ziemlich einsilbig dagesessen in Erinnerung an den mit Tante Lucie
recht langweilig verlebten Tag, erklärte, jedenfalls an dem Ausflug
teilnehmen zu wollen.
Früh um sechs Uhr kam es leise, um die Längerschlafenden nicht zu
stören, aus den verschiedenen Ecken des Hauses zusammen. Proviant
wurde in die Rucksäcke verteilt, jeder suchte gerade den Bergstock zu
erwischen, der ihm am handlichsten war, die Riemen wurden auf ihre
Festigkeit geprüft, und lachend kommandierte der junge Mediziner:
»Jeder fühle nach, ob seine Absätze festsitzen, damit nicht wieder
einer verloren geht, wie neulich!« Dabei streifte sein Blick die schöne
Bügelfalte und die feinen, braunen Schuhe des Korpsiers, und erstaunt
rief er aus: »Ich meine, Sie wollten doch mit? So? – mit diesem
Beinwerk? – Das ist vollständig ausgeschlossen! Eine Beleidigung für
unsere Berge, sie für so harmlos zu halten, daß man sie mit Tanzschuhen
besteigt! Sie würden rettungslos von dem ersten Hang abrutschen.«
Felix wollte eine empörte Antwort geben. Das harmlos muntere Wesen
seines Kommilitonen war ihm schon am gestrigen Abend äußerst anstößig
gewesen. Aber ein feiner, junger Ingenieur legte sich ins Mittel und
erklärte ihm, daß er ohne entsprechende Kleidung hier an den weiteren
Wegen wirklich nicht teilnehmen könne, daß er aber alles Nötige unten
im Städtchen bekäme. So wurde der Weg gemeinsam angetreten, und unten
an der Brücke teilte man sich. Rechts ging’s hinauf zur Höhe – Felix
wanderte hinunter, um eine alpine Ausrüstung zu besorgen.
»Ein Greuel sind doch diese aufgeputzten Salontiroler,« sagte am Mittag
der Major zu seinen Damen, indem er mit seiner kurzen Pfeife den Weg
hinunterwies, den man von der Ruhebank aus übersehen konnte. »Nun seht
doch dieses Bürschchen! Alle Farben, die es gibt, trägt der Papagei an
sich! Solche hübsche Volkstracht so lächerlich zu machen! – Aber was
ist denn das? Ich sehe wohl verkehrt? – Das ist doch nicht Ihr lieber
Neffe? Nein, das hätte ich wahrhaftig nicht für möglich gehalten! –
Herrschaften, ich gehe eben voran, mich zum Essen fertig zu machen,«
fügte er, aufstehend, hinzu, um der Begrüßung mit dem Schöngeputzten
aus dem Wege zu gehen, die ihn in dessen Seele genierte.
Anders machte es Käte, als sie am Abend mit den übrigen heimkam und ihr
im Eßsaal die hellblaue Jacke und das unnatürlich weiße, offene Hemd
entgegenstrahlte. Sie fuhr einen Schritt zurück, lachte hell auf und
rief: »Herr von Alten, so sind Sie zu hübsch! Bitte, so müssen Sie auf
einen Pfeifenkopf gemalt und zur Kirmeß verkauft werden!«
Er fand sich wirklich selber so hübsch, daß er gar nicht gekränkt war
über den Ausruf, und allmählich neigte sich der Zeiger an seinem
Kompaß der lustigen Käte zu, die doch mehr Schick hätte als die gar zu
aufrechte Hanni.
»Denken Sie sich meine Freude,« erzählte eines Nachmittags der
Baumeister den Freunden: »Mein ältester Junge schreibt heute, er könne
es ganz gut so einrichten, daß er einen Teil seines Urlaubs jetzt nähme
und mit uns hier oben verlebte. Unsere Schilderungen haben ihm wohl den
Mund wässern gemacht. Er kann jeden Augenblick kommen,« fügte er, auf
die Uhr sehend, hinzu.
