Herrn Pastors Schreibtisch Staub und hatte mich nebenbei ein bißchen
vertieft in ein Buch, das dort lag. Öffnet Sophie die Tür, naß wie eine
Meerfrau von der großen Wäsche, die sie besorgt: ›Fräulein Klara läßt
sagen, die Kleine sei so unruhig, wolle auch die Flasche nicht nehmen,
da würde Fräulein fürs erste nicht herunterkommen können. Ob wohl
Fräulein Hanni so gut wären, das Essen aufzusetzen; eben sehe ich auch,
daß Lise und Lotte dahinten bei der Pumpe fürchterlich plantschen. So
kann ich nicht gut über den Hof gehen – würden Fräulein Hanni sie wohl
da wegschicken?‹
Das war alles sehr schön; ›Essen aufsetzen‹ ist schnell gesagt; aber
was? woher? worin? wieviel? Hast Du schon mal Essen aufgesetzt?
Der Sophie mag ich es gar nicht so zeigen, wie wenig ich eigentlich von
allem ahne, weil die Kinder hier unglaublich geschickt und anstellig
sind, und besonders, weil ich im Anfang sagte und auch selber dachte,
die Hauptsache verstände ich bereits. Jetzt erst merke ich, daß mir
alles einfach vorkam, weil ich es andere mit so leichter Hand machen
sah. – In Wirklichkeit verstehe ich rein gar nichts von der ganzen
Geschichte und bin leider, leider Klärchen oft mehr eine Hinderung
durch mein ewiges Fragen, als eine Hilfe – wenn sie es auch nicht
zugeben will.
Ich ging also hinaus, um die beiden kleinen Unholde von der Pumpe
wegzujagen, wo sie mit einem zerbrochenen Zylinder (!!!) Springbrunnen
spielten, und nun über und über trieften. Auf dem Rasen ließ ich sie
das nasse Schuhzeug ausziehen und zum Trocknen in die Sonne legen,
ebenso ihre Schürzen. Dabei fragte ich, ob sie wüßten, welche Bohnen
und was für Kartoffeln gekocht werden sollten. – Den Schinken konnte ja
Klärchen noch zuletzt abschneiden. – Sie waren sehr froh, ihre Missetat
etwas wieder ausgleichen zu können, und rannten in den Keller, von wo
sie einen Korb mit Bohnen holten.
›Sophie hat gestern abend gesagt, gleich nach dem Frühstück sollten wir
beide sie abziehen. Wir haben’s bloß leider ganz vergessen!‹
›Und die Kartoffeln?‹
›Die werden immer dahinten am Zaun aus der Erde gegraben. Wir können
es; dürfen wir sie holen?‹
Ich konnte noch froh sein über ihr Vergehen, denn nun strotzten sie
vor Diensteifer. Auch das Schwarzbrotreiben für die Kalteschale
verstanden sie – und mit Fallen und Aufstehen und unter allerhand
Schwierigkeiten brachten wir ein Mittagessen zustande, nachdem Klara
ihren Segen zuletzt noch zu allem gegeben. Was ich aber täglich merke,
ist dies: es gehört sehr, sehr viel dazu, bis man all das versteht,
was Haushalten genannt wird. Und das will ich gründlich lernen, denn
es muß zu fatal sein, das Tun und Treiben der Dienstboten gar nicht
übersehen zu können. Denk doch, wie schrecklich unbehaglich es manchmal
bei Herders war: Von der abscheulichen Dora ließ Frau von Herder sich
alles mögliche gefallen, bloß, weil sie schöne Gerichte kochte, wovon
sie selbst keine Ahnung hatte. Und der netten Berta trug sie wirklich
oft mehr Arbeit auf, als ein Mensch leisten kann. Ich glaube, sie hatte
keine Ahnung, wie lange Zeit jede Sache erfordert. Ich hoffe, daß das
dort anders wird, wenn Ilse so weiter macht, wie Du sagst.
Aber schnell ade! Kaffeemachen ist mein Amt, und ich höre schon Lise
und Lotte mit den Tassen klappern.
