des Volkes, aus denen der Staat zusammengesetzt ist, was uns mit der
tiefsten Besorgniß erfüllt. Zwischen dem Königthum, als Spitze, und
der ackerbauenden Klasse, als dem Fundament des Staates, liegt der
Adel und der Mittelstand -- die beiden Stände, welche der bürgerlichen
Gesellschaft Seele und Richtung geben. Nun hat die Zeit den alten
Erbadel untergraben. Seine geistige Bedeutung ist verloren, und keine
menschliche Kraft vermag sie wieder hervorzuzaubern[44]. Er ist nur der
Schatten von dem, was er war, und mit ihm fehlt uns ein wesentliches,
unentbehrliches Element des Staats -- #eine Mittelmacht zwischen Fürst
und Volk#, wie sie früher von ihm gebildet worden ist. Wie wahr dieses
sei, zeigt ein Blick auf die ersten Kammern der konstitutionellen
Länder in Deutschland. Im Gefühl der Nothwendigkeit einer Mittelmacht
hat man die Pairien geschaffen -- aber was sind sie?
Der hohe Adel der ersten Kammern (auch der reichsunmittelbare, so
sehr er sonst sein eigenthümliches Interesse zu wahren hat) verstärkt
in der Regel lediglich das monarchische Element, ja er steht oftmals
dem Volke noch absoluter entgegen als die Krone selbst, und indem er
aufhört, selbständiges Mittelglied zu sein, zerstört er die Harmonie
des Staatsgebäudes und schärft den Gegensatz, den zu mildern seine
Bestimmung war. Vom bureaukratischen Adel gilt dieß in noch höherem
Grade, weil er sich mit dem Throne mehr und mehr identificirt.
Was unsere Zeit beherrscht, die wahre Großmacht der Staaten,
vornehmlich in Deutschland und Frankreich, ist der #Mittelstand#.
Durch Talente, Thätigkeit und Erfindungen hat er unbestreitbar die
Herrschaft errungen. Aber wehe uns, wenn im Laufe der Jahrzehnten diese
Herrschaft in gleichem Maße und in gleicher Weise, wie bisher sich
verbreitet. Ihr Hebel ist der Handel, die Industrie und der Reichthum.
Die gefallene Erbaristokratie ist einer andern gewichen -- aber in
Wahrheit keiner bessern: dem #Geld-Adel#. Von diesem Gift des Mammons
ist jeder Fortschritt der Civilisation getränkt, und je weiter wir der
Vervollkommnung uns zu nähern scheinen, desto unwiederbringlicher gehen
die höchsten Güter der Menschheit, die alten Tugenden und die alte
Kraft dem Untergange zu. Alles löst sich auf in der allgemeinen Sucht
unserer Tage, in der Sucht nach Erwerb. Ja, die edelsten Bestrebungen
des deutschen Patriotismus, jene Reihe von vaterländischen Entwürfen,
die sich an den #Zollverein#, an deutschen Handel und deutsche
Industrie knüpft, die ganze sonst so tröstliche Agitation, führt uns
nur eben noch tiefer an den Abgrund, sie wirft uns dem Götzen des
Tages, der Geldmacht, in die versengenden Arme.
Dieses Alles bedenkend, sucht der redliche Mann nach dem einzigen
Troste der übrig bleibt, nach der erquickenden Hoffnung, die uns so
vielfach gerühmt und als das höchste Zeichen der Zeit gepriesen wird:
ich meine die Macht der Intelligenz. Doch ist's gerade dieser Trost,
der uns in die tiefste Trostlosigkeit zu versenken gemacht ist. Denn
im Gewirr der Principien, im Gewühl der Parteien, in der Fluth der
Leidenschaften, ist die #Wahrheit# verloren worden: die Intelligenz
eine käufliche Waare, dem Meistbietenden Preis gegeben, der Geist
das niedrige Werkzeug der augenblicklichen Plane -- Alles verstrickt
in einem gräulichen Knäuel unreiner Leidenschaften, den die Edelsten
kaum mehr zu entwirren vermögen, Alles verwickelt in ein Gewebe von
Lügen, das auch die Reinsten unbewußt umfängt. Und mit der Wahrheit,
wie immer, ist auch die Gesundheit dahin. Der Geist, wo nicht feil,
unterliegt doch der allgemeinen Krankheit; er beginnt ein buhlerisches
Spiel mit sich selbst zu treiben, versenkt sich in heuchlerische
Schmerzen oder ekle Selbstvergötterung; das Höchste und Heiligste, was
Gott dem Menschen gegeben hat, wird auf diese Weise in einer Art von
Selbstbefleckung entweiht.
