Ist das Letztere geschehen: so bleibt noch Eine Verschiedenheit

zurück unter den Konfessionen, die einzige tief eingreifende, schon

heutzutage die kardinale Verschiedenheit[70]: ich meine die Theorieen

über Verfassung der Kirche und ihre Stellung zum Einzelnen, und der

Bestand der Theorieen in der Wirklichkeit. Die absolute Monarchie der

römischen Kirche, das Episkopalsystem des aufgeklärten Katholicismus,

die Beamtenrepublik der Lutheraner und die Demokratie der Reformirten

stehen sich unversöhnt gegenüber. Ob die Kirche zwischen Gott und den

Menschen vermittele, oder ob der Einzelne ohne ihre Dazwischenkunft

frei mit dem Höchsten verkehre; ob sie dem Staat sich hingeben oder

in eigenthümlicher Organisation selbstständig verharren solle, ob sie

sichtbar sein müsse oder unsichtbar sein könne, das alles hängt mit den

oben genannten Differenzen aufs innigste zusammen.

Und hier ist es nun, wo der Einfluß der Philosophie seine volle

Wirkung entfalten wird. Von ihr allein können die Verfassungsfragen

entschieden werden, worüber weder die Urkunden, noch der Geist des

Christenthums Aufschluß geben. Der Geist der Wahrheit, indem er sich

im Staate verwirklicht, erleuchtet mit seinem Lichte zugleich das

Dunkel der kirchlichen Gestaltung: das Bild des vollendeten weltlichen

Staates wird zugleich das Vorbild des geistlichen. Die Kirche muß

#konstitutionell# werden, wie der Staat es ist; sie muß gleich ihm ein

Gleichgewicht finden zwischen dem monarchischen, aristokratischen und

demokratischen Element. Jene absolute Vollgewalt, welche die römische

Partei dem Papste vindicirt, ist damit auf immer verloren, es sind

alle diejenigen gerichtet, welche der Kirche die vergangene weltliche

Tendenz des Mittelalters wieder einflößen und dem deutschen Volke, wie

vor Zeiten, einen Götzen der Knechtschaft und der Zwietracht setzen

wollen jenseit der Alpen[71]. Wenn hierin der Katholicismus sich

gereinigt hat: so wird dagegen der Protestantismus erkennen, daß eine

festgeschlossene, einheitliche Organisation allerdings der christlichen

Kirche vonnöthen sei, daß sie, um lebendig zu wirken in der Welt, einer

zusammenhängenden Verbindung und hierarchischer Gliederung bedürfe,

und daß ein sichtbares Oberhaupt mit der Freiheit des Ganzen sich eben

sowohl vertrage, als das Königthum im Staate mit der Freiheit des

Volkes sich verträgt. Er wird einsehn, wie bei aller Ungebundenheit der

Forschung des Einzelnen doch eine Kirche, um Kirche zu bleiben, wenn

sie nicht zerfallen soll in unendliche Parteiungen, ein #Bekenntniß#

aufstellen muß, welches den bindenden Ausdruck ihres Glaubens und ihrer

Einrichtung enthält. Und da sowohl die Dogmen als die Verfassung, nach

dem lebendigen Charakter des Christenthums, in den verschiedenen Zeiten

verschiedener Aenderungen fähig und bedürftig sind: so liegt es an der

gesetzgebenden, in den Concilien ruhenden Gewalt, dem Symbole und den

Satzungen, dem Bedürfnisse gemäß, die entsprechende Modification zu

geben. Auf diese Weise wird die katholische Ansicht von der unbedingten

Gewalt der Kirche zur freien und beweglichen; den Protestanten bleibt

unbenommen, die Bibel als die einige Quelle der christlichen Lehre

zu betrachten, doch ists an ihnen, zuzugestehn, daß diese Quelle

eine Auslegung, die Auslegung einer kirchlichen Macht erfordert und

daß einiges Gewicht aus eben diesem Grunde auch der kirchlichen

Ueberlieferung beiwohnt[72]: gerade wie im Staate das Gesetz nicht

bestehen könnte ohne die befugten Ausleger und wie auch hier, neben den

geschriebenen Statuten, dem überlieferten (Gewohnheits-) Rechte eine

Geltung gegeben wird.

