und ihrer Mutter – hier kommt’s: Ich erzählte Dir schon, wie nett
neuerdings die Sonntagabende bei Admiral Kählers sind. Von den älteren
Herrschaften, die früher den Hauptstamm bildeten, sind manche weg.
Dafür kommt allerhand heimatloses Gemüse, was in Berlin fremd ist, und
selig ist, einen Abend in der Familie zuzubringen. Kählers sind rührend
darin: Die Kinder dürfen alle ihre Freunde mitbringen, und die unter
Umständen wieder ihre Kameraden oder Leidensgefährten – und trotzdem
paßt alles zueinander; dazu ist der Respekt vor dem strammen Geist
des Hauses viel zu groß. Ganz regelmäßig ist Ilse von Herder dort. Zu
eigentümlich, wie sie sich in ihr Schicksal gefunden hat. Daß nach
ihres Vaters Tode nichts als Not übrig blieb für sie und die grenzenlos
anspruchsvolle Mutter, weißt Du ja. Jetzt haben Verwandte sich erbarmt,
die arme Frau zu sich aufs Gut zu nehmen, und dort stöhnt sie nun über
Einsamkeit und primitive Zustände und am meisten über ihre unsinnige
Tochter, die, statt sich auch hinzusetzen mit den Händen im Schoß, sich
sofort auf eigene Füße gestellt hat. Wie doppelt schwer für sie, die
keinerlei Vorbildung hatte! Aber Kählers haben die Sache für sie in
die Hand genommen, und jetzt zeigt sich, was in ihr steckt. Sie ist in
einem wohlhabenden, netten Hause, wo die junge Frau immer kränkelt und
entsetzliche Nöte mit den Dienstboten hatte. Ilse ist jetzt die Seele
des Ganzen; die drei Gören schlafen bei ihr, und sie versorgt sie und
pflegt die junge Frau, sieht nach der Küche und ist so befriedigt und
froh wie noch nie bisher! –
In der Hoffnung, sie zu treffen, ging ich den ersten Sonntag nach der
Reise zu Kählers. Aber es kam anders: Als ich ins Wohnzimmer trete,
denke ich, mich rührt der Schlag! Ich glaubte erst, meine Augen sähen
nicht recht! Aber dann die Stimme – die konnte nicht trügen! Wer meinst
Du, springt vom Klavier, auf dem er gespielt, in die Höhe und streckt
mir, strahlend vor Vergnügen, beide Hände entgegen? – Kein anderer, als
der Burger-Hannes aus dem Bauernhaus – nun aber in Gardeuniform statt
der Lodenjacke, und nicht mehr Hannes, sondern Leutnant Hans von Burgh.
Mein Gesicht muß unerlaubt dumm gewesen sein, denn alle, die es sahen,
konnten gar nicht wieder mit Lachen aufhören.
Schnell, damit nicht erst Freunde dazu kämen, die es falsch auffassen
möchten, beichtete Herr von Burgh, wie er schon zum drittenmal seine
Urlaubszeit dort oben in den Bergen verlebt hätte. Immer so tatenlos
herumzusteigen, hasse er. Da es aber ihm, als Jüngsten, nicht vergönnt
sei, auf eigenem Grund und Boden Vieh und Heu zu versorgen, wie seine
pommerschen Brüder, so hielt er sich dort, wo ihn niemand kannte,
dadurch schadlos, daß er sich beim Bauern für die Heuzeit verdingte.
Daß es ihm nun auch beschieden wäre, ein paarmal Fremdenführer zu
spielen, sei ein Glückszufall gewesen, den er sich vorher gar nicht
hätte träumen lassen. – Seelenvergnügt sah er dabei zu mir herüber.
