Als die Bahn mich soweit befördert hatte, daß ich den weiteren Weg

in einer Tagereise zu Fuß machen konnte, stieg ich aus und genoß aus

tiefster Seele den unvergleichlichen Sommertag in den wundervollen,

ausgedehnten Fichtenwäldern. Ich fühlte mich wie neugeboren, so

kräftig und erfrischend war die reine Bergluft, und mit Entzücken

sahen meine Augen die prächtig gewachsenen grünen Tannen. Dabei muß

ich mich wohl zu sehr in Bewunderung vertieft haben, denn auf einmal

fand ich den rechten Weg nicht mehr, und nun zog sich das Hin- und

Hersuchen so in die Länge, daß ich von Herzen froh war, endlich am

späten Nachmittag menschliche Stimmen zu vernehmen. Eine gewaltige,

ritterliche Erscheinung trat mir zwischen den hohen Stämmen entgegen,

die mir ganz zu deren stolzem Wuchs und diesen ernsten Höhen zu gehören

schien. – Aber die Stimme klang freundlich und wohlwollend, die nach

meinem Begehr fragte; und als es sich zeigte, daß ich im höchsten

Grade ›auf den Holzweg‹ geraten war, da bot der Fremde mir in der

gewinnendsten Weise an, bei ihm zu übernachten, ›er hätte einen kleinen

Besitz hier in der Nähe‹. Jetzt erst spürte ich, wie groß Müdigkeit und

Hunger allmählich bei mir geworden, und war von Herzen froh, in einer

Försterei oder dergleichen ein Nachtlager zu bekommen – wenngleich mir

bisher keine Forstbeamte von so imponierender Erscheinung begegnet

waren. Aber man lernt ja immer Neues kennen.

Wer beschreibt nun meinen Schreck, als der kleine Jagdwagen in

ein breites, vornehmes Hoftor einbiegt und vor der Rampe eines

altertümlichen Schlosses hält, aus dessen tiefer, gewölbter Halle ein

stattlicher Diener in einer fremden Livree uns entgegeneilt! Auf ein

paar leise Worte meines rätselhaften Gastfreundes, bemächtigt sich der

Führer mit zwingender Gewalt meiner erschrockenen Persönlichkeit. Es

geht Treppen auf, Stufen nach rechts, durch hohe Gewölbe, deren mehr

als klafterdicke Wände und fremdartige Einrichtung von vergangenen

Jahrhunderten und fernsten Erdteilen reden, schmale Gänge hinab, an

Kaminen, Gemälden, Blattpflanzen, alten Rüstungen, seltenen Teppichen,

geschnitzten Truhen, altertümlichen Schränken und seltsamen Kupfer- und

Zinngeräten vorbei, daß mir schwindelte und ich den Eindruck bekam:

›Hier findest du dich im Leben nicht wieder heraus, du bist verhext!‹

– Aber mein Begleiter zerstreute meine Befürchtungen, indem er durch

Anwendung von vielerlei Bürsten und warmem Wasser meinem äußeren

Menschen aufzuhelfen suchte. Sollte er die Absicht haben, mich hier

lebendig einzumauern oder sonst verschwinden zu lassen, so würde er

nicht so heißes Bemühen an meine Verschönerung verwenden. Dabei wußte

er sein sicher vorhandenes Befremden über einen solchen Gast unter

unerschütterlicher Ruhe zu verbergen. – Sollte ich nun alles drangeben

und fragen, wo ich sei, oder sollte ich noch eine Weile die Ungewißheit

ertragen, um den Preis, nicht als Vagabund angesehen zu werden?

»Die Herrschaften gehen jetzt zu Tisch,« sagte der noch immer mit den

Bürsten Beschäftigte mit vollendetem Gleichmaß, was weder Verachtung

noch Abscheu gegen meine mangelhafte äußere Erscheinung aussprach.

