sei genügend -- was er in keiner Weise ist --: wo ist der Uebergang
von der Idee zum Leben? Wo die Brücke zu den socialen und politischen
Dingen? Wo ist irgend eine Heilkraft für die Gebrechen, irgend ein
Eingriff in die Entwicklung der Zeit? Darin war Fichte ein anderer
Mann und ganz einzig; vor ihm lebte in frischer Eigenthümlichkeit ein
Staat, eine Erziehung, eine Politik; und obwohl jedes Kind begreifen
konnte, wie unmöglich es sei, seine Gedanken praktisch anzuwenden oder
auszuführen, so war doch in #seinem# Geiste die Brücke geschlagen,
#sich# wenigstens hatte er eine sociale Ordnung geschaffen, und in
schwerer Zeit konnte er sprechen zu seinem Volk, so sprechen, daß ihn
als einen der Retter aus tiefer Noth die deutsche Nation ewig heilig
halten soll. Wenn sein Denken, sein Wollen ein Irrthum gewesen, so
war es doch ein großer, herrlicher und lebensvoller Irrthum. Die
heutigen Systeme sind kraft- und leblos; wo sie wagen, herauszutreten
in's Freie, versinken sie im Strudel der politischen Parteiung.
Und das wahrhaftig zum Glück der Zeitgenossen; denn wehe uns, wenn
der modernen Schelling'schen Schule oder den alten oder den jungen
Hegelianern vergönnt wäre, nach ihrem Sinne den Staat zu modeln! Wir
würden in neue und tiefere Verwirrung stürzen; die Unklarheit, noch
leidlich auf dem Gebiete des Wissens, würde unerträglich, wenn sie als
politisches Evangelium erschiene. Doch -- der Hegelianismus selbst
hat gefühlt, wie wenig er berufen sei, das Leben und die Wirklichkeit
zu reformiren; einer seiner begabtesten Jünger hat ein ehrliches
Bekenntniß der socialen Unfähigkeit abgelegt, und die guten Deutschen
für die Gegenwart an die französische Revolution für die Zukunft auf
die englische verwiesen[55].
Auch die höchste Philosophie muß in strenger logischer Gebundenheit
ihre Sätze entwickeln, auch sie kann nicht Allen begreiflich sein, auch
sie wird zunächst nur den Verstand der Menschen berühren. Aber #ihre#
Logik muß, unabhängig von scholastischen Formeln und gelehrtem Beiwerk,
jedem, der klar zu denken vermag, begreiflich, #ihr# Verständniß allen
höheren Naturen vergönnt sein, welche, gebildet oder ungebildet, weß
Standes und Berufes sie sein mögen, nach Wahrheit verlangen[56]; #ihre#
Wirkung soll alle Seiten der Seele erfassen, so daß die Klarheit,
welche geistig über ihr ausgegossen wird, zugleich das Gemüth erwärmt
und der ganze Mensch gewandelt wird wie in Verjüngung und Wiedergeburt.
Ein tiefes, göttliches Element muß in ihr liegen, welches, auch
abgesehen von aller systematischen Entwicklung, die verschiedensten
Naturen bewältigt, die Sehnsucht der Geister und der Herzen befriedigt;
gleichwie die Religion nicht nur durch ihre Dogmen, sondern mehr noch
durch einen innern, kaum auszusprechenden Eindruck die Seelen ergreift.
Das Princip, mit Einem Wort, welches wir begehren, muß von allen
Philosophemen, die bisher gewesen, nicht nur im Grade, sondern der
Wesenheit nach geschieden sein; die ganze Kette von Systemen von
Spinoza an bis auf unsere Tage ist eine der vielen Vorarbeiten, die
der menschliche Geist durchlaufen mußte, um zum Ziele zu kommen: die
größte, ausgesprochenste, und organisch gerundet. Das letzte Glied
der Kette, Hegel, ist sowohl durch die überall sichtliche Ahnung[57],
die theils in seinen, theils in seiner Jünger Ideen lebt, als durch
die trostlose Unfähigkeit (wie sie jetzt klar genug der Welt vor
Augen liegt), die lebendigste und sicherste Weissagung der kommenden
Wahrheit. Der Mann, der die letztere uns brächte, würde unter die
Philosophen des Tages hineintreten, wie einst Sokrates unter die
Sophisten[58].
