In der Erzählung vom jungen Siegfried, wie sie in der Saga uns

entgegentritt, kommen nicht wenig Züge vor, die, im Nibelungenliede

fehlend, doch altertümlich sind und, wenn auch verwischt, in dem

späten deutschen Liede vom Hürnen Seifrid wieder auftauchen. Dies

Gedicht besteht aus zwei ganz lose verbundenen Teilen, deren erster ein

kurzer Auszug aus einem verlorenen längern Gedicht ist. Der zweite,

größere hebt vollständig von neuem an, als ob nichts vorausginge, und

sein Inhalt widerspricht in wesentlichen Dingen dem des ersten. Im

ersten Teil ist Siegfried als Sohn des Königs Sigmund aufgewachsen und

so ungebärdig, daß man ihn gern ziehen läßt, als er nicht zu Hause

bleiben will. Er tritt dann bei einem Schmiede in die Lehre, treibt

aber nichts als Unfug; der Schmied schickt ihn deshalb in den Wald,

damit ihn ein Drache töte, allein Siegfried überwindet den Drachen

und badet sich in seinem Blute, wodurch er eine Hornhaut erwirbt. Die

Erzählung ist der in der Thidrikssaga nahe verwandt. Angeschlossen sind

(ziemlich zusammenhanglos) Bemerkungen über Herkunft und Bedeutung des

Nibelungenhortes. Der zweite Teil erzählt, daß Kriemhilt, die Tochter

des in Worms regierenden Königs Gibich, von einem Drachen entführt

wird; Siegfried stößt jagend auf die Spur des Drachen, tötet ihn nach

hartem Kampfe und erlöst die Jungfrau, die seine Gattin wird. Die

Erzählung wird kurz bis auf seinen Tod fortgeführt. Der zweite Teil

ist offenbare Neudichtung nach bekannten Motiven; für uns wichtig ist

nur, daß (in offenbarem Widerspruche zum ersten Teile) erzählt wird,

Siegfried sei ohne Kenntnis seiner Eltern aufgewachsen; in diesem

Punkte ist der „Hürnen Seifrid“ altertümlich. -- Auffälligerweise gilt

Hagen im „Hürnen Seifrid“ als dritter Sohn Gibichs (neben Günther und

Gernot); diese Übereinstimmung mit der nordischen Sagenform ist wohl

zufällig; man wußte, daß Gibich drei Söhne gehabt hatte, und ersetzte

den vergessenen Giselher durch den berühmten Helden.

IV.

Die Grundlagen der Sage.

Die bisher besprochenen Formen unserer Sage müssen sich nun, soweit

sie auch im Laufe der Entwickelung auseinander gegangen sein mögen,

notwendig auf eine einheitliche Grundlage zurückführen lassen. Wollen

wir diese Grundlage finden und den langen Weg, den die Stoffe bis zur

Aufzeichnung zurückgelegt haben, mit einiger Sicherheit aufhellen,

so tun wir gut, fürs erste diejenigen geschichtlichen Ereignisse ins

Auge zu fassen, die unzweifelhaft zu den Ausgangspunkten der ganzen

Stoffmasse gehören; wir haben dann einen feststehenden Anfang und

dürfen hoffen, die Linie zu finden, die von ihm bis zu den Denkmälern

der Sage in der Literatur hinführt.

~a~) Burgunden und Hunnen.

Im 4. nachchristlichen Jahrhundert saß das germanische Volk der

Burgunden im Stromgebiete des Mains; am Rheine war die römische

Grenzwehr noch ungebrochen. Da kam, etwa im Jahre 405, vermutlich

infolge eines erneuten hunnischen Ansturms, Bewegung in die östlich

von den Burgunden sitzenden Germanenvölker: Sueben und Vandalen, mit

ihnen die nichtgermanischen Alanen, drangen westwärts vor, durchbrachen

406 die römische Rheingrenze und ergossen sich über Gallien. Daß die

Burgunden von diesen Ereignissen nicht unberührt bleiben konnten, ist

klar; wir finden sie nunmehr auch links des Rheins gegenüber ihren

bisherigen Sitzen. Im Jahre 411 stellten der Alanenhäuptling Goar und

der Burgundenkönig Gundicarius in Gallien den Jovinus als römischen

Kaiser auf; 413 aber ließen sie ihn fallen und vertrugen sich mit der

rechtmäßigen Regierung des Kaisers Honorius; dabei erhielt Gundicarius

für sich und sein Volk die römische Provinz ~Germania superior~ (sie

umfaßte die Bezirke der Städte Mainz, Worms, Speier und Straßburg)

