Tödlich erschrocken krochen die beiden Missetäter in ihre Betten,

und in wenigen Minuten schliefen sie tief und fest, so daß sie sich

am anderen Morgen nicht besinnen konnten, wo sie waren. Erst als die

Glocke erscholl, die gestern abend alle ins Wohnzimmer gerufen, stieg

mit einem Schlage die ganze, herrliche Gegenwart wieder lebendig empor;

und jetzt kam ihnen die unglaubliche Geschwindigkeit im Anziehen

zustatten, die sie sich beim vielen Baden an der See angewöhnt hatten.

Als das zweite Glockenzeichen rief, konnten sich beide, wenn auch noch

mit ziemlich verwirrten Gesichtern, den übrigen Gästen anschließen,

die von allen Seiten dem Wohnzimmer zuströmten. Etwas scheue Blicke

schickten sie zurück nach der benachbarten Tür und drängten schnell

voran, als ein stattlicher alter Herr sie eben hinter ihnen öffnete.

Auch er sah ihnen erstaunt nach und betrachtete sich dann noch einmal

die Nummer ihres Zimmers.

Nach der Morgenandacht nahmen alle Spätgekommenen ihre Plätze am

Frühstückstisch auf der Veranda ein. Da war die Verlegenheit der

beiden Neulinge nicht gering, den Grauhaarigen mit gemütlichem Lächeln

ihnen gegenüber zu finden. Er machte sich als Professor X. aus Bonn

bekannt und sprach sein lebhaftes Bedauern über einen Irrtum aus,

der ihm begegnet sei. »Aber man wird eben altersschwach! Ich dachte

nicht anders, als daß die verflixten Studenten wieder im Gange wären,

die neulich mit den Damen gewettet hatten, sie könnten im Notfall

ebensogut, ja besser, ein Zimmer instand setzen als die Weiblichkeit.

Das gab ein Gepolter und eine Überschwemmung sondergleichen – aber das

Resultat soll ja gut gewesen sein.

Nun meinte ich gestern abend im ersten Schlaf, daß ich das Opfer einer

zweiten solchen Wette geworden wäre, und deshalb wurde ich so grob, wie

ich mir jungen Damen gegenüber nie erlaubt haben würde – falls sie mir

nicht ins Kolleg gelaufen kommen! Aber danach sehen Sie mir nicht aus!«

Von solchen Gelüsten erklärten sich beide frei, und da war alles

andere schnell vergessen, und als die »idealste Mahlzeit des ganzen

Tages«, wie der alte Herr das Frühstück angesichts der Schneeberge

nannte, vorüber war, da war auch schon eine gemeinsame Partie auf die

Angerhütte verabredet. Es erhoben sich freilich Stimmen, die es sehr

unverständig nannten, gleich am ersten Tage einen anstrengenden Weg zu

machen, aber »da laß sie denn die Folgen tragen«, entschied der Major,

»ich hoffe, Soldatenkinder werden keine Schlappheit zeigen!«

Und er hatte sich nicht geirrt. Ohne die geringsten Spuren von

Anstrengung kletterten die beiden Mädchen Tag für Tag in den Bergen

herum. Oft machte ihr zum guten Freund gewordener Nachbar den

Führer, zuweilen auch schlossen sich ganze Gruppen zusammen, und die

gemeinsamen Freuden und Mühen des Wanderns bildeten einen Ton treuer

Kameradschaftlichkeit aus. Niemand fühlte sich einsam in dem Kreise.

Auf die älteren oder weniger Kräftigen wurde immer Rücksicht genommen.

Denen, die nicht wandern konnten, brachte man Blumen oder Erdbeeren

mit, und war gar einer der Gäste elend oder leidend, so fand sich immer

jemand, um Gesellschaft zu leisten oder kleine Liebesdienste zu üben.

