Wenn nun auch ein langes Krankenlager mit vielen Beschwerden folgte, so

sah man doch stetig Fortschritte, die alle Mühsale gering erscheinen

ließen. Auch das Interesse erwachte allmählich wieder, und die Kranke

fragte nach den Einzelheiten der Reise, die allen schon in neblige

Vergangenheit gerückt erschien. Große Freude erregte jeder Brief, der

etwas aus der fernen Welt mitteilte, und gegen ihre Gewohnheit las Frau

Gerloff fast alles vor, was sie in diesen Tagen bekam. »Es wird dich

interessieren,« sagte sie eines Morgens, »was unsere liebe Frau Schack

von ihren letzten Tagen im Gebirge schreibt: ›Sie können sich nicht

denken, wie schwer es mir wird, von hier abzureisen, wo ich vielleicht

die schönsten Wochen meines Lebens verlebte. Ich deutete Ihnen doch

einmal an, welch ein Schatten über unserem Glück läge durch das kalte,

fremde Verhältnis unseres Ältesten zum Elternhause. Nie konnte ich den

Schmerz darüber verwinden und fühlte mich wie ein Eindringling, der

ihm die Heimat gestohlen. Es kam mir wie ein Raub an seinem älteren

Rechte vor, wenn mein Mann sich an unserem Bübchen freute und mit ihm

fröhlich war. – Und doch konnte ich nichts ändern. – Wie durch ein

Wunder ist das alles jetzt anders. Sie haben ja gesehen, wie sonnig und

beglückend Hermann die ganzen Wochen war, als wäre eine Eiskruste von

seinem Herzen geschmolzen. Harmlos konnte er mit seinem Vater scherzen,

und wie selig und stolz war mein Kleiner, wenn der große Bruder ihm

soviel Liebe und Interesse bewies! Ich kann nicht anders denken, als

daß der Geist tiefer Frömmigkeit auf ihn Eindruck gemacht, den wir

alle in dem Hause empfanden. Anfangs zog es ihn gar nicht zu den

Andachten, und wenn sein Vater ihn darauf anredete, so meinte er, die

Natur draußen sage ihm viel mehr, als alle Menschenworte. Aber ich habe

deutlich gemerkt, wie sein Interesse immer reger wurde. In der Zeit,

die wir nach Ihrer Abreise noch dort verlebten, hat er keinmal oben

gefehlt, obgleich mein Mann nie mehr Wünsche derart äußerte. Und es war

mir wahrhaft beglückend, wie herzlich er sich in diesen letzten, sehr

viel stilleren Tagen an uns und besonders auch an den kleinen Bruder

anschloß. Er vermißte natürlich das fröhliche Treiben von vorher, aber

dann zog er sich nicht, wie früher, in sich selbst zurück, sondern war

lieb und rücksichtsvoll, so daß ich mit neubelebter Hoffnung für unser

Zusammenleben heimreise.

Hoffentlich ist auch Ihnen nun die Sorge für Ihre teure Kranke ganz

abgenommen – und hoffentlich erleben unsere lieben Kinder einmal wieder

solch ein schönes Zusammensein. Es würde für meinen Mann und für mich

die größte Freude bedeuten.‹«

Hanni hatte am Fenster gestanden und dem Herbststurm zugesehen, der

unbarmherzig die Weinranken zerzauste. Als die Mutter geendet, glitt

sie aus dem Zimmer. Der Kopf war ihr so dumpf. Vielleicht tat der Sturm

draußen gut. – Lange ging sie, in Sinnen verloren, unter den hohen

Linden auf und nieder – auf und nieder. Wie hundertmal waren ihr hier

draußen die Gedanken klar geworden. Jetzt wollte es nicht hell werden

in ihrem Innern. In der Dämmerung sah sie nicht, wie ihre Mutter vom

Hause her auf sie zukam, bis diese leise den Arm um ihre Schulter legte

und mit ihr weiter ging.

