Liebe Käte! Das war eine lange Woche, aber Gott hat durchgeholfen. Du

kannst Dir schwer vorstellen, wie traurig es oft war, und trotzdem groß

und schön!

Als ich Montag in Buchdorf ankam, fand ich Gertrud fassungslos auf

ihrem Sofa. Sie hatte den Kopf in die Kissen gedrückt und wollte nichts

sehen und hören. Erst saß ich lange still bei ihr, und als es anfing

zu dämmern, bat ich sie, mit in den Garten zu kommen, damit ihr Kopf

etwas freier würde in der frischen Luft. Wir sind bis zum Tee zwischen

den Tannen auf und nieder gegangen, und dann gelang es, sie mit ins

Eßzimmer zu bringen, damit die armen Eltern nicht auch sie entbehrten.

Am anderen Morgen schliefen wir bis in den hellen Tag. Unsere Köpfe

waren noch ganz dumpf von all den Tränen. Zuerst konnten wir uns lange

nicht besinnen, bis auf einmal die ganze, traurige Wahrheit wieder vor

unserer Seele stand.

Nach dem Frühstück bat ich Gertrud, mit in den Garten zu kommen, und

wir haben alles, was noch von Blumen da war, für Oda hereingeholt.

Ganze Berge von Blüten und Zweigen brachten wir in den Gartensaal, wo

wir dann einen schönen Kranz nach dem anderen gebunden haben. Gertrud

wurde ganz eifrig dabei.

Aber nun höre, was ich am Abend erlebte! Ich trug zwei große Leuchter,

die ich in den Saal bringen wollte, wo Oda lag. Da sie mir zu schwer

wurden, bat ich die kleine Line, das zweite Stubenmädchen, den einen zu

nehmen!

›Da rein?‹ rief sie mit einem Schreckensaufschrei und wies ganz

entsetzt auf die Saaltür, ›nie im Leben!‹

›Warum denn nicht?‹ Ich verstand sie überhaupt nicht. Aber sie rannte

weg wie gehetzt.

Ich wollte doch wissen, was sie eigentlich meinte und erwartete sie,

als sie in unserem Schlafzimmer die Bettdecken abnehmen mußte. Scheu

wollte sie an mir vorbei, aber daraus wurde nichts! Sie mußte sich sehr

gegen ihren Willen zu mir hinsetzen, und ganz allmählich erfuhr ich

ihre Geschichte.

Sie hat ihre Eltern nie gekannt und ist bei einer sehr barschen

Großmutter aufgewachsen, die ihr wenig gute Worte gegeben hat und immer

schwarze Kleider und Kopftücher trug, – ›auch im Bett‹, behauptete

sie. – Das ist ja aber unmöglich.

Als sie etwa dreizehn Jahre gewesen, sei die Alte krank geworden und

unter schrecklichem Ächzen und Stöhnen gestorben. Sie hätte gar nicht

hinsehen können, so sehr hätte sie sich gegraut vor dem starren Gesicht

in den schwarzen Tüchern!

Ich war ganz entsetzt und fragte, ob sie ihr denn nicht beigestanden

hätte, sie gestreichelt und lieb gehabt? Aber sie schüttelte sich und

sagte: nein, sie sei weggelaufen!

Dann nachher, als Tante Rantzau sie aus Mitleid hierher genommen, habe

sie oft solche Schaudergeschichten von den anderen Mädchen gehört, mit

denen sie im Zimmer schlief – kurz, sie könne niemals einen Toten sehen

und nie mit einem unter demselben Dach schlafen!

Kannst Du Dir so etwas vorstellen? Gestern abend sei sie auf den

Heuboden gekrochen, aber schlafen habe sie auch dort nicht können. Und

nun habe sie schreckliche Angst! – Man sah es ihr an.