Dieses alles kann nur langsam geschehen, im Laufe der Zeit und durch

gesteigerte Unbefangenheit der ganzen religiösen Anschauung. Die

Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hat eine Toleranz geschaffen,

die auf der Gleichgültigkeit oder Verachtung beruhte. Aus der des

neunzehnten soll eine höhere Toleranz hervorgehen, welche zur

Versöhnung treibt, nicht weil sie die konfessionellen Dinge von sich

weiset, sondern weil sie dieselben durchdringt und eben hiedurch die

Gemüther zu warmer religiöser Gemeinsamkeit, die Geister zu voller und

gerechter Anerkennung erhebt. Es soll aber Deutschland allen übrigen

Ländern in dem großen Werke der Versöhnung vorangehen, als dasjenige

Land, in dem die Kirchenspaltung ihren Ursprung genommen, in dem die

drei Parteien sich in gleicher Blüthe erhalten, in dem endlich heute

noch über kirchliche Fragen am tiefsten gedacht, aufs lebhafteste

verhandelt und am meisten gestritten wird. Was hier, im Mittelpunkte

des religiösen Lebens, zur Entscheidung kommt, ergießt sich von selbst

in die übrigen Theile von Europa, besonders ins germanische, welches

in der altlutherischen Kirche Skandinaviens, in der presbyterianischen

Schottlands und in der englischen Hochkirche die verschiedensten

Elemente beherbergt[73]. Die erste kirchliche Aufgabe der Zukunft muß

also die sein, eine #deutsche Nationalkirche# zu schaffen, zunächst

um die Deutschen zu einigen, weiterhin aber als Grundlage einer

umfassenden, europäischen Kircheneinigung.

Denn die Kirche muß zuvor gereinigt, sie muß eine andere, neue und

höhere sein, ehe Europa der großen Sendung genügen kann, die ihm über

die Erde hin angewiesen ist. Der Staat kann erobern, beherrschen,

civilisiren und organisiren, die Kirche aber soll durch ihre Missionen

den Saamen einer innern Umwandlung unter die barbarischen Völker

streuen. Dieses ist unmöglich, der Sieg und die Ausbreitung des

christlichen Princips kann nicht gedeihen, so lange die Missionen von

kleinlichem Gesichtspunkt geleitet, in kleinlichem Geiste ausgeführt,

durch beständige Zwietracht sich selbst zerrütten. Erst wenn es einst

eine große, einige und umfassende Mission gibt, kann die Erde durch die

Waffe des Princip[74] unter civilisirten, durch das Christenthum unter

wilden Völkern, im höchsten Sinne #des Herrn werden#.

Kapitel XV.

Beschluß.

Es gibt in der Geschichte des Menschengeschlechts drei große

Epochen der Erziehung, drei Zeiten, in welchen der göttliche Geist,

obwohl beständig und allenthalben wirksam, doch mit besonderer

und unmittelbarer Fügung eingegriffen hat in die Entwicklung des

Menschengeschlechts.

Die erste Zeit ist gewesen, als Moses die ältesten Traditionen

fixirte und den Glauben an den Einigen Gott auf Jahrtausende hinaus

bewahrte, indem er beides in einem durch Gesetze, Verfassung und Sitten

abgeschlossenen Volke niederlegte. Dies war das erste Testament,

in welchem Gott noch dunkel verhüllt, und als strenger Vater den

unmündigen Kindern erschien -- nur vorbereitend, nur Grundlage für die

kommenden. Die zweite Zeit war, als Christus die Decke von den Augen

nahm, als er aus der symbolischen Hülle die reine religiöse Anschauung

hervorzog, und einen ewigen Bund der Liebe aufrichtete zwischen Gott

und den Menschen, so daß #in ihm# und #durch ihn# Alle selig werden

konnten. Die dritte Zeit ist die unsrige. Mit dem dritten Testamente

ist die Erziehung des Geschlechts abgeschlossen: die Menschheit steht

nicht nur liebend und versöhnt, sie steht auch #bewußt# und #frei#

dem Vater gegenüber, das Menschliche wird geheiligt, und die dunkeln

Ahnungen eines göttlichen Reiches auf Erden, welche in den Büchern des

zweiten Bundes enthalten sind, gehn der Verwirklichung zu[75].

