so sehr sie in einzelnen Stücken von den übrigen Völkern erreicht und
übertroffen wird, überragt, als Ganzes betrachtet, sie alle. Es gibt
nur zwei Nationen in Europa, die mit der deutschen sich zu messen
vermögen: die englische und französische, denn die andern sämmtlich
sind trotz eigenthümlicher Vorzüge niedriger gestellt. Mehr Witz,
Feinheit des Geistes und logische Leichtigkeit alles das was _Esprit_
heißt, haben die Franzosen; nichts destoweniger ist an Stärke, Umfang
und Tiefe der deutsche Geist dem französischen hoch überlegen[36].
Die Engländer haben, was man gewöhnlich Charakter nennt, in höherem
Grade, aber das englische Gemüth ist härter, egoistischer, unreiner
als das deutsche, und die reelle Thatkraft der Engländer wird von
unserer idealen aufgewogen. Ja wäre selbst der französische Geist dem
deutschen und der englische Charakter dem deutschen Charakter gleich
oder überlegen: -- immer noch würde das deutsche Volk einzig, würde es
das größte bleiben durch das ihm eigene Gleichgewicht beider Elemente,
durch jene seltene Harmonie von Geist und Gemüth, wie sie, die Römer
ausgenommen, bei keinem Volk der Weltgeschichte erschienen ist. Diese
Harmonie ist so groß, daß uns beinahe keine Eigenschaft zugemessen
werden kann, die nicht den Geist und Charakter zugleich träfe. Die
Tiefe, Pietät, die Stärke, das Langsame, Bedächtige, Durchdringende,
die Allseitigkeit und Schmiegsamkeit -- alles das, und noch mehr, ist
beiden eigen. Daher ist unsere Natur eine ganze, vollendete, aus Einem
Stück gegossene; daher jene wunderbare, Andern unerklärliche Mischung
von philosophischer Strenge und religiösem Glauben, spekulativer
Kühnheit und kirchlicher Frömmigkeit. Es ist unser Größestes, und
was noch niemals in diesem Maße vorhanden gewesen, daß unser Denken
keine Gränze kennt, unser Zweifel, wo es Wahrheit gilt keine Schranke,
wäre sie noch so heilig geglaubt, -- und wir doch bleiben wie die
Kinder gottesfürchtig und fromm; daß unser Glaube so maßlos ist in
der Hingebung, so ängstlich in der Demuth, -- und dennoch so trotzig
den Himmel bestürmt in der Stunde der Noth und mit so freier Kraft
den höchsten Willen bezwingt. Ja auch wir Deutsche haben einen Muth,
-- es ist nicht der sinnliche Muth der Ehre, nicht die Begierde nach
Ruhm, es ist auch nicht die schnelle Entschlossenheit, der praktische
Trieb des vollen Lebens -- es ist der Muth einer höhern Begeisterung,
entzündbar nur für die heiligen Güter des Lebens, für die Wahrheit
und das Recht, für das geistige und nationale Dasein, unüberwindlich
und siegreich, so lange er mit Gott geht, dem aber kraftlos das
Schwert entsinkt, so wie er sich von Gott verlassen, oder nur in losem
Zusammenhange steht mit höheren Zwecken. Und wie mit dem Muthe, so
ist's mit allem Thun und Lassen des Deutschen. Allüberall will er eine
höhere Beziehung; wo diese fehlt, ist er lässig, uneinig, träge und
elend, wo sie ist, kräftig, energisch und groß auch in den kleinsten
Dingen. Deßhalb, weil wir gewohnt sind, alles Beschränkte zu heiligen
durch höhere Bande, sind wir geborne Weltbürger, gehen hinaus über den
Kreis des Vaterlandes und suchen die Menschheit, ringen unaufhörlich
zwischen Patriotismus und Kosmopolitismus umher. Und glaubet nicht,
daß dieser Zug zum Allgemeinen, eines der stärksten Merkmale des
deutschen Naturells, sich jemals verlieren, oder durch ein einseitiges
Bestreben vernichtet werden könne. Das, was einmal unzerstörlich in
der Natur liegt, wäre vergebens ausreißen zu wollen: wohl aber soll
unsere Sorge sein, ihm die rechte Richtung, den wahren Gehalt zu geben.