»Darf ich den Herrn hinaufführen?«

Wieder ging’s die Treppen entlang, durch Gewölbe her, über Teppiche und

Matten. Ich hatte nie dergleichen gesehen, viel weniger so mitten im

Fichtelgebirge erwartet. Als ich aber der Schloßfrau vorgestellt wurde

und sie vor dem Modell eines großen, schönen Schiffes stehen fand,

konnte ich mein Erstaunen nicht länger bemeistern und platzte los: ›Ich

bitte tausendmal um Verzeihung, aber bevor ich mich setze, muß ich

wissen, wo ich bin und bei wem!‹ Ein herzliches Lachen war die Antwort,

und nun erfuhr ich, daß mein gütiger Wirt eigentlich Seemann sei –

Admiral – und mit seinem Fürsten viele Jahre in Sturm und Wellen die

Welt durchzogen hätte. Auch jetzt sei es ihm trotz grauer Haare nicht

immer vergönnt, in Frieden auf seinem schönen Familiensitz zu leben,

sondern alljährlich riefe des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr ihn

hinaus zum hohen Norden des Reiches.

Viel erzählte der welterfahrene Mann von Menschen und Erlebnissen und

noch viel mehr hätte man hören mögen. Aber das schönste war, wie er am

kommenden Morgen mir selber das Geleit gab über die nächsten Berge.

Auf einer Höhe mit herrlichstem Blick in alle Ferne zeigte er mir ein

Waldhäuschen, das in seiner verschwiegenen Einsamkeit und Traulichkeit

mich fast noch mehr entzückte als das Schloß unten.

›Wer hier, von aller Welt entrückt, hausen könnte, und seine

Forschungen machen,‹ entfuhr es mir, ›das müßte etwas Rechtes werden!‹

›Ja,‹ antwortete mein Führer, ›wenn Ihre Forschungen hier oben eine

Quelle entdecken, daß wir Wasser bekommen, dann dürfen Sie zum Lohn

einen ganzen Sommer dableiben und zehn dicke Bücher schreiben!‹

Das wird nun leider, leider nichts werden wegen des steinigen Grundes.

Aber das Häuschen, das Schloß und die Herrschaft sind heute noch da,

wie ich erzählt, – wahr und wahrhaftig. Sie alle können nachsuchen, und

wer es findet im grünen Fichtelgebirge, wird sicher ebenso freundlich

beherbergt wie der verirrte Student.«

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21. Kapitel.

Der Ludwigstag und seine Folgen.

Ȇbermorgen ist Ludwigstag. Wenn es dann noch solch ein Wetter ist,

müssen wir, statt das Feuer auf den Bergen anzuzünden, drinnen eine

Feier veranstalten!« schlug eines Vormittags der Mediziner vor.

»Wie denken Sie sich das?« fragte Felix, dessen Phantasie und

Erfindungskraft nicht hervorragend war.

»O, sehr einfach! Wir dichten ein kleines Festspiel zusammen: Ein paar

junge Bauern und Mädchen kommen mit Blumen und Versen, den guten König

Ludwig zu feiern. Da sie tief aus dem Gebirge kommen, so erscheint dies

stattliche Haus hier auf der Wiese ihnen wie ein Schloß, in dem sie den

König suchen, und da er nicht vorhanden, so wenden sie sich mit ihren

Huldigungen an unseren verehrten Hausherrn. So ungefähr dächte ich

mir’s.«

»Herr Eisen ist großartig! Nie um einen Rat verlegen!« rief Käte. »Der

Gedanke ist ganz famos, aber wer faßt ihn am besten in Verse?«

»Vor allen Dingen am schnellsten?« warf Hanni ein. »Erst dichten, dann

lernen, dann einüben? Da ist nicht viel Zeit zu verlieren!«

»Bis übermorgen abend! Drei ganze Tage! Das ist ja noch eine Ewigkeit.

Bis heute abend müßte ein ungefährer Entwurf fertig sein. Ich glaube,

Herr Schack muß es übernehmen.«

»Will sehen, was sich machen läßt! – Und die jungen Damen müßten sich

auf alle Fälle so etwas von Volkstracht verschaffen, nicht wahr?«

»Wir nicht auch?« fragte Felix eifrig.

