Das Modell dieses Körpers aufzustellen, ist in obigen Gesetzen

versucht worden: die natürliche Politik der Staaten, ihre Tendenz und

Ausdehnung, das Gleichgewicht, so weit es Wahrheit hat, das Alles prägt

sich daran aus. Gleich wie der Mensch die gesammte Natur beherrscht,

weil er als Mikrokosmus den Makrokosmus in sich trägt, so ist Europa

der Mittelpunkt der Erde, weil ihre Organisation, die Stellung

ihrer großen Raçen, weil das ganze All in seinem kleinen Raume sich

abspiegelt. Wiederum, wenn es ein Land gäbe, in welchem Europa eben

so sehr sich wiederfände, als die Welt in Europa, so würde dieses das

Haupt des Welttheils sein. »Das Volk, sagt Johann von Müller, welches

die Eigenschaften, denen Europa seine Uebermacht schuldig ist, in

vorzüglichem Grade besitzt, wird in Europa selber das erste sein«.

Kapitel II.

Die Revolution und Napoleon.

Der Kampf der altgermanischen Freiheiten in Europa gegen die

aufstrebende Monarchie hatte in Frankreich zuerst mit dem Siege des

Königthums unter Louis XI. geendigt. Also erhob sich von hier aus die

Revolution: die Fäulniß der Monarchie brachte, wie einst das Verderben

der Kirche, Principien zum Ausbruch, die längst geschlummert hatten.

Alle Länder Europas, in denen der Absolutismus gesiegt hatte, mußten im

Verlauf der Erschütterung umgewandelt werden; Napoleon beherrschte ganz

Europa, mit Ausnahme von England und Ungarn, wo die alte Freiheit sich

erhalten, von der Türkei und Rußland, wo der Despotismus, in der Natur

der Völker wurzelnd, keine Freiheit überwunden hatte. Er scheiterte an

Rußland, weil die russische Barbarei von dem französischen Andrang nur

äußerlich, nicht innerlich berührt werden konnte.

In Deutschland hatten lange Kriege das Dasein des Protestantismus

entschieden; nach diesen blieb Ruhe. In Frankreich war unter kleineren

Kämpfen die Reformation von der Monarchie unterdrückt worden; aber

später mußte dieselbe Bewegung, die den Katholicismus untergrub,

zugleich seinen Verbündeten, den Thron, vernichten.

Es ist leicht, in den Zuständen unter Louis XVI., in den geistigen

Vorgängen schon der früheren Zeit, die Ursachen der Revolution zu

suchen, sie zu zergliedern und aufzuzählen. Man hört sie gläubig an,

findet die Folgen natürlich und nothwendig; aber nach aller Berechnung

bleibt jener Eindruck des Wundersamen und Plötzlichen, der der

französischen Umwälzung so unvertilgbar anklebt, daß er ihren eigensten

Charakter bildet. Eine tiefe Wahrheit liegt ihm zu Grunde. Alle

früheren Revolutionen, alle Fortschritte und Rückschritte der Völker

entwickelten sich in traditionellen Verbindungen, überall reihte sich

Glied an Glied.

Damals plötzlich taucht ein Gemeinwesen auf, neugeschaffen nach

den Erkenntnissen des raisonnirenden Verstandes. Das war in keiner

Geschichte noch geschehen. Vielleicht kommt die Zeit, wo diese Handlung

sich wiederholt, wo (nach dem Wunsche aller Idealisten von Plato bis

auf Fichte) die Menschheit sich nach wahren Principien regelt. Die

Wahrheit aber, weil im tiefsten Zusammenhang mit aller bisherigen

Geschichte, würde nicht zerstören, nicht einmal überraschen; sie würde

nur die Schuppen von den Augen der Menschheit nehmen. Jener dämonische

Uebergriff, jener staatliche Aufbau, aus der Aufklärung gezimmert,

welche selbst ein leichtsinniger Uebergriff gewesen, verursacht das

Erstaunliche der Revolution. Jemand hat die Revolution einen Rausch

des Weltgeistes genannt; sie war ein Rausch, und die Abspannung der

trunkenen Völker ist die Geschichte der Romanen bis auf diesen Tag.