Unter allen Wunden unserer Zeit ist diese die tiefste. Denn die
Religion, welche früherhin den Geistern ihr Maaß, den Gemüthern ihren
Halt und ihre Wahrheit, und allem menschlichen Thun das Gepräge eines
gesunden einheitlichen Charakters gegeben hat, ist durch den Zweifel
untergraben; die Moral, von den alten Gesetzen entbunden, bleibt
dem Einzelnen überlassen, und das heutige Geschlecht geht frei und
ungezügelt seine tausendfältige Bahn. Talente, die sonst das allgemeine
Beste befördert haben würden, gehen dadurch unter, und die Intelligenz
gereicht dem Vaterlande fast ebenso sehr zum Verderben als zum Heile.
Wenn erst der Geist sich selbst verliert, wenn die Grundlage, aus
der er sich entwickeln soll, Frische und Natürlichkeit der Gemüther,
zerfressen ist, wenn er sich künstlich steigern muß, um noch Etwas
zu sein[45] -- dann ist das höchste Verderben der Civilisation
erreicht, und die ganze Welt scheint gereift entweder zum Tod oder zur
Vernichtung durch eine neue Barbarei.
So herrscht in unsern Tagen entweder die Militärmacht, das ist die
#Gewalt# -- oder das #Geld# -- oder die #Lüge#[46]. -- Das ist das
fürchterliche Bild der heutigen Zeit: dasselbe Bild, das uns, wenn
wir in die Geschichte zurückschauen, die letzten Stadien der größten
Epochen zur ewigen Warnung enthüllen. Denn die Lüge der Sophisten
und der entwickeltste Luxus hat geherrscht als Griechenland fiel;
militärische Gewalt verbunden mit der pikanten Verdorbenheit der
Geister und der Hingebung an den Comfort war übermächtig im sinkenden
römischen Reich; und die Unwahrheit war es, nebst jener geistigen
Buhlerei, was am Ende des Mittelalters (im Zeitalter Leos X.) die
Hierarchie dem Untergang überliefert hat. Wer diese Dinge nicht fühlt,
dem werden sie mit Worten nicht in die Seele getränkt, aber wer sie
fühlt, (und gewiß sind deren nicht wenige) der wird auch fühlen, daß
unsere Zeit, wenn jemals eine, der rettenden Kraft von oben bedarf um
nicht unterzugehen; nach dieser Kraft, nach Erlösung wird er seufzen.
