»Dei Eierplumm sünd riep,« sagte Fritz bedeutsam und schüttelte den

kleinen, breiten Baum mit kräftigen Stößen. Das reine Schlaraffenland!

Ein goldener Regen purzelte über die laut aufjauchzenden Buben

herunter. Alles sprang und hopste durcheinander: Arme, Beine, Mützen,

Pflaumen, und man stopfte in die Mäulchen, so schnell es nur möglich

war. Als es gar nicht mehr ging, wurden Taschen und Mützen gefüllt, und

nur ungern folgte man endlich der Glocke zum Abendessen.

Das schöne Butterbrot aber wollte gar nicht so munden wie sonst, und

als Kirschsuppe mit Grießpudding gereicht wurde, schob der kleine

Moritz seinen Teller der neben ihm sitzenden Tante Ida zu: »Prubier

bloß mal, Tante, wie schau–der–haft das Reis schmeckt!« Bei dem

allgemeinen Gelächter, das ihm antwortete, steckte er weinerlich seinen

Kopf unter die Schürze der Tante, die ihn freundlich beruhigte. »Wenn

Moritz betrübt ist, so muß er schon einen Grund haben! Wir wollen die

Kleinen nur schnell ins Bett bringen; sie sehen alle drei müde aus.

Sind ja auch den ganzen Tag auf den Beinen!« –

Bald aber erfuhr sie mit Schrecken den tieferen Grund seines Kummers:

Ein dreistimmiges Ächzen und Stöhnen rief Mutter und Tante zum Beistand

ins Schlafzimmer.

Wir wollen die Schrecken dieser Nacht nicht schildern, ihr alle kennt

sie genau. Wenn eben das Licht erloschen, tönt aus dem fernsten Bett

ein Angstruf – ein lautes Klatschen folgt. Schon ist die Mutter an der

Seite des Schwergeprüften, hält seinen Kopf, tröstet, mahnt zur Ruhe.

Dann ein Hin- und Herlaufen, Schränkeöffnen, Klappern, Wäscheholen,

Stöhnen. Endlich ist das arme Lager wieder in Ordnung. Ruhe! –

Neues lautes Aufschreien von der anderen Seite. »Au – au – au! Bitte,

Mutti!«

»Kind, so schlaf doch endlich; es wird bald besser!«

»Au – au! Ich kann’s nicht mehr aushalten!« Neues Klatschen, Jammern,

Stöhnen! – Wieder Rennen hin und her – immer neue Anstöße – wie

Erdbeben. –

Endlich schläft die arme Mutter ein wenig. – Leises Zupfen und Wimmern

weckt sie. »Es tut zu weh! Bitte, laß mich in dein Bett. Allein halt

ich’s nicht mehr aus!« Geduldig macht sie Platz, streicht und reibt

das arme Bäuchlein nach Kräften. Die Schmerzen scheinen endlich

nachzulassen. Als der graue Morgen über dem Schlachtfeld hereinbricht,

erwacht sie mit ganz zerschlagenen Gliedern auf einer Kante ihres

Lagers; der kleine Eindringling hat breit von der Mitte Besitz

genommen! Sie trägt ihn in sein eigenes Bett zurück, wickelt ihn warm

ein, schließt die Fenster und zieht die Vorhänge zu. – Vielleicht kann

man noch ein wenig Ruhe nachholen!

Als drei bleiche, übernächtige Gesichter spät am Frühstückstisch

erscheinen und betrübt den Kamillentee in ihren Bechern riechen, einen

kleinen Zwieback daneben statt des schönen Honigbrotes, das es sonst

gibt, da deklamiert der Hausherr:

»Wer nie sein Brot mit Tränen aß,

Wer nie die kummervollen Nächte

Auf seinem Bette weinend saß,

Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!«

[Illustration]

[Illustration]

8. Kapitel.

Im Wald und auf der Heide.

Die ersten Ferientage mit ihrer übermächtigen Fülle von Eindrücken

erschienen so lang wie sonst Wochen! Aber immer schneller rollte das

Rad – und schon begann ein geheimes Grauen die Gemüter zu beschleichen,

wenn als bleiches Gespenst am Horizont: Abreise – Berlin – Schule

auftauchte!