Das erste Testament war nur Einem Volke gegeben, das zweite den

Menschen schlechthin, das dritte wird durch Ein Volk allen Völkern

gegeben werden.

Jenes ersten Volkes Schicksal ist uns allen bekannt. Gott hatte sich's

auserlesen zu seinem Eigenthum, es begnadigt mit wunderbarer Führung.

Er hatte es großgezogen in der Schule der Knechtschaft, ihm dann ein

Gesetz gegeben, ihm viele Helden und große Könige erweckt, später

aber, als es in Zwietracht zerfiel, sich spaltete und andern Göttern

nachging, fremde Unterjochung aufgelegt, um reiner und geläuterter

daraus hervorzugehn. Die ganze Geschichte des Volkes, sein Kultus, sein

Glaube, seine Helden und Propheten, seine heiligen Bücher -- alles

war eine ununterbrochene, lebendige Weissagung eines höheren, neuen

Evangeliums. Als aber nun die Zeit erfüllet war, als das Wort erschien

-- da überhörten sie den Ruf des Höchsten und schlugen den Messias

an's Kreuz. Da ging in Erfüllung, was Moses ihnen verkündigt hatte:

sie wurden »zerstreuet unter alle Völker der Erde, von einem Ende der

Welt bis an's andere; sie haben kein bleibendes Wesen unter ihnen, und

ihre Fußsohlen keine Ruhe; der Herr hat ihnen ein bebendes Herz und

verschmachtete Augen und verdorrete Seelen gegeben.«[76]

Das zweite von jenen begnadigten Völkern bist du, deutsches Volk. Auch

du bist »ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priesterthum, ein

heiliges Volk, ein Volk des Eigenthums dem Herrn.« Zwar in einem andern

Sinne, denn jene waren gleichsam als das halsstarrigste, verkehrteste

und unwissendste unter allen auserlesen zu hervorstechenden Werkzeugen

der Erziehung, während du vor allen reich gesegnet bist an Gaben des

Geistes und Gemüths, am fähigsten #ihn# zu suchen und zu finden,

jene durch ein großes #Geschick# begnadigt, während du durch #Natur#

es bist. Aber doch hat der Herr auch dich so wunderbar geführt, hat

auch deine Kindheit in schwerem Druck herangezogen, hat auch dir den

Sieg verliehen und dich groß gemacht über alle Feinde, auch dir im

Christenthum ein Gesetz gegeben und dir vergönnt, eine neue Ordnung

der Dinge drauf zu gründen, auch dir viel große Herrscher und Richter

erweckt, auch über dich, als du von der eignen Art zu lassen, falscher

nachzujagen und in Zwietracht dich aufzulösen drohtest, das Joch einer

fremden Knechtschaft verhängt, damit du reiner und herrlicher wieder

auferstündest. Auch deine Geschichte ist eine lebendige, fortlaufende

Weissagung, auch sie ist allenthalben erfüllt von Typen, Vorbildern

und Ahnungen einer kommenden Herrlichkeit, wenn du sie nur zu deuten

verstehst. Sieh hin auf dein Mittelalter. Hast du nicht in deinem

Kaiserthume das Vorbild jener umfassenden Hegemonie, jener allgemeinen

Völkerordnung? nicht in deinen Kreuzzügen die Ahnung eines großen

Sieges über die asiatische Welt, in deinen hierarchischen Kämpfen

eines gerechtfertigten Verhältnisses von Staat und Kirche? Ist nicht

dein seltsamer, tausendfach abgestufter Lehrerstaat der #materielle#

Typus jener wahrhaftigen #geistigen# Staatsordnung, nicht deine

mittelalterliche Aristokratie das Vorzeichen eines höheren Adels[77]?

Und deine Reformation, ist sie nicht die Weissagung eines größern

Princips, welches gleich ihr die Völker durchdringen und Europa

verjüngen soll? Ja, mußtest du nicht, wie die Juden durch persische und

babylonische, so durch europäische Knechtschaft hindurchgehn, um reif

zu werden für deine höchste Hervorbringung?

