Wir fanden im Laufe der Betrachtung die westromanischen Völker und

die slavischen durch je Eine, die germanischen durch zwei #natürliche

Großmächte# vertreten. Wir fanden: wie die germanische Familie

überhaupt zum vornehmsten Einfluß berufen sei in Europa, so sollte

Deutschland insbesondere, als erstes Glied der Familie, ein doppeltes

Gewicht in die Wagschale legen.

Und in der That: die Gegenwart selbst scheint dießmal unsern idealen,

aus der tiefern Natur geschöpften Forderungen zu genügen. Die

europäische Pentarchie zählt Eine romanische, Eine slavische, #drei#

germanische, und unter diesen #zwei deutsche# Mächte.

Wir fanden: der germanisch-romanische Westen von Europa solle das

unbedingteste Uebergewicht haben über den slavisch-griechischen Osten,

wie der Geist über die Masse.[26] Und wirklich, die westliche Hälfte

hat #vier#, die östliche nur Eine Macht in ihrer Mitte. Wir fanden:

innerhalb des Westens solle das germanische Princip herrschen übers

romanische. Und steht nicht Frankreich allein gegen Oestreich, Preußen

und England?

Das alles klingt vortrefflich, und ist doch nur Lug und Trug und

Täuschung. Die Wirklichkeit der Dinge spricht den Zahlen Hohn. Sie

kennt kein deutsches, kein germanisches, kein west-europäisches

Uebergewicht. Sie zeigt uns Ohnmacht, wo wir Stärke; Herrschaft, wo wir

Schwäche erwarten.

Es ist nöthig, die Ursachen dieses Uebels zu beleuchten; ehe das

geschieht, einen Blick auf Oestreich und Preußen als Großmächte zu

werfen. Wenn hier, im Schwerpunkt von Europa sich Gebrechen entdecken,

so ist die Erklärung schon halb gegeben. Und der Gebrechen werden um

so mehr sein, je schwächer, um so weniger, je kräftiger diese Mächte

die Vertretung von Deutschland, an dessen Stelle sie stehn, in Europa

handhaben. Es fragt sich: kann Oestreich, kann Preußen eine deutsche

Politik verfolgen? Und verfolgen sie dieselbe in Wahrheit? --

Zusammengesetzt aus den verschiedenartigsten Bestandtheilen, giebt

es für Oestreich keine andere Politik und hat, Josephs II. Zeit

ausgenommen, niemals eine andere gegeben, als die konservative; das

heißt, ein Verfahren, welches die bestehenden Grundlagen heilig hält,

Neuerungen abweist, so lang sie nicht unumgänglich und unschädlich

anzunehmen sind, alle Nationalitäten und Provinzialismen schont, jeden

auftauchenden Einzeltrieb beseitigt, und so das Ganze in fortdauerndem

Gleichgewicht erhält[27]. Diese Maximen sind es, die man östreichisch

nennen kann; sie werden durch die Conglomeration geboten, in der

keines der Elemente den Vorrang behaupten darf. Jede der Tendenzen,

zur überwiegenden im Reiche erhoben, würde die andern gegen sich

reizen. Und abgesehen davon, worauf sollte z. B. eine slavische

Politik (obgleich die slavische Bevölkerung die Mehrzahl bildet)

sich stützen? Auf Böhmen und Mähren, die im deutschen auf Croaten,

Slaven und Illyrier, die im ungarischen Verbande stehen? Worauf eine

magyarische, die nicht einmal für Ungarn unbedingte Geltung hat, wo

slavische und magyarische Elemente zur Einheit geführt werden sollen?