Ich habe bisher von denen gesprochen, welche des wahren Princips
bereits theilhaftig zu sein glauben; aber ungleich größer ist die
Zahl der Andern, welche ein solches überhaupt nicht begehren, weil
ihnen das Christenthum in seiner Fülle genügend erscheint. Wie weit
dieses wahr sei, wie weit nicht, darüber zu rechten, ist hier nicht
der Ort; aber so viel ist offenbar: wenn auch Einzelne, und darunter
treffliche und redliche Zeitgenossen, einer neuen Erscheinung nicht
bedürfen, so kann damit nicht gesagt sein, daß nicht die Zeit im Ganzen
eines solchen bedürfe. Ja, sie selbst können, bei vollem Glauben,
ein ähnliches Verlangen hegen: sei es, damit der Zweifel, der seit
Jahrhunderten die Religion untergräbt, zum Abschluß geführt[59] und
der Kampf zwischen Philosophie und Theologie geschlichtet werde; sei
es zur Versöhnung der Konfessionen, oder sei es um die socialen und
politischen Fragen zu lösen. Der letztere Punkt insonderheit ist es,
in dem wir Alle, weß Glaubens wir sonst seien, zusammentreffen. Das
Christenthum ist seiner Natur nach unfähig, über diese Dinge Licht zu
geben; jede Staatsverfassung gilt ihm das Gleiche, in Despotieen wie in
Republiken gedeiht sein stilles Walten, und es ist gerade eines seiner
größten Merkmale, daß es unabhängig von allen Einrichtungen überall
dieselbe Wurzel schlägt. Es ist nicht nur unmöglch, vom christlichen
Standpunkt aus den Staat zu konstruiren: noch mehr, das Christenthum
zieht uns von dergleichen Bemühungen ab. Ich komme damit auf einen
Gegenstand, der in die untersten Tiefen des Lebens und der Gesittung
eingreift, der uns mehr als alle andern Dinge den furchtbaren Zwiespalt
unsrer Civilisation offenbart. Die christliche Religion hat von Anfang
an das irdische Dasein als ein Zwischending betrachtet, das Zweck und
Bedeutung nicht in sich trägt, erst durch ein anderes, höheres bekömmt.
Hier unten ist Sünde, Elend und Tod; was hier geschieht, ist befleckt
von dem Fluch der verdorbenen Kreatur, die Erde ein Jammerthal, aus
dem die Seele sich sehnen muß befreit zu werden. Das Christenthum, mit
Einem Wort, hat niemals #die Erde# geheiligt. Der Trieb, auf dem die
Fortpflanzung des Geschlechts beruht, obwohl von Gott ursprünglich
gegeben, ist eine Unvollkommenheit, welche die Auserwählten um des
Himmelreichs willen besiegen können[60]. Wie sollte es nun das
menschliche Treiben überhaupt, und die höchste Spitze desselben, #den
Staat#, heiligen?
Diese Lehren des Christenthums, so göttlich wirksam in der verderbten,
durch Sinnlichkeit untergegangenen römischen Welt und unter den rohen
barbarischen Massen, mußten in Widerspruch treten zur menschlichen
Ordnung, nachdem das Bekenntniß die allgemeine Herrschaft errungen.
Doch die Kirche verhinderte den Zwiespalt. Das Christenthum war
sichtbar geworden in der irdischen Welt, es hatte sich zu einem Körper
gestaltet, der alle Gebiete des Lebens beherrschte, den weltlichen
Mächten gebot, und eben durch diese Beherrschung das Irdische zu
sich heraufzog und verklärte. Die Kirche selbst hat die alte Kultur
gerettet, sie dem christlichen Unterricht beigegeben; allem konnte sie,
als Erzieherin, die Weihe geben.
