Ich komme zu den auswärtigen Dingen. Es liegt schon in dem oben

berührten Zuge des englischen Charakters, daß die Herrschaft und der

Einfluß, den England in einem großen Theile der Erde ausübt, zum

Heile der Menschheit, und um gedeihlich zu wirken, bald beschränkt,

bald überwacht werden muß. England hat gleich Rußland seine Gränzen

überschritten. Beide haben eine ausschließliche, universelle Tendenz

gemein, die sie rücksichtslos verfolgen, und welche dort auf der

kontinentalen Ausdehnung und physischen Größe, hier auf dem Handel

und der Seemacht beruht. Wohl erscheint die Uebermacht, wie sie

Abscheu erregt, wenn sie von einer rohen, barbarischen Masse kommt,

verzeihlicher, wenn sie von einem großen, freien Volke ausgeht, und ist

es auch; aber die gebührende Schranke soll ihr nicht weniger gesetzt

werden. Wir haben hier drei Dinge zu unterscheiden: die Kolonisation,

die Herrschaft in Asien und die englische Politik in Europa.

Was die erste betrifft, so ist England berufen, die Ansiedlung der

Europäer in den zwei neuen Welttheilen, Amerika (wenigstens der

nördlichen Hälfte) und Neuholland zu leiten. In diesem Beruf steht

ihm Deutschland zur Seite. Die germanische Raçe, hat ein Engländer

gesagt, ist bestimmt, die Erde einzunehmen. Ein gleiches Talent der

Kolonisation, gleicher Wanderungs- und Ausbreitungstrieb und gleiches

Bedürfniß einer Ableitung ist den Deutschen und Engländern eigen. Die

tiefe Stufe, worauf die Wilden von Neuholland stehen, und die geringe

Anzahl, welche jetzt die Ureinwohner Amerikas theils ursprünglich,

theils leider durch europäische Barbarei im Verhältniß zum Lande

bilden, gibt ein natürliches Anrecht zur Okkupation. In geregelter

Auswanderung und fortgesetzter Kolonisation liegt das einzige

Heilmittel gegen die Ueberfülle und den Pauperismus von Europa. Es kann

aber ein gesundes Geschlecht und können blühende Staaten nur dann sich

entwickeln, wenn neben dem unruhigen englisch-industriellen Element,

und #gleichberechtigt mit ihm#, das ackerbauende, stabile, deutsche

sich festsetzt; wenn es als Grundlage die übrigen Bestandtheile

durchdringt. Das hat gezeigt und zeigt tagtäglich die Geschichte des

nordamerikanischen Freistaates, diese entsetzlichste aller Geschichten,

die sich lediglich um Aktien, Banken und Papiergeld dreht und so lange

drehen wird, bis die dortigen Deutschen aufhören werden, das Erbrecht

ihres Stammes unter die englische Raçe zu beugen, und die daheim,

ihre ausgewanderten Brüder dem Zufall und dem Betruge zu überlassen.

Es versteht sich übrigens von selbst, daß alle Kolonien im Laufe der

Zeit der Emancipation entgegengehn; die europäische Politik soll sie

pflegen, bis sie einig, konsolidirt und mündig sind, und dann den

Regungen der Freiheit weichen: eine enge Verbrüderung des Mutterlandes

mit den entlassenen Kindern ist nützlicher als alle Beherrschung der

herangewachsenen.