Worauf eine italienische, bei der Beschränktheit des lombardischen und

dalmatischen Gebietes? Alle diese Tendenzen in Einer zu vereinigen, die

den einzelnen die gebührende Stellung gibt und sie sämmtlich umfaßt,

das ist die Aufgabe von Oestreich. Und wie wird sie gelöst? Nicht

selbsteignen Inhalt, eigenthümliche Richtung hat das östreichische

System; es ist ein Mittelding zwischen allen Tendenzen, mit feiner

Vorsicht allerdings und mit kluger Mäßigung ausgestattet, und soweit

geschickt, um sich hinterher ohne Schaden in die Ereignisse zu fügen,

aber ohne den Geist, der die Zukunft auffaßt und voraussichtlich die

Ereignisse lenkt, und ohne die Energie, Großes und Mächtiges zu leisten.

Joseph II. fühlte das; er wollte die Staatsmaschine mit Einem

Willen beseelen. Aber wie ging er zu Werke? Seine Absicht war, die

Nationalitäten hinwegzuräumen, und ein Unding von östreichischer

Einheit an ihre Stelle zu setzen. Sein Werk mißlang; und die Anhänger

der matten Stabilität glauben sich unüberwindlich gerechtfertigt, wenn

sie seinen Namen heraufbeschwören.

Und doch gibt es Eine Politik, eine andere als die Josephische, in

der jene Verschmelzung von selbst gegeben ist, mit den Vorzügen

des östreichischen Systems, ohne seine Schwankungen, höher und

lebensvoller: es ist die deutsche. Was den Westslaven frommt, innige

und friedsame Durchdringung des deutschen und slavischen Wesens,

Erstarkung vor Rußlands ganz slavischen Fortschritten, will es nicht

auch die deutsche Politik? Kann sie nicht, um den obigen Zweck zu

erreichen, der Sprache, Literatur und Nationalität der Slaven die

freieste Entwicklung gestatten? War es nicht dieselbe Zeit, welcher die

Böhmen noch heute mit der freudigsten Erinnerung gedenken (die Epoche

Karls IV.) und dieselbe, in der deutscher Geist und deutsche Literatur

mehr als jemals in Böhmen geblüht hat? Was die Ungarn wollen, liegt es

nicht, wie wir gesehn, auch in der deutschen Politik? In Italien will

sie, wie die Italiener selbst, eine kräftige, bewußte, ungezwungene

Nationalität; ein offenes und furchtloses Verfahren, um den alten

Groll zu versöhnen und Liebe zu stiften, wo die Furcht geherrscht hat;

und einen Staatenbund, an dessen Spitze das lombardisch-venetianische

Königreich gehört. Was endlich die polnischen Unterthanen Oestreichs

wünschen müssen, die Herstellung Polens -- auch das ist von der

deutschen Politik geboten.

Oestreich, als Großmacht im Allgemeinen, will eine würdige, weder

feindliche noch gebundene Stellung zu Frankreich; ein enges Verhältniß

zu England, dem alten Bundesgenossen; es sucht in Italien den

französischen Einfluß zu paralysiren, an der Donau und im Orient

sich steigend, materiell und moralisch auszubreiten; Beherrscher so

vieler slavischer Völker, bedarf es der schärfsten Selbstständigkeit

gegen Rußland, so vieler deutscher Provinzen, der innigsten Einigung

mit Deutschland. Alles dies, liegt es nicht in den Wünschen und

Bedürfnissen der deutschen Nation?

Laßt nun sehen, wie weit die östreichische Politik der deutschen

gleicht, wie weit Oestreich in deutschem Interesse handelt. Statt

der germanischen Allianz mit England finden wir eine prinzipielle

Verbrüderung mit Rußland. Die deutschen Provinzen sind geistig und

mechanisch von dem übrigen Deutschland abgesperrt. Die Verschmelzung

des deutschen und slavischen Elements in Böhmen und Mähren wird eben

dadurch verhindert. In Italien ein unsicheres, von losen Stützen

getragenes Wesen. Hier, wie in ganz Deutschland erscheint Oestreich

als abwehrende, negative, strafende, nicht als wohlthätig wirkende,

nationale Macht. Der Geist der Regierung hat längst die Stufe

überschritten, auf den der komplicirte Charakter des Staates ihn

stellt; er konservirt nicht nur, er fürchtet die Neuerungen auch wenn

sie unschädlich, er umgeht sie, auch wenn sie unumgänglich sind. Das

materielle Wohl soll den Völkern die geistige Freiheit ersetzen, für

welche sie tagtäglich reifer werden. Das patriarchalische Verhältniß

der Herrscher zu den Völkern hat aufgehört; die Zeit hat es unterwühlt,

aber man denkt nicht daran, ein höheres an die Stelle zu setzen.

