Das den beiden um 1200 und 1240 entstandenen Bearbeitungen zu

Grunde liegende Original hat, wie wir gesehen haben, die angehängte

Klagedichtung bereits besessen; auch war es in bezug auf die Technik

der Metrik und des Reimes schon ziemlich hoch entwickelt, denn die

überwältigende Mehrzahl aller Verse der beiden Bearbeitungen hat ihm

bereits angehört. Es kann also seine Gestalt nicht allzulange vor der

ersten Bearbeitung und keinesfalls vor dem Jahre 1170 gewonnen haben;

die um 1200 vorgenommene Bearbeitung ist nicht durch formale, sondern

durch inhaltliche Bedenken, in erster Linie durch das Streben, Lied und

Klage miteinander auszugleichen, veranlaßt worden.

Derjenige, der das durch Vergleichung der beiden Bearbeitungen uns

noch im wesentlichen erreichbare Original geschaffen hat, ist nun noch

nicht derjenige, den wir als den eigentlichen Nibelungendichter zu

betrachten haben, sondern es ist vermutlich derselbe, der die Klage

angehängt hat; dieser „Klagedichter“ hat gewiß auch seine Tätigkeit auf

das Lied selbst ausgedehnt; sicher hat er ihm die vierzehn[54] Strophen

eingefügt, die den Bischof Pilgrim erwähnen (1295-99. 1312. 1330. 1427.

1428. 1495. 1627-30 Bartsch); sie lassen sich ohne jede Schwierigkeit

herausheben.

Ein Nibelungenlied mit Anhang (Klage) setzt notwendig ein

Nibelungenlied ohne einen solchen voraus; wir kommen also ohne

Schwierigkeit noch um eine Stufe weiter zurück und erreichen damit

endlich die Tätigkeit des Mannes, den wir als den eigentlichen

Nibelungendichter ansprechen dürfen. Von ihm dürfen wir behaupten,

daß er ein Mann ritterlichen Standes und ein Österreicher war, da

auf ihn doch wohl die genaue und sachkundige Beschreibung der Reise

Kriemhilts zurückgeht; auch die oft durchblickende Abneigung gegen

die Bayern macht das wahrscheinlich. Wien ist ihm eine wichtige und

bedeutende Stadt, in ihr läßt er Kriemhilts zweite Hochzeit gefeiert

werden; es ist aber, wenn auch alt, doch erst durch den ersten Herzog

Österreichs, Heinrich († 1177), wieder aus jahrhundertelangem Verfall

erhoben worden; Heinrichs Sohn und Nachfolger war der bekannte Leopold

I. († 1194), der Gönner Reinmars des Alten, des Lyrikers; unter ihm

erlangte der Wiener Hof jene Bedeutung als Pflegstätte edler Kunst, als

welche er in der deutschen Literaturgeschichte bekannt ist. So werden

wir schwerlich weit neben das Ziel treffen, wenn wir annehmen, daß

der eigentliche Nibelungendichter unter Leopold I. und dem Einflusse

seines Hofes gewirkt hat, also etwa 1180-1190. An seinem Werke ist

manches auffällig, was schon bei der Besprechung des Inhalts erörtert

worden ist; sein Anteil an der Stoffmasse ist bedeutend: der ganze

erste Teil des Liedes und der Anfang des zweiten bis gegen Str. 1526

(vgl. nachher) ist formal ganz von ihm gestaltet und auch inhaltlich

von ihm mit Ausnahme der Grundzüge im wesentlichen erst geschaffen;

auf ihn gehen u. a. das Prinzentum Siegfrieds und die durch dasselbe

bedingten Szenen, auf ihn die Umschaffung des Spielmanns Volker in

einen ritterlichen Sänger zurück. In der Schlußpartie des Epos benutzte

er offenbar eine im wesentlichen bereits fertig vorliegende Darstellung

(die älteste „Nibelunge Not“), die auch dem Verfasser der Thidrikssaga

bekannt gewesen ist; er hat sie stark überarbeitet und durch Einfügung

neuer Szenen und Personen (besonders des Dankwart) beträchtlich

erweitert. Sein Anteil läßt sich mit Hilfe der Thidrikssaga ziemlich

genau bestimmen: den Fährmann hat er aus einem einfachen, um Lohn

arbeitenden Manne in einen Grenzwächter der Bayernfürsten umgeschaffen;