Was ist's also, dessen die bürgerliche Gesellschaft bedarf, um sich
zu reinigen? Statt des alten erstorbenen Adels will sie einen neuen,
höheren, der zwischen Völkern und Fürsten lebendig vermittle, gegen
die Geldmacht ein ungeheures geistiges Gegengewicht, damit die
industrielle Bewegung, die uns ohne dieses ins Verderben zu führen
droht, einem höheren Leben diene, gegen die militärische Gewalt das
einfache aber unbesiegliche Bewußtsein freier Bürger und gegen die
Lüge die Wahrheit selbst. Denn die Wahrheit allein, wie sie frei
macht von dem Taumel der Leidenschaft und dem Gewirre der Parteien,
kann auch dem Geist die Gesundheit wieder geben, die er verloren
hat, seit das Bestreben der neuern Zeit, in ihm allein das Heil zu
finden, uns dem Gemüthe entfremdet und ihn, gesondert, seiner eigenen,
zehrenden Unruhe überlassen hat. Jenes Bestreben ist ein wahres, und
die Civilisation, um ihre Spitze zu erreichen, müßte wirklich durch
eine Anzahl krankhafter Auswüchse hindurch gehen. Die Ueberbildung
führt uns zur Natur zurück. Erst wenn der Geist erreicht hat, wornach
er trachtet, erst entledigt der schweren Bürde, die er trägt, kann
er wieder gefunden, und mit ihm tritt von selbst das Gemüth in seine
alten Rechte; denn die Harmonie stellt sofort sich wieder her, #und die
höchste Kunst ist gleich der höchsten Einfalt#.
#Das Alles will sagen: ein Princip verlangt die Zeit, um die falschen
Gewalten zu zerstören, neue zu schaffen, und die Wahrheit zu
verkünden.#
Wir sind noch nicht zu Ende. Setzt, die Uebel, wovon bisher die Rede,
seien geheilt. Die bürgerliche Gesellschaft sei vollkommen in ihren
Bestandtheilen und ihrer Verfassung; setzt, der Staat könne ohne einen
höhern Durchgang sich selbst im Laufe der Zeiten genug thun: so bleibt
euch Eine Frage zurück, ungelöst und unauflöslich, sie allein gewichtig
genug um alle Vollkommenheiten, die ihr nach Jahrhunderten erreicht
habet, zu nichte zu machen -- ich meine das #Verhältniß des Staats zur
Kirche#. Ein solches zu schaffen, organisch, bestimmt und friedsam,
wie es sein soll, dahin reicht kein gewöhnliches Wissen, wenn es noch
so tief, keine bisherige Kunst, ob sie noch so hoch ist. Wollt ihr die
Kirche belassen in ihrer Wesenheit, so steht euch ein ewiger Kampf
bevor, denn der Kirche ist unmöglich der Staat als gleich geschweige
als überlegen anzuerkennen, so lange sie ihres göttlichen Ursprunges
eingedenk sich selbst als von oben herreinragend in alle menschliche
Entwickelung, als Erzieherin des Menschengeschlechts betrachtet. Wollt
ihr sie aufheben, so habt ihr die Wahl, entweder sie zu zerstören oder
ihr durch euere Kraft einen Impuls zu geben von so gewaltiger Art, daß
sie selbst sich in dem Staat zersetzt, in freiwilliger Opferung sich
dem Tode weiht. Jenes vermögt ihr nicht, ihr müßtet denn die Axt an die
Wurzel legen[47]; dieses noch weniger, es wäre denn, daß der Glaube
der Menschen eine Umwälzung erführe, wovon selbst die ungläubigsten
Zeiten keine Spur offenbaren. In allen Fällen, die Kirche mag bleiben
oder fallen, bedarf der Staat, um mit ihr ins Klare zu kommen, eines
#geistigen Mittels#, von dem bis jetzt noch keine Ahnung vorhanden.
Was diese Sache zur wichtigsten der Zukunft macht, ist nicht sowohl
der äußere Kampf um die Macht und Kompetenz, der seit Jahrhunderten
auf beiden Gebieten geführt wird, als vielmehr die tief eingreifende
Wirkung, welche das Verhältniß des Staats zur Kirche auf Erziehung,
Bildung und Gesittung, auf Schule, Unterricht und Leben ausübt.
Diese Beziehungen allein, zu geschweigen des innern Einflusses auf
Glauben und Weltansicht, sind von so umfassender Natur, daß ohne ihr
Feststehen weder die Staatsordnung gedeihen, noch die Volkseinheit
lebendig fortschreiten kann.
