Ich wende mich jetzt zur Zukunft, um in ihrem Bilde Rußland zu

schauen. Polen ist die westliche, Preußen (durch die Ostseeprovinzen)

die nordwestliche, Oestreich (durch Ungarn, Moldau u. s. f.) die

südwestliche, der Kaukasus (durch die Tscherkessen) die südöstliche

Vormauer gegen Rußland[19]. All diese Gränzen hat Rußland übersprungen,

oder ist im Begriff, sie zu überspringen. Maß und Ziel wird ihm unser

Jahrhundert setzen.

Von Polen ist gesprochen worden. Ein europäischer Krieg vermag

vielleicht allein, auch ohne Mitwirkung deutscher Mächte, Polen zu

befreien. Wir wollen die letztere hoffen; aber, wie ihm auch sei,

Polen ist ein nagender Wurm in den russischen Eingeweiden, und wenn

die Gefahr über Rußland kommt, wenn der Staat erkrankt, so wird die

Schlange, die es zertreten zu haben meint, es in die Ferse stechen.

Der Heerd der russischen Politik, der Sitz der Kultur, wodurch sie

groß geworden, Rußlands Kopf sind die Ostseeprovinzen. Von hieraus

zirkulirt das geistige Lebensblut durch die Adern des weiten Reiches;

es ist das Band, wodurch Rußland an Deutschland gebunden wird, der

Leiter, der die Deutschen überhaupt zur russischen Regierung bringt.

Die Münnichs, die Ostermanns, die Nesselrode sind Deutsche; wir selbst

haben, seit dem großen Peter, Rußland großgezogen; zu eignem Unheil

haben wir gezeigt, was deutscher Geist mit roher Masse auszurichten

vermag. Nehmt die Ostseeprovinzen weg, und ihr zwingt Rußland, der

fremden Hülfe zu entbehren, mit eignem Gehirne zu arbeiten, in sich

selbst zurückzugehen, ihr zwingt es, den Volksgeist gründlicher zu

wecken, eine neue segensreichere Bahn zu beginnen. Esthland, Liefland

und Kurland sind in Kultur, Sitte und Sprache nach dem Theile der

Bevölkerung, der dem Lande den Charakter gibt, unbestreitbar deutsch;

ihre Vereinigung mit Rußland ist Unnatur; nur im deutschen Bündniß

finden sie Bestand. Deutschland gebührt es, die verlornen Brüder

wieder an sich zu ziehn, und Rußland selbst erleichtert das Werk.

Lange geschont in ihren Privilegien und im Genuß einer eigenthümlichen

Freiheit, fangen diese Provinzen an, allmälig dem Andrang der

russificirenden Tendenz zu unterliegen. Sie sind verloren für Rußland,

je mehr sie, dadurch gestachelt, sich in die Arme des Mutterlandes

zurücksehnen, das sie verschmähten, so lange sie sich so frei, als es

in Preußen z. B. nur immer sein konnte, und durch überwiegende Bildung

so wichtig und vorragend im russischen Reiche spürten. Wir haben oben

bereits erwähnt, wie Preußen, dessen östliche Provinzen durch Natur

und Geschichte den russischen so verwandt sind, berufen sei, sie dem

deutschen Einfluß zurückzuführen. Es gibt Dinge, die nur aus langer

Gewohnheit unglaublich erscheinen, obgleich sie an sich nicht nur

glaublich, sondern nothwendig sind. Dahin gehört, daß Preußen seine

Politik gegen Rußland im angegebnen Sinn verändere. Zeit und Noth

werden Preußen belehren.

Auch davon war oben die Rede, wie leicht es Oestreich vermöchte, die

Donau bis zu ihren Mündungen zu beherrschen und die Halbinsel des Hämus

zu umgarnen; wie im ungarschen Volksgeist das Bestreben liege, an die

Stelle des russischen Einflusses in Ostromanien den eignen zu setzen.