In der Tat sah man bald darauf eine elastische Gestalt mit schnellen,
festen Schritten über die Wiese herkommen. Wie einem echten Kinde des
Landes saß ihm die knappe Bergtracht wie angewachsen, und keck nickte
das selbstgepflückte Sträußchen Edelweiß von dem weichen, in Sturm
und Wetter farblos gewordenen Hut. »Grüß Gott, Vater!« Wie herzig das
klang. Dann aber schickte er, trotz der fröhlichen Begrüßung von allen
Seiten, einen enttäuscht fragenden Blick in die Runde. Fehlte denn
jemand?
»Sie haben nicht zuviel gesagt von Ihrer Heimat,« meinte der Major.
»Eine wahre Pracht ist das! Wir sind alle ganz begeistert. Übrigens, wo
ist Hanni?«
»Sie ging vorhin in den Antoniwald hinauf, Onkel; wahrscheinlich will
sie ihre Skizze vom Bauernhaus fertig machen.«
Hanni malte nicht. Das Gesicht in beide Hände gestützt, saß sie auf
einem bemoosten Stein und sah unbeweglich in die Ferne. Sie war
unzufrieden mit sich. Warum war’s ihr wie ein Blitz in die Glieder
gefahren bei der ganz unerwarteten Nachricht vorhin? Was sollte dieses
alberne Rotwerden, das ihr alle Fassung raubte? Es war doch hübsch,
alte Bekannte wiederzusehen. Aber in solcher großen Versammlung sich zu
begrüßen, war ihr fatal.
Und nun nachträglich allein, das wäre noch schlimmer. Sie mochte
nicht umkehren und blieb auf ihrem versteckten Plätzchen, bis die
Dämmerung hereinbrach. Dann stahl sie sich ungesehen von der Seite
ins Haus; wäre nun aber in der Eile und geblendet von der plötzlichen
Helle fast zusammengerannt mit den Münchener Freunden, die eben dem
Neuangekommenen sein Zimmer zeigen wollten.
»Ach, grüß Gott, Fräulein Hanni! Gelt, meine Heimat ist auch schön?«
Alle dumme Verlegenheit war vergessen; herzlich schlug sie in die
dargebotene Rechte, und das warme Gefühl von Vertrauen legte sich ihr
wieder ums Herz, das diese Stimme vom ersten Augenblick an in ihr
erweckte.
* * * * *
Warum hatte die Sonne noch nie so hell geschienen, wie an den nun
folgenden Tagen, das Heu noch nie so süßen Duft ausgeströmt, die
klaren Wasser noch nie so melodisch gerauscht, die Ferne noch nie so
verführerisch gelockt? Hanni dachte nicht viel darüber nach, sondern
überließ sich der beglückenden Gegenwart ohne jeden Rückhalt. Sie
fühlte keine Ermüdung, wie früh morgens auch die Wanderungen begannen.
Und wenn am Abend der Mond seinen flimmernden Schein über die Wiesen
ergoß, dann bedurfte es eines elterlichen Machtspruchs, um die junge
Gesellschaft überhaupt zur Ruhe zu bringen.
Aber auch »die ältesten Leute« gaben zu, einen solchen August noch
nicht erlebt zu haben.
