ausschließlich Amelunge nennt) nur in Italien und Bayern; auch
Ermenrich ist aus Südrußland dahin versetzt. Sie betrachtet ferner die
Amelunge als legitime, eingeborne Herrscher ihres Reiches; Dietrichs
Sieg bedeutet ihr also nicht eine einfache Eroberung, sondern eine
Wiedereroberung nach vorausgegangener Vertreibung. Zu dieser Anschauung
mußte die Sage dadurch geführt werden, daß Theodorich in der Tat durch
den Auftrag des Kaisers Zeno das formale Recht auf seiner Seite hatte,
während Odoaker nur infolge Usurpation in Italien herrschte. Den
oströmischen Kaiser ferner hat die Sage, wie sie es fast immer getan
hat, durch den Hunnenkönig ersetzt; indem sie Dietrich während seiner
Abwesenheit aus Italien an dessen Hofe lebend dachte, übertrug sie
auf ihn das, was von den Verhältnissen seines Vaters Dietmar bekannt
geblieben war. Endlich brachte sie die beiden Amelunge Ermenrich und
Dietrich dadurch aufs nächste zusammen, daß sie sie als Oheim und Neffe
betrachtete. So hat denn die Dietrichsage im wesentlichen folgende
Gestalt erlangt:
Die Brüder Ermenrich und Dietmar aus dem Hause der Amelunge teilen sich
derart in das Reich, daß Ermenrich als der älteste den Hauptteil mit
Ravenna, Dietmar den Norden erhält; als Sitz des letztern und seines
Sohnes wird Verona (Bern) betrachtet, nachdem Theodorichs historische
Residenz Ravenna zunächst Ermenrichs Eigentum geworden ist. Nach
Dietmars Tode wird sein Sohn Dietrich von Ermenrich vertrieben; dies
behauptet die Sage im Anschluß an die historische Eroberertätigkeit,
die Ermanarich entfaltet hat. Der vertriebene Dietrich begibt sich
an den Hof des Hunnenkönigs Etzel, um von ihm Hilfe gegen Ermenrich
zu erbitten; als Vermittler zwischen Dietrich und Etzel spielt
dabei der Markgraf Rüdeger von Bechelaren, des erstern Freund, des
letztern vornehmster Vasall, eine hervorragende Rolle. Über Ursprung
und Bedeutung der Figur Rüdegers hat man mannigfache Vermutungen
aufgestellt, ja, man hat sogar diesen reinmenschlichen Helden zu einem
mythischen Wesen machen wollen; und doch ist, wie mir scheint, Rüdegers
Bedeutung so leicht zu fassen: da die naiven Pfleger der Sage dieser
jederzeit zeitgenössische Färbung geben, so müssen sie sich Dietrich
als Bayern, Etzel als Ungarn denken; daraus ergibt sich, daß Rüdeger
der Repräsentant des vermittelnden Zwischengebietes, der bayerischen
Ostmark (Österreichs) ist. Im Nibelungenliede gilt als Rüdegers Bereich
das Land zwischen Enns und Wienerwald; das ist genau das Gebiet der
bayerischen Ostmark von Otto dem Großen bis auf Heinrich III., dessen
Eroberung das Land bis zur Leita hinzufügte. Daraus ergibt sich, daß
die Dichtung die Figur Rüdegers um das Jahr 1000 geschaffen hat[47].
-- Die Sage kennt nun zunächst einen ersten, mißlungenen Versuch
Dietrichs, mit hunnischer Hilfe zurückzukehren; er führt zu Kämpfen bei
Ravenna und gibt den Stoff zu dem Gedicht von der „Ravennaschlacht“ ab;
selbstverständlich beruht er auf dem Walten der Dichtung: die deutschen
Spielleute des zwölften Jahrhunderts lieben es ja auch, denselben
Stoff in zwei Variationen nacheinander vorzutragen. Der Inhalt der
Ravennaschlacht ist eine Variation von Dietrichs Rückkehr. -- Nunmehr
findet Ermenrich sein Ende ungefähr so, wie es schon Jordanes erzählt;
als einer der Mörder gilt um das Jahr 1000 Otacker, der Ermenrichs
Nachfolger wird und also schließlich bei der endgültigen Eroberung
Italiens Dietrichs Gegner ist, wie es die Geschichte dargeboten hat. In
Süddeutschland ist allerdings im 12. Jahrhundert Ermenrichs Ermordung
und die Person Otackers augenscheinlich ganz vergessen; den Thron der
Amelunge nimmt bei Dietrichs Rückkehr Ermenrichs treuloser Ratgeber
Sibich ein. Jedenfalls aber gelangt Dietrich schließlich durch Etzels
Hilfe wieder in den Besitz seines angestammten Reiches[48].
