Die Erinnerung an die große Regentin Ostfrankens ist jedenfalls lange

nicht erloschen; so führt z. B. eine alte Römerstraße im südlichen

Belgien noch heute volkstümlich den Namen ~chaussée Brunehaut~

(Brünhildenstraße), man hat also Kulturanlagen an den Namen der

berühmten Königin angeknüpft; und am nördlichen Abhange des Feldbergs

im Taunus heißt ein vereinzelter, vier Meter hoher Fels schon seit dem

frühen Mittelalter der „Brunhildenstein“; wenn eine alte Urkunde für

diesen die Bezeichnung ~lectulus Brunnihildae~ gebraucht, so dürfte

dies nicht als „Bett“, sondern als „Königssitz“ der Brünhilt zu deuten

sein; der gepolsterte Hochsitz des Herrn ist ~lectum~ (man vergleiche

das altfranzösische ~lit de justice~). Auf jeden Fall meinen diese

örtlichen Benennungen zunächst die geschichtliche Königin und erst

in zweiter Linie die aus ihr erwachsene Sagenfigur. Wohl aber kann

die alte Lokalisierung der Gnitaheide (S. 19 Anm.) in der Nähe des

Feldbergs durch den überlieferten Namen jenes Felsens veranlaßt sein.

In der Geschichte der Merowinger im 6. Jahrhundert finden wir, meine

ich, alle wesentlichen Punkte der Siegfriedsage, wenn auch in anderer

Gruppierung, beisammen, vor allem den Zank der Königinnen und als seine

Folge die von Verwandten herbeigeführte Ermordung des Königs Sigebert,

der seinen Zeitgenossen als der herrlichste Held unter seinen Brüdern

erschien. Der Name Sigebert ist zwar nicht identisch mit Siegfried,

allein dieser Name steht in unserer Sage ja auch nicht fest, da er

nordisch Sigurd (das wäre deutsch Siegwart) heißt; wir finden also

drei Formen nebeneinander, die althochdeutsch ~Sigiberht~, ~Sigifrid~,

~Sigiwart~ heißen würden; der zweite Teil ist verschieden, überall

aber beginnt er mit Labial, schließt mit Dental und enthält r; die

Vertauschung der Formen ist also leicht begreiflich. Der Charakter des

Königs ist in dem des sagenhaften Siegfried leicht wiederzuerkennen;

der Ort seines Todes ist in der nordischen Version (gelegentlich einer

Volksversammlung) leidlich festgehalten. Die ausländische, reiche und

waffengewaltige Brunichild deckt sich nach Namen und Charakter völlig

mit der Brynhild der Sage; ihre Schicksale allerdings sind wesentlich

verschoben. Die verhältnismäßig unbedeutende Gailswinth ist in der Sage

vergessen; ihre Schwester vertritt sie mit: an Stelle der Ermordung

ist das Herausdrängen aus der ihr rechtmäßig gebührenden Ehe durch

ihre Rivalin getreten. Damit fallen zugleich Chilperich und Sigebert

in eine Person zusammen. Nicht unwesentlich ist noch Gunthchramn von

Burgund, der gelegentlich in den gewaltigen Frauenkrieg eingreifende

dritte Bruder; er erinnert in Namen und Stellung so sehr an den alten

Burgundenkönig Gundicari, daß man wohl annehmen darf, durch die

Gleichsetzung beider sei die Attila-Burgunden-Geschichte mit der vom

Kriege der beiden Königinnen und Sigeberts Ende vereinigt worden.

Die Vereinigung beider Erzählungen kann nicht vor der Mitte des 7.

