Anmerkungen zur Transkription
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Buches.
Hannis Heimkehr
Klänge
aus goldenen Jugendtagen
Meinen Kindern erzählt von
Anna Schaeder geb. Sellschopp-Kiel
Mit Illustrationen von _T. Buschberg_
[Illustration]
Hamburg
Agentur des Rauhen Hauses
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen,
vorbehalten.
~Copyright 1914 by Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg.~
1914
Druckerei des Rauhen Hauses
Inhalt
Seite
1. Verschiedene Meinungen 7
2. Abschied 13
3. Auf dem Lande 30
4. Der Einzug 39
5. Neue Freunde überall 49
6. Hundstage 57
7. Wer nie sein Brot mit Tränen aß 77
8. Im Wald und auf der Heide 80
9. Das Wetter muß weggetanzt werden 91
10. Dunkle Wolken 101
11. Die Schatten des Todes 106
12. Weil ich Jesu Schäflein bin 113
13. Advent und Weihnachtszeit 121
14. Bittere Enttäuschung 136
15. Konfirmation 151
16. Über den hohen Bergen 158
17. Jeder für jeden 166
18. Allerhand Bekanntschaften und Tante Luciens Nöte 171
19. Immer höher hinan 184
20. Im Regen und Sonnenschein wachsen die blauen
Blümelein 195
21. Der Ludwigstag und seine Folgen 205
22. Am Kreuzweg 212
23. Stille Zeiten 217
24. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken 226
25. Wie Käte doch recht behielt 237
[Illustration]
[Illustration]
1. Kapitel.
Verschiedene Meinungen.
»Aufs Land, Hanni? Weit weg von uns allen – von allem, was schön ist
und groß! Kein Kränzchen mehr, kein Tiergarten, kein Theater! All unser
Spaß in der Literaturstunde vorbei! – Kannst die kleinen Gänse und
Ferkel pflegen und bist in drei Jahren selbst ein Gänschen vom Lande! –
Das finde ich greulich von deinem Papa; er sollte auch an deine Zukunft
denken!«
»Ja, Vater sagte, gerade für mich freute es ihn. – Aber außerdem ist
auch gar nichts daran zu ändern. Tante Ida mag schon längst nicht mehr
wirtschaften und bat Vater oft, das Gut zu übernehmen. Bisher konnte
er sich nicht entschließen, den Dienst zu verlassen, jetzt aber hat
er allerhand Gründe, die ihm den Abschied erleichtern, und da nun
der alte Inspektor in Schönfelde ernstlich erkrankt ist, so soll die
Übersiedlung nächstens vor sich gehen. – Ja, euch alle zu verlassen,
ist wohl schade, aber Mutti meint, dort gibt es soviel zu tun, daß es
zur Langeweile gar nicht kommen wird.«
»Na, das sind so Tröstungen – denk an mich, du armes Tierchen; und wenn
dir in den langen, dunklen Winterabenden die Zunge festfriert, dann
flüchte dich zu uns – wir werden dich schon wieder zum Menschen machen
mit unseren tausend Abwechslungen.«
Sie wurden unterbrochen durch Hannis Mutter. »Guten Tag, kleine Ilse;
Mademoiselle Senn ist draußen, um dich abzuholen. Da müßt ihr euch für
heute schon trennen. Aber nicht wahr, du kommst im Herbst mit deiner
Mama, dich nach uns umzusehen?«
Ilse war noch keineswegs bereit. »Die langweilige Person ist immer da,
wenn man sie nicht wünscht! Liebe Frau Major, sie darf doch noch ein
wenig warten?«
»Nein, liebes Kind, sie ist deine Erzieherin, und du mußt kommen, wenn
sie ruft. – Und dann versprich mir eins: sei zuvorkommend gegen das
gute Mädchen. Du machst ihr das Leben zu schwer, und sie trägt es so
still und vornehm!«
»Vornehm?« meinte Ilse sehr gedehnt; »eine Gouvernante? – Es ist
überhaupt eine Plage, sie zu haben. Mit vierzehn Jahren kann man doch
unmöglich so einer noch gehorchen!«
»Liebes Kind, sie kann doch nicht dafür, daß sie deine Erzieherin
ist, sondern deine Mutter hat sie dazu gemacht. Deren Wille ist es
doch, gegen den du dich auflehnst mit deinem schroffen Wesen! Und das
junge Mädchen scheint mir so vertrauenswürdig und lieb. Als sie mich
neulich nach Hause begleitete, erzählte sie mir auf meine Frage von
ihrer Heimat. Es kam kein Wort der Klage über ihre Lippen; aber daran,
wie die Gestalt sich aufrichtete und das Gesicht strahlte, als sie
von ihren Lieben sprach, merkte ich, unter welchem Druck sie sich
in der Fremde fühlt, und wie nur der Gedanke an ihre Mutter und die
kleinen Geschwister, denen sie ein wenig helfen möchte, sie hoch hält.
Denk doch, wie würde es dir sein, mitten aus allem, was dir lieb ist,
herausgerissen zu werden und allein und unbekannt dein Brot verdienen
zu müssen!«
»Mir? Aber das ist doch ausgeschlossen!«
»Woher? Sie hat es vor einem Jahre auch nicht gedacht, als ihr Vater
mitten in seinem großen Wirkungskreise stand und alle möglichen Gäste
in dem angeregten Hause kamen und gingen. Dann ist er ganz plötzlich
gestorben. Die Mittel, die der Witwe bleiben, braucht sie nötig zur
Ausbildung der fünf Brüder. Da mußte das junge Mädchen den ersten Weg
einschlagen, der sich ihr bot. Aber sie hat es sich nicht so schwer
gedacht, wie sie es jetzt findet, ohne den Rückhalt des Elternhauses
zu sein! Man sollte doch mehr daran denken, denen, die in der Fremde
leben, eine Heimat zu bereiten!«
Ilse sah sehr erschrocken aus. Ihr war nie der Gedanke gekommen, daß
eine Mademoiselle auch Eltern, Heimweh, ein Herz habe. Sie hatte
sie nur als eine Last empfunden, der sie sich möglichst viel durch
stachliches Wesen zu entziehen strebte. Mama hatte auch nichts weiter
mit ihr besprochen, als »was ihre Obliegenheiten wären«. – Bei Gerloffs
sah man alles so ganz anders an. Und gerade die sollten nun fort. –
Eiligst raffte sie Handschuhe und Sonnenschirm zusammen und wollte
Mademoiselle aus dem Vorzimmer befreien. Aber diese war längst durch
Hanni in Anspruch genommen, die in ihrer natürlichen Herzlichkeit es
als unpassend empfunden hatte, das junge Mädchen draußen warten zu
lassen. Sie hatte die Französin in ihr Stübchen geführt und zeigte ihr
Bilder von dem großelterlichen Gut, das nun bald ihre Heimat werden
sollte.
Als Ilse mit ihrer Gouvernante eben den Vorsaal verlassen hatte, wurde
so heftig an der Klingel gerissen, daß Mutter und Tochter erschrocken
auffuhren, und schon im nächsten Moment meldete der Bursche: »Das
kleine Fräulein von Platen.«
Aber schon hatte sich an dem ungelenken jungen Menschen ein blonder
Krauskopf vorbeigedrängt.
