Dann erst, wenn wir das Verständniß unserer Natur, ein ungeahntes

Verständniß, den Franzosen eröffnet haben, dann erst und früher nicht,

wird die wahre Stellung zu Deutschland sich entwickeln, die einzige,

die den Franzosen selbst, wie dem europäischen Organismus frommt. Diese

soll eine friedliche, freundliche sein, als der ersten romanischen zur

ersten germanischen Nation, getragen von dem natürlichen Verkehr, der

die zwei wichtigsten Kulturvölker Europas verbindet, von der Ehrfurcht,

die dem romanischen Geiste gegen den germanischen, von der Achtung die

diesem gegen jenen geziemt. Die Franzosen sind die besten Soldaten

Europas, wir größere Männer. Sie sind geschickter in diplomatischen

Künsten, wir in der großen Politik, in aller tiefern Staatskunst ihnen

überlegen. Sie schreiben klar und verständlich, wo wir oft dunkel und

unschön, aber unwissend und oberflächlich, wo wir gutunterrichtet und

gründlich. Sie raisonniren, wo wir denken; sie haben ein Ehrgefühl, das

allezeit entzündet wird, wir eine Begeisterung, die nur selten unser

Phlegma durchbricht, dann aber allen und jeden Widerstand überwindet.

Eifersüchtig auf ihre Institutionen, sind sie doch geneigter als irgend

ein Volk in Europa, despotisch beherrscht zu werden; gehorsamer als

alle übrigen, sind wir trotz dem am fähigsten, die wahre Freiheit (die

staatliche wenigstens, wenn auch nicht die persönliche, in welcher

die Engländer voranstehen) uns zu schaffen und sie zu genießen. Der

französische Gesichtskreis ist gebannt in französische Begriffe, der

unsrige umfaßt die ganze Erde; der eine drängt sich gewaltsam den

Fremden auf, der andere verliert in der Weite zuweilen sich selbst.

Der französische Charakter ist weiblich mit der Liebenswürdigkeit des

Weibes, der deutsche männlich mit aller Größe des Mannes, aber auch

mit den Fehlern, deren Benutzung dem andern Geschlechte zuweilen die

Oberhand gibt. All diese entgegengesetzten Eigenschaften, diese Reihe

von äußern Tugenden auf der einen, von innern Kräften auf der andern

Seite, sind vortrefflich gemacht, sich zu reiben und immer wieder zu

finden, im Interesse der Civilisation sich zu ergänzen.

Man ist gewöhnt, die Franzosen als das #handelnde#, die Deutschen als

das #denkende# Volk anzusehn. Das ist unsäglicher Irrthum. Französische

Gedanken haben in der neuern Zeit Europa ebenso umgewälzt, als

ehedem die guten deutschen Schwerter. Es gibt nur Ein entscheidendes

Merkmal, das im letzten Grunde die französische und deutsche Natur,

wie überhaupt #romanisches und germanisches Wesen# auseinanderhält.

Die #Intention# überwiegt bei den Franzosen, die #innere Kraft# bei

den Deutschen. Die Franzosen haben, in der Idee wie in der That,

ein großartiges Wollen gezeigt; aber Vollbringen, das fehlt ihnen.

Die wahre Weltanschauung, den wahren Staat, die organische Ordnung

von Europa -- das Alles haben sie #gewollt#, ohne es zu #können#.

Die Deutschen dagegen, mit einer Kraft der Natur, wie sie außer dem

römischen keinem Volk der Geschichte gegeben war, mit einem Geiste

begabt, der alle heutigen Nationen überragt und nur mit den alten

Hellenen wetteifert, ermangeln jenes lebhaften Stachels, jener

Intention, die nach Großem begehrt, auch ohne tiefere Rechtfertigung.

Deßhalb haben sie gewartet, unter Schmach und Elend, und warten

noch, bis die Zeit erfüllet sein wird, da ihre Natur die innere

Sättigung gefunden hat. Alsdann werden sie thun, was jene zu thun

gestrebt, und die gemessene Ruhe ihres Wollens wird, wenn sie die

Höhe erklommen, die Frankreich umsonst zu erklimmen versucht, Europen

der Bürge der Freiheit sein. Denn das Geheimniß sowohl als die Sünde

der Gewaltherrschaft liegt darin, daß Völker oder Einzelne das Maß

ihrer Sendung überschreiten, daß sie zu wollen sich vermessen, was sie

nicht vermögen. So hat auch in Napoleon, als dem höchsten romanischen

Herrscher, die Intention das innere Maß überwogen: Diktator war er mit

Recht und Fug der romanischen Staaten, und fiel, da er strebte, noch

mehr zu sein. Die Deutschen dagegen sind eher geneigt, ihre Würde zu

vergessen, als unbefugt sie auszudehnen. Germanisches Phlegma soll

durch die Lebhaftigkeit französischen Wollens gereizt, romanische

Elasticität von der deutschen Kraft daniedergehalten werden: das gibt

Friede, Freiheit und Einheit dem Welttheil.