angewiesen, und zwar sollten die Burgunden hier eine Grenzwacht im

römischen Sinne bilden. Sie sitzen jetzt also in derjenigen Gegend, in

der unsere Sage sie annimmt; ihr Herrscher führt den Namen Gundicarius,

das ist derselbe wie hochdeutsch Günther, nordisch Gunnar.

Jeden Zweifel an der Identität des historischen und des sagenhaften

Königs und Volkes müssen uns die nun folgenden Ereignisse nehmen. Das

Bündnis zwischen Burgunden und Römern fand sein Ende durch den Tod

des Kaisers Honorius 423. Es ist eine Eigentümlichkeit aller dieser

Barbarenbündnisse der Völkerwanderungszeit, daß sie als erloschen

gelten, sobald der eine der beiden Kontrahenten stirbt. Daß der

römische Staat weiter existiert, kümmert die Burgunden nicht; sie haben

nur mit Honorius persönlich abgeschlossen. Jetzt ist der Kriegszustand

wieder da; sie greifen wieder um sich. Nach einigen Jahren ist die

römische Macht wieder so weit gefestigt, daß sie in Gallien Ordnung zu

schaffen unternehmen kann. Der Feldherr Aetius tut es unter heftigen

Kämpfen; im Jahre 435 wird er auch mit den Burgunden fertig. Über diese

Kämpfe berichten uns zwei Zeitgenossen, die sich gegenseitig ergänzen;

der eine ist Prosper Aquitanus, der andere der Spanier Idacius. In ganz

kurzer chronistischer Art und Weise haben sie uns die Kenntnis der

Zeit übermittelt. Zum Jahre 435 sagt Prosper: „Um diese Zeit besiegte

Aetius den Burgundenkönig Gundicarius, der sich in Gallien herumtrieb,

im Kriege und gab ihm auf seine Bitten Frieden;“ d. h. das Bündnis

ward wieder hergestellt. Prosper fährt aber fort: „Den genoß er nicht

lange; denn ihn, seine ganze Familie und sein ganzes Volk haben die

Hunnen vernichtet.“ Zum Jahre 437, also zwei Jahre später, gibt Idacius

die kurze Notiz: „20000 Burgunden wurden geschlagen.“ Wir haben diese

Notizen so zu verbinden, daß im Jahre 435 das alte Verhältnis zwischen

Römern und Burgunden wieder hergestellt wurde, daß aber zwei Jahre

darauf die Burgunden am Rheine durch die Hunnen zugrunde gingen. Über

diese Hunnen hat man viel gestritten: waren es römische Söldner, die

etwa im Dienste des Aetius den Angriff unternahmen? oder war es das

Hunnenvolk selbst, sei es das ganze oder ein Teil? führte sie der König

Attila, der ja seit 433 über einen Teil dieses Volkes herrschte? Meiner

Meinung nach kann es nur das Hunnenvolk sein, nicht etwa ein hunnisches

Söldnerheer im römischen Dienst. Denn mit den Römern hatte Gundicarius

das Bündnis eben erneut; zum Bruch lag keine Veranlassung vor. Wohl

aber konnte er nun im römischen Dienst seine Front ostwärts gegen die

andringenden Hunnen genommen haben. Bei dieser Gelegenheit ist nun das

Burgundenvolk mit seinem Königshaus und dem König Gundicarius an der

Spitze im wesentlichen vernichtet worden; 20000 Mann sollen umgekommen

sein. Näheres wissen wir nicht. Wir wissen nur, daß Aetius sechs Jahre

später, 443, die Burgunden vom Oberrhein weggenommen und nach Savoyen

an das Südufer des Genfersees versetzt hat, offenbar weil sie durch

jenen unglücklichen Kampf so geschwächt waren, daß sie als Grenzwacht

nicht mehr ausreichten. Von Savoyen aus haben sie sich in etwas

späterer Zeit wieder ausgebreitet und ein größeres Reich gewonnen, an

dessen Dasein noch die Landschaft Bourgogne in Frankreich erinnert. Von

413 bis 443 haben also die Burgunden am Oberrhein gesessen und sind

hier einmal durch einen Angriff der Hunnen schwer geschädigt worden.