In Asien hat England die Sendung erhalten, die indo-germanischen

Völker in den europäischen Kreis zu ziehen. Große Plane verbindet

die Vorsehung mit der Eroberung von Indien und der Herrschaft

der Europäer in Persien. Die kaukasische Völkergruppe, einst im

griechisch-macedonischen, und im römischen Reiche theilweise vereinigt,

dann so lange getrennt durch die Ueberfluthung des Muhamedanismus, soll

sich wieder vereinigen: die bramanische Weltanschauung, so wunderbar

durch ihr Alter, ihre Unverwüstlichkeit, durch die tiefen Keime der

modernen Religion und Philosophie, die persische des Zendavesta,

einst die Vorläuferin des Christenthums und zum Theil schon mit ihm

vermählt, seit lange nur unter wenigen schlummernd -- sie sollen von

der europäischen Bildung berührt, so weit sie lebendig geblieben,

durch sie zu neuer Ermannung getrieben, so weit sie abgestorben sind,

vom Christenthume assimilirt werden. Indien muß aus der leblosen

Erstarrung, Persien aus der tiefsten Zerrüttung durch europäische

Bedrängniß empor gehoben werden, damit das eine zu gesunder Ruhe, das

andere zu politischer Kraft wieder zurückkehren, beide aber durch

ein dauerndes Verhältniß an die europäische Gemeinschaft gebunden

werden mögen. Was die englischen Eroberer gewollt, war freilich nicht

Ausbreitung des Christenthums, der Humanität oder der Civilisation; von

geistigem Bewußtsein war nie eine Spur vorhanden: Habsucht, Geiz und

die niedrigsten Leidenschaften haben das angloindische Reich errichtet,

und werden vielleicht das chinesische stürzen. Die Vorsehung spielt

mit den kleinlichen Trieben des Menschen, indem sie ihre großen Werke

damit vollführt. Soll aber Englands Mission segensreich wirken für

die Menschheit, soll sie nicht in unbefugte Tyrannei sich verkehren,

wie die alten Völker und wie bisher das neuere Europa sie geübt, so

muß ihm eine europäische Macht zur Seite stehen, kräftig genug, um

die Politik der Gerechtigkeit und Humanität, jene Politik, die eine

schönere Zukunft uns bringen soll, in und außerhalb Europas zu wehren.

Die Zwecke der Vorsehung, einmal erkannt, sollen nicht entheiligt

werden: sie zur Klarheit zu bringen, ihre Ausführung zu überwachen,

ist die Sache der deutschen Nation. Die Besitzungen, die sich unter

den Malayen ein deutscher Stamm gegründet hat, geben ihr im Süden von

Indien materielle Anhaltspunkte.

Man hat kaum mehr zu zweifeln, daß der Besitz von Ostindien zur

Umwälzung des chinesischen Reiches treiben wird. China ist der

Ausschuß der religiösen, wissenschaftlichen und politischen Kultur von

Ostasien: das Staaten-Conglomerat, welches seiner Herrschaft gehorcht,

gleicht in seinen Spitzen, dem Kaiser und dem Dalai Lama, halbweg der

Organisation des Mittelalters. Mit Chinas und Japans Eröffnung fällt

die letzte Schranke der Menschheit hinweg; hinfort gibt es keine Klasse

mehr, die sich abzuschließen vermöchte, und die Völker gehen einer

allgemeinen Verbindung, die Erde der Einheit entgegen[23].

