Princips eine Gegenwirkung hervorrief, welche ihrerseits wiederum
die Gränzen übersprang. Der Stoß erzeugte den Gegenstoß. Indem
Ungarn dem östreichischen Staaten-Conglomerate einverleibt, indem
Polen von Oestreich und Preußen umschlossen wurde, mußte Rußland,
nachdem es durch Peter europäisirt worden war, als der reinste
Träger des slavischen Typus, von selbst jene Richtung erhalten,
welche man heutzutage die panslavische nennt; es wurde der Retter
des slavischen Princips, so freilich wie Rußland rettet, d. i. auf
mongolische Weise. Diese Reaktion, nothwendig wie so viele Uebel,
womit die Vorsehung anderen Uebeln steuert, aber seit lange schon ohne
Schranken und Gesetz, unnatürlich und ungeheuer, wird von Vielen für
den wahrhaftigen und bleibenden Zustand der Dinge gehalten. Es gibt
Leute, die an eine zukünftige Einheit des Slaventhums vom Eismeer bis
zum jonischen Meer, an eine Verschmelzung aller slavischen Nationen
unter russischem Scepter glauben. Ihnen liegt Zukunft und Rettung
Europas in den jugendlichen, frischen, noch durch kein Uebermaß der
Kultur verdorbenen Massen des russischen Reiches. Ihnen scheint es,
als müsse der Geist der Geschichte, müde im germanisch-romanischen
Europa zu weilen, sich auf die slavischen Völker herabsenken, als
müsse, nach dem natürlichen Lauf der Dinge, der slavische Stamm den
Germanen und Romanen im Südwesten, den Türken im Südosten dasselbige
werden, was einst die Macedonier den dorischen und jonischen Griechen
auf der einen, dem persischen Reich auf der andern Seite geworden sind.
Andere, die noch Verstand genug haben, um zu sehen, daß Jahrhunderte
hingehen müssen, ehe die Slaven auf gleicher Entwicklungsstufe mit
dem westlichen Europa stehen, daß, wenn dieses auch geschehen sein
wird, ihre Natur niemals mit der unsrigen sich ernsthaft messen kann,
fürchten dennoch die Uebermacht der Barbarei, ihre einheitliche und
ungestörte Kraft gegenüber den zerrissenen Tendenzen des Westens, und
den absoluten Willen, welcher als Ausdruck einer ganzen Völkerfamilie
sich unwiderstehlich gegen die einzelnen Nationen heranwälzen werde.
Es ist wahr: wo immer die Gränzen, die die Natur zwischen den Stämmen
gezogen hat, verwischt sind, wo irgend eine der Völkerfamilien Europas,
sei es auch die schwächste, die slavische, als solche geschlossen den
übrigen entgegentritt, da ist Gefahr vorhanden, wirkliche, drohende
Gefahr. Aber glücklicher Weise liegt in dem Organismus der slavischen
Völker ein inneres Gegengift. Die Macht, welche sich vermessen
wollte in Wahrheit eine slavische zu sein schlechtweg, d. h. eine
panslavische, müßte ein Element gefunden haben, welches, erhaben über
den Stammesunterschied, die Stämme von selbst aufheben, in welchem
als im Familiengeist die Nationalgeister freiwillig zusammenfließen
würden. Dieses Element ist nicht im russischen Reiche. Rußland ist
panslavisch nur sofern es russisch ist, sofern der russische Charakter
den slavischen zur Zeit am kräftigsten ausdrückt. Daher kann Polen wohl
unterjocht, niemals vernichtet werden; der polnische Geist widerstrebt
dem russischen, weil dieser ihm nur als solcher, nicht unter dem höhern
Gesichtspunkte des slavischen, von Anfang erscheinen konnte. Und selbst
wenn es gefunden wäre, jenes Element: -- immer noch würde Ungarn in
seiner Eigenthümlichkeit entgegenstehn.
Ungarn, mit Slavonien und Kroatien, im weitern Sinne mit Siebenbürgen,
bildet, wie schon im Eingange bemerkt, ein besonderes Glied in
der slavischen Reihe. Es ist das Mittelland zwischen slavischen,
germanischen, und ostromanischen Völkern. Demgemäß zählt man 4
Millionen Slaven (die überwiegende Zahl), 1/2 Mill. Deutsche, 1 Mill.
