den Untergang der Burgunden und den Tod Attilas, in ursächlichen
Zusammenhang gebracht, indem man letztern als Folge jenes Untergangs
hingestellt hat: Hildiko wurde zur nachgelassenen Schwester des
Gundicarius gemacht, die ihren Bruder an Attila rächt. Eine
Vorgeschichte, die Attilas Zug gegen die Burgunden erklären sollte,
dürfte bald hinzugekommen sein: sie schilderte in Anlehnung an die
Ereignisse des Jahres 451 die Unterwerfung der westlichen Völker
durch die Hunnen. In diesem Rahmen wurde an den Figuren Walthers und
Hagens das vorhin erörterte Problem gelöst. Alsdann ist wesentlich
später, mindestens ein Menschenalter nach dem Tode der historischen
Königin Brunichild 613, also keinesfalls vor der zweiten Hälfte
des 7. Jahrhunderts, eine poetische Darstellung der fränkischen
Geschichtsereignisse des 6. Jahrhunderts angeknüpft worden. Als
Vorgeschichte zu den nun verbundenen Sagen von Siegfried und von Attila
und den Burgunden hat man dann die, wie es scheint, längst vorhandene
Sigmundsage benutzt. Im großen und ganzen dürfte damals die Sage
folgenden Gang gehabt haben:
Siegfried, der Hauptheld des ersten Teiles, ist ein Findling, zwar
von edler Herkunft -- der Sohn des vor seiner Geburt gefallenen
Sigmund -- aber in niedern Verhältnissen aufgewachsen und erzogen.
Sein angeborenes Heldentum befähigt ihn dazu, einen gewaltigen Drachen
zu töten und dadurch den großen Hort zu gewinnen, den dieser bewacht
hat. So zu unermeßlichem Reichtum gelangt, bewirbt er sich um die Hand
der Fürstin Brünhilt (Brunichild in älterer Sprachform), zu der er
auf seinen Zügen gelangt. Ihr ist der reiche Held, der so große Taten
vollbracht hat, auch recht, aber in ihrem hochmütigen Stolze mag sie
sich einem Findling nicht vermählen; so verspricht sie ihm nur, sich
ihm so lange aufzubewahren, bis er ein Königtum gewonnen habe (daß ihm
das gelingen wird, bezweifelt sie nicht). Inzwischen erlegt sie allen
um sie freienden Helden Bedingungen zu erfüllen auf, von denen sie
weiß, daß eben nur Siegfried sie erfüllen kann. Siegfried zieht aus,
dem Wunsche der Braut nachzukommen; als er an den Hof der Burgunden
gelangt, fordert er deren König Günther zum Kampfe um Land und Leute
heraus; so erzählt es allein unser Nibelungenlied außerhalb seines
eigenen Zusammenhanges, also im Grunde unverständlich; für den Aufbau
der alten Sage aber ist jener Zug notwendig und richtig, denn in ihrem
Zusammenhange sieht man den Grund der Herausforderung ein[43]. Die
Herrscher der Burgunden aber ersehen ihren Vorteil: sie erkennen, was
für einen reichen und gewaltigen, aber auch unerfahrenen Helden sie
vor sich haben, und beschließen, ihn für ihr Interesse zu gewinnen. Zu
diesem Zwecke bieten sie ihm ihre Schwester, die Grimhild, zur Gattin
an, nehmen ihn als Schwager, Blutsbruder und Mitbeherrscher in Familie
und Reich auf und lösen ihn dadurch von Brünhilt. Siegfried erreicht
also das Ziel, das Brünhilt ihm gestellt hatte, indem er sie aufgibt.
