Bein! Bin eben, beim Hereinkommen, schon beinahe ausgerutscht! Aber
wenigstens weiß ich nun doch, wo auf einmal alle Schlafstubenkerzen
hingekommen sind, die gewiß noch eine halbe Woche brennen konnten!
Diese windige Berliner Lisbeth hat den anderen beigebracht, daß man
die Lichter zerschaben und auf den Fußboden streuen muß, damit er
spiegelblank wird! So ein Unfug!«
Hermann Schack erzählte Hanni, wie in München solche Volksfeste
gefeiert würden; er konnte sich nicht genug wundern über die Ruhe und
Ordnung, in der hier alles vor sich ging.
»Etwas tut natürlich auch die Nähe der Herrschaft,« meinte Hanni;
»unsere Stubenmädchen baten erst dringend, wir möchten doch recht spät
bleiben, denn so lange wären sie vor jedem Lärm und Streit sicher.«
»O, das wollen wir schon machen,« entgegnete Hermann. »Es tanzt sich
wirklich fein hier!«
»Ich glaube,« meinte Hanni kindlich, »wir passen so gut von Größe
zusammen, daher geht es mit Ihnen so viel besser, als mit Erich oder
Felix!«
»Das wird’s wohl sein,« war seine vergnügte Antwort. »Vielleicht
kommt’s auch daher, weil wir überhaupt zueinander passen!«
Der Brummbaß war so laut, daß man ihre Antwort, wenn sie eine gab,
nicht verstehen konnte.
Käte kam herbei und wollte sich totlachen vor Spaß über die ehrbaren
Gesichter, mit denen die Leute tanzten: »Ernsthaft wie die Tiere – als
wenn sie die schwerste Arbeit verrichteten!«
»Sieh bloß,« rief Erich, »wie Felix die Rockschöße fliegen! Die
dicke Rademacherfrau will ihm die Polka beibringen. Sie läßt sich
wahrhaftig nicht aus dem Takt bringen durch seine Sprünge – es sieht ja
unglaublich aus!«
Wieder und wieder machte man die Runde. Die stark ins Ohr fallenden
Weisen der kreischenden Instrumente, die ganz ungewohnte Umgebung, der
unsichere, flackernde Kerzenschein, das Vorgefühl der Trennung – alles
zusammen versetzte Hanni in eine unklare, schwankende Stimmung; und
als Hermann wieder um einen Walzer bat, erwiderte sie zögernd: »Bitte,
lieber nicht mehr! Wissen Sie noch, was ich Ihnen neulich über Muttis
Meinung sagte: es sei nichts Verkehrtes dabei, solange ich jederzeit
gern bereit wäre, aufzuhören! – Denken Sie, eben tat es mir beinahe
weh, daß es nun bald zu Ende geht. Dann sollte ich doch lieber nicht
mehr tanzen!«
»Gerade jetzt, wo es so wunderbar geht?« fragte er dringend.
Sie sah ihn hilfesuchend an: »Sie würden mich doch sicher nicht um
etwas bitten, was nicht recht ist!«
»Nein, ganz gewiß, niemals!« sagte er und setzte sich wieder.
»Furchtbar müde bin ich auch schon,« fuhr Hanni fort; und er sah
erschrocken, wie blaß ihr Gesicht geworden. »Das kommt auch mit vom
Kummer. Denken Sie, wie allein ich sein werde, wenn morgen Käte und
die süßen Jungen wegreisen. – Sie müssen sicher nicht meinen, ich sei
undankbar. Gewiß, ich habe Mutti und Tante Ida – ach und so vieles –,
aber Abschied ist doch etwas ganz Fürchterliches. Es würgt mich dann so
da,« sie drückte die Hand aufs Herz, »daß es kaum auszuhalten ist.«
Hätte er doch irgend etwas zu ihrem Trost sagen können. Aber Trost
kannte er ja selber nie; es hieß immer nur »durch«. »Wenn Sie doch
einen Bruder oder eine Schwester hätten!«
Aber damit berührte er nun sehr gegen seine Absicht eine ganz wunde
Seite. »Mein Bruder ist ja tot, er war etwa von Ihrem Alter,« flüsterte
sie leise, und konnte nun trotz aller Anstrengung kaum länger die
Tränen unterdrücken. Es war ein Glück, daß gerade Lisbeth kam, um
zu melden: »Der Buchdorfer Wagen ist vorgefahren, und die jungen
Herrschaften möchten gleich kommen, um sich abzukühlen!«
In dem allgemeinen Durcheinander des Abschieds konnte Hanni unbemerkt
ihrer Erregung Herr werden, und sie war von Herzen froh, als sie
endlich die weiße Bettdecke über ihr Gesicht ziehen und sich gründlich
ausweinen konnte. Ach, daß die schönen Ferien und alles, alles so
schnell vorbeigegangen!