die Verfolgung durch die Bayern und der daraus sich ergebende Kampf ist

sein Werk, ebenso die Angabe, daß die Burgunden mit einem Heere von

zehntausend Mann nach dem Hunnenlande gezogen seien; endlich gehört

ihm im wesentlichen die Reihe von Szenen, die im einzelnen so prächtig

ausgeführt sind, jedoch mit dem Geiste der ganzen Geschichte vielfach

im Widerspruch stehen: sie setzen ein unmittelbar nach dem feindseligen

Empfang durch Kriemhilt mit der Erzählung, daß Hagen und Volker sich

dem Palaste der Königin gegenüber herausfordernd hingesetzt hätten, und

schließen mit der unbegreiflichen Entlassung der Hauptgegner aus dem

Saale; innerhalb dieser Partie blickt nur selten die alte Grundlage

durch, deren Gang etwa der folgende gewesen sein muß: die Nibelunge

richten sich, nachdem man sie nächtlicherweile zu überfallen versucht

hat, in dem ihnen angewiesenen Hause zur Verteidigung ein; um Etzel

zum Angriff fortzureißen, opfert Kriemhilt ihr Söhnchen, indem sie

Hagen zu seiner Tötung reizt, und nun folgt unter Hohnreden der

Nibelunge der Angriff der hunnischen Scharen. Der Rest der Dichtung,

im wesentlichen aus den vier Abschnitten: Irings Kampf, Saalbrand,

Rüdegers Kampf, Dietrichs Kampf bestehend, muß im großen und ganzen der

Vorlage entnommen sein.

Dieser eigentliche Nibelungendichter ist nun natürlich eben derjenige,

der die auffällige lyrische Form für das Epos gewählt hat, eine

Form, die nicht sein Eigen ist, sondern in den nicht lange vorher

entstandenen Liedchen des sogenannten Kürnbergers bereits vorliegt.

Pfeiffer hat aus dieser Übereinstimmung der Formen geschlossen,

eben dieser Kürnberger sei der Dichter unseres Liedes; wäre dies

richtig, so wäre uns damit nicht weiter geholfen, denn wir wissen vom

Kürnberger nur, daß er ein Österreicher war, und kennen nicht einmal

seinen Personennamen. Der Schluß ist aber nicht zwingend, denn seine

Voraussetzung, daß eine bestimmte Strophenform Eigentum ihres Schöpfers

sei, hat nie in dem angenommenen Umfang gegolten, vor allem nicht in

so alter Zeit; endlich aber erklärt er ja die Sonderbarkeit, daß ein

Epos lyrische Form aufweist, überhaupt nicht. Die einzige plausible

Erklärung ist vielmehr die, daß der Nibelungendichter die benutzte Form

in seinen Quellen, denen er mehr oder weniger wörtlich folgt, bereits

vorgefunden hat, und daß die Quellen volkstümliche Balladen gewesen

sind.

Daß das Nibelungenlied auf derartige Volksgesänge zurückgehe, hat

bereits der erste Gelehrte, der sich ernsthaft mit dieser Frage

beschäftigte, Karl Lachmann, 1816 in seiner Schrift „Über die

ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noth“ behauptet.

In der Durchführung des Gedankens ist er dann freilich weit über

das Erreichbare und sogar über das Wahrscheinliche hinausgegangen:

das Gedicht sollte entstanden sein aus einer Sammlung von zwanzig

ursprünglich selbständigen Liedern, alle von ein und derselben Form,

die inhaltlich aufeinander folgten[55] und durch Verbindungsstücke

zu einem Ganzen zusammengeschlossen worden seien. Die Verteidiger

und Ausgestalter dieser Liedertheorie (Müllenhoff, Rieger, Busch,

Henning) haben die großen Unwahrscheinlichkeiten, die darin liegen,

daß die Lieder alle die gleiche Form haben, alle im wesentlichen

unverändert im Epos stecken sollen, und zum Teil Erzählungsabschnitte

ohne selbständigen Wert behandeln, nicht zu beheben vermocht; in der

Form, wie Lachmann seine Theorie durchzuführen versucht hat, muß sie

heute als überwunden gelten. Anerkannt aber darf heute noch werden, mit

welch sicherem Gefühl Lachmann die einzelnen Unebenheiten des großen

Gedichtes erkannt und benutzt hat.