Das Meiste ist hier schon gegeben; nur zu sehen, thut Noth, und darnach

mit Entschlossenheit zu handeln.

Noch sind die Tscherkessen aus jahrelangen Kämpfen um Freiheit und

Vaterland unbesiegt hervorgegangen. Wir widmen den tapfern Stämmen

des Kaukasus eine lebhaftere Theilnahme als den arabischen in Algier,

und das mit Recht, theils weil dem nomadischen Araber auch nach

der Eroberung des Landes immer noch eine Heimat bleibt, theils

weil wir mit Vergnügen in dem Charakter, der Verfassung und der Art

der Tscherkessen die kräftige Natur unserer Vorältern, freilich in

asiatischer Weise, wiederfinden und die Vorsehung bewundern, die in dem

Gränzgebirge zwischen Asien und Europa den reinen kaukasischen Urstamm

so unversehrt erhalten hat. Es ist zu hoffen, daß die Tscherkessen

ausdauern, bis sich den Engländern Gelegenheit bietet, von Südasien aus

den Widerstand zu unterstützen und Rußlands Fortschritte zu vereiteln.

Ohne den Kaukasus ist für Rußland keine bleibende Stätte in Persien;

was jenseits liegt, das ist, wie der indogermanische Orient überhaupt,

der germanischen, nicht der slavischen Einwirkung beschieden.

Also auf die Schranken seines natürlichen Daseins zurückgeführt, wie

ausgebreitet, welche Großmacht bleibt immer noch Rußland! Die weiten

Länder Ostasiens sind ihm zugewiesen: auf Turan, auf die ungeheure

mongolische Hochebene soll es wirken. Ein edler Beruf ist es, hunderte

von wilden Stämmen zu zähmen, Nomaden an den Ackerbau zu fesseln,

christliche Gesittung allmälig (durch verwandte Horden) unter Mongolen

und Tataren zu bringen, die bis auf diesen Tag, unberührt von dem Alles

umfassenden Arm Europas, die östliche Welt von der westlichen scheiden.

Ungemeines hat Rußland hierin schon gethan; von der Krimm bis in den

lappischen Norden, von da bis Kamtschatka, wie viele wilde Völker

wohnen gehorsam unter seinem Scepter! Diese Tendenz scheint es auch zu

sein, die im Geiste des russischen Volkes selbst liegt: ein flüchtiger

Abenteurer hat dem Czaar Iwan halb Sibirien erobert.

Jene innere Durchbildung, welche allein Leben statt der Scheinbildung

verleihen kann, vermag dem slavischten der Völker nur wieder ein

slavisches zu geben. Ein wiedergebornes Polen, ich wiederhole es,

stark und frei, ohne Leibeigene, würde auf dem Wege der friedlichen

Berührung Rußland verändern, würde es mit der Zeit vielleicht in die

lateinisch-kirchliche Gemeinschaft herüberziehen.

Die griechische Kirche, worauf jetzt der russische Staat beruht, hat

keine Zukunft vor sich. Was ihr eigenthümlich ist, sind nicht die

wenig verschiedenen Dogmen, sondern der völlige Stillstand, in den sie

seit Jahrhunderten versunken und der sie, für das Volk wenigstens,

in abergläubischen Heiligen- und Götzendienst herabdrückt. Das

Christenthum wurde von Byzanz aus den Russen gebracht. Damals und im

ganzen Mittelalter gab es zwei Sphären der Kultur, und demgemäß zwei

Gestalten des Christenthums: die occidentalische und orientalische.

Jetzt gibt es nur Eine Sphäre mehr: die christlich-europäische; ihr

gegenüber die arabisch-muhamedanische und indisch-bramanische. Das

orientalisch- und russisch-griechische Christenthum, noch immer

lebendig im Orient durch die türkische Invasion, in Rußland durch

eingewurzelte Tradition, verliert seine letzte Bedeutung, so wie Europa

den Orient überschwemmt und den russischen Slavismus durchbrochen haben

wird. Nur der Geist kann dem Geist widerstehen; was vermag das längst

erstorbene griechische Princip gegen katholisch-protestantisches Leben?