Jetzt, deutsches Volk, kommt näher und näher die Zeit, da an #dich#

der höhere Ruf ergehen wird. In deine Hände hat der Herr dein eigen

Schicksal und das der Welt gelegt; durch dich will er's entscheiden,

ob die Völker in leichtsinniger Materialität verderben oder in

drückenden Fesseln des Geistes versinken, ob sie an einer falschen

Freiheit verbluten oder in knechtischer Niedrigkeit dahin sterben

sollen, ob die Civilisation einer Welt sich an den eignen Wunden

verzehren oder auf Jahrhunderte hinaus der Barbarei unterliegen soll:

-- oder ob ein neuer, herrlicher Frühling hereinbrechen soll über das

arme Menschengeschlecht. Das Alles hat er #dir# anheimgestellt, weil

du der Heilung vor allen bedürftig, weil dir die Gefahr am ehesten

droht, weil, wenn du dich nicht zu retten vermagst, du, in dem die

frischesten, moralischen und geistigen Kräfte schlummern, überhaupt

keine Rettung mehr vorhanden ist. Wirst du nun auch sein, wie jene,

deren unseliges Loos es war, »niemals zu sein, was sie hätten sein

sollen und sein können?«

Warum rufe ich dir dieß zu? Nicht als ob es in deiner Macht stünde,

jenen Gedanken hervorzuzaubern, aus welchem allein eine neue Zeit

entsprießen kann: dazu muß dir der Höchste Einen aus den Deinigen

erwecken und wird es thun; sondern damit du dich bereitest auf eine

große Zukunft und ausfüllest die tiefe Kluft, die zwischen deinem Sein

und deinem Können besteht, damit wenn der Weltgeist kömmt, um Wohnung

zu machen unter dir, er eine würdige Stätte finde -- ein einiges,

starkes, enggeschlossenes, stolzes, nach dem Größten begieriges Volk,

ein Volk, das sich kenne und achte mehr denn bisher und wisse, wozu

es berufen ist unter den Völkern. Glaube nicht, daß dir's Gott im

Schlafe bescheeren werde, wie du lange geglaubt, daß er dich jemals mit

einem Glück überschütten werde, dessen du dich nicht würdig gemacht

im Schweiß deines Angesichts; im Schlaf gibt ers den Kindern, du aber

sollst ein #Mann# sein und mit #Manneskraft# das Schicksal an dich

reißen -- und das ist's gerade, was du bisher so wenig gewesen und so

selten gethan hast.