Ja denket euch, auch diese Frage sei wie durch ein Wunder geschlichtet,
wir wären im Innern befriedigt, nach außen im Besitz einer anerkannten
Hegemonie, das glücklichste, freiste und größte Volk -- selbst dann
noch müßtet ihr, wenn auch nicht für euch, doch für die Völker, an
deren Spitze ihr gestellt seit, einen Gedanken, eine Idee, ein Wort
verlangen, um es als Banner voranzutragen, wo die äußere Macht euch
verläßt, und eine tiefere Anziehung vonnöthen ist. Wo nichts ist als
die äußere Macht, da erkalten bald die Herzen; die Macht der Natur, die
euch die wahre Berechtigung gibt, vergessen sie, wenn ihr nicht durch
ein geistiges Erzeugniß tief und unauslöschlich den Eindruck der Hoheit
ihnen einprägt. Noch mehr aber ihr selbst, würdet im Besitze der Macht,
ob noch so gemäßigt von Natur, noch so gerecht und wohlwollend, nur zu
bald der Versuchung unterliegen, der kaum ein Sterblicher widersteht.
Die Lockungen des Uebermuths, die Gelüste des Despotismus würden auch
euch ergreifen und euern herrlichsten Werken den bittern Beigeschmack
der Sünde einimpfen. So könnte, was ursprünglich zum Segen der Völker
bestimmt war, zuletzt zu ihrem Fluche werden. Davor schützt euch und
sie nur ein Gesetz, welches von höherer Hand geschrieben, unantastbar
für euch selbst und gleich heilig den Andern, als das Palladium der
Zukunft in alle Herzen geschrieben, als das unumstößliche Testament
an die Spitze der ganzen kommenden Entwickelung gestellt werden soll.
Ueberhaupt jene neue Aera, auf die wir alle hoffen, kann dadurch nicht
geschaffen werden, daß, wie früher Frankreich, dann England und Rußland
eine Art von Hegemonie errungen, so die wechselnde Laune des Geschicks
sich auf einige Zeit zu Deutschland neigte; dergleichen ephemere
Zukunft wäre nicht würdig mit Feuer gepredigt und mit Liebe umfaßt zu
werden: ein flüchtiger Tagesglanz, in dem weder das Vaterland noch
die Menschheit sich sonnen könnte. Die wahre Hegemonie muß von allen,
die vorher gewesen, durch Wesen, Bestand und Wirkung geschieden sein:
nur auf die umfassendste Grundlage, aus dem tiefsten Kern menschlichen
Denkens und Wollens kann sie erhoben werden.
So weiset jede Seite der Gegenwart, weiset jede Frage der Zukunft,
weisen die politischen und socialen Gebrechen auf ein gemeinsames
Ziel. Und es wäre thöricht, zu erwarten, daß irgend eines der großen
Probleme, die uns vorgegeben sind, sich abgetrennt von den übrigen
oder zu theilweiser Genüge lösen ließe. Das bezeichnende Merkmal der
heutigen Kultur, ihr höchster Vorzug und ihre tiefste Gefahr liegt eben
darin, daß unsere sämmtlichen Zustände in wunderbarer Verkettung sich
durchkreuzen und umschlingen. Und das am mehrsten in unserm Vaterlande
und bei dem deutschen Volk, als dem innerlichsten unter allen. Für uns
gibt es keine äußere Größe ohne innere Vollendung, keine politische
Einheit ohne die Einheit des Glaubens und Denkens, keine sociale
Vervollkommnung ohne philosophische Klarheit, keine industrielle Blüthe
ohne sittliche Hoheit, keine Hegemonie ohne geistigen Vorgang. Die
feinsten Verzweigungen des praktischen Lebens schlagen ihre Wurzeln
in die untersten Tiefen des Geistes. Uns ist nur vergönnt, entweder
der Welt ein Schauspiel zu geben, wie sie niemals gesehen hat, und so
Großes hervorzubringen, wie es noch keine Geschichte kennt -- oder in
elendem Siechthume unsre Uebel hinzuschleppen bis der Tod uns erwartet.
