so oft, schon die Schwierigkeit lösen. Sie war bereits in der Wohnung
gewesen und sagte, die Straße sowie das Haus sei so anständig, daß wir
ohne weiteres hingehen könnten, den Kindern eine Freude zu machen.
Sie hätte beim Wirt erfahren, daß die Mutter der drei Kleinen eine
äußerst brave, fleißige Frau sei, die schwere Mühe hätte, für sich
und die Kinder immer das Nötige zu erarbeiten, da sie schon seit der
Geburt des Kleinsten Witwe wäre. Mutti mußte doch der Frau von Herder
am Nachmittag eine Visite machen wegen einer anderen Angelegenheit.
Dann wollte sie auch erzählen, was sie erlebt, und hoffte, für Ilse
die Erlaubnis für fernere Besuche zu erwirken. Du hättest Ilses Glück
am nächsten Tage sehen sollen! Ihre Mutter hatte sich – freilich mit
vieler Mühe – erweichen lassen, ihr den Gang zu erlauben. Nun brachte
sie ein ganz unförmlich dickes Paket herbei und freute sich beinahe
ebenso wie die arme Frau und die Kinder, als die alten, noch sehr guten
Kleider, Strümpfe, Schuhe, Brötchen, Äpfel und was nicht noch alles zum
Vorschein kamen. Ja, ein halbes Pfund Butter brachte sie mit; einen
Schatz, den die kleinen Würmer gar nicht genug bewundern konnten.
Und nun denk, was sie seither jede Woche treulich tut: sie spart alles
zusammen, was sie selber entbehren kann – von der Mutter nimmt sie
nichts dazu – und packt es in einen Kasten. Manchmal sind da Äpfel,
Kuchenstücke, Brötchen, Kleidungsstücke, Bilderbücher und Spielsachen.
Und immer ein Stück Butter. Weil sie sie so liebt, jammert sie dies
Entbehren der Kleinen am meisten. Nun nimmt sie selber morgens nie mehr
welche zum Frühstück. Und wenn dann die Woche um ist, holt sie sich aus
der Küche so viel, wie sie wohl meint, erspart zu haben. Frau Berger
ist unendlich dankbar und erfreut und sagt, seit ihr Mann tot sei, habe
sie noch keine so gute Zeit gehabt. Sie käme immer ganz schön aus und
brauchte sich nicht mehr so vor dem Tage zu ängstigen, wo sie Miete
zahlen müßte.
Ist es nicht eigen, zu denken, daß mit dem, was so ein junges Ding
erübrigt, einer ganzen Familie zu helfen ist? – Ilse kriegt ja ein
ziemlich großes Taschengeld – und seit unserem Abenteuer hat sie,
glaube ich, noch weder neue Glacéhandschuhe gekauft, noch so große,
seidene Haarschleifen. Kleinigkeiten kann ich ja auch immer beisteuern;
aber naturgemäß sind die Abfälle bei Herders größer als bei uns.
Auf Weihnachten hat Ilse sich ja sonst nie sehr gefreut. Ihre Wünsche
werden das ganze Jahr lang im Übermaß erfüllt – die Geschenke haben
also keinen besonderen Reiz; und weiter ist es nicht viel mit der
Feier bei Herders. Dies Jahr strahlte ihr Gesicht ordentlich, als ich
sie in der Christvesper sah. Sie kam eben von den armen Bergers, die
ganz glücklich gewesen waren über all ihre Geschenke. – Das Nähen
verabscheute doch Ilse so – jetzt hat sie mit ihren steifen Fingern
alles mögliche für die Kleinen zustande gebracht. Ihre nette Berta hat
ihr dabei geholfen.
Nun wolltest Du noch hören, wie es in der Schule geht. Besonderes
ist nicht zu berichten. Die Aufstände in der Zeichenstunde werden
immer toller. Aber großartig ist der neue Geschichtsprofessor;
dessen Schilderung der Freiheitskriege solltest Du hören – einfach
begeisternd! – Aber jetzt in den Ferien liegt mir das sehr fern. Ein
andermal mehr davon. Nun muß ich wieder in die Weihnachtsstube; Ernst
wartet ungeduldig mit seinen aufgestellten Truppen.
