Diese Mitte soll nicht ein Mittelding sein zwischen beiden, ohne eigne

Kraft und widerlich schwankend zwischen dem Anstoß, der bald von Osten,

bald von Westen kommt, wie es bisher in Deutschland gewesen. Geist und

Leben selbst, soll sie ein neues Princip aufpflanzen in Europa, auf

den Trümmern der erstorbenen Welt, und in den Wüsten der modernen,

welches dem demokratischen Zuge Recht und Geltung verleiht, ohne den

monarchischen Trieb, als das letzte bindende Element des Staates, zu

untergraben. Ehe nicht solch eine Vermittlung gefunden ist, gibt es

keine Ruhe, keinen Frieden, keine Einheit in Europa. --

Warum also, ich wiederhole es, ist weder in Territorial- noch in

Principiensachen eine organische Stellung der Völker und Staaten

vorhanden? In der ersten Beziehung, weil Deutschland nicht ist, was es

sein soll: der einige, geschlossene Vorort der germanischen Nationen.

In der zweiten, weil Deutschland noch nicht gefunden hat, was es finden

soll: die Versöhnung der widerstrebenden Tendenzen, von denen es selbst

in zwei Theile zerrissen wird.

Der Kampf der Principien, so furchtbar und hoffnungslos, weil keine

Partei zu siegen, keine unterzugehen vermag, raubt Europa die innere,

der Zwist der Territorialinteressen raubt ihm die äußere Einheit.

Jener hat eine peinliche Unfähigkeit der Staatsverwaltungen (das

_Juste-mileu_), dieses die Unvermögenheit der Politik, auswärtige Dinge

zu schlichten, (den _Statusquo_) erzeugt. Ohne Einheit ihrer Glieder,

zerrissen von schroffen Gegensätzen, ohne politische Intentionen,

unklar über das was sie soll, unfähig in dem was sie will: so ist, als

Ganzes betrachtet, die europäische Pentarchie.