»O,« meinte verschmitzt der junge Eisen, »vielleicht ist Herr von Alten

so großmütig, sein Tirolerkostüm zur Verfügung zu stellen. Wenn wir

drei oder vier jeder ein Stück davon bekommen, so ist reichlich genug

Farbigkeit vorhanden, um volkstümlich zu wirken.«

Der etwas verblüffte Felix wußte nicht recht, ob er sich geschmeichelt

oder geärgert fühlen sollte, zog aber gutmütig wie gewöhnlich das

erstere vor und sah mit gespannter Erwartung der Entwicklung der Dinge

entgegen.

Am Abend fanden sich die Verschworenen schon vor dem Tee im noch leeren

Wohnzimmer ein. Neugierig wurden die Köpfe zusammengesteckt, um die

Verse zu hören, und von allen Seiten zollte man stürmische Anerkennung.

Besondere Freude erregte es bei den jungen Mädchen, daß auch Hermanns

Brüderchen, der allgemeine Liebling, eine kleine Rolle bekam, und

ebenso ein junges Mädchen, das erst neulich angekommen war und sich in

zutraulicher Weise den anderen angeschlossen hatte. Sie wurde schnell

gerufen und in das Geheimnis eingeweiht, und dann begann ein eifriges

Abschreiben der Rollen.

»Herr von Alten,« meinte die übermütige Käte, »Sie haben es aber zu

bequem! Diese paar Worte da sind nicht der Rede wert. Gerade Sie

sind es schuldig, etwas extra zur Unterhaltung beizutragen. Vor dem

kleinen Lied am Schluß wäre ein Schuhplattler ganz notwendig, und den

kann niemand besser ausführen als Sie! Wenn Sie sich ordentlich Mühe

geben, so können Sie es bis übermorgen noch lernen. Klaus weiß unten in

Partenkirchen jemand, der es lehrt, da müßten Sie morgen früh hingehen.

Herr Schack hat das ganze Gedicht gemacht, da ist dies das Wenigste,

was Sie beisteuern müssen.«

Felix sah sehr erschrocken drein. Diese Mädchen stellten ja unerhörte

Anforderungen an die Bereitwilligkeit ihrer Kavaliere! Da hatte man’s

in München wahrlich bequemer. – Aber schließlich war Tanzen immerhin

noch einfacher als Dichten.

Am anderen Morgen wurde der stets lebhaft unterhaltende Felix am

Frühstückstisch vermißt. »Der blonde junge Herr? Der hatte früh vor

meinem Fenster eine lange Verhandlung mit dem Eselsführer Klaus. Darauf

sah ich ihn nach dem Ort zu wandern.«

Käte wurde rot und verbiß sich nur mit Mühe das Lachen. Als die beiden

jungen Mädchen die Veranda verließen, flüsterte Hanni der Freundin zu:

»Was hast du angerührt, Käte? Der Unglückswurm nimmt deinen Unsinn

wahrhaftig ernst und quält sich nun da unten ab. Stell dir das bloß

vor!«

Dies war für Kätes lebhaft arbeitende Phantasie zuviel: Sie mußte

sich auf die Rasenkante setzen und lachte, bis ihr die Tränen aus

den Augen stürzten. »Nein, so eine Dummheit! Aber wer ein Schaf ist,

muß als Schaf geschoren werden! Bitte, stelle dir seine Sprünge beim

Schuhplatteln vor!« Sie brach von neuem vor Lachen zusammen.

Am Mittag des Ludwigstages brachte der Postbote einen zierlichen,

duftenden Brief an Tante Lucie, den sie sehr erwartungsvoll erbrach.

Ihr geliebter Neffe war am vorigen Abend nicht nach Hause gekommen.