Wir lieben unser Vaterland, aber wir lieben auch die Menschheit; den
selbstischen Trieb wodurch der Mensch dem Stamme zugethan ist, der ihn
erzeugt hat, wollen wir verklärt wissen durch allumfassende Liebe.
#Je mehr daher an dem Vaterlande selbst das Schicksal der Menschheit
hängt, desto heißer, je weniger, desto schwächer lieben wir's.# Ja es
ist bitter zu sagen, und doch ist's geschehen und wird ewig geschehen,
sobald eine andere Nation uns vom Willen der Menschheit und vom Wehen
des Weltgeistes beseelter erscheint als wir, -- sobald auch verlassen
wir uns selbst, und eilen ihr zu. So haben wir den Franzosen gethan,
-- nicht dem kleinen beschränkten, französischen Volk, sondern dem
Geiste der Menschheit, den wir in ihrer Philosophie, in ihrer Freiheit
zu finden vermeinten. Darum ist der Deutsche unendlich groß entweder,
oder unendlich klein; und sein Vaterland, obwohl er sich so treu, wie
die andern alle dafür zu opfern weiß, wird ihm dann nur Alles sein,
wenn er in ihm die Menschheit zugleich lieben, wenn er es als Centrum
der Menschheit betrachten darf[37]. O tadelt ihn nicht, diesen großen
herrlichen Zug, dies einzige Geschenk, das der Höchste uns allein
unter allen Völkern der Geschichte und für alle verliehen hat[38].
Denn obwohl wir schon Jahrhunderte lang sein Opfer gewesen, #so ist es
doch, einmal erkannt, nur der Stachel, uns zum Höchsten zu treiben,
nur der ewige Mahner, der uns gebietet, entweder hin oder her zu
schwanken# zwischen dem Vaterlande, das uns theuer, und der Menschheit
die uns theuer -- #oder selbst die Erstlinge der Menschheit, zu sein,
und den Geist der Geschichte mit unserm Geiste zu verschmelzen, damit
wir uns selbst im Ganzen, und das Ganze in uns umfassen mögen#. Darum
aber, wenn das Letztere geschieht -- wo ist eine Kraft, die sich
dieser vergleichen ließe, wo eine Gewalt, die nicht vor dem Hauche der
dreifach gegürteten Liebe, der Vaterlands-, der Menschheits- und der
Gottesliebe in den Staub sänke?
Wenn so die deutsche Natur im Allgemeinen den Stempel der geistigen
Oberhoheit trägt: so ist sie überdieß im Einzelnen mit einer Fülle
von Talenten gesegnet, wie sie in solcher Vereinigung keine
Nation besitzt. Politische und militärische, philosophische und
wissenschaftliche, poetische und künstlerische, musikalische und
sprachliche, industrielle und nautische, merkantile und technische
Gaben -- alles das ist uns so reichlich zugetheilt, daß wir es in
den einzelnen Stücken jedem Volke gleich, in einigen zuvor thun.
Politische Gaben habe ich zuvörderst gesagt, und das mit Absicht, weil
dem größten und wichtigsten Talente der erste Platz gebührt. Es ist
nicht von den diplomatischen Künsten, von dem Spiele der Intriguen die
Rede, welche Franzosen und Italiener in Europa gelehrt, (obwohl wir
leider auch hier unsere Meister gehabt) noch auch von der Habsucht
oder der Gewalt, welche leichtlich zum Ziele kommt, weil sie kein
Mittel scheut: ich meine die Politik als die hehrste aller Künste.
Wenn das ausgesprochenste Talent zu organisiren und zu verwalten, die
ausgebreitetste Uebersicht, die größte Allseitigkeit, die angeborne
Leichtigkeit, sich in alle auswärtigen Verhältnisse und Charaktere zu
finden, der höchste geschichtliche Sinn, und die reichsten Fülle der
leitenden Gedanken (noch abgesehen von den moralischen Bedingungen) zur
Politik befähigt; dann gewiß ist kein Volk Europa's dazu in dem Grade
befähigt als das deutsche.
