmitteln
gehört; aber auch deswegen, weil nur Festigkeit gegen die gefährlichen
und verderblichen Eindrücke des Umgangs waffnet und sichert, so wie
gegen die Verlegenheit und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft
in der Gesellschaft gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung,
Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen wissen,
und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit Nachdruck sprechen
sollten.
Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man seinem Einfluß
nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch festen Muth alles
abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen der Gesellschaft gestört, oder
das Recht des Einzelnen gekränkt wird; so wird sein Reiz und sein
Genuß durch die ~Geschmeidigkeit~ erhöht, mit welcher sich Jeder
in den Ton der Gesellschaft überhaupt, und in die Schwachheiten
der Einzelnen insbesondere zu finden und zu schicken, Störungen des
gesellschaftlichen Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen
weiß, was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der
Gesellschaft fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und
zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und nichts
erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, und wie
lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung sey,
davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder zahlreichen
Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden Gefühlen, in
~der~ Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, welche sich nie vordrängt,
und keine Auszeichnung begehrt, und in dem Wunsche, sich zu belehren,
ihren Grund haben, wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten
soll. Häufig erscheint die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den
Schwachen, als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen
Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht
Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen
mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen in
einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. Hier würde die
Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es hohe Gesellschaftstugend,
den Schwachen in der Gesellschaft sein Ohr zu leihen, wenn sie über die
Gebühr von sich selbst und ihren besondern Angelegenheiten sprechen;
der Mutter theilnehmend zuzuhören, welche von den Anlagen und von
der Liebenswürdigkeit ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit
großer Ausführlichkeit spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden
zu lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk zu
sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, wobei
dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche Sachkenntniß seine
Herablassung vergolten wird.
Eben so viel ~Offenheit~, als ~Zurückhaltung~, fordert endlich der
Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des Umgangs; aber
sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich Vertrauen zu
Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern sieht, und nicht
beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung einhergehen.
Es gibt eine Offenheit, welche mit kluger Vorsicht vereinbar ist,
und diese soll im Umgange herrschen. Niemand soll seine Grundsätze
und Ueberzeugungen verheimlichen, oder schweigen, wo die Pflicht,
sich des Verleumdeten anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen
und zu strafen, den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner
Erbärmlichkeit darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen
Beitrag zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber
Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne
und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf Neuigkeitsträger
und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung des Urtheils,
des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer wahren, aber bitteren
Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, die leicht gemißdeutet oder
gemißbraucht werden kann.
Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang
Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden
kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark
gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der
handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich
vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer
ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig
und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch
Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt
wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert.
Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn
sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden,
und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger
und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und
diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen
wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen
sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher
in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird.
Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich,
das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche
es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird,
und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen
nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung
geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn
neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit
Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes,
Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths
haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung
und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen
und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete
Herzen aus.
Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang
bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der
andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet,
ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile
und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht
als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir
uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten
zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt
ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm,
den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen
Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen,
und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang
wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden
Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in
welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte
Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die
unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt,
sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns,
von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns
Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher,
als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen,
und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen;
daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der
Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert.
Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft
unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame wird in das Herz
gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.-- Und wer hätte
nicht in der Gesellschaft die Kunst zu scheinen, Gefühle zu verhehlen,
eine Rolle zu spielen, zu heucheln, und sich zu verstellen, wider
seinen Willen, und ohne sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der
Gesellschaft an alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste,
Platteste, an Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten
Gesichter und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und des
Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen kaum mehr. Daher
sieht man, besonders in den höheren Ständen, die Mitglieder der
Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten Verleumdungen, ihren
ungesalzenen Spott und ihre kläglichen Tagesneuigkeiten mit einer
Unbefangenheit gegen einander austauschen, als ob die unschuldigsten
Dinge vorgingen, und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich
einer solchen Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere
Wendung zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber es sind
nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so arg treiben;
auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange genug Zuhörer
gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und werden aus lauter
Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu entgehen, mit geistlos. Es
gehört Muth, Geduld und große Gewandtheit dazu, einen faden und dürren
Gesellschaftston zu beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese
Kunst sollte jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu
erwerben ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter
einer ganzen Stadt werden kann.
Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft,
und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen
seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung
darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß,
zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig
stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche
Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung
setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen,
und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert
wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse
und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in
der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen)
Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng
unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da,
wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück,
weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern,
sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende
ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen
und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt
ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und
Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen
Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich
weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen.
Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils
Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz
frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden,
welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch
die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die
sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen,
welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich
gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und
Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß
ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch
dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele,
die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet
Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und
üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens
in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen
zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder
wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey,
weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle,
und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen
durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines
bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten
eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft
Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an
der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen,
um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen.
Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen
gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere,
und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in
die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen,
welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder
beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft
gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit
der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder
dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen
gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft
gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten
Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören
ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit,
die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann,
so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen
Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch
die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne.
Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann eine Anleitung,
wie sie ~Knigge~ in dem vorliegenden Buche gegeben hat, allerdings
etwas beitragen, da sie die Menschen nicht nur in allerlei Gestalten
lebendig darstellt, sondern auch lehrt, wie man sie, nach Maßgabe
ihres Charakters und ihrer Bildung, zu nehmen und zu behandeln, welche
Klippen man im Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren
und nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen
Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, Sitte und
Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem Weizen zu sondern
versteht, und sich durch das Ansehen hoher Einsicht und untrüglicher
Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber in der Gesellschaft
anzunehmen wissen, täuschen und bethören läßt. Wenn der humoristische
Verfasser hie und da seiner Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und
sich, um einen witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine
kleine Uebertreibung oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem
Vorurtheil, welches man ~seiner~ Zeit zu Gute halten muß, verleiten
ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen Tugenden
der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; so thut dieß
im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen Eintrag, da es nicht schwer
ist, in diesen Stellen die Uebertreibung zu erkennen und abzusondern;
auch hat es sich der Herausgeber angelegen seyn lassen, des Verf.
Bemerkungen in dieser Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu
mildern.
Einleitung des Verfassers.
1.
Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen
Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.
Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das
Opfer des gröbsten Betrugs werden.
Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen
Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß
es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem
Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten
und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen;
daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit
ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln
lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an
Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen
darf.
Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.
Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften,
wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig
auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen
würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen,
oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer,
äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er
hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und
aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst
bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt.
Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben
gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten
ausgerüstet, allgemein interessiren. --
Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten
Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu
allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind,
durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu
bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen
innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu
gefallen, zu glänzen verstehen.
Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten
sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln
des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen
-- Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen
verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe
heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft
im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln,
als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die
unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man
in der Gesellschaft leben und wirken will.
Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung
des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen
Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen
schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige,
Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt,
den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen
Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen
nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die
Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt
den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling
besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach
Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam
und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger
er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen
seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich
seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste
sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden
wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die
wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste,
wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet
-- Das alles ist wohl sehr natürlich! -- davon rede ich
also nicht.
Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll
Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und
vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht,
ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe
eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn
er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der
Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht
Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen
Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor,
der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein
Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger
Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann
zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten
Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein
Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht,
und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem
Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig
Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden
für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird,
wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes
Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der
ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß
ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet,
und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig
und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren
nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt,
und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen,
keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört
das alles nicht hieher.
Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle
Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit
den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben,
noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand
und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben
glaubt.
Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten
Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer
Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen,
ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag:
daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt,
noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige
Gemüthsart bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften
verdunkelt.
Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen
und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen
Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen,
eignes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit
diesem Allen verkannt, übersehen werden, zu gar nichts gelangen.
Woher kömmt das? Was ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die,
bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer
Glückseligkeit ersteigen? -- Es fehlt ihnen: ~die Kunst des Umgangs
mit Menschen~ -- eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu
studiren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche;
die Kunst, sich geltend zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach
den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten,
ohne falsch zu seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft
stimmen zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu
verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der,
welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat
geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse
Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, lerne sich zu
rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige Leidenschaften,
Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des immer gleich gestimmten
Gemüths; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen. Doch hüte man
sich, sie zu verwechseln mit der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit
des verworfenen Sclaven, der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich
Jedem preisgibt, um eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt,
und, um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge
die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert.
Indem ich aber von jenem +esprit de conduite+ rede, der
uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung:
will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben,
sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt
habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren,
in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände
umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. -- Kein
vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende
Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.
2.
