[49] Dieß glauben wir wenigstens, wenn wir konsequent die Sache

betrachten und die Geschichte zu Rathe ziehn. Alle großen, bewegenden

Ideen sind von Einzelnen ausgesprochen worden, welche, was in der Zeit

schlummerte, zum klaren Ausdruck erhoben. Die Wissenschaft vollends,

die alle Strahlen der Erkenntniß in Eins zusammenfassen soll, kann nur

aus Einem Kopfe entspringen. Es ist ein gewöhnliches Wort, das Reich

des Denkens und Wissens sei eine Republik. Ja wohl Republik, aber in

der die Diktatur zuweilen nöthig ist. Siehe übrigens, was Schelling

über diesen Gegenstand sagt in der Vorrede des kleinen Buches »vom Ich.«

[50] Wollte man hieraus den Schluß ziehen, daß die Deutschen überhaupt

nicht so bald zur Klarheit gelangen können, so würde man sehr irren. Im

Gegentheil sagt die Erfahrung, daß der denkende Mensch gerade aus der

tiefsten Verwirrung und Rathlosigkeit oft zur Klarheit durchdringt. Und

wie der Einzelne, so das Volk.

[51] Es wird damit nicht ein Urtheil gesprochen, als ob Hegel und

Schelling an sich bedeutender wären als Kant und Fichte, nur die

Entwicklung anerkannt.

[52] In dieser jüngeren Partei ist allerdings das meiste Leben; aber

man ist deshalb nicht berechtigt, sie als den #wahren# und die Andern

als den #falschen# Ausdruck Hegels anzusehn (wodurch eine Einheit der

Hegel'schen Anschauung sich ergäbe). Im Gegentheil, geht sie immer

weiter von Hegel hinweg und betrachtet sich bereits als eine neue

Phase, welche über Hegel stehe, wie Hegel über Schelling. Zum Theil

geschieht dieß aus dem richtigen Gefühl, daß man über Hegel hinausgehen

müsse, um die Philosophie zum lebendigen Einfluß auf die Wirklichkeit

zu führen. (S. weiter unten im Text.) Ich sage übrigens absichtlich

»Aufklärung,« weil dieß Wort an eine bereits dagewesene Weltansicht

erinnert. Was diese Jungen uns geben, ist nur die alte Aufklärung des

achtzehnten Jahrhunderts, in neues philosophisches Gewand gehüllt. Dieß

erwähne ich nicht, als ob ich das Große der alten Aufklärung verkennte,

sondern weil es widerlich ist zu hören, wie die junge Partei ihre

Weisheit als ganz neues, unerhörtes Evangelium predigt, und weil Viele

durch den zuversichtlichen Ton und die moderne Kunstsprache verführt

werden, dieß zu glauben.

[53] Beweis hiefür ist der größte Theil der hegelianischen Literatur.

[54] In der Menschen Art, besonders aber in der Deutschen Art. Die

Neigung der Deutschen, sich täuschen zu lassen, ist oft genug getadelt

worden. Es ist ein Stück der deutschen Gutmüthigkeit und scheint

unzerstörlich zu sein. Eine andere Nation würde sich #so viel# nicht

gefallen lassen, als uns fast täglich zugemuthet wird.

[55] Das Buch, worauf hier angespielt wird, ist »#die europäische

Triarchie#.« Man sieht hier, wie weit es möglich sei, mit dem

Hegelianismus auszureichen. Es hat übrigens diese »Triarchie« mit dem

berüchtigten Werke über die Pentarchie (womit ich es sonst in keiner

Weise vergleichen will) einen merkwürdigen historischen Zusammenhang;

und beide gleichen sich darin, daß sie die Deutschen auf fremde Hülfe

verweisen. Wenn sich in Europa keine andere Politik erhebt, als die

der Protokolle und des Gleichgewichts und des _status quo_: so hat der

Pentarchist ganz Recht, so entsteht in der That ein so widernatürliches

System als er es predigt, so geräth wirklich Deutschland unter

russisches Protektorat. Andererseits, wenn sich keine höhere

Philosophie erhebt als die Hegel'sche, so hat der Triarchist in seiner

Weise Recht, so müssen wir auf die eigene Thatkraft verzichten, und das

Handeln den Engländern und Franzosen überlassen.

[56] So wie z. B. das Christenthum anfangs nur sehr Wenigen

verständlich, diese Wenigen aber zum Theil Zöllner und Fischer gewesen.

