Sie rief ihre braven Truppen zusammen: die Frau des Saathalters,

des Schäfers, des Kuhhirten und des Vorknechts, die alle in ihrer

Mädchenzeit auf dem Hofe gedient hatten und mit jeder Einzelheit bei

der Arbeit ganz genau vertraut waren. Mit ihrer Hilfe wurde eine

wahre Sintflut veranstaltet; und als dann die Möbelwagen vorgefahren

waren, konnte jedes Stück gleich an Ort und Stelle gebracht werden.

Die schönsten von den alten Sachen waren in den Saal gekommen und in

die beiden danebenliegenden Zimmer, die hauptsächlich für größere

Geselligkeit benutzt wurden und für die die Möbel der Geschwister nicht

ausreichten. Deren Sachen kamen in die früheren Zimmer der Eltern,

denen sie einen unbeschreiblichen, neuen Reiz verliehen. Tante Ida

mußte das Ganze immer wieder bewundern. Ja, sie hoffte, die Lieben

sollten zufrieden sein! Was würde Hans Günther wohl zu der Diele sagen?

Früher war sie mehr nur Durchgang gewesen. Jetzt sah sie unendlich

anheimelnd aus mit des Vaters uralten Eichenmöbeln. Noch einmal wollte

sie alles prüfend durchwandern, da knirschten draußen die Räder auf dem

Kies und die Jagdhunde schlugen an.

Erschrocken eilte sie an die Klingel. Aber da kannte sie Marieken

schlecht! Die stand bereits an der weitgeöffneten Haustür und strich

verlegen und brennend rot an der weißen Schürze herunter, bis der Wagen

hielt und sie ihren Gefühlen Luft machen konnte, indem sie hastig und

dienstbeflissen Decken, Schirme und Taschen an sich riß.

»Halt, halt – meinen Handstock laß mir! Die Waffe gibt ein Soldat nicht

her!« wehrte der Major vergnügt ab, und hob dann seine Frau selber aus

dem Wagen. Aber Hanni wartete nicht auf irgend eine Hilfe, sondern

sprang eilig an allen vorbei auf ihre Tante zu.

»Tante Ida, Tante Ida! Endlich sind wir da!« jubelte sie. »O, es ist

zu, zu schön!« Es war ein stürmisches Durcheinander, und erst nach

geraumer Zeit konnten die Angekommenen sich näher umsehen.

»Wie ist es doch gemütlich und heimisch hier!« rief der Major aus, sich

glücklich in der alten Diele umsehend. »So schön hatte ich’s gar nicht

in Erinnerung! Hier lasse ich mich häuslich nieder und gehe überhaupt

nicht weiter.«

»Vater, Vater, o komm hierher,« rief Hanni erregt. »Nein, ganz wie

zu Hause!« Sie stand mitten in ihres Vaters Zimmer und sah durch die

Flügeltür in das schöne Wohnzimmer ihrer Mutter. – Jetzt erst begriffen

die Eltern die Veränderung gegen früher, und tief gerührt faßte der

Major seine treue Schwester um die Schulter.

»Liebe, gute Seele – was hast du denn gemacht? Das ist alles schon in

schönster Ordnung für uns, und wir brauchen uns bloß reinsetzen in das

warme Nest! Das ist ja zu schön! Sieh doch, Else – dort dein Nähplatz

am Fenster – dein Schreibtisch! – Nein, sieh doch, die Sessel dort am

Kamin! Du bist ja eine goldene Schwester! Das vergeß ich dir nie! Else

war so müde seit der Krankheit neulich und hatte so große Angst vor all

der Umwälzung! Aber wo ist denn Mutters Zimmer geblieben?«

»Kommt mal mit! Ich dachte, es würde euch so recht sein: Mutters Sachen

habe ich ganz nach oben genommen. Ich bin ja nun selbst ein altes

Mütterchen und gebrauche einen bequemen Winkel! Und für meine kleinen,

zierlichen Möbel aus der Mädchenzeit hatte ich eine andere Verwendung.«

Auch oben wurde mit größtem Behagen alles in Augenschein genommen;

aber auf einmal wurde die Gesellschaft durch einen lauten Schrei des

Entzückens aufgeschreckt. Hanni war ans Ende des kleinen Korridors

vorgedrungen, an dem Tante Idas Zimmer lagen – seitwärts vom großen

Vorsaal, auf den alle Gaststuben führten. Als sie nun die Tür zu dem

kleinen Raum öffnete, wagte sie nicht, den Fuß hineinzusetzen, so schön

erschien ihr das, was sie dort sah!

