[7] Die systematische Philosophie gehört nicht hieher, weil sie immer

Schule geblieben ist, und als solche des unmittelbaren Einflusses aufs

Volk ermangelt, wie die Literatur ihn hat. Doch seien hier einige

Worte über den Zusammenhang erlaubt, der mir zwischen ihr und der

Entwicklung des protestantischen Prinzips in Deutschland und in der

Geschichte überhaupt stattzufinden scheint. -- Ich finde im Leben des

Protestantismus zwei große, scharf geschiedene Perioden: die erste

die Zeit der Emancipation von mittelalterlicher, päpstlicher und

kirchlicher Autorität, ihr Urbild Luther; die zweite die Zeit der

Entfesselung des Geistes schlechtweg, ihr Urbild Lessing. (Luther und

Lessing sind daher die Marksteine aller deutschen Geschichte seit

dem Anfang der neuern Zeit. Auch das reformirte Princip hat, nur

schneller und kühner, jene zwei Stadien durchlaufen; im ersten Stadium

fertiger als das lutherische und weltbewegender [in der englischen

Revolution &c.], im zweiten Stadium negativer, und Mutter des Deismus

und Skepticismus, #hat es seine Geschichte bereits geendigt#; denn

die negative Weltanschauung ist gerichtet. Daher auch die Union. Die

lutherische Tendenz dagegen, wie sie in Lessing ausgesprochen ist,

#mit ihrem tiefen positiven Kern, hat ihre wahre Zukunft erst vor

sich#). Demgemäß, und gleichlaufend, sind auch in der systematischen

Philosophie zwei Phasen bemerkbar: die erste bis Kant die Zeit der

halben, noch befangenen Freiheit, wie sie in Descartes, die zweite von

Kant an die Zeit der vollkommnen Emancipation von den christlichen

Fesseln, wie sie in Spinoza vorbildlich ist. So erscheint Leibnitz noch

gebunden, wenigstens theilweise, von der Autorität der Offenbarung und

kirchlicher Dogmen; ein riesenhaftes Wissen ersetzt bei ihm den Mangel

der spekulativen Idee, welche, urfrei und urkräftig, alle Gebiete

durchdringt; und nach ihm sinkt unter Wolf die Philosophie in die alten

scholastischen Bande zurück. Davon befreit durch Kant, beginnt sie von

nun an aufs schärfste, #in ihrer Weise# dieselben Ideen auszusprechen,

welche gleichzeitig die literarische und politische Welt bewegen. So

tritt in Kant die Aufklärung, in Fichte die Revolution, in Schelling

die Restauration, in Hegel endlich das Justemilieu hervor. Daher der

ungeheure Einfluß der Hegel'schen Ideen in Deutschland, und ihre

Verwandtschaft mit dem preußischen Staate (welcher, freilich jetzt

viel restaurativer geworden, Schelling an sich zu ziehen sucht); eben

daher ihr Zerfließen in unendlich verschiedene und entgegengesetzte

Ansichten. Es ist aber der Friede, welchen Hegel zwischen Glauben

und Unglauben gestiftet hat, nur ein Scheinfriede, gleich dem des

politischen _status quo_; und die Hegel'sche Versöhnung verhält sich

zu einer wahrhaftigen gerade so, wie die künstliche, trügerische

Protokollregierung unserer Tage zu einer wahren, natürlichen,

organischen Friedenspolitik. Darf ich ein kühnes Bild gebrauchen, ohne,

bei so ernsten Dingen, den Verdacht leichtfertigen oder übermüthigen

Spottes zu fürchten, so möchte ich sagen, Hegel und das politische

Justemilieu, das ist: die Scheinwahrheit und der Scheinfriede, gehen

der ächten Wahrheit, dem ächten Frieden auf ähnliche Weise vorher, wie

in der Stufenleiter der animalischen Schöpfung der Affe dem Menschen. --

[8] Man hat Göthe, und das nicht mit Unrecht, seinen Mangel an

Patriotismus vorgeworfen; aber meist die Anklage schief gestellt. Auch

Schiller war Kosmopolit, und kosmopolitisch ist überhaupt, aus dem

obigen Grunde, der Charakter jener Literatur; nur war Göthe auch als

Weltbürger kalt, ohne Begeisterung für die Freiheit, ohne warme Liebe

für die Menschheit.