Noch einer hatte die Decke übers Gesicht gezogen und schluchzte, daß
das Bettchen bebte: Der kleine Ernst, dem es war, als schlössen sich
die Paradiesespforten hinter ihm und vor ihm läge nichts als trostlose
Öde, Straßenlärm, der einen betäubte, ängstliches Ausweichen, statt
unbehinderten Herumlaufens, Stubenhocken statt Obstgarten, das graue
Einerlei der fürchterlichen Hinterhoffenster. O, o, o! Er drückte den
schmerzenden Kopf tief ins Kissen. Kein Pony, kein Bello, der so tolle
Sprünge machte, kein Feueranzünden am See, kein Im-Grase-liegen und
Hören, wenn die Kuhglocken läuten, die Grillen zirpen und die Frösche
quaken!
Niemand, der es nicht durchgemacht, kann sich die Qual vorstellen, die
ein Kinderherz durchbebt, wenn es all diese beglückenden Schätze hinter
sich lassen muß und in die engen Stadtmauern hinein, die einstweilen
nur als ein Kerker erscheinen.
Käte wollte noch etwas aus ihrer Mutter Schlafzimmer holen, bevor sie
selber zur Ruhe ging, und hörte zu ihrem Erstaunen das unterdrückte
Schluchzen aus Ernsts Kammer. Sie trat an sein Bett und beugte sich
erschrocken über ihn, indem sie die Decke wegzog. Aber er riß sie
zurück und rief abwehrend: »Laß mich!« So war es manchmal, und dann
ging sie ihrer Wege und wollte nichts mehr von dem Brummkopf wissen.
Aber heute war sie selber weich gestimmt, und der Jammer, der die ganze
Gestalt des kleinen Kerls schüttelte, ging ihr zu Herzen. Sie setzte
sich auf sein Bett und legte freundlich den Arm um seine Schultern.
»Bist du traurig, Erni, daß wir weg müssen? Ach, weine doch nicht so,
sonst fange ich zuletzt auch noch an! Du, bedenke doch, wir sollen ja
sicher – ganz sicher – übers Jahr wiederkommen! Das geht schnell hin!
Und dann sollst du sehen, es wird auch in Berlin ganz schön sein! Wir
beide wollen recht zusammenhalten, nicht, du? Max und Moritz sind ja
noch so klein und verstehen nichts davon. Aber wir sind nun beide schon
ziemlich groß und helfen uns durch! Ich wollte dir noch erzählen, Tante
Else hat mir zum Abschied – mir – eine ganze Kiste voll Sommeräpfel
und Birnen geschenkt. Die soll dir mit gehören. Wir machen uns in der
Ecke vom Keller eine kleine Obstkammer, aus der wir uns täglich nach
der Schule unseren Bedarf holen. Natürlich versorgen wir Mutti und die
Kleinen auch, aber die Besitzer sind wir; fein, nicht? Dann habe ich
noch eins gedacht: Du hast doch all die Nägel, Hammer und Bohrer vom
Rademacher gekriegt. Zu Hause war allerlei, was Mutti gern genagelt und
geleimt haben wollte. Ich glaube, das kannst du jetzt schon ganz schön.
Wie wird sie sich freuen, wenn sie nie mehr den Tischler kommen lassen
muß!«
Nach und nach waren die Tränen des kleinen Schwergeprüften versiegt,
und der Gedanke, nicht allein zu sein mit seinem Kummer, linderte
seinen Schmerz. Zum ersten Male legte er seine Arme zärtlich um den
Nacken der Schwester, der ganz warm ums Herz wurde bei dem ungewohnten
Zutrauen.
Als Verbündete gegen den schweren Kampf des Scheidens gingen beide zur
Ruhe und schliefen bald sanft und fest.
[Illustration]
[Illustration]
10. Kapitel.
Dunkle Wolken.
