Bis in das 15. Jahrhundert hinein bleibt das Interesse am

Nibelungenliede lebhaft und wach; der Stoff wird sogar gelegentlich

dem Zeitgeschmack angepaßt. So wird um 1400 in der Handschrift ~b~ an

der Stelle, wo Dietrich die ankommenden Burgunden vor Kriemhilt warnt,

eine Interpolation eingelegt, die erzählt, Kriemhilt habe Röhren,

gefüllt mit Schwefel und Kohle (also Pulverminen), legen lassen, um die

Burgunden im Nachtlager in die Luft zu sprengen. Im 15. Jahrhundert

ist dann die ganze Dichtung neu überarbeitet und nach den Regeln der

Meistersinger sprachlich behandelt worden; es ist dies der Text, der

uns in der Handschrift ~k~ erhalten ist. Das Gedicht wird hier in

seinen beiden Abschnitten betitelt „die erste Hochzeit Kriemhilts mit

Siegfried“ und „die zweite Hochzeit Kriemhilts mit Etzel“.

Dann aber fängt das Interesse an zu erlöschen. Der letzte namhafte

Mann, der zu unserm Liede in Beziehung steht, ist Kaiser Maximilian I.,

der letzte Ritter. Er hat das sog. Heldenbuch an der Etsch (offenbar

eine ältere Sammelhandschrift, von der vermutlich ~O~ ein Rest ist)

abschreiben lassen und dadurch in den Jahren 1502-1517 die noch

erhaltene große Ambraser Sammelhandschrift geschaffen, die auch unser

Lied enthält (~d~). Es ist die letzte Handschrift unseres Gedichtes.

Gedruckt worden ist das Lied in alter Zeit nicht. Mit dem Augenblicke,

da der Buchdruck durchgedrungen war, ist das Interesse an ihm erlahmt;

warum, ist schwer zu ersehen; wahrscheinlich, weil der Geschmack des

Liedes für die damalige Zeit auf der einen Seite zu ritterlich-vornehm,

auf der andern aber wieder zu volkstümlich-einfach war; die einfachern

Kreise mochten es seiner Vornehmheit wegen nicht, und die vornehmern

hatten ihre Neigung bereits den neu auftretenden humanistischen Stoffen

zugewendet. Wir finden nun an Stelle des Liedes im 16. Jahrhundert

nur das gedruckte, wenig wertvolle Gedicht vom „Hürnen Seifrid“,

das bis 1611 immer wieder aufgelegt wurde, das sich aber nur an ein

untergeordnetes Publikum wendet. Bezeichnend ist die ebengenannte

Jahreszahl 1611: sieben Jahre vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges!

Von da an sind die älteren Dichtungen nicht mehr beachtet, also auch

nicht mehr aufgelegt worden, sondern in Vergessenheit geraten. Ja,

sogar die Erinnerung an die alte Sage, die doch in Oberdeutschland,

wenigstens was die Dietrichsage angeht, ganz lebendig im Volke haftete,

ist im Dreißigjährigen Kriege völlig erloschen. Nur in einer ganz

verzerrten Form hat die Nibelungensage diese Zeit überdauert: im sog.

Volksbuch vom gehörnten Siegfried. Der erste erhaltene Druck dieses

Buches stammt aus dem Jahre 1726; der Text selbst ist vielleicht noch

etwas älter. Er ist in ganz rohem Geschmack hergestellt: auf der

einen Seite ist er äußerlich in die Höhe geschraubt durch Einführung

fremdklingender Namen, lateinischer Endungen u. dgl. (so heißt Gibich

jetzt Gibaldus, Kriemhilt Florigunda); auf der andern Seite wieder

sind komische Szenen eingelegt, Narrenstreiche und ähnliche höchst

unbedeutende kleine Episoden. Im großen und ganzen ist das Volksbuch

weiter nichts als eine Umarbeitung des „Hürnen Seifrid“. Es ist dann

immer wieder aufgelegt worden bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts

hinein, ohne daß die bessern Kreise sich um dasselbe irgendwie

gekümmert hätten. Auf dem Titel steht zu lesen: „Gedruckt in diesem

Jahr“; so wird dem ungebildeten Leser weisgemacht, daß er das Neueste

vom Jahre in der Hand habe. Die Behörden haben nicht nur den Gehörnten

Siegfried, sondern auch alle andern Volksbücher öfter verboten. Man

begreift ihr Vorgehen, wenn man auf den ungeläuterten Geschmack achtet,

der in diesen Büchern waltet: sie stehen ungefähr auf der Stufe der

modernen Hintertreppenromane. Aber die „albernen Dinge“ (wie die

einschreitenden Behörden die Volksbücher nannten) waren manchen Leuten

noch nicht albern genug; so konnte es geschehen, daß das Volksbuch vom

gehörnten Siegfried zweimal noch weiter heruntergezogen wurde: 1783

verbreiterte es ein ~Dr.~ Kindleben zu einem zweibändigen Volksroman

von mehr als 550 Seiten, und noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts

erschien eine Neubearbeitung unter folgendem bezeichnenden Titel:

„Siegfried und Florigunde. Oder: durch Gefahren wird die Tugend

gestärkt, und die Ausdauer in derselben belohnt. Eine mährchenhafte

Historie von den Abenteuern, welche Siegfried der Ungehörnte wegen

der schönen Florigunde bestanden hat. Erster Teil. Ganz umgearbeitet,

neu aufgelegt und in ein heilsames Lesebuch verwandelt.“ ~Sapienti

sat.~ Vor dem angekündigten zweiten Teile scheint das Publikum bewahrt

geblieben zu sein. Das Buch blieb der letzte direkte Ausläufer des

alten Stoffes; mit dem inzwischen bereits eingeleiteten Wiedererwecken

desselben hat es keinen Zusammenhang.

VIII.

Erneuerung der Kenntnis des alten Stoffes seit dem 18. Jahrhundert.

Der erste, der dafür tätig gewesen ist, daß wir wieder Geschmack und

Interesse für unsere ältere Literatur bekommen haben, und der deshalb

nicht vergessen werden darf, obgleich ihn seine jüngern Zeitgenossen

(im allgemeinen unverdienter Weise) viel geschmäht und dadurch fast

der Vergessenheit überliefert haben, ist Gottsched. Er hat 1752 dem

Heldenbuch und dem Hürnen Seifrid gelehrte Beachtung geschenkt; vom

Nibelungenliede weiß er noch nichts. Das lag damals noch für Gelehrte

und Ungelehrte im Staube der alten Bibliotheken vergraben. Erst drei

Jahre nach dieser ersten Betätigung Gottscheds auf dem Gebiete unserer

alten Literatur entdeckte ein junger Mediziner, Namens Obereit, bei

einem Besuche des Schlosses Hohenems in Vorarlberg 1755 am 29. Juni die

von uns jetzt mit ~C~ bezeichnete Handschrift des Nibelungenliedes,

und von diesem Augenblicke an ist das Gedicht neu belebt, denn durch

Obereit ward Bodmer, der Führer der Schweizer im Streite wider

Gottsched, bekannt mit der Handschrift und gab einen Teil von ihr

heraus: 1757 ließ er den zweiten Teil des Liedes samt der Klage von

einem zufälligen Punkte an, nämlich vom Wiedereinsetzen des Textes

nach der letzten Lücke von ~C~ (Str. 1682 Holtzmann) an, abdrucken.