Tante Else mußt Du noch von mir sagen: jeden Tag streichle und liebkose
ich ihren Arbeitskasten mit den vielen Fächern und packe alles aus und
ein. Die Perlmuttereinlagen zwischen dem hellblauen Sammet sind einfach
zum Entzücken. – Tante Idas Ekkehard hat die erste Nacht unter meinem
Kopfkissen geschlafen; aber sie soll sich keine Sorgen machen, daß ich
im Bett lese. Was ich versprochen habe, halte ich. Und damit ade! Immer
Deine Käte, im alten wie im neuen Jahre.«
»Schönfelde, den 1. Januar.
Liebste Käte! Neulich machten die Schlittenglocken meinem Brief
vorzeitig ein Ende. Heute muß ich Dir nun schildern, was für einen
strahlenden Anfang das neue Jahr nahm. Es war zu hübsch! Was ich hörte,
war nicht allein Schellengeläute, sondern klar und deutlich erklang
die Melodie: ›Das alte Jahr vergangen ist.‹ Ich traute meinen Ohren
nicht und glaubte, mitten im Sommer zu sein und von Admiral Kählers
Tannenhügel her die Töne zu hören.
Denk Dir, Klaras Vetter, Karl, erzählte doch schon im Herbst, daß er so
gern Waldhorn blase; nun hat er zu Weihnachten ein eigenes bekommen
und spielt es wunderhübsch, noch viel besser als Hertas Bruder.
Das Allerschönste kam aber nach dem Abendessen. Klärchen und ich
wollten ein bißchen in der Veranda auf und ab gehen, weil uns drinnen
bei all den Lichtern die Köpfe warm geworden waren. Da flammte auf
einmal eine Feuersäule drüben hinter dem Wasserrosenteich in die Höhe.
Brennende Glut bis in die letzten, kristallenen Spitzen der Buchen
und Linden. Über jede Beschreibung! Wir schrien erst laut auf und
wußten gar nicht, was wir davon halten sollten. Aber als die Großen
herbeikamen, sahen wir an Vaters Gesicht, wer sich diese Überraschung
für uns ausgedacht, und auch des Gärtners und seines Burschen dunkle
Gestalten, die draußen hin und her huschten, lösten uns das Rätsel.
Schon flammte ein bengalisches Licht hinter dem anderen Teich und links
in der Grotte auf – grünliche und rote Flammen – und jetzt begann vom
Berge her, langgezogen und feierlich: ›Es ist ein’ Ros’ entsprungen.‹
Die glockenhellen Töne weckten einen Widerhall in dem klingenden
Schnee. Käte, schildern kann ich Dir gar nicht, wie es war; – Du mußt
Dir dies Klingen und Flimmern in der stillen Luft vorstellen!
Alles, was wir an unseren schönen Sommerabenden miteinander beim
Heimgang vom schwarzen See gesungen, kam an die Reihe: ›Es liegt eine
Krone im tiefen Rhein‹, ›Sah ein Knab’ ein Röslein stehn!‹. Zuletzt
auch wieder: ›Morgen muß ich fort von hier‹.
Schade, schade, daß es dann zu Ende war, und daß in drei Tagen auch die
Ferien zu Ende sind.
Nun kommen die langen, gleichmäßigen Wochen zwischen Weihnachten und
Ostern, die ich mir etwas eintönig vorstelle. Aber Tante Ida behauptet,
daß sie gerade die extra liebe. Es würde einmal alles fertig, was man
sonst beiseite schöbe. Und die Gedanken könne man auch mal gründlich
aufräumen. Na, soviel zu räumen finde ich da vorläufig nicht. Ich
möchte glühend gern, Du wärst ein paar Wochen bei mir. – Grüße alle in
der Schule, die noch an mich denken, und küsse Max und Moritz auf ihre
dicken Backen! Wenn wir doch auch noch so ein Pärchen hätten! Deine
Hanni.«
[Illustration]
[Illustration]
14. Kapitel.
Bittere Enttäuschung.
»Schönfelde, den 15. April.
Liebe gute Käte!
Wenn der Frühling kommt und auf die Berge steigt,
Wenn der Schnee im Tal und von den Hügeln weicht,
Wenn die Knospen schwellen und die Bächlein quellen,
Dann wird mir so wohl, so weh!