Aber mit Erfolg schob man solche Gedanken beiseite. Und winkte dann gar

eine Spazierfahrt, so war wieder für eine Weile nur Glück und Freude

auf allen Gesichtern zu lesen!

Eines Morgens kam Herr Pastor herüber und meinte: »Wir wollten doch

einmal, wie in alter Zeit, im Walde miteinander Kaffee kochen! Heute,

meinte meine Frau, wäre das Wetter dazu ganz besonders geeignet, und

außerdem hat sie große Kuchenbäckerei. Unser Kirschbaum ist abgeerntet!

Wie wär’s, könnten wir uns nicht um vier Uhr, wenn die größte Hitze

vorüber ist, am schwarzen See treffen? An der alten Feuerstelle! Wir

sorgen für Kaffee und Zubehör.«

»Und wir fürs Abendbrot – wie früher! O ja, das wäre wunderhübsch! Was

wird das Feuermachen für ein Spaß für die Kinder sein!«

»Hören Sie, lieber Pastor,« meinte der Major, »Rantzaus sagten

letzthin, daß sie gern einmal mit ihrer Jugend so etwas mitmachen

würden. Wie wär’s, wenn wir die auch aufforderten?«

»Meinen Sie, daß sie Vergnügen daran finden? Uns wäre es natürlich eine

große Freude!«

»Gut, so übernehme ich die Verabredung; ich reite doch nach Buchdorf

hinüber.«

Nun gab es viel zu schaffen im Pfarrhause wie bei Gerloffs, und zur

festgesetzten Stunde nahten zwei stattliche Karawanen dem schattigen

Buchenhang, der sanft zum grünen Seeufer abfiel. Schon von fern

gewahrten Hanni und Käte mit großem Vergnügen, wie Karl Löber mit Hilfe

des alten Knechts einen schweren Korb herbeischleppte. Klärchen hatte

einen dickgepackten Rucksack auf dem Rücken und die beiden Quartaner

kleinere. Aber was bedeutete der unförmliche Buckel, den Karl trug?

Jetzt fiel der Sonnenschein auf das Ungetüm und es blitzte und funkelte

wie Feuer – unheimlich! Beim Näherkommen bemerkten sie höchlichst

ergötzt, daß es Frau Pastors größter Kupferkessel war, an den die

übermütigen Jungen wie an einen Schild schlugen.

Das gab ein Begrüßen und Fragen an der Feuerstelle. Die Jungen schossen

Purzelbäume vor Glück und die kleineren Mädchen rollten ausgelassen den

Abhang hinunter, während die großen mit leiser Sehnsucht zusahen. Gern

hätten sie es auch getan, aber neulich bei Rantzaus waren sie schon

»gnädiges Fräulein« genannt. Da schickte es sich doch wohl nicht mehr,

obgleich es Käte viel mehr am »Kullern« und im Heu spielen lag, als am

»gnädigen Fräulein«.

Bald war der Kessel an ein paar feste grüne Stangen, denen die Flammen

nicht leicht etwas anhaben konnten, aufgehängt, und alles suchte im

Gebüsch herum nach trockenen Reisern und Tannenzapfen.

»Sieh doch nur, wie der Ernst eifrig ist,« meinte Frau Gerloff, »er

faßt alles so behende und praktisch an und ruht nicht, bis die Arbeit

fertig ist. Ein liebes, feines Kerlchen!«

»Ja, und so prachtvoll gesund und vergnügt sieht er jetzt aus. Ich

kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich euch für diese Zeit bin – am

allermeisten für Ernst.«

»Davon mußt du gar nicht sprechen, liebes Herz. Sieh, wir alle genießen

solch Zusammensein mindestens ebenso sehr wie ihr. Eure Mitfreude läßt

uns täglich aufs neue empfinden, wie gut wir es haben!«

Schon loderten die Flammen hoch empor um den summenden Kessel. Und

als jetzt auch Rantzaus anlangten, war der herrlich duftende Kaffee

bereits fertig, und die jungen Mädchen trugen ihn herbei, während Frau

Pastorin wahre Berge von Kuchen auftürmte. Die jungen Herren wollten

auch das Ihre tun und machten bequeme Sitze von Moos und trockenem Laub

auf Baumstümpfen, die sie kunstfertig mit Mänteln und Tüchern bedeckten.