Eine Quelle, und zwar die wichtigste, die der Nibelungendichter benutzt

hat, ist mit unsern Mitteln noch leidlich zu erkennen; ihr Anfang

wird markiert durch das plötzliche Auftreten des Namens „Nibelunge“

im Sinne von Burgunden Str. 1526 (Bartsch); sie umfaßt den ganzen

letzten Teil vom Auszuge der Burgunden auf ihre letzte Fahrt bis zu

ihrem Untergange; auf sie allein paßt der alte, in der letzten Strophe

gegebene Titel „~der Nibelunge nôt~“.

Diese älteste „~Nibelunge nôt~“ muß als ein Werk volkstümlichen

Ursprunges von geringem Umfange aus der Zeit von 1150-1180 gelten; ihr

muß die Strophenform bereits eigen gewesen sein. Sie scheint dasselbe

Werk zu sein, dem der Verfasser des Grundstocks der Thidrikssaga seine

Kenntnis unserer Sage verdankt; denn wie der erste alte Bestandteil des

Liedes Siegfrieds Erscheinen in Worms ist, so schließt in der Saga sich

an die Isungsgeschichte Siegfrieds Bekanntwerden mit den Nibelungen

an, und von diesem Augenblicke an geben beide Quellen trotz aller

beiderseitigen Überarbeitungen und Zusätze bis zum großen Schlußkampfe

durchaus parallel laufende Darstellungen. Bis zum Auszuge der Nibelunge

nach dem Hunnenlande kann diese alte „~Nibelunge nôt~“ allerdings kaum

mehr als eine notdürftig orientierende Einleitung gegeben haben. Der

Nibelungendichter hat sie, überarbeitet und erweitert, seinem Epos

zugrunde gelegt; neben ihr hat er vielleicht auch noch andere Quellen

gehabt, deren Form und Umfang aber unbestimmt bleibt. Jedenfalls hat er

den bei weitem größten Teil des übrigen Gedichtes selbst geschaffen,

wie die zahlreichen rein höfischen Szenen ohne echten Sagengehalt

beweisen.

Noch eine Frage wäre zu beantworten: wie verhält sich die alte Ballade

zu der lateinischen Aufzeichnung unseres Stoffes im 10. Jahrhundert,

von der wir durch die „Klage“ Kunde haben? G. Roethe hat die Annahme

aufgestellt, daß das Werk des Schreibers Konrad ein Gedicht gewesen

sei wie Eckehards Waltharius (eine „Nibelungias“), und daß das

Nibelungenlied in seiner Grundlage eine deutsche Nachdichtung

jenes Werkes sei; die Möglichkeit ist zuzugeben, aber groß ist sie

nicht, denn 1. spricht der Klagedichter nur von einer lateinischen

Niederschrift und seitdem entstandenen deutschen Gedichten, was darauf

führt, Konrads Arbeit für Prosa zu halten, und 2. ist die Klage ja ein

verhältnismäßig junges Anhängsel zum Liede und dürfte eine Verbindung

zwischen diesem und Konrads Niederschrift überhaupt erst herstellen

(Einfügung des Bischofs Pilgrim).

Die Schicksale unseres großen Epos lassen sich nun im Schema

folgendermaßen darstellen:

älteste ~Nibelunge nôt~,

volkstümliche, balladenartige Dichtungen aus dem dritten Viertel des

12. Jahrhunderts.

|

|

Ritterliches Epos gleichen Titels, in Österreich entstanden

etwa 1180-1190.

|

|

Dasselbe um die „Klage“ erweitert und vielleicht etwas überarbeitet,

ungefähr 1190-1200.