Als aber die Wissenschaft das Gemeingut Aller geworben, als die
Kirche dem Staat, als endlich die Religion der Kritik unterlag --
da trat der Zwiespalt offen und unversöhnlich hervor. So lange die
Gemüthsanschauung des Christenthums mit ihren Dogmen auch den Verstand
befriedigte, war die Gefahr noch beseitigt; der Mensch wurde nach
allen Kräften, in seinem ganzen Sein von der Einen Wahrheit ergriffen,
er blieb, wenn auch der Erde abgewandt, doch gesunde, lebendige
Persönlichkeit. In unsern Tagen ist Alles verändert. Wer heute noch
festhält am alten Glauben, der muß die #Vernunft gefangen geben#
unter das höhere Gesetz; er versinkt in ein krankhaftes, einseitiges
Gemüthsleben, und wohl ihm, wenn er darin nicht untergeht. Das
herrlichste, was der menschliche Geist hervorgebracht hat in Poesie,
Wissenschaft, Kunst und Politik, ist für ihn nur mit dem schwarzen
Stempel der Sünde gezeichnet; das ganze Naturleben verschließt sich
ihm, und er wandelt auf Erden, wie einer der ihr bereits entrückt ist,
in trauriger und tragischer Unnatur.
Diese Erscheinung ist es, welche man gewöhnlich mit dem Namen
»Pietismus« bezeichnet. Wir wollen es uns nicht verhehlen, wir
Protestanten ins Besondere: der so oft geschmähte, von der Menge so
leichtsinnig mit dem Vorwurfe der Heuchelei abgefertigte Pietismus[61]
ergreift auch die edlen und tiefen Gemüther, erfüllt auch höhere
Seelen, (bei denen freilich eine mehr unbewußte als bewußte
Freiheit des Geistes ein natürliches Gegengewicht hält); er wurzelt
heutzutage mit Nothwendigkeit in dem alten Christenthum, d. h. in dem
Mißverhältnisse, worein in Beziehung auf letzteres unsere ganze Kultur
gerathen ist. Der Pietismus wird eher nicht aufhören, eine nothwendige
Krankheit der Zeit zu sein, als nicht der moderne Verstand, am Ziele
der Forschung angelangt, eine klare Stellung zu der christlichen
Anschauung gefunden haben wird, eine solche, die dem Gemüthsleben seine
Rechte gibt, ohne die Gefangennehmung der Vernunft dabei zu bedingen.
Aber nicht nur das heutige Mißverhältniß, überhaupt jenen alten
Zwiespalt der religiösen Konsequenzen und des irdischen Lebens soll
die Philosophie versöhnen. Sie soll in das flüchtige Dasein einen
bleibenden Selbstzweck legen, allen menschlichen Hervorbringungen
unvergängliche, selbsteigene Bedeutung verleihen, und die Ewigkeit ins
Leben hereintragen, wie das Christenthum das Leben in die Ewigkeit
versetzt hat. Dem Gemüth ists eigen, zu ahnden, zu hoffen und zu
sehnen, ins Unendliche sich zu verlieren; der Geist ergreift die
Gegenwart, durchdringt das Vorhandene und gibt ihm die höhere Weihe.
So auch die Religion und die Philosophie. Diese hebt nicht auf, was
jene geschaffen, aber sie thut ein Neues hinzu, sie zerstört nicht das
ewige Leben, aber sie schafft eine neue Erde. Erst wenn der Mensch der
Ewigkeit, die vor ihm liegt, mit freier Seele gewärtig, aber auch des
Augenblicks, worin er befangen ist, im Innersten fröhlich sein kann,
erst dann wird sich die Menschheit eines vollkommenen, gerechtfertigten
Daseins erfreuen.
Wir wollen nun dem Princip selbst noch näher treten.
Die #Spekulation# soll uns den Grund der Welt, ihre gegenwärtige
Bedeutung und ihr Endziel erschließen. Sie soll die #Einheit# des
Alls uns beweisen, und aus ihr die #Trennung# Gottes und der Welt,
des Schöpfers und des Geschaffnen herstellen. Sie soll uns einen Gott
geben, welcher sein Bewußtsein nicht nur in uns finde, sondern in ihm
selbst trage, einen Gott, welcher schrankenlos und unendlich, dennoch
für uns ein versönlicher sei, #das heißt mit welchem ein unmittelbar
persönliches Verhältniß uns möglich und nothwendig sei#. Sie soll
uns mehr als Unvergänglichkeit, sie soll uns die #Unsterblichkeit
des Ichs# geben, und seine Erscheinungsformen konstatiren. Sie soll
den Gedankengang Gottes in der Schöpfung nachweisen, und seine ewig
nothwendigen Gesetze. Sie soll #alle# Gegensätze, welche die Welt,
(somit auch die #moralische# Welt) bewegen, auf Einen Gegensatz
zurückführen und diesen Einen in der Ureinheit auflösen: also daß im
ewigen Kampf selbst die Versöhnung liege und die Nothwendigkeit zur
Freiheit werde. Endlich soll sie das Verhältniß der kosmischen Massen
zur organischen Welt, und der Erde zum Weltall einerseits, zu den
Erdgeschöpfen andrerseits zeigen[62].