Wlachen, und, als den Kern der Bevölkerung, der Ungarn seinen Charakter
verleiht, 3 1/2 Mill. Magyaren. Die Magyaren haben im Laufe von
Jahrhunderten über die slavischen Einwohner nicht vermocht, was andern
Eroberern in Jahrzehnten gelang: die sonst so schmiegsame slavische
Raçe hat ihnen widerstanden. Ihre Bestimmung ist nicht, die Andern
zu magyarisiren, einen Urstamm aufzupflanzen in Europa; sie sollen
verwachsen mit den andern, aus allen vereinigt soll eine besondere
Gattung der östlichen Gruppe entstehen.
Das ist noch nicht geschehen. Ungarn ist in diesem Stücke noch so
jung, wie die ostromanischen Völker, erst im Werden begriffen; noch
gibt es kein ungarisches Volk. Ja, gerade in unsern Tagen drängt
sich der Zwiespalt von Magyaren- und Slaventhum heftiger als jemals
hervor. Dieser Zwiespalt ist es, der den Einfluß der Deutschen in
Ungarn, ohne Usurpation und Gewalt, von selbst begründet. #Er gibt den
Deutschen die natürliche Rolle der Vermittlung.# Wie Italien unter
den westromanischen, so ist Ungarn unter den slavischen Völkern durch
seine Besonderheit an Deutschland gebunden. Die Magyaren bedürfen, um
das slavische Element zu beherrschen, die Slaven um dem magyarischen
zu widerstehen, der deutschen Hülfe. Beide in Einklang zu setzen, ein
einiges Volk zu schaffen, ist die Aufgabe der deutschen Politik.
Die Vorsehung also, nicht der Zufall hat es gewollt, daß ein deutsches
Haus zugleich den ungarschen Thron überkommen hat. Auch in staatlicher
Hinsicht erscheint naturgemäß, fast nothwendig die deutsche Einwirkung.
Die ungarische Konstitution, die ungarischen Gesetze sind ein rohes
mittelalterliches Gebäude; aber die Freiheit hängt daran, und jede
Veränderung ist unwillkommen, weil sie die Herrschaft der Großen
und das bestehende Verhältniß der Raçen erschüttert. Eine fremde,
unparteiische Hand ist nöthig, um den Fortschritt zu leiten, um die
untern Klassen zur Emancipation und den Bürgerstand zu germanischer
Geltung zu erheben. Und in der That sieht man mit eigenem Gefühl,
wie die östreichische Regierung nicht selten als Verfechterin des
Fortschritts den mittelalterlichen Ansprüchen entgegentritt.
Weiter aber, auch die ungarische Politik (als solche, nicht als
Bestandtheil der östreichischen betrachtet) ist mit der deutschen nach
allen Seiten verwebt. So lang die türkische Macht Europa bedrohte,
waren Deutsche und Ungarn gegen sie verbündet. Jetzt nachdem sie
gefallen, haben beide dasselbige Interesse nach Ostromanien hin.
Wenn Ungarn sich selbst versteht, so muß es, wie einst in der Epoche
Ludwigs des Großen, auf die südslavischen Länder, auf die Moldau, die
Wallachei und Serbien einzuwirken trachten. Seine Lage gebietet ihm,
die Emancipation dieser Völker zu fördern, sie sich zu verpflichten,
sie dem russischen Arme zu entziehen. Das will auch Deutschland; und
nur der innigste Zusammenhang mit Deutschland kann dieser Bewegung nach
Süden europäischen Gehalt geben.
Nicht anders ist es mit Polen. Da der slavische Theil von Ungarn, bei
wachsender Opposition beider Elemente, von Rußland leicht angezogen
werden kann, da die Magyaren nichts sehnlicher wünschen müssen,
als ein kräftiges Gegengewicht, so lag die Erhaltung von Polen und
liegt jetzt seine Herstellung im tiefsten Wunsche der Magyaren. Die
natürliche Sympathie, die alten historischen Bande machen sie mehr oder
weniger der ganzen Nation wünschenswerth. Ungarns Politik in Beziehung
auf die slavischen Völker kann ja überhaupt keine andere sein, als
die Aufrechthaltung des natürlichen Organismus, d. h. die schärfste
Opposition gegen Rußland als denjenigen Staat, der durch Ausbreitung
einer einzigen, der russischen Tendenz den Organismus zerstört, der in
Polen seine Zwecke erreicht hat, der auch Ungarn bedroht. Das Alles
verlangt auch, wo nicht die östreichische und preußische, doch die
#deutsche# Politik. Die Sympathie der Deutschen war, als Polen fiel,
so lebhaft als die ungarische; ihr Interesse gegen Rußland ist noch
bedeutender.
