Erst etwas scheu, dann aufs höchste interessiert, gingen die

Stadtkinder von einem Zimmer ins andere. Alles war so fremdartig, so

hoch und weitläufig, wie sie es nie gesehen. Als die Zwillinge ihr

Doppelbild in der Glastür erblickten, steckten sie zuerst scheu die

Köpfe weg. Als aber die Spiegelbilder das gleiche taten, gab es einen

endlosen Jubel. Der Bann war gebrochen, laut lachend rannten sie

hin und her durch die »blanken Fenster«, dann Ernst voraus und sie

jauchzend hinterher durch die andere Glastür in den Garten. Erschrocken

eilte Frau von Platen herbei, um Ruhe zu gebieten. Aber der Hausherr

wehrte ab. »Das lassen Sie nur hier ganz auf sich beruhen, liebe

Cousine. Mögen sie sich ruhig austoben, soweit die Kräfte reichen, das

ist so gesund! Und wir brauchen’s ja nicht anzuhören! Hanni ist hier

auch schon beinahe zum Jungen geworden, was das Rennen und Klettern

anbetrifft. Ja, auch Purzelbäumeschlagen, nicht wahr, du Hummel?«

»Aber Vati!«

»Na, laß man! Die großen Mädels werden schon auf die Jungen achtgeben

– und außerdem habe ich den Gärtnerburschen angewiesen, nach ihnen zu

sehen und ihnen zurechtzuhelfen. Gehorchen tun sie doch aufs Wort?«

»Sicher, dafür stehe ich ein.«

»Gut, dann seien Sie ganz ruhig, ihnen kann nichts geschehen. Und daß

sie kein Unheil anrichten, dafür wird gesorgt. Nun wollen wir’s uns

gemütlich machen. Sie sollen sich hier ordentlich ausruhen.« Damit bot

er der reisemüden Frau den Arm, und es gab eine schöne, friedliche

Feierstunde auf der vom Abendschein beleuchteten Veranda. Auch für die

Kinder war ein hübsches Tischchen abseits gedeckt, aber einstweilen

waren sie noch nicht imstande, stillzusitzen. Als der ganze, große

Park einmal im Galopp in Besitz genommen und ein schneller Abstecher

in die eben reif werdenden Johannisbeeren gemacht war, ging’s noch

in den Pferdestall, um zu sehen, was die schönen Goldfüchse fraßen,

die sie von der Bahn geholt hatten. Endlich traten auch bei ihnen die

leiblichen Bedürfnisse in ihr Recht. Bis sie sich aber soweit beruhigt

hatten, daß an Einschlafen zu denken war, dauerte es noch lange.

Besonders Ernst mußte durch einen Machtspruch der Mutter befördert

werden, denn als er gesehen, was für Schätze seine Stube barg, hätte er

am allerliebsten noch mit jedem Stück gespielt.

Als sie den Kleinen zu Bett geholfen hatten, kamen auch Hanni und Käte

dazu, sich häuslich einzurichten. »Nein, Hanni, Briefe können doch

wenig sagen. So schön hatte ich’s mir doch lange, lange nicht gedacht!

Ich komme mir vor wie eine Prinzessin mitten im Märchen! Wirklich! Als

wir so in der schönen Kutsche saßen, Hinrich mit den blanken Tressen

und die prachtvollen Pferde mit den Silberbeschlägen – alles für uns –,

dann die Felder, der Wald, der See an den Fenstern vorüberflogen – –«

»Na, ich finde, fliegen tut es nun gerade nicht bei Hinrich! Ich treibe

ihn immer zur Eile an, aber er hat schreckliche Angst für seine Pferde!«

»Doch vor meinen Augen flog und tanzte alles, und ich mußte mich

mehrmals in den Arm kneifen, um zu fühlen, ob ich es wirklich selbst

noch sei. Stelle dir doch das Lärmen und Fauchen unserer Vorortszüge

vor, wenn wir mal ins Freie wollen. Dies Gedränge auf den Bahnhöfen,

das Klingeln auf der Elektrischen! All diese gräßlichen Einrichtungen

machen es, daß ich oft lieber ganz zu Hause bleibe, unsern Gummibaum

und unsern Piepmatz ansehe, und mir dann einbilde, ich wäre im Freien!