Trauriger ist der Anblick der englischen Politik in Europa. Was

England immer vermag, das geschieht, um die industriellen Kräfte der

kontinentalen Länder auszusaugen und an sich zu ziehen und die Völker

auf den Ackerbau zu beschränken. Eine so drückende Herrschaft hat

es im Mittelmeer gegründet, daß Portugal und Sicilien zu Kolonien

herabgesunken sind, daß Spanien, Unteritalien und Griechenland der

schwersten Anstrengungen bedürfen, um das zu werden, worauf die

Natur sie selbst hingewiesen hat. Auch Frankreich hat durch eine

verkehrte Politik der englischen Mittelmacht zu viel eingeräumt, um

ohne riesenhafte Kämpfe sich selbst, geschweige denn die andern, von

der englischen Uebermacht im Mittelmeer befreien zu können. Was aber

noch mehr entrüstet, ist die herzlose Gewandtheit, womit England in

den obengenannten kleineren Staaten die inneren Gebrechen benützt,

die Parteikämpfe ausbeutet, jedes Uebel zu seinem Zwecke zu drehen

versteht, um jeden Keim der äußern Blüthe durchs innere Gegengewicht

zu zerknicken. Die Behandlung, die ein freies Volk den jonischen

Inseln angedeihen läßt, erregt den bittersten Unwillen; man freut sich

der Hoffnung, daß eine frühere oder spätere Zukunft die jonischen

Griechen befreien wird: denn ohne die Inseln ist nie und nimmer eine

griechische Macht gedenkbar. Russische und englische Politik gleichen

sich nur allzusehr. Nur in Rußland ist es die Regierung allein, die ein

konsequentes System der Machtentwicklung verfolgt; in England ist das

ganze Volk, die Kaufleute besonders, von jenem Instinkt beseelt, und

den Ministern bleibt Nichts zu thun, als die Grundlagen fortzuführen,

die von ihren Landsleuten auf eigne Hand gelegt werden.

Es ist aber die Herrschaft des Mittelmeers eine Lebensfrage für West-

und Ostromanen, welche über kurz oder lang geschlichtet sein will; und

schon bereitet zwischen England und Frankreich der Kampf sich vor,

der in erster Linie die Frage entscheidet. Frankreichs Isolirung in

der orientalischen Frage war der erste Schritt: der Nationalinstinkt

begriff dunkel, warum es sich handle, und das Ministerium Thiers

streckte nach langer Zeit zum ersten Male, gegenüber der englischen

Suprematie, mit Klarheit die französisch-romanische Tendenz hervor,

obwohl sie ihm nur zur widrigen Komödie diente. -- Um in Indien Herr

zu sein, braucht England weder im Mittelmeer allein zu dominiren, noch

Aegypten an sich zu ziehen, noch an der arabischen Küste zu herrschen;

eine Linie durch Syrien, und von da den Euphrat hinab, erhält dieselbe

Verbindung und ist naturgemäßer, weil sie Persien berührt. -- England

ist groß und mächtig genug, von der Natur mit hinreichenden Vorzügen

begabt um die #erste# Seemacht zu bleiben, ohne die #einzige# sein zu

wollen; um den größten Handel der Erde in der Hand zu behalten, bedarf

es nicht, der Zerstörung aller andern Industrien nachzujagen.

Die Romanen mögen ihre Sache mit England verfechten; wir haben das

Unsrige zu thun. Die neuste Zeit hat in Deutschland eine Opposition

gegen die englischen Handelsmaximen hervorgerufen, welche zu wichtigen

Dingen die Bahn brechen wird. Deutschland ist aus dem Schlafe erwacht,

der Jahrhunderte durch den Holländern und Engländern so süße Früchte

getragen; es erinnert sich, was es einst gewesen, was es wiederum

werden kann und welch reiche Keime einer ungemeinen merkantilen und

industriellen Größe in ihm schlummern. Zwar wird die Opposition so

lange sich auf den Federkrieg beschränken, als noch ein deutsches

Königreich sich zur englischen Handelsprovinz herabwürdigt, als nicht

der Zollverein die sämmtlichen deutschen Staaten und den Vorposten von

England, Holland, umfaßt, als noch keine Flotte vorhanden ist, um den

Handel zu schützen und unsern Ansprüchen Gewicht zu geben. Aber die

Bewegung hat begonnen, und die Agitation wird eher nicht endigen, als

bis Deutschland als einige, geschlossene Handelsmacht von neuem Geiste

beseelt den Engländern gegenübersteht; bis diese mit eigenen Augen

sehen, daß die gutmüthigen und albernen Deutschen, deren Geschichte

seit Jahrhunderten es war, von außen und innen überlistet zu werden,

einem andern Volke Platz gemacht. Dann erst können wir, ebenbürtig in

jeder, auch in materieller Beziehung, Offenheit und die Rücksicht, die

dem deutschen Namen gebührt, von den Engländern erzwingen, dann erst

kann der große germanische deutsch-englische Bund geschlossen werden.

Denn Hand in Hand, gekettet durch die natürliche Freundschaft der

Stämme, verbunden durch die gegenseitige Achtung, verbrüdert für die

größesten Weltinteressen, sollen England und Deutschland gehen. Ein

großartiges weltgeschichtliches Verhältniß soll das ihrige werden.