[9] Ich habe diese drei angeführt, nicht nur als die Spitzen der

Literatur, sondern insofern sie die gerichtlichen Ideen der Zeit

repräsentiren. Wenn in Jean Paul dieses nicht so unmittelbar

hervortritt, als in den beiden Anderen, so drückt er doch in der

schärfsten Weise die Versenkung des Geistes, das Sinnen und Träumen

aus, worein, inmitten politischer Ohnmacht, der deutsche Geist sich

zurückgezogen hatte.

[10] Da das Princip hier nur in seinen allgemeinen Wirkungen, als das

Endziel der deutschen Geschichte, beleuchtet wird, so verweise ich die

Leser auf die nähere Erörterung im zweiten Theile.

[11] Da die Römer in diesem ihrem Charakter als Staatsvolk, d. h. in

der Entwicklung des Staats und des Rechts bisher noch unübertroffen

sind, so ist die Herrschaft, die sie im römischen Kaiserthum deutscher

Nation und durchs römische Recht noch Jahrtausende nach ihrem Fall über

Europa ausgeübt, organisch begründet. Wir werden uns eher nicht vom

römischen Recht emancipiren, als bis wieder ein weltumfassender Staat,

bis jene vierte Tendenz, von der oben die Rede, ins Leben tritt.

[12] Deshalb ist, wie wir später sehen werden, die heutige Türkei der

Sitz des europäischen Weltreiches, wie China des Reiches der Mitte.

[13] Um die Analogie der europäischen Familie mit der Organisation

der Raçen nachzuweisen, könnte es bequemer scheinen, von vorn herein

die Dreiheit (in Kaukasern, Semiten und Mongolen), da ja ohnedieß die

Chinesen als eigene Raçe naturhistorisch nicht anerkannt sind, zu

statuiren, und statt der acht Welttheile nur sechs anzunehmen. Aber

für unsere Anschauung ist die Eigenthümlichkeit der Sprache und der

historischen Entwicklung gewichtiger als jene äußeren Merkmale. Auch

ist es unläugbar, daß trotz der Dreiheit der europäischen Familien,

doch England als Insel, Italien als Sitz des alt- und neurömischen

Reiches, Ungarn als magyarisches Land, daß diese, sag' ich, obwohl

jedwedes Glied einer Dreiheit, doch einen isolirten, und zugleich

zwischen zwei Raçen vermittelnden Charakter tragen.

[14] Deutschland hat eine Forderung zu thun gegen Frankreich; die geht

ans #Elsaß#, und vielleicht noch weiter. Was noch deutsch geblieben

in der Sprache und im Volkskern, das gehört nach innern Gesetzen

in den deutschen Organismus. Drüber hinaus gibt es kein Recht mehr

für uns; wo die Nationalität gewichen ist, da will der historische

Verwandlungprozeß geachtet sein. Man hat im Pariser Frieden nur die

Revolution gezüchtigt; auch »was die Lilien gesündigt«, findet noch

seinen Tag. Ich habe diesen Anspruch oben im Text nicht erwähnt, weil

ich glaube, daß zu derselben Zeit, wo den Franzosen thatkräftig unser

Verständniß geöffnet wird, Alles, was noch wahrhaft deutsch geblieben

jenseit des Rheins, sich von selbst zum Anschluß an Deutschland drängen

wird.

[15] Dieses Letztere, so weit aussehend, ja lächerlich es klingt,

ist nichts weniger als das, selbst nach diplomatischen Berechnungen

der jetzigen Krise, geschweige denn vom Standpunkt einer kommenden

organischen Politik. Jedermann weiß, wie unfähig die Türken sind,

in dem wiedereroberten Syrien Ordnung zu schaffen; wie dringend die

öffentliche Meinung die Besetzung Palästinas verlangt, und wie leicht

die Mächte zu Konsequenzen getrieben werden, die ursprünglich nicht

in ihrem Willen lagen. Wenn also bei einer weitern Krise, wie zu

hoffen steht, Palästina okkupirt werden sollte, woher anders würden

die Mächte, nach ihrem in Griechenland angewandten Grundsatz, einen

Administrator oder Regenten verschreiben als aus Deutschland? -- Das

nur für diejenigen, die nur auf den nächsten Moment schauen. In den

obigen Zeilen freilich ist nicht von #dem# deutschen Volke die Rede,

welches, weil total indifferent in der großen Politik, nach allen

Ländern seine Prinzen lieferte, sondern von #dem#, welches als erste

differente Macht auch in Asien einschreiten muß.