»Ja, Liebling, das Wort, was uns da oben am ersten Tage gesagt wurde –

weißt du es noch? – es ist schwerer als wir damals meinten: ›Wer mir

folgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.‹«

»Mutti, es ist zu schwer!«

»Aber er hilft doch.«

»Das fühle ich nicht recht. Ich fühle nur die schreckliche Trennung,

die ich kaum ertragen kann. Du verstehst mich, Mutti, nicht wahr? Wenn

ich auch nicht zu dir von allem gesprochen. Du weißt, daß ich dir nie

etwas verbergen würde und daß du alles von mir gern wissen sollst –

aber aussprechen kann ich manches nicht.«

»Ist auch nicht nötig, Liebling, ich verstehe dich schon ohne Worte,

und mir tut das Herz weh um dich. Aber ich weiß auch, daß denen, die

Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen. Und du hast Gott

lieb.«

»O, ganz gewiß, das habe ich. Aber glaubst du denn nicht, daß er, der

Gott noch nicht kennt, ihn auch lieb gewinnen kann? Man kann das doch

auch noch lernen, nicht, du?«

»Sicher kann man das, zumal wenn man so ein gerades, reines Herz hat,

wie er! Wenn er nur selber recht will und sucht.«

»Mutti, das tut er,« sagte sie mit einem Aufleuchten in ihrem schmal

gewordenen Gesichtchen. »Das tut er sicher! Er hat’s mir versprochen,«

fügte sie leise und errötend hinzu.

»Dann darfst du auch getrost hoffen, Kind. Und ich werde dir helfen,

Gott zu bitten; nicht, du? Das werden wir beide schon nicht vergessen.«

Innig umarmten sich die zwei, die noch nie ein Geheimnis voreinander

gehabt und sich noch nie etwas anderes als Liebe erzeigt hatten.

Als die Blätter im Park in buntem Wirbel zur Erde fielen, da konnte

man die Kranke, in Decken gehüllt, ins Wohnzimmer hinunterbringen, wo,

wie in alten Zeiten, das Feuer im Kamin knisterte und die Bratäpfel

knackten. Behaglich dehnte die Genesende sich in ihrem bequemen Sessel

und sah auf ihren Liebling, dem die flackernden Lichter das krause Haar

vergoldeten, die zarten Wangen aber noch durchsichtiger erscheinen

ließen.

»Nun ist wieder alles, wie’s sein soll. Läuft denn nun mein Kind auch

tüchtig in die frische Luft, damit die roten Backen wiederkommen? Bald

kann ich die Stubenfarbe nicht mehr ansehen.«

»Wenn’s nur erst Frost und Schnee gibt,« war die leise Antwort; »diese

weiche, trübe Herbstluft macht so müde! – Aber da kommt die kleine

Rieke mit dem Suppentopf auf den Hof; soll ich einmal nachfragen, ob’s

ihrer Mutter besser geht?« Damit war sie zur Tür hinaus geschlüpft.

Kopfschüttelnd sah die Tante ihr nach, dann, zu ihrer Schwägerin

gewandt: »Sag bloß, Else, was habt ihr da oben mit dem Kinde gemacht?

Sie ist nicht mehr dieselbe. Denk doch, wie ihr die Augen lachten?

Nicht müde zu kriegen war sie! Wie manchmal sagte Günther: ›In der

steckt das Leben verquer!‹ Jetzt, sobald sie sich unbeobachtet glaubt,

– wie müde ist ihre Haltung, wie abwesend die Augen! – So etwas ist

doch nicht nur die Sorge um eine alte Tante? Kein Mensch macht mir das

weis.«

Ganz kurz erzählte die bekümmerte Mutter der mitfühlenden Seele, was

geschehen war. Wieder und wieder schüttelte diese den Kopf. »Was du

sagst! Die arme kleine Maus! Muß sie denn auch erst so schwer durch?