Jahrhunderts stattgefunden haben, weil doch mindestens etwa ein

Menschenalter seit Brunichilds Tode vergangen sein muß, ehe die

Erinnerung an sie und ihre Zeit so wirr werden konnte, wie sie bei

unserer Annahme geworden ist. Infolge der Vereinigung ist dann

Grimhild, die Hauptheldin des 2. Teiles, mit Fredegund identifiziert

worden oder vielmehr dem Namen nach an ihre Stelle getreten. Das hat

ohne weiteres eine wichtige Änderung zur Folge: ist Grimhild-Fredegund

eine Schwester des Gundicari-Gunthchramn (wie die Attila-Burgundensage

annimmt), so kann ihr Gatte Sigebert nicht ein Bruder des letztern

sein; Sigebert scheidet deshalb in der Sage aus der Familie, der

er historisch angehört, aus und wird zu einem Manne unbekannten

Ursprungs oder, wie die Sage es ausdrückt, zu einem Findling. Damit

ist ihr weiter Gelegenheit gegeben, an dieser Stelle noch andern Stoff

anzuknüpfen.

Nach unserer Auffassung wäre also der erste Teil der Sage in

Wirklichkeit um mehr als hundert Jahre später entstanden als die

zweite; das darf uns nicht irre machen, denn es ist eine Eigenart

menschlichen Erinnerns, daß alles Vergangene sich gewissermaßen auf

eine Fläche projiziert und zeitlich unbestimmt nebeneinander liegt;

verknüpft ein Späterer zwei in der Vergangenheit liegende Erzählungen

miteinander, so hat er volle Freiheit für die Bestimmung der Zeitfolge.

In unserer Sage hat der zweite, ältere Teil den ersten, jüngern bei

der Vereinigung stark beeinflußt; der letztere ist eben deshalb schwer

als Fortsetzung der ihm zugrundeliegenden historischen Ereignisse zu

erkennen.

Siegfrieds Ermordung wird, wie wir gesehen haben, in Skandinavien und

Deutschland verschieden berichtet: dort geschieht sie auf dem Ritt

zur Volksversammlung (entsprechend dem Tode König Sigeberts 575),

hier auf der Jagd im Odenwalde. Auch für die letztere Darstellung

läßt sich unschwer eine historische Grundlage finden: der letzte

König der ripuarischen Franken, Sigebert, wurde um 510 auf Befehl

seines Sohnes Chloderich, den König Chlodowech dazu aufgereizt

hatte, im Walde Buchonia ermordet; der Name Buchonia umfaßt die

östlich des Mittelrheins gelegenen Waldgebirge, also auch den

Odenwald mit. Die Übereinstimmung dieser historischen Angabe mit

der deutschen Darstellung von Siegfrieds Ermordung ist so groß,

als sie bei der Knappheit jener Überlieferung nur sein kann; wir

dürfen also wohl annehmen, daß die Erzählung vom Tode dieses ältern

Sigebert gelegentlich an die Stelle derjenigen, die den Mord des

Jahres 575 berichtete, getreten ist; beide Sigebert wurden infolge

Namensgleichheit zusammengeworfen, die Ermordung infolge Hinterlist der

Verwandten von den Sängern bald nach der ältern, bald nach der jüngern

Version dargestellt.

Aus der Geschichte der Merowinge stammt auch der Ansatz, daß die

Burgundenkönige als in Worms regierend gedacht werden; der historische

Gundicari kann nicht wohl an anderer Stelle als in der römischen

Metropolis Obergermaniens, das war Mainz, seinen Amtssitz gehabt haben;

in etwas späterer Zeit aber führen nur zwei Städte des fränkischen

Reiches in Königsurkunden den auszeichnenden Titel ~civitas publica~,

weil sie königliche Pfalzen enthielten, nämlich in Westfranken Poitiers

und in Ostfranken Worms (Rietschel, Die Civitas, 1898, S. 75); es

springt in die Augen, daß der besondere Rang dieser Stadt die Ursache

gewesen ist, die berühmten Könige der Sage in ihr hausen zu lassen.

~d~) Einzelheiten.