In Gesellschaft Dietrichs und der zu ihm in Beziehung tretenden Leute
befinden sich nun natürlich zahlreiche Personen minderer Bedeutung,
die teils selbständige Sagenexistenz gehabt haben, aber durch die
gewaltige Anziehungskraft der Hauptsage an sie herangezogen und ihr
angegliedert worden sind (so z. B. Wielands Sohn Witig, ursprünglich
ein Mann Ermenrichs), teils aber als mehr oder minder nötige Ausfüllung
erdichtet worden sind; zu letzteren gehören vor allen Hiltebrand,
der als Dietrichs Erzieher und erfahrener erster Ratgeber eine fast
selbstverständliche typische Figur ist, und sein Neffe Wolfhart, in
allem Hiltebrands Gegenbild (besonders in der Art seines Auftretens)
und gewiß des Kontrastes wegen als solches geschaffen.
Von Personen aus der Umgebung des historischen Attila hat die Sage noch
bewahrt seine Gattin Cherka als Helche (im Rosengarten Herche, in der
Thidrikssaga Erka genannt) und seinen Bruder Bleda als Blödel; dieser
Name ist offenbar volksetymologisch an „blöde“ angelehnt. An Bledas
wirkliche Schicksale besteht keine Erinnerung, er wird in ziemlich
willkürlicher Weise verwertet.
In diese in Süddeutschland ganz lebendige Dietrichsage ist nun die
Nibelungensage nach ihrer Überführung dahin derart eingefügt, daß
Kriemhilt als zweite Gattin Etzels gilt, die er nach dem Tode der
Helche geehelicht hat, und daß der große Todeskampf der Nibelunge
eintritt, während Dietrich noch an Etzels Hofe lebt; der Versuch der
Rückkehr, der zur Ravennaschlacht führt, muß natürlich, da bei ihm die
Königin Helche noch eine wichtige Rolle spielt, schon vorüber sein.
Mit Dietrich sind natürlich die meisten seiner Sage angehörigen Figuren
in die Nibelungengeschichte übergetreten, vor allen auch Rüdeger, der
nach dem, was vorhin ausgeführt wurde, außerhalb der Dietrichsage
undenkbar ist. Da nun aber die Nibelungensage zunächst ohne Dietrich
und Rüdeger existiert hat, so muß es möglich sein, nach Ausscheidung
oder Abtrennung der diese Helden betreffenden Abschnitte ein Bild
von dem Zustande zu bekommen, den sie zur Zeit der Überführung nach
Süddeutschland aufwies. Dabei ergibt sich nun das merkwürdige Resultat,
daß alle nach dem Saalbrande sich noch abspielenden Szenen wesentlich
durch die Dietrichsage bedingt sind, mit andern Worten: es wird höchst
wahrscheinlich, daß der Saalbrand in der ältern Sagenfassung den Schluß
bildete, und die Nibelunge in ihm umgekommen sind.
Bedenken gegen diese Annahme werden allerdings dadurch erweckt, daß der
Schluß des Nibelungenliedes mit den eddischen Atli-Liedern insofern
übereinstimmt, als Günther und Hagen schließlich lebendig gefangen und
erst nach ihrer Weigerung, den Hort auszuliefern, getötet werden; daß
im Nibelungenliede erst Günther und dann Hagen getötet wird, während
die Lieder-Edda beider Rollen vertauscht, macht keinen wesentlichen
Unterschied. Nun sind aber die Atli-Lieder augenscheinlich keine reinen
Repräsentanten der nordischen Sagenform, sondern weisen mehrfach
erneute deutsche Beeinflussung auf; sonach wäre möglich, daß auch die
nahe Übereinstimmung in der Schlußerzählung erst unter dem Einflusse
deutscher Neudichtung zustande gekommen ist.