[16] Daß ein neues Polen die ehemals polnischen, jetzt einverleibten

russischen Provinzen wieder erhalten müßte, brauche ich kaum

hinzuzufügen.

[17] Wenn ich hier nicht von den innern Elementen der Auflösung

spreche, die Rußland in sich selbst, in seiner Verfassung und seinem

gegenwärtigen Zustande trägt, so geschieht es, weil der Mangel an

Nachrichten hierüber uns ein sicheres Urtheil kaum möglich macht. Doch

darf man, nach früheren Vorgängen und anderen Andeutungen, glauben,

daß der Keim des Todes in Rußlands eigenen Eingeweiden liegt und daß

ein Umsturz der Dinge von innen heraus nicht zu den unmöglichen Dingen

gehört.

[18] Dieß muß man im Auge behalten, um die unendliche Moralität

würdigen zu können, womit Rußland für die Aufrechthaltung der Ordnung

und des Gehorsams in Deutschland bedacht war und bedacht ist. Die

zärtliche Fürsorge der Russen für die deutsche Stabilität erinnert ganz

und gar an die unvergleichliche Weise, womit nach Matthäus Paris die

Mongolen, als sie Ao. 1243 in Ungarn, Oestreich u. s. w. einfielen,

ankündigten: sie seien ausgezogen »_propter furorem Teutonicum, sua_

(der Mongolen) _modestia temperandum_«. (Siehe die Briefe des Freiherrn

von Stein an den Freiherrn von Gagern _p. 68_).

[19] Noch konnte ich hinzufügen, Schweden, durch Finnland, sei die

nördliche Vormauer gegen Rußland. Denn allerdings scheint der finnische

Volksstamm seiner Natur nach mehr unter skandinavische als unter

russische Hoheit zu gehören. Doch muß ich mich hier, aus Mangel an

näherer Kenntniß, eines bestimmten Urtheiles enthalten.

[20] Auch innerhalb der drei skandinavischen Stämme ist diese

Fluctuation zu bemerken. In Schweden hat das aristokratische, in

Norwegen das demokratische, in Dänemark das monarchische Element den

Vorrang.

[21] Wollte Gott, daß diese Wahrheit von allen denen begriffen würde,

die nicht wissen, was zu ihrem Frieden dient! Wollte Gott, sie möchten

endlich an Englands Beispiel lernen, was sie immer und immer nicht zu

fassen vermögen: daß eine männliche, kräftige Opposition nichts weniger

sei als Revolution, daß der Staat, um gesund zu bleiben, ihrer bedarf,

#daß sie die Throne nachhaltiger kräftigt, als die erlogene Hingebung

unsrer Tage#.

[22] Dadurch war Canning so einzig, und hat in so hohem Maße die

Bewunderung Europas geerndtet, daß er dem Egoismus der englischen

Politik eine allgemein humane Richtung unterzuschieben suchte. Der

Versuch mußte, als unenglisch, scheitern, Canning unterliegen. -- Was

die im Text berührten Eigenschaften der Engländer im Auslande betrifft,

so sind sie wohl niemals der Welt glänzender vor Augen gelegt worden

als in unsern Tagen. Anglisirte Deutsche scheinen das Unglaubliche

leisten zu können. Was kann aber auch in Deutschland nicht geleistet

werden? --

[23] Da Rußland durch die nächste und natürlichste Berührung an

Ostasien geknüpft ist, so kann der englische Einfluß hier zufällig und

ungegründet erscheinen. Aber es zeigt sich auch hier wieder, daß die

Mittelpunkte des Völkerlebens, und ein solcher ist China, überall,

wenigstens zunächst, der germanischen Einwirkung vorbehalten sind.