Ich wußte erst gar nicht, was ich sagen sollte. Nur mit größter Mühe

konnte ich sie beruhigen. Ich versicherte, sie stelle sich alles falsch

vor: Nichts sei schwarz im ganzen Saal. Oda sähe süßer aus als alle

diese Wochen. Es sei kein schwarzer Kasten da, sondern nur weiße, zarte

Decken und viele, viele Blumen. Ja, es sähe aus, als schliefe sie sanft

in dem wunderschönsten Garten. Dann erzählte ich ihr von Odas großer

Freude, zu Gott zu kommen; schilderte ihr, wie schön sie es doch hier

gehabt, wo ihr jeder Wunsch erfüllt sei – und trotzdem sei sie völlig

sicher gewesen, es dort noch viel besser zu haben! Das Mädchen konnte

es gar nicht glauben. Dann zeigte ich ihr das Kreuz und die goldenen

Verse, die sie mit größtem Interesse las. Mir fällt immer auf, was für

eine überzeugende Macht Gedrucktes auf sie ausübt. – ›Ist das wirklich

möglich?‹ fragte sie schwankend, ›ich habe mich immerzu und zuviel

gegraut vor dem Sterben!‹

Denk mal, zu allerletzt kriegte ich das arme Ding so weit, daß sie

einmal durch die Ritze in den Saal sehen wollte. Mit einem Gemisch

von Neugier und Furcht stand sie lange da. Es sah wunderbar feierlich

aus; die hohen Leuchter mit den vielen Kerzen zu beiden Seiten, die

prachtvollen Myrten- und Lorbeerbäume, die wie ein Wald an den Wänden

entlang standen und inmitten von allem Odas süßes, fast wieder rosiges

Gesicht, von den schönen goldigen Haaren umrahmt, die lang niederfielen

auf die durchsichtigen, weißen Spitzen. Mit gefalteten Händen und

weit aufgerissenen runden Augen schlich Line immer näher und war ganz

gebannt von dem, was sie sah.

Als wir endlich wieder draußen waren, flüsterte sie: ›Das war keine

Tote, das sah aus wie ein Engel!‹ Ich sagte ihr: ›So wird sie nun

für immer mit den Engeln bei Gott sein, Line. Und wir sollen auch

hinkommen! Sie hat mir noch jedesmal die letzten Tage aufgetragen, euch

allen das recht dringend zu sagen, damit ihr daran denkt. Aber dann muß

man sich nicht vor Gott verkriechen auf den Heuboden, sondern in seinem

hellen Schein leben und abends still in sein Bett gehen, die Hände

falten und in dem Gedanken einschlafen: In des Vaters Arm und Schoß

– Amen, ja mein Glück ist groß.‹ Ob sie das beten könne? ›Sie habe es

gelernt!‹

Ich merkte deutlich, das arme Ding hatte gelernt, so etwas aufzusagen –

vom Beten ahnte ihre Seele nichts. Ich will versuchen, unsere kleinen

Gören beten zu lehren!

Jedenfalls hat Line mir versprochen, zu tun, wie ich ihr gesagt, und

sie sah die anderen Tage viel klarer aus den Augen! – Aber schnell gute

Nacht. Deine Hanni.«

»Schönfelde, den 2. November.

Liebste Käte, Du kannst wohl verstehen, daß ich keine Zeit zum

Schreiben fand, solange Gertrud hier war.

Mutter schrieb Euch ja, daß die Kinder diese Wochen zu uns kamen, bis

in Buchdorf alles desinfiziert und geordnet war. Tante Ida, die immer

gern das übernimmt, was für die anderen zu schwer ist, war solange dort

und hat nicht nachgegeben, bis die übermüdete Tante Rantzau ein paar

Wochen mit Onkel in den Harz reiste, wo sie sich schön erholt hat.

Gertrud sollte nicht gern ohne die Eltern in dem traurigen Hause

bleiben; darum ist sie mit der Erzieherin und den kleinen Jungen zu

uns gekommen. Richtige Schule gab es nicht, aber Fräulein Arnholdt hat

eine reizende, frische Art, alle zu beschäftigen. Wir durften morgens

selber einen Plan machen, lauter Stunden, die wir gern hatten. Manchmal

war auch eine von uns Lehrerin. Am Nachmittag wurden meist Wanderungen

gemacht. War das Wetter zu schlecht, so lud Mutti uns alle vor den

Kamin; wir verbrannten Tannenzapfen, die die kleinen Jungen gesucht und

machten Bratäpfel.