»Hanni, ist es wahr? – Ihr geht wirklich fort von hier? Auf immer? Du,
die einzige im Kränzchen, die noch nicht affig geworden? Das halt ich
nicht aus! – Dann will ich auch von dem ganzen ollen Berlin nichts mehr
wissen! O, das überlebe ich nicht!«
Stürmisch fiel sie der heißgeliebten Freundin um den Hals und erstickte
sie fast mit Küssen und Tränen.
»Guten Tag, meine liebe kleine Käte! Nun, ist das Unglück denn
wirklich so furchtbar? Es ist ja doch keine Trennung auf ewig! Und
freust du dich denn nicht mit Hanni auf den großen Garten, den See
mit dem Ruderboot, die Stachelbeeren, den Pony? – Denk, was das für
Hundstagsferien gibt, wenn ihr uns dort besucht!« –
»Ach, liebste Tante Else, daß es aufs Land geht, ist ja himmlisch. Aber
wie lang wird das Jahr sein ohne Hanni! Und die Ferien sind immer so
rasch herum! – Ach, und unser Kränzchen soll dann lieber auffliegen!«
»Meinst du das wirklich? Sieh, Herta Kähler ist doch nicht ›affig‹?«
»Nein, aber reichlich görig ist sie!«
»Ja, sie ist aber auch jünger als ihr!«
»Und Lena läßt sich völlig von Ilse ins Schlepptau nehmen! Letzthin kam
sie auch schon mit langen Handschuhen an und erzählte, ihre Tante wolle
ihr einen Sonnenschirm schenken.«
»Käte, sei da auch nicht zu ungeduldig. Sieh, Ilses große Fehler sehe
ich ganz gewiß, und sie betrüben mich. Aber im tiefsten Herzen ist sie
ein ›guter Kerl‹! Und glaubst du, daß sie sich sehr wohl fühlt bei
ihren Torheiten? Manche entspringen sicher nur aus Langerweile. Du
weißt ja, ihre Mutter muß sie viel allein lassen.«
»Muß?« fuhr Käte auf. »Tante Else, würdest du dir so ein ›Muß‹
vorschreiben lassen, wenn es sich um dein einziges Kind handelt?«
Frau Gerloff lachte laut auf.
»Käte, was hast du wieder gelesen? Du redest wie ein Buch! – Du siehst
ja, ich lasse mich nicht von meinem einzigen Kinde losreißen; aber
deshalb maße ich mir doch noch kein Recht an, Frau von Herders Leben
zu verurteilen. Sieh, Vorstandsdamen muß es auch geben, und manche von
ihren Geselligkeiten sind wirkliche Pflichten. Dazu ist sie von Kind
auf in so völlig anderen Gedanken erzogen, als deine liebe Mutter und
ich, daß notwendig ihr Leben anders verlaufen muß als unseres! Sowohl
sie als auch Ilse tun mir oft leid. Desto mehr wünsche ich Ilse eine
treue, feste Freundin, die ihr zuweilen die Augen öffnet. Meinst du,
man hat Freundschaft nur, um zu genießen? Sicher nicht! – Aber du bist
mein liebes Kind,« fügte sie hinzu, indem sie eine Träne wegküßte, die
sich von neuem hervorstahl. »Du verstehst mich schon! Und wenn ihr dann
zu den Ferien kommt, haben wir uns so – soviel zu erzählen!« –
Auch Käte ging stiller und nachdenklicher, als sie gekommen war, die
Treppe von der schönen, freundlichen Gerloffschen Wohnung wieder
hinunter. Ach, daß all die frohen Stunden, die sie dort verlebt, nun
auf immer vorbei sein sollten!
[Illustration]
[Illustration]
2. Kapitel.
Abschied.
Es kamen unruhige Tage. Ganz gegen ihre Gewohnheit mußte Frau Gerloff
viel unterwegs sein, und Hanni machte alle Stadien der Ungemütlichkeit
und daneben all die kleinen interessanten Wichtigkeiten durch, die
einem solchen Ereignis vorangehen. Auch für sie gab es Trennungsstunden
der verschiedensten Art. Jede der Freundinnen wollte sie gern noch
einmal bei sich haben.
Bei Admiral Kählers, Hertas Eltern, gab es ein vergnügtes
Abschiedsfest. In dem weiten, hellen Kinderzimmer war eine lange Tafel
mit Schokolade und Kuchen hergerichtet. Herta und Lilli hatten selbst
Blumen aus dem hübschen Garten holen und alles festlich schmücken
dürfen. Auf Hannis Platz lag sogar ein Rosenstrauß, den die süße
kleine Lore eiligst herunterzog, um ihn mit großem Eifer selbst zu
überreichen, wobei sie begeistert rief: »Da Bümi soll Hanni haben! –
Da!«
Daß sie dabei ein bißchen an die Tasse stieß und einen kleinen braunen
See über die Tischdecke und ihr reines Kleidchen ergoß, wurde nicht
sehr tragisch genommen. Sie war ja erst 1½ Jahre alt – und solche
Zwischenfälle waren auch zu häufig, um viel Aufsehen zu erregen. Nur
Lena Wallis zog entsetzt ihr seidenes Kleidchen in die Höhe und rief:
»Git, du kleiner Schmierfink, bleib mir vom Leibe! Was würde Tante
Sophie sagen, wenn du mein neues Kleid beschmutztest!«
Da konnte sich wieder Käte von Platen nicht halten: »Das wäre dir
ganz recht! Warum bist du so albern, dir zum Spiel ein seidenes Kleid
anzuziehen.«
»Bitte, du bist nur neidisch, weil du so was nicht hast,« versetzte
Lena schnippisch.
Da zog aber Hanni ihre geliebte Käte rasch zurück und flüsterte ihr
zu: »Du hast doch Mutti versprochen, nicht so heftig zu sein – und nun
gar hier, wo Kählers alles so reizend gemacht haben. Wie würde es sie
betrüben, wenn ihr euch zanktet!«
Kätes Zorn war auch bereits verraucht. Sie murmelte nur noch leise:
»Ach ja, laß die alberne Puppe,« – und mit einem schnellen Griff
hob sie die kleine Lore auf ihren Rücken und sprang unter lautem
Jauchzen der Kleinen mit ihr als Huckepack um den Tisch. »Hoppe,
hoppe, Seiter!« rief die Kleine immer von neuem, indem sie ihre
goldigen Locken schüttelte, und wollte nur unter der Bedingung endlich
absteigen, daß Fräulein Lottchen ihr erlaubte, »danz dicht bei
Pferdchen zu sitzen«, worüber Käte sehr beglückt war.
Nach der feierlichen »Kuchenschlacht«, wie der freundliche Admiral,
der hereinkam, um die Truppen zu inspizieren, die Sitzung nannte,
kommandierte er mit rauher Donnerstimme, die gar nicht zu seinen
freundlich lachenden Augen paßte: »Nun alle Mann an Bord und das Deck
klar gemacht!«
Alles rieb und putzte die Händchen und Mäulchen, und sogar die kleine
Lore bemühte sich nach Kräften und reckte gegen Käte die gespitzten
Lippen in die Höhe: »Is säuberlich?« – »Fein!« bestätigte diese
entzückt, und belohnte sie mit einem kräftigen Kuß, wonach die Kleine
zu ihrem größten Pläsier von neuem mit Reiben begann, indem sie murrte:
»Böse Käte, nich wieder einmutzen.«
Aber schon erscholl neues Kommando: »Nun die Anker hoch und vorwärts in
See!« Alles erhob sich stürmisch, und mit großem Gepolter ging es über
die Veranda in den Garten.