Ueber die Erde hin europäische Kultur und Gesittung auszubreiten, ist

England, als der erste Seestaat, vor allen vom Schicksal erlesen;

von innen Europa zu ordnen, die ewigen Gesetze einer organischen

Politik zu handhaben, sie allenthalben in mittel- oder unmittelbarer

Weise zu bewachen, ist, als erste Kontinentalmacht, Deutschland

berufen. Dieses als das gesetzgebende, jenes als das ausübende

Princip, stehen sie inmitten Europas; die deutsche Innerlichkeit

allein vermag dem kaufmännischen Egoismus der englischen Politik zu

steuern, der thatkräftige, praktische Sinn der Engländer den Idealismus

der Deutschen heilsam zu beschränken, während Frankreich als ewig

anregendes Element mit nie rastender Intention zwischen beide tritt.

Ich weiß wohl, man wird das Meiste von dem, was hier gesagt worden,

weitaussehend, träumerisch, lächerlich finden, in einem Augenblicke,

wo Deutschland auf so hundertfache Art im Handel und Industrie noch

den Engländern gehorcht. Dennoch bin ich der Meinung, daß unter den

Engländern selbst diejenigen, welche über Deutschlands Gegenwart und

Zukunft nachgedacht, Großes und Ungemeines für möglich erachten. Es

herrscht in England ein gewisser Instinkt über deutsche Dinge, wie ihn

kein anderes Volk hat; die Engländer wissen, was Deutschland werden und

sein könnte, sobald es sich seiner selbst in vollem Maaße bewußt würde.

Was an ihnen ist, geschieht, es zu verhindern. Diese argwöhnische

Politik ist einigermaßen verzeihlich; denn derselbe Instinkt sagt

ihnen, an der deutschen Macht werde der englische Egoismus seinen

Richter finden. --

Erquicklich in so schwerer Zeit, erhebend in der Mitte zerfallender

oder unterwühlter Gemeinwesen war der Anblick der englischen Freiheit.

Sie allein, durch ihr gesundes Mark, bietet die Gewähr, daß Europa

trotz unsäglicher organischer Leiden noch Keime des Lebens in sich

trägt und der Verjüngung. Aber wie sie den Britten allein gehört,

wie weder in ihrem Ursprung noch ihrem Geiste die Kraft liegt, um

die Völker zu beseelen, so zeigt sie zugleich, daß, wenn Europa sich

in der That verjüngen soll, aus einem andern Stamme, aus dem größten

germanischen, die neue Freiheit auftauchen muß. Diese allbeseelende,

weltverjüngende Freiheit -- sie wird die Frucht der Wahrheit sein.

Kapitel XI.

Holland, Belgien und die Schweiz.

Wenn ich drei so verschiedene Staaten zugleich in den Kreis der

Betrachtung ziehe, so geschieht es, weil sie nur Einem, ihre Zukunft

bestimmenden Gesichtspunkte unterliegen. Sie alle waren ehemals Glieder

des deutschen Reiches.

Schweizer, Belgier, Holländer mögen ihre Nationalität beweisen, diese

mag ihnen bleiben, so weit den Aberben eines großen Stammes der Name

gebührt. Durch Lage, Geschichte und Natur -- denn immer liegt Natur

der Geschichte zu Grund -- stehen sie dem deutschen Charakter ferner,

als irgend eine andere deutsche Provinz. Was aber wollen sie mehr?

Wo ist europäische Eigenthümlichkeit? Sollen die Füße, die Hände sich

sondern, weil sie am fernsten vom Herzen liegen? Darin liegt ja gerade

der wunderbare Reichthum germanischen Lebens, daß die verschiedensten

Provinzialismen zu Einem Volke geeinigt sind. Wie wenig scheint der

Friese mit dem Oestreicher, der Alemanne mit dem Preußen gemein zu

haben; und sind nicht die Holländer den Friesen, die Schweizer den

Alemannen verbrüdert? Es sind alle nur die Kinder der Einen Mutter.