Und diese Pentarchie vermißt sich, das Schicksal zweier Welttheile, ja

im weitern Sinne die Regierung der Erde zu leiten. Die Folgen liegen

der Welt vor Augen. Eine Frage taucht auf nach der andern, und von ihr

wahrhaftig wird sie nicht geschlichtet, wenn sie nicht in sich selbst

die Schlichtung findet. Unendliches Blut ist in Griechenland vergossen

worden, weil es den Mächten beliebt hat, #das# erst nach Jahren zu

thun, was endlich doch geschehen mußte, und sogleich hätte geschehen

sollen. Zahllose Menschenleben sind in Spanien geopfert worden, weil es

ihnen genehm war, von beiden Seiten gerade so weit zu interveniren, um

den Krieg desto hartnäckiger in die Länge zu ziehen. Welches Princip

ist es doch, das Belgien konstituirt und Polen preisgegeben hat, das

die Integrität der Türkei verkündigt und dem Pascha von Aegypten

die Erblichkeit verleiht? Es sind weder Principien noch Grundsätze,

noch auch allgemeine humane Rücksichten vorhanden. So hat man in der

orientalischen Sache wohl für Abdul Medschid gearbeitet und für Mehmed

Ali, für sie und wider sie hat man hin und hergeredet, geschrieben und

gehandelt: der unterdrückten Völker aber ist mit keinem Worte gedacht

worden, weder der türkischen noch der ägyptischen. Ueberhaupt, diese

Frage des Orients, das schwere Probestück, an dem das heutige Europa

sich verbluten wird, um einem neuen zu weichen, sie zeigt allein schon

die ganze Hülflosigkeit des diplomatischen Wollens und Thuns. Was war

im Orient zu thun? Man wollte, weil ein anderer Ausweg vorerst nicht

zu finden, die Erhaltung der Pforte. Mehmed Ali mußte, war seine Macht

hiemit vereinbar, belassen, war sie es nicht, unschädlich gemacht

werden. Jahre verflossen -- blutige Jahre für die Völker, tödtliche für

die Herrscher des türkischen Reiches -- ehe man hierüber zu einigen

Begriffen kam. Endlich wird eingeschritten: und keines von beiden

geschieht. Nach einer Reihe kriegerischer Großthaten sieht sich die

gerettete Pforte in neue und schwerere Verwicklungen gestürzt, ist

Mehmed Ali in geheiligtem Besitz des Errungenen und gestärkt durch

verdoppelte Mittel der List, der Intrigue und des Verderbens, sind

die syrischen Provinzen der furchtbarsten Anarchie, die christlichen

Unterthanen der schändlichsten Bedrückung preisgegeben, ist Europa

in neue Krisen verwickelt. Wohl gab es einen Mittelweg: trotz der

Pforte und trotz des Pascha im Interesse der christlichen Bevölkerung

zu handeln. Aber, wie die Protektion der Pforte schon dem Princip

nach den christlichen Interessen im Orient zuwiderläuft, so weiß man

auch in dieser Beziehung nur zu zögern. Der Mangel an leitenden Ideen

ist so groß, daß die Staatsmänner sie in den wichtigsten Dingen von

der öffentlichen Meinung erwarten; erst wenn diese sich unabweislich

geltend macht, wird gehandelt. Die Pentarchie besitzt die oberleitende

Gewalt: statt sie zu handhaben, läßt sie sich von den Ereignissen

so lange leiten, bis der höchste Punkt erreicht, der dringendste

Augenblick gekommen ist; dann endlich wird geschlichtet, doch nicht

um die Sache selbst zu schlichten, sondern sie vorläufig wenigstens

so zu wenden, daß keine der fünf Mächte sich beleidigt fühlt. Ein

Tribunal der Völker will sie bilden, das über die Zwiste der Nationen

entscheidet; und mit der richterlichen Vollmacht verbindet sie die

ausübende, um überall den gefällten Spruch in Kraft zu bringen.

Nur schade, daß ihr hiezu gerade die zwei Dinge fehlen, worin die

Befähigung läge: die Einheit sowohl als die geistigen und sittlichen

Regeln, nach denen Recht gesprochen werden soll. Ohne das, wie mag

sie zu Gerichte sitzen? Wie anders, als zum Verderben der Völker?

In der That, ihre Wirksamkeit sollte darauf beschränkt sein, sich

selbst in Ordnung zu halten; denn trotz unablässiger Bemühungen,

vermag sie selbst dieses nicht. Die innern Blößen, die zu verdecken

sie sechsundzwanzig Jahre vergebens gerungen hat, treten offener als

jemals in diesem Augenblicke zur Schau. Und gleichwohl hört man

nicht auf, als Vollendung politischer Weisheit eine Diplomatie zu

rühmen, deren höchste Kunst in gelungenen Ausflüchten, in vertagenden

Maaßregeln besteht.

Doch, warum die menschlichen Schwächen anklagen, wo ein höheres

Schicksal schwer und ungeheuer auf den Völkern lastet, vor dem die

Weisheit der Regierenden so flüchtig zerrinnt, als die Einfalt der

Thörichten? Große Dinge bereiten sich vor an allen Enden der Erde: das

semitische, das indische, persische und östliche Asien wird näher und

näher in den europäischen Kreis gezogen, um von daher sich frische

Kraft zu erholen: Afrika fängt an, sich uns zu erschließen; und wie im

Osten eine erstorbene, im Süden eine todte Welt, so harrt im Westen,

über dem Ocean, eine jugendliche, kaum geborene der erziehenden Hand,

um aus der kindlichen Regellosigkeit, worin sie sich verloren hat, zur

Ordnung und Freiheit zu gedeihen. Das alles ist dem kleinen Erdtheil

vorbehalten, den die Vorsehung bestimmt hat, an der Spitze der Völker

zu stehen: und eben dieser Erdtheil ist von innern Uebeln ohne Zahl,

von tödtlichen Wunden zerrissen. Die vor allem müssen geheilt sein --

oder seine Herrschaft gereicht wie bisher so oft, nur zum Fluch und

Unsegen der Völker, statt zu ihrem Wohl und Frieden.