Die Einheit der griechischen und lateinischen Kirche, so oft vergebens

angestrebt, ist kein leerer Traum. Aber freilich, im Abendlande selbst

muß, ehe sie gedeihen kann, der tiefe kirchliche Zwist eine Lösung

gefunden haben. Der Westen, der den Osten besiegen soll, muß einigen

Geistes sein. -- So führt die Betrachtung russischer Zukunft uns in den

Mittelpunkt germanischen Lebens zurück, und auf jene Eine Hoffnung, in

der überall das Völkerwohl beschlossen liegt.

Deutschland vor Allen (um das Gesagte in wenige Worte zu fassen) ist

berufen, Rußlands falsche Gegenwart zu bekämpfen, seine wahre Zukunft

herauszuführen.

Kapitel IX.

Die germanischen Völker. Skandinavien.

Ich betrete jetzt den germanischen Boden, und kann mich kürzer fassen.

Alle Beziehungen sind hier einfacher; wir sind wie im Heimatlande.

Unberechenbar ist der Abstand, der die ausgewirkte Freiheit der

Stände im germanischen Norden von der slavischen Leibeigenschaft

trennt. Nirgend in Europa gilt der Bauer mehr als in Schweden und

Norwegen; die alte Freiheit der Gaue hat sich in den skandinavischen

Gehöften erhalten. In den slavischen Ländern hat, wie wir sahen,

die allen gemeinsame, auf Sklaverei gegründete Magnatenherrschaft

dreifach verschiedenen Ausgang genommen: in Rußland ist das

Czaarthum zur Despotie herangewachsen, in Ungarn hat sich ein

aristokratisch-konstitutionelles Gleichgewicht gebildet, Polen ist das

Opfer republikanischer Ungebundenheit geworden. Ein ähnlicher Verlauf

zeigt sich, bei ganz andern Grundbedingungen, in den germanischen

Ländern. In Deutschland hat (nur nach der germanischen Mannigfaltigkeit

in oligarchischer Weise) das monarchische, in England das

aristokratische, in Skandinavien das demokratische Princip vorwiegende

Geltung[20]. Die ersten beiden gleichen sich in dem Unorganischen

ihres Daseins; England und Ungarn erfreuen sich konstitutioneller

Befriedigung; Polen und Skandinavien erwarten eine Zukunft.

Diese liegt für das Land, wovon wir sprechen, in einer neuen

kalmarischen Union, zu welcher Norwegens frühere Vereinigung mit

Dänemark, seine jetzige mit Schweden den Uebergang bildet. Schweden

und Norwegen sind zu schwach, zu spärlich bevölkert, um eine wirkliche

Macht zu bilden; Dänemark isolirt, verliert sich in Europa. Alle drei

in enger Föderation, unter schwedischer Hegemonie, können zu Land

und zur See die Bedeutung erhalten, die ihnen geziemt: europäische

Bedeutung.

Dazu mitzuwirken, gebietet natürliche Freundschaft so sehr als eignes

Interesse dem deutschen Volk. England zur See, Rußland zu Lande sind

beständig bereit, so viel an ihnen ist, die Fortschritte Skandinaviens

zu lähmen, jede höhere Blüthe zu zerdrücken. Rußlands eiserne Hand

lastet schwer auf Schweden und Dänemark; dort leiht es einer wankenden,

vom Volkswillen untergrabenen Aristokratie den stützenden Arm, und

hemmt die Reformen; hier erträgt die russische Politik lieber die

Lasten des Sundzolls, als sie die Einführung einer Konstitution

gestattet, welche von der einmüthigen Stimme der Dänen begehrt wird.