Die näheren Umstände bei diesem Angriff kennen wir, wie gesagt, nicht;

daß Attila die Hunnen geführt hat, ist möglich, aber nicht notwendig

anzunehmen; die Sage hätte ihm als berühmtestem Hunnenkönig die Tat auf

jeden Fall zugeschrieben. Die von der Sage berichteten näheren Umstände

gehen vermutlich auf historische Einzelheiten zurück; so ist es z.

B. gar nicht unwahrscheinlich, daß Attila (oder wer sonst die Hunnen

geführt hat) die burgundischen Fürsten scheinbar wegen Verhandlungen zu

sich geladen und dabei verräterisch niedergemacht hat; man sieht sonst

wenigstens nicht ein, wie die Sage auf das Motiv von der verräterischen

Einladung gekommen wäre.

In der neuen Heimat der Burgunden ließ um das Jahr 500 ihr König

Gundebad das burgundische Recht aufzeichnen; im Eingange zu diesem

Gesetzbuche nennt er seine Vorgänger als burgundische Könige. Als

erster tritt uns entgegen Gibica; dann folgen Gundomar, Gislaharius,

Gundaharius und endlich Gundebads unmittelbare Vorgänger. Hier treten

uns mehrere aus der Sage wohlbekannte Namen entgegen: Gundaharius

(von Gundicarius nur in der Schreibung verschieden, also der 437

gefallene) ist Günther, Gislaharius ist Giselher, Gibica ist Gibich

(mhd. Gibeche), der nordische Gjuki. Letzterer ist also der älteste

historisch bekannte Burgundenkönig, den auch die Sage festgehalten

hat. In welchem Verwandtschaftsverhältnis seine drei Nachfolger zu

ihm stehen, sagt das Gesetzbuch nicht; wir dürfen auch hier der Sage

trauen, die ihm drei Söhne gibt, von denen zwei die gleichen Namen wie

die entsprechenden im Gesetzbuche führen, und annehmen, daß sie seine

Söhne waren; dann begreift man wenigstens am leichtesten, wie der doch

ganz unbedeutende Giselher bis in späteste Zeiten unvergessen geblieben

ist. Gibicas drei Söhne hätten dann im wesentlichen neben- und

miteinander regiert; in Deutschland wäre später Gundomar dem Namen nach

vergessen und für ihn Gernot eingesetzt worden. Auch im Norden werden

ja drei Brüder genannt: Gunnar, Hogni und der etwas beiseite stehende

Gudorm; letzterer könnte dem Namen nach auf Gundomar zurückführen, dann

wäre Hogni (ursprünglich, wie in Deutschland, nur der erste Vasall des

Königs) für Giselher in die Familie eingerückt.

Daß von diesem Untergange des Burgundenstaates am Oberrhein durch

die Hunnen ein Teil unserer Sage ausgegangen ist, darf bei der

Übereinstimmung einer ganzen Reihe von Umständen und Namen wohl als

sicher gelten.

Attila, seit 433 König eines Teiles der Hunnen, wurde 444 durch

Ermordung seines Bruders Bleda Alleinherrscher, brachte sich durch

seinen großen Kriegszug nach Gallien 451 den westlichen Germanen erneut

in furchtbare Erinnerung, kam aber 453 unter auffälligen Umständen

plötzlich zu Tode. Er war als echter Nomadenfürst Besitzer eines großen

Harems, den er fortgesetzt vermehrte; 453 feierte er sein Beilager

mit einem Mädchen namens Hildiko. Am Morgen nach der Brautnacht fand

man den König tot; die junge Frau allein war bei ihm. Zeitgenossen

behaupten, daß Attila durch einen Blutsturz zu Tode gekommen sei.