Es ist ein großer Gedanke, der dem pentarchischen System zu Grund

liegt. Aus den edelsten Völkern, und den vollendetsten Staaten soll

eine Macht sich heranbilden, die als höchstes Forum mit Gerechtigkeit

und Kraft die Weltangelegenheiten schlichtet. Es ist ein schöner,

herrlicher Traum, jene Einheit des Menschengeschlechtes, nach der die

edelsten Männer sich von Altersher gesehnt haben, jener ungetrübte

Friede, dem in unsern Tagen die Menschheit entgegenzugehen scheint:

und vielleicht mehr als Traum. Das alles vermag die Pentarchie nicht

zu geben; sie ist das künstlich gestützte, morsche Gebäude, an das

die tiefsten Wünsche der Zeitgenossen sich anranken, und nur eben

dadurch vor dem Umsturz bewahrt. Aber so weit Harmonie und Friede in

der menschlichen Natur überhaupt liegt, so weit jedes Gemeinwesen

sie in sich entwickeln kann; so weit kann die ganze Menschheit ihr

Ideal erreichen, sobald Europa selbst zu innerer Einheit gelangt sein

wird[32]. Dieses geschieht, wenn die Fragen gelöst sein werden, von

denen die Welt in ihren tiefsten Tiefen bewegt wird, wenn inmitten

slavischer und romanischer Tendenzen ein germanischer Bund die höchste

Gewalt übernimmt, wenn ein Volk an die Spitze des Bundes tritt, welches

nach großen, leitenden Ideen die Politik von Europa regelt und eine

Macht aufrichtet, die unantastbar ist und unvergänglich[33], weil das

geistige und sittliche Princip es ist, worauf sie beruht.

Seit Jahrhunderten kennt die europäische Geschichte keine andere

Staatskunst, als die Künste des Trugs, der Hinterlist und der

Selbstsucht; keine Verträge, als die, so für den Vortheil des

Augenblicks ohne Bedenken geschlossen sind, um eben so gewissenlos

gebrochen zu werden, keine Allianzen, als vergängliche, haltlose und

denen das tiefere Bewußtsein fehlt, keine Kolonisation, als die auf

Barbarei und Vertilgung der menschlichen Raçen gegründete. Wie würde

es sein, wenn aus dem Schutt so gehäufter Verbrechen eine neue Politik

sich erhöbe, mannhaft, offen und edel, ein Abglanz der höhern Weisheit,

deren Absichten sie zu erkennen und zu vollstrecken strebte, geheiligt

durch die sittliche Würde, von welcher Thoren und Elende sagen, sie

sei unvereinbar mit weltlichen Dingen, voll Stärke und Wahrheit, voll

Kraft und Gerechtigkeit! So viel ist gewiß; die alte Politik geht

ihrem Untergange entgegen; was bis jetzt gedauert, schlägt keine Wurzel

mehr hinüber in künftige Jahrhunderte. Denn wie jedwede Kunst, wenn

sie zur Künstelei geworden, zurückgehen muß auf die Natur, in welcher

allein ursprüngliches und wahrhaftiges Leben liegt: so wird auch die

Politik, eben weil sie die höchste Spitze der Unnatur erreicht hat, zu

den ewigen Quellen des Rechts und der Wahrheit hinabsteigen, um das zu

werden, wozu sie berufen ist: #die Erzieherin des Menschengeschlechts#.

Kapitel XIII.

Deutschland.

Wir haben Europa durchwandert und stehen jetzt still. Was sich aus der

Betrachtung ergeben hat, ist in Kurzem folgendes:

In allen Ländern Europa's, und zumeist in den zivilisirtesten, ringt

das Bewußtsein und der Glaube der Völker, ringt der Instinkt und der

Wille der Staaten nach neuen Haltpunkten. Solche zu schaffen sind die

Einen zu erschöpft, die Andern zu jung und zu unreif, die Dritten von

zu einseitiger Kraft. Deutschland allein ist durch Natur und Gegenwart

befähigt, ein Princip zu erzeugen von europäischer Wirkung.

Ganz Europa strebt nach einer festen Organisation seiner Glieder, und

findet sie nur in natürlicher Ueber- und Unterordnung. Deutschland

allein kann diese Organisation dem Welttheile geben, weil nur eine

germanisch-deutsche Hegemonie jenes wahre Gleichgewicht bestehen, ja

erst entstehen läßt, dem jede andere, sei es englische, französische

oder russische zuwiderläuft, weil nur #sie# in den natürlichen Grenzen

bleiben kann, aus welchen jede andere, um zu herrschen, heraustreten

muß.