[57] #Ahnung# nenne ich vor allem, daß im Hegelschen System (mehr

als es je in früheren der Fall war) die verschiedensten Meinungen

und entgegengesetztesten Richtungen sich begegnen. (Dieß wird auch

beim kommenden Princip geschehen, weil die Wahrheit die einseitigen

Erkenntnisse sämmtlich in Eine Weltanschauung zusammenfassen muß).

#Trostlose Unfähigkeit# nenne ich, daß alle diese unzähligen Meinungen

das Hegel'sche System zersetzen, statt von ihm gehalten und beherrscht

zu werden. Der Inhalt ist erbärmlich, und die Allseitigkeit nur

#formal#.

[58] #Sophisten#, weil die Redekunst damals ebenso gemißbraucht wurde,

als heutzutage die systematische Form, und weil in beiden Fällen die

innere Wahrheit der äußern Fertigkeit geopfert wird. Freilich ist hier

mehr denn Griechenland.

[59] Eine Philosophie, die #von vornherein# darauf ausginge das

Christenthum mit dem Zweifel zu vermitteln, wäre keine Philosophie,

sondern Scholastik. Wer die Wahrheit ernstlich sucht, der sucht

sie ohne Rücksicht auf den Ausgang, sie mag zum Atheismus oder zum

Christenthum führen. Aber das Ende der wahren Philosophie wird eben,

ohne daß sie es sucht, eine höhere Vermittlung sein.

[60] Siehe Matthäi 19, 12. Alles das, was hier scharf hervorgehoben

ist, liegt freilich mehr als innere Konsequenz denn als ausgesprochenes

Dogma im Christenthum; und die Weisheit des Stifters hat niemals an

die menschliche Natur eine übertriebene Forderung gestellt. Aber die

Ascetik, die Mönchsorden, das Cölibat der Priester -- alles das war

doch nur nothwendige Folge, nicht Ausartung des Christenthums. Wer sich

davon überzeugen will, darf nur die protestantisch-kirchliche Ansicht

mit der katholischen vergleichen. Auch Luther hat die Priesterehe nicht

dem Cölibat als solchem, er hat sie nur der gemäß der menschlichen

Schwäche mit dem Cölibat verknüpften Sittenlosigkeit vorgezogen. Nur in

letzterer Hinsicht ist ihm die Ehe besser denn die Nichtehe.

[61] Es ist, wenn man den oben angedeuteten Gang bedenkt, ganz

naturgemäß, daß in unsern Tagen die Orthodoxie gewöhnlich mit dem

Pietismus zusammenfällt, obgleich beide ursprünglich sehr verschieden

sind. Die Heuchelei hat freilich hier gewonnenes Feld, wie überall,

wo ein inneres Leben sich zu einer bestimmten äußern, leicht

nachzuahmenden Form ausprägt. In der katholischen Kirche ist der

Pietismus weniger möglich, weil sie noch immer, als eine sichtbare, ins

äußere Leben eingreifende Macht, mit ihrem Kultus auch den sinnlichen

Menschen befriedigt.

[62] Da die Spekulation zunächst nicht hieher gehört, so konnte sie

hier nur im Allgemeinen berührt werden. Wenn ich übrigens scheinbar

widersprechende Dinge zusammen zu stellen scheine, so ist dieß mit

Bedacht geschehen.

[63] Mit dem gewöhnlichen Namen: #Psychologie#. Ich glaube nicht, daß

Jemand den Muth hat, diejenige Psychologie, die wir bis jetzt besitzen,

(dieses armselige Conglomerat von Notizen und Beobachtungen) nur

eine Wissenschaft zu nennen. Der bedeutendste Geist der neuern Zeit,

Napoleon, fühlte sich versucht, jene Gesetze zu suchen. »_Newton_,«

sagte er, »_a trouvé la philosophie de l'univers, il faut encore

trouver la philosophie du détail_.« Aus seinen Aeußerungen ergibt sich,

daß er unter dem Détail den Einzelgeist, die organische Persönlichkeit

im Gegensatz zur Materie verstand; zugleich sieht man daraus, wie er

sich geistig zu schwach fühlte, sie zu finden.

