zurück unter den Konfessionen, die einzige tief eingreifende, schon
heutzutage die kardinale Verschiedenheit[70]: ich meine die Theorieen
über Verfassung der Kirche und ihre Stellung zum Einzelnen, und der
Bestand der Theorieen in der Wirklichkeit. Die absolute Monarchie der
römischen Kirche, das Episkopalsystem des aufgeklärten Katholicismus,
die Beamtenrepublik der Lutheraner und die Demokratie der Reformirten
stehen sich unversöhnt gegenüber. Ob die Kirche zwischen Gott und den
Menschen vermittele, oder ob der Einzelne ohne ihre Dazwischenkunft
frei mit dem Höchsten verkehre; ob sie dem Staat sich hingeben oder
in eigenthümlicher Organisation selbstständig verharren solle, ob sie
sichtbar sein müsse oder unsichtbar sein könne, das alles hängt mit den
oben genannten Differenzen aufs innigste zusammen.
Und hier ist es nun, wo der Einfluß der Philosophie seine volle
Wirkung entfalten wird. Von ihr allein können die Verfassungsfragen
entschieden werden, worüber weder die Urkunden, noch der Geist des
Christenthums Aufschluß geben. Der Geist der Wahrheit, indem er sich
im Staate verwirklicht, erleuchtet mit seinem Lichte zugleich das
Dunkel der kirchlichen Gestaltung: das Bild des vollendeten weltlichen
Staates wird zugleich das Vorbild des geistlichen. Die Kirche muß
#konstitutionell# werden, wie der Staat es ist; sie muß gleich ihm ein
Gleichgewicht finden zwischen dem monarchischen, aristokratischen und
demokratischen Element. Jene absolute Vollgewalt, welche die römische
Partei dem Papste vindicirt, ist damit auf immer verloren, es sind
alle diejenigen gerichtet, welche der Kirche die vergangene weltliche
Tendenz des Mittelalters wieder einflößen und dem deutschen Volke, wie
vor Zeiten, einen Götzen der Knechtschaft und der Zwietracht setzen
wollen jenseit der Alpen[71]. Wenn hierin der Katholicismus sich
gereinigt hat: so wird dagegen der Protestantismus erkennen, daß eine
festgeschlossene, einheitliche Organisation allerdings der christlichen
Kirche vonnöthen sei, daß sie, um lebendig zu wirken in der Welt, einer
zusammenhängenden Verbindung und hierarchischer Gliederung bedürfe,
und daß ein sichtbares Oberhaupt mit der Freiheit des Ganzen sich eben
sowohl vertrage, als das Königthum im Staate mit der Freiheit des
Volkes sich verträgt. Er wird einsehn, wie bei aller Ungebundenheit der
Forschung des Einzelnen doch eine Kirche, um Kirche zu bleiben, wenn
sie nicht zerfallen soll in unendliche Parteiungen, ein #Bekenntniß#
aufstellen muß, welches den bindenden Ausdruck ihres Glaubens und ihrer
Einrichtung enthält. Und da sowohl die Dogmen als die Verfassung, nach
dem lebendigen Charakter des Christenthums, in den verschiedenen Zeiten
verschiedener Aenderungen fähig und bedürftig sind: so liegt es an der
gesetzgebenden, in den Concilien ruhenden Gewalt, dem Symbole und den
Satzungen, dem Bedürfnisse gemäß, die entsprechende Modification zu
geben. Auf diese Weise wird die katholische Ansicht von der unbedingten
Gewalt der Kirche zur freien und beweglichen; den Protestanten bleibt
unbenommen, die Bibel als die einige Quelle der christlichen Lehre
zu betrachten, doch ists an ihnen, zuzugestehn, daß diese Quelle
eine Auslegung, die Auslegung einer kirchlichen Macht erfordert und
daß einiges Gewicht aus eben diesem Grunde auch der kirchlichen
Ueberlieferung beiwohnt[72]: gerade wie im Staate das Gesetz nicht
bestehen könnte ohne die befugten Ausleger und wie auch hier, neben den
geschriebenen Statuten, dem überlieferten (Gewohnheits-) Rechte eine
Geltung gegeben wird.