Zu all diesen Eigenschaften gesellt sich noch eine schon oben berührte:
das gehaltene Maaß von intentionellem Reize, das unsern Kräften
beigegeben ist. Unser Wille überschreitet niemals unsere Kraft; ja
vielleicht ist er zu träge für sie. Das hat uns Manches gekostet,
darin liegt zum Theil das Phlegma, womit gemeinhin der Deutsche
charakterisirt wird, darin, daß wir nur durch innere Vorgänge getrieben
werden können zu handeln, Großes zu thun, die Kraft zu brauchen,
nicht durch äußern Anreiz; und Thoren mögen die Lebhaftigkeit der
französischen Intention bewundern, wenn sie beständig hinausgeht über
die innere Kraft und beständig wieder zurücksinkt; #uns# ist jene
Eigenschaft der Bürge des deutschen Berufs in Europa, der Bürge der
Hegemonie. Darin gerade, daß Deutschland niemals die Gränzen seiner
Sendung überspringen, niemals erobern und umwälzen, niemals in
frevelhaften Versuchen die Welt erschüttern wird, darum findet Europa
den Frieden, die Erde den Segen. Ja die Deutschen selbst würden, auch
im Besitze der höchsten Macht, sich nicht als regierende Gewalthaber,
nur als die ersten Diener einer höhern Ordnung, als die Priester
eines göttlichen Reiches würden sie sich betrachten. Konservativ sind
sie, und sollen sie sein im höchsten Sinne des Worts, kein heiliges
Verhältniß soll von ihnen betastet, keine Gränzen der Natur verrückt
werden. Im Gegensatz zur Diktatur, welche Rom einstmals geübt hat,
ist Deutschland zum #konstitutionellen Königthum# in dem großen
Gemeinwesen bestimmt, das Europa heißt. Gleich der fürstlichen Macht
im wohlgeordneten Staat, soll das königliche Volk, als die Spitze des
germanischen Adels, in Eintracht mit den andern Gewalten die oberste
Leitung führen, die bindende Einheit wahren, den aristokratischen
Druck der Einen, die demokratische Unruhe der Andern ermäßigen, den
Mittelstand beschützen, den Pöbel erziehen, ohne doch die Freiheit
Aller zu beschränken.
So ist Deutschland das gesegnetste Land Europas, wuchernd von innern
und äußern Schätzen, der Mittelpunkt der civilisirten Erde; das
deutsche Volk, das geistigste, edelste, in allen Theilen gleich
gebildetste, talentvollste Volk in Europa, ausgestattet mit königlichen
Gaben, #das gottbegnadigtste, das die Geschichte kennt#.
Und dieses Land ist der Spielball der Nationen, dieses Volk ohne Leben
und Würde -- ja beide, Deutschland und das deutsche Volk, sind in einem
gewissen höchst wichtigen, im offensiv-politischen Sinne #gar nicht
vorhanden in Europa#.
Wäre dies nicht Thatsache, täglich fühlbare Thatsache -- der Verstand
des Verständigsten könnte daran zerscheitern. Und er würde es, bliebe
nicht eben der Trost, daß die Deutschen nur sehr klein oder sehr groß
zu sein verstehen. Ich habe gezeigt, was Deutschland #sein kann#, und
sollte nun zeigen, was es #ist#. Man erlasse mir den Beweis unserer
Nichtigkeit zu führen, den Abstand zu schildern. Sagt mir nichts von
Oestreich und Preußen! Wenn sie Deutschland in Wahrheit vertreten,
warum herrscht doch die russische Gewalt, warum der englische Egoismus
in Europa, warum brüstet sich französische Anmaßung? Wenn sie in
außer-deutschem, in eignem Geiste handeln, wie gehören sie hierher?