Wären die Principien der Revolution die wahren gewesen, selbst dann

wären die Franzosen unfähig, sie ins Leben zu führen: wie vielmehr,

als sie falsche und überdieß auch diese nicht verdaut, entgegen

tausendjähriger Tradition, zur Grundlage des Staates erhoben. Solche

Arbeit war dem romanischen Geiste zu viel: Frankreich und Spanien,

Portugal, auch Italien, tragen noch heute die Spuren theils innerer,

theils äußerer Zerrüttung.

Von nun an trat die souveräne Berechtigung des Volkes der geweihten

Legitimität der Fürsten gegenüber; früherhin, besonders im Mittelalter,

schienen die Rechte der Nationen sich eben so sehr von selbst zu

verstehen, als eine kirchliche Weihe der Fürsten, wodurch die

menschliche Wahl oder Erbordnung höhern Charakter erhielt. Nun stellte

man Beides auf die Spitze, Dogma gegen Dogma, und der Kampf begann,

wie in den Zeiten der Religionskriege. Sollte nicht endloses Blut

vergossen, sollte nicht Europa entweder den absoluten oder anarchischen

Principien (beide gleich verderblich) zur Beute fallen, so mußte eine

gewaltige Hand die Gegensätze vermitteln, Fürsten und Völker bezwingen,

um durch leibliche Gefahr die geistige Gluth zu kühlen.

Dazu war #Napoleon# gesandt. Die Natur gab ihm ein selbstsüchtiges

Gemüth (ohne welches die Rückkehr zum monarchischen Princip unmöglich

gewesen) und einen Geist, so groß und noch glänzender, als er tausend

Jahre zuvor in Karl dem Großen erschienen war. Man vermißt bei Napoleon

den leitenden Plan, der sich durch Karl's mannigfache Unternehmungen

hindurchzieht; man sieht ihn ohne klares Bewußtsein von einem Schritte

zum andern getrieben. Sein Wollen, die Intentionen seines Geistes

überwogen die innere Kraft; beide kreuzten sich, erst auf St. Helena

wurde ihm selbst das Werk seines Lebens klar, er lernte seine Sendung

verstehen. So wunderbar die Revolution immer noch erscheint, so

dämonisch fremdartig ist seine Gestalt in unserer Zeit. Die bewegenden

Ideen des Zeitalters blieben einem so mächtigen Geiste fremd: von

Protestantismus und Katholicismus, von Liberalismus und Monarchismus,

als Problemen der Zeit, blieb er unberührt. Man hat ihn einen Mann

nach dem Zuschnitt Plutarchs genannt; mir erscheint er, wie einer der

alten orientalischen Eroberer, von denen nur dunkle Geschichten auf

uns gekommen, in die moderne Welt versetzt. Jene Selbstsucht, wie

diese Kälte gegen die Freiheit (der Grundidee der neuern Zeit) hat ihn

gestürzt; beides aber stempelte ihn zu der Persönlichkeit, die auf

zwei Jahrzehnde dem sonst tödtlichen Principienkampf Stillschweigen

gebieten konnte. Selbst den Organismus der Völker hat Napoleon nie

beachtet; später war er kühn genug, die innerlich sinnlosen, für

den Moment nützlichen, Zerstücklungen als eben so viele Mittel zur

Erweckung der erloschenen Nationaleinheit (in Deutschland und Italien)