In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im
Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen,
allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise
wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich
verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den
Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann
wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm
teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu
gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons,
der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen,
eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die
Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen
Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit
des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen
auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit
diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen
Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen
denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil
auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen
haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland,
die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen
und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung?
Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft
in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das
Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche
hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute
von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können?
Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? -- Und
diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren
Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse,
Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England,
wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der
Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich
das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere
vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen
Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen,
oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht
werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein
herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart,
Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt
hat.
Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt
sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt,
das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß
dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung
in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den
mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher
kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und
Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn
sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich
von originellem National-Charakter wollen durchschimmern
lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten
der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr
gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über
wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig
beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer
Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen,
und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit
Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn
und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich
vortheilhaft zu wirken.
Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle
Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen,
artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in
~einem~ Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger
ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm
gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit
und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft
polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von
Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten.
Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig
und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben,
oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn;
und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit
hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine
Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen
wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige,
weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden,
noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete,
sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft
nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein
wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen
schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen
werden[1].
Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen,
und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert
Studium und Kunst.
In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem
Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten,
noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd,
noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern
macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner
mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden,
daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen
mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf
betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten
und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn.
Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu,
immer gleich glänzend und merkwürdig. -- Glückliche Unwissenheit!
nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann
anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt,
erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt
an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann,
alles mit Tadel und Langerweile erblickt! -- Doch macht die
treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht,
ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten,
wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart
oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen.
In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten,
Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten
Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit
und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese
Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen
Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend,
in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen,
Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden,
Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken.
Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen
eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland
in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen
Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind.
Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston
zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme
wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form
der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath
gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in
die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen,
ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt,
so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich,
oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer.
Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch
die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit
geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf
sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher
sitzt er stumm und gefühllos da.
Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer Lehnspflicht,
einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe seines Landesherrn
erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens auf's beste ausgeschmückt
und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife Tabak versagt, um nicht nach
Rauch zu riechen. Auf den Gassen der Stadt war es noch öde und still,
als er schon in seinem Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung
setzte, um ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich
hofmäßig auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen
Strümpfe ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten
Stiefel ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend
scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den
Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock;
das Stehn wird ihm unerträglich sauer. -- In dieser qualvollen
Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn her wimmelt ein
Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie sämmtlich vielleicht nicht
so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche Mann, und im Grunde ihrer
Herzen nicht weniger, als er, von Langerweile geplagt sind, dennoch
mit Naserümpfen und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu
seyn scheinen, ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist
ihnen an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen,
und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern sich
ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen an ihn;
Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und worauf sie auch
die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen unter ihnen zu entdecken,
der ihm theilnehmender scheint, als die Uebrigen; mit diesem fängt er
ein Gespräch von Dingen an, die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande,
wichtig sind: von dem Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den
Naturschönheiten der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme;
Redlichkeit athmet alles, was er sagt -- aber bald sieht er, wie
sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen hört ihm
mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende Sylben
zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater ohne Unterhaltung
da stehen. Nun nähert er sich einem Cirkel von Leuten, die mit
Interesse und Lebhaftigkeit zu reden scheinen. An diesem Gespräche
wünscht er Theil zu nehmen; aber alles, was er hört, Gegenstand,
Sprache, Ausdruck, Wendung, alles ist ihm fremd. In halb teutschen,
halb französischen Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf
welche er nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie
geglaubt hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit
beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem
Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit hinter sich
sieht.
Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen Hofmann
einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer Beamten
und Provinzial-Edelleute gerathen; -- hier herrschen ungezwungene
Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man redet von dem, was am
nächsten den Landmann angeht; man wiegt die Worte nicht ab; der
Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, aber nicht zugespitzt, nicht
witzig und gesucht. Unser Hofmann versucht es, sich in diese Manier
hineinzuarbeiten: er mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck
der Offenheit und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird
bei ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen Ton
stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter:
er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; allein die
kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier
gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn spottsüchtig, da
in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung beschuldiget. Seine
Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit;
die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und
verbindlich seyn sollen, betrachtet man als hämischen Spott. -- So groß
ist die Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen!