Alles war klein und zierlich, sogar die weißlackierten Fenster,

die – weit geöffnet – einen entzückenden Ausblick boten über den

in herrlichstem Frühlingsschmuck daliegenden Park, auf die grünen

Rasenflächen, die weißen Brücken, die zwischen dunklen Taxusbüschen in

leichtem Bogen über die klaren Teiche führten.

Duftende Rosen und Goldlacktöpfe standen in einem zierlichen

Blumenständer; am Fenster lud ein altmodisches Nähtischchen, mit

allem angefüllt, was fleißige Hände nur wünschen können, zum Gebrauch

ein. Ein kleines Sofa war mit hellgeblümtem Stoff überzogen, ebenso

der verlockend bequeme, alte Sessel in der Ecke unter dem Schatten

der Stubenlinde. Aber das Allerschönste schien das Schreibpult aus

hellem, glänzendem Birkenholz mit schönen Elfenbeineinlagen. O, all die

Schubfächer oben und unten – und noch ganz versteckte, die erst das

kundige Auge entdecken konnte! – Und über allem der rosige Schein der

Ampel, die an feinen Ketten von der Decke hing.

»Tante Ida, Tante Ida! Was ist das hier? Wohnt hier eine Fee?«

»Ich glaube nicht! Oder bist du eine? Seht,« sagte sie, »dies sind

meine kleinen, alten Sachen. Hans Günther, kennst du sie noch?«

»Nein, wirklich nicht, – in diesem neuen Gewande nicht! – Bloß hier das

geheime Fach! O ja, das weiß ich noch genau! Das wollten wir so gern

aufmachen, weil du dein Tagebuch dort verwahrtest. Aber dazu gehörte

ein heimlicher Schlüssel, oder ein Kniff – ich weiß nicht mehr!«

»Sollst du auch nicht, das kriegt niemand zu wissen als Hanni! Es liegt

wieder ein Tagebuch drin, aber ein leeres.«

Hanni brauchte viel Zeit, bis sie alles gesehen und bewundert hatte.

Sie drückte und preßte ihre Tante so, daß der Vater meinte, sie solle

sie doch wenigstens heute noch am Leben lassen. Endlich machte die

kräftig erklingende Glocke, die zum Teetisch rief, ein Ende; und als

die Familie zusammen saß, bemerkte die gute Tante erst, wie schwach und

angegriffen ihre Schwägerin noch aussah. Unendlich dankbar für alle

Liebe und Fürsorge, ließ sie sich gern bald zur Ruhe geleiten.

»Ida, du bist zu gut – du nimmst mir ja rein alles ab! Wie soll ich dir

das jemals danken?«

»Dadurch, daß ihr euch hier glücklich fühlt.«

»Ach, das ist ja gar nicht anders möglich! Es ist wirklich zu schön

hier! Aber wo bleibt denn das Kind? Ich überlasse dir auch alles. Das

ist doch zu arg!«

»Else, es ist ja meine größte Freude! – Nun schlaf nur; ich bringe

Hanni schon zur Ruhe. Auf morgen!«

Hanni hatte der Ungeduld nicht widerstehen können, einmal durch den

Garten zu springen, und kam eben atemlos wieder durch die große Glastür

herein. »O Tante, Tante! Dies ist wie ein Märchen!«

»Dann kannst du es ja nun im Bett zu Ende träumen; komm nur.«

»Schon? Ja, wo schlafe ich denn?«

»Wir wollen mal sehen. Komm nur.«

Über den großen Vorsaal ging’s wieder in den kleinen Nebenflur an

Tante Idas Zimmern vorbei. »Sieh, Liebling, hier hausen wir ganz

verträglich nebeneinander. Das ist dein Schlafstübchen – dort die

kleine Tapetentür.«

»Nein, Tante, das ist nun ein wirkliches Märchen!« Sie hatte vorhin die

kleine Tür gar nicht bemerkt. Als sie nun geöffnet war, warf die rosa

Ampel ihr Licht in den hinteren Raum, und jetzt war es sehr schwer zu

sagen, was schöner war: das Wohnstübchen oder die kleine Schlafkammer.