Zu der Zeit, da Deutschland sich selbst abgestorben war, da es keinen

Gemeingeist gab, sondern nur Provinzialgeister, deren einseitiger Trieb

das Einzelne erhöhte, das Ganze untergrub: damals konnte jene Trennung

sich ausbilden und Leben gewinnen; ja noch mehr, sie war nothwendig

und heilsam. Aber was am dürren Holze geschah, wird nicht am frischen

ergehn. Was geboren ward in der Epoche des Siechthums, verfällt

von selbst dem Tode in Zeiten der Gesundheit. Deutschland hat das

Verhältniß des Provinzialgeistes zum Muttergeist in seinem Bewußtsein

wieder gefunden, und je schärfer das Bewußtsein in der Wirklichkeit

sich ausprägen wird, desto unaufhaltsamer werden die einzelnen Glieder

aufs Neue in die Gemeinschaft zurückgetrieben werden.

Wie das deutsche Reich überhaupt, so ist auch der geographische

Gesammtkörper von Deutschland dem ungebundenen Triebe der Freiheit

und Selbstständigkeit unterlegen. Er hat in sich selbst den

Entwicklungsgang abgespiegelt, den ganz Europa seit Jahrhunderten

genommen. Durch eine Reihe von unberechtigten Gestaltungen, von

naturwidrigen Conglomeraten, von zusammengewürfelten Monarchien sollte

Europa erzogen werden. Das Unorganische mußte zur Spitze getrieben

sein, damit Europa zum klaren Bewußtsein der Nationalitäten, zur

Erkenntniß des Einzelngeistes, aus denen es besteht, zum wahren

Organismus durchzudringen lerne. So sollte auch Deutschland, welches

im Mittelalter ohne gerechtfertigten Instinkt, in willkürlichem Drang

sich rastlos auszudehnen strebte, in Trümmer zerfallen: aber nur,

um herrlicher und gereinigter in Klarheit sich wieder zu fassen.

Zerstückelt und zerstreut, mit abgerissenen Gliedern, voll Ueberfülle

in den einzelnen Theilen, er selbst ein Leichnam, lag und liegt

gewissermaßen noch der germanische Körper in Mitten Europas. Siehe,

da regt sich im Innersten ein neues Leben; das Herz fängt wieder

an lebendig zu schlagen, und frisches Blut ergießt sich durch die

Adern. Die Circulation hat begonnen; werden die Extremitäten sich ihr

entziehen können? Wollen sie kalt bleiben und todt? Denn dieß, und

nichts anders, würde ihr Schicksal sein.

Holland ist längst nicht mehr was es war[24]. Die Zeit seiner

Selbstständigkeit war glorreich aber kurz. Schon im zweiten Viertel

des achzehnten Jahrhunderts folgte es, wie Friedrich der Große

schreibt, den Engländern, wie die Schaluppe der Spur des Kriegsschiffes

woran sie gebunden ist. Später kam die Einverleibung an Frankreich.

Neuerdings versuchte man vergebens, es durch die Vereinigung Belgiens

zur Mittelmacht zu erheben. Zwischen England und Deutschland, zwischen

den ersten Seestaat Europas und die von Tag zu Tag steigende deutsche

Handels- und Industriemacht gestellt, hat es keine Wahl als dem Einen

oder Andern sich anzuschließen. Und auch von innen, durch den heillosen

Zustand seiner Finanzen geht es einer unvermeidlichen Krisis entgegen.