Ungarn ist der natürliche Bundesgenosse von Deutschland. Beide sind
durch Oestreich verknüpft; und sie würden es selbst dann bleiben (so
sehr liegt's in der Natur der Völker), wenn Ungarn von einheimischen
Regenten beherrscht würde.
Kapitel VIII.
Polen. Rußland.
Noch existirt die Akte des Wiener Kongresses; noch gibt es ein
Königreich Polen. Man hat nicht gewagt, den letzten Schein zu
zerstören, und die Einverleibung auszusprechen. Wir, die wir nicht auf
das Aeußere der Dinge, sondern auf die innere Wahrheit schauen, glauben
auch jetzt noch an ein Dasein von Polen, und reden darnach. Nach wie
vor, unzerstörbar so lang die russische besteht, und gleichberechtigt
mit ihr, lebt die polnische Raçe. Von ihrer Zukunft ist hier die Rede.
Polens Schicksal kann den Deutschen zeigen, worin ihre Kraft liegt.
Die polnische Republik ist denselben Uebeln unterlegen, welche die
deutsche untergruben. Ein wählbares Oberhaupt ohne Macht und Kraft,
durch steigende Kapitulationen beschränkt, eine Aristokratie voll
unbändigen Uebermuths, unaufhörliche Zwietracht, endlose religiöse
Parteiungen, überwiegende Einflüsse des Auslandes, Zerstücklung durch
mächtige Nachbarn -- das Alles und noch mehr hatten Deutschland und
Polen gemein. Es fehlte, um den Untergang ihres Reiches zu überleben,
den Polen nur das Eine: der deutsche Bürger- und Bauernstand. Denn
während in Deutschland der kleinste Reichsfürst einen Staat beherrschte
mit vollkommner Lebenskraft und mit ausgebildeten Gliedern, waren
Leibeigene ohne menschliche Geltung das Besitzthum der polnischen
Großen. Leibeigenschaft ist allüberall das Zeichen slavischer Völker
(vor kurzem sahen wir sie noch in Meklenburg). Die polnischen Edelleute
und Freien, mit allem Gefühl für Ehre und Ruhm des Vaterlandes, mit
aller Aufopferung, fanden nicht jene breite Unterlage der Volkskraft,
um in Zeiten der Noth darauf zu fußen; sie waren zu verwöhnt oder zu
klein, um sie auf ihre Kosten zu schaffen. Kosciusko und die letzte
Revolution konnten nicht in Jahren ändern, was Jahrhunderte bestanden
hatte.
So viel zeigen die blutigen Befreiungsversuche der Polen: ihre
Kraft ist unzerstörlich, der nationale Trieb ist unversiegbar, ja
nach langem Druck haben sie sich beide Male größer, gereinigter von
den Schlacken der slavischen Barbarei wiedererhoben. Verbannung,
Verpflanzung, Konfiskation, Hinrichtungen, Verfolgung der polnischen
Sprache, Russificiren und Konvertiren -- alle die Mittel, die Rußland
mit eherner Konsequenz gebraucht hat und noch braucht, sind unfähig,
die Nationalität, dieß wunderbare Ding, zu zerstören. Es bleibt ein
inneres, unantastbares Element. Aber freilich, noch einmal die Hülle zu
durchsprengen und siegreich ins Leben zu treten, das ist dem Kern des
Volkes versagt, wo nicht von außen Hülfe kommt.
Woher soll sie kommen als von Deutschland? Vielleicht kann man sagen:
als Opfer seiner germanischen Erziehung (seiner aristokratischen
Organisation) ist Polen gefallen. Laßt uns das gefallene aufrichten,
und zu neuem Leben erziehen.