Abends ging’s früh zur Ruhe. Wir alle waren noch müde von den Tagen

vorher.

Du, es ist mir geglückt, die kleine Line mit herzukriegen für die Zeit.

Ich bat sehr darum und sagte, sie könne sich ja nützlich machen in den

Zimmern der Rantzaus-Kinder. – Wäre sie diese Tage in dem verödeten

Schloß geblieben ohne genügende Arbeit, so wäre ihre ganze Graulichkeit

verdoppelt wiedergekommen. Nun ließen wir sie viel bei uns sein; immer,

wenn in den Stunden etwas vorgelesen oder erzählt wurde und auch bei

den Religionsstunden, die ganz einzig sind bei Fräulein Arnholdt.

Sie weiß so genau den Ton zu treffen, den die Kinder verstehen.

Mehrere Male habe ich nachher mit Line über das gesprochen, was wir

durchgenommen, und gemerkt, wie ihr alles vollständig neu war. Ist das

nicht zu merkwürdig? Nachdem sie solange Schule gehabt! Mir scheint,

als wenn diese Kinder, was die Begriffe anlangt, furchtbar lange wie im

Schlafe leben. Niemand macht sich die Mühe, sie zu wecken. Line zeigt

oft denselben Grad von Verständnis wie der zehnjährige Alfred Rantzau,

und dabei ist sie durchaus kein dummes Mädchen.

Fräulein Arnholdt ist so munter; Du solltest bloß sehen, wie schnell

und sicher sie jedes an seinen Platz befördern kann. Wir mochten so

gern allein, ohne die kleinen Jungen, mit ihr in den Wald gehen, um

ungestört über vieles mit ihr sprechen zu können. Dann setzte sie Line

mit einem Strickzeug zu Fred und Heini, damit sie die Gesänge und

Geschichten auch lerne, die die Jungen aufhatten.

Es sind übrigens reizende Kerlchen, die ordentlich Leben ins Haus

brachten – eine große Hilfe gegen trübe Gedanken.

Montag reisten sie wieder heim, und nun fängt der Winter an, mit ihm

auch meine Kinderschule. Ich will keine Zeit ungenützt vergehen lassen.

Durch Line ist mir noch viel klarer geworden, wie nötig es ist, sich

früh um die Kleinen zu kümmern. Am Sonnabend ist der Anfang. Ich

schreibe Dir, wie es geht. Immer Deine Hanni.«

[Illustration]

[Illustration]

13. Kapitel.

Advent und Weihnachtszeit.

»Schönfelde, 1. Dezember.

Meine liebe Käte! Könnte ich Dich doch heute hier haben, damit Du

auch einmal solchen stillen, friedlichen Wintersonntag auf dem Lande

erlebtest! Vorstellen kannst Du Dir diese Ruhe und Feierlichkeit kaum.

Der Sonntag beginnt eigentlich für mich am Sonnabend nachmittag um

sechs Uhr. Dann sind meine kleinen Schülerinnen mit ihrer Arbeit

fertig. Die kleinsten, die am anderen Tisch sitzen und spielen, müssen

ihre Sachen zusammenpacken, und ich hole die Pfeffernüsse vom Büfett,

zu denen sie schon viele verstohlene Blicke hingeschickt haben.

Gestern fing nun die schöne Vorbereitung auf Weihnachten an. Du

freutest Dich doch immer so an unserem Adventsbäumchen in der

Tiergartenstraße. Ebenso eins steht hier wieder neben dem Klavier, und

durch das kleine Transparent scheint die Lampe.

Die Kinder sahen furchtbar erstaunt – Du würdest sagen ›angedonnert‹ –

zu allem aus. Das hätte mich früher sehr gestört. Aber dann denke ich

an Odas Schmerz über ihre unüberwundene Verlegenheit, und gleich geht

es besser.

Auch die Handarbeiten brachten mich zuerst in die größte Verwirrung.

Aber Tante Ida weiß zu allem Rat. Sie setzt sich jetzt mit ihrem

Strickzeug in die Fensternische, wo man sie vor den großen

Blattpflanzen kaum sieht. Dann merkt sie, wenn ich nicht recht

durchkomme oder wenn ein Strumpf ganz formlos werden will, und kommt

still herbei, den Schaden auszugleichen.