Den fehlenden Eingang hat er durch eine eigene mittelhochdeutsche

Reimerei ersetzt, die ihm natürlich mißglückt ist. Die Ausgabe trägt

den Titel: „Chriemhilden Rache, und die Klage; zwey Heldengedichte

aus dem schwäbischen Zeitpuncte“. Viel Erfolg hat sie freilich nicht

gehabt, obgleich Bodmer selbst noch für die erste neuhochdeutsche

Bearbeitung gesorgt hat: im Jahre 1767, also zehn Jahre später,

veröffentlichte er unter dem Titel „Die Rache der Schwester“ eine

Übertragung des mittelhochdeutschen Textes seiner Ausgabe in deutsche,

wenig glücklich gebaute Hexameter. Wenn auch damit nicht allzuviel

für das Lied geschehen war, so war doch ein Schritt getan, auf dem

weiter gebaut werden konnte; das Interesse war geweckt. Nach kaum einem

Menschenalter ist ein jüngerer Gelehrter, ein Schüler Bodmers, Myller,

in der Lage, nicht bloß das Nibelungenlied, und zwar vollständig,

sondern eine größere Anzahl von Gedichten aus dem deutschen Mittelalter

in einer Sammlung herausgeben zu können, auf die bereits hervorragende

Personen subskribieren, und die sich sogar an die höchsten Stellen

wendet: Myller erbat und erhielt noch 1780 von König Friedrich II.

von Preußen die Erlaubnis, ihm das Sammelwerk zueignen zu dürfen. Im

Jahre 1782 erschien daher als erstes Stück der Myllerschen Sammlung die

erste vollständige Ausgabe: „Der Nibelungen Liet, ein Rittergedicht aus

dem XIII. oder XIV. Jahrhundert. Zum ersten Male aus der Handschrift

ganz abgedruckt“. Myller legte Bodmers Ausgabe zugrunde und fügte

den ersten Teil aus einer Bodmer gehörigen Abschrift hinzu; als

Bodmer sich seinerzeit diese Ergänzung zu seinem Texte aus Hohenems

verschaffte, war aber ein Irrtum untergelaufen: in Hohenems lagen ja

zwei Handschriften, nämlich außer ~C~, auf der Bodmers Ausgabe beruht,

noch ~A~; letztere wurde zufälligerweise zur Ergänzung benutzt, und so

stellt sich die erste vollständige Nibelungen-Ausgabe in ähnlicher Art

als Mischtext dar, wie es um 1300 mit der Gruppe ~Db~ und um 1450 mit

der Bearbeitung ~k~ der Fall war. Daß die Handschriften ~C~ und ~A~

im Texte ziemlich weit voneinander abstehen, konnte man um 1780 noch

nicht beurteilen. Das Werk war, wie gesagt, keinem Geringern gewidmet

als Friedrich dem Großen, und ihm natürlich auch ein Exemplar übersandt

worden. Dafür hat sich der König in einem höchst charakteristischen und

eigentümlichen Briefe bedankt, aus dem hervorgeht, daß damals die Zeit

des Verständnisses für unsere ältere Literatur noch nicht gekommen war,

am allerwenigsten Friedrich dem Großen, der ja nicht einmal an der eben

neuerblühten deutschen Literatur irgendwelchen Anteil nahm. Der Brief

lautet:

Hochgelahrter, lieber getreuer.

Ihr urtheilt, viel zu vortheilhafft, von denen Gedichten, aus dem

12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur

Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner

Einsicht nach, sind solche, nicht einen Schuß Pulver, werth; und

verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit, gezogen zu

werden. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens, würde Ich, dergleichen

elendes Zeug, nicht dulten; sondern herausschmeißen. Das Mir davon

eingesandte Exemplar mag dahero sein Schicksal, in der dortigen

großen Bibliothec, abwarten. Viele Nachfrage verspricht aber solchem

nicht, Euer sonst gnädiger König

Potsdam, d. 22. Februar 1784. Frch.

