wollen für die Gegenwart, das hat die Juliusrevolution gezeigt.
Dasselbe Deutschland, dessen Jugend eben erst als Opfer der
Deutschthümlerei gefallen war, jauchzte jetzt dem französischen
Liberalismus zu und gab sich so lange dem Schwindel hin, bis die
Zuchtruthe die Meisten zur Besinnung brachte. Später war die
Juliusmonarchie dienlich, den revolutionären Principien in der
öffentlichen Meinung denselben Stoß zu geben, den schon längst die
Aufklärung erhalten hatte; die erste französische Revolution konnte
durch die Uebel befleckt erscheinen, womit der Eintritt großer Dinge
in die Welt begleitet ist; die zweite offenbarte die Unfähigkeit des
Princips selbst, die Freiheit (zum wenigsten eine germanische Freiheit)
zu schaffen.
Der lange Friede, wie er durch den Rückblick auf die Vergangenheit,
durch Aneignung zahlloser Stoffe, durch das Studium dessen, was
ringsumher geschah, unendlich belehrte, mußte zugleich durch Eröffnung
eines großen Spielraums für Wissenschaft und Kunst, für Handel und
Industrie, für religiöse und principielle Kämpfe die Geister in
tausendfältiger Art auf und ab reiben. Zu keiner Zeit ist über die
geistigen und materiellen Interessen der Menschheit, über die größten
und kleinsten Dinge (wichtigen und unwichtigen Inhalts) mehr gedacht,
gesprochen, gestritten worden, als in den letzten Dekaden; und das
nicht nur von Einzelnen Begabten (die größte Zeit deutscher Literatur
war bereits erloschen), sondern von der Masse der Nation. Deutschland
seit 1815, noch mehr seit 1830, gleicht in dem Wogen seiner Gedanken
einem unruhigen Meere, mit zahllosen Blasen bedeckt, die so schnell
verschwinden, als sie sich auf der Oberfläche gezeigt; -- in der
Tiefe aber kocht und gährt es, und jenes flüchtige Spiel, das allein
dem betrachtenden Auge offen liegt, ist nur das Wahrzeichen eines
geheimnißvollen Waltens. So ist seit dem Verfall der romantischen
Periode, die neueste Literatur: ein buntscheckiges, tausendfältiges,
verworrenes Getriebe, zahllos wie Sand am Meer, und im Einzelnen (mit
einigen Ausnahmen) ohne dauernden Werth, flüchtig auftauchend und
schwindend, aber von tiefer Bedeutung, als das Organ des allseitigen
Geisteslebens, worin die ganze Nation von den höchsten zu den
niedrigsten Ständen sich versenkt hat.
Neben dem Allem hat sich, die Masse des Volks geistig und leiblich
an sich ziehend, die Industrie erhoben. Ihr Zweck ist, abgesehen von
ihrer Wirkung auf materielle Wohlfahrt, ein doppelter: Alle die großen
Erfindungen der Zeit, Eisenbahnen, Dampfschifffahrt u. s. f. sind
erstlich bestimmt, durch unermeßliche Erweiterung des Verkehrs die
nationale Einheit zu fördern. Man kann fürchten, daß im Laufe der Zeit
(wenn ganz Europa von einem großen Netze überzogen sein wird) dieser
Zweck sich verlieren möge, denn der ungemeine internationale Verkehr
scheint die kosmopolitische Sucht eher steigern, als mildern zu wollen,
aber diese Zeit, Gott sei Dank, ist noch fern und mittlerweile können
wir lernen; Erfahrung wird das Ihrige thun, uns zu Patrioten zu machen.