Nachdem durch die Verknüpfung der Attila-Burgundensage mit der vom

Streite der Königinnen und Siegfrieds Ermordung deren Hauptheld

aus der ihm historisch zukommenden Familienstellung herausgedrängt

und zum Findling geworden war, gab das Rätsel seiner Herkunft die

Möglichkeit an die Hand, eine bereits vorhandene Sage ältern Ursprungs

vorzuschieben und anzuknüpfen. Im altenglischen Gedichte Beowulf wird

gelegentlich Bezug genommen auf die Taten des Sigemund, des Sohnes des

Wæls, und seines Neffen Fitela; gemeinsam, heißt es hier, haben sie

alle Gefahren bestanden, nur die Tötung des Drachen hat Sigemund allein

vollbracht und dadurch den großen Hort gewonnen. Die Geschichte von

Sigmund und Sinfjotli (dessen Name ohne das vorgeschobene Sin- sich mit

„Fitela“ völlig deckt) ist in der Volsungasaga ausführlich erzählt und

nach ihr vorhin im Auszuge wiedergegeben worden; sie ist so, wie sie

vorliegt, gewiß erst in späterer Zeit ausgestaltet worden, denn sie

berührt sich in ihrem Verlaufe aufs nächste mit der nordischen Form der

Attila-Burgundensage: Siggeir entspricht dem Atli, der die Verwandten

seiner Frau in böser Absicht einladet, Signy der Gudrun, auch darin,

daß sie die mit ihrem Gatten erzeugten Kinder der Rache am Gatten

opfert. Also Beeinflussung durch den zweiten Hauptteil unserer Sage ist

wohl anzunehmen, die alte Gestalt der Sigmundsage demnach schwerlich

erhalten; daß Fitela im Beowulf Sigemunds Neffe heißt, ist natürlich

kein Widerspruch, denn auch Sinfjotli wächst als Sohn der Signy von

Siggeir auf, ist also zunächst nur Sigmunds Neffe.

Das Gedicht Beowulf schreibt dem Sigemund Drachentötung und Hortgewinn

zu, also die Haupttaten, die sonst vom jungen Siegfried berichtet

werden; da dies Gedicht überhaupt das älteste Zeugnis für unsere

Sage ist, wäre es unmethodisch, einfach eine ihm untergelaufene

Verwechselung mit Siegfried anzunehmen. Bei der vorgetragenen Meinung

vom Ursprung der Siegfriedsage muß uns der Bericht des Beowulf vielmehr

willkommen sein: Drachentötung und Hortgewinn wurden ursprünglich von

Sigmund erzählt und erst nach Verbindung beider Sagen auf Siegfried

übertragen. Sonst sind noch aus der Sigmundsage entnommen eben der Name

Sigmund (in Deutschland ihr letzter Rest) und der (in Deutschland nicht

geläufige) Geschlechtsname der Wolsunge. Den Ursprung der Sigmundsage

aber aufzuhellen, gibt es kein Mittel, weil wir überhaupt keine

unbeeinflußte Darstellung derselben mehr besitzen.

Aus den bisher vorgeführten historischen Ereignissen lassen sich wohl

die Grundzüge der Nibelungensage ableiten, allein noch sind eine Reihe

wichtiger Einzelheiten übrig, die vorläufig ganz unerklärt geblieben

sind. Zuerst der Name „Nibelunge“ selbst. Er erscheint in Deutschland

in zwei verschiedenen Bedeutungen, im Norden (wo er Niflungar heißt)

nur in einer, die mit einer der in Deutschland üblichen zusammentrifft;

methodisch folgerichtig kann man nur diese als die ursprüngliche

ansehen: sie versteht unter Nibelungen das Königshaus und dann auch das

Volk der Burgunden. Woher stammt der Name? Die einfachste Annahme wäre

die, das burgundische Königshaus habe wirklich den Geschlechtsnamen

„Nibelunge“ geführt (wie das ostgotische den Namen „Amelunge“ u. dgl.);