darzustellen. Er kannte die Franzosen, und baute gleichwohl auf sie,

hielt sie gleichwohl für fähig, seine Herrschaft zu erben; obschon eine

Uebertragung des alten Kaiserthums (das er nur in seiner Nichtigkeit

kannte) ihm niemals in den Sinn kommen mochte. Ungeheuer und bis auf

diesen Tag lebendig sind die Wirkungen seines Daseins. Durch ihn ist

das römische Reich gestürzt, und Deutschlands heutige Verfassung,

Deutschlands innere Einheit herbeigeführt worden; er hat Spanien aus

dem Todesschlummer geweckt, England auf den Gipfel der Macht, wie an

den Rand des Abgrundes gestellt; er dem russischen Staat, der anfangs

die Herrschaft mit ihm getheilt, dann in erster Linie ihn besiegt

hat, seine unnatürliche Bedeutung verliehen; durch ihn sind die

Wohlthaten der Revolution den Völkern bewahrt; durch ihn der _status

quo_ ins Leben gerufen worden, welcher Nichts ist, denn Vermittlung

der ideellen, wie der politischen Gegensätze; durch ihn der lange

Friede voll geistiger Gährung, das künstliche Gleichgewicht, und die

Gebanntheit des Willens, woran Europa leidet; er endlich hat das letzte

warnende Beispiel unorganischer Gewaltherrschaft gegeben, er auf immer

die Nationalitäten geschieden. -- Die Zurückführung seiner Asche nach

Paris ist ein merkwürdiges Zeichen der Zeit. Ganz Europa hatte ihn

verbannt, ganz Europa hat sich mit dem Wiedergekehrten versöhnt. Von

nun an gehört er der Geschichte an; die Leidenschaften verstummen, wenn

die Nachwirkung endet, die ein gewaltiger Mann in Liebe und Haß auf die

Zeit, die ihm zunächst liegt, ausübt. Diese Zeit scheint ihrem Ende zu

nahen und eine neue Epoche beginnt.

Nach ihm ist keine Hegemonie gedenkbar, als die innere der Natur und

des Geistes, keine Gewalt mehr der Eroberung, als die Alles bezwingende

Gewalt der Idee.

Napoleon vereinigt als Korse den römischen, italienischen, maurischen,

afrikanischen, durch Erziehung den französischen Typus. Romane ist

er ganz und gar, und der höchste Ausdruck romanischer Geschichte.

#Romanische Hegemonie#, das hat er auf ewig gelehrt, #widerstreitet

der Ordnung von Europa#; um zu herrschen, mußte er den Organismus der

Völker zerstören. #Ob germanische ihr ebenso zuwider, ob sie ihr nicht

ersprießlich, ja nothwendig sei#, wird die Zukunft lehren.

Kapitel III.

Die romanischen Völker.

Frankreich und die pyrenäische Halbinsel.

Um französisches Gefühl, um die Täuschungen französischer Politik

zu begreifen, darf man nie vergessen, daß seit Richelieu Frankreich

den mächtigsten Staat Europas gebildet, daß es in der Civilisation

(gleichviel hier ob in wahrer oder falscher), in Kriegskunst und

Administration lange Zeit hindurch der Lehrmeister Europas gewesen, daß

keine Macht ihm gegenüberstand, welche für den einheitlichen Ausdruck

germanischen Volksthums gelten konnte, daß die Franzosen, sonach

gewöhnt an die erste Stellung, in der Revolution auf eine geistige,

durch Napoleon auf eine politische Höhe erhoben wurden, die ihr

Bewußtsein verrücken mußte, daß endlich der wahre Grund französischer

Größe in einem inneren Vorgang liegt, dessen Falschheit einzusehen

auch heute noch nur den tiefer Denkenden beschieden ist. Mit Einem

Wort, da seit dem westphälischen Frieden keine Nation mächtiger auf die

Gestaltung und Kultur Europas gewirkt hat, als die französische, da

die Deutschen zwar unendlich viel gedacht und geschrieben, aber Nichts

#gethan# haben, um den Franzosen ihr Uebergewicht zu beweisen, so sind

die französischen Prätensionen, #obwohl falsch und hohl#, doch des

vornehmen Gelächters nicht werth, das von so Vielen aufgeschlagen wird,

welche, warum sie falsch und hohl sind, nicht zu sagen vermöchten.

Gerechtigkeit vor Allem geziemt der unparteiischen Betrachtung; sie zu

üben, muß sie in das Bewußtsein der Nation sich versetzen, von der sie

zu sprechen hat.