Kann die Wahl in Frage stehn? -- Als derjenige Zweig des deutschen

Stammes, der durch Natur und Lage für Seefahrt und Handel vor allen

geschickt war, sollte Holland einst von Deutschland sich trennen, um

unabhängig die Anlagen zu entwickeln, worauf der Reichsverband nur

hemmend eingewirkt haben würde. Jetzt wiederum muß es, soll seine

Seemacht, sein Handel, sein Kolonialbesitz europäische Bedeutung

wiedergewinnen, in den engsten Verband mit Deutschland treten. Die

holländische Marine mit einer deutschen verbunden, das heißt mit

derjenigen, welche sich in einem Jahrzehent in Deutschland entwickeln

ließe, würde bald, (wenn auch nicht an Zahl, doch an Bemannung und

seemännischem Geist,) die erste des Kontinents sein; sie könnte in

einer fernern Zeit mit der englischen wetteifern.

Seit die unnatürliche Vereinigung Belgiens mit Holland gelöst ist,

erneuert sich hier in geistiger Weise der alte, seit den Tagen von

Verdun zwischen Germanen und Romanen geführte Streit um Lothringen.

Die Elemente friedlich zu sichten, dazu taugt die Konstituirung

Belgiens als Königreich -- eine provisorische Maßregel, welche aber

der erste europäische Krieg vernichten wird. Belgien war nie mehr,

denn eine Provinz mit eigenthümlicher Verfassung. Die Zukunft wird

entweder eine Trennung der flämischen und wallonischen Bestandtheile

hervorrufen, oder sie wird #ganz# Belgien in den alten, erst seit der

Revolution zerrissenen, deutschen Verband zurückführen. Vielleicht

wird das Letztere geschehen. Vielleicht wird das erstarkte Gefühl der

Einigkeit und das Bewußtsein, wie leicht es den Deutschen ist, jede

Eigenthümlichkeit zu schonen, wie unmöglich den Franzosen, die Trennung

verhindern.[25]

In der Schweiz hat der den Germanen eigene Freiheits- und

Sonderungstrieb, die Abneigung gegen die Centralisation und die

ungebundene Mannigfaltigkeit des Einzellebens die höchste Spitze

erreicht. Die Eidgenossenschaft, so herrlich und bewundernswerth,

so lang sie um Anerkennung kämpfte und sich wachsend verstärkte,

sank schneller, je mehr der Eine negative Trieb, der so verschiedene

Bestandtheile vereinigt hatte, nach erlangter Selbstständigkeit sich

verlor. Den äußern Gefahren des 17ten und 18ten Jahrhunderts konnte

sie durch ihre kriegerische Neutralität widerstehen. Als aber mit der

französichen Revolution die innern Stürme sich in Europa erhoben, war

es um die Einheit geschehen. Die Mediation konnte nur vorübergehend das

Frühere und das Neuere vermitteln. Die Restauration führte die alte

Zeit zurück; und die Julirevolution stellte beide gegenüber. Seitdem

ist die Schweiz in beständigen Zuckungen; die Mannigfaltigkeit ist zur

Anarchie geworden, die Kantonalsouverainetät und die Bundesgewalt,

das konservative und liberale Princip bekämpften sich ohne Unterlaß,

und statt Einer Nation bietet die Schweiz das peinliche Schauspiel

unzähliger Autonomien, deren kleinliches Getriebe Europa ermüdet.

Es war natürlich, daß der Principiengeist in einem so buntgestellten

Lande, als die Schweiz es ist, die tiefste Zerrüttung erzeugen mußte.

Der französische Liberalismus hat auch hier nur zu wühlen und zu

zerstören, nicht aufzubauen vermocht. Aber das Schicksal der Schweiz

würde ein leichtes gewesen sein, hätte nicht der deutsche Kern sich

mit allzuvielen romanischen Bestandtheilen umgeben. Soll die Schweiz

verbunden bleiben, so muß das deutsche Element, dasselbe das den Bund

geschaffen hat und noch heute die überwiegende Mehrzahl bildet, die

übrigen beherrschen und durchdringen.