Nun war ich aber beim Adventsbäumchen. Ich hatte unseren Dienstmädchen

gesagt, falls es ihnen Freude mache, sollten sie doch auch in den Saal

kommen und singen helfen. Die Kinderstimmen allein würden etwas dünn

klingen. Punkt sechs kamen sie alle herein, sogar Mamsell, was mich

riesig ehrte, und zu Tante Idas Begleitung sangen wir mehrere Lieder.

Die Eltern saßen nebenan in Muttis Stube am Kamin und hatten die Tür

während des Singens geöffnet. Als wir fertig waren, kam Mutti mit

einem großen Korb voll Äpfel und Nüsse herein und sagte: ›Das klang ja

wunderhübsch. Nun müßt ihr auch alle zusammen eine Belohnung haben.‹ Zu

nett waren die vergnügten Gesichter anzusehen, und nachher hat Lisbeth

mir erzählt, sie möchten so furchtbar gern singen und Klavier hören

und hätten gemeint, dies sei wie ein Festtag gewesen! Ist das nicht

rührend? Sie sehen und hören ja sehr wenig hier auf dem Lande und sind

für die geringste Abwechslung dankbar.

Ist bei Euch auch so wunderbares Winterwetter? Dieser zarte Rauhreif

auf den Tannen ist wie ein Märchen. Jetzt möchte ich Ernst wohl mal mit

in den Garten nehmen. Mich freute so sehr, daß Du schreibst, er sei

viel munterer und zuversichtlicher.

Erzähle mir doch nächstes Mal auch ein bißchen von Eurer Schule.

Macht Herr Matz noch immer solche Sprünge, wenn er die Formel an

die Wandtafel schreibt? Unsere Stunden sind oft sehr hübsch und

interessant, aber die lustigen Zwischenstunden fehlen mir doch recht.

Ade, meine liebe Käte; es ist noch viel zu tun bis Weihnachten. Immer

Deine Hanni.«

»Schönfelde, den 22. Dezember.

Liebe Käte! Nun steht das Fest dicht vor der Tür, und die Pakete sind

alle weg. War das eine Wirtschaft gestern! Mutti und Tante Ida haben

den ganzen Tag gepackt und gekramt. Der lange Eßtisch im Saal war

bedeckt mit Sachen.

Bist Du neugierig, was in der Kiste war, auf der ›Schönebergerstraße‹

stand? O, Du wirst Augen machen!

Sag doch Ernst, mit dem Harzer Baukasten könnte er lauter verschiedene

Instrumente zusammensetzen. Sogar eine Feuerspritze mit aufziehbarer

Leiter hat der geschickte kleine Franz Löber neulich daraus gemacht,

als ich ihm die Sachen zum Ausprobieren gab. Er war begeistert – und

ich hoffe, es wird auch Ernst Freude machen. Sind nicht die beiden

Bären für Max und Moritz wonnig? Nächstes Jahr kriegt jeder von diesen

großen ein kleines Zwillingspaar als Kinder. Ich sah sie im Laden –

einfach zum Auffressen!

Gestern also sind nun alle Schlachtpakete gepackt; die Würste mußten ja

erst fertig sein. Anfang der Woche war die große Schlachterei. – Unter

uns gesagt, Käte, ein schauderhafter Anblick, wenn die ganze Küche

mit riesigen Speck- und Fleischstücken vollgetürmt liegt! Ich sollte

Mamsell etwas bestellen, floh aber, so schnell meine Füße mich tragen

wollten, vor den Gerüchen davon. Weißt Du, Schmalzkessel, in denen ein

dreijähriges Kind ertrinken könnte! Zu Tante Ida darf ich darüber aber

nichts sagen. Sie findet es albern und kann beinahe ärgerlich werden,

wenn man sich ›anstellt‹ über solche ›ganz natürliche und nützliche

Dinge‹.

Die Würste, die nachher aus diesem Fegefeuer hervorgehen, sind ja auch

nicht zu verachten. Sie werden Euch sicher gefallen. Es geht immer nach

der Größe, und die zwei gleichen von jeder Sorte heißen Max und Moritz.