Kennst Du die süße Melodie? Die klingt mir den ganzen Tag in den
Ohren. Die kleine Quelle am Ende des Buchenganges sprang auch gar zu
lustig über die hellen Kieseln – die Schneeglöckchen drängen sich in
so dicken Büscheln unter dem braunen Laube vor – in jeder Hecke zirpt
und zwitschert es, an jedem Busch werden die hellen Spitzen sichtbar,
wie kleine Funken und Lichter, wenn die Sonne darauf scheint. Es ist
ein Drängen und Wachsen, ein Herauswollen aus der Enge, ein in die Höhe
streben, in die Weite sehnen, daß man selbst gar nicht ruhig dabei
bleiben kann!
Ich war nicht imstande, meine englische Übersetzung fertig zu machen,
als die Sonne mir trotz meines Wegrückens immer wieder auf den
Blättern der Hefte herumtanzte. Unaufhaltsam bohrend, tropfte – trip,
trip, trip – das Wasser vor meinem offenen Fenster auf das Verandadach.
Nachts waren noch ein paar Eiszapfen gefroren, jetzt lösten sie sich
schnell vor den Strahlen auf, und jeder Tropfen rief: ›Komm mit, komm
mit! Wir können auch nicht mehr still sitzen oben am Dach! Es geht
hinaus zu den anderen – ins Bächlein – über Steine und Moos – immer
weiter, bis zuletzt das Weltmeer uns aufnimmt!‹
Sag, wo wir wohl mal hinkommen, du und ich? Was für Schicksale wohl
auf uns warten? Ob wir in der Heimat bleiben sollen oder einmal die
lockende Ferne sehen? Ob eine große, schöne Arbeit auf uns wartet
oder unsere Flügel beschnitten werden? O, nur das nicht! Recht hinaus
ins Leben! Viel Arbeit, viel Gelingen, viel Lernen und Begreifen!
Zusammenschluß mit großen, berühmten Menschen, deren Einfluß in die
Weite reicht! Ach, recht, recht viel erleben möchte ich zu gern!
Manchmal verstehe ich nicht, daß Tante Ida die Ruhe und Stille so
liebt. Mir liegt viel mehr daran, was Neues zu erfahren, Menschen
kennen zu lernen, zu sehen, was jenseits der Berge wohl sein mag!
Nun ist’s nur noch ein Jahr, bis wir konfirmiert werden. Bleibst Du
bei Deinem Plan, dann gleich ins Seminar zu gehen? Ich weiß noch gar
nicht, wie es mit mir wird. Vater möchte am liebsten, daß ich gründlich
Haushalten lernte; aber mir kommt es vor, als wenn ich davon bereits
eine ganze Menge verstehe. Letzthin habe ich sogar schon geholfen,
einen großen Koffer voll Garn leer zu packen, und das feinere für
Handtücher, das dickere für Bettzeug auszusuchen. Der Weber war da und
brachte das, was vorigen Winter gesponnen und nun gewebt war; lauter
dicke, schwere Rollen. Tante Ida und Mutti waren begeistert, was ich
von mir nicht sagen kann, denn hübsch ist was anderes – es sah grau und
unscheinbar aus.
Ich muß gestehen, ich möchte viel lieber hinaus und etwas lernen, was
ich noch nicht kenne, am liebsten eine fremde Sprache im Ausland.
Aber dazu werde ich sehr schwer der Eltern Erlaubnis kriegen! Wieviel
leichter wäre das, wenn noch sechs andere Mädels da wären, sie über
mein Fernsein zu trösten! – Ja, dann!
Aber ich will mich nicht unnötig sorgen, sondern geduldig warten, wie
es kommt. Weihnachten sorgte ich, die Zeit bis Ostern sei gar zu lang –
sie ist mir verflogen im Handumdrehen. – Wenn’s mir gut ist, die Welt
kennen zu lernen, wird sich schon ein Weg finden.
Nun noch etwas Betrübtes: Denke Dir, Muttis Kopfschmerzen sind jetzt,
statt sich in der Landluft zu bessern, viel schlimmer als je. Der
Arzt sagte neulich, so ginge es nicht weiter. Man wolle noch ein
Weilchen warten, ob es vielleicht die Frühlingsluft sei, die es so
verschlimmere. Wenn es aber nicht anders werde, müsse etwas Ernstliches
geschehen. Hoffentlich geht es vorüber! Grüße Deine Mutter schön von
Deiner Hanni.«
»Berlin, den 10. Juni.