Es ist zwar allerdings, als ob die neue Zeit sich schon hören ließe,

ihr allmächtiger Schritt klingt schon, wenn auch noch aus der Ferne, zu

uns herüber. Ein herrlicher Auferstehungsgeist glüht und arbeitet in

den deutschen Landen, ein anderer Sinn ist erwacht und das Wehen einer

hoffnungsreichen Zukunft zieht hin über die deutsche Erde. Der Anfang

ist geschehen, der erste Grund gelegt. Laß diese heilige Begeisterung,

deutsches Volk, nicht noch einmal zum Gespötte werden, wie es eine

frühere schon geworden, laß sie nicht betasten von ungeweihten Händen,

nicht schnöde mißbrauchen zu Parteienzweck, als ein treffliches

Werkzeug für die Stunde der Gefahr, welches weggeworfen wird in

sicheren Zeiten, oder als Waffe in derer Hand, die dir von Freiheit

schwätzen und weiter nichts wollen als sich bereichern an deiner

Zerrüttung. Laß nicht erkalten, was einmal glüht, nicht erschlaffen,

was einmal lebt; strebe fort und fort, ohne Rast und Ruhe, als gälte

es (wie es denn auch gilt) dein Dasein auf Jahrhunderte. Wer immer

kämpft für ein gutes deutsches Recht, der thu' es ohne Unterlaß und

unerschütterlich, es werde was da wolle -- und das ganze Volk soll ihm

zur Seite stehen, und ihn stärken im Kampf. Wer immer arbeitet für die

äußere Größe des Vaterlandes, sei es für Zollverein oder Eisenbahnen

oder Volksbewaffnung, wenn es nur vaterländische Zwecke sind,

deßgleichen und noch mehr, wer es für innere Größe thut, für Mündigkeit

und gegen Mißbräuche, für die Heiligkeit des Gesetzes und die Reinheit

der Verwaltung, für Förderung des Unterrichts und der Sitten oder fürs

freiere Wort, -- alle diese sollen unverrückt und unaufhaltsam, wo

nicht das Gesetz sie aufhält, dem Ziele nachjagen, das sie einmal sich

vorgesetzt. Und wo sie's nur im rechten Geiste thun, sollen sie nicht

zagen oder zweifeln am Erfolg; denn »alle die auf den Herrn harren,

kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie

laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.«

Es sind aber vorzüglich drei Mächte, in welchen das Wohl oder Weh

des Vaterlandes liegt. Die erste sind die Fürsten und die, die in

ihrem Rathe sitzen. Der Fürsten Sache ist es, voranzugehen in Allem,

was die Ehre, den Ruhm und die Wohlfahrt Deutschlands besonders nach

außen betrifft, und, wie sie auch sonst zu den politischen Fragen der

Zeit gestellt sein mögen, das Eine nicht zu vergessen, was Einer aus

ihrer Mitte ihnen zugerufen hat, daß die Völker nicht um ihrentwillen,

sondern sie um der Völker willen da seien. Ihre Rathgeber aber sollen

bedenken, welch ein schweres Gewicht der Verantwortung auf ihnen liegt,

daß die öffentliche Meinung mit einem ganz andern Maßstabe #sie#, mit

einem andern ihre Herren mißt (welche als sterbliche Menschen auf die

höchste Höhe gestellt, gerade zumeist dem Straucheln ausgesetzt sind),

und daß die Nation um so höher sie ehren wird, je weniger sie ihre

Stimme zu meiden, oder mit der Heiligkeit des Thrones ihre Fehler zu

bedecken suchen. -- Die zweite Macht sind die Kammern. Diesen liegt es

ob, die allgemein deutschen Interessen vor allem hervorzuziehen, für

sie, wenn es Noth thut, auch Opfer zu bringen, und es #wohl zu wägen#,

ehe sie schwierige (und wie oft fruchtlose) Controversen beginnen; wenn

sie aber begonnen werden müssen, #ohne Wanken# mit dem Recht zu stehen

und zu fallen. -- Die dritte Macht ist die Presse. Ihr ist Unendliches

anvertraut, sie kann die Seelen regieren und die Geister beherrschen.

Sie soll daher deutsch sein im schärfsten, ausgeprägtesten Sinn,

deutsch vor allen provinziellen Dingen und gegen allen ausländischen

Einfluß; welcher Partei sie auch angehöre, ihre Pflicht ist es, nach

außen zu nur Eine Stimme zu führen, wenn liberal, dem Westen, wenn

konservativ, dem Osten als deutsch gegenüberzustehen, und im Innern

unter allen Kämpfen nur das #Eine Ziel, die Einigkeit# vor Augen zu

haben.

Wenn dieses geschieht: so können wir hoffen, für eine große Zukunft

gerüstet dazustehen und das Schicksal würdig zu empfangen, es mag nun

im sanften Wehen oder im wilden Sturme zu uns kommen.

Vor allem aber, deutsches Volk, #steh' fest auf dir allein# -- schau

nicht um weder rechts noch links nach Freunden und Nachbaren, geh

unverrückt deinen eigenen Weg, und achte nicht auf die, welche scheel

seh'n zu Deutschlands steigender Wiedergeburt. Glaube sicherlich,

es ist keine unter den mächtigern Nationen Europas, welche dich

nicht lieber klein und niedrig sehen wollte denn herrlich und groß,

keine, von der du dir Heiles und Freundschaft erwarten könntest, um

deinetwillen, keine, die dir nicht den Weg erschweren möchte, den du

betreten hast.

So ists im Frieden; wie erst, wenn die Gewitterwolken sich entladen,

die jetzt schon schwül und dumpf über unsre Häupter hereinhängen? Es

kann eine Zeit kommen, wo von allen Gränzen her die Wogen über dich

zusammenschlagen, und der Feind dich ängstigt in allen deinen Thoren.