Es war rührend, wie sorgfältig Mamsell sie alle geformt hat und sie

dann stolz auf einem Brett in den Saal trug zum Einpacken.

Das Zubinden aller Pakete fiel mir zu, und ich habe jedesmal einen

hübschen Tannenzweig mit Lametta obenauf befestigt, was Tante Ida

zuerst etwas unnötig und zeitraubend fand. Als aber alles fertig

dastand, war sie ebenso entzückt wie ich.

Aber ich rede mich fest, und muß doch noch all unsere Sachen für die

Weihnachtsbescherung der Dorfkinder zusammenholen. Der Schrank in Nr.

6 ist schon beinahe voll. Früher hat Tante Ida nur jeder Mutter ein

Paket ins Haus geschickt, aber dies Jahr dürfen alle Kinder, die laufen

können – es sind 49 – Heiligabend um fünf Uhr auf die Diele kommen,

und für jedes wird ein Platz gemacht. Es war gar keine Kleinigkeit für

mich, die Namen und das Alter von allen festzustellen, aber dabei haben

meine Nähkinder geholfen. – Aber ganz schnell ade! Grüße alle. Deine

treue Hanni.«

»Schönfelde, den 1. Januar.

Meine liebe Käte! Dies war das wunderschönste Weihnachtsfest, was

ich je erlebt. Erzählen läßt es sich gar nicht, Du hättest es sehen

müssen. Die eifrige Arbeit den ganzen 24.! Endlich, um vier Uhr,

war die Bescherung auf der Diele fertig. Unsere schöne Krippe mit

den geschnitzten Figuren aus Oberammergau hatte ich in einer Ecke

aufgebaut, wo alle Kinder sie gut sehen konnten. Die festliche Tafel

entlang standen die Teller mit Äpfeln, Kuchen und Nüssen, und daneben

für jedes Kind seine Geschenke. O, dies Glück!

Solange sie ihre Weihnachtslieder hersagten, sahen sie freilich noch

beklommen und schüchtern aus. Nach und nach wurden aber besonders die

Kleinen ganz lebhaft und strahlten vor Freude. Und denk Dir: alle

Mütter, die mitgekommen waren, dankten mir nachher herzlich dafür, daß

die Kinder jetzt so viel schöne Lieder singen könnten, und für das, was

ich den Kleinen sonst an den Sonnabenden beigebracht. In den letzten

Stunden hatte jedes Kind goldene Ketten, Rosen und Lilien aus Papier

gemacht, die ihre kleinen Bäume zu Hause schmücken sollten. Ich hatte

nämlich nachgefragt, ob auch alle einen Baum kriegten, und aus den

ungewissen Antworten gemerkt, daß das nicht so ganz sicher sei. Nun

hatte Vater mir versprechen müssen, vom Gärtner für jede Familie eine

kleine Tanne aus dem Walde holen zu lassen. Ich hatte ihnen Lichter

kaufen dürfen, und die Kinder hatten den Schmuck besorgt.

Die Leute leiden ja nicht Not. Was sie gebrauchen, haben sie, aber

für die Freuden des Lebens sind sie nicht gewohnt, Geld auszugeben,

und Vater sagt, das sei ganz recht. In der Stadt machten die Leute

das häufig umgekehrt: verjubelten das Nötige. – Kinder aber haben

doch in aller Welt gar zu gern etwas Hübsches, auch wenn es nicht

gerade nützlich ist; und die Eltern freuen sich an ihren glücklichen

Gesichtern.

Nun war ich ganz selig, als Frau Niemann – Du weißt, die mit den

vielen dicken Kindern – mir beim Abschied sagte: ›Solch schönes

Weihnachtsfest, wie dies Jahr, hätten sie noch niemals gehabt. Das

meinten sie im ganzen Dorf.‹ Ist es nicht zu schön, wenn man mit seinen

armen, schwachen Kräften doch ein klein winziges Eckchen in der Welt

heller machen kann? Ach, es gibt so viel, viel Dunkel. Wollen nicht

wir, die das Licht kennen, alles daran setzen, es auch anderen zu

zeigen?