Sodann (und das will noch mehr sagen) ist die materielle Bewegung
der Zeit die Unterlage einer kommenden geistigen; hierin liegt ihr
tiefstes Gewicht. Einstweilen (ehe noch zu Tage getreten ist, worauf
das ganze Leben hinarbeitet) nimmt die Masse das Mittel für den Zweck,
stürzt sich mit Sinn und Herz in die Industrie, und vergißt die höheren
Güter über der rastlosen Jagd nach den irdischen. Dieser Irrthum wird
so schnell und allgemein schwinden, als er eingedrungen ist. -- Den
mächtigsten Hebel endlich für deutsche Einheit bildet der deutsche
Zollverein, binnen eines Vierteljahrhunderts ein preiswürdiges Werk der
deutschen Fürsten. Seine Macht liegt nicht nur in den Wirkungen, die er
zunächst hervorbringt, sondern in den Konsequenzen, worauf er langsam
aber sicher hinführt, in dem ideellen Band, womit er mehr und mehr die
Nation umschlingt. Es ist trostreich zu wissen, daß Ein Band deutscher
Einheit bestehe, trostreich auch für die, welche von Handel und Wandel,
Zoll und Münze Nichts verstehen; genug, daß ein großer Schritt zur
äußern, hiermit auch zur innern Einheit geschehen ist. Die Staaten,
die sich ausgeschlossen, haben ihren Schwerpunkt (wie Oestreich)
außerhalb Deutschlands, oder sie sind (wie Meklenburg) hinter dem
allgemeinen Fortschritt der Nation zurückgeblieben, oder endlich sie
leiden (wie Hannover) an hergebrachtem Partikulargeist des Regiments.
Noch schwerer, als die materiellen, werden die ideellen Folgen der
Ausschließung auf ihnen lasten.
Während der Zollverein und die Vertheilung der Völkerschaften auf die
innere Einheit, während die materiellen und geistigen Bestrebungen
auf das Ziel hinarbeiten, dessen Zukunft die Deutschen einig finden
soll, enthüllt das deutsche Staatsleben tagtäglich eine Unfähigkeit
der Nation, welche beweist, daß sie von Grund aus umgewandelt
und wiedergeboren, daß die ganze Natur durch ein göttliches Feuer
elektrisirt werden muß, um Gedeihliches zu Tage zu fördern. Ohne davon
zu sprechen, wie eine wahre Verfassung nur aus der Wahrheit selbst
(nicht aus entlehnten Stücken französischer und englischer Weisheit)
entsprießen, wie sie nur die Frucht eines deutschen Princips sein
kann, aus dem allmählig der Staat sich entwickelt: so ist, was die
konstitutionelle Wirksamkeit betrifft, kaum zu entscheiden, ob den
Regierungen oder ob den Ständen in Mißkennung ihres Berufs, in Halbheit
des Wollens und Thuns der Vorzug gebühre. So unfähig jene sind, gesunde
Opposition von unreinen Tendenzen zu sichten, überhaupt nur eine edle
und männliche Sprache zu hören, so untüchtig zeigen sich diese fast
überall, wo es gilt, statt unnützen Geschwätzes und liberaler Phrasen,
mit heiligem Ernste, die wahren Interessen zu vertreten, sie zur
rechten Zeit mit Entschiedenheit zu behaupten. Gewiß, es ist eben so
unerträglich, Minister in den deutschen Kammern zu hören, welche die
innere Geltung der Propositionen mit dem Wunsche ihres Herrn motiviren,
als Deputirte zu sehen, deren einiges Verdienst darin besteht, mit
klingenden Worten nach Popularität zu haschen, und an leicht gewonnenem
Märtyrerruhm die eigene Eitelkeit zu weiden. Und selbst da, wo die
Opposition (wie in Hannover) von gediegenem Willen beseelt, wo sie
von bewußten Grundsätzen geleitet wird, auch da fehlt geschlossene
Einigkeit und jene sichere Taktik der Maßregeln, wodurch allein auf
gesetzlichem Wege der Sieg zu erringen ist. Wiederum auch da, wo (wie
in Preußen) ein höherer Wille des Fürsten dem Volke entgegenkommt,
vermag man nicht, die Zeit zu beherrschen, neues Leben ihr einzuflößen,
an den Spitzen sie muthig zu ergreifen; nur langsam ihr nachzugehen,
hie und da zu versuchen, da und dort zu restauriren, am Ende Nichts
zu gewinnen. Es ist aber solch Unglück nicht der Völker Schuld, noch
auch allein der Fürsten; noch weniger rührt's (wie ich oft habe sagen
hören) daher allein, daß unsere Verfassungen beschränkt sind und zu
eng, um wahren Spielraum den Kräften zu öffnen. Wohl ist das wahr;
aber um mit Luther zu reden: »was aus der Kraft der Natur geschieht,
das geht frisch hindurch ohne alles Gesetz, reißt auch wohl durch alle
Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist, und man soll es mit Gesetzen
herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk«.