Was wir jetzt leben, ist ein trauriges, halbes, freudloses Leben; was
wir können, ein Kleines und Weniges, nicht zu heilen unsre Wunden, nur
auf Augenblicke den Schmerz zu lindern; was wir wollen, ein Wollen
ohne Vollbringen, ohne Halt, Begründung und Einheit. Mitten unter
den höchsten Gütern der Kultur, unter den üppigsten Schätzen der
Civilisation, umgeben von den lockendsten Früchten der Politik, dulden
wir tantalische Qual; die Wasser des Lebens rauschen in der Tiefe und
wir verschmachten vor Durst. »Wir gehen alle in der Irre, wie die
Schafe, ein jeglicher seinen Weg.« »Wir tappen nach der Wand wie die
Blinden und tappen als die keine Augen haben. Wir stoßen uns in Mittag
als in der Dämmerung; wir sind im Düstern wie die Todten. Wir brummen
Alle wie die Bären und ächzen wie die Tauben; denn wir harren auf das
Recht, so ist es nicht da, auf das Heil, so ist es fern von uns.«[48]
In diesem Dunkel scheinet uns nur jenes einzige Licht. Es hat uns
überall geleuchtet, wo alle andern Sterne verbleicht sind und dumpfe
Finsterniß uns umfing.
Noch einmal wie vor achtzehnhundert Jahren muß das Wort als der
Morgenstern aufgehen in den Herzen der Völker, muß es die Welt erretten
als eine Kraft Gottes, selig zu machen alle die daran glauben.
Laßt uns nun in Kürze sehen, von welcher Art es sein müsse. So weit
die Eigenthümlichkeit unserer Leiden auf die Gestalt der Heilmittel
schließen läßt, so weit können wir errathen, wie etwa das Princip
beschaffen sein möge, das die kommenden Jahrhunderte beseligen, das
unsrige erlösen soll.
Kapitel XIV.
Art und Umfang des Princips.
Indem wir die letzte Hoffnung der Zeit ins Auge fassen, begegnet uns
zuerst die Frage: ob etwas dem ähnliches, was wir suchen, nicht schon
vorhanden sei im Reiche des Geistes? Wir Alle wissen, daß nur #die
deutsche Philosophie# den Grundstein einer höheren Zukunft uns legen
kann. Wir Alle glauben, daß die deutsche Forschung, so mühselig sie
vorwärts schreitet, so seltsam der unaufhörliche Wechsel auch Manchen
bedünken mag, dennoch ihr stilles Werk noch fördern werde, bis sie,
der Vollendung genesen, aus der unbeachteten, verborgenen Hütte
heraustritt an's Tageslicht, um als Sauerteig die Masse der Zeit zu
durchdringen. Wir alle sind überzeugt, daß keine Macht der Welt im
Stande ist, die Freiheit der Forschung zu hemmen, daß die Philosophie,
wo sie nur die Wahrheit sucht, vor keinem Resultate zu zittern braucht,
wäre es auch allen Meinungen des Tages entgegen, daß endlich die einmal
gefundene Wahrheit sich Bahn brechen muß durch tausend und aber tausend
Hindernisse, um zur Herrschaft zu gedeihen im Leben. Wir alle sind der
Meinung, daß es nur Einem vergönnt sein könne, die höchste Blüthe der
Wissenschaft heraufzuführen[49], und daß die Natur und Persönlichkeit
dieses Einen der ungeheuern Sendung entsprechen müsse, womit er betraut
ist.
In dem Allen sind wir, wenigstens Viele unter uns, einig, aber um so
uneiniger im Einzelnen. Denn während die Einen der Zukunft harren,
ergreifen die Andern, was vorhanden ist. Den Letzteren scheint es
kurzsichtig, wo nicht sündlich, an der Wahrheit dessen zu zweifeln,
was von ihnen anerkannt worden; und sie selbst sind wiederum in viele
Parteien gespalten, deren jede die Anderen bekämpft.