Ich meinte, diesem Sonnenkind müßte alles Glück in den Schoß fallen.

Nun verstehe ich! Ach nein, wie mir das leid tut! Aber Else, meinst du

nicht, daß es sich noch zurechtzieht? Er ist ein so feiner Mensch; dem

hätte ich sie wohl gegönnt. – Aber wir wollen sie nichts merken lassen!«

»Hanni,« sagte die Mutter zu der Eintretenden, »ich glaube, wir müssen

endlich mal zu Rantzaus fahren. Vater hat gerade Zeit, und die Pferde

sind auch frei. Ihr beide werdet schon ganz gut einen Abend ohne uns

fertig, nicht wahr?«

»Nehmt das Kind doch mit, daß sie eine kleine Abwechslung hat!«

»Aber Tante Ida, du glaubst doch selbst nicht, daß ich dich allein

lassen würde? Nein, sei ganz ruhig; das Hierbleiben ist mir durchaus

kein Opfer, sondern es wäre mir direkt eine Strafe, da zwischen die

fremden Leute zu müssen.«

»Erlaube, Hanni, nun wirst du wirklich wunderlich. Seit wann sind dir

denn Rantzaus fremd?«

Sie wurde rot und mußte über das empörte Gesicht der Tante lachen. »Ja,

ich habe sie aber doch seit Ewigkeiten nicht gesehen. Dann soll man

soviel erzählen von Reiseerlebnissen! Mich schaudert, wenn ich daran

denke!«

Die Tante verlachte Hanni herzlich wegen ihrer Menschenscheu; als aber

die Geschwister abgefahren waren, kam sie mit einem Vorschlag: »Kind,

im Frühling batest du mich mal, dir zu erzählen, seit wann ich so

gebrechlich sei, und wie es war, als wir hier noch in Kinderschuhen

herumsprangen. Damals sagte ich dir, um solche Erinnerungen

herbeizurufen, brauche man mehr Zeit und Ruhe, als wir eben hatten.

Möchtest du heute davon hören?«

»O liebe, süße Tante Ida, du weißt immer, was man braucht! Warte, ich

lege noch Holz auf die Glut – so brennt es wieder an. – Äpfel sind auch

noch da. – Aber den kleinen Stuhl muß ich wieder herholen, auf dem ich

immer saß. – So ist’s richtig! – Nein, deine Hand muß ich noch haben.

Und nun ist wieder alles wie damals, nicht? Und was dazwischen liegt,

vergessen wir. – Aber nein, alles nicht,« schloß sie leise, und legte

ihre Stirn auf die weiche, alte Hand, die sie sanft streichelte.

[Illustration]

[Illustration]

24. Kapitel.

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken.

»Wie weh manches tat, das vergessen wir, und der Segen, den es

gebracht, bleibt uns erhalten, mein Liebling. Das wirst du auch noch

erfahren. – Hätte man mir damals gesagt: dreißig Jahre lang deiner

gesunden Glieder beraubt, dein Glück – was ich damals Glück nannte –

dir entrissen, als Krüppel hier in der Einsamkeit leben! – Ich hätte

gedacht: Tausendmal lieber tot! – Ja, ich weiß wirklich nicht, wie ich

es überlebt hätte.

Nun kam alles nach und nach. Und mit dem, was er auflegte, schickte

Gott auch zugleich seine Hilfe: vor allem brach er meinen wilden,

störrischen Sinn.

Und wenn ich heute zurücksehe, muß ich die Hände falten und sprechen:

Herr, ich bin viel zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die du an

mir getan hast.

Wie wir, unser ältester Bruder, dein Vater und ich, hier glückliche

Kindertage verlebten, unsere Freiheit, unsere Hunde und Ponys liebten,

unsere Mademoiselle oft quälten – davon habe ich dir genug erzählt.

Auch davon, daß meine süße Mutter leider oft traurig über mich war.