Die pyrenäische Halbinsel.

In dem Maße, als der Katholicismus in #Spanien# tiefer gegründet,

als er durch Literatur und Philosophie weniger erschüttert, als der

Thron (sein Verbündeter) unantastbarer gegründet war, in demselben

Maße geschah die spanische Revolution langsamer, unregelmäßiger,

mit Rückfällen abwechselnd, bis auf unsere Tage fortwühlend. Das

spanische Volk war in so unerhörte Knechtschaft des Geistes und

Gemüths gekettet, daß der Anstoß von außen kommen mußte. Napoleons

Invasion war eine Wohlthat für dieß Land; freisinnige Institutionen,

Erlösung, Civilisation konnte er sich in Wahrheit rühmen, den Spaniern

zu bringen. Der erbitterte Kampf, den sie führten, ist nicht (wie der

deutsche) der Sieg eines erwachenden Volkes gegen Fremdherrschaft;

es waren Parteifehden, mit rasender Wuth befleckt; das Volk war

von den Priestern geleitet. Mittlerweile hatten die neuen Ideen in

den Gebildeten Macht gewonnen; diese Klasse, in Abwesenheit des

Hofes regierend, schuf die Konstitution von 1812. Seitdem haben

sich in ewigem Wechsel Liberalismus und Absolutismus verdrängt, bis

der Vertrag von Bergara in der Person des Prätendenten die alte

spanische Monarchie auf ewig vernichtete. Ihren Rückhalt hatte sie

an den baskischen Provinzen gefunden, deren mittelalterlich freier

Charakter der Centralisation widerstrebte, mit der der Liberalismus

(nach französischem Vorbild) ihre Freiheiten bedrohte, und heute noch

bedroht. Wie sollte ein Volk gedeihen, welches, durch Jahrhunderte

geknechtet, die neuen Ideen, selbst wenn sie in seiner Mitte

aufgetaucht wären, nur sehr allmählig sich aneignen konnte; wie

viel mehr, wenn es zwischen englischen und französischen Einflüssen

umhergeworfen, selbst sich nicht bewußt wurde! Eine Heldenkraft

Einzelner zeigt sich in den Jahren 12 und 20, welche Bewunderung

abdringt; selbst im Krieg der Christinos und Karlisten finden sich noch

erquickliche Züge: die ganze Hohlheit und Faulheit des Liberalismus

hat sich erst entfaltet, seit er gesiegt. Spanien ist wie verweset;

kein Talent, kein Charakter erhebt sich, die Helden von früherhin

(wie Arguelles, Calatrava) sind erbärmlich zusammengeschrumpft, die

neuen sind Halbmenschen an Geist und Gemüth: der Zustand läßt sich

mit den sinkenden Zeiten des Direktoriums in Frankreich vergleichen.

Nun fehlt der Nation aller Ausweg, alle Macht nach außen, und doch

ist's Thatkraft allein, wobei der Spanier gedeiht. Dasselbe Volk,

das in unaufhörlichen Kriegen zum Volke geworden, das kaum geworden,

achthundert Jahre gegen die Araber, später auf dem Gipfel der

europäischen und der Kolonialmacht, gegen die Ureinwohner Amerikas

lange Zeit gekämpft hat, ist jetzt auf die Philippinen beschränkt;

und da ihm jedes Feld verschlossen, so wüthet es (seiner Natur gemäß)

in den eigenen Eingeweiden. Eine Mischung von Indolenz und Feuer,

von Duldung und Freiheitssinn liegt in den Spaniern, welche sie der

äußersten Extreme fähig macht. Ebendeßhalb ist hier, wie in Frankreich,

vor der Hand nur die Eine Aufgabe gestellt: in oder außerhalb Europas,

sei es in Portugal oder in Afrika, den durstigen Nationalgeist zu

befriedigen, zu diesem Zweck die Seemacht herzustellen, durch eine

mächtige (wenn auch scheinbar unsinnige) That die wirren Geister auf

Ein Ziel zu lenken. Das Alles könnte in diesem Augenblick nur Einer;

