TONI (weinend): Vater!! -- Vater!! (Rüttelt Selicke.)

SELICKE (aufwachend): Ae! -- Na! -- Lass ... Na ... (Hebt verdriesslich

den Kopf. Will wieder zurücksinken).

TONI: Vater!! (Ihn, ausser sich, an den Schultern packend).

SELICKE: Na -- ja doch! -- .. Was -- giebt's denn ... (Starrt um sich

und reibt sich die Stirn.)

TONI (weint heraus): Linchen -- ist todt ....

SELICKE (starrt sie an. Erhebt sich): Was -- Was ist mit -- Linchen?!

TONI: Ach, sie ist -- todt .... (Schluchzt. Selicke wischt sich über die

Stirn.)

SELICKE: L--Linchen?!! (Zuckt zusammen und geht auf das Bett zu. Toni

wankt ihm schluchzend nach. -- Selicke steht eine Weile stumm vor dem

Bett, dann bricht er schwer, mit einem dumpfen Stöhnen, auf dem Stuhl

zusammen. Die andern beobachten ihn stumm.)

TONI (sich plötzlich auf ihn zustürzend und ihm die Arme um den Hals

schlingend): Lieber Vater! -- Mein lieber Vater ...

(Währenddem geht Wendt's Thür auf und dieser tritt ins Zimmer.)

Dritter Aufzug.

Dritter Aufzug.

(Dasselbe Zimmer. Durch die zugezogenen Fenstervorhänge bricht

bereits der Morgen. Auf dem Tische, auf welchem Selickes Einkäufe

liegen, brennt noch trübe die Lampe. Der Weihnachtsbaum lehnt noch

beim Sopha gegen die Wand. -- Draussen auf dem Treppenflur hört man

Kinder lärmen und spielen. Eine helle, unbeholfene Stimme singt ein

Weihnachtslied. Der Gesang wird oft durch Schreien, Jauchzen, Lachen

und den Ton einer Blechtrompete und dann wieder vom Sänger selbst

unterbrochen. Zuweilen ist er so deutlich, dass man die Textworte

hören kann: »Des freuet sich der Engel Schaar ...« Selicke sitzt vor

dem Bett in stummer, dumpfer Trauer. -- Toni steht etwas seitwärts

von ihm neben Frau Selicke und hat den Arm um sie geschlagen. Beide

beobachten ihn mitleidig. -- Walter hockt auf dem Sopha, weint still

vor sich hin, sieht dann wieder zum Bett und zu Selicke hin, gähnt

ab und zu aus Uebermüdung und zittert vor Frost. -- Albert steht

neben dem Weihnachtsbaum, zupft in Gedanken an den Nadeln herum und

schielt dabei ab und zu zum Bett hinüber.)

FRAU SELICKE (mit müder Stimme, halb weinend): Die Lampe fängt an zu

riechen, Toni! ... Lösch aus! ... 's is hell draussen! ... Der Lärm auf

dem Flur! ... _Die_ kennen keine Sorgen ....

TONI (löscht die Lampe aus und zieht dann den Fenstervorhang zurück. Das

Morgenlicht fällt grau durch die verschneiten Scheiben in's Zimmer. --

Toni will auf die Flurthür zugehen und den Kindern verbieten, die

draussen immer noch lärmen; aber in diesem Augenblicke poltern sie

lachend, schreiend und blasend die Treppe hinunter. Der Lärm entfernt

sich unten im Hause und hört dann allmählich ganz auf.)

FRAU SELICKE: _Die_ sind fidel! ... (Sie tritt zu Selicke hin und legt

ihm sanft die Hand auf die Schulter; mit mitleidiger, bebender Stimme):

Vater! ... (Selicke, der, das Gesicht in den Händen, die Ellenbogen auf

die Kniee gestützt, vor sich hinbrütet, achtet nicht auf sie.) Vater!

... Komm! ... Vater! ... (Ihre Worte gehen in Weinen über.)

SELICKE (rührt sich; dumpf, mit zärtlichem Ausdruck): Du! ... Mein

Linchen! ... (Schluchzt unterdrückt.)

FRAU SELICKE (lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter und weint): Vater,

komm! ... Komm hier fort! ...

Die Familie Selicke: Drama in drei Aufzügen · 第 13 / 27 题