Sie hatte sich so sehnlichst ein Mädchen gewünscht, und nun? ›Nun

hast du den Türken!‹ sagte Vater oft lachend. Denn bei allem Klettern

und Herumtollen war ich immer den Jungen voran, und mit den seßhaften

Tugenden, dem damals so wichtigen Strickzeug und jeglicher Sittsamkeit,

lebte ich auf ausgesprochenem Kriegsfuß. Saurer hatten wir Mädels es

auch damals, als ihr heute. All das Turnen, Schwimmen, Freiherumlaufen,

was euch erlaubt ist, war ganz unbekannt. Schon unsere langen, schweren

Kleider hätten daran gehindert. Mutter tröstete sich manchmal, wenn

ich konfirmiert sei, würde es besser werden – aber leider täuschte sie

sich auch darin. Sechzehn Jahre war ich, und das ernste Hantieren am

Spinnrad und in der Obstkammer war mir ein Greuel. Dagegen prickelte

es mir in allen Gliedern, wenn ich die Jungen so schnell dahinfahren

sah auf ihren Schlittschuhen und hören mußte: das sei für Mädchen etwas

Unerhörtes. Heimlich schnallte ich mir die verbotenen Dinger in der

Dämmerung an und übte auf dem Rehteich, wo mich niemand sah.

Hätte ich eine Schwester oder eine nahe Freundin gehabt, so wäre mein

Leben auch wohl anders gewesen. – So wünschte ich immer das zu tun, was

ich nicht sollte, und entzog mich meinen ›langweiligen‹ Obliegenheiten,

wo ich konnte.

Herrlich war’s, wenn in Buchdorf die glänzenden Feste gegeben wurden.

Rantzaus Schwester war damals verlobt. Er stand bei den Ulanen und

seine Freunde gingen aus und ein in dem gastfreien Hause. Was war’s oft

ein Leben und eine Lust!

Da tauchte unter ihnen einer auf, der alle die anderen weit in den

Schatten stellte. Wer ihn auf seinem Goldfuchs dahinfliegen sah, dem

lachte das Herz im Leibe. Und ob’s über Hecken und Gräben ging, man

zitterte nicht für ihn – er saß ja wie angewachsen auf dem Renner.

Und wie er tanzte! Die Musik trug ihn, so leicht und so sicher. Und so

leicht und sicher verkehrte er auch mit jedem. Alle waren ihm gut. Mit

den Alten war er ehrerbietig und lieb – mit den Jungen scherzte er und

lachte sie an. Wonach er griff, das gehörte ihm, er fragte gar nicht

erst.

Wenn er den ganzen Abend nur mit einer einzigen sprach und tanzte, so

störte ihn darin niemand. Und wenn man selbst diejenige war, so hätte

mehr als meine siebzehnjährige Festigkeit dazu gehört, nicht am Ende

unter seinem Bann zu stehen.

›Morgen laufen wir Schlittschuh,‹ sagte er, ›ich komme über den See bis

an den Erlenbach und hole Sie ab.‹

›Ich darf nicht.‹

›Sie dürfen nicht? Das wäre noch besser! Müssen Sie denn Vokabeln

lernen – mit solchen Augen, oder Strümpfe stopfen – mit den Händchen?

Unsinn! Sie kommen sicher! Um vier Uhr bin ich da!‹

›Aber Mutter sieht’s nicht gern.‹

›Du liebe Zeit, die Mütter sehen manches nicht gern,‹ dabei lachte

er so lustig. ›Glauben Sie, Ihre Großmutter sah alles gern, was Ihre

Mutter tat? Dafür ändern sich die Zeiten. Also um vier Uhr. Dann

dämmert’s schon und keiner merkt was. Das Eis ist wie ein Spiegel, es

klingt und knackt vor Frost.‹

Warum hatte ich es heimlich geübt – warum jemals Heimlichkeiten gehabt!