[24] Das Wenige, was hier über den Zustand der drei Länder gesagt

werden wird, ist nur in folgender Beziehung gesagt. Wenn die oben

im Allgemeinen aufgestellte Behauptung richtig ist; so muß in dem

Innern jener Staaten selbst der Keim zum Anschluß an Deutschland

liegen; das heißt, ihre Lage muß der Art sein, daß sie lediglich

aus sich heraus keine Zukunft mehr gebären können. Es ist also

hinreichend daran zu erinnern, daß den Holländern durch ihre trostlosen

materiellen Aussichten, den Belgiern durch den Geist des romanischen

und germanischen Elements, den Schweizern durch ihre schon vorhandene

tiefe Zerrüttung die Zukunft abgeschnitten ist. Das zugegeben, bleibt

den drei Völkern die Frage übrig: ob es besser sei, in unsicherer

Isolirung krankhaft zu verharren, oder als eigenthümliche Zweige

des großen Stammes lebendig aufzublühen? Und die Antwort wird um

so leichter sein, als sie den relativen, scheinbaren Verlust der

Nationalfreiheit mit andern Völkern theilen werden, weil ganz Europa

vom Gleichgewichtssystem zum konstitutionellen übergehen wird.

[25] Dieß läßt sich hoffen, weil der deutsche Theil der Bevölkerung

den wallonischen bei weitem überwiegt. Aber freilich wird, wo es sich

um ein Land handelt, in dem die gebildeten Klassen die französische

Sprache als Muttersprache reden, vor Allem erfordert, daß die deutsche

Kultur in Belgien das verlorene Terrain wieder gewinne; und daß zu

diesem Zwecke die Deutschen ihren Stammesbrüdern mehr Theilnahme

widmen, als bisher geschehen ist.

[26] Dieß Uebergewicht ist in der geographischen Lage selbst, durch

das Verhältniß der Seefähigkeit, ausgesprochen. Während unter allen

germanisch-romanischen Ländern keines sich findet, das nicht durch

die Natur auf Schifffahrt und Seemacht angewiesen wäre, ist unter

den slavischen blos Rußland, unter den griechisch-slavischen nur

Griechenland dazu befähigt. Ohne Seemacht aber keine wahrhaftige

Großmacht. In dieser Beziehung wird Deutschland (siehe weiter unten)

nicht nur unvollkommen, sondern überhaupt #nicht# vertreten.

[27] Um Mißvertändnissen vorzubeugen, bemerke ich hier, daß die

konservative Politk, so weit sie im Charakter des östreichischen

Staates liegt, zwar durchaus jede revolutionäre, aber nicht die

#reformatorische# Tendenz ausschließt. Das hat Maria Theresia gezeigt,

die große Frau, welche mit ihrem männlichen Sinn, ihrer ungeheuchelten

Religiosität, ihrem Herzen fürs Volk und ihrer Einsicht in die

Forderungen der Zeit noch heute die Männer beschämt.

[28] Der sicherste Schritt, den Preußen thun könnte, um sich innerlich

zu konsolidiren, wäre meiner Ansicht nach die Trennung Posens von

den übrigen Landen, in der Weise nämlich, daß der König von Preußen

zugleich Großherzog von Posen wäre, wie einst die Churfürsten von

Sachsen Könige von Polen waren. Die Polen würden dabei gewinnen, die

Deutschen nichts verlieren; es wäre eine Grundlage für die Zukunft.

[29] Gebieten -- durch veränderte Stellung gegen Polen hin, in den

Jahren 1830 und 1831; wie noch heute durch Posen.