Als Günther nun ebenfalls heiraten will, wird ihm Brünhilt als
geeignete Gattin genannt, und er wirbt um sie. Allein die Bedingungen,
die jedem Freier auferlegt werden, kann er nicht erfüllen; Siegfried,
der das Geheimnis ja kennt, löst die Aufgabe an seiner Stelle. Aufgabe
und Lösung sind von den verschiedenen Sagenversionen im einzelnen
verschieden dargestellt, aber der Sinn ist immer der gleiche: nur
Siegfried, auf dessen Heldentum die Bedingungen zugeschnitten sind,
kann sie erfüllen. Unmittelbar anschließen muß sich eine Szene, in
der Siegfried Günthers Stelle in einer Weise vertritt, die später die
üble Nachrede ermöglicht, Brünhilt habe ihre Jungfräulichkeit nicht
durch Günther, sondern durch Siegfried verloren; eine Szene, die
in der nordischen Darstellung gewiß besser erhalten ist als in der
deutschen, weil letztere ihren innern Zusammenhang zerrissen hat. Dann
aber fügt sich Brünhilt, da sie doch eines Königs Gattin geworden
ist, der (scheinbar wenigstens) ihre Bedingungen erfüllt hat, in ihr
Schicksal. Nur fühlt sie es als eine Herabsetzung der Familie, daß ihre
Schwägerin, ihres Gatten Schwester, mit einem Findling und landlosen
Menschen verheiratet ist, und läßt sie es fühlen. Grimhild aber gibt
ihr diesen Vorwurf gesteigert zurück, indem sie ihr vorhält: „Bin ich
die Gattin eines Findlings, so bist du in all deinem Hochmut nur seine
Kebse, denn er war’s, der dir deine Jungfräulichkeit raubte.“ Hier ist
die alte Dichtung auf ihrem Höhepunkte angekommen: Brünhilts Hochmut
ist bitter gestraft; wollte sie des landlosen Findlings Weib nicht
werden, so muß sie sich dafür seine Kebse schelten lassen. Natürlich
kann sie diese Nachrede nicht auf sich sitzen lassen. Sie erweckt
absichtlich zunächst den Anschein, als ob die Beschuldigung begründet
wäre, und gewinnt dadurch ihren Gatten für Siegfrieds Ermordung.
Nachdem der Mord geschehen ist (er wird durch Hagen, Günthers treuesten
Mann, ausgeführt), gesteht Brünhilt die wirklichen Geschehnisse, also
die Unschuld Siegfrieds, ein und folgt ihm in den Tod. Die Erzählung
ist damit zu Ende, denn Grimhild, die Witwe, nimmt von ihren Verwandten
die Buße für den Mord ihres Gatten an.
Nach einiger Zeit wirbt um sie Attila, der Hunnenkönig, und sie folgt
ihm als Gattin. Bald darauf aber vernichtet Attila Grimhilds Geschlecht
und Volk durch Hinterlist. Er ist gierig nach der Macht oder, wie die
Sage das ausdrückt, nach dem Schatze der Burgunden. Dieser Schatz wird
nun als derselbe betrachtet, den Siegfried einst dem Drachen abgenommen
hat; durch seine Ermordung ist er in die Hände der Burgunden gekommen;
so ist denn in der Geschichte des Schatzes eine gewisse Verbindung der
beiden Sagenteile erreicht. Attila ladet die Schwäger unter dem Scheine
der Freundschaft verräterisch ein und läßt sie dann niedermachen.
Grimhild aber übernimmt die Rache, indem sie ihren Gatten tötet. Die
Rache ist dadurch verstärkt, daß sie das mit Attila gezeugte Kind
(oder die Kinder) als Werkzeug benutzt, eine Darstellung, die in der
Geschichte keine Grundlage hat, aber schon in der in Rede stehenden
ältesten Form der Dichtung vorhanden gewesen sein muß, da nordische
und deutsche Version sie kennen. Vermutlich hat der alte Dichter
ein anderswo verwendetes Motiv herübergenommen; wäre die nordische
Version sicher alt, so dürfte man an Entlehnung aus der altklassischen
Atridensage denken. Mit der Tötung Attilas durch Weibeshand schließt
die alte Sage.
Da die historische Brunichild erst im Jahre 613 gestorben ist,
andererseits aber unsere Sage spätestens im 9. Jahrhundert nach dem
Norden gewandert sein muß, so haben wir nur einen verhältnismäßig
eng begrenzten Zeitraum zur Verfügung, innerhalb dessen die eben
dargestellte Dichtung (so müssen wir sie doch wohl nennen) entstanden
sein muß. Sie kann nicht viel früher entstanden sein als um das Jahr
700, aber auch nicht wesentlich später. Da sie, besonders in ihrem
ersten Teile, eine wohl durchdachte, wohl durchgeführte, wirklich
dichterisch aufgefaßte Erzählung ist, muß ein einzelner und zwar ein
geistig recht hochstehender Sänger der Autor der Erzählung in dieser
Form sein. Natürlich versagt uns das Schicksal den Namen dieses Mannes.