Es ist also nun von dem Volke die Rede, welches Holland, Belgien und

die Schweiz in erster Linie, Skandinavien in zweiter, England in

dritter Linie sich verbünden, welches den Polen und Ungarn ihre wahre

Bedeutung verleihen, die Russen ihrer falschen entkleiden, welches

Frankreich und Spanien neu beleben, Italiens Zukunft bestimmen, die

griechisch slavische Halbinsel organisiren, die Schicksale des Orients

leiten und die fortschreitende Okkupation des Erdkreises überwachen

soll: eine Nation, deren Einwirkung hie und da geahnt, selten

gefürchtet, nirgend begehrt wird, deren Gegenwart allen Hoffnungen

solcher Art Hohn zu sprechen scheint, deren Zukunft den Völkern

verschlossen und von ihr selbst nur wenig begriffen ist.

Denn in Deutschland selbst findet die Idee, die hier gepredigt wird,

ihre ersten Gegner. Zaghafte Verkennung der eigenen Natur, eingerostete

Schwäche, hergebrachte Faulheit, zuweilen auch Billigkeit und Gefühl

des Rechtes, mit dem nach bisherigen Erfahrungen jede Superiorität

unvereinbar sei. -- Alles das erhebt sich schreiend gegen den Gedanken

einer deutschen Hegemonie. »Wie, sagt man, in einem Augenblick,

wo Deutschland seit Jahren zum ersten Male erwacht, nach innerer

Vervollkommnung ringt, wo es den Willen gefunden hat sich selbst zu

leben, und schädlichen Außenzwecken zu entsagen, in diesem Augenblick

werden die erloschenen Ideen des Mittelalters aus dem Staube der

Jahrhunderte hervorgezogen, mit halb Europa soll der Kampf beginnen,

Glück, Friede und Wohlstand einem Trugbilde geopfert werden, dessen

Verwirklichung, wäre sie möglich, uns zuletzt nur elend machen würde.

Wenn auch der Gedanke selbst zu sehr in der Luft schwebt, um je für

seine Ausführung Bangen zu erwecken, so verdient doch schon, ihn nur

gehegt zu haben, den herbsten Tadel, denn nicht die Ueberspannung der

Kräfte, sondern ihr richtiger Gebrauch ist es, was dem deutschen Volke

noththut.«

Darauf gibt es nur eine Antwort: Nicht nach außen zu gehen, Eroberungen

nachzujagen, draußen die Größe zu suchen, die daheim nicht ist,

nicht dazu habe ich die Deutschen ermahnt. Das aber habe ich gesagt:

wenn Deutschland #in sich und aus sich# alle die Kräfte entwickelt,

die ihm Gott gegeben hat, wenn es #sich selbst# zu der Stufe der

Vollkommenheit geführt haben wird, die es erreichen will -- dann ist es

im Nu, und eben dadurch zugleich die erste Macht in Europa. So innig,

wollte ich zeigen, ist der Zusammenhang Deutschlands mit Europa, so

allumfassend sein Einfluß, daß es sich selbst nicht verändern kann,

ohne ganz Europa zu verändern. Trachtet nach dem Einen, habe ich

gesagt, und #alles andere wird Euch von selbst zufallen#.

Seid einig, wollte ich sagen -- und zwei Großmächte werden von eurem

Willen beseelt und es wird nur #eine# Macht sein mit zwei Armen.

Seid einig -- und Holland wird euch den alten Starrgeist opfern, und

was deutscher Natur ist, in Belgien und der Schweiz, wird sich mit

oder ohne Verlangen nach dem neuen Lichte kehren. Seid einig -- und

Skandinavien wird euere Hand ergreifen. Seid einig -- und England

wird euer Bündniß suchen in der ersten Zeit der Gefahr. Seid einig

-- und Rußland wird zittern, und Polen wird hoffen. Seid einig --

und Oestreich auf die doppelte Grundlage von Deutschland und Ungarn

gestützt, wird euern Willen zum Gesetz erheben in der Frage der

Orients. Seid einig -- und Italien begehrt von Euch seine Zukunft; ja

durch Eure Einigkeit zwingt ihr Portugal, Spanien und Frankreich einig

zu sein. Seid nur ihr selbst -- und ihr seid das erste Volk der Erde.