»Na, wenn ihr in unserer Wohnung wäret,« sagte Käte, »Frau Dommbersky
schickte aber sofort herauf um Ruhe!«
»Ja, Vater sagt, wenn wir zur Miete wohnten, so knüpfte uns die Wirtin
am ersten Abend alle in der Reihe am Treppengeländer auf!« meinte der
kleine, dicke Rolf treuherzig. – »Das möchte ich nicht!«
Käte schüttelte sich vor Lachen: »Nein, das wäre auch greulich!« Aber
mit leisem Seufzen dachte sie dann an ihren »unleidlichen« kleinen
Bruder Ernst, der so viele trübe Stunden wegen Lärm und Unruhe hatte. –
Könnte er so ungehindert spielen, dann wäre sein Leben auch anders!
Für Betrachtungen blieb aber keine Zeit. Unten hatte bereits eins der
kleinen Mädchen die Augen verbunden. Es wurde blinde Kuh, Eins, zwei,
drei und all die schönen Spiele gespielt. Herr und Frau Admiral saßen
vergnügt in der Laube, halfen hier und dort und lachten selber am
herzlichsten über jeden lustigen Spaß. Aber als dem kleinen Karl etwas
nicht recht war und er den Spielverderber machte, faßte sein Vater
ihn mit einem schnellen Griff am Kragen, und ehe er sich’s versah,
steckte er in dem niedrigen Verließ, in dem Harken und Spaten verwahrt
wurden. Käte meinte, er würde ein schreckliches Geschrei erheben, wie
Ernst es so gern tat, aber alles blieb still. Er wußte genau, daß dann
das Stöckchen gekommen wäre und die Sache noch viel schlimmer gemacht
hätte. Erst am späten Nachmittag wurde er wieder sichtbar und verhielt
sich sehr bescheiden im Hintergrund.
Der Höhepunkt des schönen Abends kam, als die kleine Gesellschaft ihre
Erdbeeren mit Schlagsahne verzehrt hatte und eben meinte, Abschied
nehmen zu müssen. Die breiten Glastüren wurden geöffnet, und da
blitzten ihnen von draußen ungezählte kleine Flämmchen entgegen, die
wie Glühwürmchen im Grase saßen, wie eine leuchtende Schnur die kleinen
Beete einfaßten, an der Laube in die Höhe kletterten und das Häuschen
auf dem Tannenhügel zauberisch beleuchteten. Mit einem entzückten
»Ah!« wollten die Kinder hinausstürmen. Aber: »Alles in Ruhe!«
kommandierte wieder die Donnerstimme des Hausherrn. »Einzeln angetreten
– an die Gewehre!« Damit übergab er jedem kleinen Gast ein rotes
Papierlämpchen, und mit dem eintönigen Singsang: »Laterne – Laterne!«
zog man durch die beleuchteten Gartenwege.
»Aber dies Lied ist doch für heute, für ein Abschiedsfest, viel zu
profan! Willi, du als Fähnrich mußt doch wissen, was sich gehört.
Hole mal dein Waldhorn!« Das war nun dem schneidigen, jungen Fähnrich
eigentlich gegen den Strich – vor den »dummen Mädels« seine geliebte
Kunst zu profanieren. Aber er wußte, vor Vater gab es kein Fackeln.
Bald stand er in dem Hüttchen und schickte die weichen Horntöne in den
stillen Abend hinaus. Ein Lied folgte dem anderen, und als zum Schluß
die herzige Melodie von »Morgen muß ich fort von hier« erklang, stahl
sich hier und da ein Tränchen über die rosigen Backen. Sie alle fühlten
zum erstenmal, was Abschiednehmen heißt. Aber »Soldatenkinder dürfen
nicht heulen!« schluchzte Käte, und küßte hastig zum Abschied die Hand
der freundlichen Wirtin, der sie und Hanni eben hatten danken wollen
für den herrlichen Tag. Vor Weinen konnte sie kein Wort herausbringen,
und als der Admiral und Willi nun auch herbeikamen und feierlich
Lebewohl sagen wollten, waren die beiden, um ihre Tränen nicht zu
zeigen, längst über alle Berge.
Die Gesellschaft ging still auseinander. – Scheiden tut weh!
Als Lena Bunsen ihrer Mutter am nächsten Morgen von den Erlebnissen bei
Kählers erzählte und hinzufügte, zu Herders sollten sie in der nächsten
Woche auch einmal kommen, da gab es ein großes Hin- und Herreden.
»Ja, wenn sie alle ›etwas‹ geben, darfst du auf keinen Fall
zurückstehen. – Wie würde das aussehen!«
»Ja, Mama, dann muß es aber auch ebenso großartig sein, wie bei
Kählers, sonst lieber gar nicht!«
»Das ist aber sehr schwierig für uns. Kählers haben eine Villa. Unsere
Räume sind doch nicht groß genug für so viel Bewegung.«
»Ich meine, da räumten wir etwas aus – das hört man doch öfter, wenn es
sich um Gesellschaften handelt.«
Die Mutter sah kleinlaut aus. Was würde das für einen Umstand geben.
Aber nun ließ Lena nicht nach. »Erst müssen wir mal die Einladungen
schreiben!«
»Haben denn Kählers schriftliche Einladungen geschickt?«
»Nein. Weißt du nicht, der Bursche kam doch und bestellte es.«
»Aber einen Burschen haben wir ja nicht.« –
»Das ist eigentlich schlimm! Regierungsrats oben schickten voriges Jahr
zum Ball einen Lohndiener mit Karten herum. Ich habe sie gesehen; er
zeigte sie der Hulda auf der Treppe!«
»Ja, ein Ball ist dies ja nun nicht! Aber Karten könnten wir am Ende
mit der Post schicken!«
»Ich will gleich welche besorgen; vorgedruckte, mit ›beehren sich‹, so
ist es schick!«
Sie machte sich zum Ausgehen fertig, was eine ziemliche Zeit
erforderte, denn »mit der alten Fahne kann man unmöglich auf die
Straße«, meinte sie! »Bitte, Mama, noch Geld für die Karten. Unter 1.50
Mark wird es kaum gehen.«
Mit leisem Seufzen erhob sich die Mama von ihrem bequemen Sitz am
Kaffeetisch. Sie ließ sich so ungern von ihrer Morgenzeitung aufstören;
»aber was tut man nicht für das Kind!« sagte sie in solchen Fällen.
Ob sie ihm gut tat oder nicht, darüber machte sie sich weiter keine
Gedanken.
Die Karten waren mit viel Umständlichkeit geschrieben und alle mit »ja«
beantwortet; und schon am Morgen des großen Tages prallte Lenas Vater
erschrocken zurück, als er das Eßzimmer betrat. Noch nichts war in
Ordnung, und das Mädchen trug gerade eilig die Tassen in sein Zimmer.
»Was soll denn das bedeuten?« fragte er unwirsch.
»Ja, heute wird ja alles umgeräumt wegen der Kaffeegesellschaft!«
Wohlweislich war dem Hausherrn noch der große Plan verschwiegen, weil
er es durchaus nicht liebte, in seiner gewohnten Ordnung gestört zu
werden. Aber wenn erst alles eingefädelt wäre, würde er sich schon in
sein Schicksal finden. Was blieb ihm auch übrig?