Aber nun denkst Du vielleicht, ich sei so selbstlos geworden, daß ich

für mich selbst gar keine Wünsche mehr gehegt? Leider doch nicht!

Freilich, als die Diele von Menschen leer war und ich meinen heißen

Kopf einen Augenblick draußen abkühlen wollte, vergingen mir alle

Gedanken an die äußeren Zutaten der Weihnachtsfeier. Nein, Käte: der

Sommer mit seinem Grün und Duften ist wohl schön, aber die Herrlichkeit

von so einer feierlichen, glitzernden Winternacht übertrifft alles.

Es war so atemlos still, daß man die Stille hörte. Die Flocken fielen

leise zur Erde, jedes Zweiglein war zauberhaft umsäumt von den feinen

Rauhreifkristallen. Das Flimmern der Sterne und der zarte Schein der

kleinen Mondsichel beleuchteten märchenhaft und geheimnisvoll den

blendenden Schnee, die hier und da durchschimmernden dunkelgrünen

Tannenzweige und das rotbraune Laub der Hainbuchen. Die Wege sahen

verschlafen aus unter der überirdisch reinen, weißen Decke. Es war

einem wirklich, als hörte man leise, himmlische Glocken und die Stimmen

der Engel. Fast zur Gegenwart wurde es mir, daß in dieser Nacht die

ganze Kreatur Sprache habe, daß die Pflanzen und die Tiere des Waldes

reden können, und ich verstand gut den Volksglauben, daß in den

heiligen Stunden kein Gottesgeschöpf dem anderen wehtun könne – kein

Marder eine Taube töten – kein niederfallendes Felsstück ein Mäuslein

erschlagen. Kaum konnte ich mich losreißen von all dem Zauber, und es

wurde mir fast schwer, zu unserer Feier hineinzugehen.

Aber dann war’s wunder-, wunderschön. Das einzelne kann ich Dir heute

leider nicht mehr schildern, weil ich eben Schlittenglocken höre.

Pastors kommen, um mit uns Neujahr zu feiern. Viele, viele Grüße und

die allerbesten Wünsche fürs neue Jahr von Deiner Hanni.«

»Berlin, den 1. Januar.

Meine alte Hanni! Ich wollte Dir recht noch einmal im alten Jahre die

Hand drücken und mit Dir gemeinsam einen Rückblick halten auf all das

Viele, was es uns gebracht und auch genommen.

Aber daraus wurde nichts, und meine guten Wünsche nimmst Du sicher auch

heute noch an. Übrigens hast Du auch schon welche mitbekommen in dem

Dankbrief, den ich neulich an Deine rührende, geliebte Mutter schrieb.

Wer mich gestern am Schreiben hinderte, war Ilse, die sich zu Hause

trostlos einsam fühlte. Ihre Eltern hatten in eine offizielle

Silvestergesellschaft gemußt, da suchte sie nun bei uns Zuflucht.

Das arme Ding hat wirklich ein trübes Leben. Ich bin zuweilen in

Versuchung, zu meinen, wir entbehrten dies und das. Aber wenn ich

sie ansehe, fühle ich mich überreich in meinem warmen Nest. Das

Allerschlimmste ist, daß ihre Eltern nicht so ganz gut miteinander

stehen. Sie spricht natürlich nicht davon, aber ich merkte es an

mancherlei Äußerungen, als ich die letzte Zeit häufig mit ihr zusammen

war.

Ich habe auch den Eindruck gewonnen, als wenn bei ihr das Wertlegen auf

Mode und Eleganz ziemlich obenauf liegt und aus Langeweile entsteht.

Sie verfällt auf solche Dinge, wenn ihr nichts Besseres in den Weg

kommt – und auch, weil ihre Mutter dergleichen sehr wichtig nimmt. Ilse

selbst ist riesig gutmütig.

Ich muß Dir doch erzählen, wodurch wir jetzt soviel zusammenkamen: es

war eigentlich der reine Zufall, wenn man etwas, was soviel Folgen hat,

Zufall nennen kann.