Deutlich zeigte sich dieser Gemeinsinn eines Abends, als man eben zu

Tisch gehen wollte und jemand fragte: »Wo sind denn Schwester Dorothee

und Fräulein von Ansbach?«

»Sie sind nach Partenkirchen und wollten zum Essen zurück sein!«

»Das können sie ja gar nicht; durch die Klamm gehen sie nicht, weil

Schwester Dorothee schwindlig ist, und auf dem oberen Weg soll kein

Menschenkind mehr sichtbar sein, wie Klaus sagt, der eben mit den Eseln

heimkommt.«

»Gewiß haben sie sich wieder, wie gewöhnlich, in der Zeit verrechnet

und kommen jetzt, wo es dunkelt, in die größte Gefahr!«

»Und nun fängt es noch gar an zu regnen!«

»Wir gehen schon mit Laternen,« sagte der stille, junge Pastor, der am

Ende der Tafel saß. Sein Begleiter, ein lustiger Student der Medizin,

warf einen schmerzlich verzichtenden Blick auf die verführerisch

duftenden Kaiserschmarren, die eben hereingetragen wurden. Er war so

hungrig und müde nach dem langen Marsch am Nachmittag. Was hatten diese

beiden guten Wesen auch immer weiter zu laufen, als sie eigentlich

konnten! Wenn sich’s noch wenigstens um die hübschen jungen Mädels

handelte!

Aber da gab’s kein Zögern. »Jeder für jeden!« galt es hier im Hause.

Und das erfuhr auch er, als nach langem Suchen und vielem Lamento

die beiden verirrten Schäflein spät am Abend eingeheimst wurden.

Hilfsbereite Hände halfen die armen Übermüdeten aus ihren durchnäßten

Sachen schälen. Heißer Tee war bereitgehalten, und die rührende Köchin

buk sogar noch frische Schmarren; »denn es täte ihr doch zu leid, wenn

gerade der nette, gefällige Herr Student sein Leibgericht abgestanden

bekommen sollte!«

[Illustration]

[Illustration]

18. Kapitel.

Allerhand Bekanntschaften und Tante Luciens Nöte.

Eine anziehende, jüngere Frau war Hanni schon mehrmals aufgefallen,

aber ihren Namen hatte sie nicht deutlich verstanden, und da die Fremde

mit ihrem munteren, kraushaarigen Jungen am anderen Ende der Tafel saß

und an den gemeinsamen Ausflügen bisher nicht teilnahm, so waren ihre

Wege sich nicht begegnet.

An einem etwas bewölkten Nachmittag dachte Hanni sich eine rechte

Ausruhe zu gönnen und trug ihre Hängematte unter die großen Kiefern

am Waldhang, von wo die Alpspitze im Abendschein sichtbar ist. Schon

wollte sie enttäuscht weiter gehen, als sie ihr Lieblingsplätzchen

besetzt fand, aber mit gewinnender Freundlichkeit lud die Fremde

sie zu sich auf die Holzbank. »Liebes Fräulein Gerloff, wie freut es

mich, Ihnen einmal sagen zu können, daß Sie mir gar keine Fremde sind.

Durch unsere Verwandten in Buchdorf habe ich soviel Liebes von Ihrem

Elternhause und von Ihnen gehört, daß es mir eine große Freude war, bei

meiner Ankunft von Ihrem Hiersein zu hören. Ihr Gutsnachbar Rantzau ist

der Vetter meines Mannes, des Regierungsbaumeister Schack in München,«

fuhr sie auf Hannis fragenden Blick fort.

»Ach, der Vater von Hermann Schack, der vor zwei Jahren im Sommer dort

war? Das ist ja zu nett! Da hat Ihr Sohn sicher viel von den schönen

Hundstagsferien erzählt?«

Ein Schatten glitt über ihr freundliches Gesicht. »Von Hermann erinnere

ich mich nicht, viel über den Aufenthalt gehört zu haben. Aber dem

machte damals auch wohl gerade sein erstes Examen zu schaffen. Desto

mehr erzählte mir meine kleine Nichte, Gertrud von Rantzau, während

ihres Besuches im Herbst von Ihnen. Wie allerliebst ist das Mädel

geworden! Das hatte ich gerade von der gar nicht in dem Maße erwartet.«

Als die Tischglocke rief, konnten die beiden gar nicht begreifen, wo

der ganze Nachmittag geblieben war! Nach dem Abendessen wurden auch

Hannis Eltern und Käte in die neue Bekanntschaft hineingezogen, und der

Major erfuhr zu seiner Freude, daß Frau Schack am nächsten Tage den

Besuch ihres Gatten aus München erwarte.