Dieses alles kann nur langsam geschehen, im Laufe der Zeit und durch
gesteigerte Unbefangenheit der ganzen religiösen Anschauung. Die
Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hat eine Toleranz geschaffen,
die auf der Gleichgültigkeit oder Verachtung beruhte. Aus der des
neunzehnten soll eine höhere Toleranz hervorgehen, welche zur
Versöhnung treibt, nicht weil sie die konfessionellen Dinge von sich
weiset, sondern weil sie dieselben durchdringt und eben hiedurch die
Gemüther zu warmer religiöser Gemeinsamkeit, die Geister zu voller und
gerechter Anerkennung erhebt. Es soll aber Deutschland allen übrigen
Ländern in dem großen Werke der Versöhnung vorangehen, als dasjenige
Land, in dem die Kirchenspaltung ihren Ursprung genommen, in dem die
drei Parteien sich in gleicher Blüthe erhalten, in dem endlich heute
noch über kirchliche Fragen am tiefsten gedacht, aufs lebhafteste
verhandelt und am meisten gestritten wird. Was hier, im Mittelpunkte
des religiösen Lebens, zur Entscheidung kommt, ergießt sich von selbst
in die übrigen Theile von Europa, besonders ins germanische, welches
in der altlutherischen Kirche Skandinaviens, in der presbyterianischen
Schottlands und in der englischen Hochkirche die verschiedensten
Elemente beherbergt[73]. Die erste kirchliche Aufgabe der Zukunft muß
also die sein, eine #deutsche Nationalkirche# zu schaffen, zunächst
um die Deutschen zu einigen, weiterhin aber als Grundlage einer
umfassenden, europäischen Kircheneinigung.
Denn die Kirche muß zuvor gereinigt, sie muß eine andere, neue und
höhere sein, ehe Europa der großen Sendung genügen kann, die ihm über
die Erde hin angewiesen ist. Der Staat kann erobern, beherrschen,
civilisiren und organisiren, die Kirche aber soll durch ihre Missionen
den Saamen einer innern Umwandlung unter die barbarischen Völker
streuen. Dieses ist unmöglich, der Sieg und die Ausbreitung des
christlichen Princips kann nicht gedeihen, so lange die Missionen von
kleinlichem Gesichtspunkt geleitet, in kleinlichem Geiste ausgeführt,
durch beständige Zwietracht sich selbst zerrütten. Erst wenn es einst
eine große, einige und umfassende Mission gibt, kann die Erde durch die
Waffe des Princip[74] unter civilisirten, durch das Christenthum unter
wilden Völkern, im höchsten Sinne #des Herrn werden#.
Kapitel XV.
Beschluß.
Es gibt in der Geschichte des Menschengeschlechts drei große
Epochen der Erziehung, drei Zeiten, in welchen der göttliche Geist,
obwohl beständig und allenthalben wirksam, doch mit besonderer
und unmittelbarer Fügung eingegriffen hat in die Entwicklung des
Menschengeschlechts.
Die erste Zeit ist gewesen, als Moses die ältesten Traditionen
fixirte und den Glauben an den Einigen Gott auf Jahrtausende hinaus
bewahrte, indem er beides in einem durch Gesetze, Verfassung und Sitten
abgeschlossenen Volke niederlegte. Dies war das erste Testament,
in welchem Gott noch dunkel verhüllt, und als strenger Vater den
unmündigen Kindern erschien -- nur vorbereitend, nur Grundlage für die
kommenden. Die zweite Zeit war, als Christus die Decke von den Augen
nahm, als er aus der symbolischen Hülle die reine religiöse Anschauung
hervorzog, und einen ewigen Bund der Liebe aufrichtete zwischen Gott
und den Menschen, so daß #in ihm# und #durch ihn# Alle selig werden
konnten. Die dritte Zeit ist die unsrige. Mit dem dritten Testamente
ist die Erziehung des Geschlechts abgeschlossen: die Menschheit steht
nicht nur liebend und versöhnt, sie steht auch #bewußt# und #frei#
dem Vater gegenüber, das Menschliche wird geheiligt, und die dunkeln
Ahnungen eines göttlichen Reiches auf Erden, welche in den Büchern des
zweiten Bundes enthalten sind, gehn der Verwirklichung zu[75].