Eine ähnliche Fehde zu beginnen, dazu die einzelnen Philosopheme nach
ihrem logischen Gehalt zu zergliedern, liegt nicht in unserem Bereich;
es wäre, selbst wenn wir wollten, ein unerquickliches, unfruchtbares
Geschäft: was uns berührt, ist die allgemeine Wirkung auf die Zeit und
die Menschen überhaupt. Die Einigkeit, welche ein deutsches Princip
uns bringen soll, hat von all den vorhandenen Systemen uns noch keines
gebracht. Vielmehr sind in Weltanschauung und Glauben die Deutschen
zersplitterter als sie jemals gewesen[50]; die Mannigfaltigkeit, und
mit ihr die Verwirrung, hat den höchsten Gipfel erstiegen. Dieses sei
weder zum Tadel, noch zum Lobe der bisherigen Philosophie gesagt, nur
als einfache, geschichtliche Thatsache ausgesprochen. Wäre sonach
das, was wir suchen, schon vorhanden: so müßte nothwendig Eines der
jetzigen Philosopheme die anderen übersiegen. Dieß könnte vielleicht
erst nach Jahrzehnten, ja nach Jahrhunderten geschehen: denn die
Wahrheit pflegt langsam Raum zu gewinnen: gleichviel für uns, wenn nur
Hoffnung ist, daß es geschehe. Aus der Mischung des Vorhandenen, das
weiß Jedermann, kann uns nimmermehr Heil erwachsen. Nun sind aber, wie
die Dinge stehen, nur zwei Systeme vorhanden, welche als künftighin
siegend möglicher Weise gedacht werden können: das Schelling'sche und
Hegel'sche. Alle andern sind von diesen beiden überflügelt worden;
die früheren, weil Schelling und Hegel auch von denen, die nicht zu
ihren Schülern gezählt sind, als höhere Phasen der großen Entwicklung
betrachtet werden[51] die gleichzeitigen und außer jener Reihe in
besonderer Eigenthümlichkeit stehenden (z. B. J. J. Wagner, Herbart),
weil sie keine Herrschaft in der öffentlichen Meinung, keinen Einfluß
auf die Wissenschaft errungen haben, der jenen vergleichbar wäre.
An jene beiden also sind wir beschränkt, den Maßstab der Hoffnung
anzulegen. Aber indem wir geneigt sind, dieß zu versuchen, tritt
uns eine seltsame Erscheinung entgegen. Das ältere und das neuere
Schelling'sche System, die Rechte, das Centrum und die linke Seite
der Hegel'schen Schule sind so ganz verschiedenartige Dinge, daß es
unmöglich ist, die Ideen, welche von beiden Philosophemen in die Welt
gerufen worden, als Einheit anzuschauen. Was hat, um das schärfste
Beispiel zu nehmen, die Orthodoxie, ja der Pietismus der Hegel'schen
Rechte mit der antikirchlichen Aufklärung der jüngern zu thun?[52]
Wie, fragen wir uns, wo ist Schelling, wo ist Hegel selbst -- wo ihr
Princip -- und kaum gefaßt, entsagen wir unserem Vorhaben; denn es sind
ja nur #die alten, längst bekannten Gegensätze der Zeit#, die uns hier
begegnen.
Nicht die Zeit zu beherrschen oder zu überwinden, hat die bisherige
Philosophie vermocht: sie selbst ist nur ein befangenes Kind der Zeit,
#sie spiegelt nur eben in philosophischer Weise, in ihrer Art die
Kämpfe der Zeit zurück#. Kaum geboren, zersetzen sich die modernen
Systeme, #in dieselbigen Bestandtheile, die zu einigen oder zu
bezwingen ihre Absicht war#; kaum geprägt, verfallen sie demselben
zernichtenden Einfluß, der allen Geburten des Jahrhunderts den Stempel
einer unauflöslichen Zwietracht aufdrückt. Nur zweierlei konnte im
Sinn der Meister liegen: entweder Eine von den zwei Tendenzen, welche
um die Weltherrschaft kämpfen, zum Siege zu erbeben; oder ein Neues zu
schaffen, und hiedurch das Bisherige zu vermitteln oder zu beseitigen.