Soll ich den Zweiflern erst zeigen, welche Vorbedingungen der Größe,

äußere und innere, materielle und geistige, Deutschland in sich

trägt? Ein Blick auf die Karte sagt mehr, als es mit Worten geschehen

kann. Sind wir nicht in der Mitte des Welttheils gesetzt, als dessen

natürliche Mediatoren? Sind wir nicht das einzige Land Europa's, das

mit seinen vier Enden, wie ein Riese hingestreckt, alle Völkerfamilien

zugleich berührt? Liegt nicht Polen und Ungarn uns zur Seite und ist

nicht Italien wie ein anderer Zweig aus derselbigen Wurzel mit uns

verkettet? Zieht sich nicht Eine Linie deutscher Pflanzungen von

Preußen bis nach Finnland hinauf? Ist nicht der Rhein ein deutscher

Strom, und ist nicht durch unsere Verbrüderung mit Ungarn auch

die Donau? und wenn's die Ströme sind, warum sollen nicht auch die

Mündungen unser sein? Liegt nicht die Nord- und die Ostsee, das

adriatische und das schwarze Meer in unserm Bereich? Und ist nicht

der Welthandel auf Deutschland als eine seiner ersten Straßen mit

Nothwendigkeit gewiesen?

Das sagt uns die Karte, -- und wenn wir weiter schauen, welch' eine

Fülle von Macht liegt nicht in dem einzigen Worte #Zollverein#! Der

Zollverein, wenn er erst die sämmtlichen Staaten umfaßt, kann den

Holländern, Belgiern und Schweizern Gesetze geben, kann Dänemark,

Schweden und Norwegen an seine Spuren fesseln, kann England zwingen

mit uns, statt gegen uns zu gehen. Es ist nicht genug, daß er uns

erlöse vom holländischen und englischen Joch, daß er unsern Handel,

unsre Industrie so groß und frei mache, wie vor Zeiten und die

gesunkene Achtung des deutschen Namens in fühlbarer Weise den Nationen

wieder einpräge: noch höher ist seine Bestimmung, er soll mit den

reichen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, #jenes germanische Bündniß

heraufführen#, worauf unsere politische Zukunft beruht.

Und auch der Schöpfer einer Seemacht kann er uns werden, und muß er uns

werden. Denn den Handel, den er geschaffen hat, wird die Nothwendigkeit

selbst ihn lehren zu schützen. Sie wird ihm zeigen, daß es kein freies

Verhältniß, kein selbstständiges Bündniß mit England gibt, #ohne die

gleiche Waffe#, daß ein vorwiegend kontinentaler Staat, wie Deutschland

es ist, einer Seemacht so wenig entrathen kann, als ein Seestaat, wie

England es ist, der Landmacht es kann. Wenn die Franzosen, bei ihrem

geringen nautischen Talent, zur See groß geworden sind, wie vielmehr

wir Deutsche, denen das Geschick in so hohem Maße angeboren ist. Was

uns bisher gehindert, war weder Unlust noch Armuth an Mitteln; es war

die Zersplitterung, und daß die größeren Staaten, die auch einzeln zur

See wohl Einiges vermocht hätten (wie Preußen) in unverhältnißmäßiger

Militärmacht sich erschöpfen mußten. Jedes Volk, dem die Natur eine

lange Küstenstrecke und dazu Talent für Handel und Seefahrt verliehen

hat, kann sofort ohne Anstrengung ein #seemächtiges# werden, ja die

Römer sind es allein auf die erstere Bedingung hin geworden. Es ist

lächerlich zu sagen, eine doppelte Streitkraft überschreite unser

Können, und zersplittere die Macht, die in Einem Feld sich ungetheilt

entfalten könne. So lange dies nicht bewiesen ist, glauben wir billig

dem Gegentheil, das die Geschichte gelehrt hat, das unsere Natur

uns versichert[34]. Gerade eine Seemacht wird, weil sie nur von

Deutschland, nicht von Oestreich, Preußen und Hannover ausgehen kann,

eine Einheit nach Außen begründen, von der jetzt noch kaum die Ahnung

vorhanden ist.