Liebste Hanni! Schon neulich waren wir bekümmert über das, was Du von
Deiner lieben Mutter Befinden schriebst, und nun brachte Dein langer
gestriger Brief große Aufregung und Kummer hervor. Also sie ist gar
nicht wohl und soll in ein Sanatorium? Ich kann mir denken, wie der
Plan Dich betrübt; Du bist noch niemals wochenlang von ihr getrennt
gewesen. Aber trotzdem sagt Mutti, sie verstände es durchaus, daß
Du nicht mit solltest. Da ist es eigentlich nett, daß Du zu Pastors
kommst. Ich denke mir, Euer Zusammensein kann auch ein rechter Spaß für
Dich werden.
Mutti läßt sagen, sie fände es zu lieb von Deinen Eltern, auch an uns
gleich zu denken. Sie glaube aber, es sei besser, wenn wir in diesem
Jahre von vornherein auf den Plan, zu Euch zu kommen, verzichteten.
Selbst wenn Deine Mutter zu den Ferien zurück sein könne, sei ihr
doch wahrscheinlich die größte Ruhe nötig. Da wollten wir lieber die
Einladung von Onkel Alfred nach Rügen annehmen. Wir seien dort gut
aufgehoben und Ihr solltet Euch keinen einzigen Gedanken weiter über
die Sache machen.
Liebe Hanni, das ist leicht gesagt, aber es ist schwer getan! In meinem
Herzen schreit und heult es laut, wenn ich an all die Seligkeiten
denke, die uns verloren gehen. Onkels Wohnort ist gegen Schönfelde ein
Loch, und das ganze Rügen kann mir gestohlen werden, wenn ich an Euch
denke.
Aber da will ich nun zu Carlyles Heldenfiguren eine neue hinzufügen
und mich darstellen als ›Der Held als Backfisch‹! Ich will stumm
leiden – nicht klagen –, will Mutter helfen, Ernst trösten, den Onkel
erheitern und Max und Moritz klarzumachen suchen, daß ihre Pferde und
Borkenschiffe selbst nächstes Jahr noch an ihrem Platze liegen!
Na, nun Schluß! Solange ich hiervon spreche, muß ich Tränen
runterschlucken, und das macht mir auf die Dauer Magenschmerzen. Die
Hauptsache ist, daß Deine gute, geliebte Mutter wieder gesund wird.
Immer Deine Käte.«
* * * * *
Für alle unsere Freunde bekam der Sommer ein sehr anderes Gesicht, als
sie im vorigen Jahr beim Scheiden gedacht. Frau Gerloff hatte eine
langwierige Kur durchzumachen, und ihr Mann besuchte sie von Zeit zu
Zeit. Dauernd von Hause fortgehen konnte er wegen der großen Wirtschaft
nicht. Hanni war ins Pastorat übergesiedelt, und es interessierte
sie über die Maßen, einmal tagelang in dem munteren Kinderkreise
zuzubringen. Alle waren entzückt von der plötzlich hinzugekommenen
großen Schwester, die viel mehr Zeit und Lust hatte, mit ihnen zu
spielen als die verständige, etwas nüchterne Klara. Am allerliebsten
beschäftigte sich Hanni mit der Kleinsten, die erst ein Vierteljahr alt
war und die reizendsten Versuche machte, ihr Dasein durch Krähen und
Lachen zu bekunden.
Aber unfaßlich erschien ihr die Ausdauer und Leistungsfähigkeit der
Frau Pastorin. So etwas hätte sie nie für möglich gehalten. Vom frühen
Morgen ging es bis in die Nacht. Wenn alle Kinder sauber in den
Kleidern waren und ihr Frühstück verzehrten, hatte die Mutter schon
ein wirkliches Stück Arbeit hinter sich. Dann begann der Unterricht.
Um zehn Uhr schlug Sophie an die große Glocke. Herr Pastor kam mit
den Tertianern aus seinem Zimmer, Frau Pastorin, die französische
Schweizerin war und alle Sprachstunden gab, mit den großen Mädchen aus
der Wohnstube. Meist kamen die beiden kleinen Mädchen vom Schulhause
herübergesprungen, wo sie dem Studium der Fibel oblagen, und der
zweijährige Bruno, der vor der Küchentür auf dem Sandhaufen gekrabbelt,
war selig, nach der langen Einsamkeit wieder einmal mit allen lachen
und scherzen zu können. Man ging mit den Butterbroten im Flur und
Garten auf und nieder und hätte zu gern auch das Baby in die allgemeine
Heiterkeit hineingezogen. Da verstand aber die Frau Pastorin keinen
Spaß. Das kleine Heiligtum stand still und nur von fern bewundert in
seinem Körbchen unter dem Nußbaum und vergnügte sich mit seinen eigenen
Händchen und Füßchen. Nie durften unberufene Hände es herausnehmen und
seine Ruhe stören. Es war eben in keiner Weise ein Spielzeug.
