Indem wir zur zweiten Völkergruppe übergehen, bietet sich zuerst ein

Volk dar, dessen fremdartige Erscheinung im europäischen Organismus

erklärt sein will. Was die Araber für die Westromanen (in Spanien),

was die Mongolen für die Slaven in Rußland gewesen, das waren und sind

die Türken für die griechisch-slavische Halbinsel. Halb kaukasischer,

halb mongolischer Art (das Land ihres Ursprungs faßt beide Raçen in

sich), von arabischer Bildung erzogen, stehen die Türken zwischen

Mongolen und Arabern eben so in der Mitte, wie zwischen Romanen und

Slaven die griechisch-slavischen Nationen. Als künftiger Beherrscher

von Asien mußte Europa am südwestlichen, südöstlichen und östlichen

Ende asiatischen Einflüssen eine Zeitlang unterliegen. Die Araber in

Spanien, durch die Blüthe orientalischer Kultur und Sitte, wirkten

belebend auf Europa zurück; die Türken sollten durch verwildernde

Barbarei in den entseelten Völkern des byzantinischen Reiches die Kraft

des Widerstandes reizen. Seit dem Aufstand der Griechen ist ihre Rolle

ausgespielt. Der Verfall, der sich vor unsern Augen entwickelt, bietet

zweierlei Aussicht.

Gelingt die Reform, wie sie Mahmud gewollt und seine Zöglinge noch

wollen, so verlieren sich die Osmanen unter der Ueberzahl der von

nun an gleichberechtigten Rajahs; ja es unterliegt das muhamedanische

Princip, obgleich ihm Viele der Unterjochten zugehören, der höheren

Lebenskraft des christlichen, wie es im kräftigsten Theile der

Rajahs hervortritt. Denn ehe überhaupt an wahrhaftige Reform zu

denken ist, muß die alttürkische, orthodoxe Partei beseitigt werden;

nach ihrem Untergange, wo sollte die Kraft vorhanden sein, dem

europäisch-christlichen Andrang zu widerstehen? Gewiß nicht in der

aufgeklärteren, modernisirten Klasse der Nation. Man sieht, die

beliebte Theorie der Integrität und Regeneration des türkischen Reiches

beruht auf einer künstlichen Täuschung. Wollte man gläubig genug

sein, zu hoffen, daß die Reform von einem langen Frieden begünstigt,

daß nicht im nächsten europäischen Kriege das ganze morsche Gebäude

verschüttet wird, was wäre das Ende der Reform? Ein anderes Geschlecht,

andere Sitten, ein anderer Staat würde auf den Trümmern erwachsen sein;

dem Untergange der Türkei wäre wie durch ein Wunder nur allein das alte

Haus Osmans entronnen. -- Die Geschichte aber zeigt und die menschliche

Natur bestätigt es, daß niemals ein barbarisches Volk freiwillig den

Vorurtheilen der Denkart oder den Vorrechten der Raçe zu entsagen

vermag, worauf seine Herrschaft, sein Dasein, sein Ruhm sich gegründet

hat. Wohl können einzelne Erleuchtete, wie Mahmud und Reschid, die

angebornen Fesseln sprengen; ein #Volk#, das sich selbst verläugnen

sollte, ist ein Unding.

Also wird, unter den vereinigten Angriffen der eigenen Unterthanen

und der Mächte Europas, der Erbfeind der Christenheit erliegen. Aber

die Zeiten sind vorbei, da man im Gefühl des Greuels und in der Hitze

des Glaubens muhamedanische Völker mit Feuer und Schwert verfolgte.

Seit die Mauren aus Granada verjagt worden, ist Europa menschlicher

geworden. Die Türken, wenn nicht vielleicht die Gunst des Schicksals

eine neue Heimath für sie öffnet, werden bleiben. Ihre Altersschwäche

und der gebeugte Stolz werden die Vermischung erleichtern. Trotz aller

Barbarei sind sie von edler Anlage, insonderheit mit Eigenschaften des

Charakters begabt, woran die verdorbene Natur der andern Nationen sich

erbauen kann.