Tausend Grüße von Deiner Hanni.«
Als die beiden Mütter glücklich und gestärkt aus dem Harz
zurückkehrten, gab es einen unendlichen Jubel in beiden Häusern. Viele
Blumen, Lichter, schön blank geputzte Zimmer und im Pfarrhaus auch
lauter blank geputzte und sauber gewaschene Kinder machten den Empfang
zu einem großen Freudenfest. Wie froh und dankbar ging jedes wieder
an die Arbeit, und als auch von Platens höchst befriedigende Berichte
aus Rügen eintrafen, war der Schatten verwischt, der den Sommer hatte
verdüstern wollen.
[Illustration]
15. Kapitel.
Konfirmation.
Ehe man’s gedacht, kam der Herbst, und mit ihm die Vorbereitungszeit
für Hannis und Klaras Einsegnung.
Gertrud von Rantzau war ein Jahr jünger als die Freundinnen. Da sie
aber sehr wünschte, den Unterricht mit ihnen zu teilen, so gaben ihre
Eltern den Bitten nach und ließen sie ein Jahr früher konfirmieren, als
anfangs geplant war. So schlossen sich die drei Häuser diesen Winter
in herzlichster Weise zusammen, und die jungen Mädchen genossen mit
großer Freude das Glück gemeinsamen Lernens und Strebens, was Gertrud
besonders lebhaft empfand, da sie noch nie mit Altersgenossinnen
zusammen unterrichtet war. In dieser Zeit fand sich auch Gelegenheit
für Hanni, Gertrud mit ihrer kleinen Sonnabendschule bekannt zu machen,
die sie mit immer wachsender Freude betrieb, und mit ihr davon zu
sprechen, welch Herzenswunsch es der verstorbenen Schwester gewesen
sei, daß dergleichen auch in Buchdorf eingerichtet würde.
Innerlichst vorbereitet, sahen alle drei der schönen, feierlichen
Osterzeit entgegen. Da bekam Hanni verschiedene Briefe von den Berliner
Freundinnen, deren Konfirmation schon vor dem Fest an verschiedenen
Wochentagen stattgefunden hatte und deren Berichte sie natürlich jetzt
mit besonderer Teilnahme las. – Käte schrieb:
»Berlin, den 22. März.
Liebste Hanni! Dir und Deiner Mutter innigsten Dank für Euer treues
Gedenken. Ja, Ihr habt recht, es war ein wunderschöner Tag, an dem uns
alles, was wir diesen Winter über gelernt und bedacht haben, nochmals
besonders klar vor die Seele trat. Die Feier in der Kirche war sehr
weihevoll. Nur empfand ich den ganzen Tag schmerzlich – viel mehr
als bisher –, daß mein Vater nicht dabei war. Als die übrigen Kinder
beglückt mit ihren Eltern fortgingen, stand meine süße Mutti so allein,
so schmal und zart aussehend, da. Es grub sich mir tief ins Herz, wie
fest ich nun, wo ich doch mehr zu den Erwachsenen gehöre, ihr beistehen
muß. –
Ilse sah sehr ernst und bleich aus. Ich habe sie nachher noch
nicht wiedergesehen. Für mich wird das Leben im ganzen unverändert
weitergehen. Ich bin Mutti so dankbar, daß sie mir den Wunsch gewährt,
gleich ins Seminar einzutreten. Die Arbeit macht mir so viel Freude,
und es wird ein reizender Kreis sein, gerade die aus unserer Klasse,
die mir die liebsten waren. Nur Ilse darf leider nicht teilnehmen,
obgleich sie es glühend wünschte. Ihre Eltern sind ganz empört gewesen
über die Idee von einem Mädchen in ihrer Stellung, sich solchen
Anstrengungen zu unterziehen. Wie haben wir es gut, die bei den Eltern
immer auf Verständnis rechnen können.
Aber ich will heute noch mehrere Briefe beantworten, deshalb schnell
ade! Herzlich Deine Käte.«
Ilse an Hanni:
»Berlin, den 22. März.
Meine beste Hanni! Wie lieb von Dir, mir zur Konfirmation zu schreiben.
Ich dachte, Du hättest mich längst vergessen, und doch interessiert
mich Dein Ergehen besonders. Ich lasse mir oft durch Käte von Dir
erzählen.
Du hoffst, daß ich auch so viel von unserem Konfirmandenunterricht
gehabt, wie Du. – Ja, ich glaube sogar, daß für mich manches noch
eindrucksvoller gewesen als für Dich, die schon zu Hause und auch durch
Deinen bisherigen Unterricht ganz vertraut gewesen mit diesen Gedanken.