aber diesem Einen fehlt der höhere Sinn. Espartero -- den meine

ich -- ist weder ein Cromwell noch ein Stück von Napoleon; er ist

der spanische Louis Philipp, mit viel weniger Geist und Feinheit;

nothwendig, wie der König der Franzosen, für die Mittelklasse, weil das

marklose Geschlecht Menschen braucht, die durch allerlei Künste einen

halben Zustand erhalten, so lange, bis eine höhere Macht neuen Odem den

Leichnamen einhaucht. Die Geschichte der Regentschaft in Spanien wird

sich, wie die des Bürgerkönigthums, einzig darum drehen, mit welchen

Parteien und gegen welche der Regent sich erhält, nicht darum, wie viel

oder was im Staat und für den Staat geschieht.

Spaniens trauriges Abbild ist Portugal. Als gegen das Ende der

arabischen Herrschaft die christlichen Nationen der Halbinsel zu

innerer Blüthe, durch die See zu äußerer Macht gelangten, war Portugals

blühende Zeit; Castilianer, Arragonesen, Portugisen waren damals

gleich verschieden, und sind es noch heute. Nur die tyrannische

Regierung der Philippe und die Erinnerung der einstigen Größe hat die

Portugisen entfremdet. Es ist aber kein Heil in der Trennung; nur dazu

war sie geeignet, englische Habsucht zu stillen, Portugal zur Kolonie

herabzuwürdigen, dadurch zwei Tendenzen in die Halbinsel einzuführen,

deren Zwist die innere Zerrüttung schürt. Portugal glaubte groß zu

werden, indem es vom Ganzen sich schied, und an Fremdes sich stützte.

Wir haben Aehnliches in Deutschland gesehen. Die Zukunft verlangt

organisches Leben; dieselbe Zeit, in der die Halbinsel aus der wüsten

Vergangenheit erstehen wird, #muß Portugal und Spanien einigen#;

so nämlich, wie auch Spanien nur geeinigt werden kann durch freie

Entwicklung des Provinzialgeistes.

Die Natur hat die Romanen diesseits und die jenseits der Pyrenäen

zum engsten Bündniß geschaffen. Nur so lange Habsburger in Spanien

regieren, so lange von #germanischen# Tendenzen das romanische Land

durchkreuzt wird, sehen wir sie zerrissen. Die ältern Bourbonen

knüpften sie wieder; und erst die heutige Politik, weil ohne alle

höhere Uebersicht, hat sie wieder zerrissen. Ohne der innern Bande oder

des Kulturverhältnisses zu gedenken, so sind beide Länder durch Lage

und Natur darauf hingewiesen, zu Lande und zur See zugleich ihre Macht

zu entfalten. Die Geschichte hat gezeigt, daß selbst Frankreich dieser

doppelten Aufgabe nur schwer genügen mag. Beide vereinigt, erfüllen

sie: französische und spanische Flotten, verbündet, sind fähig, die

englische Herrschaft im Mittelmeere zu durchbrechen, im Uebrigen ihr

das Gleichgewicht zu halten. Frankreich, Spanien, Portugal haben Ein

Interesse gegen England, Ein und dasselbe in Afrika.

Afrika, das Land der Vergangenheit, erwartet eine Zukunft. Seine

Küsten, von Habesch bis Algier, von Algier bis Guinea, sind romanischer

Boden; vom Süden herauf wirken germanische Kolonien. Umspannt in

fortlaufender Linie, muß es endlich sein Inneres erschließen. Der

alte Kampf gegen das muhamedanisch-arabische Princip hat hier sich

erneuert, und wird sich, weil es tief in ganz Afrika wurzelt, noch

öfter erneuern. Warum soll Aegypten, Mauretanien, Numidien nicht

werden, was sie ehedem waren: Pflanzstätten europäischer Kultur? Es ist

ein herrliches Werk, die verdorbenen, zerrütteten Stämme Nordafrikas

zu bändigen, Keime des Lebens in das altchristliche Abyssinien, und

allmählig unter die Neger zu streuen. Was noch Geist hat und Leben,

das soll nicht vertilgt werden; die Wüste ist der Araber Heimath, die

soll ihnen bleiben. Ich glaube indessen, daß die heutige Okkupation

der Franzosen in Afrika mit der Zeit den Spaniern und Portugiesen

anheimfallen wird. In Algier muß Neues gegründet und geschaffen

werden; in Aegypten sind europäische Saaten schon gepflanzt. Nach

Algier gehören die Eroberer von Mexiko; Aegypten ist vielleicht das

einzige Land der Welt, das die Franzosen kolonisiren können. Ludwig der

Heilige und Bonaparte waren am Nil. Der ägyptische Volksgeist, wenn

erst der türkische Einfluß erloschen ist, bietet keinen Widerstand.