Jetzt klopfte mir zwar das Herz ein wenig wegen meines Ungehorsams,

aber ich versuchte mir einzureden, es sei doch kein Unglück dabei.

Da niemand etwas gewahrte, so blieb dies nicht das einzige Mal. Und als

bald auch bei uns ein Fest gefeiert wurde, bemerkten meine Eltern mit

Befremden die Vertraulichkeit, die bereits zwischen uns beiden bestand

und aus der Fred in seiner großen Sicherheit durchaus kein Hehl machte.

Ihm konnte es doch nicht fehlen, wo er wollte!

Mein Vater dachte anders.

Er wünschte sich die Jugend, zumal wenn es sich um Lebensfragen

handelte, bescheiden und ernst. In bezug auf seine Einzige vertrug

er keinerlei Spaß. – Und nun etwa einen Schwiegersohn aus einem sehr

adelsstolzen Hause, wo sie, die Bürgerliche, vielleicht über die Achsel

angesehen wäre – das war durchaus nicht nach seinem Sinn. Viel Worte

machte er nie, aber seine mächtigen Augen ließen keinen Zweifel über

seine Meinung, und mein neuer Freund konnte nicht im unklaren darüber

bleiben, was die Glocke geschlagen. – Es kam ihm aber gar nicht in den

Sinn, sein Verhalten danach einzurichten, sondern er dachte nur nach,

wie wir uns auf eigene Hand schadlos halten könnten. – Und ich tat, was

er wollte.

Da kam die Nachricht von der tödlichen Erkrankung meines Großvaters.

Beide Eltern mußten hinreisen und wünschten, mich mitzunehmen. Aber

ich wollte nicht, war auch gar nicht wohl genug für die anstrengende

Winterfahrt. Trotzdem ließ ich mich wieder zum Schlittschuhlaufen

überreden.

Kennst du den Ton, wenn bei schnell hereinbrechendem Tauwetter der See

von einem Ende bis zum anderen krachend birst? Wie fernes Donnerrollen

klingt es. Schon zwei- oder dreimal hatten wir es vernommen.

›Morgen ist’s vorbei,‹ sagte er und hielt meine Hand fester. ›Da müssen

wir’s heute genießen!‹

Sah er wohl, wie jede Muschel im Grunde durch die glasklare Eisdecke

schien? Wie die zarten Algen sich emporreckten, als wollten ihre

Spitzen ans Licht?

›Wenn wir fallen, sind wir verloren!‹

›Ja, wenn! Wer fällt auch? Wir jedenfalls nicht! Heute müssen wir’s

wahrnehmen, morgen ist’s vorbei!‹ Er drückte mich fest an sich.

Hörte er wohl das Sausen im Schilf, wie die Binsen sich im Tauwind

bogen? Was für ein Gurgeln war das? Wildenten gab’s doch hier nicht!

Man kannte ja jeden Fußbreit!

Da kam das Gräßliche: Krachen, Flügelschlagen von aufgescheuchten

Wasservögeln, Angstrufe, verzweifelte Anstrengung, Todeskälte durch

Mark und Bein. – Dann war’s vorbei.

Als ich erwachte, dauerte es sehr lange, bis ich meine Lage begriff.

Ich fühlte mich, wie noch nie bisher; meine Glieder waren wie tot.

Ich konnte mich nicht bewegen, lag da wie ein geschossenes Wild. Ganz

allmählich wurde mir alles klar, und mit so furchtbarer Deutlichkeit,

daß ich noch heute nicht hinsehen mag auf das arme Bild. Gott kannte

ich nicht, Liebe nicht, die erwärmt und beglückt, sondern nur die, die

haben, besitzen will! – Glühendes, zuckendes Leben in einer erstorbenen

Hülle.