In ihr muß die bramanische und buddhistische Weltanschauung aufgehen,
der Polytheismus seine Erklärung, der Monotheismus seine Begründung
finden, das Christenthum aber gerechtfertigt werden als das höchste
Erzeugniß der #Einen# Seite der menschlichen Seele. Wie diesem mit
Nothwendigkeit das Produkt der #andern# folgen mußte, wie beide sich
bedingen und ergänzen, in welcher Ordnung sie gegenseitig gestellt
sind, muß klar hervorgehn.
Doch -- ich habe bereits vorgegriffen. Wir stehen an dem Punkte, der
uns zunächst berührt. Was vor allem die Zeit bedarf, und wovon noch
keine Spur vorhanden, ist #die Lehre vom Geiste#, das ist die Kenntniß
der geistigen Gesetze, auf denen aller Organismus, insbesondere der
menschliche, als der höchste beruht[63]. #Die menschliche Seele muß
zergliedert, ihr Bau erkannt, ihre Funktionen nachgewiesen, ihre
Entwicklung von der Geburt bis zum Tode nach den einzelnen Stadien
beschrieben werden.# Erst wenn dieses geschehen sein wird, gibt es ein
wahrhaftiges Wissen, sowohl von dem, was in uns ist, als von den Dingen
außer uns, als welche sich gegenseitig bedingen.
Aus diesem geht aber einfach hervor #die Wissenschaft von den
Individuen#, d. h. die Wissenschaft der mannigfaltigen Geister und
Charaktere, der #verschiedenen Klassen und Abstufungen#, welche Gott
in die menschlichen (somit in alle) Geschöpfe gelegt hat, und die
Auffassung jeder einzelnen Persönlichkeit als Einer, untheilbaren,
urmäßigen Natur.
Der Kenntniß der einzelnen Individuen folgt die der Gesammtindividuen,
das ist der Raçen, der Völker, der Nationen, der Stämme, der Familien.
Auf der letztern beruht die Völker- und Staatenstellung auf Erden (denn
jeder vollkommene Staat ist der Ausdruck eines Gesammtindividuums);
auf der ersteren die sociale Ordnung innerhalb des Staates; aus jener
entspringt die äußere, aus dieser die innere Politik.
So wird die Menschheit, in diesem Sinne zum ersten Male, die Augen
aufschlagen: #sie wird sich kennen lernen#, die Zeit ihrer Mündigkeit
ist damit erfüllet. Je mehr sie, auf diese Weise, allmälig an
Selbstkenntniß wächst, je allgemeiner das psychologische Bewußtsein
in den Massen um sich greift, desto möglicher wird es, das Höchste zu
erreichen, was die Geschichte kennt -- den #vollkommenen Staat#.
#Es soll nämlich der Staat sein das Abbild der natürlichen, ewig
dauernden, von Gott gepflanzten Stufenordnung.# Da, wo die Stände
des Staats zusammenfallen mit den geistigen und moralischen Klassen,
wo der Adel wahrhaftigen Adel, wo der Mittelstand die mittleren, der
niedere Stand die niederen Naturen und der Pöbel den innern Pöbel in
sich begreift[64]; -- da ist die äußere Ordnung vollendet, weil sie
die innere ausdrückt, da ist das Menschenwerk eins geworden mit der
göttlichen Stiftung, #da das Reich Gottes lebendig geworden auf Erden#.