Wenn jenes, wie so wenig gelang es ihnen, da aus ihrem eignen Schooße
die besiegte Tendenz mit erneuerter Kraft hervorging; wenn dieses,
was soll uns eine Vermittlung, deren Inhalt so arm, deren Umfang so
gering ist, daß sie selbst im Nu den Gegensätzen unterliegt, die sie
vermitteln wollte?
Die neuere Philosophie kann von allen Erscheinungen, welche die
Sehnsucht der Zeit und der Kampf der Principien hervorgerufen hat, die
größte, sie kann als solche bewundernswürdig und unsterblich sein, sie
kann die Wahrheit stückweise geahndet und die Grundlage für eine höhere
Hand gelegt haben -- und sie ist das und hat das in der That -- was wir
begehren, ein neues, lebendiges Evangelium, das ist sie nicht, jene
erlösende und richtende, jene schlichtende und schaffende Kraft, welche
die Menschheit verlangt -- die hat sie nicht.
Und woher sollte sie ihr auch eigen sein? Bei allem Herrlichen, daß
sie geleistet, ist sie doch immer #Schule# geblieben, eingeschlossen
in die engen Schranken der Form und der Kaste, verständlich nur einem
kleinen Kreise des Volkes, gebunden an äußere Bedingungen, ergreifend
und erweckend nicht den ganzen Menschen, sondern nur etliche Fächer
des Geistes, endlich so gekettet an die Terminologie, daß der formale
Gehalt das innere Wissen bedingt, ja leichtlich so sehr überwiegt, daß
die Wahrheit selbst, das höchste Ziel des menschlichen Wollens, zum
logischen Spielwerk herabsinkt[53]. Daher ist, bei aller Systematik,
jene wahre, innere Logik so selten zu finden, welche, ohne ein
Zuthun von künstlichen Formeln oder rhetorischer Darstellung oder
phantasiereicher Anschauung, schon allein durch ihre nackte Reinheit
den Geist belebt und erquickt; was hievon vorhanden ist in den Werken
der Meister, verliert sich unter den Händen der Schüler, deren größere
Masse sich im formalen Gehäuse einnistet, alle Wissenschaften damit
bekleidet und sich dann bedünken läßt, sie besitze die Wahrheit, weil
sie ein Gerippe von Formeln und Phrasen besitzt, die von ihnen selbst
nicht verstanden, von der Menge aber bewundert werden, weil es in der
Menschen Art liegt, in Allem, was räthselhaft klingt, einen tieferen
Sinn zu suchen[54]. So geschieht, daß in neuerer Zeit die systematische
Philosophie mehr des Unheils anrichtet als sie Segen bringt: die
Mittelmäßigkeit unterliegt dem Zauber der Formeln, ihre Köpfe werden
mit Verwirrung, ihre Gemüther mit Schalheit erfüllt; und ein Geschlecht
wächst heran, welches unter der stolzen Einbildung, die schwierigsten
Fragen zu bemeistern, die entsetzlichste Hohlheit verbirgt, weil es,
durch jene äußere Fertigkeit verführt, noch weniger gedacht und noch
oberflächlicher empfunden hat, als es ohne das vielleicht gethan
haben würde. Das ist nun zunächst nicht der Meister Schuld (obwohl
Hegel durch seine Form Veranlassung genug gegeben hat), wohl aber der
heutigen Philosophie überhaupt, d. h. der zunftmäßigen Stellung, die
sie unter den Wissenschaften einnimmt, und wodurch sie alle Handwerker
der Zunft berechtiget, an der Wahrheit zu pfuschen.