Es gibt im Orient zwei große Straßen, in die sich Europa theilen muß:

die romanische geht durch den arabischen, die germanische durch den

persischen Meerbusen. Jene lehnt sich an Aegypten, diese an Syrien und

Mesopotamien. --

Unter den Staaten, die wir bisher betrachtet, übt Frankreich die

natürliche Hegemonie. Spanien kann sie nicht fordern, weder nach der

gegenwärtigen Lage, noch überhaupt nach Ansprüchen der Natur. Der

spanische Charakter ist männlicher als der französische und gediegener;

aber der romanische Typus, reiner ausgedrückt im französischen, gibt

diesem die Oberhand, während das gothische Element die Spanier zum

germanischen Princip (daher habsburgische Herrschaft und englischer

Einfluß) auseinander zieht. Auch größere Kolonialmacht, höherer

seemännischer Geist erhebt die Spanier nicht über die Franzosen: diese

sind nächst den Deutschen das europäischste Volk Europens, zu innerer

Wirkung bestimmt, und deßhalb gering in überseeischen Eroberungen.

Aeußere Schwäche ist hier gleich innerer Stärke.

Der Liberalismus wurzelt in Frankreich auf französisch nationalen

Principien; in Spanien war er Hülfsmittel der politischen Emancipation,

die Weltanschauung, die ihm zu Grunde liegt, widerspricht dem

spanischen Naturell, welches #religiös# ist durch und durch und abhold

dem modernen Verstande. Dieser Widerspruch hat in Spanien unendliche

Verwirrung und Wüstheit erzeugt, aber der Volkskern, weil weniger tief

berührt, ist eben dadurch gesunder geblieben, als in Frankreich. Eine

Lösung der großen Probleme verlangt der spanische Geist so dringlich,

so unmittelbar als der französische, nur in anderer Weise. Während der

letztere einer gerechtfertigten philosophischen Weltanschauung bedarf,

weil er an falscher sich verblutet, will der erstere Restauration des

religiösen Lebens, um unbekümmert vom Zweifel sich in dem zu ergehen,

was seine Lust ist. Das sind die zwei Wege, deren einen oder andern

jede höhere Volksnatur ergreift: ein neues Princip ersehnen die Einen,

doch ohne die Schrecken socialer Umkehr; die alte Religion die Andern,

aber ohne den alten Absolutismus, mit politischer Freiheit. #Neues

zu finden, durch das Gefundene Altes zu beleben, ist die Aufgabe der

europäischen Menschheit.#

Kapitel IV.

Italien.

Zwischen Frankreich, Deutschland und der griechisch-slavischen

Halbinsel gelegen, Mutter des römischen Geschlechts, gekettet an

das germanische Reich als den Erben der Cäsaren, endlich durch

eigenthümliche Beziehungen den Ostromanen verwandt, unterliegt

Italien einem besonderen, von dem der übrigen Völker verschiedenen

Gesichtspunkt. Zwar auch hier hat die Revolution und Napoleon, hat

der spanische französische Liberalismus große Umwälzungen verursacht;

aber der Ausgang war ein anderer: das absolute Princip und mit ihm

germanischer Einfluß hat gesiegt. Nach unzähligen Kriegen ist am Ende

des Kampfes die östreichische Macht zu derselben Höhe in Italien

emporgestiegen, wie im Mittelalter die kaiserliche. Woher dieser

unverwüstliche, in anderer Form immer wiederkehrende Zusammenhang?

Woher diese Verbindung zwischen zwei so entgegengesetzt gearteten

Völkern, als der deutsche und italienische es sind; eine Verbindung,

die auf den ersten Blick so unorganisch, so vorübergehend erscheint?

Die frühere Geschichte wenigstens, auch wenn sie tausend Jahre

hindurchgeht, kann die Fortdauer des Bandes nicht rechtfertigen.