* * * * *

Die Betäubung, durch zweimalige Invasion, der Schlummer, worein die

ungeheuern Erlebnisse der Revolution und des Kaiserreichs die Franzosen

versetzt, machten fünfzehn Jahre lang die Restauration möglich, eine

Regierung, die an 1788 anknüpfte. In der Juliusrevolution erwachte

Frankreich. Man besann sich, was Frankreich gewollt; die Macht der Idee

wurde wieder lebendig, Frankreich wieder der erste liberale Staat. Was

die Revolution Herrliches geleistet, sollte in der konstitutionellen

Monarchie, was das Kaiserthum Großes gethan, sollte auf dem Wege

des Geistes, durch die Sympathie der Völker sich wiederholen. Es

schien, als sollte der neue Tag der wahren Freiheit über die Völker

hereinbrechen. Es war ein großer Irrthum; kein Volk kann von der

Vergangenheit zehren, insonderheit wenn diese selbst der innern

Wahrheit entbehrt. Ein neues Princip war nicht gefunden; nur das Beste

von Allem sollte in Auszug genommen werden. So geschah, daß Frankreich

aus eben so viel Parteien besteht, als es seit 1789 Epochen durchlebt

hat.

* * * * *

Europa zerfiel wieder in zwei große Lager; diese ordneten sich

klarer, indem die Quadrupelallianz der Tripelallianz entgegentrat;

und das Gleichgewicht erhielt seine letzte Ausbildung. Als die erste

französische Revolution dem Sturme gleich die morschen Stützen des

europäischen Wesens zu entwurzeln drohte, schickte Gott, um Europa zu

retten, uns einen Titanen. Auch die zweite drohte ähnliches Unheil,

auch damals schien ein Principienkrieg Europa verheeren zu wollen; aber

wie sie nur ein Nachhall war der ersten, so war jetzt nur die Klugheit

eines berechnenden Mannes nöthig, um den Frieden zu wahren. Zuweilen

beliebt es der Vorsehung, einzelne Menschen zu Ecksteinen zu stempeln,

an denen die Fluth der Ereignisse an- und abprallt, in schwache Hände

das Schicksal eines Welttheils zu legen, wie sie umgekehrt oft kleine

Dinge durch die stärksten erzielt. Solch ein Mann ist Louis Philipp;

seine Anschließung an die dynastischen Prinzipien, so unerwartet von

dem Sohne der Revolution, hat die Ruhe Europas gerettet, aber, weil

zuwider dem Wunsche der Nation, und erreichbar nur durch geheime Wege,

Frankreichs Ruhe untergraben. Frankreich konnte gedeihen, wenn ein Mann

von Kraft, der Freiheit zugethan, aber souverän durch die Macht seiner

Persönlichkeit, dem zerrissenen Wollen der Franzosen außerhalb Europas

ruhmvolle Bahnen öffnete. Die Restauration hatte eine solche Erbschaft

hinterlassen. Davon ist an Louis Philipp wenig zu sehen; eine ungemeine

Gewandtheit, die man Weisheit nennt, eine eben so große Erfahrung,

ein Herz, das für eigene Interessen am wärmsten schlägt, sind die

Eigenschaften, die ihn charakterisiren. Wenn Napoleon Cäsar war, doch

ohne die Güte seines Charakters, so ist Louis Philipp mit Oktavian

zu vergleichen, der ihn gleichwohl in politischer Einsicht (freilich

auch in Charakterfehlern) übertrifft. Sein Werk ist das Justemilieu,

das ist die Kunst, aus den verschiedenen Zahlen einen Durchschnitt zu

ziehen, den man fälschlich für eine Größe hält. Da diese Politik aller

geistigen Wesenheit eben so sehr, als aller moralischen Kraft entbehrt,

so ist Frankreich binnen zehn Jahren zu einer Zerrüttung herabgesunken,

in deren Folge das sittliche Leben der Nation in einem Meere von

Intriguen verschwimmt.