allein die beglaubigte Geschichte gibt dafür gar keinen Anhalt. Als

Personenname ist „Nibulung“ häufig in einem Zweige der fränkischen

Arnulfinge: Majordomus Pipin der Mittlere († 714) hatte neben ehelichen

Kindern mehrere unebenbürtige Söhne, von denen Karl der Hammer das

Haus der Karlinge begründet, Childebrand aber der Vater des ersten

bekannten Nibulung ist; der Name erscheint dann bis zum Schlusse des

9. Jahrhunderts noch häufig, und zwar immer so, daß man seine Träger

als Angehörige jener Familie betrachten kann. Das sind aber alles

Rheinfranken, also Angehörige jenes Volkes, das lokal der Nachfolger

von Günthers Burgunden ist. Es liegt also nahe, anzunehmen, daß der

Name eines im 8. Jahrhundert dort mächtigen edeln Geschlechtes auf die

Familie der alten Burgundenkönige übertragen worden ist[40].

Die nur in Deutschland vorkommende zweite Bedeutung des Namens

„Nibelunge“ versteht sie als die ursprünglichen Besitzer des „Hortes

der Nibelunge“. Dieser Hort trägt seinen Namen sicher von seinen

letzten Besitzern; nachdem man sich aber einmal gewöhnt hatte, ihn

„der Nibelunge Hort“ zu nennen, übertrug man diese Bezeichnung auch

in die Zeit, da er den Nibelungen noch gar nicht gehörte, und gab so

Veranlassung zu der Annahme früherer Nibelunge, als der ursprünglichen

Besitzer desselben.

Der Hort selbst versteht sich aus der Zeit der historischen Ereignisse

und ihrer ältesten Umdichtungen unseres Stoffes ohne weiteres: er

ist in jener Epoche zugleich materielle Grundlage und Symbol aller

Königsgewalt. Man erinnere sich, welche Rolle die Mitgift der

westgotischen Fürstinnen spielt. So war er geeignet, den roten Faden

darzustellen, der durch die gesamte Erzählung sich hinzieht. Für seine

Herkunft bot die angeknüpfte Sigmundsage eine geeignete Geschichte dar:

er ist einem schatzhütenden Drachen abgenommen; das ist ein uraltes

Motiv, das uns schon in den ältesten Sagen des klassischen Altertums

entgegentritt. Über den Drachen hinaus brauchte man zunächst die

Geschichte des Schatzes nicht zu wissen; spätere Wißbegier hat aber

auch hier weitergehende Fragen gestellt und beantwortet. So entstand

im Norden die Erzählung von Hreidmar, Andvari und dem Eingreifen

der Götter; sinnig ist dabei die Habgier, die der Reichtum erregt,

als Wirkung eines Fluches des ersten Beraubten hingestellt. In

Deutschland, wo man die Zusammengehörigkeit von Drachen und Schatz früh

vergessen hatte, entstand auf gleichem Wege, wie vorhin angegeben, das

unhistorische Volk der Nibelunge.

Daß man sich den Hort schließlich im Rheine versenkt dachte, ist

sicher eine Folge des Umstandes, daß man aus ihm Gold gewann: man

betrachtete dieses Gold als Spuren eines (unseres) versenkten Schatzes.

Noch mangelt uns die Herleitung mehrerer einzelner Heldenfiguren, die

gerade, je länger der alte Stoff lebt und besungen wird, um so mehr in

den Vordergrund treten; von ihnen ist in erster Linie Hagen zu nennen;