Aber Hanni, jämmerlich armselig ist das doch! Und nun frage ich dich,

ob nicht Lena das größte Schaf unter Gottes Sonne ist, dich immer noch

wegen des Landlebens zu bedauern?«

»Tut sie das wirklich? Ja, das ist in der Tat komisch! Sie meinte ja

auch, die Zeit würde mir lang werden! Das ist unglaublich dumm. Erstens

könnte sie mir überhaupt niemals lang werden, auch wenn ich allein in

eine dunkle Kammer gesperrt wäre! Denk doch bloß, was man sich alles

ausmalen kann! Die ganze Welt und das lange Leben liegt doch vor

einem! Ich bin ja zu, zu gespannt, was man alles erleben wird. Wenn

ich zum Beispiel nachmittags in der Schaukel sitze und so leise hin

und her fliege, die großen Linden über mir, die schwarzen Taxus und

hellen Ahorn auf dem wunderbar grünen Rasen gegenüber, dann ist mir,

als führte zwischen dem Gebüsch eine geheime Pforte in die Zukunft

hinein und ich könnte nun mit meinen Gedanken vordringen von einem

Raum zum anderen, Menschen und Gegenden und Vorgänge vorweg sehen,

und der flimmernde Sonnenschein vergoldet alles. Ist es ein trüber,

beschatteter Tag, so kommen mir leicht die Bilder wehmütig und traurig

vor die Seele. So gehen mir Stunden und Stunden hin, wenn niemand

mich stört. Und wenn die Glocke dann ruft, schrecke ich auf und muß

durch einen tiefen Schacht erst wieder herauf an die Oberwelt – oder

durch einen Zauberwald einen weiten Weg in der Hast zurück – es tut

ordentlich weh. Aber Mutti und Tante Ida lassen mir nicht allzuviel

Zeit für meine einsamen Reisen. Es ist eben immer etwas zu tun, und das

mag ich ja auch furchtbar gern!«

»Hanni, soviel Erlebnisse hattest du aber früher noch gar nicht. Mir

kommt es beinahe vor, als wärest du hier erst du selbst geworden! Du

gehst viel fester, deine Stimme ist viel klarer. Wovon kommt das?«

»Ja, du, das kann ich wirklich nicht sagen. Aber eins ist gewiß: es war

immer etwas in dem Hin und Her, dem Vielerlei, dem lauten Geräusch, was

mir den Atem und die volle Sammlung nahm. Im Zimmer kann ich höchstens

im Dunkeln den Eingang zu meinem Märchen- und Zukunftsland finden. Aber

so recht öffnet er sich nur im Freien. Und wo sollte das sein in der

Stadt, wo man nie allein in Gottes freier Natur ist? Sind wir dort

draußen, so muß jemand zum Schutz bei uns sein; ein großes Unglück, wie

mir scheint! Denn in der Natur möchte alles, alles mit uns sprechen:

jeder Busch, die zarten Gräser und Blümchen! O, das murmelnde Wasser

hat soviel zu erzählen! Das Rauschen in den Tannen, das Flüstern in den

silbernen Blättern, die schnellhuschenden Lichter und Schatten! Aber

sie können nur zu einem sprechen, wenn man still und allein ist. Und

das ist in der Stadt nie der Fall. Deshalb denke ich immer: die armen,

armen Seelen, die nie dazu kommen, alle diese Stimmen zu vernehmen!«

Käte sah nachdenklich ins Weite. Die beiden waren hin und her durch die

dämmernden Parkwege geschlendert; jetzt standen sie still vor einem mit

schwankendem Farnkraut eingefaßten Teich, auf dem in leuchtendem Weiß

die Seerosen sich von der schwarzen Tiefe abhoben. Aus dem Grunde klang

klagend ein Unkenruf herauf; ein leiser Schauer rieselte Käte durch die

Glieder.

Aber da stieg klar und silbern der Vollmond hinter den Tannenwipfeln

empor und verklärte alles mit seinem Licht.

»Ja, Hanni, dies ist zu schön. Hier muß einem das Herz weiter und

besser werden!«

Still suchten beide ihr Lager auf. Als Käte das Licht gelöscht

hatte und den verflossenen Tag noch einmal an ihrem inneren Auge

vorüberziehen ließ, dachte sie bei sich: »Es ist eigentümlich: trotz

allen Glückes wird man hier, glaube ich, ernster. Was haben wir zurecht

gelacht, als Hanni vorigen Herbst die acht Tage bei uns wohnte. Mutti

konnte uns oft abends nicht zur Ruhe kriegen. Danach ist mir hier gar

nicht zumute. Dies ist schöner und größer und stiller.« –

* * * * *

Aber auch Lachen und jugendlicher Übermut kamen zu ihrem vollen Recht.