Das Justemilieu also, weit entfernt, sie zu heilen, vermehrt die

tiefe Erschöpfung des Geistes und Gemüths, worein die erste Umwälzung

Frankreich gestürzt hat. In der Revolution liegt der Saame des

Unkrauts, das heute dort so reichlich wuchert; schwerer als der

dreißigjährige Krieg auf dem deutschen Volke gelastet hat, lastet

sie noch auf dem französischen. Die Aufklärung hatte das religiöse

Bewußtsein in Frankreich zerstört, die Revolution vernichtete vollends

den moralischen Gehalt, und flößte den Gemüthern jene unselige Hast

nach Neuem, den Geistern jene flatterhafte Unruhe ein, welche,

ohnedieß im französischen Charakter begründet, durch ewiges Negiren

jede positive Schöpfung im voraus unterwühlt oder wo sie da ist, mit

dem Tode bedroht. In Deutschland hat eine innere und äußere Erhebung

des Volksgeistes die Principien der »Aufklärung« (der Voltaire'schen

Zeit) umgestoßen; in Frankreich sind sie unwiderlegt bis auf diesen

Tag, ja genährt durch die Dummheit der Restauration; und vergebens

strebt man, mit äußeren Waffen die Gleichheit zu bekämpfen, die zu

tief in der innern Anschauung der Gesellschaft gegründet ist. So

verlangt der Pöbel seine Rechte; wie nach und nach im Mittelalter

der Bürger, in der neuern Zeit der Bauer sie erhalten hat, so will

auch der Proletarier zum »souveränen Volke« gehören. Wie nun diese

Klasse durch keine tiefere Beziehung an die Gesellschaft gebunden

ist, als durch die äußere des Arbeiters zum Brodherrn, so scheut sie,

um zu ihrem (nach den Principien so heiligem) Rechte zu gelangen,

keine Mittel; aus ihrem Schooße gehen die Königsmörder hervor, deren

gehäufte Zahl Europa in Staunen versetzt hat. Diesem Uebel, fressend

am Kern des Staates, geschieht kein Einhalt (wie in England) durch

den gesunden Sinn der Nation, durch die natürliche Achtung der Stände

und des Ranges; vielmehr die letztere wird eben durch die höhern

Klassen selbst verwischt, welche von Emporkömmlingen wimmeln, sei

es des Geldes oder der Intrigue; denn auch das Talent, die einzige

noch übrige Aristokratie, kann nur durch Geld oder Intrigue sich

erheben. -- An dieser Immoralität, an der allgemeinen, wie an der

eignen, scheitern die wenigen Staatsmänner, die Frankreich besitzt.

Es ist höchst bezeichnend für die Unnatur französischer Zustände,

daß der mindeste Grad von Talent und Moralität unter den Anhängern

des Justemilieu, des gegenwärtig herrschenden Systems sich findet,

während die Republikaner unter allen den tüchtigsten Charakter, die

Legitimisten eben so viel Geist entfalten; zwei Parteien, wovon die

eine wegen der sittlichen Umkehr des Heiligsten, die andere wegen ihrer

Dummheit von der Geschichte gerichtet ist. Dem Justemilieu kann weder

Guizot, der Professor, tiefern doctrinellen Inhalt, noch Lamartine,

der Poet, idealen Zauber geben. Der sprechendste Ausdruck des heutigen

Franzosen, seines nationalen Wollens eben so sehr als seiner schweren

Verdorbenheit, und einzig möglicher Mittler zwischen Krone und Volk,

ist #Thiers#. Eine kleine Partei gibt es in Frankreich, welche in der

Religion allein das Heilmittel für den gesunkenen Nationalgeist findet;

in der Politik will sie gesetzliche Freiheit und Beschützung des

Principes der Freiheit in Europa. Sie allein, obwohl gering an Zahl,

enthält #Keime des Lebens#, die die Zukunft zur Reife bringen kann.

Aber auch sie kann, selbst wenn sie mächtig wäre, Halt und Einheit

ihrem Vaterlande nicht wiedergeben.