Alles war schlicht und praktisch, aber so zierlich und anmutig in

seinem reinen Weiß, daß jetzt die Gefahr, unter Hannis Umarmungen zu

ersticken, für die gute Tante wirklich groß war.

»Dies alles soll mein sein? Ich kann es nicht glauben!«

»Ja, Liebling, und jedes einzelne hat dir viel zu erzählen! Sieh,

die weißen Mullgardinen hat meine Jugendfreundin mir gestickt. Dies

glänzende Leinen hat deine Urgroßmutter gesponnen auf dem Spinnrad

dort; ich sehe noch ihre weichen, weißen Hände, mit denen sie mir

die Locken von der Stirn strich – damals,« fügte sie leise errötend

hinzu; »jetzt habe ich längst keine mehr. – Diese weißen Bezüge für die

Tischchen brachte mein Vater einmal aus der Schweiz mit; Mutter war

kürzlich gestorben, und er wollte mir gern eine Freude machen. – Damals

war das eine große Pracht! – Dies weiche Fell vor deinem Bett gehörte

meinem Lieblingslämmchen. Aber nun leg dich hin und schlafe süß; morgen

ist wieder ein Tag, und ich kann dir noch viel erzählen! – Sieh, diese

andere kleine Tür führt durch einen leeren Raum in mein Schlafzimmer,

– ich will sie nur angelehnt lassen. Wenn du irgend etwas möchtest, so

rufe nur, ich kann dich hören.«

Aber sie wünschte nichts mehr. Ihr war’s, als schwämme sie in einem

Meer von Glück und Wonne – selig, wunschlos.

Die Fenster standen weit offen. Draußen fiel mit leisem Rauschen der

Springbrunnen in das überfließende Becken; – die Nachtigall schluchzte

im Traum; – fern im Sumpf hörte man den Unkenruf. Es war zu schön! – So

schnell ging es nebenan nicht. Nach dem langen, unruhigen Tag war dies

die erste stille Stunde. – Ja, es war ein wunderbares Glücksgefühl,

mit vollen Händen zu geben. Es war noch schöner als das Nehmen, hier

in denselben Räumen. Wie froh erwartend hatte auch ihr Herz gepocht,

als liebende Fürsorge für sie den Eintritt ins Leben geschmückt hatte!

Wie – wie anders war dann alles gekommen, als sie sich’s erträumt! Gut,

daß man’s nicht noch einmal durchleben mußte! Mancher Weg war gar zu

steinig gewesen – mancher Tag wollte kein Ende nehmen! Nun war das Herz

still geworden und hatte in allem Gottes Wege gesehen. Und nun schien

auch das Wort sich erfüllen zu sollen: »Um den Abend soll es licht

werden!«

[Illustration]

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5. Kapitel.

Neue Freunde überall.

Früh am anderen Morgen tanzten und zitterten die Sonnenstrahlen durch

die weißen Vorhänge auf Hannis Bett und huschten neckend über ihre

heißgeschlafenen Wangen. Sie rieb sich voller Erstaunen die Augen und

konnte sich erst gar nicht besinnen. Was waren denn das für fremde

Töne? Gackern, Krähen, Zwitschern und Flöten – Pferdegetrappel – leises

Rauschen in der hohen Tanne dicht am Fenster. – In Berlin hatte man

durch die gegen den Straßenlärm dicht verschlossenen Läden nichts

vernommen, höchstens war vom Hof her das eintönige Klopfen der vielen

Teppiche an ihr Ohr gedrungen. – Plötzlich wurde ihre Erinnerung wach,

und schon war sie mit einem Satz aus dem Bett und am Fenster. Im Hause

schien noch alles still. Wie spät mochte es sein? Da ließ sich ein

leiser Kuckucksruf vernehmen! Fünfmal – dann ein kleines Schnarren!

Ach, es war eine Uhr – kein lebendiger Vogel!

Schnell war sie im Wohnzimmer. – Richtig, da hing eine zierlich

geschnitzte Schwarzwälder Uhr. Die gute, rührende Tante – an alles

hatte sie gedacht. – Das Stübchen sah so reizend aus! Und alles, wie

sie es gern hatte und brauchte.

Was für ein Herz voll Liebe mußte die haben, die so für andere denken

und sorgen konnte!

Ob sie wohl schon wachte? Der Zeiger stand auf fünf. Hanni wollte mal

leise zusehen.

Vorsichtig schlich sie mit nackten Füßen durch das kleine Vorzimmer

hinein in die Schlafstube der Tante. Richtig, die rieb eben auch die

Augen!