Also bedarf die ganze Nation von oben bis unten durch und durch
einer Erneuerung, aus welcher frisch, verjüngt und gesund die kranke
Natur herausgehe, gereinigt von den Schlacken einer schweren Zeit,
beseelt von dem Odem eines neuen Lebens. Eben deßhalb erachte ich
alle Vorschläge, alle Verbesserungen auf geistigem Gebiete, welche im
Einzelnen gemacht werden, so dankenswerth sie sonst sein mögen, für
ebenso wirkungslos, als andrerseits Radikalversuche in ungesetzlicher
Weise frevelhaft erscheinen. Jene würden in Jahrhunderten das
erreichen, was jetzo die Nation begehrt; diese ihr die höchsten Güter
entreißen, ohne sie durch neue zu ersetzen. Nur ein göttliches Wort,
ausgesprochen von einem gottgesandten Menschen, und eine göttliche
Kraft vermag das Chaos zu lichten, an welchem gewöhnliche Kunst, der
Fürsten wie Völker, vergeblich nach Ordnung ringt.
Kapitel VI.
Beschluß.
Also geht alte, neue und neueste Geschichte des deutschen Volkes Einem
Ziele zu. Dreimal seit dem Ende des Mittelalters war Deutschland
im Begriff, zu innerer Befriedigung zu erstarken. Einmal zur Zeit
Maximilians, als die Reichsverfassung den üppig wuchernden Gliedern des
ganzen Körpers Seele verleihen sollte; die Reformation unterbrach das
Werk. Zum Zweiten schien es, als sollten in der Zeit der Aufklärung
die verschiedenen deutschen Staaten, durch erleuchtete Fürsten
beglückt, die neue Bildung ins Leben einführen, welche der Unglaube
geschaffen hatte; da kam die Revolution. Zum drittenmal war es, als
nach dem Sturz des Alten der deutsche Bund sich konstituirte; eine
neue Gestaltung schien nur dem Belieben verständiger und patriotischer
Zeitgenossen anheimgegeben. Aber es war dem Kongreß unmöglich, seine
eigenen Intentionen (es gab deren hunderte) ins Werk zu setzen. Man
mußte sich mit einer negativen Vereinigung begnügen; das Volk selbst
fand und konnte keine Vertretung finden: genug, daß alle Staaten durch
ein nominelles Band umschlungen werden, genug, daß es eine Versammlung
gibt, welche die deutsche Einheit, wäre es auch nur durch Sitzungen,
repräsentirt.
Mehr, so gibt es die Natur des Bundes, kann der Bundestag nicht wollen,
als die einzelnen Staaten, von denen er beschickt ist. Es liegt aber
über die einzelnen Staaten hinaus Deutschlands Wille und Deutschlands
Beruf.
Daß dieser Wille endlich einmal zu finden, dieser Beruf einmal zu
erfüllen sei, darüber sind wir alle einig. Uns allen schlägt das
deutsche Gewissen (oder sollte doch schlagen) bei der Frage, was
Großes geschehen sei für das große Vaterland in fünfundzwanzig langen
Friedensjahren. So auch wissen wir alle, daß eine äußere Einheit von
Deutschland, daß die Veränderung der Konstitution des Bundes, selbst
wenn sie möglich wäre, nicht fähig sein würde, jene einige Tendenz zu
erschaffen. #Wie# sie aber zu finden sei, das ist in Nacht und Nebel
verhüllt vor den Augen der Mehrzahl. Ahnungen hat sie und dunkle
Begriffe von einem Etwas; aber wie die Menschen überhaupt nur zu
geneigt sind, die Dinge von außen anzusehen, zu träge, in die Tiefe
zu schauen, wenn auch täglich das Spiel der Oberfläche sie fesselt,
so wenden sie mißtrauisch sich ab, wenn innere Lösung verheißen wird
desselben Zwiespaltes, dessen Früchte sie oftmals so bitter empfunden
haben.