Dieses höchste Ziel, (welches wie ich glaube mit so wenigen
Worten scharf genug bezeichnet ist) kann freilich nur im Lauf der
Jahrhunderte, nachdem die neue Wahrheit ins Fleisch und Blut der
Menschen gedrungen, zur ausgeprägten Darstellung reifen. Aber genug,
wenn ein Ideal nur vorhanden ist, wonach mit sichrem, unverrücktem
Schritte gestrebt werden kann; und die Wirkung schon allein der
psychologischen #Lehre#, wäre sie erst vorhanden, würde für die
Gegenwart von unermeßlicher Bedeutung, für die socialen und politischen
Fragen schlechthin entscheidend sein.
Denn die demokratische Gleichheit, die im Westen, die absolute
Vollgewalt, die im Osten gepredigt wird, sind beide dadurch wie
mit Einem Schlage vernichtet, als wiedersprechend dem Charakter
der menschlichen Natur. Das Königthum (die fürstliche Gewalt) ist
gerechtfertigt als die Spitze der pyramidalischen Ordnung; die Person
des Herrschers geheiligt als das Symbol der Gesammtindividuums, welches
der Staat und das Staatsvolk bildet. Zwischen ihm und dem Volke, (das
durch Vertreter spricht, weil es in Masse nicht reden kann) steht
als lebendiges, ewig von unten ergänztes, auf und ab wogendes und
doch geschlossenes Mittelglied die geborene Aristokratie des Geistes
und Charakters, findbar und erkennbar mit Sicherheit, sobald die
psychologischen Gesetze ausgesprochen sind.
Der Geldadel fällt damit in Nichts zurück. Der alte Erbadel bleibt,
obwohl als bedeutend nur so weit, als er mit dem geistigen Adel sich
zu paaren vermag. Die Gewalten im Staate sind scharf geschieden[65],
weil jede auf einer besonderen innern Funktion beruht. Die Erziehung,
der Unterricht und die Volksbildung sind fortan auf die höhere Kenntniß
der menschlichen Seele gegründet. Jedes Talent, jeder Charakter kann
ungehemmt das Höchste erreichen, dessen er von Natur befähigt ist,
so bald der Maßstab der Beurtheilung aus dem äußeren, materiellen,
ein inneres geworden. Dem Staate wird möglich, Millionen zu kennen,
und unter Millionen jedwede Natur auf den Platz zu stellen, der
ihr gebührt. Die reichste Entfaltung der einzelnen Persönlichkeit
widerspricht nicht der lebendigsten Herrschaft der Staatsidee (welche
ja auf tiefem psychologischem Grunde fußt); die Freiheit ist eins mit
der Ordnung; und die Mannigfaltigkeit des mittelalterlichen Lebens
vereinigt sich im kommenden Staate mit der bindenden Energie das
antiken Gemeinwesen[66].
Nicht minder umfassend würde das psychologische Gesetz die äußere
Politik berühren; das Verhältniß der Völker und Reiche von Europa,
die Organisation der Erde wäre mit ihm gegeben. Die ganze Menschheit
bildet ein geschlossenes, innig verbundenes System von Gattungs-, und
diese wiederum von Völkerindividuuen. Wenn nun die Bestandtheile des
Systems zergliedert, wenn ihre Stellung erkennt, wenn jeder Nation ihre
Natur gezeigt, ihr Beruf gewiesen ist, so entsteht jene Ueber- und
Unterordnung, aus der, wie wir an andern Orten gesehen, der Friede, die
Wohlfahrt und (mit der Zeit) die Staatseinheit des Menschengeschlechts
hervorgeht.
Und hierin muß der erste Welttheil den übrigen vorangehen. Die Familien
und Nationen Europas müssen sich in ihrer Wesenheit, jede die andere
anerkennen, damit freiwillig gehorcht jede Volksnatur, so weit sie ein
höheres über sich findet, und ohne Uebermuth herrsche, so weit sie zur
Herrschaft berufen ist. Eben hiedurch wird es möglich, die niedern
Raçen (in Afrika, Australien &c.) zu erziehen und zu derjenigen Stufe
von Civilisation zu führen, welche sie ihrem Wesen nach erlernen
können; so wie andrerseits innerhalb eines Nationalkörpers den
einzelnen Provinzialcharakteren die richtige Geltung und die organische
Stellung zum Ganzen zu geben.