Wenn wir Rüdeger aus einer Grundform unserer Sage zu streichen haben,
so fällt natürlich auch der Abschnitt vom Aufenthalte der Nibelunge zu
Bechelaren weg; dann steht die kleine Szene von der Begegnung mit dem
Grenzwächter Eckewart unmittelbar vor dem Eintreffen bei Kriemhilt, und
es verschwindet die Sonderbarkeit, an der wir vorhin (S. 48) Anstoß
nehmen mußten.
Wir haben im wesentlichen den Zustand der Sage erreicht, der in unserm
Liede die Grundlage der Erzählung bildet. Manches freilich hat der
Dichter des Liedes, manches haben wohl noch andere Hände geändert, ehe
die Textgestalt erreicht wurde, die uns heute noch vorliegt. Ehe wir
diese letzten, dem Liede eigenen Neuerungen betrachten und untersuchen,
müssen wir uns erst den Fragen zuwenden, die uns die Überlieferung und
Geschichte seines Textes stellen.
VI.
Überlieferung und Textgeschichte des Liedes der Nibelunge.
Das Nibelungenlied ist uns erhalten in zehn vollständigen[49]
Handschriften, außerdem in Bruchstücken von siebzehn verschiedenen
Handschriften. Die Pergamenthandschriften des 13. und 14.
Jahrhunderts haben wir uns gewöhnt (seit Lachmann) mit großen,
die Papierhandschriften des 14./15. Jahrhunderts und die einzige
jüngere Pergamenthandschrift (d aus dem 16. Jahrhundert) mit
kleinen lateinischen Buchstaben zu bezeichnen und zu benennen.
Die vollständigen Handschriften sind ~A B C D I a b d h k~, die
Fragmente ~E F H K L M N O Q R S U Y Z g i l~. In allen vollständigen
Handschriften mit Ausnahme von ~k~, die überhaupt eine Sonderstellung
einnimmt, schließt sich die „Klage“ dem Liede unmittelbar an; von den
Fragmenten bietet nur ~N~ auch ein Bruchstück der Klage; dafür sind uns
Stücke dieses Gedichtes in Resten von drei andern Handschriften (~G~,
~W~ und ~X~) noch erhalten, in denen natürlich auch das Nibelungenlied
vorhanden gewesen sein muß[50].
Die Handschrift ~k~ (im Besitze des Piaristen-Kollegiums zu Wien) ist
eine völlige Neubearbeitung des alten Textes in Stil und Sprache des
15. Jahrhunderts, steht also im Grunde auf keiner andern Linie als z.
B. Simrocks Übertragung ins Neuhochdeutsche; jedoch der Umstand, daß
sie Vorlagen benutzt hat, die uns nicht mehr zugänglich sind, verleiht
ihr auch für die Kritik des alten Textes einigen Wert.
Die übrigen 26 Handschriften ordnen sich nach dem Titel, den das Epos
am Schlusse sich selbst gibt, leicht in zwei große Gruppen: ~der
Nibelunge nôt~ heißt es in ~A B D H I K L M N O Q S Z b d g h i l~
(dazu ~W~), ~der Nibelunge liet~ in ~C E F R U Y a~ (dazu ~G X~). Noch
eingehendere Gruppierung läßt sich durch genauere Betrachtung der
vollständigen Handschriften gewinnen. Diese sind:
~A~ aus dem 13./14. Jahrhundert, ursprünglich auf Schloß Hohenems,
jetzt in München;
~B~ aus dem 13. Jahrhundert, in St. Gallen;
~C~ aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, ursprünglich auf Schloß
Hohenems, dann im Besitze des Freiherrn v. Laßberg, jetzt auf der
fürstenbergischen Bibliothek in Donaueschingen;
~D~ aus dem 13./14. Jahrhundert, in München;
~I~ aus dem 14. Jahrhundert, stammt aus Tirol, jetzt in Berlin;
~a~, früher in Wallerstein, jetzt in Maihingen (bayr. Regierungsbezirk
Schwaben);
~b~, Hundeshagens Handschrift, jetzt in Berlin;
~d~, die im Auftrage Kaisers Maximilians I. 1502-17 hergestellte große
Sammelhandschrift, früher auf Schloß Ambras, jetzt in Wien;
~h~, Meusebachs Handschrift, jetzt in Berlin; sie ist eine Abschrift
von ~I~ und kommt deshalb für die Textkritik nicht in Betracht.