Alles, was hier gesagt ist, gilt nur der Einen Hälfte des türkischen

Reiches, den Ländern von der Donau bis zum Taurus. Dieß ist der

kaukasische Theil; der andere, den ich den vorwiegend semitischen

nennen möchte, ist in Wahrheit schon losgerissen. Mehmed Ali, indem er

Aegypten, Syrien beherrschte, Mesopotamien und Arabien zu beherrschen

strebte, folgte demselben Instinkt, der frühere Eroberer geleitet

hatte. Er ist der Vorläufer einer europäischen Herrschaft; der Sieg,

den die Türken mit östreichischer und englischer Hülfe erfochten

haben, war nöthig, um den Europäern auf schickliche Weise den Weg

zu bahnen. Palästina, als das heilige Land, als die Stätte, die der

europäischen Christenheit gehört, wird von den Germanen (ihren ersten

Vertretern) okkupirt werden; nächst ihm, zum Schutze der christlichen

Völkerschaften, der übrige Theil von Syrien; endlich, weil Euphrat

und Tigris die ostindische Straße bilden, das alte Mesopotamien. Das

Uebrige fällt den Romanen anheim; Arabien allein hat eine Zukunft.

Der Norden des türkischen Reiches ist auf immer vom Süden getrennt;

Syrien auf der einen, die unbesieglichen Kurden auf der andern Seite

versperren den Weg. Die Völker selbst, in Syrien und Kurdistan,

emancipiren sich vom türkischen Joch; es ist Alles bereit: mehr

Verstand, mehr Schwung in der schwankenden Politik der Mächte, und

die Revolution des Orients ist vollendet. Schon kann ein kühnes Auge

die Zeit ersehen, wo, inmitten der asiatischen Küste, germanische,

vielleicht deutsche Hoheit, Palästina beherrscht[15].

Die Stärke des heutigen europäischen Gemeinwesens leuchtet daraus vor

Allem hervor, daß die fremdartigste Natur wider Willen und Neigung zur

Assimilation getrieben wird, daß sie sich eben dadurch mit eigner Hand

vernichten muß. Das ist das Tragische in der qualvollen Agonie des

türkischen Staats. Da heißt Mitleid ein baldiges Ende wünschen. Wenn

nun der letzte heterogene Bestandtheil aus dem europäischen Organismus

ausgeschieden sein wird, dann erst hat Europa sein Wachsthum erreicht;

der Körper ist vollendet nach allen Theilen, die Glieder gänzlich

ausgeprägt, das Ganze gesund und voll. Bald muß auch die innere Seele

zu der Harmonie gelangen, die dem Leibe geworden. Wir sahen mehr als

einmal und sehen es hier wieder, wie jugendlich das scheinbar so

gealterte Geschlecht ist, das Europa bewohnt. Seine Entwicklung mißt

sich nach andern Abschnitten, als die griechische oder römische; und

heftige Kämpfe, tiefe Leiden geben ihm den Anstrich des Alters, wie er

in den durchfurchten Zügen eines Jünglings liegt, der viel gelebt und

viel gerungen hat. Jetzt erst kommt die Manneszeit; der Mann aber will

sich vollenden im Bewußtsein und in der That. Das verkündigt laut und

immer lauter der sinkende Halbmond.

Kapitel VI.

Ostromanien.

In den Zeiten der Völkerwanderung war das römische Weltreich in zwei

Theile gespalten, in den #westlichen# und #östlichen#; eine organische

Trennung, weil die zwei Grundcharaktere des Alterthums, der römische

und der griechische, sich darin ausprägten. Die Barbaren, welche die

Vorsehung zum Umsturze der alten Welt berief, waren in zwei Raçen

geschieden: die germanische und slavische. Durch Natur und Lage wurden

die Germanen gegen das westliche, die Slaven gegen das östliche

Kaiserthum getrieben. Die Vermischung der Eroberer mit den Unterjochten

erzeugte dort die westromanische, hier die ostromanische Völkergruppe.

In diesem Sinne belegt die Ueberschrift alle Länder von der Moldau bis

Morea mit dem gemeinsamen Namen »Ostromanien«.

Diese Nationen sind es, denen die Erbschaft des türkischen Reiches,

von der Donau bis zum Taurus, bestimmt ist. Von all den Mächten, die

mit eifersüchtiger Angst das osmanische Siechthum pflegen, um später

der Früchte froh zu werden, wird keine, oder nur auf kurze Zeit, ihr

Gelüste befriedigen. Alle Combination zerstiebt, wo die Natur ihre

Rechte fordert; wo sie, wie hier, nach langem Druck sich fühlt, muß

auch der Ehrgeiz ihr in die Hand arbeiten.