»Ach, lieber Mann, wir dachten, am Freitagnachmittag gehst du doch in
deinen Klub. Da hat Lenchen für heute ihre Freundinnen eingeladen, weil
die eine von hier fortkommt. – Aufs Land, das arme Ding! – Wir hätten
ja gern die Umstände gespart, aber die anderen tun es alle – da war es
nicht gut zu vermeiden!«
»Charlotte, du mit deinen ›anderen‹, die alles tun. Wenn die anderen
alle anfingen, auf dem Seil zu tanzen, würdest du von mir das gleiche
verlangen! Ich verspreche dir aber, es nicht zu tun!« schalt der
erzürnte Gatte.
Seiltanzen verlangte sie ja auch einstweilen nicht, sondern war
zufrieden, daß die ungemütliche Kaffeesitzung bald ein Ende fand und
die umfassenden Vorbereitungen beginnen konnten.
Am Mittag kam der Hausherr sehr naß geregnet heim. »Ist das ein
Hundewetter! Ach, und heute ist ja wohl eure Festvorstellung, und ich
soll in den Klub! Wieder in das Hundewetter raus? Fällt mir nicht im
Traume ein! Ich bleibe in meinem Zimmer, und die Gören verhalten sich
hübsch ruhig, damit ich nicht gestört werde!«
»Gören?« wiederholte Lena sehr pikiert. – Aber die Mutter versetzte ihr
einen kleinen Stoß, den Verstimmten nicht noch mehr zu reizen, denn das
Schlimmste stand ihm noch bevor. – Als er sich seiner nassen Sachen
entledigt hatte und in seinem Zimmer Ruhe suchte, fand er dort Zustände
vor, die ihm die Haare zu Berge trieben. »Seid ihr denn ganz verdreht!
Ist hier Jahrmarkt?«
Von seinem Schreibtisch waren Bücher und Akten weggeräumt, und in
buntem Durcheinander lagen dort ungezählte kleine »Nichtse«, bunte
Sächelchen, die man einmal neugierig besieht, um sie dann völlig ohne
Interesse beiseite zu legen.
»Wir machen eine kleine Lotterie, Väterchen. Etwas Amüsement müssen sie
doch haben. Bei Kählers haben sie im Garten gespielt – aber der fehlt
uns ja leider!«
»Und was ist hier los?«
»Ja, das geht nun wirklich nicht anders, wir mußten heute schon einmal
auf deinem Sofatisch decken. Sieh, die eine Tochter hast du doch auch
noch nur!«
»Ja, Gott sei Dank! Wenn diese heillose Wirtschaft sechsmal im Jahre
sein sollte, ginge ich lieber auf und davon!«
Übrigens blieb ihm auch heute nach der schnell und stumm erledigten
Mahlzeit nichts anderes übrig, denn seine Damen erklärten, die
Flügeltüren, die seine Stube vom Eßzimmer und Salon trennten, dürften
auf keinen Fall geschlossen sein. Es sehe zu wenig herrschaftlich aus,
wenn man nur noch in ein einziges Zimmer hineinsehen könnte.
Mit dem grollenden Ausruf: »Wenn bei euch nur alles ›aussieht‹, dann
seid ihr zufrieden. Wie es ›ist‹, das bleibt Nebensache!« verließ er
die Wohnung. – Er tat ganz gut daran, denn viel Freude hatte an diesem
Nachmittag kein einziger von den Veranstaltungen, am allerwenigsten
Hulda, die schon ganz erschöpft war vom Hin- und Herspringen. Als aber
Lena ihr zum dritten Male mit großer Wichtigkeit Anweisungen gab, wie
sie die Tassen zu reichen und die Torten zu bringen hätte, und daß
sie um Himmels willen keine Schokolade verschütten möchte, da riß der
Geplagten ihr Geduldsfaden:
»Einen solchen Aufstand zu machen um solche dummen Dinger! Da mögen sie
sich alleine bedienen, wenn alle so klug sind; ich wenigstens tue es
nicht!«
Es bedurfte einer aufgeregten und langen Auseinandersetzung, um sie
überhaupt wieder in Gang zu bringen. Und zur Harmonie des Festes trug
auch dann noch ihr verweintes Gesicht nicht bei.
Als am Abend Hanni und Käte Arm in Arm heimgingen, seufzte letztere:
»Ach, Hanni, mir ist so bange, wie es nach deinem Fortgehen werden
wird. Von Lena hat man doch zu – zu wenig!«
»Käte, wir wollen jetzt nicht darüber sprechen. – Sieh, sie haben uns
doch heute eine Freude machen wollen!«
»Glaubst du das so sehr?«
»Ja, warum haben sie sich denn sonst alle die Mühe gemacht? Sie selbst
haben doch, glaube ich, nicht so arg viel Freude davon gehabt! Sie
sahen nicht so aus.«
»Nein, das glaube ich auch nicht!«
»Ja, für wen tun sie es dann eigentlich? – Manche Menschen verstehe ich
doch nicht.«
»Nein, ich auch nicht!« –
Am Sonntag nach dem Kindergottesdienst kam Ilse von Herder schnell auf
Hanni zu: »Du, heute nachmittag könnt ihr nun doch leider nicht bei
mir sein. Es ist mir zu leid. Aber es kommen hochgestellte Gäste von
außerhalb, da muß Mama ihre Gedanken ganz darauf richten. Und auch die
Leute haben keine Zeit für uns. Ein rechter Jammer! – Aber ade! ich muß
auch Lena und Herta noch erwischen. Bitte, sage du Käte Bescheid!«
Eigentlich waren die beiden Freundinnen über diesen Ausfall nicht so
sehr traurig. Es war ihnen immer reichlich steif und feierlich bei
Herders; sie mußten so sehr »manierlich« sein, was besonders Käte sehr
störend fand.
»Dann hast du nun doch noch einen Abend für mich frei, nicht wahr?«
meinte Käte entzückt. »Letzthin wollte deine Mutter nicht gern davon
hören, weil sie meinte, es würde zuviel Unruhe für dich.«
Frau Gerloff tat ihrem Liebling von Herzen gern den Gefallen, und auch
ihr selbst war es lieb, noch einen Abend mit der Cousine ihres Mannes
zusammen zu sein, von der sie sich so ungern trennte. Sie wußte, wie
schmerzlich die einsam lebende junge Witwe die Verwandten entbehren
würde, bei denen sie stets Trost und Anhalt gesucht in den dunkelsten
Stunden. – Als vor Jahren die zarte, fünfundzwanzigjährige Frau in
tiefstem Gram ganz versank – rings umher war Siegesfreude nach Sedan,
aber sie beweinte den, der ihres früh verwaisten Lebens Licht, der
Vater ihrer so kleinen Kinder gewesen –, da war Frau Gerloffs stets
gleiche, teilnehmende Liebe das einzige gewesen, was ihr noch Halt gab.
Erst ganz, ganz allmählich hatte sie eingesehen, daß es ihre Pflicht
sei, weiterzuleben für ihre Kinder; – und noch viel allmählicher war
ihr eine Ahnung aufgegangen von der Kraft, die in den Schwachen mächtig
ist. Aber zaghaft und schüchtern war ihr Sinn immer geblieben.