Der ganze Staat, mit all den reichen Elementen des Lebens, beruht

am Ende nur auf der #Waffengewalt#. Wie wird es sein, wenn die Zeit

herankommt, in der überall in unserem Welttheil die Materie dem Geist,

die militärische Macht, ohnmächtig, einer höheren Kraft wird weichen

müssen, wenn dann Oestreich keine tiefere Wurzel geschlagen hat im

deutschen Volke? Man wird so lange säumen, der Maschine lebendigeren

Odem einzuhauchen, bis es zu spät ist, bis sie verrostet, um

zusammenzustürzen im ersten Anlauf der Gefahr.

Eine principielle Verbrüderung mit Rußland, habe ich oben gesagt, und

will hierüber noch einige Worte hinzufügen. Obwohl Oestreich gegen

den »gemeinsamen Feind im Innern« sich mit Rußland verbündet hat,

so rettet es doch anderseits -- und dafür gebührt ihm der Dank des

Vaterlandes -- die deutsche Ehre, indem es den russischen Entwürfen,

namentlich in der Türkei entgegenarbeitet. Und hier ist es nun doppelt

schmerzlich zu sehen, wie die östreichische Politik, auch bei gutem

Willen, das Ziel so wenig erreicht. In der unverrückten Erhaltung der

Türkei findet sie das Mittel, die russischen Plane zu vereiteln. Die

Türkei aber ist dem Tode verfallen; sie trägt ihn in sich und keine

Macht der Erde wird sie retten. Statt an die Spitze der auflebenden

christlichen Völker zu treten und die Bewegung mit kräftiger Hand zu

leiten, verbündet sich Oestreich mit dem Erbfeinde und #zwingt# die

Insurgenten, sich in Rußlands Arme zu werfen. Statt dem Zuge der Natur

und Geschichte zu folgen, will Oestreich stützen, was nicht mehr zu

stützen, und unterdrücken, was nicht mehr zu unterdrücken ist. Oder

ist Griechenland weniger frei geworden, weil es Oestreich verhindern

wollte? Die Folge des unnatürlichen Systemes ist, daß #Oestreich,

dessen südliche Linie in ihrer ganzen Breite die slavisch-griechischen

Länder beherrscht, sich zu schwach fühlt#, den russischen Fortschritten

allein Einhalt zu thun. »Wenn England,« schreibt Gentz im Jahre 1828,

»durch sein Stillschweigen oder durch diplomatische Subtilitäten,

die nur Verlegenheit und Unentschlossenheit verrathen, mit den

russischen Anmaßungen kapitulirt -- #von welcher Seite soll dann die

Hülfe kommen#? #Oestreich#, welches keinen ermunternden Wink Englands

unbeachtet lassen würde, #ist leider nicht in der Verfassung, in der es

sein müßte, um allein den Fortschritten Rußlands Schranken zu setzen#.

Preußen hat nicht die geringste Neigung dazu; wir können uns glücklich

preisen, wenn es im entscheidenden Momente nur neutral bleibt.« Man

sieht an dieser, nach Oestreichs Lage, Hülfsmitteln und Sympathien

fast unglaublichen Schwäche, wohin eine Politik führt, die dem Geist

der Geschichte widerstrebt, statt ihn kühnlich zu fassen. Die Moldau

und Wallachei, Serbien und Griechenland haben sich emancipirt ohne

Oestreichs Zuthun, die ganze Türkei wird sich emancipiren, und wenn

Oestreich noch ein Jahrzehnt in demselben System beharrt, so ist sein

Einfluß im Orient verloren, und seine Zukunft, die einzige die als

europäischer Macht ihm bleibt, vernichtet.