Als die ganze Gesellschaft eines Nachmittags um den Kaffeetisch saß,

kam der Major etwas verspätet und sehr erhitzt vom Felde herein. »Ida,

des alten Harders Andenken wollen wir doch recht in Ehren halten; einen

großartigen Roggen mähen wir dort hinten an der Buchdorfer Scheide.

Übrigens, Nachbar Rantzau ritt vorbei und läßt sich bestens empfehlen.

Er wollte gerade her, zu bitten, daß wir alle am Sonntag den Geburtstag

seiner Frau möchten feiern helfen. Natürlich Sie mit, liebe Cousine!

Auch das ganze Kroppzeug soll kommen. Die Jungen dort haben auch

Ferien; dann sind noch die Parchimer Verwandten da und einige Nachbarn

werden erwartet. Sie wollen für die junge Bande eine Extratafel

decken in der Halle. Das wird ja was für euch Mädels! Sind die Fahnen

geplättet und die Tanzbeine geschmiert?«

»O fein, Vater; das wird ja ein Spaß! Oda sagte schon öfter, ihrer

Mutter Geburtstag sei immer der schönste Tag im ganzen Jahre. Käte, paß

auf, was du da zu sehen kriegst!«

»Ja, ist es auch nicht zu feierlich? Eigentlich habe ich ein bißchen

Angst vor dem Schloß und der ganzen Herrlichkeit!«

»Ach, was ein Unsinn! Du sollst sehen, sie sind furchtbar nett, alle

miteinander. Oda liebe ich direkt, das ist die Älteste; Gertrud ist

von meinem Alter und auch ein gutes Tierchen. Die kleinen Buben sind

goldig und werden zu Max und Moritz passen. Und die Kadetten sollen

auch nette Kerle sein; Gertrud ist wenigstens riesig stolz auf sie. Ein

klein bißchen verdreht sind ja die Kadetten leicht, aber das geht so

mit hin. Weißt du, wie alt die Vettern sind, Vater?«

»Wer kann das alles wissen! Hermann Schack ist Student, Felix von Alten

wird wohl Primaner sein! – Jedenfalls kriegt ihr Tänzer genug, darüber

braucht ihr euch nicht zu grämen,« neckte er.

»Nach Grämen ist uns auch nicht zumute,« rief Hanni und folgte Käte in

den Obstgarten.

»Du,« fragte Frau von Platen ihre Cousine, als die Kinder fort waren,

»ist Hermann Schack der Sohn von dem Münchener, der vor einigen Jahren

die zweite Frau nahm? Ich hörte von deiner Cousine Lucie, der Vater

habe so großen Kummer an dem ältesten Sohn.«

»Von Lucie,« schalt der Major, »die alte Klatschbase weiß doch auch

immer die Sorgen ihrer lieben Mitmenschen! Aber daß sie schon je

einem welche abgenommen, habe ich noch nicht gehört. Die Schacks sind

mir wirklich alle miteinander viel zu gut für ihre Zunge. Sie haben

schwere Zeiten durchgemacht, gerade auch Hermann, der ein feiner Kerl

ist. Er hat furchtbar gelitten durch den Tod der Mutter, die ihm alles

war. So lange sie lebte, stand er auch mit dem Vater ausgezeichnet,

denn sie liebte beide so innig, daß sie immer die Brücke zu schlagen

wußte zwischen dem schlichten, geraden Vater und dem komplizierten und

heißblütigen Sohn. Es war wirklich ein wunderschönes Zusammenleben

mit den Dreien. Desto größer war dann der Jammer. Beide, Vater und

Sohn, hatten ihr Bestes verloren. Aber bei ihrer ungleichen Art äußerte

sich ihr Schmerz dermaßen verschieden, daß sie einander allmählich

fremd wurden. Der fromme Vater suchte einfach und ehrlich seinen Trost

bei Gott, so wie sein Vater und Großvater es getan, und er verlangte

dasselbe von seinem Sohne, der sich gerade in einer schwierigen

Übergangszeit befand. Er stand unter dem Einfluß eines ganz ungläubigen

Lehrers, der ihm aber als edler Charakter sehr imponierte. Wenn er

nun mit seinen Ansichten heimkam, geriet der Vater außer sich und

verwünschte den ›Seelenmörder‹ seines Jungen, was diesem natürlich

über die Maßen ungerecht vorkam, zumal er seinen Vater, der es wenig

verstand, seine Gefühle auszudrücken, poltern und schelten hörte,

während der Gelehrte seine Meinung klar und einleuchtend zu begründen

verstand. Der Lehrer bekam den Glorienschein des Märtyrers, und der

Junge schloß sich ihm immer mehr an.