er war, wie die Übereinstimmung der nordischen und deutschen Version

zeigt, schon in der ältesten erreichbaren Form der Nibelungensage als

bedeutende Person vorhanden, hat aber in den historischen Vorgängen

seine Erklärung nicht gefunden. In Deutschland gilt er als vornehmster

Vasall Günthers und eigentlicher Mörder Siegfrieds; im Norden heißt

er (als Hogni) Gunnars Bruder, direkte Tätigkeit bei der Ermordung

Sigurds wird ihm nicht zugeschrieben. Welche Fassung in diesem Falle

altertümlicher ist, kann nicht zweifelhaft sein: die deutsche; denn aus

der Familie des Königs fällt er seines Namens wegen heraus: alle nahen

Verwandten Günthers haben mit G beginnende Namen, in der Geschichte

sowohl wie der Sage, eine Erscheinung, die in der altgermanischen

Sitte und Sprache begründet ist; Hagen also gehört ursprünglich nicht

zu ihnen. Siegfrieds Ermordung ist ihm aber sicher erst im Norden

abgenommen worden, weil er, einmal zu Gunnars Bruder geworden, durch

den eingegangenen Blutsbund an solcher Tat verhindert war; sie wäre zu

schändlich und von solchem Helden nicht begreiflich gewesen. So müssen

wir von seiner Stellung in der deutschen Sagenform ausgehen. Historisch

könnte er höchstens die Fortsetzung des persönlich unbedeutenden

Mörders des Sigebert, sei es des ripuarischen oder des Gatten der

Brunichild, sein, also einer untergeordneten Person, die nur Werkzeug

war; von diesem Ausgangspunkte aus begreift man den Hagen der Dichtung

schwer.

Nun erscheint derselbe Hagen in einer andern, nahe verwandten Sage

an bedeutsamer Stelle, die so beschaffen ist, daß ohne diesen Helden

die Erzählung ohne Spitze wäre; hier ist er also im Grunde wichtiger

als in der eigentlichen Nibelungensage, hier dürfte die Figur

demnach ursprünglich erwachsen sein. Ich meine Walthersage. Sie ist

uns frühzeitig berichtet und zwar 1. vollständig durch das um 930

entstandene lateinische Gedicht des St. Galler Mönches Eckehard I.,

und 2. in Bruchstücken eines altenglischen Epos aus dem 8. oder 9.

Jahrhundert; beide stimmen so genau überein, daß sie eine deutsche

Dichtung dieses Inhalts mindestens aus dem 8. Jahrhundert bezeugen.

Der Inhalt ist kurz der folgende: Attila der Hunnenkönig überzieht

die westlichen Länder mit Krieg; alle aber ziehen Unterwerfung vor,

zahlen Tribut und stellen Geiseln: der König der Burgunden (die der

Mönch Eckehard, an die zeitgenössischen Verhältnisse sich anschließend,

Franken nennt) Gibich den jungen Edelmann Hagen, zwei andere, in

Gallien regierende Herrscher, der eine die Tochter Hiltegund, der

andere den Sohn Walther. Die Geiseln werden am hunnischen Hofe

standesgemäß erzogen, und Hagen und Walther entwickeln sich zu

gewaltigen Kriegshelden, die miteinander innige Freundschaft (den

heidnischen Blutsbund) schließen; Hiltegund aber erhält die Aufsicht

der königlichen Schatzkammer. Nun stirbt König Gibich; sein Sohn

und Nachfolger Günther sagt den Hunnen sofort den Gehorsam auf und

bringt dadurch seinen Geisel Hagen in eine gefährliche Lage, der sich

dieser durch Flucht entzieht. Der nun allein zurückgebliebene Walther

erficht bald darauf in Attilas Dienst einen großen Sieg; das zu seiner

Feier veranstaltete Fest benutzt er, um ebenfalls der Knechtschaft

zu entgehen: er verabredet mit Hiltegund, die er sich verlobt, den

Plan zur Flucht, macht die Hunnen bei dem Feste trunken und entkommt

mit ihr; den ihr anvertrauten Schatz nimmt Hiltegund mit. Als die

Hunnen ihren Rausch ausgeschlafen haben, wagt keiner, den berühmten

Kriegshelden zu verfolgen. So können sie ungefährdet den Rhein

erreichen, den sie in Worms überschreiten. Durch den Fährmann, der sie

übergesetzt hat, gelangt die Kunde an Günthers Hof; Hagen erkennt an

der Beschreibung, wer die Fremden gewesen sind, veranlaßt aber dadurch

wider seinen Willen den Günther, sie zu verfolgen. Im Wasgenwalde

werden die Flüchtlinge gestellt und gegen Hagens Rat angegriffen;

Walther aber erwehrt sich der Feinde. Hagen beteiligt sich zunächst,

seiner Freundschaft mit Walther wegen, nicht; erst als dieser, obgleich

gezwungen, den Patafrid, Hagens Schwestersohn, getötet hat, läßt er

sich von Günther bestimmen, einzugreifen. Der Schlußkampf endet damit,

daß die drei namhaften Helden, nachdem sie schwer verletzt sind, sich

vertragen; Walther gelangt mit Hiltegund in seine Heimat.