Das Herumsteigen in den Bergen ohne bestimmten Zweck erschien auf

die Dauer dem Landwirt etwas unnötig. Nun war ihm eine verständige

Aussprache mit dem vielinteressierten Baumeister hochwillkommen.

– Da Frau Schack keine weiten Wege machen konnte, erbot er sich

bereitwillig, seinen alten Bekannten von Partenkirchen abzuholen.

Aber recht bedenkliche Miene machte er, als seine Gattin, die eben

angelangten Postsachen durchsehend, ausrief: »Sieh doch, was für ein

Besuch uns morgen bevorsteht: deine Cousine Lucie meldet sich an, und

ihr Neffe Felix wird sie heraufgeleiten. Er studiert in München, und

sie will ihrem geliebten Paten eine Ferienerholung verschaffen.«

»Nein, was du sagst! Was kommt denn der in den Sinn? Ich denke, sie

wollte ihre Nerven an der Ostsee kurieren! Ich kann mir gar nicht

vorstellen, daß sie mit all ihren Tüchern und Umständen hier oben

zurecht kommt. Nun, wir wollen das beste hoffen. – Sie müssen wissen,

verehrte Frau Schack, meine Cousine ist eine von den Menschen, die

täglich ein neues Leiden und Gebrechen betrauern. Aber in dieser

freien, klaren Luft mag das alles ja besser werden! Was meint ihr,

Mädels, kommt ihr mit, sie heraufzuholen?«

Beide versprachen gern ihre Hilfe, und am anderen Tage wanderte eine

fröhliche, kleine Karawane den Berg hinunter.

»Käte, was willst du mit deinem Rucksack machen?« fragte Hanni erstaunt.

»Man kann nie wissen, wozu man ihn braucht. Ich dachte, vielleicht

richtet Tante sich auch unpraktisch mit ihrem Gepäck ein, wie das

reizende alte Fräulein aus Dessau, das abends mit dem Federhut zu Tisch

ging und zum größten Schreck der Anwesenden früh den nächsten Morgen

mit demselben Hut ›aus dem Bett kam‹, wie der Student meinte. Es war

bloß, weil die Esel ihre Haubenschachtel nicht mehr tragen konnten.«

Kätes Ahnungen hatten sie nicht betrogen. Aber wenn sie unpraktische

Einrichtungen befürchtet hatte, so übertraf doch das, was ihnen auf dem

Bahnhof bevorstand, die kühnsten Erwartungen. Schon von weitem sah man

hinter einer lebhaft gestikulierenden kleinen Dame einen Kofferträger

keuchen unter der Last eines riesigen Korbkoffers, dessen Schätze

hinter einer schweren Eisenstange und zwei Vorlegeschlössern sicher

geborgen waren. Außer dieser Last schleppte er in der einen Hand eine

große lederne Tasche, auf deren Vorderseite ein Sechzehnender aus

Perlen auf grünem Grunde gestickt war. Im anderen Arm trug er eine

gehäkelte Plaidhülle, aus der verschiedene Sonnen- und Regenschirme

hervorsahen, und eine umfangreiche Hutschachtel.

»Gerechter Himmel, liebe Cousine, ziehen Sie denn mit Ihrem ganzen

Besitz um?« entfuhr es dem bestürzten Major. »Ich meine nur, sollen

diese Sachen alle mit nach oben?«

»Ja, lieber Vetter, dies ist mein Gepäck. Hoffentlich ist die Kutsche

bereit, die ich bestellt hatte? Wie geht es übrigens euch Lieben hier

in der erhabenen Bergwelt?«

»Uns geht’s soweit gut – aber wissen Sie, Cousinchen, Kutschen gibt’s

da oben nicht, – wenn Sie nicht etwa dieses Fahrzeug meinen?«

Damit wies er mit seinem Stock auf ein kleines, abseits stehendes

Gefährt, das bisher noch niemand bemerkt hatte. Ein schön mit Samt

bezogener Sitz schwebte zwischen zwei breiten Rädern. Darüber gespannt

war gegen Wind und Sonne ein großer, hellgrauer Schirm, und gezogen

wurde das Möbel von zwei dicken, grauen Ochsen, denen die übermäßig

lange Deichsel an ihren Hörnern befestigt war. Der Anblick war in der

Tat für Nordländer ungewöhnlich, und Käte brach in lautes Entzücken

aus, als sich herausstellte, dieses Fuhrwerk, das immer von Zeit

zu Zeit alte oder leidende Herrschaften nach oben brächte, sei zur

Abholung der neuen Dame geschickt.