»So schön wie Frau Pastors Kirschkuchen schmeckt doch gar kein

anderer,« beteuerte Herr von Rantzau. Derselben Meinung schienen auch

die übrigen zu sein, denn unter Lachen und Scherzen verschwanden

die Vorräte mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Dann wurde das Feuer

gelöscht, so sehr es sich auch zischend und prasselnd gegen die

Wassergüsse wehrte. Immer von neuem schickte es züngelnde Flämmchen

durch das trockene Gras und Moos entlang, die die kleinen Jungen mit

glühendem Interesse verfolgten, während die Großen es nicht unter ihrer

Würde hielten, »Plumpsack« und »Blindekuh« mitzuspielen. Die allgemeine

Fröhlichkeit wirkte so ansteckend, daß die behaglich zusehenden Mütter

meinten, Hermann täten die Ferien doch sichtlich gut, er bekäme ein

ganz anderes Aussehen.

Großer Jubel erhob sich, als gegen Abend Tante Ida im Ponywagen

angefahren kam. So ein ganzer Nachmittag im Freien war ihr zu

anstrengend. Jetzt kam sie und brachte alles mit, was man sich für ein

schönes Abendbrot im Walde wünschen kann. Sie empfahl ihren Gästen,

recht zuvorkommend zu sein, denn jeden, der nicht ganz nach ihrem

Sinn sei, würde sie unerbittlich durch schmale Rationen strafen. Die

eifrigen Jünglinge ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie hoben den

leichten Sitz vom Wagen, stellten ihn als Thron für die Tante hin und

spannten ein schottisches Plaid als Baldachin darüber.

»Ihr seid gar nicht so dumm,« meinte sie. Und die jungen Leute

bekräftigten das aufs lebhafteste.

»Und nun bringt geschwind alle meine Vorräte herbei, ich werde nach

Verdienst und Würdigkeit austeilen.«

Ein lustigeres, herrlicheres Mahl hatte keiner der Teilnehmer erlebt.

Auch der kleine Ponyführer und Pastors Knecht, die abseits am See saßen

und dem grasenden Pferdchen zusahen, bekamen ihr Teil. Ernst wurde

nicht müde, ihnen besondere Leckerbissen zuzutragen.

»Weh, daß wir scheiden müssen!« dachte manches von den jungen Herzen,

als zum Abmarsch geblasen wurde. Da fiel Hanni etwas ein. »Hört, was

wir tun könnten: diese kurzen acht Tage, die uns nur noch bleiben,

müssen wir recht ausnutzen. Wollen wir nicht jeden Nachmittag hier

im Walde zusammenkommen? Es war so hübsch, als Herr Schack erst beim

Pfänderauslösen die Ballade aufsagte. Nun, meine ich, wir Mädels

brächten unsere Handarbeit mit, und ihr Jungen – –«

»Halt, das lassen wir Kadetten uns zur Not noch gefallen! Aber sind

Studenten auch noch Jungen?« warf Erich Rantzau lachend und neckend

dazwischen.

»Ach, so genau nehmen wir’s doch nicht!« meinte Hanni etwas verlegen;

»es war nur so im ganzen gemeint! Ich dächte, ihr alle sagt uns etwas

Hübsches auf oder lest es vor, einer nach dem anderen. Jeder muß etwas

bereit haben!«

»Großartiger Gedanke!« rief Felix begeistert. »Sind auch eigene Werke

erlaubt?«

»Selbstverständlich – höchstens wird man ausgelacht, wenn es Kohl ist!«

»Also, alle kommen, und um vier Uhr, wie heute, ja? Wir wollen gleich

um Erlaubnis bitten. – Klärchen, du wirst doch auch dürfen?«

Klärchen sah ein wenig bedenklich aus. »Mutter hat ja jetzt arg viel

mit dem Obst und dem Garten zu tun, aber wenn es geht, läßt sie mich

sicher weg!«

Karl hatte die kleine Unterredung gehört. »Das werden wir schon

kriegen, Kläre! Es wird zu fein!«

Am anderen Morgen, als Frau Pastorin um sechs Uhr das Fenster öffnete,

wollte sie ihren Augen nicht trauen: mit einer Schiebkarre schaffte

Karl, der sonst für Gartenarbeit nicht die geringste Liebe verriet,

Unkraut und Schutt beiseite. Sie hatte gestern gesagt, die Gemüsebeete

müßten reingemacht werden. Nun war der rührende Junge schon dabei!