Das erste Testament war nur Einem Volke gegeben, das zweite den
Menschen schlechthin, das dritte wird durch Ein Volk allen Völkern
gegeben werden.
Jenes ersten Volkes Schicksal ist uns allen bekannt. Gott hatte sich's
auserlesen zu seinem Eigenthum, es begnadigt mit wunderbarer Führung.
Er hatte es großgezogen in der Schule der Knechtschaft, ihm dann ein
Gesetz gegeben, ihm viele Helden und große Könige erweckt, später
aber, als es in Zwietracht zerfiel, sich spaltete und andern Göttern
nachging, fremde Unterjochung aufgelegt, um reiner und geläuterter
daraus hervorzugehn. Die ganze Geschichte des Volkes, sein Kultus, sein
Glaube, seine Helden und Propheten, seine heiligen Bücher -- alles
war eine ununterbrochene, lebendige Weissagung eines höheren, neuen
Evangeliums. Als aber nun die Zeit erfüllet war, als das Wort erschien
-- da überhörten sie den Ruf des Höchsten und schlugen den Messias
an's Kreuz. Da ging in Erfüllung, was Moses ihnen verkündigt hatte:
sie wurden »zerstreuet unter alle Völker der Erde, von einem Ende der
Welt bis an's andere; sie haben kein bleibendes Wesen unter ihnen, und
ihre Fußsohlen keine Ruhe; der Herr hat ihnen ein bebendes Herz und
verschmachtete Augen und verdorrete Seelen gegeben.«[76]
Das zweite von jenen begnadigten Völkern bist du, deutsches Volk. Auch
du bist »ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priesterthum, ein
heiliges Volk, ein Volk des Eigenthums dem Herrn.« Zwar in einem andern
Sinne, denn jene waren gleichsam als das halsstarrigste, verkehrteste
und unwissendste unter allen auserlesen zu hervorstechenden Werkzeugen
der Erziehung, während du vor allen reich gesegnet bist an Gaben des
Geistes und Gemüths, am fähigsten #ihn# zu suchen und zu finden,
jene durch ein großes #Geschick# begnadigt, während du durch #Natur#
es bist. Aber doch hat der Herr auch dich so wunderbar geführt, hat
auch deine Kindheit in schwerem Druck herangezogen, hat auch dir den
Sieg verliehen und dich groß gemacht über alle Feinde, auch dir im
Christenthum ein Gesetz gegeben und dir vergönnt, eine neue Ordnung
der Dinge drauf zu gründen, auch dir viel große Herrscher und Richter
erweckt, auch über dich, als du von der eignen Art zu lassen, falscher
nachzujagen und in Zwietracht dich aufzulösen drohtest, das Joch einer
fremden Knechtschaft verhängt, damit du reiner und herrlicher wieder
auferstündest. Auch deine Geschichte ist eine lebendige, fortlaufende
Weissagung, auch sie ist allenthalben erfüllt von Typen, Vorbildern
und Ahnungen einer kommenden Herrlichkeit, wenn du sie nur zu deuten
verstehst. Sieh hin auf dein Mittelalter. Hast du nicht in deinem
Kaiserthume das Vorbild jener umfassenden Hegemonie, jener allgemeinen
Völkerordnung? nicht in deinen Kreuzzügen die Ahnung eines großen
Sieges über die asiatische Welt, in deinen hierarchischen Kämpfen
eines gerechtfertigten Verhältnisses von Staat und Kirche? Ist nicht
dein seltsamer, tausendfach abgestufter Lehrerstaat der #materielle#
Typus jener wahrhaftigen #geistigen# Staatsordnung, nicht deine
mittelalterliche Aristokratie das Vorzeichen eines höheren Adels[77]?
Und deine Reformation, ist sie nicht die Weissagung eines größern
Princips, welches gleich ihr die Völker durchdringen und Europa
verjüngen soll? Ja, mußtest du nicht, wie die Juden durch persische und
babylonische, so durch europäische Knechtschaft hindurchgehn, um reif
zu werden für deine höchste Hervorbringung?