|

|

+--------------------+---------+

| |

Vollkommenste Überarbeitung |

in rein höfischem Sinne, etwa |

1200-1210 (der ~Nibelunge |

liet~), uns durch die Hand- |

schriftengruppe ~Ca~ erhalten. |

|

Jüngere, treuere und volks-

tümlichere Überarbeitung,

etwa 1240-1250 entstanden,

löst das „~liet~“ in seiner

Geltung ab (daher Vulgata),

bleibt aber fortgesetzt von

ihm beeinflußt.

|

|

+------------------------------+-----+

| |

| |

Handschriftengruppe ~Id~. |

| |

| |

+----+--------------+ +---------+--------+

| | | |

| | | |

Unveränderter Zweig | Handschrift ~B~. |

derselben, hauptsächlich | +--------+---+

durch ~d~ repräsentiert. | | |

| | |

Zweig mit selbständigen | Handschriften-

Änderungen, | gruppe ~Db~.

hauptsächlich durch ~I~ |

repräsentiert. Die Mehrzahl der

Vulgata-Handschriften

(vollständig, aber

verkürzt, nur ~A~).

Kurze Erwähnung verdient noch eine formale Eigentümlichkeit, die für

die Beurteilung des Verhältnisses der beiden Hauptzweige nicht ohne

Bedeutung ist: nicht selten sind die Cäsuren eines Verspaares durch

Reim miteinander verbunden (Cäsurreim); solange innerhalb einer zwei

Verspaare umfassenden Strophe nur eins Cäsurreim aufweist, kann er

zufällig sein; sobald aber beide Verspaare ein und derselben Strophe

gereimte Cäsuren haben, muß das auf Absicht des Verfassers beruhen.

Nun sind im Nibelungenliede vereinzelte Cäsurreime zwar nicht gerade

häufig, kommen aber doch ab und an vor, und zwar auch so, daß sie für

die Vorlage beider Bearbeitungen gesichert sind. Durchgereimte Strophen

aber finden sich, vergleichsweise häufig, nur in den Zusatzstrophen

des Liet-Textes. Nun sind solche Strophen eigentlich keine Vierzeiler

mehr, sondern Achtzeiler mit überschlagenden Reimen, also eine andre

Kunstform; mischt sie der Liet-Bearbeiter dem alten Texte unbedenklich

ein, so zeigt er damit, daß ihm das Verständnis für ihre Besonderheit

noch nicht aufgegangen ist. Dies Verständnis fand sich erst gegen die

Mitte des 13. Jahrhunderts ein; der Not-Bearbeiter bedient sich daher

nie der durchgereimten Strophen, und der Interpolator der Gruppe ~Id~

hat es vermieden, solche aus dem Liet-Texte herüberzunehmen; dagegen

hat derjenige, der den erweiterten Anfang des Liet-Textes in den

Not-Text übertrug, nicht dieselbe Zurückhaltung bewahrt: von den beiden

durchgereimten Strophen dieses Stückes findet sich 17 in ~B~ und ~A~, 1

nur in ~A~.

VII.

Wirkung des Liedes in der alten Literatur. Allmähliches Erlöschen des

Interesses.

Das Erscheinen des Nibelungenliedes ist ein großes literarisches

Ereignis gewesen; man erkennt dies nicht nur aus der Tatsache der

wiederholten Überarbeitungen und der großen Zahl der Handschriften,

sondern vor allem auch daraus, daß vom 13. Jahrhundert an zahlreiche

Epen in der Nibelungenstrophe oder einer nahe verwandten Form

auftauchen. Das älteste derartige Gedicht, von dem wir allerdings nur

dürftige Bruchstücke besitzen, ist die mittelhochdeutsche Bearbeitung

der (vorhin besprochenen) Walthersage. Hier ist die Nibelungenstrophe

dadurch variiert, daß die vorletzte Halbzeile um zwei Hebungen

verlängert ist, z. B.

~er pflác des lándes nâch der krône réhté,

wand im riet diu júncfrówe dáz~.

Inhaltlich ist die alte Walthersage dadurch verändert, daß Hagen zur

Zeit von Walthers Flucht noch an Etzels Hofe lebt, daß es die Hunnen

sind, die Walther verfolgen und angreifen, und daß Hagen in hunnischen

Diensten die Rolle des Hauptgegners spielt. Das Nibelungenlied, das

mehrmals auf die Walthersage anspielt, kennt sie nur in der alten

Gestalt; auch aus diesem Grunde ist die fragmentarisch erhaltene

Waltherdichtung jünger, doch kann sie nicht allzu spät entstanden sein,

denn sie mischt noch zahlreiche Cäsurreime ohne bestimmtes Prinzip ein;

sie dürfte dem Liet-Texte zeitlich an die Seite zu stellen sein.