Ein wenig lachen mußte sie aber, als beim Kaffee von der geplanten

Zusammenkunft berichtet wurde und Karl eifrig meinte: »Tantchen, Kläre

darf doch auch mit? Sie sagte, es sei so viel für sie im Garten zu tun.

Aber das könnte ich ja immer frühmorgens machen, wenn du mir Bescheid

sagst. In der Küche wollte sie heute auch tüchtig helfen. Bohnen

schnitzen können wir übrigens alle!«

»Das ist ja ausgezeichnet; es soll gerade heute vor sich gehen. Wir

wollen sehen, wieweit ihr kommt. Werdet ihr rechtzeitig fertig, so kann

Klärchen gern mitgehen!«

Eifriger ist nie im Pfarrhaus geschnitzelt worden, als an diesem Tage.

Karl verstand es großartig, Geschichten und Späße zu erzählen, die

sogar die beiden Quartaner bei der Arbeit festhielten; denn ließen sie

einmal die Hände sinken, so hörte er auf, bis sie wieder fleißig waren.

Zur rechten Zeit wurden die Bohnen fertig, das Vesperbrot eingepackt,

und mit einem herzlichen »Auf Wiedersehen« ging’s hinaus in den grünen

Wald.

Ebenso bereitwillig war in Buchdorf und Schönfelde die Erlaubnis

gegeben. Die einen wie die anderen kannten ihre Kinder zu gut, als

daß sie ihnen das harmlose Vergnügen nicht gern gegönnt hätten, ohne

die leiseste Befürchtung, irgend jemand möchte die Fröhlichkeit

übertreiben. Dazu neigte keiner aus dem Kreise. Und wenn Felix sich

vor lauter Höflichkeit gegen die Damen »einige Verzierungen abbrechen

wollte«, wie Erich sich spottend ausdrückte, so verleideten sie ihm das

nach Kräften durch herzliches Auslachen und kräftige Neckereien.

Als Klärchen und Karl anlangten, saßen die übrigen schon im Kreise um

die Feuerstelle; denn sie erklärten, es sei von jeher Sitte der Völker

gewesen, sich um einen Feuerplatz zu versammeln. »Aber nun bei der

Hitze, und wo es noch so brenzlig stinkt, finde ich es doch im Schatten

bedeutend schöner,« murrte Käte laut, worauf mehrere der Kavaliere ihr

eifrig zustimmten und den Schutz einer großen Buche aufsuchten.

Als jeder sein Plätzchen gefunden hatte, wurde das mitgebrachte

Vesperbrot von Gertrud von Rantzau eingefordert. »In den Taschen wird

es so trocken; wir legen alles auf dies weiße Tuch und decken es zu und

zum Schluß wird es ohne Ansehen der Person gleichmäßig verteilt! Sonst

kommen einige zu kurz,« sagte sie mit einem verschmitzten Blick auf

Felix, der vorher auffallend lange im Obstgarten gewesen war und nun

mit kleinlauter Miene ganze Berge von Birnen aus seinen Taschen entlud.

Wenn er eine kleine Pause machte, so rief sie unbarmherzig: »Weiter,

weiter, Vetterchen – am Ende sind wir noch lange nicht!« bis zuletzt

schallendes Gelächter des ganzen Kreises jede neue Handvoll begleitete.

»›Sieh mal, sieh, wat doch so’n Fell sick wieten kann!‹ würde der

Schneider auch zu deinen Taschen sagen. Dies ist ja ganz fabelhaft!«

Die Mädchen nahmen dann ihre Arbeiten hervor und sahen erwartungsvoll

auf ihre Begleiter.

»Wer fängt an?«

»Dem Alter die Ehre. Hermann ist der Würdigste!«

»Nein, wir wollen lieber sagen, das Beste kommt zuletzt! Sonst wagen

wir anderen uns nicht mehr vor,« meinte der kleinste Kadett treuherzig.