Der Brief wird auf der Züricher Bibliothek unter Glas und Rahmen

aufbewahrt. Er ist geschrieben nach Vollendung des ersten Bandes der

Sammlung, der außer den Nibelungen noch die Eneit, den Parzival und

den Armen Heinrich enthält, bezieht sich also nicht ausschließlich auf

unser großes Epos (der König spricht ja auch von „denen Gedichten“);

man hat deshalb neuerdings geglaubt, die Nibelungen von des Königs

hartem Urteil entlasten zu dürfen. Allein das ist vergebliches Bemühen:

sie gehören eben gleich als erstes mit zu „denen Gedichten“, und es

wäre sehr merkwürdig, wenn Friedrich bei seiner, wenn auch einseitigen,

doch offenbar ehrlichen Kenntnisnahme gerade am ersten Stücke

vorübergegangen wäre. Vom Standpunkte des Königs Friedrich ist diese

Mißachtung unsers Gedichts wohl zu verstehen, denn wir müssen erst von

seinen Anschauungen hinweg über Goethe bis in die Romantik hinein, ehe

wir wirklich Interesse und Geschmack für unsere alte Vergangenheit

erwarten dürfen.

Wichtig für die weitere Entwicklung unserer Kenntnis des alten Liedes

sind die Vorlesungen, die August Wilhelm Schlegel in den Jahren 1802

und 1803 in Berlin gehalten hat. Diese Vorlesungen sind zwar nicht

gedruckt worden, allein es wohnte ihnen ein Mann bei, der dann sein

ganzes Leben der Germanistik und in erster Linie dem Nibelungenliede

gewidmet hat, Friedrich Heinrich von der Hagen. Er hat zuerst im Jahre

1807 den Versuch gemacht, eine Erneuung des Liedes zu schaffen, d.

h. die alte Sprachform der neuhochdeutschen im äußern Gewande, der

Orthographie, vielleicht auch in der Wortwahl, so weit anzunähern,

daß man den alten Text zur Not mit Verständnis lesen konnte. Diese

Erneuung ist nun freilich noch keine Übersetzung; ohne Wörterbuch

kommt Hagen noch nicht aus; sie bedeutet aber einen gewaltigen Schritt

vorwärts, auch insofern, als hier zum ersten Male die strophische Form

der alten Dichtung erkannt war. 1810 ließ Hagen seine erste Ausgabe

des alten Textes erscheinen; freilich bot sie (und ebenso die bald

darauf geschaffene, eingangs erwähnte Zeunesche) noch die Myllersche

Handschriftenmischung. Doch bald darauf erkannte Hagen den bisher

obwaltenden Irrtum, und in der zweiten, 1816 erschienen Auflage seiner

Ausgabe hat er die St. Galler Handschrift (~B~) zugrunde gelegt und so

zum ersten Male einen authentischen Text dargeboten. In seinem langen,

bis 1856 währenden Leben hat er am Liede immer weiter gearbeitet.

Die erste kritische Ausgabe unseres Gedichtes lieferte 1826 Karl

Lachmann; er legte den von der Hohenems-Münchner Handschrift ~A~

gebotenen Text zugrunde, weil er ihn, als den kürzesten, auch für den

ältesten hielt; alle übrigen Handschriften enthielten nach seiner

Meinung nur Überarbeitungen, also ~B~ sollte auf Grund von ~A~, ~C~

auf Grund von ~B~ entstanden sein usw. Mit seiner Anschauung vom

Werte der überlieferten Texte verband Lachmann seine Theorie vom

Ursprunge des Gedichtes, die er bereits 1816 in seiner Schrift „Über

die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noth“

dargelegt hatte und 1836 unter dem Titel „Zu den Nibelungen und zur

Klage: Anmerkungen“ im einzelnen ausführte. Er nahm an, daß der Text

nichts weiter sei, als die Überarbeitung einer Sammlung von zwanzig

an sich selbständigen Liedern, die im allgemeinen inhaltlich eins auf

das andere folgten und, wenn nötig, durch eingelegte Zwischenstücke

verbunden worden wären; auch glaubte er, diese Lieder noch in allen

Einzelheiten wiederherstellen zu können. Er stützte sich bei seiner

Arbeit auf das häufige Wechseln des Tones, das er allerdings, wie man

zugestehen muß, mit großer Sicherheit herausempfunden hat, sowie auf

das Vorhandensein mehrerer Widersprüche. Von letzteren sind zwei (der

bei der Verwechslung von ~Treisenmûre~ und ~Zeizenmûre~ obwaltende

und derjenige, der Dankwarts Lebensalter betrifft) bereits vorhin (S.