Glücklicher ist Norwegen in bescheidener Unabhängigkeit, mit eigner

Verfassung; nicht die letztere mit ihrer demokratischen Freiheit

verdient Bewunderung, sondern der Volksgeist, der sich nach wenigen

Jahren in eine Charte eingelebt hat, die andere Völker verwirrt haben

würde.

In Skandinavien allein ist das lutherische Bekenntniß zu bestimmter

kirchlicher Gestaltung und zu ausschließlicher Herrschaft gediehen.

Diese Intoleranz, obgleich sie einerseits lange Zeit hindurch

ein einheitlich-religiöses Bewußtsein im Volke erhielt, hat doch

andererseits die lebendige innere Theilnahme an der geistigen Kultur

Europas auf ähnliche Art geschwächt, wie in Spanien und Portugal, ohne

dabei verhindern zu können, daß die französische Aufklärung, besonders

in Schweden, die höheren und mittleren Stände, theilweise auch das Volk

ergriffen hat. In den Debatten des schwedischen Reichstages erkennt

man oft genug das französische Gepräge. In dieser, wie in der obigen

Beziehung soll die deutsche Bildung das natürliche und nothwendige

Gegengewicht halten.

Man darf glauben, daß der russische Druck in Schweden wenigstens eine

Sehnsucht nach der Verbrüderung erweckt hat, welche einst, um der

theuersten Güter willen, Skandinavier und Deutsche verband. Jene Völker

sind unsre Brüder, Eines Stammes mit uns, sprechen fast dieselbe

Sprache; gibt es irgend Bündnisse, welche die Natur selbst an die

Hand gibt, so ist es ein #deutsch-skandinavisches#. Deutscher Einfluß

ist der Tod des russischen, er sichert vor englischem Neid; er bringt

Kraft, Selbstständigkeit und Stärke der äußern, Gehalt und Richtung der

innern Politik zurück. Mehr zu sagen, ist überflüssig, wo Gefühl und

gesunde Vernunft deutlicher sprechen, als es mit Worten geschehen mag.

Kapitel X.

England.

Durch insularische Lage, durch Geschichte, Bevölkerung und Sprache,

nimmt Großbritannien im germanischen Organismus eine gesonderte

Stellung ein. Germanisch von Natur und Charakter, spricht es doch

die romanische Sprache, und hegt immer noch in Wales und in Irland

die celtischen Elemente; obschon zweiten Ranges unter den Völkern

seines Stammes, ist es doch die erste Seemacht der Welt, frei und

unabhängig durchaus, für sich und in sich gegründet. England bildet

das Mittelglied germanischen und romanischen Lebens; vermittelnd,

indem sie gibt nach beiden Seiten und von beiden empfängt, ist seine

Literatur; vermittelnd seine politische Entwicklung, weil sie mit der

germanischen Freiheit moderne Bestandtheile, und mit der Föderation die

Centralisation verbindet; ein Mittelding ist selbst die bischöfliche

Kirche zwischen katholischem und protestantischem Kirchenthum. Geistig

und leiblich, in jeder Beziehung, ist England geborene Großmacht.