Jetzt schrieb er: »Verehrteste Tante! Ich bin untröstlich, die schönen

Tage im Hospiz nicht bis zu Ende mit Dir verleben zu können. Aber

Umstände, über die ich keine Macht habe, hindern mich. Ich bekam

Nachrichten von meinem Korps, die mich veranlassen, unverzüglich

nach München zurückzukehren. So muß ich Dir leider schriftlich für

alle Freundlichkeit danken und Dich bitten, den übrigen verehrten

Herrschaften dort meine ganz ergebenen Grüße auszurichten. In tiefster

Ehrerbietung Dein gehorsamer Neffe Felix. ~NB.~ Meine Sachen bist Du

gewiß so gütig, an meine Adresse in München zu schicken.«

»Der Tausend, ist das ein Bengel!« rief der entrüstete Major. »Läßt

da seine arme Tante mit seinem ganzen Nachlaß sitzen! – Ist mir

das eine Manier! Zu dem Katzensprung von Partenkirchen hier herauf

sollte es doch wohl noch gereicht haben! – Nein, liebe Cousine, keine

Entschuldigung! Da gibt es keine – als vielleicht die, daß so einem

Herrchen nicht rechtzeitig die Höschen stramm gezogen sind!«

Als die jungen Mädchen später allein waren, warf Hanni der doch etwas

bestürzten Käte vor: »Die letzte Schuld hast du, du Bösewicht. Er hat

allmählich gemerkt, wie greulich du ihn zum besten hast, und da hat er

sich zurückgezogen.«

»Na, dann bin ich auch froh, wenn es ein Ende hat!« fuhr Käte los.

»Das muß ich dir sagen: Ein Vergnügen war es nicht, bei all den

schönen Wegen immer sein fades Gerede anzuhören. Und ich bin doch

nur aus Gutmütigkeit zuerst mit ihm gegangen, um dir ein bißchen

Ruhe zu verschaffen. Das sah er, eingebildet wie er ist, natürlich

gleich als Entgegenkommen an und war nicht wieder loszuwerden. Ist

es da unerlaubt, in der Not starke Mittel anzuwenden? Nein, mir ist

ordentlich leicht zumute! Nun wird’s erst hübsch!«

Der Abend verlief sehr fröhlich. Mit herzlicher Freude nahm der

liebenswürdige Hausherr die Huldigung seiner jungen Gäste entgegen,

und jeder war entzückt über den Anblick der schönen, jungen Gestalten

in der reizvollen Volkstracht. Besonders Hanni fanden alle noch viel

hübscher als sonst schon mit den dicken, blonden Flechten über der

weißen Stirn.

Nach all der Munterkeit kam niemandem der Übergang schroff oder störend

vor, als die Glocke rief und die ganze Gesellschaft sich wie immer beim

Abendsegen zusammenfand. Die Herzen waren so dankbar gestimmt für all

die Freude und Erholung dieser schönen Ruhetage, daß sie aufrichtig

einstimmten in des Hausherrn Worte: »O Herr, wie sind deine Werke

so groß und viel!« Hermann hatte sich, wie gewöhnlich, die kleine

»Marterbank« in Hannis Ecke zu sichern gewußt, und als ihr flüchtiger

Blick den seinen streifte, las sie tiefe Bewegung in seinen Zügen.

Nach Schluß der Andacht trat man noch einen Augenblick auf die Galerie

hinaus, um festzustellen, wie weit der Mond endlich Herr würde über die

zerrissenen Wolken. Da fragte Hanni leise: »Nicht wahr, dies ist doch

von allem das schönste, so zusammen diese ewige Wahrheiten hören und

empfinden?«

Er sah ihr tief in die blauen Augen: »Neben Ihnen sitzen ist schön und

mit Ihnen zusammen etwas hören, was Sie freut, ist schön. Das andere,

was Sie meinen, ist alles so fernliegend, so ungewiß. Der eine glaubt

dies, der andere das; woran soll man sich halten? Ich halte mich an

das, was ich sehe und höre – an das, was ich habe!« Er wollte ihre Hand

ergreifen, aber sie sah es nicht. Über ihr Gesicht glitt ein dunkler

Schatten.

»O bitte, ich habe Sie doch nicht betrübt? Nichts täte mir weher! Sie

meinen doch nicht, ich möchte Ihnen etwas von Ihrem Glauben verwischen?