Ihr Alle, die Ihr nicht zu glauben vermöget an die unendliche Macht
des Geistes, die Ihr nicht ahnet die Kraft des Glaubens, welcher auch
heute noch »Berge versetzen« und »Reiche bezwingen« kann, Ihr Alle
solltet wenigstens in Euch gehen, Euch fragen, #was# es denn sei,
das zum Frieden dient. Katholiken und Protestanten, Süddeutsche und
Norddeutsche, wo findet Ihr den Zauber, der Euch einigt? Nicht in der
Nationalität, welche Ihr vergessen werdet, wie Ihr sie oft vergessen
habt in den Tagen der Gefahr; auch nicht in der Religion, welche Euch
Alle umfaßt, denn sie ist es ja, die Euch zersplittert. Oder mußten
erst die #kölnischen Wirren# Euch überzeugen, wie tief in den Herzen
des Volkes, wie unauflösbar durch die Länge der Zeit immer noch die
religiöse Trennung wurzelt? Ihr saget wohl, dieß sei die letzte
Zuckung, und der steigende Einfluß einer vernünftigen Humanität werde
nach und nach die tiefern Spuren der Zwietracht verwischen. Auch meint
Ihr, »unter allen Ländern Europas sei Deutschland doch das gesegnetste:
die materielle Wohlfahrt, wie die geistige Entwicklung wuchere im
Schooße des Friedens; jene nichtige Unzufriedenheit, in der die
romanischen Länder sich verzehren, jenes wüste Jagen nach einem Gute,
das um so ferner rückt, je heftiger es begehrt wird, all das sei unter
uns nicht zu finden. Und wenn, wie es in allem menschlichen Regiment zu
gehen pflege, viel Beklagenswürdiges bleibe, wie anders sei es doch,
als im siebzehnten, im achtzehnten Jahrhundert, wie tröstlich die Keime
einer sichtlich wachsenden Besserung!« Trotz alle dem aber (das allein
will ich fragen), wie geschieht es, daß in den edelsten Geistern, in
den treuesten Gemüthern ein Sehnen und Hoffen sich kund gibt, nicht
jenem gleich, das jede höhere Natur während der kurzen Dauer des Lebens
begleitet, sondern gerichtet auf die unmittelbarste Gegenwart, in deren
verworrenes Treiben sie mit ahnenden Augen hineinschau'n? Glaubt mir,
es lebt etwas in dem heutigen Sinn des deutschen Volks, erhaben über
die leichtsinnige Begierde nach neuen Genüssen, über die krankhafte
revolutionäre Sucht, die an der eigenen Lust sich steigert: es ist die
ungestillte Ahnung eines höhern Gutes.
Das wenigstens werdet Ihr der deutschen Geschichte einräumen, daß sie
sich schärfer, als jede andere um den Ideenkern herangebildet hat,
der ihr zu Grunde liegt. Was Anderes soll es sein, als ein innerer
Vorgang, der auch in unsern Tagen sie zum Ziele führt? Jetzt oder
niemals ist die Zeit gekommen, wo Ein Bewußtsein, Eine Hoffnung uns
alle einigen muß. Laßt uns halten an dieser Hoffnung, der einzigen,
welche die Geschichte, die Natur, der Charakter des deutschen Volkes
uns bietet; der einzigen, in welcher wir inneres Leben die Fülle,
äußere Herrlichkeit zur Genüge finden. Die Stimme des Propheten aber
schallt nicht durch Krieg und Kriegsgetöse hindurch. Im Frieden soll
das Wort gesprochen werden, um welches Deutschland sich schaart, um ein
einiges, mit einigem Bewußtsein dem Schicksal zu begegnen.