Sie begleitete mich von der Schule nach Hause. Da sahen wir in der

ärmlichen Nebenstraße, durch die wir der Abkürzung wegen gingen, ein

kleines Mädchen jammervoll weinend etwas auf der Erde suchen. Ilse

fragte, was ihm fehle, aber vor Schluchzen konnte das Wurm gar nicht

sprechen. Endlich kriegen wir raus, daß sie einen Groschen verloren

hat, für den sie – falle nicht um – für sich und ihre beiden kleinen

Geschwister Mittag kaufen sollte. Ein kleines Brot gäbe es dafür! Nun

würden die Kleinen den ganzen Nachmittag weinen, ihr täte auch der

Magen schon weh; und am Abend würde Mutter sehr böse sein, wenn sie vom

Waschen nach Hause käme.

Ilse war starr. – Ich habe schon oft von Mutti und auch von unserem

Mädchen gehört, wie kümmerlich es manche Leute haben. Aber Ilse war

das ganz neu. Sie wollte durchaus sehen, wo die Kinder lebten, und

die Kleine sollte uns hinführen. Ich sagte, ohne Brot, nur so aus

Neugier, könnten wir unmöglich hinkommen. Zum Glück fand Ilse in ihrer

Manteltasche noch das Geld, was sie am vorigen Tage nicht für die

Eisbahn gebraucht hatte, weil ›das verwünschte Tauwetter‹ gekommen

war. Wie froh war sie jetzt über das Mißgeschick! Wir erhandelten drei

kleine Brote dafür – drei Mittagessen für ein Schlittschuhlaufen –

und nun ging die Reise los. Beim Gehen überlegte Ilse: ›Dies trockene

Brot muß den Krabben ja im Halse stecken bleiben, wenn sie nichts dazu

haben.‹ Das hörte die Kleine.

›Unten bei uns ist ein Milchladen. Wir mögen so gern einbrocken –

aber das kostet zu viel.‹ Auch in meinem Federkasten fand sich noch

ein Groschen, und wie der Wind war die Kleine vorauf, einen Topf zu

holen. Vorsichtig tasteten wir dann die schmalen, nach oben dunkler

werdenden Treppen hinauf. Oben ward uns ein rührender Anblick. In einem

sehr ärmlich aussehenden Stübchen standen zwei magere, blasse, kleine

Kinder – Junge und Mädchen – angefaßt und die kleinen Gesichter gegen

die Fensterscheibe gedrückt, sehnsüchtig auf die große, sechsjährige

Schwester wartend.

›Was ist es für ein Glück, daß wir gerade durch die Querstraße gingen,‹

sagte Ilse sehr ernst. ›Denk doch bloß, diese kleinen Jammerbilder

hätten bis zum Abend hungern müssen!‹ Sie sah ganz verstört zu, wie

gierig die Kleinen das Brot aßen, was die über ihre Jahre verständige

Schwester ihnen in die Milch brockte.

Endlich erinnerte ich daran, daß wir zu spät zum Mittagessen kommen

würden. Ilse konnte sich gar nicht von den Kindern trennen und sagte,

sie käme nächstens wieder und brächte ihnen was Schönes mit. Wir

merkten uns genau Haus und Straße.

Am anderen Morgen kam Ilse empört in die Schule. ›Denk bloß, wie

engherzig Mama ist! Ich habe ihr von unserem Abenteuer erzählt. Willst

du glauben, daß sie entsetzt war über meine Unvorsichtigkeit, ein

fremdes Haus zu betreten, und mir aufs strengste verbot, je wieder zu

solchem ›Gesindel‹ in die Stube zu gehen! Sie irrt sich aber sehr,

morgen gehe ich wieder hin.‹

›Aber Ilse, das wirst du sicher nicht tun gegen ihren Willen,‹ sagte

ich. ›Auch meine Mutter war erschrocken, als sie von unserem Besuch

eines wildfremden Hauses hörte. Aber sie sagte, da wir in der besten

Absicht hineingegangen wären, durften wir auch auf Gottes Schutz

rechnen. – Nun will sie sich heute nach dem Näheren umsehen.‹ Mit

vieler Mühe brachte ich Ilse zu dem Versprechen, nichts gegen den

Willen ihrer Mutter zu unternehmen.

Hannis Heimkehr · 第 6 / 13 段