Während die Handschriften der Liet-Gruppe nur in unwesentlichen Dingen
voneinander abweichen (so daß die junge ~a~ nur zur Ausfüllung der
Lücken in der guten alten ~C~ herangezogen zu werden braucht), gehen
die der Not-Gruppe vielfach stark auseinander: ~Db~ gehören zusammen
und folgen in den ersten 270 Strophen des Liedes, ebenso im Anfange der
Klage seltsamerweise dem Liet-Texte; ~Id~ sind einerseits im Eingange
des Liedes nicht unwesentlich kürzer als alle übrigen Texte, haben aber
andererseits im Verlaufe des Gedichtes im ganzen zwanzig Strophen, die
sonst nur dem Liet-Texte eigen sind, in den zugrunde liegenden Not-Text
aufgenommen; ~B~ gibt, von Kleinigkeiten abgesehen, den Not-Text am
reinsten wieder; ~A~ hat ihn um volle 61 Strophen, die im Laufe des
Gedichtes, hauptsächlich innerhalb der Strophen 340-720 (der Zählung
von Bartsch) gestrichen sind, verkürzt.
Da ~A~ infolge dieser Streichungen den kürzesten Text bietet, hielt man
sie lange Zeit für den Vertreter des ältesten vorhandenen Textes; seit
es aber W. Braune (Die Handschriftenverhältnisse des Nibelungenliedes,
1900) gelungen ist, nachzuweisen, daß ~A~ mit dem Hauptteile von ~Db~,
der dem Not-Texte folgt, manche jüngere Änderungen und Fehler gemein
hat, kann davon keine Rede mehr sein, vielmehr ist ~A~ der Not-Vorlage
von ~Db~ auf das nächste verwandt und innerhalb der 270 Strophen, in
denen ~Db~ einer Liet-Vorlage folgen, der alleinige Vertreter dieser
Handschriftengruppe.
Die größte Schwierigkeit macht noch heute die richtige Einordnung der
Gruppe ~Id~; im Anfange ist sie kürzer, als alle übrigen Texte und in
dieser Beziehung, wie ebenfalls Braune nachgewiesen hat, altertümlicher
als alle diese. Wie aber soll man die zwanzig zum Liet-Texte stimmenden
Strophen beurteilen? Sie sind im allgemeinen ganz lose in den Not-Text
eingefügt; von den vierzehn Stellen, auf die sie sich verteilen,
stimmen elf genau zur Strophenfolge des Liet-Textes; an den drei andern
Stellen ist eine kleine Verschiebung eingetreten, die dem Zusammenhange
nicht günstig ist: die Strophen stehen (nach der Zählung von Bartsch)
hinter 969 statt hinter 964 (um 5 Strophen zu spät),
„ 998 „ „ 1001 ( „ 3 „ „ früh) und
„ 1571 „ „ 1573 ( „ 2 „ „ „ ).
Eine Mittelstellung zwischen den beiden Hauptgruppen nimmt also ~Id~
auf jeden Fall ein, es fragt sich nur, ob eine durch Entwicklung der
Texte bedingte oder eine äußerliche. Braune entscheidet sich für
das erstere und erblickt in ~Id~ eine Vorstufe zu dem Liet-Texte;
ich neige mich der andern Auffassung zu, hauptsächlich weil die
Ordnung der Strophen an den drei erwähnten Stellen um ein weniges
ohne ersichtlichen Grund abweicht; das scheint sich am besten aus
äußerlicher Entlehnung zu erklären: der Besitzer der Grundhandschrift
der Gruppe ~Id~ kannte den Liet-Text und vermißte in ihr einige diesem
allein eigene Strophen; er trug sie auf den Blatträndern nach; beim
Abschreiben wurden sie in den Text eingerückt, und dabei kamen nun jene
kleinen Irrtümer vor, die sich jedenfalls innerhalb des Raumes einer
Blattseite halten.