Jetzt, deutsches Volk, kommt näher und näher die Zeit, da an #dich#
der höhere Ruf ergehen wird. In deine Hände hat der Herr dein eigen
Schicksal und das der Welt gelegt; durch dich will er's entscheiden,
ob die Völker in leichtsinniger Materialität verderben oder in
drückenden Fesseln des Geistes versinken, ob sie an einer falschen
Freiheit verbluten oder in knechtischer Niedrigkeit dahin sterben
sollen, ob die Civilisation einer Welt sich an den eignen Wunden
verzehren oder auf Jahrhunderte hinaus der Barbarei unterliegen soll:
-- oder ob ein neuer, herrlicher Frühling hereinbrechen soll über das
arme Menschengeschlecht. Das Alles hat er #dir# anheimgestellt, weil
du der Heilung vor allen bedürftig, weil dir die Gefahr am ehesten
droht, weil, wenn du dich nicht zu retten vermagst, du, in dem die
frischesten, moralischen und geistigen Kräfte schlummern, überhaupt
keine Rettung mehr vorhanden ist. Wirst du nun auch sein, wie jene,
deren unseliges Loos es war, »niemals zu sein, was sie hätten sein
sollen und sein können?«
Warum rufe ich dir dieß zu? Nicht als ob es in deiner Macht stünde,
jenen Gedanken hervorzuzaubern, aus welchem allein eine neue Zeit
entsprießen kann: dazu muß dir der Höchste Einen aus den Deinigen
erwecken und wird es thun; sondern damit du dich bereitest auf eine
große Zukunft und ausfüllest die tiefe Kluft, die zwischen deinem Sein
und deinem Können besteht, damit wenn der Weltgeist kömmt, um Wohnung
zu machen unter dir, er eine würdige Stätte finde -- ein einiges,
starkes, enggeschlossenes, stolzes, nach dem Größten begieriges Volk,
ein Volk, das sich kenne und achte mehr denn bisher und wisse, wozu
es berufen ist unter den Völkern. Glaube nicht, daß dir's Gott im
Schlafe bescheeren werde, wie du lange geglaubt, daß er dich jemals mit
einem Glück überschütten werde, dessen du dich nicht würdig gemacht
im Schweiß deines Angesichts; im Schlaf gibt ers den Kindern, du aber
sollst ein #Mann# sein und mit #Manneskraft# das Schicksal an dich
reißen -- und das ist's gerade, was du bisher so wenig gewesen und so
selten gethan hast.
Es ist zwar allerdings, als ob die neue Zeit sich schon hören ließe,
ihr allmächtiger Schritt klingt schon, wenn auch noch aus der Ferne, zu
uns herüber. Ein herrlicher Auferstehungsgeist glüht und arbeitet in
den deutschen Landen, ein anderer Sinn ist erwacht und das Wehen einer
hoffnungsreichen Zukunft zieht hin über die deutsche Erde. Der Anfang
ist geschehen, der erste Grund gelegt. Laß diese heilige Begeisterung,
deutsches Volk, nicht noch einmal zum Gespötte werden, wie es eine
frühere schon geworden, laß sie nicht betasten von ungeweihten Händen,
nicht schnöde mißbrauchen zu Parteienzweck, als ein treffliches
Werkzeug für die Stunde der Gefahr, welches weggeworfen wird in
sicheren Zeiten, oder als Waffe in derer Hand, die dir von Freiheit
schwätzen und weiter nichts wollen als sich bereichern an deiner
Zerrüttung. Laß nicht erkalten, was einmal glüht, nicht erschlaffen,
was einmal lebt; strebe fort und fort, ohne Rast und Ruhe, als gälte
es (wie es denn auch gilt) dein Dasein auf Jahrhunderte. Wer immer
kämpft für ein gutes deutsches Recht, der thu' es ohne Unterlaß und
unerschütterlich, es werde was da wolle -- und das ganze Volk soll ihm
zur Seite stehen, und ihn stärken im Kampf. Wer immer arbeitet für die
äußere Größe des Vaterlandes, sei es für Zollverein oder Eisenbahnen
oder Volksbewaffnung, wenn es nur vaterländische Zwecke sind,