Mir war alles neu. Du erinnerst Dich, wie unser Religionsunterricht in
der Schule war – ich habe kaum hingehört.
Daß zu Hause leider nie von Gott und göttlichen Dingen gesprochen wird,
weißt Du auch. Nun waren mir die ernsten und tiefen Stunden bei Herrn
Pastor Baum wirklich ein Erlebnis, und ich hoffe von Herzen, daß ich
das festhalten werde, was er uns mitgegeben.
Leicht wird’s freilich nicht sein. Es schmerzt mich tief, wenn Papa
Äußerungen tut, wie die: ›Nun müsse die Kopfhängerei ein Ende haben!
Solche Mädchenträumereien hätten ihre Zeit, müßten dann aber vor der
Wirklichkeit weichen.‹
Oder wenn Mama so umständlich überlegt, welchen Präsidenten,
Generalsfamilien, Vorstandsmitgliedern und anderen Würdenträgern ich
nun vorgestellt werden müsse. Mich überläuft’s kalt, wenn ich an all
die schönen Stunden denke, die ich da werde versitzen müssen, statt in
das geliebte Seminar zu gehen, wo sie lernen und weiterkommen.
Eines Nachmittags wagte ich den kühnen Schritt, mit meiner Not zu Herrn
Pastor Baum zu gehen. Aber er redete mir ernstlich zu, Gottes Wege in
den für mich gegebenen Verhältnissen zu sehen. Wenn meine Eltern mich,
ihre Einzige, einstweilen im Hause haben wollten, so sei es meine
Pflicht, alle Kräfte aufzubieten, ihnen eine gute Haustochter zu sein,
durch Liebe und Dankbarkeit ihr Leben zu verschönen und nebenher alles
zu lernen, was mir möglich wäre. Wenn ich sonst Gehorsam zeigte, würden
sie mir dazu sicher Erlaubnis geben.
Denn das sei freilich meine Pflicht gegen mich selbst, nicht in dumpfem
Verzicht nun alles Weiterstreben aufzugeben. Ja, ich würde mich
versündigen gegen mich und die Eltern, wenn ich es täte.
Wir haben abgemacht, daß ich jeden Monat einmal Sonntagnachmittags zum
Tee in sein Haus komme. Dann hat er Zeit für die Freunde, die sich
einfinden, und ich soll ihn fragen, wenn ich in diesem oder jenem nicht
weiter weiß.
Ich kann Dir nicht sagen, was mir diese Aussicht für ein Trost ist. –
Jeden Morgen stehe ich nun mit den besten und festesten Vorsätzen auf.
Wie leicht die aber erlahmen bei den tausend kleinen Enttäuschungen,
dem Anrennen an unnötige Vorurteile, das kannst Du Dir nur sehr schwer
vorstellen. Wie gern ginge man mutig in eine Schlacht oder an eine
Herkulesarbeit – das Ameisenwerk will oft unerträglich erscheinen.
›Aber gerade das Kleinste treu zu verrichten und im engsten Kreise
Sonnenschein zu verbreiten, sei unsere Pflicht und unser Los,‹ sagt
mein Lehrer. Und so will ich zufrieden sein, wenn mein heutiger Erfolg
kein größerer war als der, das müde, bekümmerte Gesicht unserer
Berta, des Stubenmädchens, zu erhellen. Ich muß Dich nächstens etwas
ihretwegen fragen, will aber erst mit Käte darüber sprechen.
Für heute leb wohl und sage Deiner verehrten Mama meine Grüße, und ich
bedauerte Dich jetzt nicht mehr, aufs Land gekommen zu sein, – habe
überhaupt meine Meinungen sehr geändert. Ich glaube, das wird sie sehr
freuen. Deine Ilse.«
Endlich schrieb auch Lena Wallis:
»Berlin, den 24. März.