Wir Deutsche haben Polen getheilt, Einiges an uns gerissen, das Andere
den Armen des Drängers überliefert. Laßt uns die Schuld versöhnen, wie
sie einzig gesühnt werden kann. Dieselben Hände, die Polen zerstört,
sollen es wieder aufbauen.
So viel sagt uns das Gefühl des Rechts, die Theilnahme für ein
unterdrücktes Volk und das Bewußtsein unsrer deutschen Natur, die am
Aufbauen ihre Lust hat und mit Scham sich erinnert, einmal zerstört
zu haben. Die Politik sagt noch mehr. Polen vernichten, heißt die
Grundlagen vernichten, auf denen die Ordnung Europas beruht. Kein
Volk in Europa hat für Erhaltung dieser Grundlagen tieferes und
wesentlicheres Interesse als das deutsche Volk; denn es bildet den
Mittelpunkt des großen Gebäudes. Kein Volk empfindet so schmerzhaft
jede Verrückung, jede Erschütterung der organischen Verhältnisse als
das deutsche. Deßhalb nennt man uns das konservative Volk, und unsere
Mächte die stabilen Mächte -- und in diesem Sinne sind wir's von
ganzer Seele. Wie ein Fluch lastet die Theilung von Polen noch heute
auf Oestreich und Preußen. Sie hat Rußlands Kräfte verdoppelt, ohne
die unsrigen zu stärken; indem wir den Schwachen opferten, beugten wir
uns unter das Joch des Starken. Die eroberten Provinzen hängen als
schweres Gewicht an den Fersen der deutschen Mächte, die geschehene
That hat sie unwiderstehlich in Eine Bahn mit Rußland getrieben --
eine Bahn, worin sie ihm doch nur zu #folgen# vermögen, ohne es zu
#erreichen# oder zu #überholen#. Zwei mächtige Vormauern sind Polen
und Ungarn zwischen Rußland und Deutschland gelagert. Wir haben die
letztere zu wenig benutzt, die erstere mit eignen Händen umgerissen.
Die Wunden, die Deutschland sich selbst durch den Fall von Polen
geschlagen, wollen geheilt sein. Sie werden es, wie das Elend der Polen
selbst, nur durch Restauration. #Von Deutschland erwartet Polen seine
Zukunft.#
Die Polen haben Ursache, an ihrem Vaterland zu verzweifeln, wenn sie
den Schein der Dinge betrachten. Frankreich hat zweimal, unter Napoleon
und unter Louis Philipp, die polnische Sache verrathen; England ist
fern, nur von der See her wirksam, egoistisch berechnend; und die
deutschen Großmächte, wie sollten sie einer Politik entsagen, die sie
seit einem Jahrhundert verfolgt? Aber die Zeit wird kommen, schon
bricht sie sich Bahn, wo Oestreich und Preußen einem höheren Zuge
folgen, als dem engen, der sie bisher geleitet, wo sie, #deutsche#
Mächte ganz und gar, in deutschem Geiste handeln. Die Zeit wird kommen,
wo sie einsehn, daß tiefer als das absolutistische Interesse in ihrem
eignen Blute ein anderes wurzelt -- das nationale, allumfassende;
daß über konservativen und liberalen, absoluten und revolutionären
Tendenzen hinaus die #deutsche# Tendenz liegt -- die Tendenz der
Gerechtigkeit, der Ordnung und der Wahrheit, jener innern Wahrheit,
ohne welche alle Konstruktionen der Politik nur ein Gemächte sind von
Staub und Thon, auf Sand gebaut, zum Sturze bestimmt und im Sturze den
Erbauer selbst in seine Trümmer begrabend. --
Man wird einwenden, daß die Herstellung Polens den Verlust von Posen
und Gallizien bedingt[16]; daß, einem moralischen Bedürfniß zu
genügen, kein Staat jemals sich selbst geopfert habe. Es ist wahr,
im Angesicht der neuen Geschichte einen so unerhörten Edelmuth zu
erwarten, wäre mehr als thöricht. Aber ich spreche nur von einer
Politik, die zwei lästige Provinzen einem Nachbar opfern würde, der,
wiedererstanden, als Bundesgenosse die deutschen Staaten in ihren
Grundfesten kräftigen würde. Es ist von einer Abtretung die Rede,
welche dergestalt entschädigt werden kann, daß jedes Opfer, auch das
kleinste, verschwindet. In den Ostseeprovinzen liegt Posens Ersatz.