So bleibt jede Nationalität in unverrückter Eigenthümlichkeit an ihrem
Platze, während doch Alle Ein großes Band umschlingt; das Bestehende
wird in tieferem Sinne geheiligt; die politische Ordnung gestaltet sich
zum Abdruck des innern Völkerorganismus, und die Politik wird (wie wir
früher gesagt) die Vollstreckerin der göttlichen Intentionen.
Um das letztere ganz zu sein und um ihr Verhältniß zur Kirche zu
ordnen, steht ihr noch ein anderes Hülfsmittel zur Seite. Wenn der
Entwicklungsgang der Seele am Einzelnen uns vor Augen liegt, #so
eröffnet sich zugleich die Geschichte des großen Individuums, welches
Menschheit heißt#. Die erhöhete, ungeahnte Anschauung des Geistes, der
bisher durch die Vergangenheit gezogen, wirft ihre Strahlen zurück auf
die Gegenwart. Indem wir erfahren, was die Menschheit bisher gewollt
und warum sie es gewollt, welche Stadien sie durchlaufen hat, und in
welchem Stadium wir selbst uns bewegen: so ergießt sich uns ein neues
Licht über unser Thun und Treiben, leuchtend genug, um den Weg, der vor
uns liegt, auf Jahrhunderte zu erhalten.
Vor allem aber ist es Eine Gestalt, worüber die Zeit belehrt sein will,
unbegriffen bis auf diesen Tag, geschmäht von den Einen, vergessen von
den Andern, mit Nebel umhüllt vor den Augen der Menge, und auch denen
noch unenträthselt, die ihn als ihre Gottheit tiefer im Herzen tragen.
Wie soll die Geschichte begriffen werden, so lange Der, welcher den
Eckstein aller bisherigen Geschichte bildet und als Eckstein stehen
wird bis ans Ende der Tage, entweder als wesenloses Idol von der
Mehrzahl angebetet oder als mythische Erscheinung von den Denkenden
verfolgt und zersetzt wird? Wie die neue Zeit verstehen, ohne den zu
begreifen, mit dessen Stiftung unser ganzes Sein verwebt, unsre ganze
Kultur verknüpft ist, auf den Ein ganzes Volk lebendige Weissagung
gewesen, durch den dasselbe Volk ein lebendiger Fluch tagtäglich vor
unsern Augen wandelt?
#Christus# muß als geschichtliche Individualität begriffen, als
#psychologische Persönlichkeit# erläutert werden, ehe wir das
Christenthum klar zu fassen vermögen[67]. Der #Menschensohn# muß vor
uns stehn, heilig und erhaben, wie er war und gelebt hat und gestorben
ist. Alsdann wird erhellen, wie er unter allen Söhnen Gottes sich den
Eingeborenen nennen und als Mittler zwischen Gott und den Menschen in
Wahrheit darstellen konnte, warum er sich opfern und warum sein Tod
für jene Zeit sowohl als für alle Zeiten eine Versöhnung werden mußte.
Es wird sich zeigen, wie weit die Herrschaft eines solchen Geistes
über andere Geister sowohl als über die Natur, wie weit die, niemals
vorher in solchem Maße gewesene, niemals ähnlich wiederholte, in ihm
und um ihn waltende Steigerung des Gemüthslebens jene Vorgänge erzeugen
konnte, welche von der Kirche als Wunder bezeichnet[68], von einer
Kritik aber, der die geheimen Tiefen der menschlichen Seele verborgen
sind, schlechtweg als Mährchen verworfen werden.
Endlich wird erhellen, wie an seinem Wesen das Dogma der Dreieinigkeit
sich entwickelt hat; wie die Gedankenreihe Gottes in der Schöpfung zwei
ewig nothwendige, uranfänglich gedachte Spitzen enthält, deren Eine er
selbst gewesen; wie er #den Geist der Wahrheit# als kommenden geahnt,
als wirkenden schon gefühlt und als unerläßlich für den Bestand seiner
Stiftung erachtet; wie dieser Geist, nachdem er als bildender Verstand
in den Dogmen und der Verfassung der Kirche gewirkt, sich zurückgezogen
und seinen Weg gewandelt: um endlich als umfassendes Princip zu
erscheinen und als heiliger Geist sich im Staate zu verwirklichen.