Als Schack dann nach Jahren die zweite Ehe schloß, die wirklich das

größte Glück für alle Teile hätte sein können, da wurde auch die

Sache gleich im Anfang verdorben. Falsche Freunde machten den früher

so offenen und arglosen Hermann mißtrauisch. Und als gar ein kleiner

Bruder kam und der so lange vereinsamte Vater wieder warm wurde und

auflebte, da sah Hermann das mit tiefster Bitterkeit und dachte nie

daran, daß seine Verschlossenheit und Kälte es war, die zwischen ihnen

stand. Wenn die glückliche junge Frau ihr Kindchen herzte in denselben

Räumen, wo sein inneres Auge noch deutlich das Bild seiner seligen

Mutter sah, dann war es ihm, als hätte diese die andere verdrängt. Ich

war in jener Zeit einmal zum Besuch dort, und es war ein Jammer, zu

sehen, wie vergeblich sie sich bemühte, ihm näher zu kommen. Der Junge

war rein wie verrannt.«

»Ist es denn immer noch dasselbe?«

»Ja, so wie sie jetzt leben, kann es kaum anders werden. Sie sehen

sich ja nie im rechten Licht. Durch alles künstlich gesäte Mißtrauen

sind sie unsicher, geschroben, unnatürlich gegeneinander geworden.

Man möchte dazwischen schlagen,« sagte er heftig aufstehend, »wenn

Menschen, die es so schön haben könnten, sich ein so schweres Leben

schaffen! Das tun wir wenigstens nicht, was meinst du, Schatz?« Mit

einem kräftigen Kuß verabschiedete er sich von seiner Frau.

* * * * *

Trotz aller Vorfreude war es dann doch ein beklommenes Gefühl für die

jungen Gemüter, als sich an dem Festtag die weiten, strahlenden Hallen

des Buchdorfer Schlosses vor ihnen auftaten. Käte suchte schüchtern

sich hinter Hannis Rücken zu bergen; ihre muntere Getrostheit drohte

sie ganz im Stich zu lassen. Aber die Wirte kamen in so freundlicher

Weise allen entgegen, und die Pracht und Schönheit der einzelnen Räume,

der üppigen Pflanzengruppen, die hinter weitgeöffneten Glastüren

verlockend auftauchenden Gartenanlagen waren so entzückend und

fesselnd, daß bald jede Befangenheit überwunden war und alles sich in

buntem Durcheinander des schönen Tages freute. Die Jugend machte sich

im Garten miteinander bekannt. Die Rantzauschen Töchter waren höchlich

interessiert für alles, was Käte aus Berlin erzählen konnte. Die

Kadetten berichteten wichtig und unter lebhaftem Beifall Geschichten

aus ihrem Leben, und bald war die Essenszeit herangekommen.

»O, wir sollen ja selbst die Damen zu Tisch engagieren!« rief der

Parchimer Primaner. »Da heißt es, rechtzeitig sein Schäfchen ins

Trockene bringen!« Damit stürzte er sich mit großem Eifer auf Hanni,

ihr den Arm zu bieten, während ihnen seine Cousine naserümpfend

nachrief: »Hanni, du kannst stolz sein, ins Trockene gebracht zu

werden!«

»Empörend! Gertrud, du weißt, daß ein Vergleich nicht immer in jeder

Beziehung zu stimmen braucht!«

»Nein, Felix, aber deine hinken immer auf beiden Seiten! Na, laß man,

bist doch ein guter Kerl,« meinte der Kadett, indem er Kätes Arm

ergriff. Die beiden folgten dem anderen Paare in so munterem Gespräch,

als wären sie alte Bekannte.