In dieser Sage haben wir eine verhältnismäßig einfache Erzählung

auf klar historischem Hintergrund. Die Rahmenerzählung benutzt

die Tatsache von Attilas Feldzug nach Gallien im Jahre 451 und

macht den Eindruck, als ob sie zunächst als Vorgeschichte der

Attila-Burgundensage (des 2. Teiles unserer Nibelungensage) gedacht

gewesen wäre, als sie noch ohne Siegfriedsage bestand; jene erzählt

von der Vernichtung der Burgunden durch Attila, die Walthersage

berichtet, wie die Burgunden den Hunnen zinspflichtig werden und wieder

abfallen, gibt also eine Begründung für jene. Auf diesen Hintergrund

ist nun die Erzählung von Hagens und Walthers Freundesbund und Kampf

in einer Weise gebracht, die den Eindruck erweckt, als ob ein Dichter

des 7. oder 8. Jahrhunderts das Problem aufgeworfen und zu lösen

versucht hätte: wie hat sich der Krieger zu entscheiden, wenn er vor

die Frage gestellt wird, entweder die Freundes- oder die Mannentreue

zu brechen? Sie ist in der Walthersage zugunsten der Mannentreue

beantwortet; die Verletzung der Freundestreue wird allerdings durch

die vorhergehende Tötung des Patafrid erleichtert[41]. Jedenfalls aber

hat der alte Dichter in Hagen den Typus der alle andern Rücksichten

hintenansetzenden Mannentreue geschaffen; als solcher eignet sich

Hagen, nachdem einmal die Siegfriedgeschichte hinzugekommen ist,

vorzüglich zum Mörder des von allen sonst zu sehr verehrten Helden.

Hagen ist somit keine historische, sondern eine durch die Dichtung

geschaffene Figur.

Als Hagens Heimat gilt in der deutschen Sage ein geographisch ganz

unbekanntes Tronje; schon die mittelhochdeutschen Dichter wissen mit

diesem Ortsnamen nichts Rechtes anzufangen und identifizieren ihn

gelegentlich mit bekannten, z. B. mit Troyes in der Champagne, oft aber

erscheint statt Tronje direkt Troye, Troja (so in der Thidrikssaga);

ja, schon die älteste Quelle, eben Eckehards Waltherdichtung, nennt

Hagen ~venientem de germine Trojae~. Nun ist „Tronje“ eine ganz

undeutsche Bildung; wäre sie alt, so würde der Ort „Trünne“ oder

ähnlich lauten müssen[42]. Da nun die Franken seit der Besitznahme

Galliens sich nach dem Vorbilde der Römer trojanischer Abkunft rühmten,

so ist mir immer noch das wahrscheinlichste, daß in Tronje eine

verdunkelte Erinnerung an Troja steckt. Die fränkische Trojanersage

spielt übrigens vielleicht noch an einer andern Stelle in unsern Stoff

herein: darin, daß aus Siegfrieds Reiche im Nibelungenliede gerade nur

das Städtchen Xanten genannt wird. Denn dies ist die Fortsetzung der

alten Römerstadt ~Colonia Trajana~, die man, nachdem Kaiser Trajans

Gedächtnis erloschen war, als ~Colonia Trojana~ verstand; Xanten

heißt daher auch Klein-Troja (lützel Troye). Doch höchstens in der

Wahl gerade dieses Ortes für den Sitz Sigemunds hat die Trojanersage

bestimmend gewirkt, sonst ist sie ohne Bedeutung für Siegfrieds

Geschichte geblieben.