--
Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine Rolle
spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, auf
welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wirksamkeit
im Staate, und das Fach, in welchem er sich Kenntnisse erworben, die
einzige, dem Menschen nützliche, der Anstrengung, des Nachforschens und
Studiums würdige Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht
gelegt hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei
ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, und ihn
desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über Gegenstände,
wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält die Gesellschaft,
welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu genießen, bei der
Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen Credit-Edikts,
oder, wenn der Wein dem guten Manne jovialische Laune gibt, mit
Erzählung lustiger Schwänke aus seinen Studenten-Jahren.
In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht
viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine
Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth.
Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter
Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer
geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft
geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen
zusammengesetzt ist.
Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer
feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl
Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem
Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der
Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung
des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht,
jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe
ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo
die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich
unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir
fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff
verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt.
Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten
sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten;
auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich
ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben
will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung
Anderer zu fügen.
3.
Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. -- Aber habe ich
denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston
zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr
wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß
auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten,
einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen
bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne
lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange
abgesondert lebt? -- Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich
darauf antworten läßt!
Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner
eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben -- desto besser!
Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher
darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit --
oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens
nennen? -- haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft,
nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen
zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft
die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich
nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen,
was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und
geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu
wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem
so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und
Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich,
seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit,
wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung
verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren
zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß
ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus
Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe
dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu
viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse
dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde
sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. -- Also nur noch
dieses:
4.
Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein
Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des
Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam,
mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft
lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein
wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man
meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr
viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande
aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein
gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man
mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren
ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen
Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische
Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils
selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen;
eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese
Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen,
sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief
ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die
mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in
der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher,
als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem
Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch
waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten
Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***,
ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet,
daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er
nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah,
trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an.
Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene
Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der
Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß
kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in
meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und
muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig
nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden;
der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein
Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine
Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die
Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu
großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich
übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu
früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging,
oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche
Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte
fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen
Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab
mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann
nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen
wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern
nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung
und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert
gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde
ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten
mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber
erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich
auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus,
den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen
hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden
Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber
man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut
zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete
ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und
zu verfolgen -- und die Wirkung davon war, daß jedermann,
der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen
lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte,
mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald
er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern
focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren.
Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger
Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine
Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern
schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen,
wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu
spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu
entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel,
Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter
den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete
ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe;
gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in
Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm
Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte;
mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit
beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine
Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu
bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig
und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller
unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor
goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir
selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte
Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend
machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu
mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen,
indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für
stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall,
und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In
den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem
ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht
hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung
bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen
und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall
von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund,
bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren,
daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß,
weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten
Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete,
wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an
Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte
ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt,
welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten
Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen
Schrift (~Philo's Erklärung &c.~ ) Rechenschaft gegeben habe.
Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum
Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren
Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten,
machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande
ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie
das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer
so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit
genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung
und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren,
von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein
da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen
Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung
nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die
ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht
habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre
rechnen? -- genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr
beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen
gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament
so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so
sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. -- Und so vergingen
dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen
können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen
besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich
vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf
Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so
theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken
krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze
Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das
Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen
Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht,
die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen
Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig,
jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu
spielen. -- Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben;
aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg
sie wandeln müssen -- und so lasset uns denn den Versuch machen
und der Sache näher rücken!
Erstes Kapitel.
Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang
mit Menschen.
1.
~Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als
er sich selbst gelten macht.~ Das ist ein goldner Spruch,
ein reiches Thema zu einem Folianten, über den +esprit de conduite+
und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen;
ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter
gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und
Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit
auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und
Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem
Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm,
wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und
den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen
gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit
dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich
ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und
zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten.
Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte,
sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die
bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn
wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend
einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen
übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit,
daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch
manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter
wucherte.
Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der
Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen,
macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge
zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher,
das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden,
daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu
widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug
auf's Trockene werfen könnten.
Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg
gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im
Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt,
und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese.
Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler hundert
Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach besser
gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein man reißt sich um
des Ausländers Werke: er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm
gefordert wird, und am Ende läßt er bei dem Einheimischen arbeiten, und
verkauft das für ultramontanische Waare.
Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller
eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem
zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten
Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte,
deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben.
Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der
Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das
Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer
es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen.
Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die in diesem
Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden nicht abgeschlagen;
dahingegen Verachtung, Zurücksetzung und nicht erfüllte billige Wünsche
fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Bewerbers sind.