»Aber halt, Karl, das gibt es nicht! Deine eigene Cousine aufzufordern,

mit der du jeden Tag zusammen sein kannst. Da möchte ich doch bitten!«

Damit versuchte Erich Rantzau seinem Freunde Karl, der im Pfarrhaus als

Feriengast lebte, Klärchen Löber streitig zu machen. Aber damit hatte

er kein Glück.

»Bitte, lieber Erich, wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Wenn wir auch zu

Hause zusammen sein können – dort gibt’s doch immer sehr viel Störung.

Gerade hierauf hatten wir uns schon lange gefreut. Mach du nur, daß du

überhaupt noch eine Dame kriegst!«

»O, keine Sorge! Kann einem Manne von meinen Vorzügen gar nicht

fehlen.« Damit schlug er stolz auf seine Brust, auf der die blanken

Knöpfe funkelten.

Alles war bald geordnet, und der Hausherr kam aus dem Saal herüber, um

nach dem Ergehen der Jugend zu sehen. »Nun, ihr jungen Herrschaften,

hat jedes, was es sich wünscht? – Aber was ist denn das? Mein lieber

Hermann, keine Dame gefunden? Alle zu schade? Oder keine gut genug?

Nein, ein leichter Schritt ist es auch nicht; der Wahn ist kurz, die

Reu ist lang! Aber das viele Besinnen hat dann zur Folge, daß man ganz

allein bleibt! Wie wär’s hier? Da findet sich noch ein nettes Plätzchen

unter dem Schutz unserer neuen, jungen Nachbarin. Die kann schon zwei

Kavaliere fesseln, denn sie hat zwei Seelen: eine Berliner und eine

ländliche. Nicht wahr, mein Hannchen?«

»Nein, Onkel, das hoffe ich doch nicht. Übrigens, Berlin hat eigentlich

– wenigstens in meinen Augen – mit Seele nicht viel zu tun. Meine ist

jetzt hier zu Hause!«

»Gut, Kind, desto besser! Na, dann vertragt euch alle miteinander und

paßt auf eure Nachbarn, daß sie nicht zuviel Erdbeerbowle trinken – und

auf eure Nachbarinnen, daß ihr Glas immer gefüllt ist! – Prosit!«

Als das fröhliche Mahl sich nach und nach zum Ende neigte, wartete eine

große Überraschung auf die junge Gesellschaft. Von der Blumenhalle

herüber erklangen weiche, fremdartige Töne. Es waren Harzer Bergleute,

die von Ort zu Ort zogen und die der Gastgeber für diesen Abend zur

besonderen Überraschung seiner Gattin herbestellt hatte. Auf dem Lande

ist man nicht verwöhnt durch häufige Musik; so lauschten alle mit

wahrer Freude den schönen, reinen Klängen, und bald zerstreute sich die

Gesellschaft in den Gartenwegen, die nun vom flimmernden Mondschein

unsicher und träumerisch erhellt waren. Zu Hanni gesellte sich ihr

einsilbiger Tischnachbar zur Rechten, den sie während des Essens

vergebens versucht hatte, ins fröhliche Gespräch mit hineinzuziehen –

er war immer wieder verstummt. Jetzt fragte sie ihn, ob er sich unwohl

fühle, weil er bei Tisch so schweigsam gewesen.

»Nein, durchaus nicht; aber es ist mir zu unangenehm, irgendwo zu

stören. Ihr Tischherr hatte ein Anrecht an Ihre Unterhaltung, da mochte

ich nicht dazwischenkommen.«

»Aber ich bitte Sie, wir hatten uns wahrlich nichts Wichtiges zu sagen.

Was mich störte, war ein so finsteres Gesicht, wie Sie es machten.«

»O, wirklich? Nach meinem Gesicht hat sonst noch nie jemand gesehen.«

»Da irren Sie sicher! Ich sah es wohl, und mir nimmt es die Freude,

wenn jemand neben mir traurig aussieht. Mutti sagt, wenn man als Gast

sich nicht wohl fühlt, muß man an etwas recht Nettes denken, damit die

Wolken vergehen. Denn für die Gastgeber wäre es doch schrecklich, wenn

sie etwas davon merkten. Wie denken Sie, wäre wohl heute abend die

Tafel gewesen, wenn alle ebenso starr und schweigsam dagesessen hätten

wie Sie?«

Dabei versuchte sie, ihr sonniges Gesicht in tiefe, böse Falten zu

ziehen, was so komisch aussah, daß ihr Begleiter laut auflachen mußte.