Formell, nicht inhaltlich, ist ein Schößling des Nibelungenliedes

auch das Gedicht von Kudrun; es behandelt einen aus dem Auslande

(ursprünglich vermutlich aus England) eingeführten Stoff, den sein

Dichter nicht in jeder Beziehung begriffen hat, und setzt in seinem

Kolorit die Zeit des Kreuzzuges Friedrichs II. voraus, ist also wohl

zwischen 1230-50 entstanden[56]. Die Nibelungenstrophe ist hier

dadurch variiert, daß sie in der zweiten Hälfte klingenden Ausgang

erhalten hat; auch erscheint die Schlußzeile (aber nicht durchgängig)

um eine Hebung verlängert. Sehr erschwert wird uns die Beurteilung der

Geschichte dieses Gedichtes dadurch, daß es nur in einer ganz jungen

Sammelhandschrift (derselben, die im Handschriftenschema der Nibelungen

d heißt) erhalten ist; ihre Vorlage ~O~ (vgl. S. 107 u. 120) gehört, da

sie doch wohl wesentlich dieselben Stücke wie d enthalten hat, erst der

Anfangszeit des 14. Jahrhunderts an, steht also vom Ursprungstermin der

Kudrun noch erheblich ab. Viele Hände dürfen wir uns an diesem Gedichte

nicht tätig gewesen denken, da seine Bezeugung und Bekanntschaft in

der gleichzeitigen Literatur sehr gering ist; doch ist wahrscheinlich,

daß einmal ein Bearbeiter versucht hat, es durchweg mit Cäsurreimen zu

schmücken; er ist indes mit seiner Arbeit nicht zum Ziele gelangt.

Etwa gleichaltrig der Kudrun ist ein Gedicht, das Ausgangspunkt für

eine ganze Sippe von Epen geworden ist: die Geschichte von König

Ortnid. In ihm wird die Nibelungenstrophe unverändert verwendet, doch

ist meist die letzte Zeile um eine Hebung verkürzt, also den drei

übrigen gleich gemacht; diese Erscheinung hat ihren Grund wohl darin,

daß spätere Aussprache auch im Nibelungenliede manche vierhebige

Schlußzeile bereits nur dreihebig wiederzugeben verstand, z. B.

~diu wás ze Sántén genánt~

als ~diu wás ze Sánten gnánt~, oder

~béidiu líut únde lánt~

als ~béidiu líut und lánt~.

Der Stoff des Ortnid ist der Sage von Ortnid und Wolfdietrich

entnommen und ohne Wolfdietrichs Geschichte unvollständig; auch der

Ortnid-Dichter hat die Absicht gehabt, einen Wolfdietrich folgen zu

lassen, wie er im letzten Verse andeutet, aber er hat seine Absicht

nicht ausgeführt, vermutlich weil er vorher starb. Zwei andre Männer

haben, unabhängig voneinander, dem Ortnid einen Wolfdietrich angehängt;

den einen bezeichnen wir als ~A~, den andern als ~C~. Außerdem

existiert noch eine dritte, leider nur in schlechten Handschriften

erhaltene Bearbeitung der Ortnid-Wolfdietrich-Sage: hier ist die

Ortnid-Geschichte im Zusammenhange des Wolfdietrich erledigt und statt

ihrer eine selbständige Vorgeschichte, die Erzählung von Wolfdietrichs

Vater Hugdietrich, vorgeschoben; wir bezeichnen diese Textgestalt

als ~B~. Alle diese Dichtungen entstanden in der zweiten Hälfte des

13. Jahrhunderts. Zu Anfang des 14. hat ein Kompilator, der sich für

Wolfram von Eschenbach ausgibt, die Texte ~B~ und ~C~ dergestalt zu

einem großen Epos vereinigt, daß er mit Ortnids Brautfahrt beginnt,

Hugdietrich folgen läßt und mit dem zu einem ungeheuerlichen

Stoffsammler angewachsenen Wolfdietrich schließt; das ist der große

Wolfdietrich (~D~), der bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, mehrfach