Preußen hat den Beruf, diese noch immer deutschen Länder der russischen
Herrschaft zu entziehn, sie dem Vaterlande wiederzugeben. Oestreich
behält die Buckowina, dringt am Pruth vor, nimmt Bessarabien, besetzt
die Donaumündungen und umschlingt die griechisch-slavische Halbinsel.
Diese der russischen Hegemonie zu entwinden, ihre Oberleitung zu
übernehmen, ist die höchste Aufgabe der östreichischen Politik in
unserer Zeit.
Die Polen verhalten sich innerhalb ihres Stammes zu den Russen, wie
die Skandinavier zu den Deutschen, oder die Spanier zu den Franzosen.
Daher die lebhafteste Rückwirkung zwischen beiden Nationen. Der tiefe
Widerstand, der im letzten Kern der slavischen Natur, so bildsam sie
sonst ist, gegen den geistigen Andrang des germanischen Princips liegt,
ein Widerstand, der immer noch beharrlich im russischen Volksgeiste
wurzelt, kann durch Polen allein gebrochen werden. Polen ist durch
große Ereignisse, durch mannigfache deutsche Einwirkung, durchs Unglück
großgezogen worden, ohne doch den slavischen Charakter irgend verloren
zu haben. Von Polen aus kann wahrhafte, die Massen durchdringende
slavische Kultur sich nach Rußland ergießen; slavischer Geist erstarkt
schneller an slavischem, als am fremden: nur so mag Europa bis in den
fernsten Osten europäisirt werden. Polen sei frei -- und auch Rußland
wird freier werden.
Soll ich noch des letzten Ueberrestes polnischer Freiheit, der Republik
Krakau gedenken? Man staunt über die Dinge, die von dorther berichtet
werden; es scheint, als habe man der alten Stadt ihre Freiheit
gelassen, um sich an der Erniedrigung zu weiden oder um in kleinerem
Bilde den Todeskampf von Polen beständig vor Augen zu sehen. Man freut
sich der Rolle, die zwei deutsche Mächte als Protektoren spielen und
bewundert ihre Hingebung. --
Ich komme zu Rußland.
Wir sahen in Ungarn und Polen zwei Binnenländer, mit geringen Ausgängen
zur See, ohne maritime Anlagen, das eine durch Natur und für immer, das
andere durch Geschick und theilweise (wie Italien und Spanien unter
den Westromanen) an deutschen Einfluß gebunden. Jetzt ist von einem
ausgebreiteten Staate, reich begabt mit kontinentalen und maritimen
Elementen, von einem Volke, das in erster Linie, wie Deutschland
den germanischen, Frankreich den romanischen, so den slavischen
Charakter ausdrückt -- es ist von einer #Großmacht# die Rede. In der
Erstlingschaft des slavischen Typus liegt Rußlands kolossale Größe,
liegt seine entsetzliche Schwäche. Rußland ist die wundersamste
Erscheinung der neuen Geschichte: der modernste Staat Europas und doch
der niedrigste unter allen. Versuchen wir, ihn auf das natürliche Maß
zurückzuführen, seine Stellung organisch zu bestimmen.
Das Weitumfassende, wie Johannes Müller sagt, war von Anfang an der
Charakter des russischen Reiches. Wie schon in uralter Zeit Nowgorod
und Kiew, im Nord und Süd, die Wiegen russischer Geschichte gewesen,
so erstreckt sich auch heute noch Rußlands natürliche Gränze von
der Ostsee zum schwarzen Meere. Aber wie die Natur durch weise
Fügung im Norden durch den Sund, im Süden durch den Bosporus die
Meere verengt hat, so sind aller slavischen Macht die Gränzen der
Ausbreitung schon ursprünglich vorgesteckt, und jeder Uebergriff
ins germanisch-romanische Völkertreiben kann nur in unorganischen
Entwicklungen seinen Grund finden.