Die Kraft, die Tendenz, die dazu vonnöthen ist, kann ihm nur von

Deutschland aus geliehen werden. Wenn in Deutschland die weltbewegenden

Fragen gelöst sein werden, wenn dort ein neues, schaffendes Princip

sich erhoben haben wird, dann wird auch die Schweiz Ruhe, Gesundheit

und Eintracht wieder finden. Die alten schweizerischen Aristokratien

mußten fallen, gleich den deutschen; sie waren überreif geworden, und

die französische Gleichheit war das Werkzeug, wodurch sie fielen. Die

Reformation, welche von den Deutschen ausgehen soll, wird Dauerndes an

ihre Stelle setzen; sie wird bauen, wo die Revolution nur zerstören

konnte.

Aber nicht nur in geistiger, auch in politischer Weise wird die Schweiz

an Deutschland gebunden werden. Daß eine schweizerische Nationalität,

über die deutschen, französischen und italienischen Bestandtheile

hinausgehend und sie alle umfassend, nicht vorhanden ist, daß bei

der nächsten europäischen Krise die Schweiz sich Frankreich oder

Deutschland, getheilt oder ungetheilt, in die Arme werfen muß, daß die

ewige Neutralität der Eidgenossenschaft vor der Wirklichkeit zerstieben

wird -- das sind Dinge, die die Schweizer sich selbst gestehen müssen.

Und #wie# die Wahl dann fallen werde, darüber kann, nach den Vorgängen

eines halben Jahrhunderts, kein Zweifel sein.

Ich hoffe, daß die Gestaltung Deutschlands selbst mich von dem Vorwurfe

freisprechen wird: als laufe die Zukunft, die hier den Holländern,

Belgiern und Schweizern geweissagt wird, in eine Verflachung hinaus,

welche über der egoistischen Ausbreitung des deutschen Elements die

Besonderheit der Nationalcharaktere untergrabe. Das engste Verhältniß

mit Deutschland würde in der Verfassung, der Sprache, den Sitten

und der Wesenheit jener Völkerschaften nicht mehr verändern, als

durch die Heilung bedingt ist, die ihre Gebrechen erfordern. Der

republikanische Geist, wie er in der Schweiz, der konstitutionelle,

wie er in Holland und Belgien lebt, widerspricht nicht, er fügt sich

in die Mannigfaltigkeit des deutschen Lebens. Auch kann es nicht

derselbe Grad von Verbindung sein, der die innersten Theile von

Deutschland, und derselbe, der die ausgeprägtesten Provinzialismen

umfaßt. #Natur und Verhältnisse erlauben hier eine ungemein feine,

jeder Individualität entsprechende Abstufung.#

Das vor allem ist in unserer Anschauung gegeben, daß drei kleine

Staaten, kraftlos jeder für sich allein, bei Weltbewegungen der

Zerstörung ausgesetzt, getragen von Volksgeistern, die die alte

Spannkraft zum Theil verloren, zum Theil wahrhaftige und ureigene nie

gewinnen können -- daß diese neues Leben und gedoppelte Kraft erhalten,

indem sie dem großem Stamme sich wieder vermählen; daß Deutschland

dagegen, stark durch das Bewußtsein seiner gebliebenen, durch die

Einigung seiner abgefallenen Kinder, in der natürlichen Fülle seiner

Macht der hohen Aufgabe genügen möge, die ihm in Europa bestimmt ist.

Ich weiß es wohl, wer immer, sei er Holländer, Belgier oder Schweizer,

nur das jetzige Deutschland anschaut, wie es ist, nicht jenes, welches

sein kann und sein wird: dem mag die Seele sich sträuben bei dem

Gedanken, das theuer erworbene Vorrecht der Ahnen für solchen Preis zu

opfern. Wenn aber die deutsche Nation in geistiger und gemüthlicher

Wiedergeburt sich verjüngt, wenn sie den Zauber gefunden haben wird,

die Wunden der Völker zu heilen, wenn ganz Europa einer großen

organischen Einheit entgegengeht, in der der Niedere dem Höheren sich

in natürlicher Unterordnung fügt; dann wird es ein ander Ding sein, ins

frühere Vaterland zurück zu gehn. Denn die alte Freiheit bleibt und

neue Stärke wird gewonnen.

Kapitel XII.

Die Pentarchie.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 11 / 19 段