Da wirst du keinen Genossen haben als dich selbst, keine Hülfe als

die der eigenen Kraft. Denn die Völker, welche dich mit Freuden ehren

werden, #wenn# du einst sein wirst, wozu du berufen bist, werden

sich dir entgegenwerfen, #ehe# du's bist; und um der Erste zu sein in

Europa, mußt du dich vielleicht erproben vor ganz Europa. Ein heißer,

schwerer Kampf -- und dann wird Friede werden, wahrhaftiger Friede;

erst aber sollst du im Feuer geläutert werden, damit die Schlacken von

dir gehn und du erfunden werdest als reines Gold.

Darum, seid einig, haltet fest und eng an einander, bis die höhere

Hülfe kommt. Thut ihr das Eurige -- und Gott, der noch nie seine

Deutschen verlassen hat, wird das Seinige thun. Vergiß es nie,

deutsches Volk, schreib' es dir tief ins Herz und sag' es dir täglich

und immer wieder: die Zeit, welcher du entgegen gehst, ist eine Zeit

auf Leben oder Tod, jetzt oder nie ist deine Stunde gekommen, ist

dir die Wahl gegeben, Alles zu sein oder Nichts. Vor dir liegt eine

herrliche Zukunft -- wo nicht, die tiefste Erniedrigung. Du bist das

Salz der Erde. Wenn aber das Salz verdummt, was geschieht? »#Es ist

hinfort zu Nichts nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es

zertreten.#«

Noch einmal rufe ich dir zu, mit den Worten eines alten Sehers: »#Mache

dich auf, und werde Licht#; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit

des Herrn gehet auf über dir. Denn siehe, Finsterniß bedeckt das

Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir gehet auf der Herr, und

seine Herrlichkeit erscheinet über dir. Und die Völker werden in deinem

Lichte wandeln, und die Könige in dem Glanz, der über dich aufgeht.

Hebe deine Augen auf, und siehe umher: diese alle versammelt kommen zu

dir. Deine Söhne werden von Ferne kommen, und deine Töchter zur Seite

erzogen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und ausbrechen, und dein

Herz wird sich wundern und ausbreiten, wenn sich die Menge am Meer zu

dir bekehrt und die Macht der Völker zu dir kommt.«

FUSSNOTEN

[1] Man erlaube mir, den »Untergang des Reiches« auf die ganze Dauer

der Napoleonischen Kriege auszudehnen.

[2] Ebendeßhalb, weil er auf dem Gipfel des Mittelalters steht, hat

die Sage sich an Friedrich den Rothbart geknüpft. Er schläft und

träumt so lange, bis wieder eine Zeit (die neuere Zeit) den Gipfel der

Vollendung erreicht. Dann erwacht er wieder als #Friedrich#, d. i. als

Friedebringer seines Volks.

[3] Es ist bekannt, daß die Starrheit der Calvinischen Consequenzen

eine Verschiedenheit der Symbole, somit eine Bewegung innerhalb

gewisser äußerster Gränzen erzeugte. Das Eine Symbol, zu dem die

Lutheraner bald sich einigten, erstarrte bälder, konnte vom Geiste

leichter übersprungen werden: der philosophische Fortgang knüpft

sich daher in höherem Grade an den Lutheranismus. Von ihm ist hier

vorwiegend die Rede, weil die #deutsche# Entwicklung, weil der

#positiv# philosophische Trieb, der die Deutschen charakterisirt,

von ihm geleitet worden ist; während die #negative# Philosophie (der

Deismus in Holland und England, die Aufklärung in Frankreich) durch das

reformirte Princip vermittelt wurde.

[4] Es geht Luthers Schriften ohngefähr wie der Bibel: beide werden

vernachlässigt, weil sie religiösen Inhalts sind!

[5] Weil das reformirte Princip seinem Wesen nach ein

#romanisch#-germanisches war, so konnte kein dritter großer Staat

entstehen, in dem es, wie das katholische in Oestreich, das lutherische

in Preußen, vertreten gewesen wäre. Im Gegentheil ist's bezeichnend,

daß die Pfalz, als im Westen gelegen, die Hegemonie der reformirten

Partei übernahm, daß gerade sie so oft von Frankreich überzogen,

endlich verschlungen wurde.

[6] Nichts charakterisirt schärfer das deutsche Wesen, als der Begriff,

den die Sprache mit dem Worte leicht-fertig verbindet. Leicht-fertig

waren damals die Franzosen, und eben deßhalb leichtfertig.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 17 / 19 段