»Tante Ida, darf ich reinkommen?«

»Gewiß, Liebling, immer!«

»Tante Ida, woher kommt die süße Kuckucksuhr? Sie hat eben gerufen!«

»Ja, woher meinst du wohl? Ich glaube, der Kuckuck ist von selbst

hereingeflogen, um der kleinen Hanni Gesellschaft zu leisten!«

»O Tante Ida, ich sehe es dir genau an, von dir kommt sie! Wie kannst

du eigentlich alles wissen, was ich mir immer gewünscht habe? So eine

kleine, weiße Schlafstube war mein höchster Wunsch. Natürlich, so süß

wie diese ist, habe ich mir sie nicht gedacht! Dann ein Schreibpult mit

geheimen Fächern; dann einen Nähtisch und sogar eine Kuckucksuhr – als

wenn du zaubern könntest!«

»Ja, Herzchen, ich weiß noch sehr genau, was ich selber gern hatte, als

ich so alt war wie du – daher kommt es wohl! – Aber du erkältest dich

ja, Kind!«

»Ich?« lachte sie und zog die Füße hoch. »Nein, Tante Ida, das kannst

du nicht verlangen – und dann im Sommer! Ich laufe so gern eine

Stunde herum, bevor das langweilige Anziehen angeht! Aber Mutti liebt

das nicht. Und dann mußte man ja auch immer zur Schule fertig sein!

Sag, wie wird es damit eigentlich? Vater ist zu komisch, er sagt

immer: ›Laßt nur gut sein; besorgt, was heute nötig ist, das andere

findet sich!‹ Ob ich nun gar keine Schule haben soll? Mir wär’s ja am

allerliebsten!«

»Du, das glaube ich doch nicht auf die Dauer. Aber miteinander haben

sich deine Eltern das sicher schon überlegt. Dein Vater hat sogar schon

an Herrn Pastor geschrieben, ob der dir einige Stunden geben würde. So

hoffen die Eltern vielleicht, daß du das Nötige lernen kannst, ohne daß

wir eine fremde Erzieherin ins Haus nehmen, die ja sehr leicht störend

sein könnte, wenn sie nicht gerade in unsern kleinen Kreis paßt.«

»O, das ist herrlich, Tante Ida! Könntest du mir nicht auch einige

Stunden geben? Denke bloß, es müßte ja zu schön sein, wenn wir hier

schnurrend vor Behagen zusammensäßen. Draußen schlüge der Schnee gegen

die Scheiben, im Ofen prasselte das Feuer und die Bratäpfel knackten in

der Röhre! Zu schön!«

»Ja, was wolltest du da hauptsächlich lernen? Feuer machen oder

Schnurren oder Bratäpfel essen?«

»Nein, das alles verstehe ich schon großartig! Nein, Literatur, Lektüre

– all so was!«

»Nun, wir müssen es mit den Eltern bereden! Einstweilen schlägt kein

Schnee ans Fenster, sondern die Fliederbüsche. Da wollen wir nur

eilen, in die Kleider zu kommen und uns draußen unter Gottes freiem

Himmel umsehen.«

»Wer zuerst fertig wird, Tante Ida!«

»Jawohl!«

Husch, war sie weg. – Nach einer Weile klopfte sie leise: »Eine Klingel

ist nicht bei mir, Tante Ida; wie kann ich zu Lisbeth gelangen, daß sie

mir das Haar kämmt?«

»Eine Klingel? – Nein, Mäuschen, da sind wir hier nun noch ganz

altmodisch. Nur die Eltern haben Klingeln; wir anderen helfen uns im

großen und ganzen selber. Kannst du dir die Zöpfe denn noch nicht

flechten? Dann helfe ich dir gern.«

Hanni holte kleinlaut Kamm und Bürste herbei. Mutti hatte schon manches

Mal gemeint, so ein großes Mädchen könne sich selber frisieren – aber

es war zu schrecklich unbequem.

»Ja, die Zöpfe sind mächtig dick, eine Arbeit ist es schon,« begütigte

Tante Ida, »aber wir lernen ja noch Schwereres, nicht, du?« – –

»Nun, hast du dich mit deinen Sachen schon ein bißchen eingerichtet?«

fragte sie dann, indem sie bei Hanni eintrat. Aber sie brauchte keine

Antwort – alles lag wie Kraut und Rüben durcheinander; einige Stücke

waren unten aus dem Koffer vorgezogen, anderes vorläufig auf Tische und

Stühle gepackt!