An einem strahlenden Nachmittag kam der stets beschäftigte Student
Eisen mit eiligen Schritten den Fußweg vom Bauernhaus herauf: »Was
für ein Glück, Herr Schack, daß Sie hier so zu Hause sind! Denken
Sie, die beiden Führer, die Majors für die Zugspitze bestellt hatten,
telephonierten eben ab. Sie wären für einen Krankentransport bestimmt,
da müsse alles andere zurückstehen. Aber Frau ~Dr.~ Kähler hat den
ihren sicher, und der Burgerhannes vom Bauernhaus will mitkommen. Wenn
dann Sie die dritte Stelle übernehmen, so ist doch wohl aller Vorsicht
Genüge getan! – Wie oft waren Sie doch oben?«
»Fünfmal, glaube ich, und an den schwierigen Stellen ist mir jeder
Fußbreit bekannt. Ich habe den Weg gefunden, als vor Schnee kein
Drahtseil zu sehen war. Jetzt bei dem klaren Wetter hat’s gar keine
Gefahr! Nicht wahr, Herr Major, Sie vertrauen uns beiden die Führung
Ihrer jungen Damen an? Den Hannes habe ich als einen durchaus
zuverlässigen, ruhigen Menschen kennen gelernt, und ich für mein Teil
bürge dafür, daß nichts Unvorsichtiges geschieht.«
Nach ernstlicher Beratung, der die jungen Mädchen mit nur mühsam
verhaltener Sorge zugehört hatten, wurde der Aufbruch der kleinen
Gesellschaft für drei Uhr früh festgesetzt. Man wollte gern an einem
Tage auf dem Gipfel sein, dort übernachten und am folgenden Tage
den Heimweg antreten. Alle wußten, daß dies eine Leistung nur für
ganz tüchtige Bergwanderer war, und gerade das reizte den Eifer. Jede
Kleinigkeit an den Vorbereitungen wurde mit der Sorgfalt gemacht, die
einer Nordpolfahrt würdig gewesen wäre, und früh ging’s zur Ruhe, um
die nötigen Kräfte zu sammeln. Eben vorm Schlafengehen schlüpfte Hanni
noch einmal zum Abschied in ihrer Mutter Zimmer, wußte sie doch, daß es
der Teuren einen wirklichen Entschluß gekostet hatte, ihre Erlaubnis
zu geben. »Ich verspreche dir fest, vorsichtig zu sein und gar nichts
Waghalsiges zu tun! – Und Herr Schack paßt ja auf, der so genau
Bescheid weiß!« fügte sie hinzu und verbarg ihr Erröten an der Schulter
der Mutter, die sie innig umarmte.
»Ja, Liebling, ich habe auch keine Angst. Gott ist mit euch. Aber wenn
ihr wieder da seid, will ich doch froh sein.«
O, das Wonnegefühl, mit der Sonne um die Wette emporzusteigen, eine
Höhe nach der anderen unter sich zu lassen, immer neue Rundblicke,
immer freiere Fernsicht! Berückend ist es!
Und wenn der Durst sich meldet, an dem springenden, plätschernden
Bergquell zu rasten, der seinen strömenden Reichtum unversiegbar
hergibt – immerfort und immerfort! Wieviel Gleichnisse sind an solche
Quelle geknüpft worden, wieviel ist über ihre Unerschöpflichkeit
gedichtet! – Ganz kennt nur der sie, der an so einem himmlischen
Morgen, die Glieder ins weiche Moos gestreckt, ihrer klaren Stimme
gelauscht hat und bis ins Herz erquickt ist von ihrer kühlen Frische.
Als die Wanderer sich gründlich gestärkt und ausgeruht hatten, ging’s
mit neuer Freude voran. Die Sonne brannte schon heißer, aber was machte
das aus, wenn man soviel Überschuß an Kräften hatte!
»Jetzt kann ich Ihnen klarmachen, was Sie für mich sind,« sagte Hermann
zu der vor ihm auf dem schmalen Fußpfad hinwandernden Hanni, die so
leicht und sicher ging, als wäre Mühe ihr etwas Unbekanntes. »So leer
und durstig nach allem Guten war ich, bevor wir uns kannten. Sie
sind für mich Erquickung und Leben, wie die frische Quelle für den
Verschmachtenden.«
Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, der Weg war schmal, und man mußte
acht geben auf die steilen Abhänge.