[64] Das Bestreben, den Staat zum Abdruck der innern Ordnung zu machen,

ist das was sich durch alle Staatsverfassungen von den ältesten bis

auf die französische Gleichheit hindurchzieht. »Der Mensch soll in dem

Range sein und bleiben, den er ursprünglich von Geburt einnimmt:« dieß

war der älteste Grundsatz, aus welchem, weil man die »Geburt« materiell

auffaßte, die indischen und ägyptischen Kasten entsprangen. Rousseau

ging von der richtigen Ansicht aus, daß man, um den wahren Staat zu

finden, den Ur- und Naturzustand suchen müsse. Statt aber diesen in

der Seele zu suchen, suchte er ihn in der frühesten Geschichte. Auch

hier hätte er ihn noch finden können (denn die Menschen waren von

Anfang an #innerlich# verschieden), wurde aber dadurch getäuscht,

daß die frühesten Menschen und die Wilden, (weil das Bewußtsein der

innerlichen Verschiedenheit bei ihnen noch weniger entwickelt ist)

noch mehr in der Gleichheit verharren. Rousseau's Ansicht wäre nur

dann die richtige, wenn das Menschengeschlecht von Gott ursprünglich

mit #gleichen# Fähigkeiten geschaffen, im Laufe der Zeit aber (durch

eine Art von Fall) in die Verschiedenheit ausgeartet wäre; welches,

wie jedermann weiß, undenkbar ist. In jedem Falle mußte #diese#

Philosophie, um sich im Leben zu verwirklichen, #umwälzen#. Das Ideal,

welches oben aufgestellt ist, knüpft an das #Bestehende# an, und hat

Nichts zu thun, als es allmälig zu vergeistigen. Die Elemente sind alle

vorhanden, und die Staatskunst besteht einfach darin, sie nach und nach

zu sichten. Das psychologische Gesetz ist also vor allem für die von

Wichtigkeit, welche an der Spitze der Staaten stehen. Es kann diesem

Ideale beständig im #Einzelnen# nachgestrebt werden, selbst wenn man im

#Ganzen# es für unerreichbar hält.

[65] Z. B. die #richterliche# und #vollziehende#.

[66] Daß die republikanische Verfassung nur in kleineren Gemeinwesen

gedeihen kann, findet in dem Obigen seine Erklärung. Da, wo entweder

keine natürliche psychologische Einheit besteht, oder die Zahl des

Staatsvolkes so klein ist, #daß ein besonderer persönlicher Ausdruck

des Gesammtindividuums nicht nöthig wird#, kann das Königthum

unterbleiben. Die alten griechischen Republiken waren Staaten der

letztern Art, sie beruhten sämmtlich auf #Provincial#charaktern.

Wäre die ganze griechische #Nation# in Einen Staat vereinigt worden,

so hätte dieser Eine nothwendig monarchisch werden müssen. Die

römische Republik ging zu Grunde, nachdem das Staatsvolk an Zahl

übermäßig zugenommen hatte. Da aber das römische Volk von Anfang an

keine #Nation#, sondern ein eigenthümliches Specialindividuum war,

so bekam hier die monarchische Gewalt niemals die innerliche Weihe

des Königthums, sondern blieb imperatorisch. Die Republiken des

Mittelalters, Venedig und Genua, hatten in den Dogen ihre monarchischen

Spitzen. Die Föderativrepubliken endlich, welche noch vorhanden sind

(Amerika und die Schweiz) gehören der ersten Klasse an, ihnen fehlt

der psychologische Gesammtcharakter. Die Schweizer sind aus Deutschen

und Welschen, die Amerikaner aus Engländern, Deutschen, Romanen und

andern Europäern gemischt. Alle Ansiedlungen in fremden Welttheilen

werden daher so lange Republiken bleiben, bis aus der gemischten

Bevölkerung eine eigenthümliche Nationaleinheit entsteht. -- Unter den

bisherigen monarchischen Verfassungen aber erscheint, nach dem Obigen,

die #absolut-bureaukratische# als nothwendige Uebergangsform von der

mittelalterlichen Ungebundenheit zur Einheit, die #konstitutionelle#

als ein #Versuch#, den wahren Staat hervorzubringen. Die Franzosen

haben neuerlich sogar versucht, eine geistige Pairie zu schaffen, die

aber, weil kein innerer Maßstab vorhanden, viel schlimmer geworden ist,

als eine erbliche es sein würde. Alle Pairie soll eine Gewalt sein, die

auf Geburt, Natur und Rang (entweder leiblich, oder geistig nach einem

psychologischen Gesetze) beruht; wo sie an Aemter und willkürlich zu

bestimmende Verdienste geknüpft ist, geht ihr Charakter verloren.

[67] Es ist dies eines der dringendsten Erfordernisse des künftigen

Princips. »#Wenn der Tröster kommen wird, welchen Ich euch senden werde

vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgehet, der wird

zeugen von mir.#« (Ev. Joh. 15, 26.)

[68] Und von ihr wohl immer als solche werden bezeichnet werden, wenn

auch ihre Begründung in der menschlichen Natur wird nachgewiesen sein.