»Lisbeth muß nachher erst kommen und aufräumen.«

»Du, ich fände es viel netter, wir machten das gleich selbst, meinst

du nicht? Sieh, diese Schublade hatte ich immer für meine Wäsche, die

dort oben für die Kleinigkeiten. Im Schlafzimmer ist der Schrank für

die Kleider und die Borte für das Schuhzeug. – So, das sieht gleich

ganz anders aus. – Und nun finde ich, in der Stadt sind sie ja so

sehr fürs Turnen, und das ist sicher auch ausgezeichnet. Dafür gibt

es hier aber nicht so recht die Vorrichtungen. Trotzdem können wir

überreichlich genug Bewegung haben, und da macht es mir immer besondere

Freude, wenn auch gleich ein Nutzen dabei ist! Sieh, wir leben ja hier

soviel gemeinsam mit unseren guten Leuten, die sich selbstverständlich

ihre Gedanken machen über unser Treiben und sich nur in unserer Nähe

glücklich fühlen, wenn ihnen das verständlich ist. Sie müssen immer

arbeiten. – Daß unsere Arbeit vielfach anderer Art ist als die ihre,

begreifen sie durchaus. Aber reines Umherlaufen und Nichtstun würde

ihnen abstoßend erscheinen. Meinst du nicht, daß es für unsere Glieder

gut sein würde – für meine, damit sie geschmeidig bleiben und für

deine, damit sie Kraft bekommen –, wenn wir unsere Sachen gleich selbst

in Ordnung brächten? Hier habe ich niedliche, neue Bürsten, Besen und

Tücher. Ich werde dir zeigen, wie man alles macht, und ich glaube, es

bringt dir Spaß, dann ganz allein Herrscher in deinem kleinen Reiche zu

sein.«

Hanni rüstete sich mit großem Eifer wie zu einem Feldzug. Ja, Ordnung

liebte sie gewiß, hatte sie auch stets in ihrem Berliner Stübchen

gehabt. Aber leider mußte sie sich wohl gestehen, daß sie das Aufräumen

der gutmütigen Lisbeth überlassen hatte. – Es dauerte nicht lange, da

war alles wieder so schön wie gestern beim Eintritt.

»Und so halten wir es immer, nicht, du?« meinte Tante Ida, als sie noch

einen Blick der Befriedigung zurückwarf. »Und nun sind wir hungrig wie

die Löwen, nicht wahr, und wollen die Eltern nicht warten lassen.«

Wirklich, sie saßen schon beim Tee, und nun hatte Hanni soviel zu

berichten, zu fragen und zu schildern, daß zum Essen trotz allen

Hungers kaum Zeit blieb. Desto stiller wurde sie, als die Mutter den

Unterrichtsplan aufs Tapet brachte. Freilich meinte der Vater: »Ach,

das Mädel hat ja zeitlebens nichts weiter getrieben als Wissenschaft.

Gebt ihr nun doch erst mal Freiheit. Laßt sie von Ida lernen, was sie

von Haus und Garten wissen muß, damit sie auch solche Goldschwester

wird wie die und nicht solche langweilige, gelbe Rübe wie die

studierten Staatsratstöchter.«

»Nein, Hans Günther, das wird sie sicher nicht. Aber für das alles

haben wir auch nebenher unsere Zeit, nicht wahr, Mäuschen? Das ist

unser Geheimnis. Im übrigen aber muß ich doch Else recht geben: einen

ordentlichen Schulsack muß sie erst haben. Den haben wir auch gehabt.

Weißt du noch, wie Vater darauf bestand, daß wir es mit der Schule

genau nahmen, trotzdem du nicht immer darüber begeistert warst?«

»Schwester, Schwester, berühre keine alten Wunden! Aber recht habt ihr

wohl. Mir ist bloß angst vor solcher gestrengen Gouvernante, die uns

dann jeden Spaß verdirbt.«

Tante Ida mußte sehr lachen. »~Mademoiselle vite, vite~, wie du sie

nanntest, steckt dir doch noch recht in den Gliedern! Aber ich glaube,

wir brauchen gar keine, eben weil wir alle unsere Sache ernst genommen

haben. Herr Pastor sprach neulich sehr erfreut davon, daß du an ihn

geschrieben. Er wird gern Hanni an Klärchens Stunden teilnehmen lassen,

und ich glaube, er ist recht auf der Höhe. Wenn sie nun jeden Morgen

mit dem Pony hinüberführe und nachmittags versuchten wir hier unser

Heil! Was meinst du, Else? Klavierstunden willst du ihr sicher geben?