Neben Hagen tritt später in der deutschen Version sein treuer

Kampfgenosse Volker der Spielmann; er ist dem Nibelungenliede und der

Thidrikssaga gemeinsam geläufig. Seine Figur verdankt ihre Entstehung

wohl den fahrenden Spielleuten, die nicht leicht unterließen, in

den von ihnen behandelten Stoffen ihresgleichen möglichst in den

Vordergrund zu rücken; in unserer Sage haben sie es, im Anschluß an

damals geübte Sitte, dadurch getan, daß sie im Gefolge der namhaften

Könige Spielleute auftreten ließen: bei Etzel den Werbel und den

Swemmel, bei Günther den Volker. Während jene im Nibelungenliede

einfache Leute geblieben sind, erscheint Volker aus der alten niedern

Sphäre herausgehoben; den Grund erkennt man aus folgender Strophe (Text

~B~ 1477 Bartsch):

~Wer der Volkêr wære, daz wil ich iuch wizzen lân:

er was ein edel herre; im was ouch undertân

vil der guoten recken in Burgonden lant.

durch daz er videln kunde, was er der spilman genant.~

Dem Dichter des Nibelungenliedes ist offenbar der einfache Spielmann

nicht gut genug gewesen (ebensowenig wie der Findling Siegfried);

er erhebt ihn deshalb zum edeln Herrn und erklärt die Bezeichnung

„Spielmann“ aus seiner Kunstfertigkeit. Seit der Mitte des 12.

Jahrhunderts hat ja auch die Annahme dichtender und musizierender

Edelleute nichts seltsames mehr.

Schließlich tritt noch, aber nur im Nibelungenliede, Hagens Bruder

Dankwart über das Durchschnittsmaß hervor; er ist des Königs Marschall

und hat als solcher Führung und Pflege der großen Schar von Knechten,

die mit nach dem Hunnenlande ziehen. Mit diesem Heere steht und fällt

Dankwart: seine Figur ist von demselben Autor geschaffen, dem die

verhältnismäßig einfache Grundlage der Erzählung nicht mehr zeitgemäß

erschien, eben dem eigentlichen Dichter unseres Liedes. Wir haben

bei der Analyse desselben vorhin gesehen, daß alle Szenen, in denen

Dankwart auftritt, jüngern Ursprungs sind. Auffällig bleibt aber eins:

im 1. Teile des Liedes tritt Dankwart nur einmal deutlich hervor, bei

der Fahrt zur Brünhilt, die er als vierter neben den drei sagenechten

Gesellen Günther, Hagen und Siegfried mitmacht; er ist also damals

bereits erwachsen. Trotzdem sagt er später zu Blödel (~B~ 1924 Bartsch):

~ich was ein wênic kindel, dô Sîfrit vlôs den lîp~,

könnte also danach zur Zeit jener Fahrt überhaupt noch nicht

gelebt haben. Wir kommen hier um die Annahme einer Entgleisung

unseres Dichters nicht herum, da ihm alles, was Dankwart betrifft,

zugeschrieben werden muß. Ein solcher Fehler wiegt in einer Zeit, da

Bücher nicht gelesen, sondern vorgelesen werden, nicht so schwer:

der Leser kann, wenn ihm dergleichen auffällt, zurückblättern und

nachprüfen, der Zuhörer aber wird durch den Strom der Vorlesung zu

rasch weiter gerissen, als daß er sich lange bei Anstößen aufhalten

könnte.

Soviel vorläufig über die Ausgangspunkte unserer Sage. Wir müssen nun

zunächst versuchen, zwischen diesen Ausgangspunkten und dem Zustande,

in dem sie uns in den literarischen Denkmälern überliefert ist, eine

Brücke zu schlagen, mit andern Worten, die Entwickelung der Sage aus

der historischen Grundlage zu begreifen.

V.

Die Entwicklung der Sage.

~a~) Älteste und nordische Form.

Der Sagenkreis der Nibelungen · 第 7 / 14 段