Am Nachmittag nach dem Abschied der Freunde saßen die Schönfelder
Damen gemütlich, wenn auch viel stiller als die letzten Wochen, am
Kaffeetisch, als der Major mit ernster Miene eintrat. »Denkt doch, was
mir der arme Rantzau eben mitteilte – wir trafen uns an der Grenze
bei den Roggenstoppeln. Oda ist gar nicht wohl, und gestern haben
sie den Arzt geholt, der ganz erschrocken gewesen ist über den Grad
ihres Leidens. Er sah sie im Frühling zuletzt, und sie alle waren
der Meinung, es sei bedeutend besser mit ihr geworden. Bei ihrem
strahlenden Wesen denkt ja kein Mensch an Krankheit, noch dazu, wenn
man ihr rosiges Gesicht sieht. Aber der Arzt hat den Kopf geschüttelt
und gesagt, ihr Geist habe ganz ungewöhnlich stark die Herrschaft über
den schwachen Körper. Wenn das nicht wäre, sei es undenkbar, daß sie
sich so aufrecht hielte. In acht Tagen will er sie wiedersehen und
einen berühmten Arzt aus Berlin mitbringen, der entscheiden soll, ob
sie den Winter hierbleiben soll oder nicht. Ihr könnt euch denken, wie
gedrückt der arme Rantzau war. Sie sind so arglos und gewöhnt, daß
alles gesund ist. Ich muß ja gestehen, mir bangte schon längst bei
Odas andauerndem Husten und ihrem allzu zarten Gesicht.«
Hannis Herz konnte das Gehörte nicht fassen. Sie waren so vergnügt
miteinander gewesen. Daß die von allen geliebte, fast verehrte Oda
nicht so herumspringen konnte wie die übrigen, hatte sie nicht im
geringsten gestört. Im Gegenteil, es war wunderhübsch, sie immer in
ihrem reizenden Stübchen oder in der Hängematte unter den Linden
anzutreffen. Alles hatte man dann vor ihr auskramen können, an jedem
Erlebnis nahm sie wärmsten Anteil. So gern brachte man ihr die reifsten
Früchte, die schönsten Rosen, und sie hatte stets so süß gelächelt und
leise mit ihrer zarten, weißen Hand die unordentlichen Zöpfe wieder
festgebunden. – Ob sie nicht einmal hinüber durfte, auch um zu sehen,
was Gertrud machte, die mit innigster Liebe an der einzigen Schwester
hing?
Mutter und Tante hatten erst Bedenken, gaben aber endlich ihren Bitten
nach. –
Noch gedrückter, als Hanni mit ihrem kleinen Pony weggefahren, kam sie
nach zwei Stunden wieder zurück. »Mutti, du kannst nicht glauben, wie
verändert Oda aussieht! Es sind doch erst vierzehn Tage, seit wir dort
waren! Sie lag im Bett und ihre Hand war fast so weiß wie das Kissen.
Nur bei Sonnenschein und wenn sie nicht mehr liegen mag, soll sie ein
bißchen aufstehen. Wie wird es bloß werden? Denk doch, wenn sie fort
müßte? Sie, die so sehr an der Heimat hängt! – Die arme Gertrud ist
ganz außer sich, du kannst es dir ja denken. So lustig sie sonst war,
so völlig mutlos ist sie jetzt. Sie war so verweint und aufgeregt,
daß sie gar nicht zu Oda hinein darf, weil ihre Erregung die natürlich
beunruhigen würde. Ich wollte, sie könnte ihre Angst ein bißchen mehr
zurückdrängen, denn Oda mag so gern jemand still bei sich haben. Tante
Rantzau sagte, ich sollte mich zu ihr setzen und etwas ganz Harmloses
erzählen. Und sie hörte so aufmerksam zu, als ich ihr den Abschied von
Max und Moritz schilderte, die durchaus all die langen Stöcke und ihre
großen Borkenschiffe mithaben wollten und nur zu trösten waren, als sie
sie selber auf den obersten Boden tragen durften und heilig versichert
kriegten, nächstes Jahr lägen sie noch am selben Platz. Sie hat auch
Käte so lieb gewonnen, und ich soll ihr immer die Briefe vorlesen, wenn
Käte schreibt.«
* * * * *
Der Berliner Arzt kam, aber die Sorgen der armen Eltern konnte er nicht
zerstreuen. Ein schmerzlicher Tag ging mit Untersuchungen, Fragen und
Beraten hin. Am Abend kam Hanni, um zu erfahren, wie alles gewesen,
fuhr aber gleich wieder heim und machte ihrem bekümmerten Herzen in
einem Briefe an Käte Luft:
»Meine liebe Käte! O, wenn Du uns heute in Buchdorf gesehen hättest, Du
würdest uns kaum wiedererkannt haben, so anders war alles als vor drei
Wochen. Daß Oda nicht wohl war, erlebtest Du ja noch; jetzt ist sie so
elend, daß man auf alles gefaßt sein muß. – Wirklich! – Ich spreche es
eben zum erstenmal aus, – aber es ist nicht anders.