Ob ich viel Schmerzen litt, kann ich nicht sagen, aber der Brand in

meiner Seele ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Ich haderte mit meinem

Schicksal, mit Gott. – Daß niemand für meine Herstellung hoffte, fühlte

ich schon damals deutlich. Warum dann nicht gleich ein schnelles Ende?

Wozu dieses Hinquälen? –

Stelle dir vor, Kind, Gott hätte damals nach meinem Willen getan – so

völlig unreif, wie ich war?«

Hanni war erschüttert. »Arme, arme Tante Ida, was hast du gelitten!

O, hätte ich das geahnt, wieviel mehr hätte ich dich lieb gehabt, du

liebes Herz! Wie wurde es dann weiter?«

»Wie ein eigensinniges Kind, das ich immer gewesen, sich müde weint und

schreit, bis es nicht mehr kann, so war’s mit mir den ganzen Winter.

Ich wollte mich nicht in mein Schicksal finden und ließ mich durch gar

nichts trösten. Als die Vögel anfingen zu zwitschern, war meine Kraft

erschöpft, ich konnte nicht mehr. Matt und müde kehrte ich das Gesicht

gegen die Wand und war lange Zeit völlig apathisch.

Ob nun der innere Stillstand – denn Ruhe kann ich den Zustand nicht

nennen – günstig auf den Körper wirkte oder ob’s der Frühling tat –

ich lernte wieder schlafen. Und eines Morgens erwachte ich zum ersten

Male ganz neu gestärkt. Ich weiß es noch. Lange mochte ich mich nicht

regen; der Traum hatte mich soweit weggeführt, daß die schrecklichen

Ereignisse mir verwischt waren. In behaglicher Ruhe lag ich da, sah

den Sonnenschein durch die duftenden Akazienzweige flimmern, hörte das

Summen der Bienen und das süße Gezwitscher der Vögel.

Was für entzückende Blumen standen dort in der Schale? Die

herrlichen Marschall-Niel aus dem Gewächshaus zwischen Maiblumen

und Vergißmeinnicht. Die durfte doch niemand pflücken als Mutter

selbst, und nur sie machte solche Sträuße – aber selten und nur für

Auserwählte. Und diese Schale, wenn sie einmal aus dem Silberschrank

genommen wurde, kam nur auf die Tafel für ganz erlesene Gäste – doch

nicht in mein Stübchen! – Ich rieb mir die Augen. Wer hatte wohl alles

um mich her mit so viel Liebe und Zartsinn geordnet? Nichts fehlte, was

den Sinn erfreuen konnte. – War das all die Zeit so gewesen? Keinen

einzigen Blick hatte ich dafür gehabt. Nichts, nichts hatte ich gesehen

als meinen Jammer! Was die Eltern dabei fühlten, war mir nie in den

Sinn gekommen.

Ja, die Eltern! Ist ein solches Maß von Egoismus zu begreifen? Kein

Gedanke war mir gekommen, was für Hoffnungen sie auf mich gesetzt

hatten, die ich alle durch meinen Ungehorsam zerstört; daß ich ihnen

ein Übermaß von Sorgen, Angst und Mühe bereitet. – Ich war wie in

dunkler Nacht dahingetappt. Auf einmal schien die helle Sonne und

zeigte mir ausgebreitet die reichste Fülle von Liebe, Sorgfalt und

Geduld, der ich bisher den Rücken gekehrt hatte. Konnten sie mir das je

vergeben?

Als die süße Mutter hereinkam, mir selbst mein Frühstück zu bringen,

wie sie es, ohne einen Dank zu bekommen, täglich getan, da habe ich ihr

unter strömenden Tränen mein Herz ausgeschüttet.

Nun begann ein neues Leben. – Kein Wort des Vorwurfs traf mich aus

Vaters Munde. Und die Größe dieser vergebenden Liebe wirkte stärker

und durchdringender, als alle Worte gekonnt hätten. Das habe nicht ich

allein erlebt. Und wer es erfahren, der konnte nicht leicht zum zweiten

Male fehlen; das Gefühl der Verschuldung und Vergebung war zu tief

gedrungen.