Ganz im Gegenteil. Sie könnte ich mir gar nicht ohne denselben

vorstellen. – Nur ich kann doch nicht vorgeben, anders zu sein, als ich

bin?«

»Gewiß nicht,« sagte sie so leise, daß er ganz nahe kommen mußte, um es

zu verstehen. »Aber können Sie denn wirklich nicht die Wahrheit dessen

sehen, was mir so feststeht?«

Sie wurden unterbrochen. – Aber noch in tiefer Nacht konnte ihr

bewegtes Herz keine Ruhe finden. War es denn wirklich denkbar, daß man

alles, alles gemeinsam empfand – und nur das Tiefste, Wichtigste nicht?

Was nützte dann alles übrige! Heiße Tränen netzten ihr Kissen und erst,

als der Morgen graute, schloß der Schlaf die Augen und süße Träume

lösten allen Schmerz.

[Illustration]

[Illustration]

22. Kapitel.

Am Kreuzweg.

Hell strahlte schon die Sonne vom reingewaschenen Himmel, als

Frau Gerloff am nächsten Morgen in das Zimmer der jungen Mädchen

trat. Erschrocken rieben sich beide die Augen und konnten sich nur

langsam auf die Gegenwart besinnen, bis der Mutter Worte sie in die

Wirklichkeit zurückriefen.

»Denkt, Kinder, was Frau Pastorin schreibt: Tante Ida ist gar nicht

wohl. Sie hat es durchaus verschweigen sollen. Aber allmählich ist es

so ernst geworden, daß das nicht mehr anging. Die Sache läßt mir keine

Ruhe; ich meine, wir sollten so schnell wie möglich heimreisen.«

»Tante Ida! Was mag ihr nur fehlen? – Lungenentzündung, fürchtest du?

Mutti, da laß uns gleich heute fahren,« rief Hanni, deren noch wunde

Seele sich instinktiv dem Leiden zuwendete. »Unmöglich können wir uns

hier freuen, während sie dort ganz allein leidet. Nicht wahr, du? Wir

packen schnell, dann können wir heute abend abreisen!«

Käte stand wie betäubt da! So schnell dies alles aufgeben? »Ende

der Woche«, das war ein Begriff, den man noch einstweilen von sich

abschieben konnte. Aber heute! Ihr Herz zog sich wie im Krampf zusammen.

Aber »Soldatenkinder weinen nicht«, sprach sie sich innerlich vor.

Dabei kam sie gar nicht zu Ende mit ihrer Wäsche, denn es waren immer

neue Tränen wegzuspülen. – Hanni war doch auch in allem größer!

Mit keinem Ton klagte sie. Still, wie im Traum, räumte sie ihre

Sachen zusammen. Sie schien nur in die Ferne – wohl an Tante Ida –

zu denken! So ein Maß von Selbstlosigkeit ging nun doch über Kätes

Fassungsvermögen. Sie hatte andauernd an Tränen zu würgen und sah oft

scheu von der Seite hinüber, ob denn die Freundin völlig ungerührt

bliebe. Aber nichts war zu bemerken. Nur als die Malgeräte an die Reihe

kamen, drang es wie verhaltenes Schluchzen an Kätes Ohr. Das Gesicht

der Freundin sah sie nicht, da diese aus dem Fenster starrte, und es

dauerte lange, bis sie ihre Arbeit fortsetzte. Käte nahm wahr, wie sie

das Blatt mit dem Enzian und den Kiefernzweigen aus der Mappe zog und

nicht mit einpackte.

Am Nachmittag hatte der Hausherr die scheidenden Gäste zum

Abschiedskaffee ins Bauernhaus geladen, und mit ihnen die Münchener

Freunde, deren Stunde auch bald geschlagen hatte. Man saß im vertrauten

Gespräch beieinander, und die Rede kam auf frühere Gäste des

Hauses. Nach dem Ergehen einer jungen Gräfin aus der Umgegend wurde

gefragt, die eine besonders liebe Schülerin des Hausherrn gewesen.