Also wird die Philosophie von der Religion, der Staat von der Kirche
anerkannt werden als gleich göttliche, ja als höhere Macht. Wollte die
Kirche sich dessen weigern: sie würde sich selbst vernichten, wenn sie
den Geist verwürfe, dem sie ihre Rettung verdankt. Staat und Kirche
werden hinfort gemeinsam wirken im Menschengeschlecht, gerade so und
nicht anders, #wie Vater und Mutter sich theilen in die Erziehung der
Einzelnen#.
Wie aber der Staat erwachsen wird zu einer organischen Einheit
unzähliger Völker und Gemeinwesen, so soll allerdings auch in der
Kirche lebendige Einheit herrschen. Wie dorten der Eine Welttheil
über den andern, die Eine Familie über die andere, das Eine Volk
über das andere sich stufenweise erheben wird, also daß Eine Nation
auf den Gipfel des ungeheuern Baues gestellt ist, so muß auch hier
hierarchische Ordnung sein, und an ihrer Spitze (denn die Kirche hat
nicht mit den Nationen, sondern mit dem Menschen als solchen zu thun)
Ein sichtbares Oberhaupt. Aber so wenig im Staate von einer #Gewalt,
welche keine andere Gewalten neben sich duldet#, künftighin gehört
werden wird: eben so wenig kann das Papstthum in seiner jetzigen
Gestaltung, geschweige denn in den jetzigen Ansprüchen verharren.
Mit andern Worten: die Kirche überhaupt unterliegt, so wie das Princip
in den Geistern sich Bahn gebrochen hat, einer durchgreifenden
Umwandlung. Die römische, lutherische und reformirte Konfession
werden fallen, um Einer allgemeinen (#katholischen#) zu weichen. Wie
diese Entwicklung der Dinge, (welche uns heutzutage als unglaublich
erscheinen muß) gedenkbar sei -- darüber noch einige Worte.
Die Philosophie wird die verschiedenen dogmatischen Auffassungsweisen
des Christenthums in sich aufsaugen; sie wird die Ideen, welche den
einzelnen Konfessionen zum Grunde liegen, jede in ihrer Wahrheit
erklären, alle insgesammt aber ihrer Einseitigkeit entledigen,
indem die verschiedenen Lehren, wie die Radien des Kreises in Einem
Mittelpunkt, in ihr zusammenlaufen. Die Zeit selbst hat sowohl durch
die steigende Duldung, als durch innere Vorgänge den #dogmatischen#
Unterschied der Kirchen bereits ungemein gemildert. Es ist dieß
in der katholischen Theologie geschehen durch die Bemühung, ihre
Dogmen geistig zu verfeinern, ihnen tiefere Begründung zu geben. Die
reformirte und lutherische Lehre sind sich schon bis zum Unmerkbaren
nahe gerückt, wenigstens haben die noch vorhandenen streitigen Punkte
ihre Spitze verloren. Der auf solche Weise dem katholischen Glauben
fast einig gegenüberstehende Protestantismns hat wiederum, nach
der Lage der Dinge, mit dem ersteren die mannigfachste Berührung.
Denn da die große Parteispaltung zwischen rationalistischer und
orthodoxer Ansicht auf beiden Seiten mit ähnlicher Macht eingedrungen
ist: so fühlt sich die linke Seite der Protestanten zu der ihr
entsprechenden unter den Katholiken, und die rechte andererseits zu
ihren Geistesverwandten hingezogen; wodurch eine ununterbrochene
geistige Verbindung zwischen beiden Theilen erhalten und die Annäherung
vorbereitet wird. Die dogmatische Verwandtschaft, um es an Einem
Beispiel zu zeigen, ist bereits lebendiger zwischen der katholischen
und der lutherisch-orthodoxen Lehre, als zwischen der letztern und
den rationalistisch-protestantischen Ansichten. Die Wirkung des
kommenden Princips muß sonach naturgemäßer Weise diejenige sein, daß
die Denkgläubigen (welcher Konfession sie angehören mögen,) der Kirche
entsagen, und der Philosophie und dem Staate als einer andern Kirche
sich zuwenden[69], während alle diejenigen, welche am christlichen
#Symbole# (gleichviel, welchem Symbole) und damit an der #Kirche#
festhalten, sich im alten dogmatischen Gehalte des Christenthums wieder
begegnen und finden werden.