deßgleichen und noch mehr, wer es für innere Größe thut, für Mündigkeit
und gegen Mißbräuche, für die Heiligkeit des Gesetzes und die Reinheit
der Verwaltung, für Förderung des Unterrichts und der Sitten oder fürs
freiere Wort, -- alle diese sollen unverrückt und unaufhaltsam, wo
nicht das Gesetz sie aufhält, dem Ziele nachjagen, das sie einmal sich
vorgesetzt. Und wo sie's nur im rechten Geiste thun, sollen sie nicht
zagen oder zweifeln am Erfolg; denn »alle die auf den Herrn harren,
kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie
laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.«
Es sind aber vorzüglich drei Mächte, in welchen das Wohl oder Weh
des Vaterlandes liegt. Die erste sind die Fürsten und die, die in
ihrem Rathe sitzen. Der Fürsten Sache ist es, voranzugehen in Allem,
was die Ehre, den Ruhm und die Wohlfahrt Deutschlands besonders nach
außen betrifft, und, wie sie auch sonst zu den politischen Fragen der
Zeit gestellt sein mögen, das Eine nicht zu vergessen, was Einer aus
ihrer Mitte ihnen zugerufen hat, daß die Völker nicht um ihrentwillen,
sondern sie um der Völker willen da seien. Ihre Rathgeber aber sollen
bedenken, welch ein schweres Gewicht der Verantwortung auf ihnen liegt,
daß die öffentliche Meinung mit einem ganz andern Maßstabe #sie#, mit
einem andern ihre Herren mißt (welche als sterbliche Menschen auf die
höchste Höhe gestellt, gerade zumeist dem Straucheln ausgesetzt sind),
und daß die Nation um so höher sie ehren wird, je weniger sie ihre
Stimme zu meiden, oder mit der Heiligkeit des Thrones ihre Fehler zu
bedecken suchen. -- Die zweite Macht sind die Kammern. Diesen liegt es
ob, die allgemein deutschen Interessen vor allem hervorzuziehen, für
sie, wenn es Noth thut, auch Opfer zu bringen, und es #wohl zu wägen#,
ehe sie schwierige (und wie oft fruchtlose) Controversen beginnen; wenn
sie aber begonnen werden müssen, #ohne Wanken# mit dem Recht zu stehen
und zu fallen. -- Die dritte Macht ist die Presse. Ihr ist Unendliches
anvertraut, sie kann die Seelen regieren und die Geister beherrschen.
Sie soll daher deutsch sein im schärfsten, ausgeprägtesten Sinn,
deutsch vor allen provinziellen Dingen und gegen allen ausländischen
Einfluß; welcher Partei sie auch angehöre, ihre Pflicht ist es, nach
außen zu nur Eine Stimme zu führen, wenn liberal, dem Westen, wenn
konservativ, dem Osten als deutsch gegenüberzustehen, und im Innern
unter allen Kämpfen nur das #Eine Ziel, die Einigkeit# vor Augen zu
haben.
Wenn dieses geschieht: so können wir hoffen, für eine große Zukunft
gerüstet dazustehen und das Schicksal würdig zu empfangen, es mag nun
im sanften Wehen oder im wilden Sturme zu uns kommen.
Vor allem aber, deutsches Volk, #steh' fest auf dir allein# -- schau
nicht um weder rechts noch links nach Freunden und Nachbaren, geh
unverrückt deinen eigenen Weg, und achte nicht auf die, welche scheel
seh'n zu Deutschlands steigender Wiedergeburt. Glaube sicherlich,
es ist keine unter den mächtigern Nationen Europas, welche dich
nicht lieber klein und niedrig sehen wollte denn herrlich und groß,
keine, von der du dir Heiles und Freundschaft erwarten könntest, um
deinetwillen, keine, die dir nicht den Weg erschweren möchte, den du
betreten hast.
So ists im Frieden; wie erst, wenn die Gewitterwolken sich entladen,
die jetzt schon schwül und dumpf über unsre Häupter hereinhängen? Es
kann eine Zeit kommen, wo von allen Gränzen her die Wogen über dich
zusammenschlagen, und der Feind dich ängstigt in allen deinen Thoren.