modernisiert, sein Publikum gefunden und ergötzt hat. Für die

Geschichte des Cäsurreims ist der Wolfdietrich ~D~ besonders lehrreich:

der ursprüngliche Text verwendet sie planmäßig in schildernden

Abschnitten, besonders wenn Kämpfe dargestellt werden; zwei neue

Bearbeitungen aus dem 15. Jahrhundert aber verfahren anders: die

eine, in derselben Handschrift bewahrt, die im Schema der Nibelungen

~k~ heißt, tilgt die Cäsurreime durchaus, die andre, im gedruckten

Heldenbuch (vgl. nachher S. 118) vorliegende führt sie im Gegenteil

durch das ganze Gedicht durch.

Eine nicht nur formell, sondern auch inhaltlich dem Nibelungenliede

sehr nahestehende Dichtung ist die (in der gleichen modernisierten

Strophenform abgefaßte) vom Rosengarten zu Worms, deren Stoff wir

schon früher berührt haben. Sie ist in der Mitte des 13. Jahrhunderts

entstanden und in fünf verschiedenen Fassungen auf uns gekommen: die

inhaltlich altertümlichste, aber nicht mit dem Original identische

bezeichnen wir mit ~A~; die vier andern sind Erscheinungsformen ein

und derselben Entwicklungsreihe, aus der nacheinander die Texte ~F~,

~P~ und ~C~ sich abzweigen, und die in dem Anfang des 14. Jahrhunderts

in der Straßburger Gegend abgeschlossenen Texte ~D~ gipfelt. Außerdem

existieren mehrere jüngere Bearbeitungen.

Das (in kurzen Reimpaaren abgefaßte) Gedicht von König Laurin

und seinem Rosengarten hat mit der Nibelungensage und ihrem

Literaturkreise ursprünglich nichts zu tun; da es aber in seinen

Motiven Verwandtschaft mit dem „Rosengarten zu Worms“ zeigt, ist es

frühzeitig äußerlich mit diesem vereinigt worden: schon die Handschrift

des Rosengartens ~P~ enthält auch den Laurin; in den Stufen ~C~ und ~D~

sind die beiden Gedichte im Titel zu einander in Beziehung gesetzt als

der „große“ und der „kleine“ Rosengarten (letzterer ist der Laurin).

Der Bearbeiter ~D~ schreibt das Werk dem nur aus dem sogenannten

Wartburgkriege bekannten Heinrich von Ofterdingen zu[57].

Im 15. Jahrhundert entstand aus der Vereinigung des Großen Wolfdietrich

mit den beiden Rosengärten (in der Fassung ~D~) das sogenannte

„Heldenbuch“; ihm wurde eine prosaische Vorrede beigegeben, die

sich als der erste deutsche Versuch einer Übersicht der gesamten

Heldensage darstellt, allerdings in äußerst ungeschickter Form. Der

Verfasser dieser Vorrede läßt, vermutlich infolge Mißverständnisses,

Siegfried im Rosengarten von Dietrich erschlagen werden und stellt

den zweiten Teil der Nibelungensage als Folge dieses Geschehnisses

hin: Kriemhilts Haß ist gegen Dietrich gewendet; trotzdem tötet sie

schließlich eigenhändig ihre Brüder; es ist dem Sagensammler also nicht

gelungen, seine Erzählung innerlich auszugleichen. Für uns aber ist

besonders interessant, daß Kriemhilt in dieser Vorrede den Kampf ganz

in derselben Weise, wie es in der Thidrikssaga geschieht, durch bewußte

Opferung ihres Sohnes in Gang bringt. -- Das Heldenbuch wurde von der

zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an bis 1590 immer wieder gedruckt;

als in mehreren Exemplaren gedruckt vorliegendes Werk hat es nicht

wenig dazu beigetragen, daß im 18. Jahrhundert die Aufmerksamkeit der

Gelehrten wieder auf unsere alten Sagenstoffe gelenkt wurde.