Was jetzt vorhanden ist von Deutschland gleicht einer unsichtbaren
Kirche, vielleicht wirksam hin und wieder, aber unfähig sich lebendig
zu bethätigen und zum kräftigen Körper zu gestalten. In dem einzigen
Worte »Ohnmacht«, Ohnmacht nach Innen, Ohnmacht nach Außen, kann sich
das deutsche Volk bespiegeln, wie es leibt und lebt. »Das ganze Haupt
ist krank, das ganze Herz ist matt.«
Wo das Uebel im Ganzen so tief liegt, da fruchtet's weniger die
einzelnen Mängel zu beleuchten; nicht als wäre das nicht nothwendig
oder der Mühe werth, sondern weil die Beleuchtung hier nimmermehr
wirkt, was sie anderswo wirkt; weil es zahllose Dinge gibt, worein die
Nation von oben bis unten die klarste Einsicht hat, deren Abschaffung
dem simpelsten Verstande sich aufdrängt, und welche dennoch fortwuchern
trotz dem ausgesprochendsten Willen der öffentlichen Stimme. Die Jahre
zu berechnen, welche auf dem herkömmlichen Wege hingehen werden, ehe
der Zollverein Hannover und Meklenburg bezwingt, die Jahrzehnten ehe
er das Meer und ganz Deutschland umfaßt, ehe er auch dann noch ohne
kleinliche Rücksichten und mit Kraft zu handeln beginnt, ehe unsere
Ströme von Zöllen und ihre Mündungen von Lasten entledigt sind, unsere
Auswanderung überwacht und organisirt ist, ehe wir gleiche, öffentliche
Gerichtsverfassung, ehe wir gleiche, volksthümliche Wehrverfassung
haben; die Jahrhunderte endlich, ehe die außerordentlichen Zeitläufte
vorüber sind, in Anbetracht derer die Presse belastet worden ist --
alles das zu berechnen wäre thöricht. Denn da die Nation über die
meisten ihrer Gebrechen, wenigstens der äußern, nur Eine Meinung hat
seit Jahren, und dennoch unfähig ist, diese Meinung geltend zu machen,
so fehlt ihr wohl weiter nichts als die Kraft. Der #Stader-Zoll#
allein, ganz allein wäre hinreichend, den andern Nationen die tiefste
Verachtung gegen unsere Erbärmlichkeit einzuflößen.
Wenden wir uns hinweg von dem traurigen Anblick und betrachten die
Aussicht, die die Zukunft uns bietet. Laßt uns sehen, welche Art von
Entwicklung die innern Zustände Deutschlands versprechen.
Es gibt in den deutschen Staaten zwei Systeme, die sich schroff
gegenüber stehen: das monarchisch-konstitutionelle und das
monarchisch-absolute. Die Geschichte sagt uns, daß das erste, obwohl
in der heutigen Gestalt kein deutsches Erzeugniß, der deutschen
Natur mehr angemessen sei. Die Rechte der Freien an der Staatsgewalt
sind so alt als das deutsche Volk, und die ständische Verfassung
des Mittelalters hat nicht nur Gesetzgebung- und Besteurungs-, sie
hat Regierungsrechte und das Recht des bewaffneten Widerstandes
geübt, während die neuen Konstitutionen der Krone eine wahrhaftige
Souveränetät gegeben haben. Diejenigen also, welche nicht müde
werden uns zu sagen, es liege darin ein Grund von Freiheit, der dem
Charakter des deutschen Volks widerspreche, verdienen mit Verachtung
abgewiesen zu werden. Ganz anders die kleinere Zahl von ehrenwerthen
Männern, denen die konstitutionelle Verfassung widrig erscheint,
weil sie vom Ausland her ohne tiefere Begründung auf deutschen Boden
verpflanzt worden, und weil die deutschen Kammern, trotz den edlen
Bestrebungen, die sich vielfältig geoffenbart, trotz so mancher
Verhandlungen, die an Gediegenheit, Muth und Kenntnissen allen andern
gleich zu achten sind, dennoch im Ganzen und Großen die Sache des
Vaterlandes, das Wohl und die Freiheit von Deutschland nur wenig
gefördert haben. Sie haben Recht[39], aber Unrecht würden sie haben,
zu verkennen, daß die Gebrechen des konstitutionellen Systems uns nicht
berechtigen, das absolute zu preisen. #Jenes# ist aus einer Mischung
des romanisch-liberalen Princips mit der germanischen Freiheit, aus
der #Zusammensetzung französischer und englischer Bestandtheile#
hervorgegangen, #dieses aus der bureaukratisch-militärischen
Monarchie#, welche von #Richelieu und Mazarin gegründet, von
Ludwig XIV. vollendet#, nach dem dreißigjährigen Kriege um sich
gegriffen hat, und freilich wohl durch die Verfallenheit des alten
ständischen Staats vorbereitet gewesen ist. Beide also theilen den
romanischen Ursprung, das letztere noch in höherem Grade, und wenn
das eine uns in eine geistige Verbindung mit Frankreich setzt, welche
ihr Uebles hat, so bringt uns das andere in eine Abhängigkeit von
Rußland, welche dreifach von Uebel ist. Genug: welches von beiden das
deutschere, und daher unser würdigere sei, darüber kann kein Zweifel
sein.