Die Namen der Sänger jener Zeit sind sämtlich in ewiger Nacht begraben.
Mit der Übertragung der Sage vom Niederrhein aus nach dem Norden im
9. Jahrhundert sind nun einige bestimmte, für die nordische Sagenform
charakteristische Veränderungen eingetreten. Die Erzählung muß auch
hier wieder zunächst von einem einzelnen Manne, der sie ganz in
sich aufgenommen hat, reproduziert und in geschlossener Darstellung
hinübergebracht worden sein. Sonst würde man nicht verstehen, daß
bestimmte Einzelheiten, die in Deutschland anders berichtet werden, und
deren deutsche Wiedergabe zu den historischen Ausgangspunkten besser
stimmt als die nordische, so daß sie also historisch richtiger ist als
diese, im Norden eine ganz bestimmte feste Form angenommen haben. Es
sind im wesentlichen folgende Punkte:
1. Hagen ist nicht bloß der untergeordnete Vasall des Königs Günther,
der dessen Befehle unbedingt vollführt und freudig mit ihm in den
Tod geht, sondern er ist sein Bruder. Siegfrieds Ermordung ist ihm
abgenommen und auf den weniger bedeutenden Gudorm übertragen.
2. Der Name Grimhild, der nach Ausweis der historischen Hildiko
zuerst an der Person haftet, die ihn in Deutschland führt, ist
merkwürdigerweise zum Namen der Mutter des Königs geworden, die echte
Grimhild aber führt durchweg den Namen Gudrun. Dieser Name (der mit
dem der Heldin des mittelhochdeutschen Gedichtes Kudrun nicht das
geringste zu tun hat) ist einfach dem Namen ihres Bruders Günther
nachgebildet. Das erste Glied des zusammengesetzten Namens ist das
gleiche wie bei „Günther“, das zweite ist eins der am häufigsten
vorkommenden Elemente zur Bildung von Frauennamen. Die Neubildung
Gudrun ist also gewissermaßen ein Feminin zu Gunnar.
3. Brynhild ist zur Schwester des Atli geworden. Damit hat man
wenigstens den Versuch gemacht, eine engere Verbindung der beiden
Hauptteile herzustellen, denn Atli hat nun an den Burgunden den Tod
seiner Schwester zu rächen.
4. Endlich ist -- wohl auch schon seit der Übertragung[44] -- die
Ermanarichsage als dritter Teil an die Erzählung angeknüpft. Diese
Sage, die in Deutschland aufs engste mit der Dietrichsage verbunden
erscheint, muß, da von letzterer im Norden keine Spur sich findet, sehr
frühzeitig und selbständig dorthin gewandert sein.
Die Weiterentwickelung der Sage im Norden brauchen wir hier im
einzelnen nicht zu verfolgen. Sie hat sich, wie wir gesehen
haben, in lauter Einzeldarstellungen aufgelöst und eine wirkliche
Zusammenstellung nicht mehr erfahren. Ein Dichter behandelt diesen
Teil, ein anderer einen andern; der eine gibt das dazu, der andere
jenes; so kommt eine wüste Verwirrung zustande, in der sich
zurechtzufinden schwer ist. Neue Zusätze sind im Norden vor allen
Dingen diejenigen, welche die Götterwelt mit hineinziehen; sie ist
ganz sekundär in die Sage hineingetragen und hat ursprünglich in ihr
keinen Platz. Auch die Idee, daß Brynhild eine vermenschlichte Walküre
sei, also ein ursprünglich übermenschliches Wesen, das durch den Gott
strafweise in die Menschheit versetzt worden sei, ist spezifisch
nordisch und nicht einmal einheitlich durchgedrungen, sondern nur von
einem einzelnen Dichter hineingebracht.
~b~) Deutsche Form.