Zweiter Theil.
Deutschland und Europa.
Kapitel I.
Grundzüge des europäischen Organismus.
Ich komme zu einem andern Theil der Betrachtung. Die politische Lage
Europa's, die Stellung der Völker und Staaten, der Zustand ihrer
Bestrebungen sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland
inmitten Europa's hingewiesen ist. Nicht allein die gegenwärtigen
Verhältnisse werden uns beschäftigen; hauptsächlich ihre Gebrechen:
was ist, soll in dem Lichte seines wahren, natürlichen, nicht seines
zufälligen Daseins erscheinen.
In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher für die wenigstens,
die nur die Oberfläche sehen, seit der Revolution, ist Europa in
unaufhörlicher Gährung begriffen: Alles nur Uebergang, nur Krise oder
Intermezzo; die neue Zeit, welche in so unzähligen Zuckungen die
Menschheit anstrebt, muß erst noch geboren werden. Die Geburtswehen,
hier konvulsivisch heftig, dort langsam wühlend, schildert die
Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789. -- Ich
stelle diesen Satz, welcher eben so sehr als Folge der Betrachtung
einleuchten soll, schon zu Anfang voraus: einmal, weil es schwierig
ist, ohne diese Ueberzeugung überhaupt nur daranzugehen; sodann, weil
ich glaube, daß die, denen er noch nicht zur Wahrheit geworden, auch
nach hundert Beweisen nicht im Stande sein würden, ihn zu begreifen.
Gleich wie in der deutschen Geschichte, trotz Ursprung, Blüthe und
Verfall des Kaiserthums (welches doch ein abgeschlossenes Ganze
bildet), noch kein wahres Ende, sondern nur Entwicklung, und immer
Entwicklung auf Ein Ziel hin hervorleuchtet, so bildet auch die
europäische, trotz ihrer beträchtlichen Dauer, eine ungeheure,
fortlaufende Reihe von Entwicklungen, welche insgesammt, obwohl in
einzelnen Phasen vollendet, ihre letzte Erfüllung in einer noch
kommenden Zukunft finden. Erst die Zerstörung von Konstantinopel (als
nominelles Ende der ost-römischen Herrschaft) bezeichnet die Epoche,
von der aus das #gesammte# Europa, aus den letzten Ueberbleibseln
römischer Erziehung entlassen, in selbst-eigener Wesenheit aufblüht:
so lange Zeit war nöthig, um die Spuren der antiken Welt in den
barbarischen Völkern der neuen zu verwischen. Das Christenthum, die
innere Seele der ganzen europäischen Geschichte, ist heute noch
die Grundlage der Staaten (mit ihrem Willen oder ohne ihn); die
große Frage, die sein Leben bedroht, ist zugleich die Lebensfrage
Europas: erst, wenn sie beantwortet sein wird, hat Europa ein Ziel
der Entwicklung erreicht. Dem verglichen erscheint das Mittelalter in
seinen Staaten, wie die große, jugendliche Vorahnung gegenüber der
Vollendung des Mannes; dazwischen liegt der schwere Uebergang von
der Reformation bis auf unsere Tage; der Uebergang ist erledigt, die
Vorahnung (obwohl ein Leben für sich) im höchsten Maße erfüllt, wenn
eine neue Aera beginnt. Daher, was immer aus Betrachtung der Gegenwart
als Resultat der Zukunft sich ergeben mag, hat nicht bloß für unsere
Zeit momentane, sondern auch rückwirkende Bedeutung für #Jahrhunderte,
ja für Jahrtausende#.
Was unsere Zeit verlangt, ist nicht Blüthe einer Epoche, Gesundheit
einer Periode, es ist Gipfel der Geschichte, #zweite Erlösung der
Menschheit#. Nicht auf Masse, Umfang, Quadratmeilen steht die
Vorsehung, sondern auf den Geist, der auf den verschiedensten Punkten
der Erde, in den verschiedenen Völkern lebt: wer den Erdball selber
anschaut, statt der Lichtstrahlen, die hin und wieder auf ihm vertheilt
sind, wird niemals ihren Gang nur ahnen können.