Zum erstenmal zeigte sich jetzt, wie lebhaft und sprechend seine Züge

waren, wie schneeweiß die Zähne, und wie das Lachen die schwarzen

Augen strahlend machte. Aber ebenso schnell war dies freundliche Bild

verwischt, als aus einem Nebenwege Felix von Alten auftauchte und

eifrig begann: »Gnädiges Fräulein, wir müssen eilig hinein! Hören Sie

nicht, daß die Polonäse beginnt?«

»Ach, einstweilen finde ich es hier noch viel hübscher. Gerade von fern

klingt die Musik so süß! Wir wollen noch einmal dort am See entlang

gehen, wo der Mond so wunderbar glitzert, nicht wahr?« sagte sie,

Hermann freundlich zunickend.

Der verdutzte Felix, der ihr schon bei Tisch gar zu übereifrig gewesen

war, wendete sich enttäuscht dem Hause zu, um sich eine andere Tänzerin

zu suchen.

»Sie dürfen wohl nicht tanzen?« meinte Hermann. »Nicht wahr, fromme

Leute halten das für eine Sünde?«

»Eine Sünde? Nein, wirklich nicht! Ich bitte Sie, Musik ist doch keine

Sünde – und Herumspringen doch wahrhaftig nicht! Ebensogut könnte man

ja sagen, Max und Moritz müßten den ganzen Tag still sitzen, weil es

eine Sünde sei, fröhlich zu spielen!«

Beide mußten lachen; sie in Gedanken an Max und Moritz und er über ihr

lustiges Gesicht.

»Aber viele sehr fromme Leute nennen es doch Sünde,« beharrte der

Student.

»Nein, Mutti sagt, so lange ich auch mitten bei aller Freude an

Gott denken könne und jederzeit gern bereit wäre, aufzuhören, um

etwas Nötiges zu besorgen oder jemandem zu helfen, solange wäre

sicher nichts Verkehrtes dabei. Und gern mag ich es schon. Ebenso wie

Wandern, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Lesen – ja manchmal auch noch

Puppenspielen!«

Hermann sah sie sehr ernst und erstaunt an. Wie hatte er sich geärgert,

den Abend mit all den »Gänschen und Zierpuppen«, wie er sie nannte,

verleben zu müssen. Und wie ganz anders war Hanni, als er sich so junge

Mädchen gedacht. Fast war sie noch ein Kind – sie liebte ihre Puppen –

und doch konnte man mit ihr sprechen wie mit einem verständigen Freunde.

»Sie sind wohl viel mit Ihrer Mutter zusammen, weil Ihnen immer gleich

einfällt, was sie sagt?« fragte Hermann, nachdem sie ein Weilchen still

den leisen Wellen des Sees zugesehen hatten.

»O ja, sehr viel. Da fehlen mir auch meine Freundinnen gar nicht so

sehr, die ich in Berlin gelassen habe. Am schönsten ist es jetzt,

wo ich beides habe: Mutti jeden Tag und meine beste Freundin in den

Ferien. Die ist auch so zu Hause bei uns, als wenn sie uns mit gehörte.«

»Früher hatte ich auch eine Mutter,« hub Hermann wieder an. »Da war

alles anders; aber das ist sehr lange her.«

»O,« rief Hanni leise, und ihre blauen Augen bekamen ein ganz schwarzes

Aussehen vor zurückgehaltener Bewegung, »das wußte ich nicht, sonst

hätte ich nicht gerade immerzu von meiner Mutter erzählt. Es tut mir

wirklich leid.«

»Kind, was sollte Ihnen denn leid tun? Glauben Sie, daß, wenn man

selber unglücklich ist, das Glück anderer einen nicht freut? Gerade!

Es hat mir ordentlich das Herz warm gemacht, zu sehen, daß Sie das

besitzen und genießen, was ich so schmerzlich entbehre, weil ich es

auch gekannt. Sie können glauben, die einzige weiche Stelle in meinem

verhärteten Herzen ist diese Erinnerung.«

»Nein, das glaube ich nicht, das ist nicht wahr!«

»Wie können Sie das behaupten, da Sie mich doch gar nicht kennen?«

»Ich sehe Sie doch! Ich kann doch behaupten, daß dieser Tannenzweig

grün ist, nicht wahr? Wenn ich ihn auch eben zum erstenmal sehe.«

Hermann sah sie betroffen an. Aber jetzt wurden neben ihnen Stimmen

laut, und es war an der Zeit, mit den übrigen ins Haus zu gehen.