Ihre Käte war anderer Art. Sie hatte die krausen Haare und den geraden
Sinn ihres Vaters geerbt. Fest sah sie ins Leben. Wenn ihr jemand in
den Weg trat, ballte sie die kleinen Fäuste und wich nicht zur Seite.
Wo ihre zarte Mutter zögerte und schwankte, griff sie ohne weiteres zu;
und das Verhältnis hätte leicht verkehrt werden können, wenn sie nicht
ihr Mütterchen so glühend geliebt hätte – fast mit einem ritterlichen
Gefühl – gerade wie ihr Vater!
Leidige Zusammenstöße hatte sie oft mit ihrem Bruder Ernst, der die
sensible Natur der Mutter geerbt hatte und leicht gereizt und verstört
war. Empören konnte sie sich über sein ängstliches Zögern bei der
kleinsten Schwierigkeit. O, man konnte ja aus der Haut fahren bei so
viel Umständen und Nöten! Und dies Gefrage: »Was soll ich nun tun?«
»Wie soll ich dies anfangen?« – »Mensch, hilf dir selber!« herrschte
sie ihn oft rauh an. Und wenn sein wehklagendes: »Es geht nicht!«
erscholl, so fuhr sie ihm heftig an den Kragen und schüttelte ihn derb.
Dabei kam ihr niemals in den Sinn, wie schwer der kleine Pessimist an
sich selber zu tragen hatte, und welche Hilfe ein ermunterndes Wort,
eine bereitwillige Hand ihm gewesen wären. – Da waren die Zwillinge
doch andere Kerlchen; mit denen mochte sie spielen! Selig rannten sie
der großen Schwester entgegen, so oft sie ihren Schritt auf der Treppe
hörten, und es gab ein Jauchzen und Lärmen, daß Ernst sich jammernd
beklagte: »Dabei kann kein Mensch Rechenarbeit machen!«
Ein Sonnenstrahl fiel jedesmal in sein oft beschattetes Leben, wenn
Hanni Gerloff zum Besuch kam. Die neckte ihn nie und hatte immer ein
Auge für seine Angelegenheiten.
An dem bewußten Sonntagabend spielte sich gerade wieder ein kleiner
Streit zwischen Bruder und Schwester ab. Die Kinder standen auf dem
Flur, als die Gäste eintraten, und Hanni sah auf den ersten Blick
Ernsts nur notdürftig getrocknete Tränen. »Käte ist zu greulich!«
platzte er recht unritterlich heraus; »sie will nicht, daß ich Mutti
bitte, aufbleiben zu dürfen. Kleine Kinder gehörten ins Bett! – Und was
ich überhaupt wollte – ich störte euch beide nur!« – Neues Schluchzen.
»Nein, Erni, greulich ist Käte gewiß nicht, ich würde mich sonst doch
hüten, sie zu besuchen! Aber ich glaube, sie ist ein klein bißchen
dumm, daß sie meint, du würdest uns stören – das fällt dir doch nicht
ein? Und dann erst, wenn du erfährst, was in meiner Tasche steckt! –
Nein, nein, halt! Nach dem Tee! Jetzt wollen wir erst deine Mutter
tüchtig bitten, daß du aufbleiben darfst!«
Dazu gehörte nicht viel Überredung. Die kleine Frau sagte sehr viel
lieber »ja« als »nein« zu den Wünschen ihrer Kinder – und bald saß
alles behaglich beim Tee. Die beiden Mütter hatten sehr viel zu
besprechen, Großes und Kleines, und die jungen Mädchen zogen sich bald
in den traulichen Winkel zurück, der Kätes Besitztümer barg. Von Ernst
sah und hörte man nichts. Er war ganz versunken in die Herrlichkeiten
eines Briefmarkenalbums, das Hanni ihm vererbt hatte. Viel zu früh für
alle verging der gemütliche Abend, und als beim Abschied die Herzen gar
zu schwer werden wollten, sagte Frau Gerloff: »Käte, hole doch eben den
Kalender. Wo sind wir jetzt? Sieh, hier: 5. Juni! – Noch eins, zwei,
drei, vier Wochen! – Beginnen nicht da eure Ferien? Gut! Nun gehen wir
nicht eher weg, als bis Mutti uns fest verspricht, am 10. Juli, wenn
ihr aus der Schule kommt, schon alle Koffer gepackt zu haben und Max
und Moritz gestiefelt und gespornt. Und dann geht’s zum Bahnhof – und
abends seid ihr in Schönfelde – soll es so sein?«
Frau von Platen wollte Einwendungen machen, es sei zu bald, und mit
den vier Trabanten auch zu viel Unruhe. Im Grunde konnte sie das Glück
kaum fassen, aufs Land zu sollen, für Wochen aus allem Kleinkram und
Druck des täglichen Lebens heraus – mit ihren Kindern von Morgen bis
Abend in Gottes schöner Natur, was hier doch höchstens ein paarmal im
Jahre und auch dann nur unter großen Schwierigkeiten möglich war! Es
schien fast zu schön, um wahr zu sein. Aber nun geriet auch Hanni in
Feuer:
»Liebe, liebe Tante, du mußt es fest versprechen! Es wird zu schön,
hörst du? Max und Moritz bekommen einen Sandhaufen, so groß wie –«
»Wie ein Omnibus!« half Ernst aus.
»Ja, und du, Ernst, darfst den ganzen Tag reiten und fahren!«
»O ja, o ja!«
Gegen all diese Argumente war es unmöglich, länger standzuhalten, und
noch zur selben Stunde wurde der Plan für die »himmlische« Ferienreise
ganz festgesetzt.
»Mutti,« rief es am späten Abend aus Kätes Kammer, »bitte, setz dich
noch eine Minute auf mein Bett! Sag mal, wie ist das eigentlich mit
Hanni? Man merkt doch im Grunde, wenn sie da ist, gar nicht so arg viel
von ihr, nicht?«
»Nein, hören tut man meistens nur dich!«
»Mutti, wirklich? Ich will auch anders werden! – Aber, weißt du, es
liegt so etwas in der Luft bei Hanni! Wo sie ist, da ist es immer nett;
keiner mag eklig sein, wenn sie ihn so fragend ansieht. Und wenn sie
weggeht, fühlt man etwas, als wenn der Sonnenschein schwindet!«
Als die todmüde junge Frau sich endlich auch zur Ruhe legen wollte,
schreckte erregtes Rufen aus Ernsts Bett sie auf: »Er will nicht
stehen! – Halt, halt! – O weh, der Pony rennt mir weg!« Der Schweiß
perlte auf seiner Stirn. Mit weicher Hand strich sie die blonden Haare
zurück und knöpfte das Hemdchen über dem heftig klopfenden Herzen zu.
»Muß denn alles, auch die Freude, nur dazu dienen, unsere Unruhe zu
mehren?«
Als sie an dem breiten Gitterbettchen der Zwillinge vorbeikam, zog ein
heller Schein über ihr müdes Gesicht. Wie zwei rote Äpfel lagen die
süßen Köpfchen einander zugekehrt auf den runden, rosigen Ärmchen. Die
beiden schliefen in seligem Vergessen all dem noch unbekannten Glück
entgegen.