Liebe Hanni! Verzeihe, daß ich in allem Trubel der letzten Tage bisher
noch nicht dazu gekommen bin, Dir für Deine süße Glückwunschkarte
zu danken. Denk mal, fünfundsiebzig Karten bekam ich im ganzen,
teils geradezu entzückende! Und dann all die Gratulationsbesuche,
die wertvollen Geschenke! Man geht wie auf Wolken! Es war überhaupt
eine himmlische Zeit, diese ganzen letzten Wochen. Mama war rührend:
Jeglichen Gefallen tat sie mir, und wenn Papa etwas von mir verlangte,
so sagte sie öfters: ›Störe sie doch jetzt nicht; einmal träumt man nur
den Jugendtraum. Die rauhe Wirklichkeit kommt noch früh genug.‹
Für unseren Pastor schwärmten wir sämtlich. Augen, sage ich Dir, wie
ein Heiliger. Man wagte kaum zu atmen, wenn er so feierlich sprach. Wir
haben ihm eine entzückende Palme geschenkt. Ich allein steuerte fünf
Mark dazu bei.
Am Konfirmationstage kam Mama schon zeitig mit all den schönen Sachen
in mein Zimmer, was übrigens auch die Woche vorher vollständig neu
hergestellt war – ganz in Himmelblau. Nun das entzückende Seidenkleid,
tadellos sitzend, alles von oben bis unten neu; es war wirklich
feierlich. Als man dann in der Kirche war: Die vielen Blumen, die
beweglichen Klänge der Orgel, die ganze Weihe des Augenblicks,
da drehte sich alles mit mir im Kreise, und ich war buchstäblich
schwindelig vor Feierlichkeit.
Besinnung kriegte ich erst wieder, als mich zu Hause all die festlichen
Gratulanten umringten.
Bei Euch auf dem Lande wird das alles stiller und einfacher zugehen!
Wenn ich mir solche kleine Dorfkirche vorstelle!!! Schreib mir doch
mal, ob es nett gewesen. Bis dahin auf Wiedersehen. Deine Lena Wallis.«
»Ich werde mich hüten, dir wieder zu schreiben,« rief Hanni, indem sie
diesen Brief ärgerlich aus der Hand warf. »Nein, wirklich, was zu viel
ist, ist zu viel. An der ist Hopfen und Malz verloren!«
Als dann ihre Mutter ins Zimmer trat, schloß sie diese stürmisch in die
Arme. »Mutti, womit soll ich es je verdienen, daß ich es von allen am
schönsten habe – so immer mit euch zusammen, nichts als Liebe um mich
her. Ich kann dir nicht sagen, wie glücklich ich bin!«
»Damit, daß du das so tief empfindest, beglückst du auch uns, mein
Liebling. Und deinen Dank gegen Gott kannst du beweisen durch sehr,
sehr viel Liebe zu deinen Mitmenschen! Er wird dir das ›Wie‹ immer
zeigen, wenn du ihm nahe bleibst.«
[Illustration]
[Illustration]
16. Kapitel.
Über den hohen Bergen.
In stiller, fleißiger Arbeit verging der Frühling für Käte und ihre
Mitschülerinnen. Da kam ein Brief aus Schönfelde, der sie völlig aus
dem Gleichgewicht brachte. Hanni schrieb:
»Käte, Käte, setze Dich fest hin, damit du nicht umfällst! Wer hätte
geahnt, daß meine kühnsten Träume, die Welt zu sehen, so in Erfüllung
gehen würden. Mir fehlen die Worte, Dir alles zu schildern, aber
hoffentlich kann es bald, in vier Wochen, mündlich geschehen.
Also höre: Der Doktor sagte, Mutti solle noch einmal etwas Ernstliches
für ihre Gesundheit tun. Am besten schiene ihm jetzt Hochgebirgsluft.
Aber Ruhe und häusliche Bequemlichkeit müßte sie dabei haben. ›Das ist
schwer zu vereinen,‹ meinte Vater. Aber Tante Ida wußte Rat. ›Erinnert
ihr euch nicht, wie sehr die liebe Arnim immer von dem Hospiz da unten
in Bayern schwärmte? Das denke ich mir für Else so recht passend.‹
Vater war sehr bei der Sache, denn die Eltern sind auf ihrer
Hochzeitsreise in Partenkirchen gewesen und wurden ganz warm bei der
Erinnerung. In der Nähe, aber höher, liegt Tante Idas Hospiz.
Es wurde hin und her beraten, und Mutter versicherte: ›Auf dieses
Alleinsein vom vorigen Jahre lasse ich mich aber nicht wieder ein. Laßt
Hanni doch mitkommen.‹ Mir stand das Herz still! In die Alpen, Käte!