Wichtiger ist die Weiterentwickelung des Stoffes in Deutschland. Hier
tritt uns die Sage in ausführlichem Berichte erst im 12. Jahrhundert,
also ziemlich spät, entgegen. Wie sie sich bis dahin entwickelt hat,
das läßt sich zwar natürlich an den verschiedenen Veränderungen, die
eingetreten sind, wohl erkennen, aber die zeitliche und örtliche
Bestimmung der Neuerungen ist nicht leicht. Einigermaßen unterstützt
werden wir durch einen Bericht, der Ereignisse des Jahres 1131 zum
Gegenstande hat. Damals wollte der dänische Königssohn Magnus seinen
Vetter Knut Laward, den König der Wenden und Herzog von Schleswig, auf
verräterische Weise ermorden. Er sandte einen sächsischen Spielmann,
namens Siward, also einen fahrenden Sänger, der nach der Überlieferung
für einen in seiner Kunst wohlerfahrenen Mann galt, zu Knut Laward und
ließ ihn freundlich zu sich einladen. Knut leistete ohne jeden Argwohn
Folge. Dem Sänger war bekannt, was Knut bevorstand, aber er war durch
einen heiligen Eid gebunden, den Plan nicht zu verraten. Da Knut ihn
dauerte, so versuchte er, ihn auf Umwegen auf das drohende Unheil
aufmerksam zu machen: er trug ihm das Lied von der allgemein bekannten
Treulosigkeit der Grimilda gegen ihre Brüder dreimal vor, also eine
Geschichte, die dem im Augenblicke des Vortrags sich entwickelnden
Schicksal ganz parallel verläuft. Auf diesem Wege versuchte also
Siward den König Knut zu retten, aber ohne Erfolg: der Mord gelang am
7. Januar 1131. Für uns ist interessant, daß hier die Geschichte von
Grimildas Treulosigkeit gegen ihre Brüder erwähnt und als allgemein
bekannt hingestellt wird. Das paßt nicht mehr zur alten Form der
Sage, sondern nur zu der neuen, wie sie uns demnächst in süddeutscher
Darstellung entgegentritt. Wir lernen hier die Existenz dieser jüngern
Sagenform in Norddeutschland kennen, denn es ist ein sächsischer
Spielmann, der den dänischen Fürsten zu retten versucht.
Daraus folgt, daß die Umbildung der Sage, die darin besteht, daß
nicht mehr Attila, sondern Grimhild die Treulosigkeit gegen die
burgundischen Brüder begeht, um ihren ersten Gatten Siegfried an ihnen
zu rächen, noch vor der Übertragung der Sage nach Süddeutschland,
also wohl noch am Niederrhein vor sich gegangen sein muß. Sie ist
natürlich hauptsächlich durch innere Gründe verursacht: man wollte die
beiden Teile, die ursprünglich so lose nur zusammenhingen, innerlich
aneinanderschließen. Die Neuerung dürfte nach oberflächlicher Schätzung
um das Jahr 900 oder bald nachher durchgeführt worden sein, weil die
Überführung des Stoffes nach Bayern wohl noch ins 10. Jahrhundert
fällt. Die neue Fassung trägt zugleich modernerer Gesittung Rechnung:
bisher stand die Erzählung auf dem altgermanischen, etwas urzeitlich
anmutenden Standpunkte, daß Blutrache die erste Pflicht sei, daß
also die Pflicht der Schwester, ihre Brüder zu rächen, größer sei,
als die Pflicht ihrer Treue gegen den Gatten; nunmehr, in modernerer
Zeit, stellte man die Gattenpflicht an die erste Stelle und ließ die
Blutrache in alter Form fallen.
Mit dieser Änderung ist nun eine Tatsache, die in der Geschichte
feststeht und als Ausgangspunkt für die Sage anzusehen ist, aus dieser
selbst verschwunden. Von dem Augenblicke an nämlich, wo Grimhild ihren
ersten Gatten an ihren Brüdern rächt, fallen ja ihre Interessen mit
denen ihres zweiten Gatten Attila zusammen; Grimhild und Attila sind
jetzt einig und führen gemeinsam den Untergang der Burgunden herbei.