* * * * *
»Na, Lisbeth, ist die Petersilie verhagelt?« fragte am nächsten Morgen
der Major gutmütig, als das Stubenmädchen mit rotverweinten Augen den
Tee brachte. – Verstört stürzte sie aus dem Zimmer, um neue Tränen zu
verbergen.
»Ja, was hat denn die für Jammer?« wandte er sich nun an Hanni.
»Lisbeth sagt, sie könne auf keinen Fall mit aufs Land gehen, sie hätte
die ganze Nacht vor Angst kein Auge zugetan.«
»Was soll denn das bedeuten? Warum sagt sie das nicht gleich? Es hat
sie doch niemand gezwungen? Nun solche Quackelei im letzten Augenblick!
So recht Weiberart!«
»Nein, Vati, hieran hat allein Franz schuld. Er ist auch vom Lande und
hat ihr nun alles gesagt, wie es dort wäre: Ihre hübschen Lackschuhe
sollte sie ruhig hier lassen; sie müßte barfuß die Gänse hüten; auf dem
Bilde im ›Daheim‹ könne sie es ja sehen!«
»Sie, Gänse hüten? Ha, ha, ha! Sie ist ja selber ’ne Gans!« –
»Und jeden Morgen um vier würde geweckt. Dann müßte Lisbeth in den
Stall, die Kühe zu melken – zwölf nacheinander! Einige schlügen so mit
dem Schwanz, daß von ihrer Haarfrisur überhaupt nichts nachbliebe –
aber sie dürfe nicht mucksen, denn wer etwas von der Milch verschütte,
dem ginge es übel. Um sechs gebe es Frühstück! – Aber Kaffee oder gar
ihren geliebten Kakao kenne man dort nicht. Mehlsuppe mit faustdicken
Klütern – dabei rieb er sich ordentlich den Magen vor Wonne – und dazu
Schwarzbrot. Davon hätte er die weißen Zähne und brauchte nicht sein
Geld zum Zahnarzt tragen wie die zimperlichen Stadtpuppen! – Dann,
sagte er, ginge es ins Heu. Lisbeth müsse mit solcher großen Gabel oben
auf einem Fuder stehen, und wehe, wenn sie das Heu schief hinpackte.
Im Galopp würde heimgefahren, und wenn sie nicht ordentlich aufgepackt
hätte, flöge sie mitsamt ihrer Gabel herunter und spießte sich auf
oder würde von den Pferden zertreten! – Und wenn sie ihre rote Schürze
mitnähme, die sie so schön findet, dann ginge es ihr ganz elend: Auf
dem Hof käme der Puterhahn und kratzte ihr die Augen aus, und wenn
sie sich in den Stall flüchten wolle, so nähme der Stier sie auf die
Hörner, und dann sei es mit ihr aus!«
Der Major hielt sich die Seiten vor Lachen. »Aber das ist ja ein ganz
infamer Esel, ihr so was vorzulügen. Dem werde ich den Kopf waschen,
daß ihm das Flunkern vergeht!«
»Weißt du, Schatz,« meinte Frau Gerloff, »ich finde, wir mischen uns
gar nicht in diese Dummheiten. – Hanni, soviel Erinnerung hast du doch
noch an Schönfelde, daß du ihr erzählen kannst, wie es dort zugeht. Und
dann sag ihr, von Franz wäre es der reine Neid, daß er nicht mitkönne,
sondern noch zwei Jahre im bunten Rock stecken müsse! – Was würde ihre
gute Mutter sagen, wenn aus dem schönen Plan nichts würde, dem blassen
Stadtkind endlich rote Backen anzupflegen. Geh und setze ihr den Kopf
zurecht, und dann nehmt alle Gedanken zusammen, daß wir nichts Nötiges
versäumen!«
So zerstreuten sich auch diese Wolken, und mit steigender Erwartung sah
alles dem Tage der Übersiedlung entgegen.
[Illustration]
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3. Kapitel.
Auf dem Lande.
Kennt ihr das Leben auf einem schönen, alten, mecklenburgischen
Rittergut? –
Wenn ihr von Reisen lest oder von interessanten Begebenheiten, so sitzt
ihr wohl manchesmal nur halb auf dem Stuhl und schlagt hastig eine
Seite nach der anderen um. – Jetzt müßt ihr euch einen behaglichen,
stillen Winkel suchen, wo euch niemand stört – oder noch lieber eure
Hängematte unterm Nußbaum festbinden, wenn ihr so glücklich seid, einen
zu besitzen. Die Sonne flimmert durch die dicken, grünen Blätter, und
wenn ihr die Augen schließt, glaubt ihr das Gurren der Tauben auf dem
Dache zu hören – das ganz ferne Läuten der schwarzbunten Herde – das
Scharren und Gackern der Hühner, die ihr Futter suchen.
Auf dem Giebel des Herrenhauses holt die alte Uhr zu lautem Schlage
aus – viermal – aber einen Menschen seht ihr noch nicht! Die Leute
sind alle beim Heu. Ihr tretet in die nur angelehnte Haustür; eine
Klingel gibt es dort nicht, denn zu Fuß kommen selten Gäste und einen
Wagen, der vorfährt, wird das Hausmädchen schon bemerken. – Auch die
große, hohe Diele ist leer und still. Ernst sehen die Hirsch- und
Renntierköpfe von den Wänden mit ihren mächtigen Geweihen. Ein paar
prachtvolle Fischreiher und Falken sehen aus, als wollten sie zu euch
herunterfliegen mit ihren ausgebreiteten Schwingen. Aber zum Glück
sind sie nur ausgestopft! – Durch mehrere große, stille Zimmer führt
euch der Weg. Überall nicken Rankrosen und wilder Wein in die Fenster.
Auf einmal fahrt ihr erschrocken zurück: dort kommen euch eure eigenen
Doppelgänger in ganzer Länge entgegen! – Aber es war nur die Spiegeltür
gegenüber, die euch neckte und in der ihr nun auch den wundervollen,
alten Ofen mit dem kleinen Säulentempel oben drauf und die weißen und
goldenen Wände des Eßsaals erblickt. Schnell brecht ihr den Bann und
durcheilt die Tür – aber dieselbe Stille auf den langen, winkeligen
Korridoren und der breiten Eichentreppe, die frei nach oben führt zu
dem weiten Vorsaal, auf dem oft bei festlichen Anlässen mehr als 60
Personen tafelten. Aber nur im Sommer. Im Winter war er grausam kalt
mit seinen vielen hohen Fenstern.
Ja, ja, so war es einmal! Manches wohl unbequem und weitläufig – und
deshalb muß ich euch auch mit schwerem Herzen anvertrauen, daß die
jetzigen Besitzer das Haus nicht mehr zeitgemäß fanden, womit sie
wohl recht haben mögen. – Die alte Uhr ist abgelaufen, der schwere
Messingklopfer an der Haustür verstummt. Ein neues, schönes Schloß
reckt seine Giebel höher als früher das alte Haus. Zentralheizung und
elektrisches Licht sind sicher bequemer als die vielen Öfen und die
Petroleumlampen oder gar die Talglichter, mit denen wir noch in früher
Jugend zu Bett gehen mußten und die nicht schön rochen, wenn man ihnen
den Lebensfaden buchstäblich abschnitt. –
Ob aber das neue Geschlecht bei allem Komfort glücklicher ist, als die
alten waren, weiß ich nicht. Gäste traulicher aufnehmen und vor Unbill
gastlicher schützen – im Sommer wie im Winter – alle Jahre hindurch –
kann auch das neue, stattlichere Dach unmöglich! Viele Herzen schlagen
warm und dankbar, wenn sie an das alte, liebe Haus denken, und die
schönsten Stunden, die sie verlebt, werden in ihrer Erinnerung wach.