[30] Die Einsicht in diese Wahrheit ist es, welche die Städteordnung

in Preußen gegründet hat; sie ist es auch, welche neuerlich die

Provinzialstände wieder belebt hat. Vielleicht wundert man sich,

daß wir, wo von Preußen die Rede ist, zwischen der Periode vor dem

Jahr 1840, und der nach diesem Jahre nicht scharf unterscheiden. Uns

erscheint es ungerecht zu verkennen, daß früherhin schon dieselben,

ja noch größere Keime gelegt waren als heute; es handelt sich nur

um ihre Entwicklung, und darüber läßt sich in diesem Augenblicke

noch kein kompetentes Urtheil fällen. Jedenfalls ist in seinem

Charakter als Großmacht nach außen Preußen dasselbige geblieben. Wenn

dieser Staat, #trotz# der Freiheit seiner Gemeinden, #trotz# seiner

Provinzialstände, #trotz# seiner germanischen Heerverfassung, und unter

dem redlichsten persönlichen Willen, bis 1840 die Mittel gefunden hat,

eine bureaukratische Militärmonarchie zu bleiben, warum sollt' er sie

nicht auch nach 1840 finden? -- Was übrigens die konstitutionellen

Hoffnungen betrifft, die man einige Zeit gehegt hat, so sollten

wir Deutsche nie vergessen, daß Preußen, wie es ist, eine Mitte

bildet zwischen Oestreich und den übrigen deutschen Staaten, wodurch

die Gemeinschaft gefördert wird. Stünde Preußen an der Spitze des

konstitutionellen Deutschlands, so würde die Entfremdung von Oestreich

vollständig werden. Schon jetzt haben so viele Deutsche verlernt, ihre

Landsleute in Oestreich als Brüder zu betrachten; dem ganzen Westen

liegt Paris näher als Wien. Wie wenn diese beklagenswerthe Trennung

noch erweitert würde? Lieber kein einiges Deutschland als eines ohne

Oestreich. In #diesem# Sinn also schulden wir Preußen Dank, so wie für

die Enthaltsamkeit, mit der es verschmäht, ganz Deutschland an sich zu

ziehen; was doch nur in seinem Willen läge. Ueberhaupt, es ist allewege

wünschenswerther, daß Deutschland zu den Großmächten komme, denn daß

diese zu Deutschland kommen.

[31] Den Unterschied des wahren und falschen Gleichgewichts zu

veranschaulichen, dient am einfachsten die Analogie der menschlichen

Seele. Wenn wir von dem Gleichgewicht aller Seelenkräfte sprechen,

welches großen Persönlichkeiten eigen ist, so wird darunter nicht

eine gleiche Quantität derselben oder ein gleichartiges Maß der

verschiedenen Talente verstanden, sondern die richtige Vertheilung,

wonach diejenigen Fähigkeiten, welche den Kern des Manns bilden,

die übrigen beherrschen, ohne sie jedoch einseitig zu beschränken

oder in ihrer Wesenheit zu unterdrücken: während ein Mensch, der die

homogensten Gaben zugleich und alle in demselben Grade besäße, uns als

Unding erscheinen würde.

[32] »Wäre nur erst,« sagt Jean Paul in seiner Weise, wo er von der

Hoffnung eines ewigen Friedens spricht, »Ein Welttheil mit sich ins

Reine und in Ordnung: in den andern würde sein Zepter bald aus einem

Ladstock der Kanonen-Kugelzieher werden, und die Höllenmaschine immobil

machen, statt wie jetzt mobil; und da alle Kriege nur malteser Kriege

gegen die Ungläubigen sind, würden sie wie die Malteser aufhören.«

(Dämmerungen für Deutschland).

[33] »Unvergänglich« sage ich, weil sie noch dauern kann, wenn auch das

Volk, das zuerst damit bekleidet war, längst dem Tode verfallen ist.

[34] Was sich in Kürze über die Nothwendigkeit und Möglichkeit einer

deutschen Seemacht sagen läßt, ist schlagend zusammengefaßt in den

»Erinnerungen« des ehrwürdigen Arndt _p. 343-348_.

[35] Wie ungenügend das bisherige System der Konskription in den

übrigen Staaten sei, wie entwürdigend es (durch die Sitte der

Ersatzmänner) auf die Armee, wie drückend auf die vermögenslose

gebildete Klasse des Volks einwirke, und wie nöthig es sei, den

Wehrstand auf eine tiefere und edlere Grundlage zu bauen -- dieß ist so

allgemein klar geworden, daß es keiner weitem Worte bedarf.

[36] Vom französischen #Charakter# spreche ich nicht, weil seine

fürs Gute wie fürs Schlechte gleich entzündbare, wetterwendische

Erregbarkeit sich dem männlichen und tiefen Gehalte des deutschen in

keiner Art zur Seite stellen läßt.

[37] Daher ist für den Deutschen schon #das bloße Bewußtsein#

seines ersten Ranges unendlich wichtig, und hat ihm der Mangel an

Selbstkenntniß mehr geschadet, als irgend einem andern Volke. Darum

ist schon die #Ueberzeugung# von dem Berufe zur Hegemonie, schon

der lebendige Glaube daran hinreichend, einen Patriotismus von nie

gekannter Stärke und damit eine Umwälzung zum Guten hervorzurufen.

Darum endlich ist uns vor allen die Wahl gegeben zwischen Sein und

Nichtsein: wir haben entweder ein Vaterland ohne Gleichen oder keines.