Die Ostromanen stehen in Wachsthum und Vollendung hinter den

Westromanen so weit zurück, als die Slaven überhaupt hinter den

Germanen. Dazu die Schwäche des byzantinischen Reiches, dem jene Kraft

der Erziehung fehlte, die das weströmische noch am Rande des Todes

bethätigte; nach diesem Jahrhunderte des türkischen Drucks: und man

begreift, warum hier Alles erst in der Entstehung begriffen, warum die

Gränzlinie der einzelnen Nationen kaum noch zu ziehen ist, wie eine

vierte Gruppe Europas erst jetzt sich zu bilden beginnt.

Dennoch ist, wie mir scheint, jene sonst überall sichtbare Dreiheit der

Stämme auch hier schon erkennbar. Gemäß den drei Bestandtheilen der

Mischung, tritt das slavische Element in den #Serben#, das römische

in den #Wallachen#, das griechische in den #Neugriechen# hervor. Den

Ersteren wird Bosnien (nebst einem Theile Albaniens), den Zweiten

Bulgarien, den Dritten Macedonien und Rumelien zufallen. Sie alle

haben bereits eine Art von Selbstständigkeit. Den Neugriechen, als den

Urhebern der Emancipation, besonders aber als einem seefahrenden Volke,

ist die erste Rolle beschieden. Griechenland, das junge Königreich,

wenn es erst zu wahrer politischer Einheit gebracht ist, hat alle

Mittel in Händen, um eine große Macht zu werden in kurzer Zeit. Sein

Handel, seine Stellung im Mittelmeer, seine günstige Lage mitten im

Schauplatz der orientalischen Fragen können es dazu erheben. Es gibt

nur Eine Vorbedingung, ohne welche von alledem Nichts erreicht werden

kann: das ist der Umsturz des türkischen Reiches. Eine halbbarbarische,

an Ungebundenheit gewöhnte, durch Druck verwilderte Nation, wie

die neugriechische, kann geeinigt werden nur durch eine gemeinsame

Unternehmung, die dem Nationalgeist entspricht. Ein Zug wider den

Islam, nach Macedonien oder Rumelien, wäre für die Neugriechen, was

den alten der trojanische Krieg war. Die weitere Zukunft muß die

jonischen Inseln, die des ägäischen Meeres, muß Kandia, Cypern und

Rhodus den Griechen geben; denn ein Griechenland ohne Griechen ist

kein Griechenland. Dann erst, wenn die zerstreuten Brüder vereinigt

sind, wird von Europa aus eine Wanderung ergehen über den Hellespont

und über's ägäische Meer, wie vor alten Zeiten: Kleinasien wird

kolonisirt, bevölkert, von Griechen, von Ostromanen, von Europäern

aller Art europäisirt werden. Der große Völkerstrom von Westen nach

Osten, so lange gedämmt durch die türkische Invasion, wird auf's Neue

überfluthen, und muß es; denn Europa allein kann Leben schaffen, wo

jetzt der Tod regiert.

Griechenland hat nur zwei Verbündete: Frankreich, im Interesse

gemeinsamer Verbindung gegen die englische Herrschaft im Mittelmeer,

und Deutschland an und für sich. Es ist nicht Zufall, daß das

griechische Königreich von einem Baiern beherrscht, daß seine

Civilisation von Baiern geleitet wird; nicht Zufall, daß Oestreichs

Gränzlinie sich längs der ostromanischen Völker hinstreckt. Ich bin

weit entfernt, die Wirkungen, die deutscher Einfluß in Griechenland

hervorgebracht, zum Ruhme deutscher Nation zu erwähnen (das verwehrt

die Lauheit der griechischen Sympathieen auch abgesehen von den

Thatsachen) oder den Oestreichern einen Einfluß zuzuschreiben, den

sie zur Zeit weder in Serbien, noch in der Moldau oder der Wallachei

besitzen. Aber die Keime sind da, die Grundlagen gelegt, und eine

deutsche Politik kann Großes daraus entwickeln.

Klar ist nämlich: die sämmtlichen Völker der griechisch-slavischen

Halbinsel bedürfen, weil erst werdend und gährend, weil in der

Entstehung begriffen, einer oberleitenden Erziehung. Diese zu geben,

fühlt sich Rußland berufen. Dasselbe slavische Blut, dieselbe

griechische Religion, das sind die Bande, womit es den größten Theil

der Ostromanen an sich zu ketten hofft. Die Anziehung ist tief

genug; und im gegenwärtigen Augenblick herrscht Rußland wahrhaftig

in der Moldau und Wallachei, es leitet Serbien, bestimmt theilweise

Griechenland und umgarnt die Reste der Türkei. Doch, wie blendend auch

diese Erfolge seien, es liegt Etwas in dem Wesen der südlichen Slaven,

das die Hoffnung der nördlichen zu nichte macht.