Dann liegt aber für Grimhild keine Veranlassung mehr vor, den Attila zu
töten. Die Folge davon ist, daß dieser übrig bleibt.
An dieser Entwickelung erkennt man recht, wie die Sage arbeitet: sie
geht teilweise vom Tode Attilas aus, hat sich aber nach mehreren
hundert Jahren so verschoben, daß sie von diesem ihrem Ausgangspunkte
nichts mehr zu erzählen weiß. Hier, an einem Beispiel, das wir doch
leidlich genau verfolgen können, ist ganz deutlich zu sehen, wie der
Ausgangspunkt der Sage infolge ihrer Entwickelung schließlich wieder
aus ihr hinausgebracht wird. Wenn das möglich ist, so wird noch vieles
andere möglich sein, so wird es vor allen Dingen auch möglich sein, den
ersten Teil unserer Nibelungensage aus der fränkischen Königsgeschichte
abzuleiten, von der man nur Einzelheiten, besonders Namen und Motive,
zur Vergleichung heranziehen kann, nicht aber den ganzen innern
Zusammenhang.
Die Folge davon, daß Attilas Tod nun auf einmal nicht mehr erzählt
wird, ist eine Neudichtung, die in Süddeutschland unbekannt geblieben
ist, also wahrscheinlich in Norddeutschland erst entstanden ist,
nachdem die Nibelungensage bereits nach Süddeutschland gewandert war:
ich meine die allein in der Thidrikssaga berichtete Geschichte von
Hagens nachgeborenem Sohne Aldrian, der durch Attilas Ermordung der
Gesamterzählung wieder einen vollen Schluß verschafft. Ihre Entstehung
war natürlich erst möglich, nachdem Attilas Tod aus der Erzählung
durch die moderne Entwickelung derselben ausgeschaltet worden war.
Nach Süddeutschland ist unsere Sage wahrscheinlich im 10. Jahrhundert
gewandert. Darauf weist die merkwürdige Einmischung einer historischen
Person jener Zeit hin, die an der Oberfläche klebt: Bischof Pilgrim
von Passau (er war im Amte 971-991) gilt im Nibelungenliede für einen
Zeitgenossen der Nibelunge und Mutterbruder der burgundischen Könige;
nach der „Klage“, dem mehrerwähnten Anhang zum Liede, hat er den
ganzen Verlauf der großen Begebenheiten durch seinen Schreiber Konrad
in lateinischer Sprache aufzeichnen lassen. Diese letztere Nachricht
wird wahrscheinlich richtig sein; sie ist an sich historisch ganz
einwandfrei; ist sie richtig, so versteht man, wie Pilgrim in die
Sage gelangte: der Klagedichter, dem Konrads Werk bekannt war, machte
den Bischof und seinen Schreiber zu Zeitgenossen der Ereignisse, um
die Glaubwürdigkeit des Berichtes zu erhöhen. Wenn aber ein Passauer
Bischof um das Jahr 980 die Nibelungensage aufzeichnen lassen kann,
so bedeutet dies, daß sie damals in Bayern zwar bereits bekannt,
aber noch nicht geläufig war; sonst hätte man nicht Wert darauf
gelegt, daß sie aufgeschrieben würde. Man bedenke, wie die eigentlich
süddeutsche Sage, die von Dietrich und seinen Helden, jederzeit
einfach als dem Publikum bekannt vorausgesetzt wird; dann wird man zu
dem Wahrscheinlichkeitsschlusse kommen, daß zu Pilgrims Zeiten die
niederdeutsche Nibelungensage eben erst in Bayern bekannt geworden und
eben deshalb als der Aufzeichnung durch Pilgrims Schreiber Konrad wert
befunden worden war.
Eine Folge dieser Verpflanzung der Sage auf einen ihr ursprünglich
fremden Boden ist die in dem Namen der einen Hauptheldin eingetretene
Veränderung: sie hieß ursprünglich zweifellos Grîmhild, in welcher
Form der Name etymologisch durchsichtig ist; ~grîma~ bedeutet Larve,
Maske, Helm. Den Süddeutschen waren Wort und Name nicht geläufig; sie
verstümmelten letztern infolgedessen, wie man so häufig ein nur mit dem
Ohre aufgenommenes Fremdwort verstümmelt, zu Krîmhilt oder Kriemhilt.