Gerloffs hatten seit Jahren wenig in der alten Heimat gelebt.
Es war ein zu furchtbarer Sommer gewesen, als die Diphtheritis im
ganzen Kirchspiel wütete. Keine von den Tagelöhnerfamilien war
verschont geblieben; – aus dem einen Hause hatten sie alle Kinder
fortgetragen auf den Gottesacker. Hart und stumpf waren manche von
den rauhen, stillen Leuten geworden. Der Doktor riet dem damaligen
Rittmeister zu eiliger Flucht nach Berlin. Aber davon wollte der gar
nichts wissen: »Die miteinander arbeiten, teilen auch die Gefahren
miteinander! Das ist so bei Gewitter und Feuer; das war so im Feldzuge,
wie sollte es jetzt anders sein, wo es gilt, für das Leben der Liebsten
zu kämpfen!«
Er wie seine Frau, die ebenso tapfer von Geist war wie zart von
Körper, suchten mit Hilfe des Arztes alles zu tun, was sich zur Pflege
der Kranken und zum Schutz der noch Gesunden erdenken ließ.
In solchen Zeiten braucht der »kleine Mann« einen Halt und Führer, er
verliert sonst den Kopf. So fest und ausdauernd die Leute bei ihrer
harten Arbeit sind, so verzagt und unberaten, ja töricht sind sie oft
bei Gefahr und Not. Da war seine leitende Hand ganz unentbehrlich.
Die Kinder im Herrenhause wurden streng abgeschlossen, und sie hatten
trübe Tage, wo sie die sonst so frohen Eltern wenig sahen.
Aber als dann doch der Tod an das bisher so ganz glückliche, immer
sonnige Herrenhaus anklopfte – als der herzige kleine Hans, der noch
nie krank gewesen, sich Tage und Nächte in den schrecklichsten Qualen
wand – da konnte der junge Vater nicht glauben, daß dies Wahrheit sei.
Wenn noch vor zwei Wochen der stramme, kleine Pony mit dem fünfjährigen
Bürschchen neben dem schönen Pferde des Vaters hertrabte, dann
hatte jeder Arbeiter auf dem Felde, an dem sie vorbeikamen, einen
Augenblick die Hände ruhen lassen und dem Paar nachgesehen. Über
die teilnahmlosesten Augen war ein heller Schein gehuscht, wenn sie
bemerkten, wie der Kleine – das Ebenbild des stattlichen Vaters – Zügel
und Peitsche genau so faßte wie der, und dabei so treu und ehrenfest
aus den blitzblauen Augen sah.
Das konnte doch nicht alles vorbei sein, zerstört werden? Unmöglich!
Der Rittmeister hielt es nicht mehr aus in den dumpfen Zimmern – der
Sommer war auch zu heiß! Ziellos schritt er über den Hof. Da kam ihm
ein junger Tagelöhner mit verstörtem Gesicht entgegen. Schon als
Jungen hatte er ihn gut leiden können; der zwei Jahre ältere hatte ihm
geschickt geholfen, Borkenschiffe und Weidenflöten zu schnitzen. –
Diesen Augenblick sah er aus wie ein alter Mann.
»Wat is, Hinrich?«
»Herr, mit Paul iss’t uk vörbi! – min Letzt,« fuhr es ihm mit rauher
Stimme heraus.
»Ne, Hinrich, – is’t möglich? – Gott bewohr dien arme Fru!«
»Gott?« – lachte der arme Mensch heiser auf, »wenn dei noch lewt – üm
uns kümmert hei sik nich mihr!«
»Still, Hinrich, du weißt nich, wat du sprickst!«
Rasch ging jeder seines Weges. – Viel Worte zu machen, liegt dem
richtigen Mecklenburger nicht, zumal wenn ihm das Wasser bis an die
Kehle geht.
Aber der Rittmeister reckte sich auf, als er merkte, daß er ebenso
gebeugt hinging wie sein Vorknecht. Nein, das durfte nicht sein! Gott
würde ja helfen.
Als dann der kleine, schwarze Sarg aus dem Herrenhaus herausgetragen
wurde, war es, als seien all die großen, hellen Räume eiskalt und
dunkel – mitten im Sommer. Alle Leute sahen völlig verstört aus, und
der Hausherr fühlte sich wie betäubt. Er wußte später nicht, wie
diese Tage herumgegangen. Das erste, was ihm in Erinnerung wieder
deutlich vor Augen stand, war, wie er neben Hinrich Kurt, dessen
Haare grau geworden, hinter einem Sarge herging. Die vergrämte junge
Tagelöhnerfrau war ihren vier Lieblingen gefolgt.
Es war nie Sitte gewesen, daß der Herr sich einem Leichenzuge in seinem
Dorfe anschloß. Er hatte es sich auch gar nicht weiter überlegt, –
es schien ihm so natürlich. Ihm selber war noch sein geliebtes Weib
geblieben – und doch auch seine süße, kleine Hanni, die eben so arglos
allein im Sande spielte. – Dieser arme Mensch hatte alles verloren.
Auf dem Wege hatten beide kein Wort gesprochen. Als sie aus dem
Kirchhofstor traten, sagte der Rittmeister: »Hinrich, dei Gang wir
surer, als dei Dag vör Gravelotte, as uns de Kugeln üm den Kopp susten!«
»Ja, Herr!«
»Öwer Gott hätt uns donmals hulpen, hei lewt nu ok noch!«
»Ja, wenn de Herr dat hüt seggt, wo lütt Hans begraben is, möt ik’t
woll glöben – letzt künn ik’t nich!«
Am anderen Tage trat der Vorknecht an seinen Herrn heran, was sonst
ungerufen nicht geschah. »Herr, ik meint so« –
»Wat meinst du, Hinrich?«
»Ja, Herr, dei Roggower Inspekter sähr mal, son’n lütten frommen Pony
müggt hei woll vör de oll gnädig Fru ehren Parkwagen hebben. – Ik mein,
ob ik em nu nich röwer bringen süll, dat man uns’ Madam em nich mihr
vör Ogen kreg! – Hei kriegt dat dor gaud – und denn is’t doch beder,
dei oll Dam’ hätt em, as wenn anner lütt Jungs –«
Der Rittmeister wendete sich rasch ab, und der gutmütige Knecht
fürchtete, etwas Verkehrtes gesagt zu haben. Aber gleich darauf kehrte
der Herr um und drückte dem Getreuen hastig die schwielige Hand, was er
noch nie getan.
»Bring min Pird, Hinrich, – ik will na dei Roggenmieten seihn – und
wenn’t düster watt, kannst du den Pony röwer bringen.«
Am selben Abend ließ die bleiche, junge Frau den vereinsamten Vorknecht
auf die Diele rufen: »Hinrich Kurt, der Herr hat davon gesprochen, daß
der alte Kutscher Wilhelm gern aufs Altenteil will, und daß dann wohl
Sie Kutscher würden.«
Hörte er recht? Dies war das Ziel seiner Wünsche gewesen – jetzt war
ihm alles gleich. – Aber die schöne, junge Frau sah ihn so teilnehmend
an, daß ihm warm ums Herz wurde.