Die Geschichte kennt bis jetzt drei universelle Tendenzen
(Griechenland, als die Mutter der Weltbildung, hat sie alle drei
genährt): die römische Weltherrschaft[11], d. i. die absolute Macht
des Staats, die päpstlich-katholische, d. i. die absolute Gewalt der
Kirche, dazwischen die muhamedanisch-arabische, d. i. die Einheit
von Staat und Kirche. Die letztere ist zerfallen in sich; durch die
steigende Macht des Christenthums, der Kirche, ist die altrömische,
durch die wachsende Mündigkeit des Staats die neurömische Gewalt
gebrochen worden. Die vierte universelle Schöpfung gehört der neuern
Zeit: Staat und Kirche verbrüdert, d. i. weder die ausschließende
Despotie des Einen oder Andern, noch die Verschmelzung beider, sondern
ihr wahres Verhältniß, wurzelnd in der gerechtfertigten Wahrheit der
zwei Grundlagen, worauf sie beruhen. -- Das sei von vorn herein gesagt,
um zu zeigen, mit welchem Rechte ein weltumfassendes Gewicht einer
Zeit, wie die unsrige ist, beigelegt wird. --
Um das wahre Sein der Gegenwart vom trüglichen zu scheiden, ist
uns die Kenntniß der Gesetze nöthig, auf welche die Organisation
der Völkergruppen von Europa gebaut ist. Alles ist hier Ordnung,
nichts Zufall; die Gliederung der europäischen Völkerfamilie ist
eine dergestalt organische, daß Europa ohne sie zerfallen würde. Die
Analogie mit der ganzen menschlichen Familie soll das beweisen.
Man findet den alten Kontinent von zwei Raçen bewohnt, deren jede
in zwei scharf geschiedene Gattungen zerfällt. Kaukasier auf der
westlichen, Mongolen auf der östlichen Hälfte; im Südwesten als
Unterart dort die Semiten, hier die Chinesen. Gestalt und Bevölkerung
der ganzen Erde, alle Raçen die sie trägt (sie mögen primitiv sein,
oder nicht) erklären sich durch jene Vierheit. Amerika entspricht dem
kaukasischen, Afrika dem arabischen, Neuholland dem mongolischen,
Japan dem chinesischen Stamm. Kaukaser haben Amerika, Araber Afrika
bevölkert; eine Abart der mongolischen Gattung sind die Malayen, der
chinesischen die Japanesen.
Nicht anders gibt es in Europa zwei Stämme, in je zwei Gattungen
gespalten. Germanen auf der westlichen, Slaven auf der östlichen
Hälfte; im Südwesten die Westromanen, im Südosten die Ostromanen. Der
Geist ruht, wie oben, im Westen, der Zug der Geschichte geht, wie
oben, von Süden nach Norden: von Griechenland und Rom nach Germanien,
wie von Indien und Palästina nach Europa. Diese Organisation wird
durch die Bildungsgeschichte Europas gerechtfertigt. Das weströmische
Reich hat die germanischen, das oströmische Reich die slavischen
Völker zur Bildung, wie zur Vermischung überkommen: so mußten dort
die westromanischen, hier die ostromanischen (griechisch-slavischen)
Stämme entstehen. Die Slaven (heutzutage Rußland) stellen in Europa das
Princip der Barbarei vor, das heißt der materiellen Gewalt, wie die
Mongolen in der alten Welt überhaupt. Die Romanen mit ihrem unstäten,
entzündlichen Geist, ewig anregend und weckend, gleichen den Semiten,
aus denen (durch drei Religionsstiftungen) der Anstoß aller Geschichte
hervorgegangen ist; die Germanen sind für Europa, was die Kaukasier für
die Erde; der Weltgeist ruht auf ihnen, sie bilden die oberleitende, im
letzten Grund bestimmende Macht. In Ostromanien endlich vereinigen sich
die europäischen Tendenzen, wie in China die ostasiatischen, es ist das
Areal Europas, wie China der Sitz des Reiches der Mitte.