So sind die Grundlagen des Staats, wie die des Volksbewußtseins in

Frankreich vernichtet. So tiefe innere Zerrissenheit kann nur durch

eben so tiefe innere Vorgänge geheilt werden. Dieselbe Weltanschauung,

welche in einer großen Literatur sich ausgesprochen, in einer großen

Umwälzung sich verkörpert hat, liegt jetzt in ihrer ganzen Oede der

Welt vor Augen. #Eine neue positive zu schaffen# (d. h. sich selbst

zu verjüngen), das ist dem französischen Geiste überhaupt nicht,

am wenigsten in seiner heutigen Erschöpfung beschieden. Wir haben

im ersten Theile gezeigt, wie diese den Deutschen vorbehalten sei.

Unumwunden und bestimmt sei es hier ausgesprochen: #Frankreich hat

von Deutschland seine Rettung zu erwarten#. Gleichwie im achtzehnten

Jahrhundert die französischen Prinzipien Deutschland überfluthet, wie

der französische Geist durch seine Kühnheit den deutschen bezwungen,

ihn gestachelt und beflügelt hat, so wird jetzt wiederum der deutsche

auf den französischen zurückströmen, wird die philosophischen und

socialen Fragen, an deren vorschneller Behandlung er sich verblutet

hat, ihm gelöset überantworten, wird neue Lebenskraft und die

Fähigkeit, sich zu fassen und zu einigen, ihm wieder verleihen.

Zu all den innern Uebeln gesellt sich in Frankreich die Centralisation,

die einzige Maxime, welche seit Ludwig XI. durch alle Phasen seiner

Geschichte sich gleichmäßig hindurchzieht, früher die Ursache seiner

Macht, jetzt die Mehrerin des Verfalls, weil sie die Entwicklung der

Provinzen, die Freiheit der Gemeinden und das Wachsthum der Kultur in

gleichem Maße verhindert. Die Parteien, wenn auch nicht, wie sie jetzt

sind, doch im Allgemeinen, werden in Frankreich niemals verschwinden.

Aber, während sie jetzt, in Einem Punkte vereinigt und vergiftet

durch die Verdorbenheit der Hauptstadt, sich gegenseitig verzehren,

so würden sie als eben so viele Ausflüsse der Provinzialcharaktere

das Gedeihen des Staates fördern. Politische und wissenschaftliche

Intelligenz, Bildung und Tüchtigkeit kann erst, wenn die Provinzen

sich emancipiren, in der #ganzen# Nation erwachen. Ich glaube, daß

die Befestigung von Paris, obwohl der Triumph des Centralsystems, wie

der Dynastie überhaupt, die Franzosen von einer geistigen Tyrannei

befreien wird, gegen die sie jetzt, inmitten aller gerühmten Freiheit,

kaum zu sprechen wagen, ja die sie kaum fühlen. Das befestigte Paris,

unfähig der innern Gewalt zu widerstehen, begibt sich des Vorgangs,

den es in allen Umwälzungen und Staatsstreichen geübt, und der Geist

des Volkes, bisher ein Eigenthum der Pariser, wird bei der nächsten

Krise sich auf die Provinzen legen. Deutschland und Frankreich bilden

hierin ein reines Widerspiel: zur Zeit der sächsischen und fränkischen

Kaiser war Frankreich unendlich zersplittert; je mehr die kaiserliche

Macht verlor, desto mehr gewann die königliche; Deutschland war kaum

noch föderirt, während unter Ludwig XVI. und von ihm bis Napoleon die

Centralisation culminirte. In unsrer Zeit werden Beide sich begegnen

(ohngefähr wie in der Mitte des Mittelalters): Deutschland wird durch

nationale Einheit des #Bewußtseins# dem centralistischen, Frankreich

durch die Opposition der Provinzen dem föderalen Principe sich nähern.

Als erste romanische Macht hat Frankreich Einfluß in Afrika, in

der Levante, im Mittelmeere zu suchen, es hat Spanien und Portugal

an seine Politik zu fesseln. Alles das wird wenig erkannt, noch

schlechter geleitet. Algier ist durch ungeschickte Verwaltung, durch

ewigen Wechsel der Systeme, durch schwankenden Willen der wunde

Fleck des Staats geworden. Man begriff die Wichtigkeit Egyptens und

beschützte den Pascha. Aber statt seine Barbarei im Zaume zu halten,

statt die Oberflächlichkeit seiner Civilisation zu bessern, gab man

sich kindischen Täuschungen hin, und als die Zeit der Gefahr nahte,

wurde der Schützling verlassen. Der Einfluß im Orient wurde verloren.