»O bitte, Tante, steigen Sie ein; hier ist auch der Riemen, um Sie

festzuschnallen – wegen der steilen Abhänge –, dann ist’s ganz

ungefährlich. Bitte, hier sitzt sich’s großartig!«

Empört wies die Dame, die eine schöne, mecklenburgische Landkutsche

erwartet hatte und vielleicht einen kleinen Leiterwagen fürs Gepäck,

diesen »unwürdigen Karren« zurück.

»Ja, aber Pferde können den Weg nicht machen. Dann müssen Sie schon zu

Fuß gehen, wie wir alle.«

»Zu Fuß?« Sie erstarrte vor einer solchen Zumutung. Ratlos irrte ihr

Blick von ihren dünnen Zeugstiefeln zu den derben Nagelschuhen der

jungen Mädchen. »Ja, kann man denn das als Dame?«

Inzwischen erklärte der lange Klaus sich völlig außerstande, all das

Gepäck zu befördern. »Die anderen Sachen kriege ich schon, aber den

Korb können die Esel voll überhaupt nicht tragen. Wenn er morgen rauf

muß, müßte er schon vorher ausgeleert werden.«

Lachend erklärte ihm der Major, daß es auf den Koffer weniger ankäme

als auf den Inhalt.

Aber jetzt erreichte die allgemeine Verwirrung ihren Gipfel. In

elegantester Reisetoilette, sein Monokel lässig fallen lassend,

trat ein junger Herr näher, begrüßte die Anwesenden mit feierlichen

Verbeugungen und befahl dem Dienstmann, der einen messingbeschlagenen

Schiffskoffer geschickt balancierte: »Nach dem Berghospiz expedieren.«

Alle sahen einander verblüfft an. Als aber der Dienstmann mit einem

verschmitzten Gesicht fragte: »Wie soll er raufgeschafft werden, junger

Herr?« da war es um Kätes Fassung geschehen. Es war ein Glück für sie,

daß alle Blicke noch immer mit dem unglückseligen Gepäck beschäftigt

waren.

»Ach, mein lieber Felix!« rief der Major, »hätte Sie wahrhaftig kaum

wiedergekannt – riesig gewachsen! Nett von Ihnen, die gute Tante

herzubegleiten! – Aber nun erst einen Schlachtplan! Ich schlage vor,

wir nehmen alle dort in der Vorhalle bei einer gemütlichen Tasse

Kaffee Platz; man kriegt Durst bei der staubigen Fahrt, nicht wahr,

Cousinchen? Und nun mal ein vernünftiges Wort: wie ist es denn mit

Ihren Gehwerkzeugen bestellt? 1½ Stunden sind’s nur, und der Weg ist

jetzt sauber, können Sie’s wohl machen?«

Die Tante, die sehr wohlauf war, und der daran lag, als gute Touristin

zu gelten, erklärte: »In den Bergen wolle sie viele Stunden klettern.

Nur so auf der Landstraße, das sei ihr zuwider. – Aber wenn es hier

Sitte sei – –«

»Gut. Nun aber das Gepäck. Könnte es nicht so eingerichtet werden, daß

die wirklich unentbehrlichen Sachen zusammengepackt würden und die

Arche Noah hier friedlich auf dem Bahnhof bliebe?«

Die Ärmste geriet außer sich. Vierzehn Tage waren ihre beiden

Näherinnen am Werke gewesen, um ihre ganze Garderobe elegant und modern

herzurichten. Wie selten gab es in Parchim Gelegenheit, Toilette zu

machen. Höchstens bei dem Diner, das ihr Bruder, der Rittmeister, jeden

Winter gab. Nun hatte sie einmal zeigen wollen, daß man in Mecklenburg

nicht in der Kultur zurück sei. Und ihre Freundin hatte ihr doch

erzählt, im vorigen Jahre sei nicht nur eine Gräfin oben gewesen,

sondern sogar eine Hofdame aus Hessen-Nassau! Da mußte man doch

ordentlich auftreten! – Ach, was sollte sie bloß tun! Und dies alberne

Ding, die Käte, kicherte noch immerzu! Wie sah das Mädchen überhaupt

aus mit ihrem Handwerksburschensack auf dem Rücken!