Kurz! der Satz: ~daß jedermann nicht mehr und nicht
weniger gelte, als er sich selbst gelten macht~, ist die
große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte
Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe -- ich gebe also
keinen Kirschkern für dieses Universalmittel -- Doch still! sollte
denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde!
er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen,
physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen
aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen
Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit
verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen.
Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die in einem
kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund hat, und die
Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, der viel zu leisten
vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend zu machen, oder die
Aufmerksamkeit der Vielvermögenden auf sich zu lenken, ungenutzt
vorübergehen; eine Gelegenheit, die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei
mit Bescheidenheit zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht
sein eigner Lobredner seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es
bleibt dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde.
Auszeichnung läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht
frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so erweckt man
dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder reizt zu den
strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter erheben
kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich um den erborgten Glanz
geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidnen Bewußtseyn
innerer Würde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne
strahlenden Bewußtseyn der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft
und Kenntnisse, wo Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid
zu erregen und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn
und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht zu
bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, noch für
scheu, noch für hochmüthig halte!
2.
Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine
der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen
und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen,
und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir
nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch
nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem ~solchen
Manne~ ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen
sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen,
der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger
Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register
von Bosheiten und Pinseleien.
3.
Sey aber nicht ~gar zu sehr~ ein Sclave der Meinungen
Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am
Ende das Urtheil der ganzen Welt, ~wenn Du thust, was
Du sollst~? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden
werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches,
niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu
prunken?
4.
Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere
Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute
Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte
oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung
liest -- so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück
ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede
kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder
sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte
zurück, die wir ihm thun könnten.
5.
Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon
Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung
gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung
oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey
bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen
würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen,
daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das
kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte
erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar
Trabant eines Planeten!
6.
Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du
Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht
zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen
Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem
treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren
die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald
sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber
gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du
keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt
-- o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth,
und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt
Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen:
»Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr
werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du
ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer
Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung
sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz
Dir mehr schädlich, als nützlich wäre.
7.
Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame nicht
zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente aus! Die
Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, ohne Murren und
Neid. Lege daher auch Andern keine zu große Verbindlichkeit auf! Thue
nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwenglichen
Wohlthäter, wie man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann.
Also hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch fordert
dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene Wohlthat
macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke vergessen. Oder
wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du wirst Ausnahmen erleben, aber
rechne nur nicht auf diese, sondern sey auf das gefaßt, was die
tägliche Erfahrung bringt.
8.
Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um
Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das
Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! Man höret Dir wohl zu,
besonders wenn Du Deine Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber
man hasset Dich gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen,
wo alle Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und
herabzuwürdigen. O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob auch die
Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß!
9.
Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu geben,
sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt werden und
gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein Uebergewicht von Andern.
Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige Handlung, ja! ein Verbrechen,
als eine That, durch welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern
von ihnen, ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in
den Weg treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit
widerfahren. Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten,
hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen und
witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher
wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen war, und in welcher
ich nichts gethan hatte, als mit musterhafter Geduld vornehmen und
halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein
Fach zu bringen, wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit
der demüthigen Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens
erwehren kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten und
Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der Mann setzt sich
dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, den er bewundern will, gar
nicht zu Worte kommen, und geht, entzückt über meine lehrreiche und
angenehme Unterhaltung, zu welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert
habe, von mir, höchst vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe --
ihm zuzuhören. Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher
auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt, das er
~gern~ erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, und es wäre
vielleicht ein Märchen, das ~Du selbst~ ihm einst mitgetheilt hättest;
so laß es ihm doch nicht auf unangenehme Weise merken, daß die Sache
Dir alt und langweilig ist, wenn die Person anders Schonung verdient!
Was kann unschuldiger seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn
man dadurch Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft?
Und wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von
Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit ihnen
rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man ihnen diese
kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit und ohne
kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls habe ich nie die Gewohnheit
der Hofleute von gemeinerm Schlage gut finden können, die jedermann nur
mit halbem Ohre und zerstreueter Miene anhören, ja! gar mitten in einer
Rede, die sie veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten.
10.
Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, und macht,
daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Dieser
Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst erlangen; allein man
kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns fehlet, wir wenigstens nicht
durch Uebereilung uns und Andre in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte
Temperamente haben hierauf vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn
eine unerwartete Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend
etwas anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und
der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten,
die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges
Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener Schritt zu späte Reue
und unglückliche Folgen wirken können; so kann ein schnell auf der
Stelle gefaßter und ausgeführter rascher Entschluß, in entscheidenden
Augenblicken, in welchen man so leicht den Kopf verliert, Glück,
Rettung und Trost bringen.
11.
Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung im
bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung angestellt werden,
in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich seyn könntest: so mußt Du
darum bitten, ja! nicht selten betteln, d. h. Du mußt es Dir gefallen
lassen, in einem solchen Tone und mit einer solchen Andringlichkeit
zu bitten, als ob Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche
auf das Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie
müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, oder
sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn auch Deine Verdienste
oder Leistungen noch so laut für Dich reden, und jedermann weiß, daß
Du Unterstützung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt für sich und die
Seinigen, ohne sich um den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß
nach Gemächlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben,
oder gar verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis
an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen
nützlich zu werden -- weil er nicht betteln, nicht kriechen kann, oder
weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte um das, worauf er
gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde hält. Warum wolltest Du ein
Märtyrer dieses Selbstgefühls werden, oder es zu einem Wurm machen, der
unaufhaltsam Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden!
12.
So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten fordern
und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, die nicht früh oder spät
für kleine Dienste große Rücksichten forderten, und das hebt dann das
Gleichgewicht im Umgange auf, raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte
Wahl, und wenn auch unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß
dieß uns in Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch
weislich gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber
immer zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder sonst
etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die mit guter Art
Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! wie viele unter Euren
Bekannten nicht auf einmal, mitten in der fröhlichsten, höflichsten
Gemüthsstimmung ihr Gesicht in feierliche Falten ziehen, wenn Ihr
Eure Anrede mit den Worten anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie
wagen! Ich bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber
pflegen die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren wir
nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im Stande
sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde zu dienen; der
Dummkopf mit gutem Rathe.
Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit
zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht
wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben
kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder
sonst von uns abhängig ist.)
Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht,
wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge
zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn,
oder undankbar zu scheinen.
Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu ist das beste
Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu seyn, und bescheidne
Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du sollst ein Diogenes in der
Tonne seyn, und Deine Hand zum Pokal erheben, sondern es heißt nur:
Du sollst nicht eitler Ehre geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht
meinen, daß es ein Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und
Zurückgezogenheit leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst,
ist wahrlich keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen,
früh veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth und
Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln vor
sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften in rastlosem
Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, bald Wucher, bald
Erwerb, bald wollüstigen Genuß verlangt; wer, von dem Luxus des
Zeitalters angesteckt, alles begehrt, was seine Augen sehen; wen
vorwitzige Neugier und ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden
unnützen Handel zu mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei;
er wird der Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er
lebt in einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit:
drückend ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der
Menschen preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich
zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu werden.
13.
Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen ~geben~, als von irgend
jemand ~empfangen~ sollte; so hebt doch das den Satz nicht auf, daß man
nicht gar zu viel für Andre thun dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig,
aber nicht zudringlich! Sey nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor
allen Dingen wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders
gewisser Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt die
Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, und
euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen Rath sollst Du den
Menschen aufdringen. Begehren sie Deinen Rath, so begehre Du erst ein
Glaubensbekenntniß von ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast,
und wie ihm beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür,
und selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon
entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht in
Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten schlichten
und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey denn unter geliebten,
geprüften Personen.) Mehrentheils werden beide Partheien einig, um dann
über Dich herzufallen. Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse
man dem Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern!
14.
Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine
führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft
zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten
Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets
wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und
erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen,
was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben
kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt
keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden,
die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt
hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort
zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß
Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar
nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der
Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß
oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird,
oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen
können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig.
15.
Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in Deinem
Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und alles so, daß Du
jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden könntest! Verfahre noch
ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe nie Bücher, oder andre Dinge,
die Dir sind geliehen worden; hast Du von Andern dergleichen geborgt,
so bringe oder schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte
nicht, daß sie, oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr
Eigenthum wieder zu erlangen. -- Jedermann geht gern mit einem Menschen
um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest
verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört
es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben,
zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die
Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem Geschäft bestimmt seyn.
Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen
in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, eben
so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von ~der~
Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen
rechtfertigt nicht die unsrige.
16.
Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen
zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft,
Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt
verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt.
17.
Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere
nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil
an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern
herrschen!
Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze Dich in
Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich selbst: »Wie
würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man ~Dir~ dieß
zumuthete, gegen ~Dich~ also handelte, von ~Dir~ das forderte? --
diesen Dienst, diese Verwendung, diese langweilige Arbeit, diesen
Zeitaufwand, für einen geringfügigen Zweck, diese Erklärung?«
18.
Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern
sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf die Sittlichkeit im Ganzen
haben, daß es Verbrechen seyn würde, darüber zu schweigen! Ob aber
jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schläft, oft oder
selten zu Hause, prächtig oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier
trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht
-- was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen
hingegen, die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten von
dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, ohne
Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne Leidenschaft, geradehin erzählen.
19.
Von Deinen ~Grundsätzen~ gehe nie ab, so lange Du sie
als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich,
und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du
Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher
zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein
Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange
die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey
fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen,
bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf
Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als
sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher
nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die
keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen,
oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und
so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung
der Bessern verloren hat.
Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)!
Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um
ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei
Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen
und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. --
Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken,
und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und
Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit
durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man
gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige,
weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden
andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß
der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten,
und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren
will, warum auch den edelsten Handlungen mancher
Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden,
daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit
und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu
dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt,
nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen.
20.
Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich,
und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der
Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben;
halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen
zu leben. -- Habe immer ein gutes Gewissen! Bei
keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und
Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und
baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf
Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine
Zeitlang ein widriges Geschick -- o! so wird doch die selige
Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit
Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen
Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein
kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme
erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden,
glücklich scheinenden Bösewichts.
21.
Sey, was Du bist, immer ~ganz~, und immer derselbe! Nicht heute warm,
morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der
lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsäule!
Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und
kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und
zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen,
womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie
spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so
sehr, als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall
von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme
zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in
der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und
Aeusserungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen,
der uns so gern bei sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat,
recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und
verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer
Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man grade
von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von
solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, und wenn sie
nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen,
gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen
fortschlüpfen.
22.
Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen die
Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von Achtung, die Du
ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht
Jeden! Drücke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und
Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen,
ihnen Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst?
23.
Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig
gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch
aufzudecken und gemißbraucht zu werden, und dann die Ueberlegung,
daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts
zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unsrer kleinsten Schritte
Rechenschaft verlangen, alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden
wollen. Allein eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn;
sonst entsteht der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir
thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann uns in
unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, daß wir verkannt
werden, besonders in fremden Ländern, auf Reisen, bei manchen andern
Gelegenheiten, und kann uns überhaupt auch im gemeinen Leben, selbst im
Umgange mit edeln Freunden, schaden.
24.
Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in Gesellschaften
lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du wenig Ehre von dem Witze,
den Du an ihm verschwendest; ist er es weniger, als Du glaubst: so
kannst Du vielleicht der Gegenstand ~seines~ Spottes oder seiner Rache
werden; ist er gutmüthig und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er
tückisch: so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du
früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. -- Und wie oft kann
man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über Menschen achtet,
einem guten Manne im bürgerlichen Leben wahrhaften Schaden zufügen,
oder einen Schwachen so niederdrücken, daß aller Muth in ihm erlöscht,
und alle Keime zu bessern Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch
Hervorziehn der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen
geben, der Verachtung preisgibt.
25.
Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde nicht,
mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst auf einen
Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! Es gibt der
wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen Augenblicke so
viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht ist, alles hinwegzuräumen,
was die Last der wirklichen und eingebildeten Plagen auch nur um ein
Sandkorn erschweren kann. Für eben so unschicklich halte ich es,
einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist,
mit selbst erfundnen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen
zu machen, das nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist
Neckerei, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern
verkümmert werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu
reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder die,
welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter der
Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche die Gewohnheit
haben, ihren Freunden mystische Warnungen hinzuwerfen, wie z. B.: »Es
läuft ein böses Gerücht von Ihnen herum, aber ich kann, ich darf Ihnen
noch nichts darüber sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und
beunruhigt.