Einfacher ist die eigentümliche Textmischung der Gruppe ~Db~ zu
erklären: in ihrer Grundhandschrift war der Anfang des Liedes (ebenso
der Anfang der Klage) verloren gegangen und durch Abschrift aus einer
andern Handschrift, die dem Liet-Texte angehörte, ersetzt worden. Das
war möglich, da die beiden Haupttexte doch nicht so stark voneinander
abweichen, daß man die Verschiedenheit auf den ersten Blick erkennen
müßte; auch in neuerer Zeit ist solche Textmischung vorgekommen, vgl.
S. 124. Das aus dem Liet-Texte entnommene Anfangsstück des Liedes
umfaßt ungefähr doppelt soviel Raum wie das eben daher entnommene
Anfangsstück der Klage; der den Not-Text bietende Hauptteil des
Liedes ist annähernd achtmal so lang wie der Eingang; daraus darf man
vermuten, daß von der Grundhandschrift die 1., 2. und 19. Lage verloren
gegangen und ungenau ersetzt waren.
Die sechs Haupthandschriften des Not-Textes ordnen sich sonach in zwei
Gruppen: auf der einen Seite ~Id~ mit altertümlich kurzem Eingang, aber
zwanzig zugesetzten Strophen; auf der andern Seite ~ABDb~ mit längerm
Eingang (wie ihn auch der Liet-Text bietet); ~Db~, deren alter Eingang
ja verloren ist, werden durch die nahe Verwandtschaft mit ~A~ bei
dieser Gruppe festgehalten.
Wie verhalten sich nun aber die beiden Hauptgruppen „Liet“ und „Not“
zueinander? Geht die eine auf die andere zurück, oder weisen beide auf
ein verlorenes Original? Von den drei möglichen Antworten, die alle
drei ihre Vertreter gefunden haben, können wir eine von vornherein
ablehnen: die „Not“ geht keinesfalls auf das „Liet“ zurück, denn sie
ist altertümlicher als dies; vor allem aber steht im Not-Texte die
„Klage“ noch ziemlich selbständig hinter dem Liede, während das „Liet“
die beiden Gedichte möglichst untereinander auszugleichen strebt; so
gehen denn zahlreiche Mehrstrophen von ~Ca~ auf Anregungen der „Klage“
zurück. So bleiben zwei Möglichkeiten: entweder das „Liet“ beruhte auf
der „Not“, oder beide nebeneinander auf einem verlorenen Original; der
ersteren neigt sich Braune zu, während ich der zweiten den Vorzug gebe
auf Grund folgender Überlegung: der Liet-Text muß spätestens zu Anfang
des 13. Jahrhunderts abgeschlossen sein, denn er hat die alte einfache
Angabe der Klage, daß Ute, die Mutter der burgundischen Könige, ihre
alten Tage im Kloster Lorsch verbrachte, breit ausgesponnen und stellt
die Behauptung auf, sie habe es ausgestattet (Holtzmann 1158)
~mit starken rîchen urborn, als ez noch hiute hât,
daz klôster dâ ze Lôrse, des dinc vil hôhe an êren stât~;
nun ist aber dies altberühmte Kloster durch seinen letzten Abt Konrad,
der 1216 zuerst genannt wird, derartig heruntergebracht worden, daß
er 1229 abgesetzt, und das Stift an Mainz übergeben wurde; ein so
lautes Rühmen, wie wir es in ~C~ finden, war also in und nach dieser
Zeit nicht wohl möglich[51]. Dagegen kann die Grundhandschrift des
Not-Textes nicht älter als höchstens 1240 sein, denn sie hat 1331
und 1336 den richtigen Ortsnamen ~Treisenmûre~ durch den falschen
~Zeizenmûre~ ersetzt. Die Stellen fallen in die Partie, die Kriemhilts
Reise zu Etzel schildert und dabei innerhalb Österreichs die Tag für
Tag berührten Stationen in genauer Folge nennt: ~Everdingen~, ~Ense~,
~Bechelâren~, ~Medelîche~, ~Mûtâren~, ~Treisenmûre~, ~Tulne~, ~Wiene~,
~Heimburc~, ~Miesenburc~. Setzt man ~Zeizenmûre~ für ~Treisenmûre~
ein, so erhält man eine widersinnige Folge, denn ~Zeizenmûre~ liegt
bereits östlich von Wien. Derjenige, der es eingeführt hat, kann
von Österreichs Geographie keine persönliche Anschauung gehabt
haben; nun ist aber ~Zeizenmûre~ ein unbedeutendes Dorf, das einem
Nicht-Österreicher schwerlich bekannt ist, wenn es nicht einen
besondern Ruf hat; einen solchen hat es dadurch erlangt, daß Nithart
von Riuwental einen großen Teil seiner österreichischen Dorfgedichte
dort spielen läßt; Nithart, dessen Dichten schätzungsweise in die Zeit
von 1210-1240 fällt, lebte ursprünglich in Bayern und vertauschte es
erst etwa 1230 mit Österreich; vor diesem Zeitpunkte können Nitharts
österreichische Dorfgedichte nicht entstanden sein. Vorher dürfte also
jener fälschlich in den Not-Text eingeführte Ort außerhalb Österreichs
schwerlich bekannt gewesen sein[52].