Wo aus keltischer Grundlage durch ein richtiges Verhältniß römischer

und germanischer Mischung vollkommene Neugeburt entsprang, da bildete

sich der Typus, den wir den romanischen nennen. In Italien war die

Grundlage die römische; die Mischung theils weniger durchdringend,

theils nicht allgemein. Der Charakter Italiens ist nicht der

neuromanische; er ist antik-modern. Antik ist die Geschichte der

italienischen Republiken, antik die italienische Kunst und Bildung,

antik noch heute die Religion der Italiener, ihr sinnlicher Kultus,

ihre Vielgötterei (auch die Heiligen sind Götter), ihre Anschauung.

Nun, dieß Antike mußte zerstieben vor dem Hauch des germanischen

Lebens, wo nicht eine moderne Weltmacht, dem neuen Kaiserthum entgegen,

sich mit ihm verbrüderte. So that das Papstthum, auf dem beruht, was

in Politik und Wissenschaft, Poesie und Kunst Herrliches in Italien

geschah. Die Italiener, von Natur unfähig zu nationaler Einheit,

erhielten sie durch den gemeinsamen Kampf, wie durch den gemeinsamen

Schutz, den der Papst ihnen verlieh. Es war eine ideelle Einheit,

welche die statistische ersetzte. Mit dem Papstthum fiel auch Italien;

je mehr der Verstand die kirchliche und politische Bedeutung der

Hierarchie untergrub, desto schneller verfielen die alten Republiken.

Wie jene Opposition der beiden Weltmächte, in deren Gefolge Italien das

Land der Kultur, der Ideen geworden, verschwand, da verlor sich auch

der geistige Inhalt; das Volk ist unmündig und kraftlos, das Land ist

ausgestorben und ohne Gegenwart.

Die Carbonari wollten neues Leben schaffen; sie wollten Italien

einigen. Weil aber keine höhere Kraft vorhanden war, als die des

Liberalismus, so fielen sie. Darin hatten sie Recht, daß ohne nationale

und politische Einheit keine Zukunft gedenkbar ist für Italien.

Nur, worin sie finden? Das Papstthum, wie die Sachen stehen, wirkt

heutzutage zerstörend ein. Der Kirchenstaat, in der Mitte von Italien,

an beiden Küsten hingestreckt, den Norden vom Süden trennend, lähmt

alle Einigung und erstickt das Nationalgefühl, das unter kirchlichen

Regierungen ohnedieß kaum aufkeimt; ja er schadet sogar der päpstlichen

Macht, der er früher als Unterlage gedient. Die neue Ansicht hat in

Deutschland, wie überall, die geistlichen Staaten säkularisirt; sie hat

nicht gewagt, auch in Italien folgerecht zu sein. In Wahrheit aber, da

in unsern Tagen die Kirche nur in ideeller Weise wirken kann, da sie,

je gereinigter von irdischen Tendenzen, um so lebendiger wurde in den

Gemüthern, so scheint es, als ob sie, des letzten Restes weltlicher

Herrlichkeit entblößt, verklärter aus der abgestreiften Hülle

hervorgehen würde. Wie dem auch sei, der Kirchenstaat muß fallen, wenn

Italien irgendwie zu politischem Rang sich erheben soll. Anderseits,

Italien verliert die europäische Bedeutung, die es gewissermaßen jetzt

noch behauptet, wenn mit dem Kirchenstaat auch das Papstthum fällt. Wie

soll der erstere brechen, das letztere stehen?

Das Schicksal des Papstthums ist an das der katholischen Kirche

geknüpft. Diese kann, wie jenes, eine andere werden im Laufe der Zeit;

fallen wird sie nur, wenn das Christenthum besiegt und die Kirche

vom Staat verschlungen werden sollte. Es hängt aber der Ausgang des

Kampfes, und damit die Gestaltung des Papstthums, von jener geistigen

Entscheidung ab, die allein über Glaube und Unglaube, über Staat und

Kirche zu bestimmen vermag. Woher sie kommen muß, das wissen wir.

So ist auf doppelte Weise die Zukunft von Italien in deutsche Hände

gelegt. Ohne das Papstthum: weil die romanische Art der Italiener

zu antik ist, um für sich allein der höchsten modernen Kraft, der

germanischen zu widerstehen, um nicht materiell zu unterliegen. Mit

dem Papstthum: weil die Kirche von dem höchsten Tribunal des modernen

Verstandes, vom deutschen Geiste, ihr künftiges Dasein erwartet, weil

die Spitze des religiösen Lebens durch alle Zeiten hindurch an die

Spitze des geistigen und staatlichen unauflöslich gebunden ist.