Als man eine der unwegsamsten Stellen ohne jeden Zwischenfall passiert
hatte, sagte der Student eifrig: »Die Damen steigen ganz großartig, wir
müssen wirklich den Abstieg übers Höllental nehmen, dann kommen wir
eher heim und können doch nachher mitreden.«
Käte stimmte begeistert zu und auch die übrigen waren für den
Vorschlag. Nur Hanni sagte nichts, und als sie später eine Gelegenheit
fand, mit ihrem Begleiter allein zu sprechen, vertraute sie ihm an, daß
es ihr schrecklich peinlich sei, den Kameraden den Spaß zu verderben,
und daß auch sie selber – dazu kannte er sie genug – für ihr Leben gern
das Abenteuer bestanden hätte. »Aber ich darf’s nicht mitmachen, ich
habe Mutti extra versprochen, nichts Waghalsiges zu unternehmen!«
»O, das ahnte ich ja nicht, bitte, verzeihen Sie mein Zureden! Ich bin
wohl fest überzeugt, daß wir Sie sicher über die Klippen brächten,
sonst hätte ich ja nicht zugestimmt. Aber wenn’s Ihnen gegen das
Gewissen geht, so unterbleibt es selbstverständlich.«
Ihr dankbarer Blick war ihm reichlicher Ersatz für die erhoffte
Kletterpartie, und im besten Einvernehmen erreichte die kleine
Gesellschaft das Ziel und genoß begeistert den klaren, wunderbaren
Rundblick und auch von Herzen das kräftige Mahl, das alle redlich
verdient zu haben meinten. Nach gründlicher Mittagsruhe saß man wieder
friedlich zusammen, blickte in die Ferne und machte sich auf besondere
Schönheiten aufmerksam. Dabei wurde gemütlich über Ernstes und Heiteres
geplaudert.
Etwas verspätet gesellte sich die junge Doktorsfrau zu den übrigen; da
rief der Student ihr schon von fern entgegen: »Sie müssen entscheiden,
Frau Doktor, Ihre Lebenserfahrung reicht doch noch weiter als die
unsere, was etwas sagen will: Fräulein von Platen behauptet hier,
wirkliche Liebe sei völlig unabhängig von allen äußeren Zutaten. Wenn
sie zum Beispiel einen Schornsteinfeger lieb hätte, so würde nichts sie
zurückhalten, ihm die Hand zu reichen; – ich meine nicht bloß, ohne
Angst vor schwarzen Fingern, sondern fürs Leben!«
»Bitte, bitte, Käte, bist du wieder bei deinem Schornsteinfeger
angelangt? Geben Sie sich keine Mühe, Herr Eisen, das Kapitel kennen
wir bereits aus der ersten Klasse. Ich glaube wirklich, es ist das
beste, wenn wir einen von dieser Spezies für Käte beschaffen, damit sie
davor Ruhe kriegt.«
»Ihr verdreht meine Meinung absichtlich, und das ist eine Roheit,«
rief Käte, rot vor Ärger und Eifer. »Was ich gesagt habe, ist das: die
sogenannten jungen Herren brauchen sich nicht einzubilden, daß sie
allen geistigen Besitz gepachtet haben! Mit manchem ganz einfachen
Menschen kann man sich besser verstehen als mit den allergehobeltsten!
Denk an euren Kutscher Hinrich, Hanni! Was haben wir uns erzählt, wenn
wir auf dem Bock bei ihm sitzen durften! – Und jetzt dieser Hannes! Ich
habe mich nicht nur gefreut, diese Herrlichkeiten mit ihm zusammen zu
sehen, statt wie neulich Herrn von Altens Erläuterungen anheimzufallen,
sondern ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, es hätte je einer
von den gewiß sehr ausgezeichneten jungen Herren in Berlin mich
annähernd so unterhalten, wie dieser ganz einfache Mensch. Er zeigte
das tiefste Verständnis für alles Schöne und Wahre, und das ist doch
wirklich fürs Glück wichtiger, als ein bißchen mehr oder weniger
Schliff!«
»Nun, was Herrn von Alten anlangt,« meinte der schwer zu überzeugende
Student, »so will das vielleicht nicht so arg viel sagen. Aber Ihre
Berliner Bekannten würden sich doch sicher mit Recht beklagen, wenn
ihre Qualitäten so glatt zurückgestellt würden hinter die eines braven
Bauernjungen, dessen Können im Heumachen und Bergsteigen gipfelt!
Übrigens sehen sich auch solche Dinge im strahlenden Sonnenschein
rosiger an als in Nebel und Frost! Besehen Sie sich Ihren Ritter einmal
im Winter in der qualmigen Bauernstube bei seinen Speckbohnen! Wenn Sie
dann noch auf Ihrer Meinung bestehen, erkläre ich mich geschlagen.«
Lachend versprach Käte nach vollzogener Prüfung Bescheid zu geben.