Da umdunkelten sich seine lachenden blauen Augen, und er erzählte

von der traurigen Ehe der gläubigen Protestantin mit dem Manne aus

stockkatholischem Hause. Um sich von den trüben Bildern abzuwenden,

fragte der völlig Ahnungslose seine nächste Nachbarin: »Nicht wahr,

Kind, das täten Sie nimmer, einen Mann nehmen, mit dem Sie im

Allerwichtigsten nicht einig wären?«

Wie die Stimme des Gerichts schlugen die Worte an das Ohr des sowieso

im Tiefsten bewegten Mädchens. Vor ihren Blicken wurde es dunkel, und

wie laute Glockentöne summte und brauste es ihr in den Ohren. Sie hatte

das deutliche Gefühl, dies sei eine Schicksalsstunde. Kaum war ihr

klar, was sie tat, und ihre eigenen Worte klangen ihr wie fremde Laute

aus weiter, weiter Ferne, als sie leise, aber ganz fest sagte: »Nein,

nie im Leben. Ich würde ja keine glückliche Stunde haben.«

Es war gesagt. Was weiter geschah, empfand sie nicht mehr. Alles, was

sie noch an Kraft besaß, mußte sie aufwenden, um ihr Gleichgewicht

äußerlich zu wahren. Die Gestalten bewegten sich wie Puppen an Draht

vor ihren Augen, ihre Stimmen klangen wie durch eine dicke Wolke – den

Sinn der Worte verstand sie nicht. Nur ein paar todestraurige Augen

in einem blassen Gesicht sah sie deutlich auf sich gerichtet, und sie

meinte, den Schmerz nicht zu überleben. Trotzdem bewegte sie sich

ruhig wie immer. Ihre Lippen sprachen ihren Dank beim Scheiden aus,

und nachdem auch das überwunden, wanderte man den sonst so vertrauten,

wohlbekannten Bergweg entlang.

Sie fand sich nicht mehr zurecht. Lag denn ein dichter Nebel heute über

aller Welt? Trennte der sie auch von ihrem Begleiter, der stumm neben

ihr herging? Oder trennten ihre eigenen Worte sie nun für alle Zeit von

dem, dem sie immer und immer hätte nahe bleiben mögen?

Die übrige Gesellschaft war weit voraus; schon näherte man sich dem

Ziel.

Am Kreuzweg, wo die grünen Tannen den Blick ins Tal verdeckten, blieben

die beiden stehen. »O Hanni,« rief er, und der Schmerz machte seine

tiefe Stimme unsicher, »es ist zu schwer, so zu scheiden! Wie anders

hatte ich’s mir gedacht! – Und doch darf ich mein Wort nicht brechen.

Wissen Sie noch? Sie waren ein kleines Mädel und sagten so voll

Zutrauen: ›Um etwas, was ich nicht dürfte, würden Sie mich doch niemals

bitten?‹ Ich versprach es ohne eine Ahnung, wie Schweres ich auf mich

nahm. – Was soll nun werden?«

Welch ein Glück, daß er in seiner klaren, schlichten Männlichkeit

sie für so viel fester hält, als sie ist. Hätte sie in diesem Moment

überwältigenden Trennungswehs die Kraft gehabt, zu widerstehen, wenn er

sie überredet hätte?

Sprechen kann sie nicht, die Kehle ist wie zugeschnürt. Aber aus

ihrer Tasche zieht sie das Blatt mit den blauen Blumen. Der Rand mit

der Kritzelei ist abgeschnitten, aber in der Ecke steht geschrieben:

»Suchet, so werdet ihr finden.«

Flehend sehen ihre Augen zu ihm auf, als er die Worte liest. Da kann

er nicht widerstehen. »Ein einziges Mal muß ich Ihnen sagen, was Sie

mir sind,« ruft er, und seine Lippen berühren ihre goldenen Haare,

während sein Arm sie fest an sich zieht. – Dann, den Talisman in seiner

Tasche bergend: »Ich will’s ja versuchen – ganz gewiß!«

»Hanni, es wird hohe Zeit; wo bleibst du?« rief es von unten, und

schnell strebten die Nachzügler dem Ziel entgegen. Wie gut, daß bei der

Erregung und dem Wirrwarr der Abreise jedermann mit sich selbst und

seinen Angelegenheiten zu tun hatte; so bemerkte niemand, daß die zwei

in einer anderen Welt lebten und nichts von dem Getriebe sie berührte.