In Spanien hat die zweideutige, unwissende Politik der Franzosen

die Zuneigung der Nation auf lange untergraben. Die sonstigen

Unternehmungen sind Spielereien, denen nicht nur geistige Bedeutung,

sondern auch jeder moralische Nachdruck fehlt.

* * * * *

In Folge davon wirft sich der Volksgeist, von neuen Erinnerungen

getrieben, von uralter Eitelkeit gestachelt, auf das germanische

Europa. Bittere Erfahrungen müssen den Franzosen zeigen, daß sie weder

die Erstgebornen der Civilisation, noch das herrschende Volk des

Kontinents sind, wofür sie sich halten.

* * * * *

Die Politik der älteren Bourbonen (obwohl in andern Dingen

einsichtsvoller, als die jetzige), die Revolution und Napoleon,

heutzutage Legitimisten und Republikaner, Alle kommen darin überein,

sich auf deutsche Kosten zu bereichen. Dagegen ist mit Worten nicht zu

kämpfen; seit der Reformation kennen die Franzosen kein anderes, als

ein zersplittertes Deutschland, ja selbst besiegt von den Deutschen

sind sie gewohnt, in den Friedensschlüssen die Sieger zu täuschen (wie

im Rastadter Frieden 1714, im ersten und zweiten Pariser Frieden);

deutsche Kraft konnten sie um so weniger achten lernen, als die

Deutschen niemals anders, denn mit Alliirten gesiegt haben, als auch

Napoleon nicht von Deutschland, sondern von Europa überwunden worden

ist. Man wundert sich, daß die französische Nation auch jetzt noch

die Schwäche eines Nachbarn benutzen will, den sie Jahrhunderte lang

ausgebeutet hat. Wir würden dasselbe thun, und haben in Polen dasselbe

gethan. Die Polen aber haben uns gehaßt, die Theilung von Polen war

ein Gewaltstreich; die Franzosen sind von uns geliebt, bewundert,

nachgeahmt und nachgeschrieben worden, ja noch letzthin, als die

Lockpfeife der Juliusrevolution erschallte, haben deutsche Affen und

deutsche Bären ihr nachgetanzt; wie sollten da die französischen

Begriffe sich ändern? Darum ist es wohl nützlich, in der Presse den

französischen Anmaßungen zu begegnen, deutschen Sinn endlich einmal in

ihre Ohren zu schreien, aber damit ihre Köpfe zurecht zu setzen, das

wäre thörichte Einbildung. #Thaten# allein, große und schwere Thaten

vermögen das; ein Bewußtsein, auch das tüchtigste, wenn wir ein solches

hätten, läßt sich Andern nimmermehr einflößen; haben wir doch schon

früher, 1813-1816, antifranzösisch gesprochen und geschrieben, und

im Uebermaß, aber nur um nachher desto lächerlicher zu werden. Warum

war die französische Politik so gesund im Mittelalter, ausgebreitet

nach dem Orient, bescheiden gegen Deutschland? Weil wir groß waren und

unantastbar, weil durch Thaten, nicht mit Worten jede französische

Anmaßung gezüchtigt wurde. Lasset Macht und Stärke, Kraft und Einheit

wieder erstehen, lasset im Osten oder Westen, im Norden oder Süden ein

deutsches Werk geschehen von altgewaltiger Art, lasset ihnen sehen, daß

Deutschland ein anderes, ein ganz anderes geworden ist, zeigt es ihnen,

daß sie's mit Händen greifen und fassen, mit Augen und Ohren sehen und

hören, mit Sinnen spüren müssen -- und das alberne Geschrei nach der

Rheingränze wird im Nu verstummen, man wird sich schmeicheln, von dem

nichts einzubüßen, was man bisher noch behalten hat[14].

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 6 / 19 段