Die ostromanischen Nationen müssen, vermöge des angeborenen Dranges

ihrer Natur, zu den slavischen in dasselbe Verhältniß treten, das

zwischen Germanen und Westromanen herrscht. Wir sehen durch alle

Geschichte hindurch die beiden letzteren voll Eifersucht, voll

Wetteifers, in beständigem Gegensatz jedwedes seine Eigenthümlichkeit

zu wahren, wenn gleich die Anziehung, die zwischen beiden waltet,

einen unterbrochenen geistigen Austausch hervorbringt. Ebenso

werden die Ostromanen, wiewohl im innigsten Verkehr mit den Slaven,

#doch diesen gegenüber ihren besondern Charakter auf's Schärfste

entwickeln#. Der Instinkt der Selbsterhaltung, bisher gegen die Türken,

als die herrschende Raçe, gerichtet, wird nach ihrem Falle gegen

die Nordslaven sich kehren, weil gerade sie die einzigen sind, von

denen die Gefahr des Verschwimmens droht. An diesem Triebe wird der

russische Fortschritt den Damm finden, den die Politik bisher vergebens

gesucht hat; das Schreckbild einer russischen Herrschaft im Süden, so

trügerisch in unsern Tagen, erblaßt in dem wahren Bilde, wie es in den

erwachenden Griechen und Serben die Zukunft uns zeigt. Ich muß es hier

den Kleingläubigen, die auf den Schein der Dinge, nicht auf den Kern

sehen, wieder sagen: die urkräftig wirkende Natur wird alle Künste

der Politik zu Schanden machen. Die russische Protektion, so begierig

ergriffen als Schutzwehr gegen den gemeinsamen Erbfeind, sinkt in sich

selbst zusammen, sobald verjüngte Völker auf den Ruinen stehen. Wenn

heute Konstantinopel von den Russen erobert würde -- unsere Anschauung

wäre damit nicht umgestoßen. Unter den Fußtritten türkischer Barbarei

ist die neue Saat erblüht; russische Waffen vermögen sie nicht zu

ersticken. Wohl sind die Ostromanen slavischer Natur, und Viele von

ihnen griechischer Religion; aber alle Gränzen zu überspringen, die

zwischen verschiedenen Stämmen Einer Gattung Gott gezogen, alle Hügel

zu ebnen, die er gesetzt hat, die ganze östliche Hälfte Europas in

einen slavisch-orthodoxen Sumpf umzuwandeln, das ist ein anderes Ding,

dahin reicht keine russische Kraft.

Es gibt eine andere Großmacht, welcher die vormundschaftliche Leitung

gebührt, wenigstens im Norden der Halbinsel; denn Griechenland möchte

sich selber leiten. Ich meine Oestreich, zunächst als Beherrscher von

Ungarn, sodann als erste deutsche Macht. Ungarn, mit seinem Zubehör,

enthält so viel wallachische und südlich-slavische Bestandtheile, daß

eine Rückwirkung auf diese Gegenden von selbst daraus hervorfließt.

Davon noch Einiges, wenn von Ungarn selbst die Rede sein wird. Was den

deutschen Einfluß betrifft, das heißt inwiefern nach seinem deutschen

Charakter hier Oestreich zu handeln befähigt sei, warum überhaupt auf

deutsche Spuren (wie oben in Bezug auf Griechenland) Gewicht gelegt

werde, darüber seien noch einige Worte gesagt. Sie werden bloß denen

verständlich erscheinen, welche mit uns der Meinung sind, daß die

Geschichte nach einer bestimmten, umfassenden Organisation Europas,

und durch Europa der Erde strebt, daß alle Politik nach dem Trieb der

Geschichte sich mit oder ohne Willen regelt, daß es Ideen gibt, die

außerhalb der diplomatischen Berechnung liegen, ohne doch trügerische

Gebilde zu sein. Und nur für Solche soll das Folgende gesprochen sein.