Jenes gesunde Gleichgewicht des monarchischen, aristokratischen und

demokratischen Princips, wonach andere germanische Völker in so

wechselnden Schwingungen hinstreben, worauf das seit Montesquieu so

bewunderte richtige Verhältniß zwischen der ausübenden, richterlichen

und gesetzgebenden Gewalt beruht, hat die englische Verfassung auf ihre

Weise gefunden. Ihr ist es gelungen, ohne Umwälzung den schwierigen

Uebergang von der ständischen Gerechtsame zur repräsentativen

Volksvertretung zu finden. Während andere Oligarchieen Europas längst

verknöchert und dem Tode verfallen sind, erhält sich ewig jung, weil

fort und fort ergänzt aus dem Kerne des Volkes, und doch ewig dieselbe,

als unerschütterter Mittelpunkt des Gemeinwesens, die englische Grund-

und Erbaristokratie. Ihr gegenüber steht immer anregend und treibend,

die Aristokratie des Geistes, wie sie, zahlreicher als in irgend einem

Lande Europas im Unterhause hervortritt. Die Macht des Staates ist, wie

sie sein soll: kräftig genug, um durchzugreifen, duldet sie doch, ohne

wie anderwärts alles Leben zu verschlingen, eine Menge von Autonomieen

in gesetzlichen Kreisen. Nirgend ist man vor militärischer Regierung,

nirgend vor bureaukratischer Willkühr gesicherter als in England. Die

öffentliche Freiheit ist so unantastbar als sie immer sein kann, die

persönliche findet kaum ihres gleichen. Die Duldung, welche früher den

verschiedenen Religionsparteien vergönnt war, fängt an zur Berechtigung

zu werden; und doch besteht festgegründet und in altem Einfluß die

Staatskirche. Bei einer im Ganzen freien Weltansicht bewahrt das

englische Volk jene religiöse Pietät, worauf die Lebenskraft und der

Stolz von Altengland beruht. Endlich, wenn heute, was Gott verhüten

wolle, der Dämon der Revolution aus der schlummernden Tiefe, worin

er verschlossen liegt, zum zweiten Mal entfesselt, sich über Europa

ergießen, wenn die Throne des Kontinents wie Spreu im Sturme zerstieben

würden: -- der englische könnte ruhig die Geister beschwören; er, wenn

denn alle fallen sollten, würde der letzte fallen; #denn er ist auf

Freiheit gegründet#[21].

Alles das wird mit Recht an England bewundert; und in der That, seit

der römischen Republik kennt die Geschichte keinen Staat, in dem

die innere Entwicklung so ebenmäßig und glücklich, und so gleichen

Schrittes mit der äußern Macht sich gestaltet hätte. Vergebens aber

würde man die englische Freiheit anderwärts nachzuahmen versuchen.

Aus einer gesunden Mischung der ursprünglichen, der römischen, der

sächsischen, der normannischen Bevölkerung, aus dem eigenthümlichen

Charakter der Nation, aus dem republikanischen Sinn, der sich in

allen Handelsvölkern entwickelt, aus der isolirten Lage, aus hundert

begünstigenden Umständen ist sie hervorgegangen: lauter Dinge, die

sich so wie hier nirgend wiederholen. Ebendeßhalb, weil die englische

Freiheit nicht auf Principien oder bewußten Wahrheiten beruht, bleibt

die englische Humanität auf die Heimat beschränkt. Der Engländer

ist auswärts engherzig, rücksichtslos und, wie alle Kaufleute, auf

den Vortheil bedacht; so ist auch die englische Politik egoistisch

durch und durch: außerhalb England gilt ihr jede Verfassung, ja die

Tyrannei gleich, wo sie nur ihrem Zwecke dient; selbst philanthropische

Maßregeln, wie die Abschaffung der Sklaverei werden nur dann

durchgesetzt, wenn das Staatsinteresse gewinnt[22]. Dem Engländer ist

die Freiheit ein Eigenthum, das ihm gerade gehört; von dem Trieb der

Franzosen, Alles in ihrem individuellen Lichte zu sehn, ist er so weit

entfernt, als von der unbezwinglichen Neigung der Deutschen, sich

in geistige Gemeinschaft mit andern Nationen zu setzen: er nimmt die

Ausländer, wie er sie findet, und benutzt ihre Schwächen für seinen

Zweck.