Vater sagte lachend: ›Mich willst du wohl nicht? Na, dann hilft’s
nicht. Ich wäre sonst gar nicht abgeneigt gewesen, den Rucksack wieder
einmal aufzuschnallen wie vor zwanzig Jahren.‹
Mutti war ganz rot vor Freude und Überraschung, als Vater erklärte, er
hoffe, den alten Inspektor Harder zur Aushilfe zu bekommen, und dann
könne er ruhig mitreisen. Es gab einen Jubel sondergleichen. Aber die
Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Den Eltern kam es in den Sinn, ich möchte mich etwas verlassen fühlen,
wenn sie dann immer miteinander wären. Und nun kommt der Knalleffekt:
Sie bitten Deine Mutter, Dich als zweite Tochter mitnehmen zu dürfen.
Da es uns auf den Tag nicht ankommt, können wir die Abreise nach Deinen
Ferien einrichten. Aus Bayern ist inzwischen Nachricht gekommen, daß
alles sich verhält, wie die Eltern wünschen, und daß Zimmer für uns zu
haben sind.
Und Deine Mutter mit den drei Jungen erbittet Tante Ida sich als
Trösteinsamkeit.
O Käte, kneife Deine Daumen, daß nichts dazwischen kommt. Ich sehe uns
beide bereits jodelnd mit Alpstöcken den Gemsen nachklettern.
Vater ist ganz ausgelassen, wenn wir unsere Pläne machen. Er läßt Dir
folgendes sagen:
›Keine unnütze Bagage! Ganz feste Stiefel! Zeug, das jedes Wetter
verträgt!‹ Und nun antworte schnell, damit keine Wolke der Ungewißheit
länger unseren Himmel trübt! Auf Wiedersehen in den Bergen! Deine
glückselige Hanni.
Nachschrift: Damit übrigens Deine Mutter orientiert ist, wohin wir Dich
eigentlich entführen wollen, so erzähle ihr folgendes: Unser geliebter,
verehrter Hofprediger war einmal in Oberbayern an der Tiroler Grenze
und sah aus der Höhe ein über alle Beschreibung malerisch und lieblich
auf grüner, grüner Wiese gelegenes Bauernhäuschen. ›O, wer da wohnen
könnte!‹
Der Wirt: ›Ja, Herr, das können Sie heute noch. Der Hof ist auf der
Gant. Der Bauer hat abgewirtschaftet!‹
Wie ein Wink vom Himmel kam’s dem Manne vor, der oft so abgetrieben war
vom Lärm der Großstadt und der Parteien. Hier müsse sich’s ausruhen
lassen! Selbigen Tags stieg er hinunter, erwarb den Hof und verlebte
beglückende Sommer in der Bergeseinsamkeit.
Aber viele Verwandte und Freunde kamen, um sich mitzufreuen, und fanden
wohl eine Streu in dem sehr engen Häuschen schön – aber noch schöner
eine Möglichkeit, in behaglichen Räumen wochenlang mit den verehrten
Freunden Erholung und Stille zu genießen. So entstand nach und nach im
Zusammenhang mit der Stadtmission das Hospiz, in dem man aufs schönste
versorgt wird. Dorthin soll die Reise gehen.«
Mit wendender Post kam Kätes Antwort, die ebenso begeistert klang wie
Hannis Brief, und mit vielen frohen Vorbereitungen vergingen die kurzen
Wochen bis zur Abreise.
Bei strahlendem Sonnenschein fuhr am 11. Juli der Berliner Abendzug in
den Münchener Bahnhof ein. München! Wie erwartungsvoll klopfen junge
Herzen schon beim Klange dieses Namens! Bilder, Skulpturen, rauschende
Brunnen, mondbeschienene Isar, Edelweiß, Nagelschuhe, Würstchen und
Münchener Bier – von ferne winkende und lockende Berghäupter – das
alles tanzt vor den geblendeten Augen durcheinander.