Ostromanien ist das Land, wodurch Europa an den Orient gränzt. Je

inniger die Bande werden, die uns an das alte Asien ketten, je

lebhafter die Bewegung, welche die Völker des Westens nach Osten

treibt, desto allgemeiner wird die Bedeutung werden, die die Halbinsel

des Hämus für ganz Europa gewinnt. Sie ist der große Sammelplatz, das

ungeheure Emporium der Europäer; alle Zungen, alle Nationen werden hier

sich begegnen. Was sie für Europa, das ist Anatolien für den Orient:

Land des Uebergangs, in dem Vorderasiaten aller Art, Kaukasier und

Semiten, Armenier und Perser, Syrer und Aegyptier, vielleicht auch

Hinterasiaten zusammenströmen. Der Weltverkehr, der auf diese Weise

sich bildet, vernichtet nicht die eigenthümliche Entwicklung der

Ostromanen; im Gegentheil, die Griechen sind nach ihrer ganzen Anlage

und durch merkantilisches Talent besonders geeignet, ihn zu vermitteln

und durch ihre Hände zu leiten, ohne doch in dem Völkergewühl zu

verschwimmen. Die griechisch-slavische Halbinsel, mit Einem Wort,

ist die Brücke von Europa nach dem Orient, Kleinasien die Brücke vom

Orient nach Europa. Man denke sich nun die europäische Republik als

Königin des Erdballs (wenigstens der östlichen Halbkugel) und ihr

gegenüber die beherrschten Länder, so ist offenbar: Ostromanien, mit

Anatolien, bildet den Herrschersitz Europas, das große Areal, von dem

aus Asien und Afrika regiert wird; Konstantinopel, die alte Weltstadt,

ist die Residenz der monarchischen Gewalt, welche von Europa geübt

wird. So erhellt nun weiter: dasselbige Volk, das innerhalb Europas zu

organischer Oberleitung berufen ist, wenn es überhaupt ein solches

gibt, muß sie auch hier, im Mittelpunkt europäischer Herrschaft,

erhalten. Es gibt aber nur Eine Stelle, deren Okkupation das Alles

verbürgt, weil ihr Besitz, ohne doch die Rechte der eingebornen Völker

zu schmälern, die sicherste Basis für europäische Macht und Ordnung

gewährt. Diese ist Byzanz, in unsern Tagen das Grab der Osmannen, einst

die große Freistadt der Europäer und Sitz der germanischen Hegemonie.

Von hier aus kann Asien geordnet, kann Europa im Gleichgewicht

erhalten, können die griechisch-slavischen Dinge geleitet werden. Wer

Konstantinopel besitzt, ist Schiedsrichter der Welt; und wiederum

wehe uns, wenn eine Macht es besäße, welcher, wie der russischen, um

Schiedsrichter zu sein, aller höhere Beruf mangelt! Im Alterthum,

zur Zeit des römischen Reiches, waren Rom und Byzanz die Pole des

Erdkreises. Das wird sich im wunderbaren Kreislauf der Geschichte

erneuern; Byzanz als der staatlich europäischen, Rom als der kirchlich

europäischen Gesellschaft höchster Typus. Im Hintergrund aber, wie es

einst beide mit dem Tode bedroht, wird bestimmend für beide Deutschland

stehn.

Von Allem, was die neue Zeit anstrebt, hat das Mittelalter große und

wunderbare Ahnungen aufgestellt. In seiner blühendsten Epoche, als

Innocenz III. regierte, wurde in Byzanz das lateinische Kaiserthum

errichtet. Aber wie die Kreuzzüge überhaupt, so scheiterte auch diese

Intention an der haltlosen Willkühr, womit die Kreuzfahrer, gesondert

vom übrigen Europa, ihre Bahn verfolgten, an dem unersetzlichen Mangel

eines tieferen Zusammenhangs mit dem heimathlichen Organismus, mit dem

deutsch-römischen Kaiserthum, das ihn überwachte und auch nach außen

überwachen sollte. Unser Jahrhundert vollende, was das Mittelalter

gewollt. Nur ein organisirtes, einiges, geschlossenes Europa kann die

Aufgabe erfüllen, die Gott ihm zugewiesen hat: die erstorbenen Völker

in Asien und Afrika zu beleben, die heranwachsenden in Ostromanien zu

erziehen.

Kapitel VII.

Die slavischen Völker. Ungarn.

Wir haben bisher die gemischten Bevölkerungen Europas durchwandert,

wir sahen in Westromanien erschöpfte, in Ostromanien kaum geborene

Nationen, jene nach geistiger, diese nach materieller Kraft und Stütze

verlangend. Jetzt sind wir unter den Urstämmen des östlichen Europas,

und finden eine wundersame Mischung von Jugend und Alter, von Leben

und Tod, von Uebermacht und Ohnmacht, von Civilisation und Barbarei;

dazu ein Verhältniß zum germanischen Stamm, welches die seltsamsten

Kontraste von Abhängigkeit und Freiheit, von Anschmiegung und

Opposition, von Verschwimmen und Usurpation zeigt.