Der unrichtige Anlaut und das Schwanken des Vokals im ersten Teile
der Zusammensetzung geben somit ebenfalls davon Zeugnis, daß die Sage
in Süddeutschland ursprünglich fremd und erst verhältnismäßig spät
eingeführt ist.
Noch ein zweiter Name ist vermutlich bei dieser Überführung in
gewissem Sinne verstümmelt worden: Gernot; hochdeutsch könnte er
schwerlich etwas anderes als ein Frauenname sein, weil „~nôt~“ ein
Feminin ist; versteht man ihn aber niederdeutsch, so gibt er den Sinn
„Schwertgenoß“ und müßte hochdeutsch Gernoz heißen; er dürfte also bei
der Überführung der Sage nach Süddeutschland seine niederdeutsche Form
beibehalten haben.
In Oberdeutschland hat sich die Sage nun begreiflicherweise selbständig
weiter entwickelt. Augenscheinlich ist sie gar nicht vollständig dahin
gelangt, wenigstens fehlt jede Kunde von Siegfrieds Vorfahren, sowie
von seinem ursprünglichen Verhältnis zu Brünhilt, während die von
seiner Jugendzeit äußerst dürftig ist. Die Erzählung beginnt damit,
daß Siegfried um Kriemhilt freit und dann Brünhilt für seinen Schwager
gewinnt. So reich ausgestattet ursprünglich und noch in nordischer
Fassung der erste Teil des Stoffes war, so gering ist sein Kern in
der deutschen; ritterliche Füllung hat ihn im Liede freilich wieder
verbreitert. Dafür hat sich der zweite Teil reich entfaltet und
zwar hauptsächlich dadurch, daß er als Episode in die Dietrichsage
eingetreten ist; da die Burgunden infolge verräterischer Einladung am
hunnischen Hofe zugrunde gehen, muß Dietrich, der nach süddeutscher
Auffassung damals dort als Verbannter lebt, mit den Ereignissen zu
tun haben; ihm wird die Entscheidung in dem großen Kampfe gegen die
Burgunden zugewiesen.
Wenn es auch zu weit führen würde, Ursprung und Entwicklung der
Dietrichsage an dieser Stelle in allen Einzelheiten zu besprechen, so
erscheint doch eine Darstellung in großen Zügen geboten.
Im vierten Jahrhundert saßen die Goten in Dacien (etwa Rumänien und
Siebenbürgen) und längs der Nordküste des Schwarzen Meeres bis zum
Don. In diesen Gegenden begründete der Amaler Ermanarich (deutsch
Ermenrich) ein großes gotisches Reich, das seine Macht weit über das
heutige innere Rußland erstreckte. Um das Jahr 370 erlag diese Macht
dem plötzlichen Ansturm der Hunnen, eines Volkes türkischen Stammes aus
dem innern Asien; König Ermanarich, schon hochbejahrt, kam dabei zu
Tode. Der gotische Geschichtschreiber Jordanes weiß um 550 von seinem
Tode Einzelheiten zu erzählen, die zwar schlecht beglaubigt, aber an
sich nicht unwahrscheinlich sind und sich inhaltlich mit dem vorhin S.
27 f. dargestellten dritten Teile der Nibelungensage nordischer Form
nahezu decken: das treulose Volk der (sonst unbekannten) Rosomonen
versucht den Einbruch der Hunnen zur eigenen Befreiung zu benutzen;
Ermanarich läßt Suanihilda, eine Frau aus diesem Volke, für den
heimtückischen Abfall ihres Mannes[45] von wilden Pferden zerreißen,
wird aber dafür von ihren Brüdern Sarus und Ammius (Sorli und Hamdir
in der Lieder-Edda) tödlich verwundet. Die Erzählung dürfte auf
Tatsachen beruhen; sie ist geraume Zeit vor der Entstehung der übrigen
gotischen Sagen, also etwa um 500, nach dem Norden gelangt[46] und hier
schon im 9. Jahrhundert (vgl. S. 90) dadurch an die Nibelungensage
angeschlossen worden, daß man Suanihilda und ihre Brüder zu Kindern der
Gudrun gemacht hat. Vermutlich spielte die Mutter der untergegangenen
Geschwister schon vor dieser Vereinigung in der Erzählung eine
Rolle, die es nahelegte, sie mit Gudrun gleichzusetzen; darauf weist
wenigstens die Art hin, wie der dänische Geschichtschreiber Saxo
Grammaticus um 1200 die Ermanarich-Sage (ohne ihre Verbindung mit
der Nibelungensage zu berücksichtigen) in seine dänische Geschichte
aufgenommen hat.