Lange Jahre kamen und gingen. Was Ärzte vermögen, haben sie an mir

getan. Viele Hoffnungen, viele Enttäuschungen erlebten wir. Aber wir

trugen es gemeinsam; einer versuchte dem anderen ein mutiges Gesicht

zu zeigen und den Kummer zu verbergen. – Allerlei Besserung stellte

sich ja auch ein. Als ich dreißig Jahre alt war – nachdem ich dreizehn

Jahre stillgelegen hatte, Hanni –, konnte ich die ersten Gehversuche an

Krücken machen. War das ein Glücksgefühl! Wie schmerzlich bedauerten

Vater und ich, daß Mutter dies nicht mehr erlebte. Ach, wir waren

bescheiden geworden.

Der Tag, an dem auch die Krücken entbehrlich wurden, ist mir

unvergeßlich.

Aber viel tiefer als diese äußeren Freuden war das, was ich innerlich

erlebte. Alles, was mein Leben ausgemacht, beglückt hatte: freie

Bewegung jeder Art, Spiel und Tanz und Frohsinn mit Altersgenossen,

alles war mir genommen. Ich hatte mich gänzlich verarmt gefühlt. Und

dann wurde mir leise und unvermerkt, ohne daß ich recht wußte, wie, ein

ganzes reiches Leben neu geschenkt; o, so viel, viel mehr als das, was

ich verloren. Erst das innige Zusammenleben mit den Eltern, was mir so

viel Tiefen entfaltete, von denen ich in meiner Dummheit keine Ahnung

gehabt. Dann die lieben, treuen Freunde, die nicht müde wurden, mir

zarteste Aufmerksamkeit zu beweisen.

Die Lieblichkeit der Natur ging mir jetzt erst auf. Ich war viel

zu rasch und zu stürmisch gewesen, diese tausend Herrlichkeiten zu

gewahren. Denk allein an den Wechsel von Licht und Schatten an einem

einzigen sonnigen Sommertag, oder im Frühling an das Durcheinander

von Düften von Flieder, Goldlack und Glycinien und dazwischen das

verwirrende Gesumme der tausend im Sonnenschein goldig blitzenden

Insekten! – Alles das ging mir nun auf.