Wird Oestreich das alte System in der kommenden Zeit mit einer

deutschen Politik vertauschen? Ich weiß es nicht. So lange nicht die

deutschen Provinzen Deutschland angehören mit Herz und Sinn, von innen

und außen, so lange drei der edelsten Stämme, Oestreicher, Tyroler

und Steiermärker, alle so hoch begabt, so reich an Geist und Gemüth,

ausgeschlossen bleiben von dem lebendigen Bande, das die übrigen

Deutschen umschlingt, so lange Böhmen und Mähren in der Entfremdung

beharren, worein sie seit den blutigen Zeiten der Ferdinande gebannt

sind, -- so lange gibt es keine solche Politik. Es ist wahr: die

östreichische Monarchie ist von zahlreichen und tiefen Schwierigkeiten

umringt; in ganz Europa kein Staat, dessen Leitung verwickelter,

gefährlicher und künstlicher ist, und es wäre vermessen, da stets den

Willen anzuklagen, wo zum Theil eine schwere Nothwendigkeit herrscht.

Das allein schmerzt, diese theilweise Nothwendigkeit von einem bewußten

Willen zum höchsten Gesetze erhoben, die natürliche Schwere, welche dem

östreichischen Conglomerat anhängt, nicht als leidiges Uebel, sondern

als das oberste Princip des Staates betrachtet zu sehen.

Ich komme zu Preußen und bin hier überhoben den nämlichen Beweis zu

führen. Preußen besitzt, mit Ausnahme von Posen[28], lauter deutsche

Provinzen. Altpreußen, das Stammland seiner Würde, obschon es nicht

zum Bunde zählt, ist ganz und gar deutsch durch Geschichte, Natur

und Charakter seiner Bewohner. Die Rheinlande, Westphalen und die

sächsische Provinz, die es neuerlich beherrscht, sind urdeutsche

Gebiete, deren Geschichte so alt ist als die deutsche überhaupt.

Deßhalb lebt ein Zug in der preußischen Politik, dem sie kaum

widerstehen kann, von dem sie ewig und unabweislich gestachelt wird:

der Zug eine #deutsche# Macht zu sein von ganzer Seele. Doch folgt

sie nur langsam diesem Zuge; und dergestalt, daß sie oft genug nach

außen hin von Rußland geleitet wird, nach innen dem Anstoße gehorcht,

der von Oestreich ausgeht. #Steins# kurze Verwaltung und die Jahre

des Befreiungskampfes hatten gezeigt, wie Preußen, um groß zu sein,

Nichts nöthig habe, als der Natur seines Volkes freieren Spielraum

zu eröffnen. Sie hatten gelehrt, daß Ein Jahr im deutschen Geiste

gehandelt, Jahrzehnte von wohlgemeinter Schwäche überwiegt. Diese

Erfahrungen gingen vorüber. Nochmals kam eine schwere Zeit; da wußte

man nimmer zu sichten zwischen den guten und den bösen Geistern.

Man erbebte vor jedem lebendigen Gegensatz, man zitterte vor dem

Rauschen eines Blattes, man bekämpfte gleich gewappneten Riesen die

Windmühlen bethörter und träumerischer Jünglinge; Offenheit, Zutrauen,

Männlichkeit waren dahin. Und hiezu das unselige Vermächtniß, daß der

große Friedrich im russischen Bunde dem Staat hinterließ. Was er,

getrieben von der Noth der Zeit, und mit klarer Ahnung der inliegenden

Gefahr geknüpft hatte, wurde Regel des preußischen Systems. Die

Nachfolger zogen das unheilvolle Band noch enger zusammen. In der

Politik, sagt Friedrich der Große irgendwo -- und dies ist eins seiner

schönsten Worte, kenne ich keine andern Verwandten als meine Freunde.

Was würde er heute sagen?

Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert. Es mag weh thun,

Oestreich seine eigenen Wege wandeln zu sehen; doch Oestreich

herrscht in außerdeutschen Ländern und handelt, wie wir gesehn, in

auswärtigen Dingen doch oftmals mit deutscher Intention. Aber Preußen,

wie mag seine Politik begriffen werden, welche gehorcht hat, wo sie

gebieten[29], gefolgt, wo sie bestimmen, verloren, wo sie erobern

konnte -- drei Dinge, die Preußen gegen Rußland, gegen Oestreich und

(in geistiger Weise) gegen Deutschland hin an den Tag gelegt.

Preußen ist die beste Bureaukratie Europas, von bewundernswürdiger

Maschinerie, und welche der Wissenschaft, den Meinungen und dem Leben

so viele Freiheit läßt, als eine Bureaukratie ihrer engen Natur nach

es thun kann. Aber wer heißt das? Bureaukratien sind die Meisterstücke

des vergangenen achtzehnten Jahrhunderts, und nicht der moderne

Liberalismus oder der Geist der Revolution, sondern der #germanische#

Geist, dem sie widersprechen, wird sie unterhöhlen[30].

Wenn Oestreich undeutsch verharrt, so bleibt es wenigstens eine

Macht von Bedeutung im Osten. Preußen, wenn es nicht wagen würde,

deutsch zu sein, sänke zum Nichts herab, und wie es überhaupt seit dem

Wiener Kongreß den pentarchischen Charakter nur in begleitender und

zustimmender Weise bewährt hat, so würde es bald auch nominell aus der

Reihe der Großmächte schwinden.

So lange Oestreich und Preußen bureaukratische Militärmächte bleiben,

werden sie durch ein inneres Band an Rußland gekettet. Und wiederum,

so lange sie mit Rußland verbunden bleiben, #so lange werden sie von

Rußland beherrscht; denn Rußland ist unter den drei Militärmächten

die größeste#. Endlich, so lange solch ein Uebergewicht besteht, kein

wahrhaftiges Deutschland, kein geordnetes Europa.

Wir kehren zur Pentarchie zurück. Daß Deutschland weder in innern noch

in auswärtigen Dingen genügend vertreten werde, haben wir gesehen.

Jetzt werden die tieferen Ursachen dieser schiefen Politik, wie sie in

den pentarchischen Verhältnissen liegen, sich enthüllen.

Der Grundzug des politischen Systems von Europa ist, seit dem

Untergang der kaiserlich deutschen Macht des Mittelalters, die Idee

des Gleichgewichts. Von der Hegemonie, die bis dahin geherrscht

hatte, sprang Europa schnell zum äußersten Gegensatz hinüber. Zur Zeit

Maximilians schienen eine Menge von Staaten, Oestreich, Frankreich,

Spanien, England, Venedig, die Schweiz, sich in gegenseitigem

Gleichgewicht zu halten. Bald erhob sich die habsburgische, ihr

gegenüber die französische Großmacht, seit Elisabeth trat England,

später durch Peter den Großen Rußland, endlich Preußen hinzu. Man war

von der europäischen Republik zur Aristokratie gekommen; innerhalb

der letzteren wuchs in der neuesten Zeit, nachdem Napoleon die

Monarchie versucht hatte, eine Oligarchie heran. Rußland und England

(gewissermaßen von Frankreich paralisirt), haben das Uebergewicht

errungen.