Jeder der genannten Stämme Europas strebt nach der Beherrschung des ihm
analog Verwandten. Die Germanen werden zu den Kaukasiern (englische
Macht in Indien und Persien), die Romanen zu den Arabern (Zug der
Franzosen und Spanier nach Aegypten und Afrika), die Russen zu den
Mongolen (Ausbreitung der russischen Macht in der Tartarei, in Ostasien
überhaupt), hingezogen. Umgekehrt sind früher die Spanier von den
Arabern, die Russen von den Mongolen beherrscht worden. Man vermißt
eine ähnliche Berührung der Ostromanen und Chinesen, weil die Wesenheit
beider weniger in ihrem selbstständigen Charakter, als in der Beziehung
auf die andern, in der Zusammenfassung liegt[12]. Im Uebrigen liegt in
dieser Parallele die äußere Zukunft Europas, die künftige Gestaltung,
die Einheit der Erde.
Gleicher Weise herrscht in der Organisation der Familien Europas
ein Gesetz, das in anderer Form denselben Grundzügen, wie das obige
folgt. Wir sahen im Allgemeinen zwei Grundraçen, in je zwei Gattungen
getheilt. Im Einzelnen findet man jede Familie in drei Nationen
gespalten, von denen je zwei den Typus der Familie ausdrücken, die
dritte, in eigenthümlicher Art, den Uebergang zur nächsten oder die
Vermittlung zwischen mehreren bildet[13]. Deutsche und Skandinavier,
Franzosen und Spanier, Russen und Polen, Griechen und Wallachen,
sind die Nationen von rein germanischer, westromanischer, slavischer,
ostromanischer Natur. Ungarn ist dem germanischen, Serbien dem
slavischen, Italien dem ostromanischen, England dem westromanischen
Typus, jedes innerhalb seiner Sphäre, nahe gerückt. Selbst in
Zusammensetzung der Nationen (in Engländern, Schottländern, Irländern,
in Dänen, Schweden, Norwegern) kehrt die Dreiheit und in derselben Art
wieder. Was hierüber hinausgeht, ist nicht in dauerndem Organismus,
nur in zeitiger Entwicklung begründet. Holland, Belgien, die Schweiz,
Altpreußen, Portugal mögen frei bleiben, wie sie es sind, aber nie
werden sie es in Wahrheit sein, ohne dem größern Organismus sich
unterzuordnen, dessen ausgeprägtere Glieder sie sind. Dänemark,
Norwegen, Schweden können, was sie sein sollen, niemals werden,
ohne einig zu sein. Die Natur will überall Freiheit, Leben und
Eigenthümlichkeit, aber sie will es nach einer bestimmten Ordnung,
welcher die Freiheit selbst nicht zuwiderlaufen darf, ohne zur Willkühr
und eben dadurch zur Schwäche herabzusinken.
Das sind die Gesetze, nach denen das Wachsthum und die Harmonie Europas
sich regelt. Man werfe nicht ein, daß sie aus der jetzigen Lage der
Dinge, zum Theil aus den neuesten Ereignissen geschöpft sind, daß
ihre Dauer in Zukunft so wenig verbürgt ist, als ihr Dasein in der
Vergangenheit. Europa ist noch jung, es ist nicht lange her, daß die
Engländer, daß die Spanier, die Russen sich konsolidirt haben, die
neueste Zeit erst hat die Griechen zur Nation gemacht, die Türken an
den Rand der Vernichtung geführt, erst sie hat überhaupt #den Begriff
der Nationalitäten# zum Bewußtsein erhoben. Jene Harmonie, obwohl in
unsern Tagen erst durchschimmernd, lag doch vor Jahrtausenden schon im
Keime in der Gestaltung Europas, gerade wie im Embryo alle Bedingungen
des vollkommenen Körpers gegeben sind.