Hanni war ein vernünftiges Kind. Mit ihr ging sie in einen

verschwiegenen Winkel. »O Hanni, ~que faire – quel malheur, ma chérie~.«

»Liebes Tantchen, höre zu: Du hast ein hübsches Reisekleid an –«

»Findest du, Herzchen?« fragte die durch solche Anerkennung Neubelebte,

und strich wohlgefällig die Falten glatt und zupfte einige Schleifen

zurecht. »O ja, es geht noch wieder! Es ist gekehrt und ganz neu

aufgearbeitet.«

»Ich wollte nur sagen, wenn du dir außer diesem für Regentage ein

schlechteres einpacktest und dann Nachtzeug usw. – –«

»Still, Kindchen, still, die Herren!«

»O, die hören gar nichts; also sieh her! Schließ doch den großen Koffer

mal auf!«

»Hier vor all den Männern? Lieber sterben!«

»Vielleicht gibt’s ein Damenzimmer? Dort! Ach, lieber Mann, seien Sie

doch so freundlich, uns diese Sachen in das kleine Zimmer zu tragen.«

Händeringend folgte die unglückliche Tante, aber dem besänftigenden

Zureden Hannis gelang es nach und nach, die Wogen zu glätten. Das

schwierige Umpacken kam zustande, und nach vielen Einwendungen ließ die

Schwergeprüfte sich sogar bereden, ihre Zugstiefelchen mit festeren

Lederschuhen zu vertauschen, die sich im Koffer fanden, aber nur

unter der Bedingung, daß die Vorhänge heruntergelassen würden, und

beide Mädchen sich mit aller Kraft gegen die nicht verschließbare Tür

stemmten, wobei Käte wieder nahe daran war, Lachkrämpfe zu bekommen.

Besorgt, daß der Vater ungeduldig werden möchte, eilte Hanni dann

hinaus. Aber inzwischen hatte sich auch der Baumeister eingefunden, und

die Herren saßen gemütlich plaudernd beieinander. Nur Felix schien noch

völlig ratlos.

»Vati, Tante Lucie ist nun bereit.«

»Schön; und Sie, lieber Felix?«

»Ja, Herr Major, das ist eine ganz verteufelte Geschichte! Ich sehe

wahrhaftig nicht – –«

»Hanni, du weißt doch sonst immer Rat; was meinst du dazu?«

»Nun, das scheint mir doch nicht so schwierig? Käte leiht Herrn

von Alten sicher ihren Rucksack. Könnten Sie denn nicht Wäsche und

Schuhzeug dahinein packen, und wenn Sie oben sehen, was Sie sonst

noch brauchen, dann könnten Sie wieder hergehen und sich das Nötige

nachholen?«

Der Angeredete glaubte nicht recht zu hören. Wie interessant hatte er

sich das Wiedersehen vorgestellt, als seine Tante ihm mitteilte, wen

man in der Sommerfrische treffen würde!

Ja, die gute Dame hatte sogar einfließen lassen, was für eine

ausgezeichnete Partie die einzige Tochter des tüchtigen Gutsbesitzers

sein würde, und Felix hatte schmunzelnd bemerkt, daß sie wohl ihre

stillen Absichten dabei hege, wenn sie das große Opfer brachte, ihren

verwöhnten Liebling zu dieser Reise einzuladen.

Trotzdem er als Korpsstudent reichliche Gelegenheit gehabt und benutzt

hatte, mit eleganten jungen Damen zu verkehren, so war ihm doch der

feine, blonde Mädchenkopf von vor zwei Jahren sehr lebhaft wieder

in die Erinnerung gekommen, und er hatte sich mit großem Vergnügen

ausgemalt, wie erstaunt und verwirrt die Kleine zu ihm aufsehen und wie

sie erröten würde, wenn statt des früher vielleicht etwas linkischen

Primaners der elegante Korpsier vor ihr stände.

Ganz anders die Wirklichkeit. Von Erröten keine Spur, von Aufsehen noch

weniger; denn Hannis schlanke Gestalt blieb wenig hinter seiner Größe

zurück.