Allmählich wurden die Schatten tiefer, und das Interesse wendete sich
dem morgenden Heimweg zu. »Fein wird’s im Höllental,« rief Käte, »ich
freue mich so auf die Gesichter der beiden Münchnerinnen, die sich
einbilden, sie allein könnten was leisten.«
»Fräulein von Platen, wir wollen doch lieber den gewöhnlichen Weg
heimgehen. Nur von dem ist zu Hause gesprochen, und es wäre etwas
treulos, nun Extratouren zu machen.«
»Unsinn, Herr Schack,« rief der Student, und die junge Frau schloß sich
seiner Meinung an; »direkt verboten ist der steile Weg nicht, und ›was
ich nicht weiß, macht mich nicht heiß‹. Außerdem kommen wir früher heim
und überraschen die Wartenden.«
»Die jungen Damen sind meiner Führung anvertraut und machen den
steilen Weg nicht,« beharrte Hermann ganz ruhig. Und wenn die anderen
auch etwas erbost waren über solch Maß von »Hartnäckigkeit und
Engherzigkeit«, so fügten sie sich doch zuletzt, und der Abstieg ging
am anderen Tage so glatt und schnell vonstatten, daß, lange bevor
sie erwartet waren und bevor ein Gefühl von Bangigkeit das besorgte
Mutterherz beschleichen konnte, der kleine Trupp sonnverbrannt und
wandermüde, aber glückselig über das Genossene daheim ankam.
[Illustration]
[Illustration]
20. Kapitel.
Im Regen und im Sonnenschein wachsen die blauen Blümelein.
So herrlich nun auch die Wanderungen in Sonnenschein und Waldesduft
waren, allein mußte es doch nicht die Pracht des Sommers sein, die die
jungen Herzen in ihrem Banne hielt.
Als schwarzes Gewölk sich auftürmte und dumpfer Donner über die
Berghäupter hinrollte, meinte man, dies Schauspiel sei doch das
Allergroßartigste. Und als die zuckenden Blitze und prasselnd
niederfahrenden Schloßen, die man nicht müde werden konnte, von der
Galerie aus zu beobachten, nicht mehr die Blicke fesselten, sondern ein
Landregen sich fest und breit niederließ und alles in seinen grauen
Sack steckte, so daß man nicht die nächste Tannenwand mehr sah, viel
weniger irgend einen Berg, da entdeckte man auf einmal den über alle
Maßen molligen Winkel im Wohnzimmer. Jeder fand sein festes Plätzchen
auf der Eckbank zwischen den Fenstern. Man vertiefte sich in Studien
aller Art, und im leisen Flüsterton, um die Schreibenden an den übrigen
Tischen nicht zu stören, teilte man die schönsten Stellen einander mit.
Gibt es einen heimlicheren Zauber als diese unausgesprochene
Gemeinschaft bei gleicher Arbeit, während die lautlose Stille das
Gefühl der inneren Nähe noch vertieft? Das leise Knistern und Knacken
im Kachelofen läßt die Ruhe umher nur um so größer erscheinen.
Wie in den vorigen Tagen die blaue, dunstige Ferne immer stärker
gelockt hatte, wie man immer weiter hinaufgestrebt, je mehr Klippen
man schon überwunden – ebenso bemächtigte sich jetzt der Jugend das
unendliche Verlangen, immer tiefer einzudringen in die Schönheiten der
Poesie, des Wissens und Erkennens, die sich ihnen beim Lesen auftaten.
Hermann Schack hatte seine Universitätsjahre gut genutzt. Wenn er den
Verkehr mit Altersgenossen fast zu wenig gesucht hatte, so war ihm
desto mehr Zeit geblieben, neben seinen Fachstudien Literatur aller
Art kennen zu lernen. Nun war es für die wissensdurstigen Mädchen eine
wahre Wonne, ihm zuzuhören, wenn er vorlas oder erzählte. Und immer
hatte er etwas Interessantes bei der Hand; wo er es herschaffte, war
oft das stille Erstaunen der übrigen. – –
Triefend vom Regen, kam Hanni am Nachmittag von kurzer Wanderung zurück
mit einem Strauß von Kiefernzweigen und Enzian, den sie ins Wohnzimmer
brachte.