[38] Jean Paul, den ich als Kenner der deutschen Natur (nicht, wie

sich von selbst versteht, als politischen Gewährsmann) hier noch

einmal anführe, hat auch diese Seite unsres Wesens vortrefflich zu

würdigen gewußt. »Man drohte,« schreibt er in einem zur Zeit der

tiefsten Erniedrigung, im Jahre 1809 verfaßten Buche, »der Erde schon

oft Universalmonarchieen. Obgleich in unsern Jahrhunderten schwerlich

eine andere, als die des Rechts und der Vernunft sich errichten

wird, nicht aber eine über beide Erdhälften schlagfertig hängende

Wetterwolke: so möchte man doch, wenn es einmal einen Universalmonarch

außer unserm Herrgott oder in Rücksicht der Thiere außer dem Mensch

geben soll, der Erde, welche sich hier Universum nennt, anwünschen, daß

er ein Deutscher wäre; denn die Allseitigkeit, der Weltsinn und der

Kosmopolitismus der Deutschen fände auf dem höchsten Throne gerade die

rechte Stelle.«

[39] Alle Arbeit der deutschen Kammern ist die Arbeit des Sisyphus,

wenn sie den Stein auf dem Gipfel glauben, so entrollt er ihren

Händen; und wohl uns, wenn er nicht tiefer hinabfällt als er anfangs

gelegen war, oder nicht ein Stückchen Volksfreiheit auf dem Rückwege

gelegentlich zermalmt. Wie weit dieß Mißgeschick von den Kammern

selbst, wie weit von außen her verschuldet wird kann hier nicht

entschieden werden. Aber das bleibt gewiß: mit dem augenblicklichen

Muthe, der so oft zur Schau gelegt wird, ist Nichts gethan, wenn ihm

nicht (in Dingen, die einmal als Recht erkannt sind) eine eherne,

unerschütterliche Beharrlichkeit folgt. Das Schauspiel dieser letzteren

haben die Hannoveraner uns zum Theil schon gegeben, und werden es, so

Gott will, noch weiter geben -- zur Freude jedes ehrlichen Mannes in

ganz Deutschland.

[40] S. Dahlmann's Politik. Kap. 7. §. 199.

[41] Ich erwähne die demagogischen Umtriebe nicht als ob sie die

Bedeutung wirklich gehabt hätten, die man ihnen beizulegen gewußt hat,

sondern nur der Idee wegen, die sie ausdrücken.

[42] Merkwürdig genug ist es, daß derjenige Staat in Deutschland,

welcher durch den edlen und patriotischen Willen, der an seiner Spitze

steht, unter allen am meisten geeignet wäre, allgemein deutsches

Gewicht zu erringen, am ausgeprägtesten Partialismus des Volksgeistes

leidet. Ich meine Würtemberg und die Altwürtemberger.

[43] Gewiß gibt es kein Land in Europa, welches mit der lebendigsten,

natürlichen Einheit des nationalen Verbandes so ausgeprägte

Provinzialitäten verbindet als Deutschland, keines, das so gut geeignet

wäre, zwischen dem starren Centralismus der heutigen Staaten und

dem reinen Föderalismus zu vermitteln. Da wir hier uns nur mit dem

Allgemeinen beschäftigen, so gehört es nicht hieher, die einzelnen

Provinzialcharaktere durchzugehn. Doch bietet sich die Gelegenheit,

darauf hinzudeuten, wie der Völkerorganismus, den wir zuerst auf dem

Kontinent überhaupt, dann in Europa gefunden haben, in ähnlicher Art

auch in Deutschland, als dem Herzen Europas, wiederkehrt. Jene vier

Grundstämme (welche im Welttheil die vier Familien bilden) zeigen sich

hier als #fränkischer#, #schwäbischer#, #sächsischer# und #bairischer#

Typus. Und wie die Familie in je drei Nationen, so ist hier der Stamm

in je drei Hauptarten gespalten: der fränkische in #Ostfranken#

(Maingebiet), in #Westfranken# (Rheinpfalz, Mosel und Niederrhein)

und in #Flamänder#; der schwäbische in #Schwaben#, #Alemannen# und

#Schweizer#; der sächsische in #Obersachsen# (Thüringen und Königreich

Sachsen), #Niedersachsen# (Hannover, Braunschweig, Westphalen) und

#Friesen#; der bairische in #westliche Baiern#, #östliche Baiern#

(östreichische Raçe) und #Tyroler#. Wir sahen in Europa, daß je das

dritte Glied jeder Familie eigenthümlich gestellt sei; so tritt auch

hier der Besonderungstrieb hervor in den Flamändern (Belgien), den

Friesen (Holland), den Schweizern und den Tyrolern. (Daher früher

gesagt worden, daß Natur allerdings der Separat-Geschichte jener drei

Länder zu Grund liege.) Es versteht sich übrigens von selbst, daß

hiemit nur die germanischen, nicht die germanisirten Provinzen von

Deutschland gemeint werden. Die letztern in Eins zu fassen, war der

Beruf der zwei großen Monarchieen.