›Nicht wahr, die Schneefernen da oben vergißt man nicht wieder – und
den Abstieg im Nebel auch nicht! Zu fein war’s!‹
Du kennst mich doch sonst nicht als blöde, Hanni, – aber ich verlor
alle Fassung. Weißt Du, es ist ein zu unheimliches Gefühl, wenn jemand,
zu dem ich viel gesprochen, dann plötzlich ein ganz anderer ist als ich
gemeint. Wieviel argloser zeigt man sich gegen den Burger-Hannes, den
man doch nie wieder sieht, als gegen – –
Na, es war eine verhexte Geschichte, und ich war froh, als neue
Gäste hereingeführt wurden und all die schützenden und verhüllenden
Vorhänge der Konvenienz wieder niederrollten und wohltuenden Schatten
verbreiteten.
Im Laufe des Abends aber kam Herr von Burgh immer wieder auf die
Geschichten zurück, so daß ich gar nicht entweichen konnte. Zum Unglück
saß ich auch bei Tisch neben ihm, und das Schlimmste war, daß alles,
was er erzählte, für mich ganz anders klang als für nichtsahnende
Hörer, ich also immer sein heimlicher Mitwisser war, mochte ich wollen
oder nicht. Die ganze Geschichte machte mich verwirrt und eigentlich
böse, und als er’s endlich so einzurichten wußte, daß wir die Bahn
verfehlten und mir nichts übrig blieb als sein Geleit anzunehmen für
den weiten Heimweg, da war mir gänzlich die Lust am Plaudern vergangen.
Eine ganze Weile gingen wir stumm nebeneinander her. Dann fragte er,
und ich mußte ihn ansehen, so ganz anders klang seine Stimme als vorhin
beim Scherzen und Lachen: ›Warum muß nun hier alles so fremd sein? Ist
denn ein Bauernjunge soviel besser und vertrauenswerter als ein armer
Gardeleutnant?‹
›Nein,‹ antwortete ich, ›aber Sie sind nicht wahr gewesen gegen mich!‹
Er blieb stehen, und bei der flackernden Laterne schien sein Gesicht
ganz weiß: ›Unwahr hat mich noch kein Mensch genannt,‹ sagte er sehr
ernst, ›und nun gerade Sie? Was meinen Sie damit?‹
Ich war ganz empört. ›Wissen Sie denn gar nichts mehr?‹ rief ich. ›Ich
sehe ja noch alles haarklein vor mir: die enge Straße von München, wo
Ihre alte Mutter in dem ärmlichen, aber blitzblanken Stübchen wartet,
wenn Sie müde von der Arbeit heimkommen; Ihre blasse, liebliche
Schwester, die bis in die Nacht hinein arbeitet, um dem einzigen Bruder
vorwärts zu helfen! – So was ist unrecht!‹
Ich wollte ihn sehr streng ansehen, aber sein Gesicht lachte wieder
so glücklich wie den ganzen Abend. ›Ach, das war bei dem wunderbaren
Heimweg von der Zugspitze! Wie lieb, daß Sie das alles noch wissen!
Unwahr ist aber kein Wort von dem, was ich sprach. Daß die große Stadt
München heiße, habe ich nicht gesagt, sondern es schien Ihnen wohl nur
das Wahrscheinlichste. – Aber daß mein Mütterchen ihr bescheidenes
Witwenstübchen traulich hält, wenn ich – wahrhaftig oft von saurer
Arbeit, verbrannt und bestaubt – heimkehre, das ist gewiß! Dabei bleibt
zu untersuchen, ob eine arme Offizierswitwe es in ihrer Art nicht oft
saurer hat als eine Arbeiterfrau. Und nun meine Lore? Ja, wahrhaftig
hat sie ein süßes, blasses Gesichtchen und tut ein saures Stück Arbeit,
wenn sie den ganzen Vormittag mit den unnützen Krabben in ihrer
Zeichenklasse zubringt und oft bis in den Abend ihre schönen Entwürfe
macht für die Kunstgewerbeschule. Aber wie stolz ist sie dann auch
über ihren Verdienst, und was für herrliche Zukunftspläne machen wir
miteinander!‹
Meine liebe Hanni, als treue, aufrichtige Freundin muß ich Dir nun –
leider, leider – berichten, daß es nicht bei diesem einen gemeinsamen
Nachhauseweg blieb. Und was noch schlimmer ist, die späteren Male fuhr
uns die Elektrische nicht vor der Nase weg, wie den ersten Abend. Ich
hätte gut fahren können und er seinen kurzen Heimweg zu Fuß machen!