Ist somit die Grundhandschrift des Not-Textes rund ein Menschenalter
jünger als die Existenz des Liet-Textes, so kann dieser nicht auf jenen
zurückgehen, und bleibt nunmehr nur die dritte Möglichkeit übrig: beide
weisen nebeneinander auf ein verlorenes Original zurück. Dies Original
kann nach Ausweis der nahen Übereinstimmung beider Texte vom Not-Texte
nicht allzu verschieden gewesen sein; um 1200 erfuhr es zunächst eine
Überarbeitung, die im Liet-Texte noch vorliegt. Sie hat den ohnehin
schon stark vorherrschenden rittermäßigen Geist noch verstärkt,
außerdem aber den Anhang, die Klage, mit dem Liede in größere
Übereinstimmung versetzt; den nur auf den letzten Teil passenden Titel
„~der Nibelunge Nôt~“ hat sie durch den richtigern „~der Nibelunge
Liet~“ ersetzt. -- Nicht vor 1240, zu einer Zeit, da der ritterliche
Geschmack schon im Sinken war, hat ein Jüngerer eine Neubearbeitung
des Gedichtes für angezeigt gehalten und dabei über den im allgemeinen
Umlauf befindlichen Liet-Text weg auf das Original zurückgegriffen[53];
sein Werk liegt uns im Not-Texte vor. Er folgt dem Original im ganzen
recht treu; nur einzelne in spielmannsmäßigem Geschmack gehaltene
kleine Szenen dürften vielleicht auf ihn zurückzuführen sein (Dankwart
als Verschwender bei der geizigen Brünhilt; Hagens grobes Verhalten
gegenüber der jungvermählten Kriemhilt u. dgl.).
Charakteristisch für den spätern Ursprung des Not-Textes ist der
Umstand, daß er in keiner seiner zahlreichen Handschriften rein
erhalten, sondern überall mehr oder weniger durch den Liet-Text
beeinflußt ist: die Gruppe ~Id~ bewahrt den alten Anfang, setzt
aber die besprochenen zwanzig Strophen zu; die Gruppe ~ABDb~ hat
umgekehrt (wenn auch nicht in allen Handschriften in gleichem Maße)
den erweiterten Anfang von ~Ca~ aufgenommen; die Grundhandschrift
von ~Db~ ist aus dem Liet-Texte ergänzt: die Handschrift ~B~ hat
einmal zwei Strophen (102. 103 Bartsch) sowie am Schlusse der Klage
den Abschnitt über Etzels Verbleib aus dem Liet-Texte aufgenommen
u. s. f. Letzterer lag eben allen Schreibern und Hörern fortgesetzt
im Ohre; es ist begreiflich, daß Berufsschreiber, die den Liet-Text
bereits ein- oder mehrere Male abgeschrieben hatten, bei der Arbeit an
einer Not-Handschrift unwillkürlich Lesarten jenes Textes anbrachten:
so dürften sich auch die zahlreichen Kreuzungen in den Varianten
erklären, die aus keinem organisch entwickelten Handschriftenstammbaum
verständlich sind.