Erstaunlich ist die russische Geschichte durch den plötzlichen
Aufschwung, den Iwan zuerst, dann Peter der Große ihrem Volke
gegeben. Der Thron der Ruriks, von Normannen aufgerichtet, hatte die
Germanisirung von Europa vollendet, hatte vom äußersten Südwest bis
zum höchsten Nordost dieselbe Saat in alle Länder gepflanzt: Rußland
konnte sich gleichartig mit dem übrigen Europa entwickeln. Da kam
der mongolische Einfall, zerstörend und unterbrechend. Ohne ihn
mußte Rußland, wo nicht in den lateinisch-kirchlichen Kreis, doch in
die europäische Gesammtbildung gezogen werden. In Ungarn und Polen
gestaltete das Mittelalter sein eigenthümlich Leben: #in Rußland
wurde es übersprungen#. Iwan konnte wenig mehr, als aus der tiefsten
Barbarei sein Volk erretten; auf ihn folgte Nacht. Endlich wurde Peter
gesandt. Er trieb mit eisernem Willen Rußland in das modern-europäische
Wesen hinein: sein Land zur Großmacht zu erheben, war er, wie später
Friedrich, berufen; aber während dieser auf tiefe innere Grundlagen
baute, eignete Peter die neuesten Resultate des europäischen Verstandes
einer Nation ohne Bildung und Geschichte an. In demselben Lande, wo
der große Czaar die Thronfolge nicht nach dem Erbrecht, sondern nach
der geistigen Befähigung ordnete, wo er die Kirche aufs unmittelbarste
dem Staat unterwarf (zwei modern-philosophische Neuerungen), besitzt
noch heutzutage der Kaiser 21 Millionen Leibeigene. Dieß schreiende
Mißverhältniß zwischen den Maximen der Regierung und dem inneren Kern
des Volkes, zwischen Haupt und Gliedern ist es, was nach allen Seiten
hin den russischen Staat charakterisirt.
Es ist genug, den hier in Kürze bezeichneten Entwicklungsgang der
russischen Geschichte sich scharf vors Auge zu führen, um zu sehen:
daß Rußland, wenn es sich selbst wahrhaftig und innerlich bilden will,
wieder zurückgehen muß auf die früheren Zeiten, und von neuem beginnen,
daß die Scheingröße der Wahrheit weichen, daß das heutige Rußland in
Trümmer stürzen muß, damit aus dem Staub sich ein neues erhebe[17].
Es ist nicht nur Widerwille gegen die Despotie, Haß gegen absolutes
Regiment, was uns die Weissagung des Unterganges entlockt. Die
Despotie war nothwendig in Rußland; sie am leichtesten, wenn sie
im Sinne des Volks und für das Volk handelte, konnte Rußland
erziehen. Statt dessen hat sie in #ihrem# Sinne, zu #ihrem# Besten
mit den Massen gewirthschaftet. Religion, Industrie, Bildung, alle
Kulturanstalten sind ihr nur die Hebel der Macht. Sie hat Rußland aus
sich herausgetrieben, hat es umgemodelt von außen, hat geerndtet, wo
sie säen sollte: und darum trifft sie der Fluch. Rußland muß in sich
zurückgehen, um von unten herauf im Kerne des Volks eine Entwicklung
zu beginnen, die es langsam aber sicher der europäischen Kulturstufe
zuführen kann.
Wie nun die russische Macht, trotz aller innern Schwäche, so groß
geworden ist in Europa? Man denke sich eine Regierung mit allen
Hülfsmitteln der Gewalt, mit allen Waffen des Geistes, die dem übrigen
Europa zu Gebot stehn, und ihr gegenüber zahllose Tausende, so gefügig
dem Willen des Herrschers, so bildsam für alle und jede Werke, so
formbar wie Thon in des Töpfers Hand -- und das Geheimniß ist gefunden.
Militärstaaten sind es ja, die die neuere Zeit in der östlichen Hälfte
Europas aufgerichtet hat, und Rußland ist der größte unter ihnen.
Und jene Masse, bei all ihrem Geschick, hat keinen Funken selbsteignen
Strebens; während andere Militärmonarchien, mit oder ohne Willen, dem
Zuge folgen, der von den Völkern ausgeht, während sie von der Freiheit
bewegt werden, wonach in tausend Arten die Menschheit ringt, steht die
russische Nation in fremdartiger Barbarei der Bewegung verschlossen.