Statt dessen sprach sie mit vollendeter Kaltblütigkeit zu ihm von

Wäsche und Schuhzeug, als wenn sie zu ihrem kleinen Bruder spräche oder

zu einem dummen Schulbuben! Er war wütend. –

Und so einen Sack sollte er selber die Berge in die Höhe tragen?

Niemals! –

»O, vielen Dank! Bin den Herrschaften aufs tiefste verbunden; möchte

aber auf keinen Fall lästig fallen. Bitte sich doch gar nicht

meinetwegen aufzuhalten, ich besorge meine Sachen schnell und werde ja

sehr leicht die Herrschaften wieder einholen, wenn sie die Güte haben,

eben voraufzugehen!«

»Nun, wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen!« murrte der

Major. »Also wünsche gute Verrichtung – und dann in Gottes Namen

vorwärts, ihr Lieben!«

Die besorgte Tante kam wenig dazu, den schönen Weg zu genießen; sie war

aufs höchste bekümmert. »Was wird der arme Junge nur machen hier an dem

wildfremden Ort! Und wie soll er uns bloß wiederfinden?«

»Aber, liebstes Tantchen, er ist doch ein großer Mensch. Und verfehlen

kann man sich hier gar nicht; bei jeder Wegbiegung gibt es Zeichen.«

Bei einer kurzen Rast begann die Tante: »Hanni, eins nimm mir nicht

übel: Ich begreife nicht, wie du mit einem jungen Herrn über solche

Natürlichkeiten sprechen kannst, wie vorhin. Das finde ich doch nicht

weiblich!«

»Aber Tante Lucie,« brach die vorlaute Käte los, »finden Sie denn unter

allen Umständen Unnatürlichkeiten schöner? Da verlassen Sie sich drauf,

es geht Ihnen sicher noch wie jener Dame, die bei unserem alten Lotsen

in Warnemünde gemietet hatte: Als sie die Wohnung beaugenscheinigt,

fällt ihr Blick auf die gewaschenen Anzüge des Alten, die zum Trocknen

auf dem Hofe hängen. ›Liebe Frau, das Männerzeug da kann ich aber

nicht vor meinem Fenster leiden – das müssen Sie wegnehmen,‹ sagt sie

naserümpfend. Am anderen Tage kommt der Sanitätsrat, um der fremden

Dame den Puls zu fühlen. Da stellt sich die alte Jansen breit vor

ihn, weist höhnisch mit dem Finger auf seine Unaussprechlichen und

erklärt: ›Ja, Herr, de mötens öwer ihrst uttrecken. De Dam de kann kein

Mannsbüxen seihn!‹«

»Ich hatte nicht gedacht, daß du noch immer so unmanierlich und

naseweis sein könntest, liebe Käte,« meinte die Tante, indem sie

ziemlich verstimmt ihren Weg fortsetzte. Von dem verlorenen Neffen war

nichts zu erspähen, soviel man sich auch umsah. Ja, man erreichte ohne

ihn das Ziel, und nach vergeblichem Warten ging alles zur Ruhe, ohne

eine Kunde von seinem Verbleiben.

Die schwerbekümmerte Tante ergab sich erst in ihr Schicksal, als

der Major energisch erklärt hatte: »Wir würden uns ja lächerlich

machen, wenn wir noch länger auf den Jungen warten wollten. Er sitzt

ganz einfach unten in einem der vielen Gasthäuser und behütet seine

Kleinodien. Ein solches Untier von Koffer ist durch diese Wege einfach

nicht zu bewegen. Hoffentlich nimmt er sich daraus eine Lehre und macht

nicht wieder solche Albernheiten.«

Als eben das ganze Haus im tiefsten Frieden lag und kein Ton mehr ans

Ohr drang, als leises Grillenzirpen von den Wiesen und das in der

Stille lauter heraufklingende Rauschen der Partnach, da erhob sich ein

hier oben nie erlebtes lautes Lärmen, Hin- und Herrennen, Türenklappen,

erregtes Sprechen, Treppauf-, Treppablaufen. Manche von den Gästen,

die der erste süße Schlummer umfing, fuhren erschrocken in die Höhe,

in der Meinung, wieder mitten drin zu sein im lauten Getriebe der

Großstadt, dem sie so selig den Rücken gekehrt.