Ich hebe dieß hervor aus zweierlei Gründen. Erstlich, weil es

wichtig und nöthig ist einzusehn, daß das englische Gemeinwesen

eine besondere, lokale Erscheinung bildet, ein Ding für sich,

welches auf andere Zustände niemals angewandt werden kann; daß wir

Deutsche durch Uebertragung englischer Staatsformen (soweit sie

nicht im germanischen Wesen überhaupt liegen) so wenig selig werden

können, als uns französische gefrommt haben. Sodann, weil Manche

der Meinung sind, England habe den Beruf, die socialen Probleme zu

lösen, worum die europäische Geschichte sich bewegt, und so Europa

zum Frieden und zur Vollendung zu führen. Es ist dieß ein Irrthum,

der durch den vermittelnden Charakter erzeugt wird, den England als

romanisch-germanisches Land bekleidet. Allerdings vermittelt England,

#und zwar in so hohem Grade, daß ein scharfes Auge aus seinen Zügen

sich in ahnender Uebersetzung das Bild herausstellen mag, welches

einst die wahre europäische Vermittlung bieten soll#; aber immer nur

in #seiner#, in ausschließlicher Weise. Die englische Staatskirche ist

in der That ein Mittelding zwischen katholischen und protestantischen

Elementen: aber wie thöricht würde es sein, in ihr die Versöhnung der

Konfessionen erblicken, durch einen Aufbau von ihrer Art den Frieden

stiften zu wollen. Eine Ausgleichung zwischen dem alten Feudalismus und

dem modernen Staat, zwischen der Erbaristokratie und dem Geistesadel

ist in der That in England gewissermaßen gegeben: wer aber würde

geneigt sein, sie auf dem Kontinente nachzuahmen oder nachzuschaffen?

Impulse kann England geben, fördernd und beschleunigend eingreifen

in die Entwicklung des Kontinents: umwandeln seine Bahn oder sie

vorzeichnen kann es nicht. Das ist nur den Deutschen und Franzosen

beschieden; nur der rein germanische oder der reine romanische Geist

trägt jene ureigne und zwingende Kraft in sich, welche, schaffend

oder zerstörend, Europa unaufhaltsam überströmt. Die englische

Reformation, die englische Revolution, die englische Reform sind auf

England beschränkt geblieben; und trotz all seiner Macht, bei all den

unendlichen Vorzügen, besitzt England nicht entfernt jenes ideelle

Gewicht, das Frankreich noch in seiner Zerrissenheit, gleichviel ob

mit Recht oder Unrecht, über Europa ausübt; Deutschlands (eines wahren

Deutschlands) nicht zu gedenken. England ist und bleibt eine Insel:

genug, wenn es die eignen socialen Probleme lösen, die eigne Zukunft

lichten kann. Wir Deutsche, wahrhaftig, sollten endlich gewitzigt sein,

nach fremder Hülfe zu schauen; das Schicksal liegt in unsrer Hand; wir

selbst, wir allein wollen es schaffen: alles Andere wäre für uns nur

Unsegen und Thorheit.