Aber eben so wenig darüber: welches von beiden in der Gegenwart
das Uebergewicht behaupte. Die Großmächte, mit andern Worten, das
bureaukratische System, beherrscht den Bund. Es liegt in der Natur der
Dinge, daß die zwei ersten Staaten von Deutschland die Richtung der
andern maßgebend bestimmen, daß das konstitutionelle System von dem ihm
entgegengesetzten verhindert wird, seine Konsequenzen auszubilden.
In diesem Zustande, in so ungesundem Zwiespalt, kann Deutschland
nun und nimmer verharren. Entweder die östliche Hälfte muß über die
westliche oder diese über jene siegen. Da aber das undeutsche Element
zu kraftlos ist, um das deutschere zu besiegen, so bleibt nur der
letztere Fall. Und wie soll nun der Sieg errungen werden?
Woher soll Euch die öffentliche Meinung kommen, so stark, so
allmächtig, daß sie #ganz# Deutschland ergreift von oben bis unten,
unwiderstehlich und doch friedlich und gesetzlich? Wo findet ihr die
geistige Macht, die solches vermag? Merket wohl: Eure Kraft ist nur
die verhältnißmäßig größere, sie steht nur als deutschere der minder
deutschen, nicht als deutsche der undeutschen gegenüber. Und da die
Großmächte Deutschlands Beschirmer nach außen, da sie die Horte der
Nationalehre sind, da es eure Pflicht ist, in der Stunde der Gefahr
vertrauungsvoll nur ihnen zu folgen -- so haben sie überdieß ein
Gewicht, das Euch fehlt und ihre Schwäche ersetzt.
#Wie also wollt ihr siegen, als nur durch ein neues, drittes deutsches
Element? Und woher es erhalten, wo nicht auf dem Wege des Geistes?#
Doch es sei. -- Setzet, das konstitutionelle System solle allenthalben,
wo es jetzt besteht, eine Wahrheit, es solle nirgends mehr der
Deckmantel der Willkühr oder das Spielwerk der Launen sein, es solle
ungehemmt seine Blüthen und Früchte treiben; setzet, der Westen
von Deutschland überwände, so gekräftigt, den Osten. Preußen habe
seine Stände, Oestreich eine Charte, der Bund die umgekehrte Tendenz
gewonnen; setzet, das Unglaubliche, ja das Unmögliche -- und geht nun
mit mir noch einen Schritt weiter. --
Ihr seid einig geworden nach innen, der Zollverein umschlingt euch
nach außen, mehr und mehr erhebt sich eine deutsche Politik, immer
mächtiger wird das Nationalgefühl, immer lebendiger die Allmacht des
Bundes -- wie nun? Je höher die Einheit, desto größer die Opfer, die
das einzelne Glied dem Ganzen zu bringen hat: desto beschränkter die
Souveränetät der Staate: desto gebundener die Wirksamkeit der Kammern:
desto unmöglicher die Wahrung der konstitutionellen Rechte. »Das
unvermeidliche Resultat jeder Bundesverfassung ist Beschränkung der
ständischen Steuerbewilligung in einem der wichtigsten Punkte, der
will sagen, Beschränkung der Ausführbarkeit der guten Verfassung.«[40]
Armes, armes Vaterland! Die Freiheit kannst du nur zum Schaden der
Einheit, die Einheit nur auf Kosten der Freiheit erringen. Jeder
Fortschritt nach außen ist für dich ein Rückschritt nach innen, und
derselbe Weg, den du im Schweiß des Angesichts zum Ziele der Vollendung
gehst, führt dich immer weiter von diesem Ziele hinweg.
Ja, der Staat überhaupt, wie er heute ist, widerspricht der Gestaltung
von Deutschland. Denn was in früheren Zeiten in ungeordneter
Freiheit lose zusammenhing, ist in der neuen zum festgeschlossenen
Ganzen geworden; in absoluten, wie in konstitutionellen Ländern übt
die Staatsidee ihre Gewalt, sie verlangt einheitliche Grundlagen,
Freiheit nach außen und unabhängige Entwickelung; zusammengesetzte
Monarchien bestehen eben so wenig vor ihr als zerrissene Völker.