Du spielst so schön.«

»Meint ihr, daß es noch reicht? Ach ja, ich denke, es soll gehen. Und

Handarbeit mußt du ihr zeigen, Ida; darin bist du Künstlerin!«

»Gewiß, zu gern!«

»Und Literatur wollten wir doch miteinander treiben, Tante Ida – bitte!«

»Sicher, Kind. Mit Begeisterung unsere Dichter zusammen studieren, das

wird herrlich sein! Aber mit den Aufsätzen gebe ich mich nicht ab! Da

haben die Herren Schulmänner allerhand Grundsätze, die ich gar nicht

teilen kann. Das kann Herr Pastor besorgen.«

»Himmel, wird das eine Gelehrsamkeit,« seufzte der Major; »ich muß dann

wohl zufrieden sein, wenn ich am Sonntag noch einen Zipfel von euch

erwische?«

»O nein, Vater, zum Spazierengehen oder besser -fahren ist immer noch

Zeit. Du wirst sehen, es wird herrlich! – Sag mal, Tante Ida, ist die

Klara – oder wie sagtest du? – nett?«

»Ein allerliebstes Mädchen. Ihr werdet euch sicher anfreunden!«

»Ja, dann müßten wir dieser Tage einmal hinüberfahren, Pastors zu

begrüßen, bevor wir sie Sonntag in der Kirche sehen. Und am Sonnabend

fahren wir zu meinem alten Freunde Rantzau nach Buchdorf, und sehen,

wie es dort geht. – Damit wären denn wohl die äußeren Angelegenheiten

in Ordnung. Jetzt halte ich das Stillsitzen nicht länger aus. Auf

Wiedersehen zu Mittag!«

Man sah ihm an, mit wie innerlichster Befriedigung er sich an die

Arbeit begab, die ihm von Kind auf die allerliebste gewesen war. Und

auch Frau Gerloff ließ sich von ihrer Schwägerin herumführen. Sie war

in der Stadt geboren und erzogen und wußte gut, daß es viel zu lernen

gab, bevor sie sich in diesen großen, musterhaft geordneten Haushalt

hineinfinden würde. Mehr als einmal sagte sie mit Herzlichkeit: »Ein

Glück, Ida, daß dein Altenteil nicht weit ab ist und daß du die Ruhe

noch nicht absolut brauchst! Einstweilen wirst du noch sehr oft raten

müssen und sagen, wie alles sein soll!«

»Das tue ich auch herzlich gern. Aber du wirst sehen, Mamsell ist eine

tüchtige Person, von der du viel Hilfe haben kannst. Und die Mädchen

sind auch recht ordentlich.«

»Ja, und du versprichst mir, dein Auge über allem zu behalten und mir

ehrlich zu sagen, wo etwas fehlt. Dann wird es schon gehen.«

Die beiden schüttelten sich herzlich die Hände. Es ist auch nie ein

Schatten auf ihre gemeinsame Arbeit gefallen.

[Illustration]

[Illustration]

6. Kapitel.

Hundstage.

Die geplanten Besuche und die Regelung des Unterrichts waren nach

Wunsch verlaufen, und bald war das Leben in so festem Geleise, daß

die wenigen Wochen bis zu den Ferien im Fluge dahingingen und bevor

man’s gedacht, der Tag vor der Tür stand, der die ersehnten Gäste

herbeiführen sollte.

Das gab eine Geschäftigkeit für Tante Ida und ihren Adjutanten,

wie der Major Hanni nannte. Die Versorgung der Gastzimmer hatte

die Tante einstweilen sich selbst und ihrem alten Stubenmädchen

vorbehalten, und nun war es von größtem Interesse für Hanni, alle zur

Verfügung stehenden Zimmer zu prüfen, und zu beraten, welche für die

lieben Freunde die schönsten sein würden. Ihr Sinn stand nach einem

Erkerzimmer mit einer Kammer daneben; aber »das muß für die beiden

Oberinnen freibleiben,« sagte Tante Ida. »Es sind alte, würdige

Cousinen von uns, die jeden Sommer einige Wochen zu Besuch kommen.«

»Dann nehmen wir den Sommersaal, nicht?«

»Nein, Hanni, ich glaube nicht; da ist kein Nebenraum, und es ist gar

nichts für die liebe Platen, die Trabanten immer alle um sich zu haben.