Der Zug setzte sich in Bewegung, und dahin flog all das, was einem

so lieb geworden. Erst grüßten noch Schneehäupter und riesige Tannen

die Scheidenden, dann lachte der tiefblaue Starnberger See sie an

und versuchte einen Widerschein der Freude auf blassen Gesichtern zu

erwecken – zuletzt verschwanden auch die letzten zarten Umrisse der

Spitzen und Zacken, und mit einem Seufzer aus tiefster Brust empfanden

sie: die Bergwelt lag hinter ihnen.

[Illustration]

[Illustration]

23. Kapitel.

Stille Zeiten.

»Ach, Kinder, seid ihr wirklich da? Das ist ja zu schön. Ich meinte,

es würde noch lange dauern. O, o die Hitze! Aber nun wird’s ja besser.

Ach, Hanni, deine schöne, kühle Hand! Nein, wie ich mich freue!«

So schlimm hatte man sich die Krankheit doch nicht gedacht. Glühend

brannten die armen eingefallenen Wangen, die Pulse flogen. – Nur mit

Mühe war Hanni zu bereden, sich nach der langen Fahrt ein paar Stunden

schlafen zu legen und diese erste Nachtwache noch der treuen Marie

zu überlassen. Die nächsten Tage und Nächte gönnte sie sich kaum die

allernötigste Ruhe und Erholung. Ihr armes Herz konnte sich nicht an

den Gedanken gewöhnen, nun auch das verlieren zu sollen, was neben der

Elternliebe so recht der Sonnenschein ihrer schönen Kindheit gewesen,

die auf einmal in weitester Ferne hinter ihr zu liegen schien. Sollte

Gott auch dieses Opfer von ihr verlangen?

In dunklen Tagen und Nächten rangen ärztliche Kunst und treueste,

aufopfernde Pflege um das teure Leben. Die schwache Flamme flackerte

oft so matt, daß man kaum noch wagte, eine Hoffnung festzuhalten.

»Ich fürchte, diese Nacht kann’s ernst werden,« sagte am Sonnabend

abend der alte Hausarzt, der die Kranke seit seiner Jugend kannte und

verehrte. »Wenn Sie wünschen, lege ich mich hier schlafen, damit ich

für den Notfall bei der Hand bin. Ich habe zu Hause einen Vertreter

bestellt.«

Dankbar schüttelte der Major dem treuen Freunde des Hauses die Hand.

»Und das kleine Fräulein will nicht zu Bett? Nun, dann aber nächste

Nacht auf jeden Fall. Nur unter der Bedingung erlauben wir’s!«

Hanni nickte schmerzlich lächelnd. Wer wußte, ob nächste Nacht

noch jemand wachen müßte! In ihrem Großvaterstuhl setzte sie sich

so zurecht, daß sie jede Bewegung der Fiebernden sehen, jeden

unausgesprochenen Wunsch erfüllen konnte.

Aber die Unruhe war geringer in dieser Nacht, und über dem langen

Stillsitzen schlief die ganz Erschöpfte endlich fest ein.

Erschrocken fuhr sie gegen Morgen empor. Hörte sie recht? Mit kräftiger

Stimme, wie man sie lange nicht gehört, fragte die Kranke: »Was soll

nun der Unfug, daß die Lampe hier in den hellen Tag hinein vergebens

brennt und das Kind im Stuhl sitzt, statt im Bett zu schlafen! – Ach,

jetzt erinnere ich mich – es war wegen der dummen Fiebergeschichte! Na,

nun kannst du aber schlafen gehen, es ist vorbei, und ich will auch

wieder Ruhe haben. – Nein, nichts zu trinken! Mahlzeiten im Bett sind

mir greulich. Ich stehe dann nachher auf.«

Hanni mußte beinahe lachen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. So war

denn die Krankheit gebrochen? – Um die Tante nicht zu ärgern, legte sie

sich wirklich nebenan aufs Bett, und die beiden schliefen bis in den

lichten Morgen.

Hannis Heimkehr · 第 11 / 13 段