Die Geschichte selbst hat das Gleichgewicht, in dem unvernünftigen

Sinne, indem es uns so oft gepredigt wird, gerichtet. Ein Gleichgewicht

hat niemals in Wahrheit bestanden, wird niemals bestehen, und in der

That hat niemals ein Staatsmann im Ernste daran geglaubt oder darnach

gehandelt. Nicht, daß alle Staaten gleichviel wiegen an Gewicht und

Geltung, will Europa: ein organisches Verhältniß will es, der kleineren

Staaten zu den mittleren, der mittleren zu den großen, der großen

zu den größten. Nicht darauf beruht Friede, Ordnung und Blüthe von

Europa, daß in endloser Eifersucht jedwede Macht die andere hemmt

und beschränkt, daß der kleinste Uebergriff, der unbedeutendste

Zufall den ganzen Organismus bedroht und mondenlang die halbe Welt

in die peinlichste Spannung versetzt. In der Familie wie im Staat,

im kleinsten Gemeinwesen wie im ganzen Erdtheil liegt Halt, Einheit

und Zusammenhang darin, daß jede Natur die Stelle einnimmt, die ihr

gebührt, daß das Große groß, das Kleine klein, daß das Ganze über

und unter einander geordnet sei nach der ursprünglich harmonischen

Verschiedenheit, die ihm Gott eingepflanzt hat. Denn nicht verflachende

Gleichheit, sondern unendliche Abstufung ist der Charakter alles

Geschaffenen, und wo da herrscht, was herrschen, wo gehorcht, was

gehorchen soll, da allein lebt Freiheit, Ordnung und Gesundheit.

Gebt allen Staaten Europas, von Portugal bis Rußland, die nämliche

Geltung, und ihr werdet finden, daß Eure Gleichheit eben so unselig

und verwirrender sein würde, als der römische Despotismus, der die

halbe Menschheit geebnet und Ein Ungeheuer an ihre Stelle gesetzt hat.

Das Gleichgewicht, ich wiederhole es, ist eine ungeheure Täuschung,

geschickt genug gemacht, um selbstsüchtige Tendenzen mit dem Mantel

der Theorie zu bedecken, oder umgekehrt, nichtswürdige Schwächen

mit dem Scheine der Aufopferung zu verhüllen; verwirklicht auf die

Dauer zu keiner Zeit, nicht einmal in unsrer, welche die künstliche

Aufrechthaltung der Unnatur sich zur Aufgabe gesetzt hat[31].

Was wir in der Pentarchie suchen, sind die Keime einer höheren

Ordnung der Dinge, eines natürlichen Gleichgewichts, wonach die Eine

Familie ein Uebergewicht behaupten kann, ohne die andere zu drücken,

das Eine Volk in der Familie vorangehen kann, ohne das andere zu

knechten. Von den deutlichen Spuren einer germanischen Hegemonie in

der pentarchischen Gestaltung sind wir ausgegangen; und wollen sehen,

wodurch sie bis zum Unmerklichen verwischt werden.

Während die deutschen Mächte weder den deutschen, noch geschweige den

germanischen Willen ausdrücken, vertritt Frankreich in Wahrheit den

romanischen Westen, welcher mit ihm Eine religiöse -- den Katholizismus

-- Eine politische Tendenz -- den Liberalismus -- theilt.

Aehnlicher Weise hat Rußland die Einheit des Ostens, eine

griechisch-absolute Einheit usurpirt; Polen ist von ihm verschlungen,

Ungarn durch die östreichische Politik verhindert, sein eigenthümliches

Element herauszukehren.

So bildet der Osten, wie der Westen, eine einige geistig geschlossene

Macht.

Wie ganz anders Germanien. Oestreich ist katholisch, Preußen

protestantisch, England bischöflich; Oestreich absolut, Preußen

konservativ, England hat seine Freiheit, wie seine ganze politische

Tendenz für sich. Die beiden erstern sind durch keine Verbindung mit

England verknüpft. Skandinavien steht allein, und in sich selbst

zersplittert. Die mitteldeutschen Staaten sind durch Vielheit schwach,

und überdem durch eine politische Kluft -- die konstitutionelle

Verfassung -- von den Westmächten geschieden: Belgien und die Schweiz

von romanischen Einflüssen durchkreuzt, Holland von selbstsüchtigen

Interessen geleitet. Nirgend eine germanische Einheit, nirgend ein

germanischer Wille.

Diese Zersplitterung, an sich schon unheilvoll genug, wird es doppelt

und dreifach durch die Konjunkturen der Gegenwart.