Ich meine, wir machen für Käte unser kleines Vorzimmer zurecht, dann

hast du sie dicht bei dir.«

»O Tante Ida, wenn das ginge, das wäre das allerschönste!«

»Ja, und deine Tante könnte Nr. 6 bekommen und die drei Jungen in der

Kammer daneben schlafen.«

»Gewiß, Tante Ida; aber darf ich mal eins sagen? Dürfte nicht Ernst

die Kammer ganz für sich allein haben, und für die Zwillinge machten

wir eine kleine Ecke im Zimmer der Mutter zurecht? Du sollst Ernst

bloß kennen lernen. Den möchte ich zu gern mal ordentlich anwärmen.

Der arme, kleine, magere Wicht kommt mir oft vor wie ein kümmerliches

Bäumchen, dessen Wurzeln keinen rechten Platz haben. Ich möchte ihn

schön in die Sonne pflanzen, um ihn graben und ihn tüchtig begießen. Du

solltest sehen, wie er die Zweige recken würde!«

»Und du meinst, diese Kammer wäre ein so besonders lockerer Boden für

ihn?« neckte die Tante.

»Böse Tante Ida,« wehrte die Kleine ab, indem sie sie tüchtig drückte

und küßte. »Ich meine, wenn er irgend einen kleinen Besitz für sich

allein hat, wenn er sieht, daß man ihm Freude machen will und niemand

ihn stört, das müßte ihm so gut tun!«

»Ganz sicher, mein Mäuschen, und du kannst ihm seinen kleinen Zwinger

so schön machen wie du willst. Wenn du Hilfe brauchst, so bitte nur

meine Luise.«

Mit Feuereifer begab sich Hanni an die Arbeit. Der Hausboden war ein

wunderbares Feld für ihre Forschungen. Hoch getürmt standen dort

alte Kinderbettchen, Spinnräder, seltsame Geräte, von deren Gebrauch

sie sich gar keinen Begriff machen konnte. Besonders verheißungsvoll

erschien ihr eine schwere Kiste, die abseits stand – und wirklich,

als mit Mühe der Deckel gehoben war, konnten die Augen gar nicht

gleich alles fassen, was sich ihnen bot. Die seltsamsten, ganz alten

Spielsachen kamen zum Vorschein. Sorgfältig eingewickelte, übergroße

Puppen in verblichenen seidenen Kleidchen, allerliebstes Kochgeschirr,

kleine Waffen und Handwerksgeräte für Jungen. Sie war überglücklich

über ihren Fund und lief zur Tante, um zu fragen, ob sie von den Sachen

aus der Kiste welche herunterholen dürfe.

Diese wollte selber mitkommen, um nachzusehen, wies dann aber ganz

erschrocken auf ihren Adjutanten: »Kind, wie siehst du wieder aus!

Ist es nun recht, sich in einer Viertelstunde von oben bis unten

einzuschmutzen – bloß aus Unachtsamkeit? Kannst du denn nicht an die

Überschürze denken?«

Kleinlaut holte Hanni die immer wieder vergessene, – und dann ging’s

von neuem an die Arbeit. Tante Ida fand ganz gerührt allerhand Sachen

aus ihrer eigenen Kinderzeit wieder, und mit Mariekens Hilfe wurde

alles, was man für die kleinen Gäste brauchbar fand, gesäubert und

einigermaßen hergerichtet, und bald war Ernsts Reich ein wahres kleines

Jungenparadies. Für die Zwillinge und Käte wurde auch gesorgt, und

Hanni konnte kaum ihre Ungeduld bändigen, bis sie ihnen alles würde

zeigen können.

Endlich fuhr der Wagen vor, und mit großem Getümmel krabbelte die ganze

»Kinderei«, wie Tante Ida sie nannte, aus der Kutsche hervor. Gab das

ein Begrüßen und Küssen, ein Staunen und Fragen! Alles, alles war ja

neu – eine ganze Welt von Wundern und Entzückungen, deren Pforten wie

mit einem Zauberschlage weit aufsprangen, so daß die Augen geblendet

waren von der Lichtfülle.

Hannis Heimkehr · 第 2 / 13 段