»Dann wäre es wohl besser, Sie wären immer dicht bei der Hand. Deshalb
habe ich Mamsell Bescheid gesagt, daß sie die Stube neben dem Gärtner
für Sie herrichte. – Es ist auch besser, wenn Sie nicht immer allein
sind,« fügte sie leiser hinzu. »Überlegen Sie sich’s mal.«
»Ne, dor is nix tau öwerleggen,« meinte Hinrich, der die ganze Zeit
über seine Mütze zu einem Knäuel gedrückt hatte. »Wenn Madam dat so
inseih’n, denn is’t gaut – dat sähr Rieke ok ümmer.«
So vergaßen Herr und Knecht auf Stunden das eigene Leid über dem
Schmerz des anderen. Und dann waren Jahre gegangen und gekommen mit
Sommer und Winter, Frost und Hitze – und in vieler, ernster Arbeit
hatten die Herzen wieder Ruhe gefunden.
Aber eins war anders als früher. Alle Leute hatten früher »den jungen
Herrn Rittmeister« gern gehabt und geachtet. Jetzt sahen sie zu ihm
auf. Sie hatten in der Not den Kopf verloren – er nicht. Sie waren in
Gefahr gewesen, Gott zu verlieren. Er hatte ebenso gelitten wie sie und
hatte seinen Blick fest auf Gott gerichtet behalten – das hatten sie
gefühlt. Sie haben ein feineres Gefühl, als die Städter meinen.
Und noch eins war anders geworden: Seit alters hatten die Gerloffs ein
Herz für ihre Leute gehabt. Das war ihnen ganz selbstverständlich.
Auch die getreuen Haustiere versorgt man gut und gibt ihnen, was sie
brauchen. Wer täte das nicht!
Aber mit ihnen denken und sprechen kann man nicht.
In jenem Sommer hatten Herr und Knecht in dunklen Stunden gefühlt, daß
sie dieselben Schmerzen litten. Sie hatten miteinander gesprochen als
Mann zum Mann – Vater zum Vater. Da waren die Schranken gefallen und
nicht wieder aufgerichtet. Nie war hierüber gesprochen, man fühlte
aber, es gab Punkte, wo alle hergebrachten und ererbten Formen nichts
bedeuten. Es war ein tieferer Ton in das gegenseitige Verhältnis
gekommen. Der Gehorsam war größer und freier geworden, – mehr aus
innerem Bedürfnis als aus Zwang. Das Befehlen mehr ein Anordnen, bei
dem man stets auch die Achtung vor der Persönlichkeit des anderen
durchfühlte.
Und so hatte sich zu einer Zeit, wo ringsumher bitter geklagt wurde
über schlimme »Leuteverhältnisse«, in Schönfelde ein Vertrauen zwischen
Arbeitern und Herrschaft gebildet, was manche der Nachbarn gar nicht
begreifen konnten. Und wenn der Rittmeister und seine Frau das warm und
beglückend empfanden, so wurde ihnen klar, daß der Herr oft, indem er
herbes Leid auferlegt, zugleich auch tief verborgenes Glück schenkt.
[Illustration]
[Illustration]
4. Kapitel.
Der Einzug.
An dem wichtigen Tage, der die jungen Herrschaften in die alte Heimat
führen sollte, herrschte vom frühesten Morgengrauen an rege Tätigkeit
in Schönfelde. Einfahrt und Haustüren wurden mit Girlanden geschmückt,
der ganze Hof aufs sauberste geharkt, und im Hause war ein geschäftiges
Rennen und Laufen. Von Tante Ida bis zur Mamsell, und von der bis zum
kleinen Küchenmädchen wollte jeder sein Reich so blitzblank abliefern
wie nur möglich. Der Gärtner hatte die schönsten Blumen für alle Vasen
gebracht, und Tante Ida hatte das beste Porzellan und Silberzeug aus
den eichenen Schränken geholt und das feinste Damastgedeck aus der
übergroßen Leinentruhe. Wieder und wieder hörte man ihr Wahrzeichen,
den elfenbeinbeschlagenen Handstock, mit dem sie das rechte Bein
unterstützte, hin und her eilen. Wie klopfte ihr das Herz bei dem
Gedanken, ob der heißgeliebte Bruder mit allem zufrieden sein würde,
ob die zarte Schwägerin, die so viel jünger und verwöhnter war als sie
selber, sich nun dauernd heimisch einleben möchte in der alten Heimat,
die sie selber mehr liebte als alles in der Welt! Von Herzen freute sie
sich, für ihren allmählich etwas müde gewordenen Körper mehr Ruhe zu
bekommen, die große Verantwortung loszuwerden.
Aber wie würde es ihr nun eigentlich vorkommen, wenn nicht mehr an
sie jede der ungezählten Anfragen sich richtete, wenn das große
Schlüsselbund in anderen Händen klirrte – wenn die Leute aus dem Dorfe
nicht mehr mit jeder Not zu Fräulein Ida kamen, wie sie hier seit ihrem
vierzehnten Jahre – seit bald vierzig Jahren – hieß! Sie preßte die
Hand auf das unruhig klopfende Herz, wie um ihm Ruhe zu gebieten. »Das
findet sich alles – die Hauptsache ist, daß sie sich hier einleben!«
So hatte sie auch betreffs der häuslichen Anordnungen gedacht. Der
Bruder war immer schwer für eingehende Besprechungen zu haben, und
die Schwägerin war zu zartfühlend und zu vorsichtig gewesen, um von
fern und schriftlich Anweisungen geben zu mögen über die künftige
Einrichtung des Hauses. Beide hatten noch einmal kommen wollen, um
alles zu bereden. Als aber eine leichte Erkrankung der Majorin das
vereitelte, hatte der Bruder mit militärischer Kürze geschrieben:
»Die Sachen kommen Mittwoch auf dem Bahnhof an. Schickt für jeden
Möbelwagen vier Pferde und ladet vorsichtig aus. Auf der Diele der
roten Scheune kann alles stehen bleiben, bis wir da sind. Mündlich
mehr. – Else läßt bitten, die Damastmöbel aus ihrem Zimmer zuzudecken,
damit sie nicht leiden; na, Du weißt, Stadtdamen sind vorsichtig für
ihre Prachtstücke. Dein Hans Günther.«
Sie hatte doch den Kopf schütteln und lachen müssen. Die prachtvoll
geschnitzten Möbel ihrer Schwägerin tagelang auf der Scheunendiele
stehen lassen; die braven, aber nicht gerade sauberen Hände der Knechte
auf dem zarten, gelben Seidenstoff! – Nein, Bruder, bei allem Respekt
vor deiner Einsicht – das geht nicht!
Und sollte sie erst alles lassen, wie es zu der seligen Eltern Zeit
gewesen? Und dann müßte die so weich empfindende junge Frau die durch
die Erinnerung geheiligten, aber für nüchterne Augen natürlich teils
altersschwachen Sachen beiseite schieben? Das würde schwere Stunden
verursachen und konnte einen Schatten auf den ganzen Anfang werfen. Da
hieß es, lieber dem Herzen einen Stoß geben und selber den schweren
Schritt tun!