Es gibt in Europa zwei Bewegungen, unabhängig und ohne Zusammenhang,

neben und widereinanderlaufend, deren jede in ihrer Weise die Stellung

der Staaten bestimmt. Die eine geht aus dem Territorialinteresse, die

andere aus dem Principienkampfe hervor.

Der Principienkampf hat die Quadrupelallianz der Tripelallianz

gegenüber gestellt. Das legitime Princip hat Rußland, Oestreich und

Preußen, das liberale Frankreich, England, Spanien und Portugal

vereinigt.

Diesen Verbindungen widerspricht das Territorialinteresse. In

Afrika, im Mittelmeer, im Orient steht die englische Politik der

französisch-pyrenäischen feindselig gegenüber; in Polen, in der

Türkei und an der Donau läuft das deutsche Interesse dem russischen

schnurstraks zuwider.

Die Principienfrage wird auf der rechten Seite in erster Linie von

Rußland, auf der linken von Frankreich vertreten; die Revolution, wie

die Restauration, die sich wechselnd über Europa ausbreiteten, sind

stets von Frankreich oder von Rußland ausgegangen.

Das Territorialinteresse wird in der mächtigsten Ausdehnung einerseits

von Rußland, anderseits von England gehandhabt. In allen Theilen von

Asien kämpfen Rußland und England um eine Herrschaft, die keine der

andern Mächte in Anspruch nimmt.

Rußland also, allein unter allen, ist in doppelter Art an die Spitze

gestellt; die principielle und territoriale Hegemonie vereinigt sich

in seiner Hand. Während auf der linken Seite Frankreich und England,

jedes in seiner Sphäre, sich die Wage halten, sind auf der rechten die

deutschen Mächte durch ein zweifaches Joch an die russische Suprematie

gebunden. Oestreich und Preußen haben das Territorialinteresse dem

Principienbündniß geopfert: ein doppelt unsäglicher Irrthum, der sie

ihrer materiellen Kraft beraubt, und die ideelle vernichtet, indem er

sie den übrigen deutschen Staaten entfremdet, ja gegenüber stellt.

Die Unnatur, in Deutschland wie in ganz Europa hat den Gipfel erreicht.

Die Allianzen der Gegenwart sind hohl und nichtig in sich, das ganze

politische System auf Sand gebaut.

#Es beruhen nämlich jene beiden Interessen, das ideelle und das

materielle, nur auf Einem Grunde: auf der natürlichen Organisation

der Völker. Diese, wie sie jeder Familie Europas einen gemeinsamen

Zug der Ausbreitung mittheilt, erzeugt, nach Maaßgabe der Natur, ihre

Verfassungen und Principien.#

Daß Eine Territorialbewegung, in und außerhalb Europas, den

germanischen, Eine den romanischen Nationen gemein sei, wäre unnöthig

noch nachzuweisen; einmal, weil es aus der früheren Betrachtung

erhellt, sodann weil in der Politik selbst die Ereignisse tagtäglich

mehr darauf hindrängen. Eine Territorialfrage, -- die orientalische --

hat das französisch-englische Bündniß bis in den Grund gelockert, sie

hat England der Quadrupelallianz entfremdet. Dieselbe Frage wird je

näher sie der Lösung zuschreitet, um so unversöhnlicher das deutsche

Interesse im Orient dem russischen gegenüberstellen. Wenn erst die

Quadrupelallianz gestürzt ist, wird gleich ihr die Tripelallianz

zerfallen. Der nächste europäische Krieg würde England den deutschen

Mächten zutreiben, und ein germanisches Bündniß herbeiführen.

Es ist nicht anders mit der Principienfrage. Aus dem romanischen

Geiste ist das demokratisch-liberale Princip entsprungen, im

slavischen wurzelt das monarchisch-absolute; dem germanischen ist das

aristokratische eigen. Die Gleichheit der Franzosen ist ein Unding, wie

die despotische Gewalt der Russen: die Wahrheit und Freiheit, wie sie

die Zukunft bringen wird, liegt in der Mitte von Europa, in Germanien.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 12 / 19 段