Nach dem Mittagessen mußte für ein Stündchen vollkommene Stille
sein, darauf hielt der Pastor aufs strengste. Niemand durfte die
Mutter stören, die dringendsten Anliegen wurden verschoben. Aber um
drei Uhr versammelte sich alles in der Weinlaube hinterm Hause. Nach
schnell eingenommenem Kaffee war mit Nähen und Stopfen, Gemüseputzen,
Beerenlesen und den vielen anderen nötigen Arbeiten soviel zu tun, daß
man gar nicht merkte, wo die Stunden bis zum Abendessen blieben, was
der Einfachheit halber alle miteinander um sieben Uhr bekamen. Wer
von den Kindern mit Schulaufgaben fertig war, half bei den leichten
häuslichen Arbeiten. Tischdecken und Abräumen war das ständige Geschäft
der kleinen Mädchen, und Klärchen lag es ob, alle Kinder, bis auf das
kleinste, was die Mutter wusch und auszog, ins Bett zu befördern.
Obwohl nun die Mutter immer freundlich und unverzagt von einer Arbeit
zur anderen eilte, so entging es doch Hannis aufmerksamem Blick nicht,
wie müde sie seit diesem Frühling oft war und wie tiefe Schatten sich
manchmal unter ihren Augen zeigten. Als Hanni einmal mit Tante Ida
zusammensaß, die sie ab und an in ihrer Einsamkeit besuchte, sprach
sie ihre Besorgnis aus, und es fand sich, daß die Tante ganz dieselbe
Beobachtung gemacht hatte.
»Wenn doch Frau Pastorin einmal ordentlich ausschlafen, ein paar Tage
stillsitzen könnte! – Ich merke manchmal, wie es ihr Überwindung
kostet, die Treppe zu steigen. Ihre Füße wollen einfach nicht vorwärts.
Wenn es uns nachmittags einmal glückt, über die Zeit alles still zu
halten, so daß sie länger schläft als sonst, dann sieht sie nachher
ganz anders aus, ordentlich klar aus den Augen. Sie ist, glaube ich,
immer müde. Das kann doch nicht gut sein.«
Der Nachmittagspostbote kam gerade und brachte einen langen Brief von
Hannis Mutter mit ausführlicher Schilderung ihres Lebens im Sanatorium.
Zum Schluß kam die Mitteilung, der Arzt wünsche dringend, sie noch
vier Wochen länger als geplant, dort zu behalten und knüpfte daran die
Hoffnung auf völlige Besserung. Sie solle von jetzt ab mehr Freiheit
genießen, täglich Spaziergänge in den Wald machen. »Wenn man nur nicht
so schrecklich einsam wäre!« fuhr sie fort. »Manchmal wünschte ich
meine Hanni hierher. Dann aber sage ich mir doch, dies untätige Leben
wäre gar nichts für sie. Wenn ich jemand Liebes hätte, der sich auch
erholen und ruhen müßte und zu meinen erbärmlichen Kräften paßte!«
Tante und Nichte sahen sich an. Sie hatten denselben Gedanken. Wenn man
doch Frau Pastorin dorthin zaubern könnte! Wie sehr würden beide ein
solches Zusammensein genießen! Wie würde der abgearbeiteten Frau die
Ruhe und Erholung wohl tun!
»Aber sie geht ja sicher nicht weg; wer sollte auch ihre Arbeit tun?
Und dann glaube ich, kostet es eine Masse Geld, nicht, Tante? Frau
Pastorin ist sehr sorgsam mit jeder Ausgabe – erst gar, wenn es sie
selber betrifft.«
Hin und her wurde beraten. Schließlich fand Tante Ida, wie immer, den
nötigen Ausweg. Sie setzten sich miteinander in den Ponywagen, der im
Schatten der Linden gewartet hatte, und nach einer Viertelstunde war
man im tiefsten Gespräch in Herrn Pastors Studierzimmer.
