FRAU SELICKE (immer noch in derselben Stellung): Komm. Vater! ... Wir
wollen uns von jetzt ab -- rechte Mühe geben ... Wir wollen vernünftig
sein ... Es soll nun anders werden bei uns .... Nich wahr, Vater?
SELICKE (richtet das Gesicht in die Höhe und sieht sie mit einem todten,
ausdruckslosen Blick an. Frau Selicke starrt ihn eine kleine Weile
angstvoll an und richtet sich dann, den Schürzenzipfel vor den Augen,
wieder auf. Selicke, der sich schwerfällig erhoben hat, bückt sich über
das Bett und küsst die Leiche. Weich, zärtlich): Leb wohl! ... Leb wohl,
mein gutes Linchen! ... _Du_ hast's gut! ... _Du_ hast's gut! ...
(Betrachtet die Leiche noch einen Augenblick, richtet sich dann in die
Höhe und wankt gebrochen in die Kammer, während Walter auf dem Sopha
noch lauter zu weinen anfängt und Albert sich, mit dem Gesicht gegen das
Fenster gewandt, laut schneuzt.)
(Kleine Pause.)
FRAU SELICKE (wieder in Thränen ausbrechend): Warum hat uns -- der liebe
Gott das -- Kind genommen?! ... und ich ... und ich -- muss mich --
weiterschleppen ... mit meinem Elend und meinem Leiden ... Ich muss mir
selber zur Last sein ... und ... Euch allen! ... Siehste? ... Als ich 'm
das eben sagte: er hat mich -- kaum angesehn! ... (Schluchzt krampfhaft
in ihr Taschentuch, in das sie sich, während sie sprach, geschneuzt hat.
Laut, sehnsüchtig): Ach, hol' mich bald nach, mein Linchen! Hol' mich
bald nach! ...
TONI (sie sanft umfassend): Mutterchen! ... Sprich doch nicht so! ...
Was sollten wir denn dann machen, wenn ... Ach! ...
FRAU SELICKE: Unser einz'ges ... unser einz'ges ...
TONI: (Beisst die Lippen zusammen. Ihr Oberkörper zuckt von
unterdrücktem Schluchzen.)
FRAU SELICKE: Was hat sie nun gehabt von ihrem armen, bischen Leben? ...
Und doch ... war sie immer ... so fröhlich und munter ... unsre einz'ge,
einz'ge Freude ... (Schluchzt.) Ach, was hatte man weiter von der Welt
...? ...
TONI (drückt Frau Selicke an sich): Mutterchen!
FRAU SELICKE: Was soll nu hier werden? ... Nun kann man sich nur gleich
aufhängen oder ... in's Wasser gehn ...
TONI: Mutterchen! ... Ach Gott! ...
ALBERT (tritt zu Frau Selicke hin und streichelt sie): Lass man,
Mutterchen! ... Es soll schon noch werden! ...
FRAU SELICKE: Ja! Für Euch! ... Für Euch wohl ... Für mich is' es 's
beste, Linchen holt mich nach ... So bald als möglich!
ALBERT: Nein, Mutterchen! ... Es soll Dir noch recht gut gehn! Warte
man!
FRAU SELICKE (weinend): Ach, ja, ja ...
TONI (ist wieder zu Walter gegangen und nimmt ihn bei der Hand): Walter,
komm!
WALTER (müde): Mich friert so!
TONI: Ja! Komm, mein Junge! ... Geh in die Kammer und leg' Dich hin! ...
Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen!
WALTER (steht auf; tritt mit Albert zum Bett. Beide betrachten
neugierig-ernst die Leiche. Walter weint.)
TONI: Geh in die Kammer, mein lieber Junge, und schlaf'!
WALTER (schmiegt sich an Frau Selicke): Mutterchen! ... Mutterchen! ...
FRAU SELICKE: Ja, ja? ... Na ja, mein armer Junge! ... Geh, leg' Dich
schlafen! ... Du bist todtmüde! ...
(Walter und Albert gehn in die Kammer.)
TONI (tritt wieder zu Frau Selicke hin): Du solltest Dich auch 'n
bischen ruh'n, Mutterchen!
FRAU SELICKE (nervös; bitterlich weinend): Siehste? ... Siehste, Toni?
... Kein Wort, kein Sterbenswörtchen hat er wieder für mich gehabt! ...
Er sah mich grade an, wie: na, was willst 'n _Du_? ... Wer bist 'n _Du_?
... Als ob ich 'n gar nichts anginge! ... Ach Gott! Was ist das für ein
elendes, elendes Leben gewesen die dreissig Jahre! ... Ach, wollt' ich
_froh_ sein, wollt' _ich froh_ sein, wenn ich an Deiner Stelle wäre,
mein Linchen! ... (Betrachtet die Leiche.) ... Sieh mal, Toni! ... Wie
hübsch sie aussieht! ... Wie schön! ... Sie lächelt ein'n ordentlich an!
... Wie schön weiss ... und wie ihre Haare glänzen! ... Ach, die lieben,
blonden Härchen! ... (Diese Worte gehen wieder in Weinen über.) Die
lieben, blonden Härchen! ...
TONI (die neben ihr steht und den Arm um sie gelegt hat): Ach nein,
Mutterchen! Der Vater wird ganz anders werden! -- Er ist ganz verändert!
...
FRAU SELICKE: Nein! Nein! Der wird _nie_ anders! In dem Blick ..., wie
er mich so ansah ..., da konnte ich so recht deutlich lesen: wenn _Du_
's doch wärst! ... Ach, und ich wollt 'm ja so _gerne_ Platz machen!
Weiss Gott im hohen Himmel! ... _Ach -- so -- gerne!_
TONI (traurig): Nein! _Das_ hat er _sicher_ nicht gedacht!
FRAU SELICKE: So _gerne_ wollt' ich 'm den Gefallen thun! ... So _recht_
aus _Herzensgrunde_ wünscht' ich das! ... Aber 's is, als ob der liebe
Gott grade _mich_ ausersehn hätte ... (Hat wieder zu weinen angefangen.)
TONI: Nein, Mutterchen! Du musst nicht so was denken! ... Siehste, wir
müssen uns jetzt alle recht zusammenschliessen! ... Sei nur recht gut
und geduldig mit ihm ... Du sollst sehn, dann wird es besser ... dann --
wird alles gut werden!
FRAU SELICKE: Ach, _ich_ bin ja schon immer zu allererst wieder gut! ...
Ich bin ja immer jedesmal zuerst wieder zu ihm gekommen und freundlich
mit 'm gewesen! .... Ach Gott, schon um 'n lieben Frieden willen! ....
Ich sehne mich ja nach weiter nichts mehr, als nach 'n bischen Ruh und
Frieden ... nur ein _bischen_ Ruh und Frieden ...
(Es klopft an Wendt's Thür.)
FRAU SELICKE (halb für sich, sich erinnernd): Ach Gott, Herr Wendt!
(laut) Herein?
(_Wendt_ tritt ein. Er ist bleich und sieht überwacht aus. Seine
Backen scheinen etwas eingefallen).
FRAU SELICKE (weinend): Herr Wendt! ... Ach, an Sie hab' ich auch noch
nich denken können! ... Sie müssen ja gleich abreisen .... Mein armer
Kopf is mir ganz verwirrt ...
WENDT: Oh ... (Macht eine abwehrende Handbewegung und tritt auf sie zu.)
Meine liebe, gute Frau Selicke ... (Drückt ihre Hand.)
FRAU SELICKE (mit der Schürze an den Augen, ist mit ihm an's Bett
getreten. Kann kaum sprechen vor Weinen): Sehn Sie ... da ...