Nächstdem, und in Hinsicht auf die unmittelbare Gegenwart, ist die

politische Erziehung Italiens den Deutschen beschieden. Die äußere

Verfassung, die ähnliche Zersplitterung in größere und kleinere Staaten

bildet eine Verwandtschaft zwischen Deutschland und Italien, #die den

politischen Phasen Italiens Maß und Richtung geben wird#. Kein Land in

Europa zeigt eine künstliche Vielheit, welche der der deutschen und

italienischen Territorien zu vergleichen wäre; auch in Spanien, trotz

der losen Centralisation, sind doch die Provinzen organische Theile,

jede der Ausdruck ihres besonderen Volksstammes. Es kann also nur

Deutschland, bei gleich eigenthümlichen Verhältnissen, den Italienern

auf dem Wege politischer Konstruktion vorangehen; in derselben Weise,

wie dort die Einheit der Volksnatur zu der Trennung der Staaten sich

verhalten wird, muß früher oder später auch Italien sich gestalten.

Die Franzosen und Spanier sind durch geistige Zerrüttung ermattet; die

Italiener sind physisch herabgesunken und brauchen eine durchgreifende

Erneuerung. Ohne Andrang nach außen und von außen kann kein Volk

sich lebendig erhalten. Im Mittelalter findet man Einen nationalen

Zug, der die Kräfte Italiens belebte; es ist der Zug nach der

griechisch-slavischen Halbinsel, aus dem uralten Zusammenhange der ost-

und weströmischen Welt entsprungen. Die neuere Zeit hat das Alles zu

Grabe getragen; die Türken waren zu schwach, die Griechen zu verderbt

geworden, um Italien leiblich oder geistig aus dem Schlummer zu

wecken. Es ist eine der großen Aufgaben der Zukunft, beide Halbinseln

in ein Verhältniß zu setzen, wodurch das eine Volk am andern, bald

gebend, bald empfangend, erstarken kann. Die Einen, durch türkische

und slavische Invasion, sind barbarisirt, die Andern nach langer

Verfeinerung abgestorben: vermischt sie beide, so werden die letzteren

an Kraft, die ersteren an Kultur gewinnen, und das um so leichter, je

ähnlicher überhaupt ihre Naturen organisirt sind.

In solcher Weise wird Italien den Dank erstatten, den es seit der Mitte

des fünfzehnten Jahrhunderts den Byzantinern schuldet. Damals, als

durch griechische Anregung ein neues Leben erblühte, schien der antike

Geist, verjüngt in Italien, Europa beherrschen und auf den Trümmern

des Mittelalters sein altes Reich erheben zu wollen. Aber es war nur

Vorspiel der modernen Zeit, es war die Aussaat der Reformation; und je

mächtiger seitdem der neue Geist sich Bahn gebrochen in Europa, um so

schneller verwelkte die Blüthe, verweste die Kraft in Italien. Wiederum

aber, wenn die Spitze erst erreicht sein wird, in der die neue Zeit

sich zu fassen strebt, wird auch die Versöhnung gefunden werden der

feindlichen Elemente; wie der moderne Geist am Beginn seiner Laufbahn

Nahrung und Stärke gesaugt hat vom antiken, so wird er, am Ziel

derselben, durch seine Kraft den antiken verjüngen, und Italien wird

glücklicher sein.

In allen Verhältnissen, in jeder Gestaltung ist uns jenes Eine

begegnet, das wir bei Betrachtung der deutschen Geschichte als

ihr höchstes Ziel erkannt haben. Hinter den Alpen wird die Sonne

hervorgehen, in deren wunderbarem Lichte das Chaos der romanischen

Erde sich erhellen soll. Auch sonst in Europa werden wir ihre Strahlen

fassen; im Westen war es nur geistige Hülfe, nur die Kunde eines neuen

Evangeliums, was die Völker ersehnen; wir betreten jetzt den Osten und

es wird klar werden, wie diese Länder eines unmittelbaren, materiellen

Eingreifens bedürfen von germanischer Hand. Ueberall andere Spuren, und

von andern Strahlen beleuchtet; aber nach Einem Punkte hin, und die

Eine Sonne sendet sie.

Kapitel V.

Die Türken.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 7 / 19 段