Leider geschah auch das nicht.
Aber schüttle nur nicht Dein liebes, edles Haupt in der Befürchtung,
jemand könnte sich durch Träumereien von seinem geraden, sehr langen
Wege abbringen lassen. Für Luftgebilde sind wir beide – ich wollte
sagen, bin ich nicht – und ist Herr von Burgh nicht. –
Ich arbeite für zwei im Seminar und will einst keine Plage für meine
Klasse werden, sondern eine Lehrerin von Gottes Gnaden, die ihre Bande
zu allen Höhen hinanführt. – Soviel lernt man doch in den Bergen.
Und sollte einmal nach hundert Jahren eine Zeit kommen, wo ich keine
Klasse mehr habe, sondern eigene Jungen zur Räson bringen muß, dann
werde ich wohl mein bißchen Wissenschaft erst recht gebrauchen. Denn
daß das Dickköpfe sind, die viel lieber Heu machen oder Soldat spielen,
als ~mensa~ deklinieren, ist außer Frage!
Nun aber Schluß. Nur noch das eine: Bildet Euch nicht ein, Du und Herr
Eisen, Eure Theorie von dem gemeinsamen Niveau sei nun als richtig
erwiesen! – Ganz im Gegenteil! Auf dem nicht gemeinsamen Niveau lernten
wir uns kennen – um nicht mehr zu sagen.
Und Ihr mögt behaupten, was Ihr wollt: für mich bliebe er genau
derselbe, selbst wenn ich ihn als Schornsteinfeger wiedergesehen hätte.«
[Illustration]
Verlag der Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg
Neue gute Jugendschriften
für Sechs- bis Zehnjährige.
Neu erscheint:
Wie’s wispert und wuspert im grünen Wald.
=Waldmärchen= unseren Kindern erzählt von =Paul= und =Anna Blau=. Mit
Bildern von Anna Blau. Sehr hübsch geb. Mk. 2.80.
Eine köstliche Gabe für unsere Kleinen bietet der Dichter des
»Bergsegen« mit diesen reizenden Waldmärchen. Der ganze Zauber der
Harzberge wacht in diesen wunderlieblichen Geschichten auf und läßt all
das lebendig werden, was Kinder in der grünen Welt des Waldes entzückt.
Die Federzeichnungen von Anna Blau schmücken den Text in sinniger Weise.
In sechster Auflage:
Auf Großmutters Landgut.
Eine Erzählung für kleine Leute v. =Eva Gaehtgens=. Mit Bildern von
Elisabeth Voigt. Sehr hübsch geb. Mk. 2.80.
Ein Kinderbuch (für Sieben- bis Zwölfjährige), in dem sich nichts
Gemachtes, Süßliches, Sentimentales findet, sondern wirkliches,
gesundes Kinderleben voll sprudelnder Lebenslust. Ein hübsches
Weihnachtsbuch!
(»Der Lehrerbote«, Württbg.)
In vierter Auflage:
Winterleben auf Großmutters Landgut. ▣
Eine Erzählung für kleine Leute von =Eva Gaehtgens=. Mit Bildern von
Elisabeth Voigt. Sehr hübsch geb. Mk. 2.80.
In dritter Auflage:
Tante Adas Pflegekinder.
Eine Erzählung für kleine Leute v. =Eva Gaehtgens=. Mit Bildern von
Elisabeth Voigt. Sehr hübsch geb. Mk. 2.80.
In zweiter Auflage:
Von Kindern, Mäuschen und Drachen und allerlei anderen Sachen.
Märchen und Erzählungen für kleine Leute von =Friederike Schlunk=. Mit
Bildern von Elisabeth Voigt. Sehr hübsch geb. Mk. 2.80.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Der
Schmutztitel wurde entfernt.
Korrekturen:
S. 39: Kückenmädchen → Küchenmädchen
und von der bis zum kleinen {Küchenmädchen}