Der Einbruch der Hunnen trennte die Goten in westliche, die auf
römisches Gebiet übertraten und uns hier nichts mehr angehen, und
östliche, die unter hunnischer Hoheit zurückblieben und nach wie
vor Könige aus dem Amalerhause hatten. Diese Ostgoten bildeten mit
andern Germanenvölkern zusammen den eigentlichen Kern der hunnischen
Macht; ihre Führer waren die ersten Helden des Großkönigs. Als solcher
herrschte 444-453 Attila, nachdem er seinen Bruder und Mitherrscher
Bleda beseitigt hatte. Dieser Attila hat bei den westlichen Germanen
das Andenken eines wilden Eroberers hinterlassen; ganz anders bei den
östlichen: sie erinnern sich seiner als eines mächtigen, aber gnädigen
Herrschers. Unter seinen vielen Frauen ragt in der Geschichte die
Kerka oder Rheka (richtig vermutlich Cherka) hervor, die in der Sage
als Herche oder Helche lebendig geblieben ist. -- An der Spitze der
Ostgoten standen zu Attilas Zeit drei amalische Brüder, deren einer
Theodemer (deutsch Dietmar) hieß.
Nach Attilas plötzlichem Tode (vgl. S. 69) zerfiel sein Reich; die
Ostgoten traten auf das rechte Donauufer in oströmischen Bereich über.
Theodemer war schließlich ihr alleiniger König und vererbte diese
Stellung 481 auf seinen Sohn Theodorich (deutsch Dietrich), der sich
den Beinamen des Großen verdiente.
Inzwischen hatte sich 476 in Italien ein germanischer Fürst namens
Odoaker (deutsch Otacker) der Herrschaft bemächtigt. Ihn zu beseitigen
und zugleich die Sorge vor den Ostgoten, die fortgesetzt die Sicherheit
Konstantinopels bedrohten, loszuwerden, übertrug Kaiser Zeno 489
dem Theodorich und seinem Volke die Aufgabe, Italien dem Reiche
zurückzuerobern, um es dann als römische Bundesgenossen zu bewohnen
und zu beherrschen. Theodorich schlug Odoaker in mehreren Schlachten
und belagerte ihn schließlich drei Jahre lang in dem festen Ravenna,
wo damals (seit Honorius) der Regierungssitz Italiens sich befand; 493
gelangte die Stadt in Theodorichs Gewalt, Odoaker wurde getötet. Als
Beherrscher Italiens hat nun Theodorich lange Zeit die führende Rolle
unter den westeuropäischen Germanenkönigen gespielt, ja, dieselben
durch Heiraten zu einer großen Familie zu vereinigen gesucht, deren
Haupt er selbst sein wollte. Dabei war sein Bestreben, Kriege zu
vermeiden und Streitigkeiten auf friedlichem Wege zu schlichten --
ein Charakterzug, der dem Dietrich der Sage insofern noch anhaftet,
als auch dieser nur, wenn es ganz unvermeidlich ist, zum Schwerte zu
greifen pflegt.
526 ist Theodorich gestorben; damit brach sein System zusammen. Auch
der Ostgotenstaat war nicht von Dauer: bereits 540 geriet Ravenna
wieder in römische Gewalt, und 553 vernichtete Narses den letzten
Gotenschwarm, der noch zusammenhielt, am Vesuv. Nur nördlich der Alpen
blieben gotische Reste übrig und gingen in den Bayern auf (vgl. S. 56),
die nun die Erinnerung an die ruhmreiche Geschichte der Amaler bewahrt
und gepflegt haben.