Der Strophenform des Nibelungenliedes bedient sich ferner noch das Epos

von Alpharts Tod, uns nur in einer einzigen späten und lückenhaften

Handschrift erhalten; es entstammt etwa der zweiten Hälfte des 13.

Jahrhunderts und behandelt einen Abschnitt der Dietrichsage.

Formal abhängig vom Nibelungenliede dürfte auch das Gedicht von der

Ravennaschlacht sein; es ist in einer eigentümlichen Strophe verfaßt,

deren erste Hälfte annähernd eine halbe, auf den Cäsuren gereimte

Nibelungenstrophe darstellt, während die zweite aus zwei mittellangen,

cäsurlosen, klingend gereimten Versen besteht; ganz klar ist die

ursprüngliche Form wegen starker Überarbeitung nicht erkennbar. Wie

uns nämlich die Ravennaschlacht überliefert ist, entstammt sie erst

dem Anfang des 14. Jahrhunderts und bildet den zweiten Teil zu dem in

kurzen Reimpaaren verfaßten Gedichte von Dietrichs Ahnen und Flucht.

Der Verfasser des ganzen Werkes nennt sich Heinrich der Vogler und ist

ein Spielmann. Schon der Umstand, daß er im Verlaufe seiner Dichtung

von der einfachen epischen Weise zu einer Strophenform übergeht, zeigt,

daß er hier eine alte Grundlage überarbeitet. Für diese Grundlage

besitzen wir noch zwei selbständige Zeugnisse: die betreffende Partie

der Thidrikssaga, die sie inhaltlich wiedergibt, und einen deutlichen

Hinweis in dem Gedichte „Meier Helmbrecht“ von Wernher dem Gärtner,

das etwa um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden ist. Die

Grundlage der Ravennaschlacht wird damit in der ersten Hälfte des 13.

Jahrhunderts festgehalten.

Das von uns früher (S. 65) besprochene Gedicht vom „Hürnen

Seifried“, das uns nur in Drucken des 16. Jahrhunderts erhalten ist,

gehört natürlich nach Inhalt und Form ebenfalls zu den durch das

Nibelungenlied befruchteten Werken. Es geht auf eine verlorene ältere

Dichtung zurück, aus der es augenscheinlich nur ausgezogen ist. Wir

besitzen nämlich in dem Bruchstück m einer Nibelungenhandschrift einen

Beweis für des „Hürnen Seifrid“ früheres und umfangreicheres Dasein:

das Bruchstück ist nur ein Teil eines Verzeichnisses von Überschriften

der Gesänge nebst Blattweiser, es genügt aber, um zu erkennen, daß der

verlorene Text den „Hürnen Seifrid“ in das Lied hineingearbeitet hatte,

und zwar sowohl die Jugendgeschichte wie den Drachenkampf; Kriemhilt

wird in dem Augenblicke, da man sich zur Fahrt nach Island rüstet, vom

Drachen entführt und demnächst von Siegfried befreit. Das Bruchstück

ist um 1400 geschrieben und hält damit den ältern „Hürnen Seifrid“ im

14. Jahrhundert fest.

In den beiden nächsten Jahrhunderten ist die Verwendung der

Nibelungenstrophe in jüngerer Form so häufig, daß ihr Auftreten nur

noch einen ganz äußerlichen Zusammenhang mit dem Nibelungenliede

bedeutet; es genügt für uns, die Entwicklung der Strophenform selbst

kurz darzulegen: durchweg ist die vierte Zeile den drei ersten

gleichgemacht; nach meistersingerischer Weise wird feste Silbenzahl

beabsichtigt (vor der Cäsur sieben Silben klingend ausgehend, nach

derselben sechs stumpf ausgehend); die Cäsuren sind konsequent

entweder reimlos oder durchgereimt: in ersterem Falle heißt die Form

„Hiltebrandston“ (ihn verwenden das modernisierte Nibelungenlied

der Handschrift ~k~ und der Hürnen Seifrid), in letzterem Falle

„Heunenweise“. Das Bewußtsein von der Besonderheit der Form, die durch

gereimte Cäsuren bedingt wird, ist also völlig durchgedrungen.

Der Sagenkreis der Nibelungen · 第 10 / 14 段