105 und 85) erörtert worden; ein dritter besteht darin, daß Günther

in Str. 911 (Bartsch) die Jagd, auf der Siegfried ermordet werden

soll, im Wasgenwalde ansetzt, während sie doch dann, von Worms aus

gerechnet, jenseits des Rheines stattfindet; er erledigt sich nach

unserer vorhin vorgetragenen Anschauung als einfacher Schreibfehler

der Grundhandschrift der Not-Gruppe. -- Ferner war Lachmann, als er

sich dem Nibelungenliede zuwandte, beeinflußt von der Homerkritik

Friedrich August Wolfs; er glaubte dessen für das griechische Altertum

gültige Anschauungen auf das deutsche Mittelalter übertragen zu

dürfen; daß dies nicht angängig ist, bedarf heute wohl kaum einer

Widerlegung. Immerhin gewährt die Liedertheorie stellenweise die

einzige Möglichkeit, Fragen, die der überlieferte Text dem gelehrten

Kritiker stellt, zu lösen, und wir haben sie selbst, wenn auch in

bescheidenem Umfange, bei der Untersuchung des Stoffes angewendet; es

ist nur keineswegs angängig, eine Lösung auf dem Wege anzustreben, daß

man nebeneinander liegende Stücke einfach wie mit einem Scherenschnitte

voneinander trennt; übereinander liegen die Schichten, die die lange

Entwicklung des Stoffes abgesetzt hat, nicht nebeneinander.

Bei der Abgrenzung der echten und unechten Teile im einzelnen hat

sich Lachmann von der Vorstellung leiten lassen, daß jedes „echte“

Lied aus einer Anzahl von Strophen bestehe, die durch sieben teilbar

sein müsse. Er hat sich darüber nicht geäußert; erst kurz nach seinem

1851 erfolgten Tode erkannte Jakob Grimm dies merkwürdige Verhältnis.

Lachmanns unbedingte Anhänger versuchten auch die Geltung der

Siebenzahl zu erhärten, doch ohne irgendwelche schlagenden Gründe.

Nachdem die Meinung, daß der echte Nibelungentext allein in der

Handschrift ~A~ vorliege, ein Menschenalter hindurch unbedingt

geherrscht hatte, traten im Jahre 1854 kurz nacheinander zwei

Gelehrte mit der Ansicht hervor, daß der echte Text vielmehr durch

die Hohenems-Laßbergische Handschrift ~C~, als die vollständigste und

inhaltlich am besten abgerundete von allen, repräsentiert werde, ~B~

aber und gar erst ~A~ verkürzende Bearbeitungen des in ~C~ vorliegenden

Originales seien; es waren Adolf Holtzmann („Untersuchungen über das

Nibelungenlied“) und Friedrich Zarncke („Zur Nibelungenfrage“); sie

verwarfen natürlich auch die Liedertheorie und behaupteten einheitliche

Konzeption des Gedichtes. Ihr Auftreten war das Zeichen zum Ausbruche

eines heftigen, mit großer Hitze geführten Gelehrtenstreites;

er ist begreiflich, denn während Lachmann von dem kürzesten und

schlechtesten Texte ausgegangen war, verfielen Holtzmann und Zarncke

in das entgegengesetzte Extrem, indem sie den längsten, zweifellos

interpolierten Text zugrunde legten (auch in ihren, zuerst 1857, bez.

1856 erschienenen Ausgaben).

Einen vermittelnden Standpunkt nahm zuerst Karl Bartsch ein; nachdem

er ihn bereits 1862 auf einer Philologenversammlung geltend gemacht

hatte, legte er ihn im einzelnen dar in seinen 1865 erschienenen

„Untersuchungen über das Nibelungenlied“. Nach seiner Meinung ist

der Originaltext verloren; wir besitzen nur zwei zu Ende des 12.