Einen Staatenbund, der in gemessenen Graden sich abstuft, so daß in
der Spitze sich alles vereinigt und am Ende nur ein Wille das Ganze
beseelt, -- den mag sie noch gestatten, wo aber gleiche Berechtigung
herrscht, da untergräbt die Föderation sich selber. Je mehr die Staaten
sich bestreben wahrhaftig zu sein, was sie sind, desto loser wird
die Verbindung, je enger die letztere, desto unmöglicher politische
und sociale Ausbildung. Das Ganze blüht nur, wenn das Einzelne, das
Einzelne nur, wenn das Ganze welkt.
Und hier ist es, wo ein Abgrund vor den Blicken sich zu öffnen, wo
die Zukunft des Vaterlandes sich in ein undurchdringliches Dunkel zu
verhüllen scheint. Wenn wir die frühere Geschichte betrachten, so
zeigt sie uns, daß Deutschland nur in den Zeiten groß und mächtig
gewesen, da die Reichsgewalt in Eines Hand vereinigt lag, daß die
höchste Blüthe der »germanischen Freiheit« von jeher mit dem tiefsten
politischen Elend verschwistert war, und daß die neuere Zeit eine
Entwicklung geschaffen hat, durch welche bereits aus den frühern
dreihundert Staaten eine kleinere Zahl von sechs und dreißig geworden;
daß endlich dieser Zug, wenn er in gleichem Maße sich in den deutschen
Staaten forterhalten würde, allmählig sie alle in Eins verringern kann.
Die Einheit von Deutschland -- wer unter uns wünschte sie nicht, ja,
welcher ist von unsern Fürsten, dem sie nicht als das höchste Ziel, als
das theuerste Gut erscheinen müßte? Aber wie dazu gelangen?
Unter den Fürsten, wie unter dem Volke sind Versuche gemacht worden.
Das erste deutsche Fürstengeschlecht, das #Erzhaus#, hat zeitenweise
den Gedanken verfolgt, durch immer steigende Erweiterung seines
Einflusses die Deutschen zur Einheit zu führen. Sehr thöricht ist
es, wie viele gethan haben, die östreichische Politik um eines
Gedanken willens, der so nahe lag, dessen Durchführung so großartig
und belohnend scheinen müßte, zu tadeln. Aber die damaligen Zeiten
waren hiefür nicht reif, und wären sie gewesen -- so war die höhere
Gefahr vorhanden, daß Deutschland in Oestreich sich verloren haben
würde, während Oestreich in Deutschland sich hätte verlieren sollen.
Es sollte nicht sein und eine weise Fügung hat es verhindert, welche
nicht wollte, daß Großes und Herrliches mit Verletzung heiliger innerer
Rechte erzielt werde.
Seit der Konstituirung des Bundes hat Oestreich auf alle Plane
der Art, auch für Süddeutschland (der Norden ist durch Preußen
gesperrt) verzichtet, und das mit Recht. Denn da die deutschen
Staaten Oestreichs nicht so geartet sind, daß sie den innern Gang von
Deutschland vorbezeichnen könnten, vielmehr durch ihre Verbindung mit
der großen Monarchie darauf beschränkt sind, den übrigen nachzugehen
-- so würde eine solche Politik nur verderblich wirken. Ganz anders
ist Preußen gestellt. Preußen kann vorangehn; es ist im Zollverein
bereits vorangegangen, und wäre fähig, auch in der innern Politik
voranzugehn. Die deutsche Hegemonie liegt (wenn das letztere geschähe),
in seiner Hand. Allein gerade dieser geistige Einfluß ist es, der
eine materielle Ausbreitung den Preußen so unmöglich macht, als den
Oestreichern. Die höchste Idee der preußischen Politik kann lediglich
#die# sein, in Deutschland aufzugehn, nicht umgekehrt Deutschland
preußisch zu machen. Wäre dieß nicht an sich schon klar genug: so
fühlt man doch, daß jeder äußere Versuch im letzten Grund an Oestreich
scheitern würde, und thut wohl, nach diesem Gefühle zu handeln. So wird
eine Großmacht durch die andere, und alle übrigen Staaten eben durch
die Großmächte gehindert, in Deutschland um sich zu greifen. Es ist
keine partiale Tendenz vorhanden, welche mächtig genug wäre, das Ganze
zu überwältigen.