»Gut, so fängst du an,« entschied Käte; »und nun schieß los! Dort der

Eichenstrunk ist das Rednerpult!«

Der stramme, kleine Vaterlandsverteidiger schwang sich auf das Podium

und begann mit schmetternder Stimme: »Der Gott, der Eisen wachsen

ließ, der wollte keine Knechte!« Tadellos ging es bis zu Ende, und

nach ihm kam Felix an die Reihe. »Nächtlich am Busento lispeln bei

Cosenza dumpfe Lieder«, hub er mit Grabesstimme an. Sein Pathos wirkte

dermaßen komisch im Vergleich zu seiner übereleganten Verbeugung, daß

Käte wieder einmal die Fassung verlor und, leise prustend, Gertrud

zuflüsterte: »Höre bloß die traurige Stimme! Er beklagt noch seine

Birnen!« Aber ein Blick von Hermann Schack ließ sie verstummen.

Unterbrechen gab’s nicht.

Als Karl an die Reihe kam, zog er ein kleines Buch aus der Tasche und

fragte: »Kennt ihr Andersens ›Improvisator‹? Nicht? Gut. Dann werdet

ihr euch mit mir freuen an seiner bezaubernden Rednergabe. So schildern

zu können, muß schön sein! Zum Schluß lese ich euch die Szene am

Nemisee.«

Schnell und eifrig flogen die Nadeln der fleißigen Hörerinnen. Gerade

beim fortlaufenden Lesen ging die Arbeit noch einmal so leicht; man

merkte kaum, wo die Zeit blieb. Als aber die Abendsonne hinter den

Buchenkronen vorleuchtete, das Schilf und Rohr drüben am See vergoldete

und purpurne Säume um die dunkel aufsteigenden Wolken zauberte, da

sank Hanni die Arbeit in den Schoß und ihr Kopf lehnte sich gegen den

moosigen Stamm. Ihre Augen glaubten hinter dem See das Albaner-Gebirge

aufragen zu sehen, und ihre Gedanken waren in weiter, weiter Ferne, so

daß die Worte nur noch wie im Traum ihr Ohr berührten und sie mit einem

tiefen Seufzer erst wieder in die Gegenwart zurückkehrte, als Karl das

Buch zuschlug. Sie hatte nichts mehr um sich her gesehen, auch nicht,

daß Hermanns Blicke die ganze Zeit ebenso versunken gewesen waren in

ihren Anblick, wie die ihren in den der fernen Wolkengebilde.

Als sie sich mit fast schmerzlichem Ausdruck die Locken aus der Stirn

strich, setzte er sich an ihre Seite.

»Nicht wahr, es tut weh, wenn man aus der Ferne, aus dem Wolkenland

zurück muß in die rauhe Gegenwart? Es war so schön, einmal alles um

sich her zu vergessen!«

Sie fuhr erschrocken zusammen, als fühlte sie sich ertappt. Als sie

aber in seinen tiefen Augen vollstes Verständnis las, kam das Blut in

ihr frisches Gesicht zurück und sie nickte ihm herzlich zu.

»O weh, einhalbsieben!« rief jetzt Karl, auf die Uhr zeigend.

»Pünktlich müssen wir sein, sonst könnte es für morgen böse Folgen

haben! Herr Schack, von Ihnen hören wir noch etwas zum Schluß, nicht

wahr? Und Erich und Alfred machen morgen den Anfang.«

Hermann blieb sitzen und begann mit tiefer, fester Stimme den

wunderbaren Monolog des Orestes: »Denken die Himmlischen einem der

Erdgeborenen große Verwirrungen zu.« – Wie rollende Wogen, die in

majestätischer Pracht an die Felsenufer schlagen, so berührten

Goethes gewaltige Verse das Ohr und Herz der jungen Mädchen, denen

zum erstenmal eine Ahnung aufging von der Größe und Tiefe wahrer

Freundschaft. Die Verse waren zu Ende und alles nahm Abschied. Hermann

hatte mit großer Wärme Hannis Hand ergriffen und sagte leise: »Nicht

wahr, ein solches Einanderverstehen – im tiefsten Innern und ohne Worte

– das muß doch alles sonstige Mißverstandenwerden, alle erduldete

Einsamkeit gut machen?«

Sie konnte nichts erwidern. Wenn zuviel Eindrücke auf sie einstürmten,

so zog etwas wie ein Krampf ihre Kehle zusammen und ihre sonst so

lachenden blauen Augen sahen dunkel aus.