Jahrhunderts entstandene und im wesentlichen durch die Handschriften

~B~ und ~C~ repräsentierte Überarbeitungen desselben; diese

Überarbeitungen sollen durch den Umstand veranlaßt sein, daß das

Original in seiner Reimtechnik noch ziemlich unvollkommen gewesen

sei; die fortgeschrittenere Kunst des ausgehenden 12. Jahrhunderts

habe reinere Reime verlangt und dadurch zwei Männer, die voneinander

nichts wußten, bewogen, das Original im wesentlichen reimbessernd zu

überarbeiten.

Bartschs Theorie hat sich viel Anhänger erworben, besonders in der

Anschauung, daß die Handschrift ~B~ zwar nicht das Original, wohl aber

einen diesem sehr nahestehenden Text biete; dagegen hat die Meinung,

daß Reimungenauigkeit die Ursache der doppelten Überarbeitung sei,

fortgesetzt an Boden verloren, weil 1) die große Mehrzahl aller Reime

beiden Bearbeitungen eigen ist, also aus dem Original stammt, aber auch

ohne Tadel ist, und 2) Bartsch so verfährt, als ob jede Abweichung der

beiden Texte voneinander lediglich durch ungenauen Reim des Originals

veranlaßt sein könnte. In dieser Beziehung ist Bartschs Theorie durch

Hermann Paul („Zur Nibelungenfrage“, 1876) wesentlich modifiziert

worden; er gibt zwar zu, daß ~B~ und ~C~ Paralleltexte sind, die auf

ein verlorenes Original zurückweisen, lehnt aber die Begründung der

Abweichungen auf Reimungenauigkeiten des Originals ab.

Wesentlich gefördert, besonders in bezug auf die Bestimmung

aller einzelnen Handschriften, ist neuerdings unsere Kenntnis

worden durch die schon erwähnte Schrift von Wilhelm Braune „Die

Handschriftenverhältnisse des Nibelungenliedes“ (1900); auch ihm sind

~B~ und ~C~ im wesentlichen Paralleltexte, doch steht nach seiner

Meinung ~B~ dem Original so nahe, daß es für dasselbe gelten kann;

~C~ dagegen ist für Braune eine allmählich entstehende planmäßige

Überarbeitung: ihr Autor soll längere Zeit an ihr tätig gewesen sein,

die erste Stufe seiner Arbeit in ~d~ und ihren nächsten Verwandten,

die zweite desgleichen in ~I~ und die vollendete erst in ~C~ uns

vorliegen; es ist die vorhin eingehend erörterte, schwierig zu

beurteilende Handschriftengruppe Id, die Braune zu dieser immerhin

seltsamen Anschauung veranlaßt hat. Wie diese Gruppe auch einzuordnen

sein mag, jedenfalls steht heutzutage fest, daß ~B~ dem Originale des

Gedichtes am nächsten steht, daß ~C~ stark überarbeitet ist, und daß

~A~ auf irgendwelchen selbständigen Wert keinerlei Anspruch machen

kann; alles übrige mag immer noch nach subjektivem Empfinden beurteilt

werden.

Es konnte an dieser Stelle nicht meine Aufgabe sein, alle Arbeiten zu

erwähnen, die unsere Kenntnis von Nibelungenlied und Nibelungensage

gefördert haben; nur die Marksteine der Entwicklung unserer Kenntnis

sollten hervorgehoben werden, und das ist geschehen, soweit die

wissenschaftliche Seite in Frage kommt; nicht geringer aber ist das

Verdienst derjenigen, die in erster Linie dahin gewirkt haben, die alte

Dichtung unserm Volke wieder näher zu bringen, der Übersetzer und der

modernen Bearbeiter. Von jenen erwähne ich nur Karl Simrock, der seine

Übersetzung bereits 1827 erscheinen ließ; heute (1906) liegt sie in

58. Auflage vor; sie ist diejenige, die sich am treuesten von allen

dem Original anschmiegt, und deshalb besonders geeignet zur ersten

Einführung in das Verständnis des alten Gedichtes. Daher habe ich sie

1909 für Meyers Klassiker-Ausgaben neu herausgegeben, sowie mit einer

Einleitung und den Text Schritt für Schritt begleitenden Anmerkungen

versehen.