»Ich habe eine große Bitte auf dem Herzen, meine liebe Frau Pastorin.
Versprechen Sie mir, sie zu erfüllen, wenn es irgend angeht!«
»Da braucht es wirklich kein Versprechen, denn Sie wissen, nichts würde
uns mehr Freude machen. Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, was wir
für Sie tun könnten – sonst liegt doch die Sache meist umgekehrt!«
Groß war dann die Überraschung und das Erstaunen, als Tante Ida ihren
Plan entwickelte: Frau Pastorin möge auf vier Wochen in den Harz gehen
und der leidenden Frau Gerloff Gesellschaft leisten. »Sehen Sie,«
erklärte die alte Dame in ihrer lebhaften Art, »eigentlich wäre es ja
an mir, meiner lieben Schwägerin beizuspringen. Und wenn es sein muß,
tue ich es schließlich. Aber Sie können sich ja vorstellen, was für ein
Greuel es mir ist, da so ohne Beschäftigung und ohne meine häusliche
Bequemlichkeit, an die ich nun mal gewöhnt bin, zwischen den fremden
Leuten herumzusitzen. Und dann mein lahmes Bein! Mit so was bleibt
man doch lieber zu Hause, als daß man sich mitleidig und neugierig
angaffen läßt. Das ist alles nichts für alte Leute. Sie sind so viel
jünger, meine Schwägerin hätte ja auch viel mehr Anregung davon, wenn
Sie kämen; denn mich kann sie das ganze Jahr über genießen. Und für Sie
wäre es ganz gut, wenn Sie einmal aus allem Alltäglichen heraus wären!
Eins ist ja selbstverständlich: Wenn Sie mir den großen Gefallen tun,
die Sache für mich zu übernehmen, so trage ich natürlich Sorge für die
Kosten der Reise und des Aufenthaltes. Das Nötige liegt auch längst
bereit. Mein Bruder schickte mir vor langen Jahren ein Sümmchen für
eine Badereise, trotzdem ich seit meiner Jugend nicht viel Sinn gehabt
habe für solche Plantschereien und Einwicklungen. Wenn nun diese Sache
besorgt würde, ohne daß ich den Finger danach zu rühren brauchte, so
wäre ich ja obenauf. Also, bitte, schlagen Sie ein! Ich habe zu aller
Sicherheit schon dies Instrument mitgebracht, um Ihnen keinen Ausweg zu
lassen.« Damit legte sie eine kleine, schwere Geldbörse in den Schoß
der ganz erschrockenen Pastorin.
Die wollte noch allerhand Einwände machen, aber ihr Mann war so
begeistert über den Plan, daß er sie gar nicht zu Worte kommen ließ.
Als sie Bedenken äußerte, ob die Kinder und der Haushalt ohne sie
auskommen würden, hatte Tante Ida auch _die_ Schwierigkeit bereits
ins Auge gefaßt: »Die Ferien sind vor der Tür. Was würden Sie da zu
folgendem Tausch sagen: Unsere Hanni möchte gern noch die vier Wochen
bei Klärchen bleiben, ›als Stütze der Hausfrau‹. Dafür nähme ich die
Tertianer, die müßten in der Ernte – und in den Stachelbeeren – helfen.
Solche Jungen sind mein Fall, die verstehe ich gut zu bändigen. Und für
den Notfall ist der Vater nicht weit!«
Alles war überlegt, und die überrumpelte Pastorin kam nicht durch mit
Gegenvorstellungen. Die ganze Familie schien plötzlich kein anderes
Anliegen zu haben, als »sie aus dem Wege zu räumen«, wie sie lachend
klagte.
Hanni und Klara beriefen sich übermütig darauf, daß ihre beiden
sechzehn Jahre zusammen gar nicht so weit zurückblieben hinter dem
Alter der Mutter.
Aber trotzdem erklärte diese, ihre Hauptzuversicht setze sie auf die
verständige Sophie, die nun schon viele Jahre treu für Küche und Haus
gesorgt hatte. »Nicht wahr, ihr versprecht mir, alle häuslichen Dinge
mit ihr zu bereden. Sie weiß genau, wie wir es immer gemacht haben und
wird dafür sorgen, daß nichts verdirbt. Aber ordentlich helfen müßt
ihr, sonst ist sie tot, wenn ich heimkomme, nicht wahr? Ich denke,
jeder besorgt sein Gebiet gewissenhaft: Klara das Baby und die Ordnung
in den Schlafzimmern, Hanni, wenn sie wirklich auch große Tochter sein
will, das An- und Ausziehen der kleinen Mädchen und das Ordnen der
unteren Zimmer. Und bei den Staatsaktionen, wie Einmachen, Waschen und
Plätten helft ihr, soviel ihr könnt. Soll es so sein?«
Mit Feuereifer übernahm jede ihr Amt, und alles ging zur größten
Zufriedenheit des arglosen, sanguinischen Hausvaters.