Alle waren von der Schönheit des eben Gehörten berührt, wenn auch die

meisten sie noch nicht ganz verstehen konnten, und still trat man den

Heimweg an.

»Jetzt erst fällt mir ein, daß Oda wieder nicht dabei war,« sagte

Hanni, die solange schweigend vorangegangen war, zu Käte, als sie vom

Feldweg aus das weiße Parktor öffneten. »Du saßest neben Gertrud;

hat sie etwas darüber gesagt? Daß Oda neulich nicht mit tanzen

durfte, wunderte mich nicht weiter, und die Waldpartie war ja auch

anstrengender, aber diesen kleinen Weg hätte sie doch wohl mitmachen

können?«

»Sie muß doch gar zu schwach sein! Gertrud sagte, sie hätte den ganzen

Tag in der Hängematte gelegen; aber vergnügt sei sie doch, hätte

Appetit und lachte alle aus, die sich um sie sorgen wollten.«

[Illustration]

[Illustration]

9. Kapitel.

Das Wetter muß weggetanzt werden.

Jeder folgende Tag lief schneller als sein Vorgänger. Freitag sollte

die letzte Zusammenkunft im Walde sein, denn für Sonnabend war die

Abreise unwiderruflich festgesetzt. Aber als wenn der Himmel über

den allgemeinen Trennungsschmerz mitweinen müßte, so bezog er sich

am Donnerstagabend dick und grau, nachdem er vier Wochen unablässig

gestrahlt und allen Kindern die Meinung beigebracht hatte, in

Schönfelde sei immer Sonnenschein.

Am Freitagmorgen strömte ein trostloser Landregen unaufhaltsam nieder.

Die Hühner, die beim Gewitterregen die Flucht ergreifen, merkten wohl,

daß es heute kein Aufhören gab. Mit greulich struppigem Gefieder gingen

sie ihrer Nahrung nach, nur ab und an das Übermaß der Nässe ärgerlich

abschüttelnd.

Die Erntewagen, die sonst so lustig knatternd vom Hofe rollten,

standen langweilig und triefend in langer Reihe da. Einzelne Knechte

schlenderten nachlässig von einem Gebäude zum anderen; was man heute

schaffen konnte, wurde auch ohne Übereilung fertig.

Gegen Mittag hellten sich verschiedene Gesichter etwas auf, der Himmel

aber durchaus nicht. Es gab ein Getuschel und Kichern zwischen den

Knechten, die zum Essen kamen, und den Mädchen, die die schweren

Zinnschüsseln und Bierkrüge in die Leutestube trugen. Dann ging es bis

an Mamsell. Endlich ein Klopfen an des Inspektors Tür, und auf sein

»Herein« schoben sich die beiden kühnsten von den Mädchen ins Zimmer.

Sie meinten bloß – und die anderen hätten es auch gemeint –, ob man das

Wetter nicht wegtanzen müsse?

»Unsinn,« erwiderte Herr Schulz mit angenommener Barschheit, »es klärt

sich ja schon auf!«

Lautes Kichern der Mädchen. »Das ist wohl aufklären?« Klatschend schlug

der Regen gegen die Scheiben.

»Na, dann müssen wir wohl mal sehen.«

Wie der Wind waren sie die Treppe herunter, und aus der Küche hörte

man unterdrücktes Juchzen. Bald verbreitete sich durchs ganze Haus die

Nachricht: »Herr Schulz meinte es auch, und der Herr hätte es erlaubt,

daß das Wetter weggetanzt würde.«

Niemand brauchte mehr zur Eile ermahnt zu werden. Die Röcke flogen um

die Ecken; heiße Bolzen mußten her, um noch schnell weiße Schürzen zu

plätten. Der Gärtner brachte triefende Tannenzweige und Körbe voll

leuchtender Georginen herbei, und die Knechte hatten es eilig, den noch

leeren Kornboden damit festlich zu schmücken.