Alles dieses, sagt man weiter, bestehe nicht ohne #Kolonieen#, welche

zu erwerben in der jetzigen Lage der Dinge unnütz und schwierig, ja

fast unmöglich sei. Vielleicht hätten wir bereits eine Anzahl von

Kolonieen, die in ihrer Art genügend sein würden, #wenn seit einem

Jahrhundert nur die deutsche Auswanderung überwacht, geleitet und auf

gewisse Punkte koncentrirt worden wäre#. Daß dieses künftig geschehe,

ist eine der dringenden Anforderungen, unabweislich geboten durch

die Menschlichkeit, welche für die, die das Vaterland verlassen, ein

neues bereiten, durch die Klugheit, welche daheim der Uebervölkerung

steuern soll, ohne den Volkscharakter draußen Preis zu geben,

endlich durch die Politik, welche den deutschen Namen auch außerhalb

Europa's zu beschützen und groß zu machen hat. Es ist wahr, für eine

gewisse Höhe der Macht sind Kolonieen unentbehrlich. Ohne die Lasten

des Mutterlandes zu tragen, können wir durch die Auswanderung ihre

Vortheile uns schaffen. Wenn die Deutschen in Amerika und Australien

auf bestimmte Gebiete, und zu so kompakten Massen vereinigt werden,

daß die Sprache in ihrer Reinheit und die Nationalität in ihrem Wesen

unversehrt bleibt, so werden im Laufe der Zeit deutsche Töchterstaaten

heranwachsen, welche, obwohl unabhängig, und außerhalb des nominellen

Verbandes, doch dem Mutterstaate durch die natürliche Freundschaft des

Blutes so viel, und noch mehr ersetzen können, als ihm militärische

Stationen in den wichtigsten Theilen der neuen Welt, und im Süden von

Asien gewährt haben würden. Eine mächtige Grundlage, um Großes darauf

zu bauen, ist in den nordamerikanischen Freistaaten bereits gelegt.

Das allein thut unumgänglich Noth, daß von Deutschland aus Alles nach

einem umfassenden Plane einheitlich geleitet werde. Alsdann sind wir im

Stande Kolonieen zu haben, -- und wir werden sie haben.

Nehmet dazu eine #deutsche Heerverfassung#, wie sie nach dem Muster

der preußischen in den übrigen Staaten eingeführt werden kann, #eine

Volksbewaffnung, in der die Pflicht der Waffen Allen und Jeden

gemeinsam# ist (die einzige die dem deutschen Naturell entspricht[35],)

und die materiellen Bedingungen der Größe sind gegeben. Dem Westen

gleich an kommercieller Bedeutung, dem Osten an militärischer Stärke,

sind wir beiden vereinigt gewachsen, weil wir beider Stärke in einem

Maße vereinigen, wie kein anderes Volk in Europa.

Ueber dem allem hat uns die Vorsehung mit einer Natur begabt, welche,

obwohl verdunkelt und verhüllt im Laufe widriger Zeiten, dennoch bis

auf diesen Tag eine Kraft in sich birgt, die weder an Art noch an

Umfang in der heutigen Welt einen Nebenbuhler zu scheuen hat. Wollte

Gott, ich könnte sie schildern, diese Natur, schildern wie sie ist in

den innersten Tiefen, und den Schleier hinwegheben, dessen trübe Hülle

sie den Augen der Deutschen selbst verdeckt. Aus dem finstern Umhange

von tausend entstellenden Fehlern würde rein und klar ein wunderbares

Bild herauftauchen. Denn jetzt zwar liegen die schwachen Seiten der

Welt vor Augen, und jene Art von Tugenden, die sich nach dem gegebenen

Fall nur zu leicht in Fehler wandeln, aber den Kern der Natur, den

sieht sie nicht, faßt sie nicht und ahnt sie nicht. Noch ist deutsche

Treue und Ehrlichkeit gepriesen, und soll es, so Gott will, immerdar

bleiben; doch die, die sie zum Theil spottend preisen, wissen nicht,

daß in den geduldigen Gemüthern eine Stärke und Ausdauer wurzelt, die

am Ende aus dem schlammigsten Grunde ihre Blüthen treibt. Man bewundert

wohl den deutschen Geist und das deutsche Wissen, erstaunt über die

Tiefe der Gedanken und den unermüdlichen Fleiß, der alle Zeiten und

Völker an sich zieht; aber welch erschütternder Thatkraft die denkende

Innerlichkeit, welch allumfassender Wirkung das hingebende Verständniß

fähig sei, das ahnen sie nicht.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 13 / 19 段