»O, wer doch diese Farben festhalten könnte!« rief Hermann aus, »wie
würde so ein Bild einem in öden Zeiten den Sommer vorzaubern! –
Fräulein Hanni, haben Sie gar nicht mehr gemalt seither? Wissen Sie
noch das Glockenblumensträußchen?«
»Gewiß, sie malte oft und hätte alles Nötige hier!« verriet Käte. Und
obwohl es Hanni erst ein wenig widerstrebte, ihre heimlich geliebte
Kunst fremden Blicken auszusetzen, so überwanden die drängenden Bitten
doch schnell die Scheu, und bald glühten die Wangen vor Eifer, als sich
leichter und sicherer, als es je geschehen war, die zarten Farben und
Formen in vollster Naturtreue von dem dunklen Grunde abhoben.
O, es war beglückend, wie schnell der Pinsel die rechten Farben fand,
wenn ein so verständnisvolles Auge jeder Bewegung folgte! Das war
Zusammenarbeiten! Er sah jeden leisesten Schatten – sie folgte mit
Freuden jedem kleinen Winke.
Wie anders leuchtete alles, wenn vier Augen es betrachteten, wie süß
war es, leicht und sicher das in Farben wiedergeben zu können, was der
andere andeutete. Nie hatte sie eine solche Seligkeit des Schaffens
empfunden, nie waren Stunden so dahingeflogen.
Es gibt nichts, was mehr eint, als dies völlig gemeinsame Empfinden
auch in allen kleinen Dingen. Was eins fühlt, spricht das andere eben
aus, – was eins wünscht, tut das andere bereits! Ach, wenn doch der
Zeiger der Uhr stillstehen wollte! Nur kein Ende dieses beglückenden
Zusammenseins!
Um das Herz nicht allzu weich werden zu lassen, stieg dann ein
plötzlicher Übermut in dem gesunden Sinn des Mädchens in die Höhe.
Ganz angetan von der durchsichtigen Klarheit der blauen Blütenblätter
beugte sich Hermann über das vollendete Blatt, – da focht es sie an,
einen kräftigen Unsinn an den Rand zu kritzeln. »O nicht doch, Sie
verderben es ja,« rief er erschrocken aus und zog ihre Hand zurück.
Aber dann ließ er sie nicht sogleich wieder los, und bei dieser warmen
Berührung fuhr es ihr wie ein brennender Stich durchs Herz. – Ihre
freudige Sicherheit war ganz dahin, ein dunkler Flor legte sich vor
ihre klaren Augen, und als sie später – sie wußte nicht, wie sie
hinaufgekommen – in ihrem Stübchen allein war, ließ sie den Kopf in
beide Hände sinken und schluchzte bitterlich. – Es war doch nichts
geschehen? – Sie kannte sich selbst nicht.
Was für ein Glück, daß Käte nie etwas von ihren unbegreiflichen
Schwankungen merkte, und immer dasselbe harmlose, lachende Gesicht
zeigte – daß sie auch jetzt schon schlief wie ein Murmeltier!
Oder empfand die feinfühlende Freundin, daß jeder Beweis von Mitgefühl
hier nur verletzen konnte, wie das Anrufen eines Schlafwandelnden?
Anderen Tags nach dem Mittagessen schlug der Hausherr an sein Glas: »Da
der Regen heute sicher nicht aufhört, mache ich den lieben Gästen den
Vorschlag, um vier Uhr im Wohnzimmer zusammenzukommen, um ein wenig zu
plaudern. Ich dachte etwas von meinen Erlebnissen im Kriege 1870/71 zu
erzählen, und Freund B. verspricht uns einen kleinen Bericht aus der
Berliner Stadtmission.« Alle waren hocherfreut über die Aussicht, und
pünktlich fanden sich fast sämtliche Gäste ein, um den interessanten
Berichten zu lauschen.