Professor Howaldt hat heute verlangt, sie solle in den nächsten Tagen
abreisen – nach Davos. O, wie mir dabei wird! Du kennst doch das
traurige Buch: ›Das große, stille Leuchten‹, in dem der schwere Kampf
der armen, dort Leidenden geschildert wird. Und nun denke Dir, sie
haben ihr den Beschluß – natürlich mit aller Schonung – mitgeteilt.
Oda hat die Nachricht ganz heiter aufgenommen und gesagt, sie hätte es
nicht anders erwartet und wollte gern alles tun, was verlangt würde.
Dann ließen sie sie allein, damit sie Mittagsruhe hielte. Die Ärzte
saßen noch auf der Terrasse, um den Abendzug abzuwarten, da stürzte
Line zitternd und weinend heraus, ›sie glaube, Fräulein Oda stürbe‹!
Als die anderen fort gewesen, hatte sie das Weinen nicht länger
unterdrücken können. Sie hat gesagt, es sei so übermächtig über sie
gekommen, weil sie es den ganzen Sommer gewaltsam zurückgehalten. Der
Gedanke an die Trennung und die Aussicht, so bald dies schöne Leben
verlassen zu müssen, habe sie überwältigt. Denke bloß, Käte! Da ist
sie so sehr in Erregung gekommen – und als Line ihre Milch um vier Uhr
brachte, fand sie sie von Blut überströmt.
Sie alle haben ihr nun zugesprochen und versucht, sie zu trösten; aber
sie war schon wieder gefaßt. ›Gesund würde sie nicht wieder, das fühle
sie mit unabweisbarer Sicherheit. Aber sie sollten wirklich nicht
mehr trauern; sie wolle von Herzen gern folgen, wenn Gott riefe; es
sei nur der erste Schreck gewesen! Und das stände bei ihr fest: so
unaussprechlich viel Liebes sie auch verlassen müsse, bei Gott würde
es doch noch schöner sein.‹ Der Professor habe allerlei angeordnet
für ihre Pflege, und gesagt, sie müsse sich nun natürlich erst etwas
erholen, bevor sie reisen könne. Er wolle bald noch einmal kommen, nach
ihr zu sehen.
Ja, Käte, wenn wir so vergnügt sangen: ›Ach, die Rosen welken all‹,
haben wir doch nicht geahnt, daß es so schnell ginge! Denk an uns und
grüße Deine Lieben.
Deine traurige Hanni.«
[Illustration]
[Illustration]
11. Kapitel.
Die Schatten des Todes.
»Schönfelde, den 20. August.
Liebste Käte! Durch Muttis Brief an Deine Mutter hast Du ja erfahren,
daß unsere geliebte Oda nicht mehr weggekommen ist. Ihr einziger Wunsch
wurde erfüllt.
Als die Ärzte wiederkamen, fanden sie die Krankheit so fortgeschritten,
daß sie auf die Frage des Vaters, ob Hoffnung sei oder nicht, sagen
mußten: Nach Menschenermessen sei keine. – Dann hat er gefragt, ob
im Süden auf Erleichterung zu hoffen sei, worauf beide gemeint, die
Mühsal der Reise würde größer sein als das, was man an Erleichterung
hoffen dürfe. Was Menschen vermöchten, ihre Tage zu verschönen, könne
sicher hier am besten geschehen. Sie glaubten auch nicht, daß ihr noch
schwere Leiden bevorständen. Sie sei bereits so schwach, daß das Leben
verlöschen würde wie ein Licht.
Der arme, arme Onkel! Er hat dem alten, würdigen Professor gedankt für
die große Barmherzigkeit, ihm die volle Wahrheit zu sagen.