Entzückte Briefe kamen aus dem Harz. Frau Gerloff war aufs freudigste
überrascht gewesen über den lieben Besuch. Es hatte sich getroffen,
daß ein Zimmer neben dem ihrigen frei war mit Ausgang auf denselben
Balkon. Nun hielten die beiden Damen ihre Ruhestunden in fröhlicher
Gemeinschaft und hatten sich viel zu erzählen von der Heimat und ihren
Lieben. Beglückend war’s für Frau Gerloff, das Entzücken zu beobachten,
mit dem die Freundin die völlige, so ungewohnte Freiheit genoß. Seit
vielen Jahren hatten die Pflichten bei den kleinen Kindern und der
stets wachsende Haushalt dergleichen unmöglich gemacht. Nun kam sie
sich wie verzaubert vor in der wundervollen Umgebung, wo alles für
ihre Bequemlichkeit und ihr Behagen eingerichtet war. Überraschend
schnell gewannen ihre Backen wieder die alte Rundung und Frische, und
als einige Tage vor Ablauf der Erholungszeit der Pastor eintraf, um
noch eine kleine Fußwanderung mit seiner Frau zu machen, bevor sie
heimkehrten, da war er ganz außer sich vor Freude über ihr frisches
Aussehen und behauptete, sie sei nicht im geringsten verändert
gegen damals, als sie vor siebzehn Jahren dieselben Wege auf ihrer
Hochzeitsreise machten.
Hanni hatte viel erlebt in diesen Ferienwochen und schüttete ihr Herz
ab und an gegen die treue Freundin aus.
»Mirow, den 6. Juli.
Liebste Käte! Es ist zu hübsch, auf einmal ›große Leute‹ zu spielen
und den ganzen Tag ohne Schule und andere Aufhaltung im Hause
herumzuwirken! Du solltest bloß sehen, wie fein ich meine drei Kinder
im Zug habe! Dann wird Staub gewischt, sogar hier und da abgerissene
Knöpfe und Bänder angenäht. Herr Pastor hat sich sehr zufrieden
geäußert über den Gang der Wirtschaft.
Die allerliebste Stunde ist mir, wenn am Abend unsere dicke Milch und
Zubehör erledigt ist und wir alle miteinander in der Weinlaube sitzen.
Ich nehme Dickchen auf den Schoß und Klara das Baby. Beide kriegen eine
Brotrinde in die Hand und tun uns den Gefallen, so lange ruhig zu sein,
wie Herr Pastor den Abendsegen liest. Wenn wir dann zweistimmig ein
Lied singen, hören sie beglückt zu und verstärken den Chor mit ihren
Krähtönen.
Es ist ein schönes, tätiges Leben von früh bis spät. – Und Ihr watet
dort wohl am Strande herum? Schreib doch bald, wie’s Euch geht. Deine
Hanni.«
»Mirow, den 17. Juli.
Liebe Käte! Wenn Du uns doch einmal unvermutet überraschen könntest und
sehen, wie ehrbar und tugendhaft wir unsere Tage zubringen. Du würdest
Deinen Augen nicht trauen! Und wenn Du unsere Hände erblicktest,
würdest Du meinen, Du sähest nicht recht. Ja, Käte, es gibt viel zu
tun, und wenn man eben denkt: nun ist’s für heute genug, dann kommt das
eherne Muß und sagt: Genug ist es erst, wenn alles fertig ist! – Und
fertig wird man überhaupt nicht!
Klara ist wirklich schon merkwürdig fix. Und was mir am meisten
auffällt: sie tut all ihre Dinge so selbstverständlich! Du und ich, wir
hatten immer einen Riesenspaß und Aufstand, wenn wir mal was besorgten.
Und nachher wurde es nicht fertig, und Mamsell machte die Sache zu
Ende. Hier heißt es: selbst ist der Mann!