Als der Hausherr geendet, wandte er sich in seiner humorvollen,
freundlichen Weise der Ecke zu, wo die Jugend auf der Holzbank um
den viereckigen Tisch saß: »Nun heißt es aber auch von Ihnen, nicht
nur genießen, sondern etwas leisten! Wer hat einmal ein wirkliches
Abenteuer erlebt, das er uns erzählen könnte? Freiwillige vor!«
Käte wies mit verhaltenem Lachen auf Felix und flüsterte: »Herr von
Alten kann sicher eins berichten, davon sind wir Zeugen!«
Aber der Hausherr stand dem Empörten bei seiner Abwehr bei, indem er
begütigend sagte: »Es war sehr merkwürdig, aber wir kennen es schon!«
Der junge Mediziner, dessen munteres Wesen jeder gern hatte, erhob sich
ein wenig von seinem Sitze und sagte: »Wenn die Herrschaften es hören
mögen, könnte ich ein kleines Erlebnis von meiner Herreise erzählen,
was mich selber vollständig in eine Fabelwelt versetzte. Ich wußte
nicht, wohin ich geraten war und was mit mir geschah.«
Alle baten, zu erzählen, und der Student begann: »Ich weiß nicht,
wie genau die meisten der Herrschaften mit dem studentischen Dasein
vertraut sind. Man führt ein merkwürdiges Doppelleben: Auf der einen
Seite sollen die nötigen Kenntnisse herbei – auf der anderen muß
man mit seinem Wechsel auskommen. Mich hat bald die eine, bald die
andere Seite in eigentümliche Schwierigkeiten verwickelt. – Das
letzte Semester in Halle war’s mit dem Studium ganz leidlich gediehen
– und was das andere anbetraf, so hatte ich aufs genaueste meiner
Mutter Weisung befolgt, durchaus nichts zu erwerben, ohne es bar zu
bezahlen. Die Folge davon war aber, daß Mitte Juli meine Börse schon
sehr mager wurde und ich anfing, mein Augenmerk auf die vegetarische
Küche zu lenken. Da brach an einem unentbehrlichen Kleidungsstück eine
Katastrophe herein, und damit wurde meine Lage derart beklommen, daß
die Universität für mich allen Reiz verlor und ich auf Heimkehr sann.
Nun gibt’s eine grausame Bestimmung – verzeihen Sie, Herr Professor,
aber es ist grausam –: ›Der Student bekommt seinen Abmeldungsschein vor
dem Schlußtermin am 4. oder 6. August nur, wenn eine ganz besondere
Veranlassung da ist.‹ Die lag bei mir wahrhaftig vor, aber das
Herkommen verbot, sie dem Rektor genauer zu schildern. Deshalb griff
ich zu dem schlimmen Mittel, eine halbe Wahrheit anzugeben. Ich sagte:
›Mein Onkel, Superintendent S. im Fichtelgebirge, feiert am 1. August
silberne Hochzeit, und ich muß dorthin!‹ Ich mußte in der Tat hin, denn
mein Magen war bereits eingeschrumpft von selbstgekochter Hafergrütze,
die seit acht Tagen mein Mittagessen ausmachte. Und Silberhochzeit ist
auch wirklich am 1. August, nur nicht in diesem Jahre. Da konnte ich
nicht helfen! Der Rektor sah mich prüfend an und gab mir das Testat.
Für die paar Stationen 4. Klasse hatte ich wohlweislich das Nötige
zurückgelegt. Meine brave Wirtin, die einen Blick hat für die
wirtschaftliche Lage ihrer Klienten, gab mir ein paar tüchtige
Butterschnitten mit, und so begab ich mich seelenvergnügt auf die
Reise, rosige Hoffnung an die gute Küche meiner Patentante und an die
Freigebigkeit meines Onkels knüpfend. – Freilich, daß er mich sogar
hierher schicken würde, ließ ich Glückspilz mir nicht träumen.