Nun gehen sie alle still und wie unter einer dicken Wolke umher. Nur
bei Oda strahlt heller Sonnenschein – vom Jenseits – und sie alle haben
soviel Liebe, den nicht durch Wehklagen zu stören. Am schwersten fällt
das der armen Gertrud, die ganz das Gleichgewicht verloren hat. Manchen
Tag darf sie nicht zu Oda hinein, weil sie sich nicht fassen kann. Ich
bin so dankbar, daß sie mich immer zu ihr lassen – jeden zweiten Tag.
Und Gott hilft mir auch, immer munter zu sein, so schwer es oft ist.
Ade, Käte. Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 15. September.
Liebe Käte! Wenn in Geschichten so romantisch erzählt wird von ›süßem
Hinüberschlummern‹, so ist, glaube ich, doch etwas unterschlagen! Das
Sterben ist doch viel, viel ernster, als ich es mir gedacht habe, –
ja, auch neulich noch gedacht, als Professor Howaldt sich so offen
ausgesprochen.
Selbst wenn es schnell vorangeht, sind die Tage und Nächte lang!
Beinahe glaube ich, daß ich es am allermeisten fühle, weil Oda sich so
offen gegen mich ausspricht, wie sie es auch gegen ihre Mutter nicht
tut, um ihrem Schmerz nicht immer neue Nahrung zu geben.
Ich dachte, sie, von der wir alle nichts als Liebes erfahren, könnte so
ganz ruhig auf all ihre Tage zurücksehen. Aber auch dies ist nicht der
Fall. Sie macht sich schwere Gedanken, daß sie nicht mehr mit Gertrud
zusammen gewesen, sie nicht mehr lieb gehabt habe. Von jeher hätte sie
so schrecklich gern allein in ihrem Stübchen gesessen und gelesen. Die
kleine Schwester habe oft gefleht, sie möge mit ihr spielen. Aber sie
hätte ihre Ruhe mehr geliebt. Nun sähe sie deutlich, daß aus Gertrud
viel mehr hätte werden können, wenn sie, wie ihre Großmutter sagte,
›fleißig gespielt‹ hätte.
Aber allein sei das der Kleinen langweilig gewesen. So habe sie sich
ein bißchen herumgetrieben, – ein bißchen mit den Mädchen dummes Zeug
geschwatzt, – ein bißchen genascht.
Und jetzt in den langen Nächten, wo sie nicht schlafen könne, sähe
die arme Oda immer klar vor Augen, wie über die Maßen wichtig die
anfängliche Gewöhnung sei, und müßte sich anklagen; wenn manches bei
Gertrud, ihrer geliebten, einzigen Schwester, eine verkehrte Richtung
nähme, so hätte sie das ändern können – und habe es nicht getan. – Wenn
sie in solchen ganz dunklen Stunden nicht wüßte, daß Gott ihr vergeben
und alles gut machen könne, so müsse sie verzweifeln. Denke doch, Oda,
die für uns alle ist wie eine Heilige! Was sollen wir einmal machen,
wenn unsere Stunde kommt? Deine Hanni.«
»Berlin, den 18. September.
Meine alte Hanni! Kannst Du Dir vorstellen, daß ich eine schlaflose
Nacht zubringen könnte? Ich, das Murmeltier? Ich habe es getan und
werde nicht ruhig, bevor ich Dir eine Beichte abgelegt. Was Du mir von
Oda schriebst, traf mich wie ein Donnerschlag. Bald fünfzehn Jahre
habe ich unnützes Geschöpf die Erde verunziert und noch nichts als
Verkehrtes gestiftet! Sag es selbst!
Daß es in der Schule mit den Leistungen glatt geht, ist nicht meine
Schuld. Wenn ich die Arbeiten schreibe, werden sie richtig. – Aber
wie manchen Krach hat es schon mit den Lehrerinnen gegeben wegen des
Betragens!
Und nun zu Hause! Wieviel Not habe ich meiner allerbesten Mutti
gemacht! – Und dann erst Ernst! Ich mag gar nicht daran denken!
Seit dem Abschied von Euch, wo ich einmal sah, wie dem kleinen Kerl
das Herz weh tun kann, haben wir uns vertragen und manchen guten Tag
zusammen gehabt. Aber das Frühere kann ich nicht ungeschehen machen.