Die Slaven bilden, wie wir im ersten Kapitel gesehen, das ostasiatische

Princip innerhalb Europas. Als die Germanen in der Völkerwanderung

über den Westen und Süden sich ergossen, rückten sie vom Osten her in

Deutschland nach. Die neue Ordnung der Dinge, wie sie im karolingischen

und im deutschen Reich sich entwickelte, eröffnete sonach einen Kampf

des germanisch-europäischen gegen das slavisch-asiatische Princip, der

das ganze Mittelalter hindurch gewährt hat, und in mittelbarer Weise

noch in unsern Tagen geführt wird. Die östreichische Macht ist aus dem

Sturze Ottokars von Böhmen, die preußische aus der Unterjochung der

Slaven in Brandenburg und in Preußen hervorgegangen. Die Polen und

Ungarn sind von Deutschland aus christianisirt worden, sie haben von

daher zum Theil ihre Einrichtungen und Gesetze erhalten; es war eine

Zeit, da sie deutsche Reichsoberhoheit anerkannten. Schweden haben über

Finnland, Esthland und Liefland geherrscht; endlich seit Peter war es

deutsche und romanische Kultur, waren es deutsche Regenten, die den

russischen Staat emporbildeten. Alle Slaven sind durch Westeuropäer,

und vorwiegend durch deutsche erzogen worden. Europa würde nicht Europa

sein, wäre dieses nicht geschehen. Fragt man aber, warum die Wenden,

die Obotriten, die Czechen, warum Schlesien, Pommern, Preußen, Kurland,

Liefland und Esthland germanisirt worden, warum dagegen Polen, Ungarn

und Rußland, die beiden ersten besonders trotz häufiger Gefahren, dem

germanischen Andrange zu widerstehen vermochten, so gibt es keine

Antwort als die eine, daß nach unumstößlichen innern Gesetzen eben

nur in jene drei Völker der nationale Urtrieb gelegt worden, daß nur

sie bestimmt sind, den östlichen Typus in seiner Selbstständigkeit

zu bewahren. Dieselbigen Gesetze sind es, nach welchem Italien,

trotz aller Usurpation der Deutschen, trotz aller noch dauernden

Abhängigkeit romanisch geblieben ist und bleiben wird, nach welchen

das burgundische Reich, so lange beherrscht von den deutschen Kaisern,

an Frankreich zurückfallen mußte. Vielleicht darf man annehmen, daß

in der Urzeit germanischer und slavischer Geschichte die Gränzlinie

beider Stämme ohngefähr dieselbige gewesen, wie die heutige durch

tausendjährigen Kampf errungene; und es erschiene dann der blutige

Krieg der germanischen Welt gegen die slavische nur als Wiedernahme

des alten, in der Völkerwanderung eingebüßten Landes. Wie dem auch

sei, die Geschichte hat im Verlauf von Jahrhunderten entschieden:

sie selbst berechtigt uns, die Länder, die sie germanisirt hat, als

Glieder des germanischen Organismus in Anspruch zu nehmen. Und so

thöricht es wäre, Ungarn oder Polen für Deutschland vindiciren oder

alle französischen Provinzen wieder erobern zu wollen, die einst

zum deutschen Reiche gehört haben: so naturgemäß und nothwendig ist

es andrerseits, Schlesien und Pommern, Böhmen und Mähren, Preußen

und die Ostseeprovinzen als #deutsche# Länder zu betrachten, die

beiden letzteren aber für die Zukunft dem Bunde zu vindiciren, dem

sie noch nicht eingefügt sind. Es ist damit nicht gesagt, daß die

Eigenthümlichkeit, die jenen Völkern zum Theil noch inwohnt, die den

Böhmen z. B. als Czechen immer bleiben wird, vernichtet, oder daß

slavische Sprache, wo sie noch ist, und die Reste des slavischen Typus

verfolgt werden sollen. Man mag unterscheiden zwischen deutschen und

slavisch-deutschen Stämmen (gibt es doch auch romanisch-deutsche im

südlichen Tyrol und jenseit des Rheins): nur vom slavischen Organismus

sind sie getrennt und von dem allein ist hier die Rede.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 8 / 19 段