Vom ungewohnt langen Stillsitzen etwas steif geworden, reckten und
streckten zwei uns wohlbekannte junge Gestalten ihre Glieder und
sahen sich glückselig und neugierig unter dem bunten Menschengewimmel
um. Wie anders sah schon hier die Welt aus als in Berlin. Lustig und
anheimelnd klang ihren Ohren der bayrische Dialekt. »Es klingt so
herzlich,« meinte Käte, indem sie Hanni auf zwei junge Leute aufmerksam
machte, die einander behilflich waren, ihre Rucksäcke aufzuladen, die
Lodenmäntel zu rollen und sich dann, mit langen Stöcken bewaffnet,
auf den Weg begaben. Sie schienen heute noch einen tüchtigen Marsch
machen zu wollen, und mit ihren festen Wadenstrümpfen und kecken grünen
Hüten sahen beide aus, als wenn sie jedem Wetter und Ungemach trotzen
könnten.
»Am liebsten möchte man doch auch weiterfahren, bis der Schnee da
ist,« meinte Hanni. Aber ihr Vater bestand darauf, vorher das geliebte
München mit all seinen herrlichen Schätzen wiederzusehen, und als
die jungen Mädchen in der Glyptothek waren und die in Nachbildungen
wohlbekannten Gestalten nun im lebenverleihenden Marmor erblickten,
da konnten sie sich nur mit Mühe losreißen, und der Vater behauptete
scherzend, die Anstrengung, seine Lieben von einer Herrlichkeit nach
der anderen loszureißen, überstiege beinahe seine Kräfte!
Trotzdem gelang es, in den dazu festgesetzten drei Tagen das
Allerwichtigste soweit kennen zu lernen, daß der Wunsch erweckt war,
bei jeder nur möglichen Gelegenheit wiederzukommen. Für diesmal ließ
die Sehnsucht nach den Bergen sich nicht länger zurückdrängen, und am
Freitagnachmittag bestieg man den Zug nach Partenkirchen und langte
gegen Abend in dem über die Maßen anmutigen, anheimelnden Städtchen an.
Auf der grünen Wiese hingestreut, liegen in malerischem Durcheinander
die kleinen bunten Häuser, das weiße Kirchlein mit dem spitzen, grauen
Schindelturm, – an den waldigen Berg gelehnt, die Antonikapelle. Die
jungen Mädchen waren so völlig im Anschauen verloren, daß sie gar nicht
acht gaben, was aus ihrem Gepäck geworden. Zu ihrem höchsten Ergötzen
fanden sie es auf den Rücken von drei geduldigen Eseln künstlich
aufgetürmt und noch künstlicher festgebunden. Der lange Klaus, der die
Esel führte, bedeckte zuletzt alles mit einem wasserdichten Leinen
und fragte: »Isch nu olles, die Herrschaften?«, worauf der Major noch
einmal zählte: »Sechs Stück; aber auch gerade genug für Ihre Grauen!«
»Nun bitte, meine Lieben,« forderte er seine Damen auf, ein leichtes
Wägelchen zu besteigen, »eine halbe Stunde geht’s noch per Wagen, wie
dieser brave Rosselenker meldet. Die letzten 1½ Stunden sind wir auf
Schusters Rappen angewiesen. Wird das nicht zuviel werden?«
Aber in dieser herrlichen Luft zu ermüden, wies man als eine
Unmöglichkeit zurück, und selbst die Warnung: »Nur für Schwindelfreie!«
am Eingang der tosenden Partnachklamm schreckte nicht zurück. Als man
dann die brausenden, donnernden Wasser und die furchtbar drohenden
Abgründe hinter sich sah, atmete doch jeder erleichtert auf. Gleich
im Anfang hatte die Gebirgswelt ein Stück von ihrem großartigen und
grausigen Ernst gezeigt.
Rüstig wurde nun weitergeschritten. Immer mächtiger und erhabener
wurden die Bilder. Das wunderbar klare, weißgrüne Wasser der Partnach
sprang und rauschte neben dem Fußpfad über Felsen und Geröll. Wenn
nicht die Herrlichkeit dessen, was die Augen erblickten, die Lippen
hätte verstummen lassen, so hätte es das nie endende Rauschen der
Wasser getan.
»Hat man je solche Tannen gesehen!« rief Käte ganz überwältigt. »Das
sind ja wahre Riesen; und solch Grün, wie diese Wiese, habe ich mir
noch nie träumen lassen! O Hanni, Hanni, mir ist, als müßte mir das
Herz zerspringen! Ich kann es nicht fassen, daß dies alles Wirklichkeit
ist!«
Weit drüben auf dem etwas bequemeren Hochweg trieb Klaus seine Esel in
gemütlichem Trott vorwärts, und als er eine Höhe erreicht, stieß er
einen langgezogenen Jodler aus, mit dem er die auftauchenden Spitzen
und die unten Wandernden grüßte. Seine Töne weckten den Widerhall der
Berge. Käte stand still und erhob ihre Stimme zu einem wirklich ähnlich
klingenden Jauchzen, obgleich jedermann weiß, daß Jodeln für den
Nordländer schwer oder nie zu lernen ist!