Unter Berücksichtigung aller zugehörigen Bruchstücke dürfte sich die
spätere Geschichte des Not-Textes etwa in folgender Weise abgespielt
haben: zunächst trennte sich vom Hauptzweige der Entwicklung die
Stammhandschrift der Gruppe ~Id~; in ältester reinster Form liegt uns
diese Textgestalt annähernd vollständig nur in der späten Handschrift
~d~ vor; ihr zur Seite stehen das alte Fragment ~H~ und das dürftige
Fragment ~O~, das der direkten Vorlage von ~d~ angehört. Die
Handschrift ~I~ und die nahe stehenden Fragmente ~K~ und ~Q~ ändern
den alten Text der Gruppe ~Id~ in vielen Punkten selbständig; ihnen ist
vielleicht noch das Fragment ~l~ beizuzählen, das ebenfalls zahlreiche
Textänderungen aufweist. -- Von der andern Hauptgruppe des Not-Textes
stellt ~B~ eine vollständige, sehr alte Form dar; ihr zunächst
verwandt ist die Grundhandschrift aller übrigen Nothandschriften,
auf die zunächst die lückenhafte ~A~ und die Fragmente ~L~ (daraus
abgeschrieben ~g~) und ~M~, sowie die Grundlage der ~Db~-Gruppe
zurückgehen; diese wird gebildet durch die recht nahe verwandten
Handschriften ~D~ und ~b~ und Fragmente ~S~, ~N~ und ~Z~ (wohl auch
~W~ der Klage). -- Das unbedeutende Fragment ~i~ ist nicht sicher
einzuordnen.
Die vorgetragene Meinung vom Verhältnis der beiden Nibelungentexte und
ihrer Handschriften erhält eine wesentliche Stütze durch das relative
Alter der zugehörigen Pergamentcodices. Dies läßt sich bestimmen
durch die Art der Einrichtung derselben: die älteste Weise ist, den
Text (des Liedes und der Klage) ohne Absetzen von Vers oder Strophe
einspaltig über die ganze Seite zu schreiben; so sind ~C~ und ~E~
(vom Liet-Text) sowie ~H~ (von der ~Id~-Gruppe) verfahren. Etwas mehr
Übersicht bei größter Ausnutzung des Pergamentes gestattet zweispaltige
Einrichtung, bei welcher im Liede die Strophen abgesetzt werden,
aber nicht die Verse; sie liegt vor in ~FRY~, ~B~, ~DNSZ~, sowie in
auffallend kleinem Format in ~Q~; innerhalb der Klage verfahren diese
Codices, entsprechend der andern Versart, verschieden: zweispaltig
ohne Absetzen schreibt ~B~ (ältere Weise), zweispaltig mit abgesetzten
Versen ~G~, ~DNW~ (jüngere Weise). Schließlich setzt man auch im Liede
die Verse ab; zweispaltig verfahren so ~AMI~, einspaltig ~LU~ (kleines
Format); innerhalb der Klage schreibt ~A~ zweispaltig mit abgesetzten
Doppelversen, ~I~ dreispaltig mit abgesetzten Versen, beides sichtlich
aus räumlichen Gründen; das in kleinem Format gehaltene ~X~ schreibt
einspaltig mit abgesetzten Versen. Ganz großes Format, dreispaltig
eingerichtet, haben ~O~ und ~K~; jenes setzt gar nicht ab und bringt
hundert, dies setzt nur Strophen ab und bringt sechzig Strophen auf
einem Blatte unter; ~K~ bringt also das ganze Nibelungenlied auf
fünf Quaternionen, ~O~ gar nur auf drei Quaternionen unter; das
weist darauf hin, daß sie beide (wie das aus ~O~ abgeschriebene ~d~)
Sammelhandschriften waren; ihre Einrichtung hat mit derjenigen der
übrigen Handschriften nichts gemein, und sie sind gewiß nicht so alt,
wie ihr Einrichtungsprinzip anzudeuten scheint.
Der in der Handschrift ~k~ vorliegende, im 15. Jahrhundert
modernisierte Text beruht in der Hauptsache auf einem Exemplare
des Liet-Textes, das im Anfange zwei größere Lücken aufwies; diese
sind ersetzt aus einer Handschrift des Not-Textes, die in nächster
Verwandtschaft zu ~A~ stand, wie der gleiche Strophenbestand des
Einganges zeigt.