Und als soviel Erquickendes meinen Sinn wieder gesund gemacht und

belebt hatte, da merkte ich auch, daß ich nicht nur hinnehmen, sondern

auch noch geben konnte. Vielleicht mit dem instinktiven Gefühl, daß

ich wisse, was Schmerz und Leid sei, kam alles zu mir, was Trost

suchte – ob’s nun Freunde waren oder unsere guten Dorfleute – oder die

Brüder in ihren vielfachen Nöten. Ach, Kind, was haben dein Vater und

ich gemeinsam durchgemacht in dunklen Zeiten voller Enttäuschungen,

als er dachte, deiner Mutter Herz nicht zu gewinnen, die er doch

schon so innig liebte! Und die gemeinsame Seligkeit nachher, als alle

Mißverständnisse sich glätteten.«

»Tante Ida, aber das eine mußt du mir noch sagen: Was ist denn aus ihm

geworden, dem Fred? Sahst du ihn niemals wieder?«

»Nein, Kind. Er ist einmal gekommen, nach mir zu fragen, als ich noch

bewußtlos im Fieber lag. Da hat wohl Vater ein ernstes Wort mit ihm

gesprochen, was es heißt, ein Kind dahin zu bringen, seine Eltern zu

hintergehen. Später las ich seinen Namen hier und da. Er hat eine

vornehme Gräfin geheiratet, die etwas älter war als er, und beide

spielten eine große Rolle am Hofe.«

»Aber Tante Ida, konntest du es denn aushalten, ihn nicht mehr zu

sehen, wo du ihn so lieb hattest?«

»Kind, das war merkwürdig. – Sieh, meine Augen hatten seine schöne

Erscheinung geliebt und meine Ohren den berückenden Klang seiner

Stimme. Meine Seele hatte mit dem Ganzen nichts zu tun, die kannte ihn

gar nicht. Und daher verflog die Erinnerung, wie eine süße Melodie, die

verklungen ist.«

»Tante Ida,« flüsterte Hanni leise, während sie ihre Wange wieder an

die Hand der Alten legte, »Hermann liebt meine Seele, den kann ich

nie vergessen. Aber jetzt weiß ich erst, woher ich von vornherein

diese ganz deutliche Unterscheidung gehabt habe und woher es mir so

felsenfest steht, daß auch die innersten Gedanken auf denselben Ton

gestimmt sein müssen, wenn’s recht sein soll. Das habe ich von dir,

allein hätte ich’s nicht gewußt. Aus allem, was du mir je gesagt, ist

es mir zur Überzeugung geworden.«

Die Matrone war nicht weichmütig; Hanni erinnerte sich nie, sie weinen

gesehen zu haben. Jetzt stürzten ihr die Tränen unaufhaltsam aus

den noch immer schönen Augen. »Hanni,« sagte sie, »wenn mein armes

Leben dazu dienen soll, dir auf den rechten Weg zu helfen, dir, mein

Liebling, zu zeigen, wie tief die Gemeinschaft zweier Menschen sein

muß, damit sie ganz einander angehören können, dann soll mir kein

Schmerz zu brennend und keine Nacht zu lang und zu dunkel gewesen sein.

Wie wunderbar und reich ist Gottes Liebe! Was ein Herz an Glück und

Sonnenschein fassen kann, wird mir nun im Alter noch zuteil. Denn das

kannst du glauben: Was dich bewegt, fühle ich genau, als geschähe es

mir selber.

Und nun sei du auch zuversichtlich und getrost. Gott bringt deine Sache

zurecht – er hat schon Größeres gekonnt. Höre nur nicht auf, ihn zu

bitten und ihm zu vertrauen, dann kann euch beiden diese Prüfungszeit

zum größten Segen werden.«

[Illustration]

[Illustration]

25. Kapitel.

Wie Käte doch recht behielt.

Die Flammen im Kamin waren heruntergebrannt. Mit leisem Knistern fielen

die Scheite zusammen, während die Funken wie Irrlichter an den Kanten

entlang glitten und hüpften. Da wurden die beiden, die sich von dem

immer wechselnden Anblick nicht losreißen konnten, durch ein Klopfen an

die Tür in die Gegenwart zurückgerufen.

»Ach, Mamsell, auch noch auf zu so später Stunde?«

»Ja, ich habe meine Wochenrechnung gemacht, und da kam der Milchfahrer

mit Postsachen. Ich dachte, Fräulein Hanni würde sich vielleicht

freuen: hier ist ein Brief für sie. – Und wie geht es denn dem gnädigen

Fräulein? Wir sind alle so glücklich, daß es jetzt besser wird. Jeden

Tag fragen die Frauen im Kuhstall, ob wohl eine oder die andere

raufkommen dürfe, guten Tag zu sagen?«

»Gern, Mamsell, ich freue mich, sie zu sehen. Lassen Sie die Schröder

morgen doch kommen! Ich möchte mal Genaueres von ihrer Marie hören. Was

für ein Glück, daß sie sich jetzt besser macht.«

»Tante, Tante,« rief Hanni dazwischen, mit einem Ungestüm, das an ihr

fast vergessen war. »Bitte, Tante, setze dich fest hin und höre, was

Käte schreibt!«

»Na, ich hoffe, ich sitze fest. – Gute Nacht, Mamsell, schönen Dank. –

Wo brennt es denn?«

Hannis Heimkehr · 第 12 / 13 段