»Das kam von Herzen, Käte!« lachte der Major.
»Ja, ganz gewiß! Aber wenn das arme, kleine Herz sich hier nicht mal
kräftig Luft machte, müßte es einem vor Wonne zerspringen!« rief sie
mit flammendem Rot im Gesicht. »O Hanni, komm mal her!« Damit küßte sie
die Freundin ab, daß der Hören und Sehen verging.
Trotzdem es auf und nieder ging, hatten aller Augen so viel zu sehen,
daß man von Müdigkeit nichts fühlte. Und als zum Schluß der steile
Aufstieg kam, war man erstaunt, daß nur noch zehn Minuten bis zum Ziel
sein sollten.
Auch die letzte Zickzack-Windung wurde überwunden, und vor den
Wanderern lag auf der grünsten aller Matten das nach dem Bilde schon
bekannte, freundliche Bauernhaus, und wenige Minuten weiter das so
einladende Hospiz. Wie klopften die Herzen, als man nun wirklich
eintrat und unter dem grünumrankten Dach des hölzernen Vorbaues den
greisen Hausherrn mit einigen Gästen plaudernd sitzen sah! Sein
Gesicht hatte man von fern manches Mal im Gottesdienst in Berlin
gesehen – aber ihm jetzt selber die Hand drücken dürfen, von den
freundlich strahlenden, blauen Augen hier in der Alpenherrlichkeit
willkommen geheißen zu werden, das gab dem Ganzen eine Weihe, die den
jungen Menschenkindern tief ins Herz drang. Dieses Gefühl wurde noch
verstärkt, als am Abend die sämtlichen Gäste in dem äußerst gemütlichen
Wohnzimmer zusammenkamen, um Gottes Wort zu hören, das der Geistliche
in seiner schlichten, eindringlichen Art auslegte. Als die Klänge
eines kräftig gesungenen Chorals den Abendsegen beschlossen, wandten
sich manche interessierte Blicke, um zu sehen, wem die beiden frischen
Mädchenstimmen gehörten, und ein Ausdruck heller Freude glitt über
alte, müde Gesichter beim Anblick dieser lebensfrohen Jugend.
[Illustration]
[Illustration]
17. Kapitel.
Jeder für jeden.
Ganz betäubt von der Flut neuer Eindrücke, wollte Hanni sofort ins
Bett, als endlich auch die nötigen Begrüßungen und Vorstellungen
überwunden waren. Aber da kam sie bei Käte schlecht an! Die mußte
erst ihr ganzes neues Reich in Besitz nehmen. Die Schiebladen wurden
verteilt, die Sachen eingeräumt, die unterwegs gepflückten Sträuße
mußten erfrischt und neu geordnet werden, und als Hanni endlich meinte,
Ruhe zu bekommen, entdeckte die nimmermüde Freundin, was ihr bisher bei
dem Dämmerlicht der Kerze entgangen war, daß eins der Fenster in einer
kleinen Balkontür endete und daß man von draußen den wunderbarsten
Rundblick hatte über eine ganze Bergkette, die von seltsamen
Wolkenfetzen gespenstisch umzogen wurde.
Nun konnte fürs erste von keiner Ruhe die Rede sein. Nachdem die
Aussicht in jeder Richtung genossen war, begann von neuem das Rücken
der Möbel. Eine kleine Chaiselongue wurde herausgezogen, denn »einen
solchen Ort für die Mittagsruhe gibt’s ja auf der Welt nicht weiter«!
Es mußte probiert werden, welches Tischchen Platz hätte, bis der
Geschäftigkeit ein jähes Ende bereitet wurde. Ein kräftiger Schlag ließ
die leichte Bretterwand erzittern und eine rauhe Baßstimme rief: »Hört
die Turnerei nun wohl bald auf! Da übt doch lieber mal eure Kräfte beim
Heumachen, statt hier müden Wanderern den Schlaf zu rauben!«