Am anderen Morgen gehörten unsere Schönfelder Freunde, wie gewöhnlich,

zu den ersten am Kaffeetisch. Da fragte ganz beiläufig der Major: »Habt

ihr den Spektakel gestern abend eigentlich gehört? Es ist doch nicht

jemand krank, daß der Arzt geholt werden mußte? – Käte, um Himmels

willen, was ist dir denn? So sei doch vernünftig!«

Die Angeredete hatte den Kopf auf ihre Arme gelegt, und die Schultern

bebten ihr vor Lachen.

»Ach, Vater, es war eine greuliche Sache,« erklärte Hanni, in deren

Gesicht es auch verräterisch zuckte. »Die arme Tante tat mir so leid,

und ich fürchte sehr, sie hat heute von all der Aufregung solche

Migräne, daß sie nicht aufstehen kann.

Erst hatte sie viele Schwierigkeiten mit ihrem Bett, mit dem nötigen

warmen Wasser usw. Sie ist auch gewöhnt, daß ihr Sophie beim Frisieren

hilft. Ich hoffe aber, das kann ich ganz gut lernen. Als nun alles um

elf Uhr geregelt war und sie ganz erschöpft im Bett lag, da fing das

Klopfen und Poltern an.

Der unglückliche Herr von Alten hatte doch zwei Träger gefunden, die

sich bereit erklärten, ihm sein Haus heraufzuschaffen. Bei der steilen

Schurre hatten sie aber gestreikt und nur nach vielem Zureden den Weg

fortgesetzt. Der Mond versagte ja gestern abend auch, und so war es

eine unheimliche Reise. Wütend waren sie endlich hier oben angelangt

und hatten natürlich alles verschlossen gefunden. Und nun kam das

Schlimmste: für die grausige Tour haben die Leute so hohe Preise

gefordert, daß die ganze Barschaft des unglücklichen Studenten dafür

nicht ausreichte. Die Tante mußte ins Treffen – aber wie? Ich in meiner

Dummheit schlug vor, ihn hereinkommen zu lassen. Da ging es mir ganz

schlecht. ›Die moderne Jugend, auch die beste, verlöre jeden Maßstab

von dem, was sich schicke. Noch nie hätte ein Mann sie im Bett gesehen.

Selbst wenn ihr alter Doktor kommen müsse, empfinge sie ihn immer in

voller Toilette im Wohnzimmer.‹

Aber warten wollten die Träger auch nicht – es war eine richtige

Angstpartie. So gut es ging, half ich ihr in die Kleider, ein Schal

wurde über den Kopf drapiert – endlich konnte der unglückliche Neffe

zugelassen werden. Aber nun schickte es sich wieder nicht – ich weiß

nicht mehr, aus welchen Rücksichten –, daß ich dabei sei; ich glaube,

ich durfte an Geldverhandlungen nicht teilnehmen. Kurzum, es war eine

solche Kette von Verlegenheiten und Verwirrungen, daß ich glaube, die

arme Tante wird sich nicht so leicht von den Schrecknissen dieser Nacht

erholen.«

[Illustration]

[Illustration]

19. Kapitel.

Immer höher hinan.

Inzwischen hatten sich auch die anderen Gäste eingefunden, und die

Jugend machte sich marschfertig für eine größere Tour, von der sie erst

am Abend zurück sein konnten.

Als mit zerschlagenen Gliedern und übernächtigem Aussehen der neue

Ankömmling die Veranda betrat, fand er niemanden mehr, dem er seine

recht ausgeschmückten Reiseabenteuer erzählen konnte, als ein paar

würdige Damen, die geduldig zuhörten, und einen alten Geistlichen,

der nachher kopfschüttelnd äußerte: »Was gibt es doch für törichte

Burschen!«

Begeistert von den Herrlichkeiten, die sie genossen, kamen die

Wanderer am Abend heim und konnten gar nicht genug schildern, wie

klar der Fernblick gewesen, wieviel Schnee sie oben getroffen, wie

unbeschreiblich man die Abendröte genossen hätte.

»Und kein bißchen müde sind wir geworden; da dürfen wir nun doch

morgen auf den Schachen? Der Förster meint, man solle dies gute Wetter

benutzen, lange hielte es nicht mehr an.«

Hannis Heimkehr · 第 9 / 13 段