Ich glaube jetzt wirklich, Erni könnte ein anderes Kind sein, wenn ich
zu ihm gehalten hätte, statt so oft hart gegen ihn zu sein.
Nun bitte ich Dich, Oda zu sagen, ich verspräche ihr heilig und teuer –
und Du weißt, dann halte ich es –, ein neues Leben anzufangen mit Mutti
und mit den Jungen! Ich will es mir zu Herzen nehmen, was Deine süße
Mutti mir beim Abschied sagte: ›Wenn wir uns nicht lieb haben – das
heißt bei Kindern: sich vertragen –, dann sind wir eben nicht Gottes
Kinder und können nicht als solche gelten.‹
Sage Oda, sie hätte mir zur Umkehr verholfen, vielleicht wird es sie
freuen. Deine alte böse Käte.«
»Schönfelde, den 2. September.
Liebste Käte! Ach, wie ist das Leben ernst! Mir ist, als wäre ich in
wenigen Wochen um viele Jahre gealtert.
Heute morgen schickten Rantzaus, ob ich kommen dürfe, Oda sei so
unruhig und möchte mich sehen. Ich fand sie, die weiße Stirn mit
Schweiß bedeckt, unruhig im Bett hin und her rückend, die Hände
brennend heiß. ›O Herzchen, da bist du – die Nacht war zu lang!‹
Ich bat sie, nicht viel zu sprechen, ich wolle ihr was erzählen. ›Nein,
du, ich ließ dich rufen, weil mir ein Stein auf der Seele liegt! Komm
dicht heran – ich spreche ganz leise. Sieh, als meine Gedanken mir
gar keine Ruhe mehr ließen, habe ich mich zuletzt damit zu trösten
versucht, ich wollte dich bitten, das zu tun, was ich versäumt habe.
Vielleicht kann ich’s dann leichter tragen – ebenso wie mich neulich
Kätes Brief erleichtert hat. – – Sieh,‹ fuhr sie fort, ›die ganze Nacht
stand mir das Bild von dem Knecht mit dem vergrabenen Pfund vor der
Seele. Ich hörte immer das Wort: O du Schalksknecht! – Doch,‹ wehrte
sie ab, als ich Einwände machen wollte, ›genau so bin ich! – Vor drei
Jahren, als ich konfirmiert wurde, war es mir ein Herzensanliegen, nun
auch was Ordentliches für Gottes Reich zu tun, und ich sprach darüber
mit Herrn Pastor. Er riet mir, mich der Dorfkinder anzunehmen, ihnen
durch Handarbeitsstunden und Sonntagsschule nahezukommen.
Ich fing es an. – Sie kamen – du kennst sie ja – blank gescheuert,
verschüchtert, wie kleine Pagoden! – Ich zeigte ihnen dies und das und
ließ sie einiges lernen und aufsagen. – Sie genierten sich namenlos
vor mir – ich mich vor ihnen. Es war eine erzwungene Geschichte! Ich
war froh, als der Sommer kam und Vater meinte, nun hätten sie kaum
Zeit für dergleichen. – Den zweiten Winter betrieb ich die Sache noch
lauer.‹ Ich versuchte einzuwenden, daß die ganze Art dieser Kinder so
anders sei als die unsere, daß man schwer den Schlüssel fände! ›Aber
wir sollen ihn finden,‹ meinte sie, ›und wir können es. Jetzt in den
dunklen Nächten ist es mir aufgegangen: wir haben soviel Verständnis,
wie wir Liebe haben. Denk mal hin, wo du liebst, erschließt sich dir
jede Falte im Herzen des anderen. – Je tiefer die Liebe, desto größer
das Mitfühlen, Mitdenken. Gott ist die Liebe; er ist allwissend! – Nun
hatte ich gestern gelesen, man habe festgestellt, daß die meisten von
allen, die Gott gefunden haben, in früher Jugend zu ihm gekommen wären
– ganz wenige im Alter. Das rüttelte mich so auf! Ich stellte mir vor,
daß ich schon in diesen Jahren manche von den kleinen Herzen hätte zu
Gott führen können, die nun vielleicht den Weg nie finden, wenn ich
nicht der schrecklichen, verkehrten Scheu und Verlegenheit Raum gegeben
hätte, die mich an so vielem gehindert hat.