IX.

Die wichtigsten modernen Bearbeitungen der Sage.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat eine ganze Reihe von Dichtern

ihre Stoffe aus dem alten Liede und aus den verwandten Gebieten

entnommen; in moderner, freier Weise sind sie unter Bewahrung ihrer

dichterischen Selbständigkeit auf Grund der alten Sage dichterisch

wirksam gewesen; sie alle hier aufzuzählen und durchzusprechen, wäre

ganz unmöglich; nur die drei bedeutendsten, Richard Wagner, Friedrich

Hebbel und Wilhelm Jordan, sollen erwähnt und gewürdigt werden. In

der Reihenfolge wie sie eben genannt sind, haben sie ihre Texte

verfaßt, aber ihre Wirkung hat sich in ganz anderer Folge geltend

gemacht. Wagner war unter ihnen der erste, der sich als moderner

Dichter des alten Stoffes bemächtigte. Er hat sein dramatisches

Gedicht „der Ring des Nibelungen“ im Jahre 1853 vollendet, in der

Zeit seines Aufenthaltes in Zürich, als er infolge seiner Beteiligung

an der Dresdener Revolution in der Verbannung lebte. In Zürich stand

er in Beziehung zu den Gelehrten der Universität, besonders dem

Germanisten Ludwig Ettmüller; man erkennt aus der Art, wie Wagner den

Stoff angreift, sehr deutlich den damaligen Stand der Wissenschaft,

insbesondere der Sagenforschung. Wagner ist durchaus von ihm abhängig,

ein Umstand, aus dem man Wagner natürlich keinen Vorwurf machen kann.

Eher kann man ihm vorwerfen, daß er (obgleich er als Dichter das Recht

dazu hat) gar so willkürlich mit dem Stoffe umspringt. Er hat die

Erzählung auf der einen Seite nur bis Siegfrieds Tod durchgeführt,

so daß der ganze grandiose zweite Teil vollständig wegfällt; auf

der andern Seite hat er die Geschichte der Siegfriedsage, verführt

durch die damalige Anschauung der Mythenforscher, in die Göttersage

hinaufgehoben.

Sein Werk besteht aus vier Teilen: Dem Vorspiel „Rheingold“ und den

drei Teilen der Trilogie „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“.

-- Im „Rheingold“ schildert Wagner im Anschluß an die Darstellung

der Edda, aber unter ganz freier Umgestaltung dieser Geschichte, die

Herkunft des Ringes. Dieser Ring ist das wesentlichste Stück des

Hortes, denn er kann den Hort immer neu gebären; solange der Ring

existiert, wird der Hort nicht kleiner. „Der Ring des Nibelungen“

heißt Wagners Gedicht. Der Nibelunge, den der Titel meint, ist der

ursprüngliche Besitzer des Rings. Im „Rheingold“ also wird erzählt, wie

diesem ursprünglichen Besitzer, der ein Abbild des Zwerges Andvari der

Edda ist, der Hort entrissen wird.

In der „Walküre“ wird entwickelt, wie die Walküre Brynhild dazu

kommt, sich Wodans Willen zu widersetzen, so daß sie vom Gotte

bestraft und in Schlaf versenkt wird; diese von uns als jüngste

Fassung charakterisierte Form der Brynhild-Geschichte hat Wagner als

Grundlage gewählt, weil der Gott hier tätig eingreift; Wagner geht von

der Voraussetzung aus, daß die Beziehungen der Nibelungensage zu den

Göttern alt seien; ja, er hat die Entwicklung der Nibelungengeschichte

direkt als einen Teil der Entwicklung der Göttergeschichte hingestellt.

Im zweiten Hauptteile „Siegfried“ wird dann geschildert, wie der junge

Siegfried aufwächst, den Drachen tötet und die Walküre befreit.

Der Sagenkreis der Nibelungen · 第 11 / 14 段