Hanni und Käte sahen wieder und wieder aus dem Fenster; wie wurde es

heute nachmittag? Bei dem Wetter war ja an keine Zusammenkunft im

Walde zu denken. – Da rief der Vater von unten: »Mädels, seid ihr in

eurem Zimmer? Kommt doch mal! – O liebe Zeit, wie lassen wir die Ohren

hängen! So ein Jammer! Nun mache ich euch einen Vorschlag: die Leute

meinen ja, heute sei Wetter zum Tanzen. Da muß Hinrich um zwei Uhr weg,

die Musikanten zu holen. Was meint ihr, wenn er den Umweg über Buchdorf

machte, zu fragen, ob das junge Volk auch dazu kommen will? Und dann

könnte er ja bei Pastors anfahren und Bescheid sagen, daß Klara und die

Jungen sich bereit halten möchten, damit er auch sie abholen könnte,

sobald die Musikanten da sind. Für heute abend wär’s am besten, die

Löbers-Kinder richteten sich aufs Hierbleiben ein, denn sonst würde der

doppelte Weg für die Pferde reichlich viel. Ist’s so recht?«

Stürmische Umarmungen zeigten dem liebevollen Vater, daß er, wie immer,

die Wünsche der Kinder schon vorweg erraten und erfüllt hatte.

Als mit markerschütterndem Blasen die sehnlichst erwartete Kapelle auf

den Hof gefahren kam, standen viele Türen und Fenster offen, und viele

Herzen klopften erwartungsvoller als bei Eröffnung des feierlichsten

Hofballes.

Aber es tanzte sich auch wirklich gut auf den sauberen, durch das im

Winter dort aufgeschüttete Getreide glatt und blank gewordenen Dielen

des Kornbodens. Nur wer solche ländlichen Feste mit unbefangenem

Jugendfrohsinn miterlebt hat, kann den eigenen Zauber verstehen,

den der Tannenduft, die flackernden Kerzen, die durchdringenden

Instrumente, das ungezwungen fröhliche Durcheinander ausüben.

Allein schon die Sitze! In der Mitte der Längsseite, wie die fürstliche

Loge, zwei weißlackierte Gartenbänke, auf denen die hohen und

allerhöchsten Herrschaften zu kurzem Zusehen Platz nahmen. Weiterhin

über festgestopfte Kornsäcke gelegte schwanke Bretter, die vom Tanz

ausruhenden Schönen zum Sitzen einladend, und auf denen zu den Klängen

der Musik leise zu schaukeln für die jüngste Jugend allein schon ein

Gaudium ist.

Hier sind die Jüngsten durchaus nicht von der Feier ausgeschlossen;

und gerade das übt einen besonderen Reiz, daß bei solcher Gelegenheit

die junge Tagelöhnerfrau mit Stolz ihre ganze kleine Nachkommenschaft

vorführen und sie der gleich alten Tochter der Herrschaft, die

zum Besuch ist, zum Vergleich mit ihren kleinen Stadtkindern

vorstellen kann. Es bietet sich Gelegenheit, einander mit allem, was

zusammengehört, zu sehen und kennen zu lernen, wie es in der Stadt kaum

möglich ist.

Hanni und Käte, die das alles zum erstenmal erlebten, waren anfangs

ein bißchen befangen. Denn die Formen der Fröhlichkeit sind bei diesen

Leuten beträchtlich anders als all das, was sie bisher kannten. Aber

Rantzaus und Klärchen, die jedes Jahr diese Feste mitfeierten, bewegten

sich völlig harmlos und fanden gar nichts dabei, daß die stattlicheren

unter den Tänzern mit ihren steifen, sonderbaren Verbeugungen auch

zu ihnen kamen. Die Sache wurde ja mit aller nötigen Vorsicht

betrieben: die Hausmädchen beeinflußten ihre Kavaliere dahin, daß

nur die wirklich geübten sich den Fräuleins nahten. Dann wurde auch

jeder, der es tat, verpflichtet, die zarten Kleider der Damen dadurch

zu respektieren, daß er seine Hand mit dem rotbunten Taschentuch

verhüllte; eine Sitte, über die Käte sich vor Lachen schüttelte.

»Tante Ida,« sagte Klärchen, und setzte sich ein wenig zu der allgemein

Verehrten, um auszuruhen, »du solltest bloß versuchen, wie wunderbar

glatt es sich hier tanzt; wie auf dem schönsten Parkett!«

Hannis Heimkehr · 第 4 / 13 段