Für mich ist es jetzt zu spät. Und ich weiß, mein Heiland vergibt mir
auch das noch zu allem anderen. Aber ich würde ruhiger sterben, wenn
ich denken könnte, du nähmest diese Arbeit mit deinen frischen Kräften
auf und brächtest sie nach und nach auch Gertrud nahe. Du weißt, von
sich aus würde sie niemals dazu kommen.‹
Wir besprachen den Plan noch hin und her, und Oda wurde ordentlich
belebt. Du kannst Dir denken, wie gern ich mir diese Arbeit vornahm,
die ich mir im stillen schon lange gewünscht. Ich hatte nur gemeint,
vor meiner Konfirmation könne ich nicht an dergleichen denken. Aber
Oda, die einen erstaunlich praktischen Blick verriet, sagte, gerade
schon jetzt möge ich anfangen, da, je älter und größer ich wäre, desto
unüberwindlicher auch der Respekt und die Scheu der Kinder vor mir
sein würde. Sie meinte, es solle erst mal für die kleineren Mädchen
eingerichtet werden: eine Art Spielschule an zwei Nachmittagen. Gegen
Weihnachten solle ich auch die größeren dazunehmen und mit ihnen
nützliche Arbeiten anfangen, die sie für ihre Mütter zu Weihnachten
machten. Das würde sie freuen.
So solle ich sie nach und nach erst mal kennen lernen und an mich
gewöhnen, und wenn das gelungen, könne es gar nicht anders sein, als
daß ich ihnen das nahe brächte, was das Leben meines Lebens ausmache.
Mir scheint, sie hatte in allem recht; und sie ist doch noch nicht
achtzehn Jahre alt. Ich glaube, das ewige Licht, das ihr jetzt das
Leben erhellt, läßt auf einmal alle Dinge in ganz anderen Farben
erscheinen, als sie bisher gehabt. Als ich wegging, war Tante Rantzau
beglückt, wieviel froher und wohler Oda aussähe! Ach, könnte man ihr
doch mehr sein! Immer Deine Hanni.«
[Illustration]
[Illustration]
12. Kapitel.
Weil ich Jesu Schäflein bin.
»Schönfelde, den 1. Oktober.
Liebste Käte! War das heute ein Sonntag! Zu schön! Nach mehreren
Nebeltagen himmlischer Sonnenschein; so warm wie mitten im Sommer.
Als ich zu Oda kam, lag sie strahlenden Gesichts auf der Chaiselongue
unter den Linden. Sie sah ganz rosig aus und lachte über die Sprünge
der kleinen Teckel. Wir haben bei ihr gesessen, und sie hat sich
unbeschreiblich gefreut über die prachtvolle, herbstliche Färbung, die
frische Luft, die sie solange entbehrt und das Zusammensein mit uns
allen. Als wir beide einmal allein waren, zog sie ein Päckchen unter
ihrer Decke hervor und sagte: ›Da, nimm das heute; einen so schönen
Tag kriegen wir so leicht nicht wieder. Sieh doch, die Blätter rieseln
nieder wie ein goldener Regen.‹ Ich durfte das kleine Paket nicht
aufmachen; ›erst beim Schlafengehen‹, bat sie.
Als ich weg mußte, küßte sie mich und sagte mit einem strahlenden
Lächeln, was ich noch immer sehe: ›Auf Wiedersehen!‹
Montag. Soweit kam ich gestern. Als ich zu Bett ging, um einhalbzehn
Uhr, wickelte ich das Päckchen aus und fand, tiefgerührt, das schöne,
weiße Marmorkreuz, das immer auf Odas Schreibtisch stand. In den Sockel
aber war mit goldenen Buchstaben eingraviert:
›Sollt ich denn nicht glücklich sein,
Ich beglücktes Schäfelein?
Denn nach diesen schönen Tagen
Werd ich endlich heimgetragen
In des Vaters Arm und Schoß.
Amen! Ja, mein Glück ist groß.
Auf ewig deine Oda.‹
Heute früh schickten Rantzaus die Nachricht: ›Unsere Oda ist gestern
abend um einhalbzehn Uhr ohne jeden Kampf selig entschlafen.‹ Dann
baten sie, ob ich im Laufe des Tages hinkommen möchte, bei Gertrud zu
bleiben, bis alles vorüber.
Ich will jetzt meine Sachen zusammenholen. Hinrich spannt schon an. –
Denk an uns. Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 8. Oktober.