Da wirst du keinen Genossen haben als dich selbst, keine Hülfe als
die der eigenen Kraft. Denn die Völker, welche dich mit Freuden ehren
werden, #wenn# du einst sein wirst, wozu du berufen bist, werden
sich dir entgegenwerfen, #ehe# du's bist; und um der Erste zu sein in
Europa, mußt du dich vielleicht erproben vor ganz Europa. Ein heißer,
schwerer Kampf -- und dann wird Friede werden, wahrhaftiger Friede;
erst aber sollst du im Feuer geläutert werden, damit die Schlacken von
dir gehn und du erfunden werdest als reines Gold.
Darum, seid einig, haltet fest und eng an einander, bis die höhere
Hülfe kommt. Thut ihr das Eurige -- und Gott, der noch nie seine
Deutschen verlassen hat, wird das Seinige thun. Vergiß es nie,
deutsches Volk, schreib' es dir tief ins Herz und sag' es dir täglich
und immer wieder: die Zeit, welcher du entgegen gehst, ist eine Zeit
auf Leben oder Tod, jetzt oder nie ist deine Stunde gekommen, ist
dir die Wahl gegeben, Alles zu sein oder Nichts. Vor dir liegt eine
herrliche Zukunft -- wo nicht, die tiefste Erniedrigung. Du bist das
Salz der Erde. Wenn aber das Salz verdummt, was geschieht? »#Es ist
hinfort zu Nichts nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es
zertreten.#«
Noch einmal rufe ich dir zu, mit den Worten eines alten Sehers: »#Mache
dich auf, und werde Licht#; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit
des Herrn gehet auf über dir. Denn siehe, Finsterniß bedeckt das
Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir gehet auf der Herr, und
seine Herrlichkeit erscheinet über dir. Und die Völker werden in deinem
Lichte wandeln, und die Könige in dem Glanz, der über dich aufgeht.
Hebe deine Augen auf, und siehe umher: diese alle versammelt kommen zu
dir. Deine Söhne werden von Ferne kommen, und deine Töchter zur Seite
erzogen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und ausbrechen, und dein
Herz wird sich wundern und ausbreiten, wenn sich die Menge am Meer zu
dir bekehrt und die Macht der Völker zu dir kommt.«
FUSSNOTEN
[1] Man erlaube mir, den »Untergang des Reiches« auf die ganze Dauer
der Napoleonischen Kriege auszudehnen.
[2] Ebendeßhalb, weil er auf dem Gipfel des Mittelalters steht, hat
die Sage sich an Friedrich den Rothbart geknüpft. Er schläft und
träumt so lange, bis wieder eine Zeit (die neuere Zeit) den Gipfel der
Vollendung erreicht. Dann erwacht er wieder als #Friedrich#, d. i. als
Friedebringer seines Volks.
[3] Es ist bekannt, daß die Starrheit der Calvinischen Consequenzen
eine Verschiedenheit der Symbole, somit eine Bewegung innerhalb
gewisser äußerster Gränzen erzeugte. Das Eine Symbol, zu dem die
Lutheraner bald sich einigten, erstarrte bälder, konnte vom Geiste
leichter übersprungen werden: der philosophische Fortgang knüpft
sich daher in höherem Grade an den Lutheranismus. Von ihm ist hier
vorwiegend die Rede, weil die #deutsche# Entwicklung, weil der
#positiv# philosophische Trieb, der die Deutschen charakterisirt,
von ihm geleitet worden ist; während die #negative# Philosophie (der
Deismus in Holland und England, die Aufklärung in Frankreich) durch das
reformirte Princip vermittelt wurde.
[4] Es geht Luthers Schriften ohngefähr wie der Bibel: beide werden
vernachlässigt, weil sie religiösen Inhalts sind!
[5] Weil das reformirte Princip seinem Wesen nach ein
#romanisch#-germanisches war, so konnte kein dritter großer Staat
entstehen, in dem es, wie das katholische in Oestreich, das lutherische
in Preußen, vertreten gewesen wäre. Im Gegentheil ist's bezeichnend,
daß die Pfalz, als im Westen gelegen, die Hegemonie der reformirten
Partei übernahm, daß gerade sie so oft von Frankreich überzogen,
endlich verschlungen wurde.
[6] Nichts charakterisirt schärfer das deutsche Wesen, als der Begriff,
den die Sprache mit dem Worte leicht-fertig verbindet. Leicht-fertig
waren damals die Franzosen, und eben deßhalb leichtfertig.