Denn der Gemüthsanschauung erscheint (wie das Jeder an sich selbst, an

den Vorfällen des Lebens erproben kann) sehr Vieles als Wunder oder

wunderbar, was dem Verstand erklärlich ist; und der Eindruck bleibt,

wenn auch der letztere sich dawiderlegt. Was die Kritik betrifft,

von der oben die Rede ist, so hat sie uns zum Uebermaße gezeigt, was

etwa alles #nicht# wahr sein könne in den Evangelien. Dies war seiner

Zeit sehr verdienstlich. Jetzt muß gezeigt werden, was alles #wahr#

sein könne; und dieß ist wahrscheinlich unendlich mehr, als sich die

Weisheit der Schule träumen läßt.

[69] Dieß ist von protestantischen Theologen bereits hinreichend

geschehen. Die Anhänger des Hegel'schen Systems (Baur, Rothe) predigen

das Aufgehn der Kirche im Staat. Man steht an dieser Selbstverzichtung,

daß die vornehmste Sendung des Protestantismus nicht die war, eine

andere Kirche zu schaffen, sondern die, den Staat und die Philosophie

heraufzuführen.

[70] »Kardinale« sage ich, weil dieser Punkt von Theologen selbst als

der hauptsächlichste Punkt der Trennung in unsern Tagen anerkannt

worden ist.

[71] Da das Leben der katholischen Kirche gegenüber den andern

Konfessionen sich vorzüglich an ihre Einheit, und die Einheit ans

Papstthum knüpft, so ist diese Partei zur Zeit noch sehr lebendig, und

manche bedeutende Menschen gehören Ihr an, welche Höheres wollen, ohne

deutlich zu fühlen, wie verderblich ihre Bestrebung auf die Einheit

des Vaterlandes wirkt. Die ganze ultramontane Bewegung, so viel sie

auf der einen Seite beiträgt, um das katholische Kirchenleben reger zu

erhalten, ist auf der andern nur das Todes-Besser eines #sterbenden#

Wesens -- des mittelalterlichen Primats.

[72] Eine Kirche ohne Symbol ist unmöglich, eine #Konfession# ohne

#Bekenntniß# (wie schon diese beiden Worte zeigen) ein Unding. Das

Bekenntniß kann sich ändern, und wie weit dieß geschehen solle, dieß

ist Sache der Plenargewalt der Kirche; aber ein jeweiliger Ausdruck des

Glaubens muß allezeit vorhanden sein. Es ist unbegreiflich, wie die

älteren rationalistischen Theologen dieses verkannt haben; die neueren

sind konsequenter und geben die Kirche geradezu auf. Die Tradition

erwähne ich, nicht als ob der Protestantismus Unrecht gehabt hätte, sie

als #Quelle# zu verwerfen, sondern weil ohne traditionelles Leben keine

Kirche bestehen kann. Lessing hat sie übrigens treffend verteidigt.

[73] Schon früher ist erwähnt worden, daß die Hochkirche den Uebergang

zum Katholicismus bilde. Sie ist weder in den Dogmen, noch in der

Verfassung viel verschieden, und neuerdings neigt sich eine zahlreiche

Partei, (die der Puseyisten), besonders in den Lehren von der

Stellung und der Gewalt der Kirche, den katholischen Ansichten zu.

Das charakteristische der englischen Kirche ist also hauptsächlich

ihre Entfremdung von der europäischen Gemeinschaft, ihre #insularische

Ausschließlichkeit# (dasjenige, worin Rußland und England sich

gleichen). Alles Ausschließliche aber wird durchbrochen werden, dagegen

die größte Mannigfaltigkeit bleiben in der verschiedenen Färbung der

einzelnen Nationalkirchen.

[74] Siehe was oben über das Verhältniß des Prinzips zum Bramanismns

und Buddhismus gesagt ist.

[75] Da dieser Entwicklungsgang hier nur im Allgemeinen berührt

werden kann, so verweise ich auf Lessings »#Erziehung des

Menschengeschlechts#«, ein kleines, sehr kleines Buch, in dem aber

eine ganze Philosophie der Geschichte (und eine für die damalige

Zeit doppelt wunderbare) enthalten ist. Alles, was Lessing von dem

kommenden dritten Evangelium sagt, bitte ich den Leser auf das Princip

anzuwenden, von dem beständig die Rede war. In der philosophischen

Sprache würde man jene drei Testamente die Offenbarung des #Vaters#,

des #Sohnes# und des #heiligen Geistes# nennen.

[76] 5 Mos. 28, 64. 65.

[77] Weil der Erbadel des Mittelalters sehr häufig zugleich innerer

Adel war und geistig über dem Volke stand.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 19 / 19 段