Es gibt aber nur Eine Macht, welche die noch knechtischen Gemüther
erheben kann, die Macht der Kirche, wenn sie, erhaben über weltlicher
Gewalt und unantastbar, Könige und Bettler vor Einen Richterstuhl
stellt. So hat in Wahrheit die katholische Kirche die Völker des
Abendlandes in der Freiheit erhalten: die Kirche war Palladium gegen
rohe Gewalt, weltliche Hoheit diente, wie die niedrigste Armuth,
nur Einem überirdischen Willen. Davon ist Nichts im griechischen
Christenthum; die Kirche ist das blinde Werkzeug des Herrschers, der
Kaiser der Gott der Erde, und so vermag weder Geist noch Gemüth aus
der Nacht der doppelten Sklaverei zu erstehen. Dazu die knechtische
Natur der Slaven, der tiefe Aberglaube, worin die griechische Religion,
durch keine Reinigung verjüngt, sich selbst überlassen, versunken ist,
ihm gegenüber die hohle französische Aufklärung der höheren Stände
-- welch eine Nation, ohne Einheit, Leben und Inhalt! Welchem Zuge
soll nun die russische Regierung folgen? Vom Volke wird ihr keiner
mitgetheilt, als der Zug der Barbarei, der bewußtlose Trieb der
Gewalt, derselbige, der Hunnen, Mongolen und andere gestachelt hat,
auszugehen, Reiche zu stürzen und aufzurichten nach Willkühr. Dieser
Trieb ist es ja, der ihrer Natur nach die russische Regierung beseelen
muß: weil in der Knechtschaft das Geheimniß der Macht ruht, weil die
Theilnahme an höherer Entwicklung versagt ist, was Anders bleibt ihr,
selbst bei edlerem Willen, übrig, als nach gesteigertem Wachsthum in
Europa und Asien fort und fort und zügellos zu streben? Unbedingte
Machterweiterung, das ist das Princip der russischen Politik; hiefür
wirkt sie mit eherner Ausdauer, mit einer Kunst und Energie, worin
ihr keine Regierung Europas gleichkommt. Moralische oder geistige
Rücksichten können #sie# nicht binden: darin, daß sie kein Mittel zu
scheuen, vor keiner Unthat zu zittern hat, darin ruht ihre Stärke[18].
Nicht nur sich gleichermaßen auszubreiten, auch nur ihre Ausbreitung zu
hindern, sind andere Mächte zu schwach.
Fraget nicht, wer die Theilung von Polen verschuldet hat. Sie mag
in Josephs oder in Friedrichs, in Kaunitzs oder in Heinrichs Kopf
entsprungen sein -- Rußland hat sie verschuldet. Die Gewißheit, daß
Rußland früher oder später leichten Sinnes das ganze Polen zerstören
werde, diese Gewißheit hat Polen getheilt.
Das Princip der Gewalt, unerträglich auch dann, wenn ein großes,
mannhaftes Volk, wie das römische, es handhabt, ist fluchwürdig im
neuern Europa, welches in allen Stücken nach Begründung und Organismus
strebt, in dem jede Macht gehalten ist, sich selbst zu erkennen, und
die Gränzen, die ihr Gott gesetzt hat.
So will es die Nemesis der Geschichte. Vor tausend Jahren begann in
fanatischem Bekehrungseifer die Unterwerfung der slavischen Völker;
Jahrhunderte durch war der Nordosten Deutschlands von slavischem
Blute voll. Dieses Blut hat um Rache geschrieen: und jetzt gehen zwei
deutsche Mächte, die eine mit, die andere wider Willen, an russischer
Hand; Deutschland empfindet russische Einflüsse, und kindische Gemüther
ängsten sich unter der Furcht vor dem russischen Joch. Wahr ist es:
die größte Macht der Erde hat Rußland in Händen: über Deutschland,
Skandinavien, die Türkei, Persien und Ostasien erstreckt sich lastend
sein Arm; England allein mag ihn dämmen. Wir fürchten sie nicht, diese
Herrschaft. Wenn Deutschland sich selbst versteht, hat es keine Macht
der Welt zu fürchten: Ein Jahr, vom Geiste der wahren deutschen Politik
beseelt, #Ein Jahr#, mit verändertem System der deutschen Mächte, würde
hinreichen, Rußland auf immer zu demüthigen. Das weiß Rußland, und
strebt einen geistigen Weg sich zu bahnen in Deutschland, den es im
Herzen des Volks nun und nimmermehr finden wird.