»Mäuschen, du siehst ja ganz blaß aus von dem feuchten Nebel draußen,«

sagte Tante Ida, die den Tanzenden zusah.

»O wirklich? Sie haben sich doch nicht erkältet?« forschte Hermann

besorgt.

»Unsinn, hier drinnen wird man ja gleich wieder warm. Also Sie mögen

ganz gern tanzen? Wie nett! Ich hatte erst verstanden, Sie liebten es

nicht. O, da wollen wir es versuchen, nicht wahr? Es ist gerade ein

Walzer!« Damit flogen die beiden davon.

Und die Harzer Bergleute verstanden es, zum Tanz zu spielen. Es

ging ganz von selbst, man fühlte kaum den Boden unter den Füßen.

Ringsum verschwanden die Wände und die Menschen in einem flimmernden

Lichtermeer, in dem man selber dahinschwebte auf den süßen Wellen der

Musik. – Auf einmal waren die Töne verstummt, und alles war vorüber.

»Das ging schön,« sagte Hanni tief aufatmend und sich leicht auf den

Arm ihres neuen Freundes stützend; denn sie fühlte etwas wie Schwindel

von der raschen Bewegung in der plötzlichen Helle.

Auch er sah ganz anders aus als vorher bei Tische. »Ich habe zum

erstenmal im Leben getanzt!« rief er aus.

»Wirklich?« fragte sie verwundert.

»Ja, allein kann man es doch nicht; es müssen doch zwei sein, die

zueinander passen!«

Sie verstand ihn nicht recht, und jetzt machten auch die Kadetten,

Klärchens Vetter Karl und die übrigen ihre Rechte geltend, so daß sie

lange nicht zum Ausruhen kam. Tante Ida aber sagte leise zu ihrer

Schwägerin: »Die Rantzau meinte, es sei so schwer mit Hermann Schack

umzugehen; er sei so fürchterlich wortkarg. Da sieh doch, wie vergnügt

er lacht und schwatzt! Das kann doch nicht so schlimm sein.«

Erst spät in der Nacht fuhren die Wagen vor, und auch dann dauerte

es noch geraume Zeit, bis man sich zum Aufbruch entschließen konnte.

Hanni und Käte wurden umringt von ihren alten und neuen Freunden und

bestürmt, bald wiederzukommen. Nur Hermann stand allein in einer

Fensternische und trommelte an den Scheiben, während seine Augen leer

ins Dunkle starrten.

Als sie sich aus dem lauten Knäuel frei gemacht, ging Hanni an

ihm vorüber und sagte: »Sie haben mir doch versprochen, fröhlich

auszusehen?«

»Nein, ganz gewiß nicht!«

»Doch, wenigstens inwendig nahmen Sie sich’s vor, und Sie machten dazu

ein freundliches Gesicht.«

»Hanni, komm schnell, die Pferde werden unruhig!«

»Gute Nacht!«

»Gute Nacht!« Er sah ihr betreten nach. Zum zweiten Male behauptete

sie, in sein Inneres zu sehen. Konnte sie das wirklich?

[Illustration]

[Illustration]

7. Kapitel.

Wer nie sein Brot mit Tränen aß.

Dem glänzenden Fest folgten stille, glückliche Tage. Das schöne Obst

nahm gar kein Ende. Als die Johannisbeeren nichts Neues mehr waren,

begannen die Stachelbeeren dick und süß zu werden. Die weißen Himbeeren

trugen übervoll, und an die durfte man; die roten mußten sitzen

bleiben, damit Mamsell Saft daraus kochte. Die Herzkirschen, goldgelb

mit den rosigsten Bäckchen, lachten einen über die Maßen verlockend

an. Aber als eines Tages der Gärtnerbursche Ernst und die beiden

Kleinen heranrief und ihnen mit wichtigem Grinsen voranging durch

lange Laubengänge und hohe Gebüsche in einen ganz entlegenen Winkel

des Gartens, wo sie noch kaum gewesen, da konnten sie sich gar nicht

vorstellen, was für Genüsse jetzt noch auf sie warten möchten. Aber

bald wurde es klar.

Hannis Heimkehr · 第 3 / 13 段