[44] Es ist damit nicht gesagt, daß der Adel nicht materiell noch

gehoben oder erhalten werden könne (z. B. durch Majorate). Auch gibt

es allerdings selbst in Deutschland noch einen Adel von geistiger

Bedeutung: in Meklenburg und besonders in den deutschen Ländern von

#Oestreich#. Aber dieß sind gerade diejenigen Theile von Deutschland,

wo noch die Tradition des Mittelalters herrscht, sie können daher als

Maßstab für das, was in der Zeit liegt, nicht gelten. Wenn man mir

den englischen Adel entgegenhält, so antworte ich: er hat seine Probe

noch nicht überstanden; und es darf überhaupt von der eigenthümlichen

Mischung mittelalterlicher und moderner Institute in England nicht auf

unsere Zustände geschlossen werden.

[45] Der Beleg für die ganze oben geführte Klage findet sich zahlreich

genug in der heutigen Literatur: in der Heine'schen Poesie, im jungen

Deutschland, im ästhetischen Kultus unsrer Tage; auch Rahel und

Bettina, die vielvergötterten, überhaupt die Berliner Geistreichen

erinnern nur zu lebhaft daran. In den meisten dieser Erscheinungen

erregt die Unnatur eben so viel Grauen, als das Talent Bewunderung.

[46] Gerade so, wie in der politischen Welt #Rußland# (die Gewalt),

#England# (das Geld) und #Frankreich# (die Lüge) dominiren. Um zu

zeigen, wie dieser Zusammenhang nicht oberflächlich, sondern tief

begründet sei, ziehe ich aus einem historischen Werke, worin mehr

als in allen übrigen das Innere der Dinge ans Licht gestellt ist,

einige England betreffende Worte an. »Wir wollen nur in wenigen

Zügen bemerklich machen, wie schon vor der französischen Revolution

England in demselben Maße immer mehr aufblühte, in welchem Genußsucht,

Egoismus, Handelsgeist, Ueppigkeit, Geld, Eleganz des Lebens und

Luxus-Bedürfniß, Europa in viel schwerere Ketten legte, als die

Hierarchie, Ritterschaft und Despotismus, die oft in unsern Tagen

allein geschmäht werden, ja schmieden können. Nach der Art, wie seit

Ludwig XIV. Staat und Kriegswesen in Europa eingerichtet worden,

hatte der Mensch nach und nach seine Bedeutung verloren, Geld schien

einziges Bedürfniß, weil man mit Geld die stehenden Heere, die das

Ganze in Ordnung halten sollten, bezahlte, mit Geld die besoldeten

Diener ans Vaterland knüpfte, mit Geld die Verräther erkaufte, und mit

Geld den Aufwand unterhielt, der bald Rang und Verdienste überglänzte«

-- -- -- -- »Seit dieser Zeit stieg der Wohlstand der Britten immer

höher, und der Reichthum, der erst später auf der Insel selbst nach

und nach Religion, Sitten und endlich auch den alten und edlen Sinn

der freien Landbesitzer, die bis dahin den Kern der Nation ausmachten,

verdarb, gab ihnen die Mittel, alle Thoren durch die zierliche,

reinliche, reiche Außenseite zu blenden, und alle mächtigen Schurken zu

kaufen. So ward Europa zuerst von England, in unsern Tagen aber England

und Europa endlich zur großen Schmach der lebenden Generation vom

Gelde, oder von Leuten, die es anschaffen können, und von seinem Gifte

durch und durch verletzt sind, abhängig.« Wie das System der Gewalt

von Rußland allenthalben gestützt wird und mit ihm steht und fällt,

haben wir schon oben gesehen; und daß in Frankreich die gewissenlose

Sophistik, die Käuflichkeit der Talente und die Verdorbenheit in

Literatur und Leben den entwickeltsten Grad erreicht hat, ist uns allen

bekannt.

[47] Das heißt, die Religion zerstören.

[48] Jesaia 59, 10. 11.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 18 / 19 段