Auch Einzelne aus dem Volke haben den Gedanken gehegt, die deutsche
Einheit zu schaffen, aber der Weg, den sie einschlugen, konnte nur
über Leichen gehen. Die Versuche, die seit 1815 in diesem Sinne
gemacht wurden, waren nicht nur unreif und kindisch, sie waren auch
naturwidrig, und die ganze Vorstellung, die ihnen zu Grunde lag,
beruhte auf einem tiefen Irrthum[41]. Ehe nicht die einzelnen Staaten
selbst so mächtig von dem Gemeingefühl durchdrungen sind, daß die
partiale Tendenz in der allgemeinen aufgeht oder sich organisch
einfügt, ist keine Einheit gedenkbar. Eine äußere Revolution, gesetzt
auch, sie wäre mächtig genug, den bestehenden Zustand aufzuheben und
einen Staat zu schaffen, würde unfähig sein, die Verschiedenheit der
Tendenzen aufzuheben. Das geeinigte Deutschland würde sofort wieder
in ähnliche Theile zerfallen. Die partialen Tendenzen, der alten Form
beraubt, worin sie gegossen waren, würden sofort sich neue erschaffen.
Wir würden unendlich verloren, Nichts gewonnen haben.
Wenn es sonach den einzelnen Staaten unmöglich ist, sich selbst zum
Ganzen zu erweitern, dem Volke noch unmöglicher, von unten herauf
die einzelnen Staaten ohne ihr Zuthun aufzuheben -- was bleibt uns
übrig? Nur das eine, daß beide Hand in Hand gehen. Wenn die Staaten
selbst ihren beschränkten Trieb dem Allgemeinen in so steigendem Maße
unterordnen[42], daß der erstere im letzteren verschwindet, und wenn
die Völker durch ein festgeschlossenes einheitliches Bewußtsein diesen
Proceß beschleunigen und wo er nicht von selbst beginnt, ihn dem
Staate mittheilen; dann ist eine Einheit gedenkbar, welche, obwohl nur
innerlich, doch durch gesteigerte Wirksamkeit Deutschlands nach außen,
durch große Ereignisse im Laufe der Zeiten, der politischen gleich
werden kann, indem sie die Energie des gewöhnlichen Centralstaates
sich aneignet, ohne seine Fehler zu theilen[43]. Da aber von sechs
und dreißig Staaten nur die wenigern, d. h. die größeren eine Seite
des deutschen Wesens (eine Staatsidee) darstellen: so ergibt sich als
natürlicher Gang, daß die kleineren, je nach der innern Verwandtschaft,
mehr und mehr in die größeren verwachsen, während letztere, indem jeder
in seiner Weise den besondern Ausdruck der Einen Gesammtheit bildet,
sich in Ecksteine des großen Ganzen verwandeln.
Wie wollt ihr nun einen so deutschen Sinn den Regierenden und den
Gehorchenden zugleich einflößen? Wie den Einzelnen zumuthen, sich für's
Ganze zu opfern, wenn nicht ein deutsches Gesammtgefühl sich erhebt
von so gewaltiger Art, wie es in früheren Zeiten gar nicht gewesen
ist? Wie eine Politik erschaffen, die nichts kennt, als die deutschen
Rücksichten, diesen letzteren alles andere schlechtweg hintansetzend?
Dieß geschieht nicht auf dem gewöhnlichen, breit getretenen Wege -- nur
durch eine unerhörte, harmonische Bewegung der Geister und Gemüther
-- auf Thronen wie in Hütten -- durch unzertrennliche Einigkeit
des gebildeten Kerns der Nation, durch ein scharfes und inniges
Bewußtwerden des Berufs von Deutschland.
#Deutschlands innere Einheit ist bedingt durch die Vereinbarung der
politischen Principien, die äußere durch die unbedingteste Gleichheit
des Nationalwillens. Beides, die Vereinbarung und die Gleichheit
erfordert ein deutsches Princip.#
Wenn wir, vom Ganzen absehend, die inneren Bestandtheile der Staaten
betrachten, so tritt uns dieselbe Forderung und noch lebendiger
entgegen.