So bewundernswürdig England erscheint, so wahr es ist, daß unter

allen Staaten der Gegenwart (mit einziger Ausnahme etwa des kleinen

Norwegens) auf ihm allein das Auge mit Lust verweilen, der Geist

sich Trostes erholen kann: so düster blickt dennoch seine Zukunft,

und so zahlreich sind die Uebel, woran es krankt. Zwar, sie sind

nicht alle unheilbar. Die irische Frage läßt sich lösen, wenn die

englische Engherzigkeit zu rechter Zeit verstehen wird, was noth

thut. Dieß fremde Element kann England mit sich verschmelzen, wenn

es durch Gerechtigkeit und Güte die Schulden der früheren Politik

entsühnt, einer Politik, die an die russische Behandlung von Polen

und an die barbarischen Zeiten erinnert, wo Völker auf Völker

drängten und der erobernde Stamm den unterjochten auszurotten oder

in Sklaverei zu knechten pflegte. Jeder Fortschritt der irischen

Emancipation stärkt die englische Kraft, weil sie die heterogenen

Bestandtheile verschwistert, und man kann in diesem Sinne O'Conell

Englands Schutzengel nennen. Aber es gibt noch andere, mit der

irischen zusammenhängende Fragen. Wie wird der Kampf, welcher jetzt

eben gegen die Monopole der großen Grundeigenthümer geführt wird,

sich endigen? Wie wird der Mittelklasse, wenn sie als industrielle

Aristokratie der erblichen gegenüber tritt, genuggethan werden, ohne

doch die Fundamente der Verfassung zu erschüttern? Denn schon nahet die

Zeit, und in unsern Tagen bereitet sie sich vor, wo die Worte »Torys

und Whigs«, bisher die Bezeichnung zweier Adelsparteien, ihre alte

Bedeutung verlieren, wo das Whigthum die bürgerlichen, das Torythum die

adeligen Forderungen bezeichnen wird. Wie lange wird die Hochkirche,

mit ihren verrosteten Mißbräuchen, mit den ungeheuern Reichthümern, mit

der hochmüthigen Beschränktheit dem Andrang des gesunden Verstandes

widerstehen? Wo überhaupt und wann wird die demokratische Bewegung,

wie sie seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen

das feudale und kirchliche Mittelalter in England anstürmt, ihr

Ende finden? In sich gewiß nicht, und eher nicht, als sie in Europa

überhaupt zu Maß und Ziel fixirt sein wird. Und das geschieht nur durch

eine ungeheure geistige Macht, durch ein neues, über den Staat und die

Menschheit ergossenes Licht, worin die fordernden Klassen sich kennen,

aber auch sich fassen lernen. Und dieses Licht wird vom Kontinent

auftauchen.

Zu dem kommt noch, als das größeste aller Uebel, der ewige Fluch der

Handelsstaaten: der Gegensatz von Luxus und Elend, von Civilisation

und Erniedrigung, von Reichthum und Armuth, die tiefe Materialität,

worin die auf die Spitze getriebene Industrie die Gemüther versenkt;

die Gräuel der Fabriken, deren steigende Vervollkommnung den Menschen,

statt ihn zu befreien, bisher noch härter geknechtet hat; und was

daraus hervorgeht -- die Menge der Proletarier und die Zuckungen der

Ochlokratie. Diese letztere Gefahr ist es, welche der englischen

Staatsschuld ihren lebensgefährlichen Charakter gibt. Eine finanzielle

Umwälzung würde Millionen von Arbeitern brodlos machen, und die

Grundvesten des Staates auf's Spiel setzen. Daher bleibt der englischen

Politik nichts übrig, als unaufhörlich, fort und fort den Handel, und

was ihn beschützt, die Seemacht und die Okkupationen auszubreiten. Aber

schon lauert das Verderben, wo die Politik eines großen Staates von den

Verhältnissen statt sie zu leiten wider Willen getrieben wird, wo sie

einem Zuge nachjagt, den sie zu beherrschen nimmer vermag. Denn wo

ist Ziel und Ende der Ausbreitung? Wann lösen sich die Knoten, die in

täglich wachsender Anzahl über alle Punkte der Erde geschürzt werden?

Ein einziger starker Schlag: und die Bewegung kann wie ein Lauffeuer in

alle Gängen des unermeßlichen Gebäu's sich ergießen. Die Krise, welcher

England entgegengeht, ist nicht heute, nicht morgen da, und schwerlich

so lange Europa ruhig bleibt; aber wenn sie kommt, so öffnet sie einen

Abgrund von Gefahren. Und wehe für England, wenn dann keine stärkeren

Bundesgenossen ihm in Europa blühen als die heutigen: oder wenn der

einzige wahrhaftige, den es besitzen kann, nicht zu einer andern Macht

herangereift als er heute ist. Es könnte die Zeit kommen, wo diese

Macht ihre rettende und helfende Hand über's Meer hinüberböte den

sinkenden Brüdern.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 10 / 19 段