Aber auch schon zeitgenössisch tritt die Behauptung auf, Hildiko habe

ihn getötet. Was richtig ist, läßt sich nach Lage der Dinge nicht

entscheiden, denn die einzige Zeugin des wirklichen Herganges war

ja eben nur Hildiko, und diese war, falls sie ihn wirklich getötet

hat, Partei. Daß manche sie für seine Mörderin gehalten haben, ist

begreiflich. Für die Sage ist es natürlich gleichgültig, ob sie das

war; ihr genügt es, daß man sie dafür hielt.

Von großer Bedeutung ist ihr Name, der gut germanisch (speziell

gotisch) ist: er ist eine Koseform von einem mit hild zusammengesetzten

Frauennamen, „Hildchen“; Hildiko kann also mit ihrem vollen Namen (die

Koseform setzt immer einen vollen Namen voraus) gut und gern „Grimhild“

geheißen haben. Jedenfalls nimmt die Sage an, daß dies ihr rechter

Name war. In irgendwelcher Beziehung zu den historischen Burgunden

steht diese historische Grimhild nicht. Wohl aber ist erklärlich,

wie man darauf gekommen ist, anzunehmen, daß sie den Attila getötet

habe: sie hatte Angehörige an ihm zu rächen. Man braucht sich nur

in jene wilden Zeiten zurück zu versetzen. Attila war der Herrscher

eines wilden, kriegerischen Volkes, das dort, wo es als Feind auftrat,

niemanden schonte, die Männer ausrottete und die Weiber der Niedrigsten

so gut wie die der Edlen bis zum König hinauf in Besitz nahm. Daß

also manche Weiber am Hunnenhofe Ursache haben mochten, Angehörige an

den Hunnen zu rächen, darf man glauben. Die Vorstellung ist denn auch

sehr alt, daß die Mörderin (wie wir sie mit der Sage nennen wollen) an

Attila Angehörige gerächt hat. Nach einigen alten Angaben (des sog.

~Poeta Saxo~ im 9. und der Quedlinburger Chronik im 11. Jahrhundert),

die aber ebensowenig beglaubigt sind wie die unserer Sage, hat sie

ihren Vater gerächt, in unserer Sage aber (nach der nordischen

Darstellung) ihre Brüder, und diese letztere Anschauung muß bereits

im 9. Jahrhundert am Niederrhein fest gegolten haben, sonst könnte

nicht Kriemhilt in Deutschland wie Gudrun im Norden als Schwester der

burgundischen Könige angesehen werden.

Die beiden großen Ereignisse, die Vernichtung des Burgundenstaates am

Mittelrhein durch die Hunnen im Jahre 437 und die Ermordung des Königs

Attila durch sein Weib im Jahre 453, erscheinen nun im zweiten Teile

unserer Sage verbunden und in ursächlichen Zusammenhang gebracht.

Unsere Erzählung nimmt an, daß Hildiko oder Grimhild, wie wir sie

gleich nennen können, die Schwester der untergegangenen Burgundenkönige

ist und diese an ihrem Gatten Attila rächt. Der Vergleich mit der

Geschichte bestätigt, was vorhin aus der innern Gestalt der beiden

Hauptfassungen unserer Sage geschlossen wurde: die nordische ist

die altertümlichere, denn sie deckt sich im wesentlichen mit den

historischen Vorgängen; die deutsche ist durch die hergestellte innere

Verbindung mit dem ersten Teile wesentlich verändert. Sicher aber haben

wir für den zweiten Teil unserer Sage an den historischen Tatsachen

eine gute und einwandfreie Grundlage.

Die Erzählung ist allerdings nicht ohne weiteres mit der Geschichte

identisch, sondern die Sage ist dadurch geschaffen, daß jemand bereits

in alter Zeit (gewiß nicht allzu lange nach den Geschehnissen) die

beiden historischen Tatsachen: Untergang der Burgunden, und: Attilas

Tod, in Zusammenhang gebracht hat. Dieser Jemand muß wohl einer von

jenen Berufsdichtern gewesen sein, wie sie eingangs erwähnt worden

sind; genauer dürfen wir nach seiner Person selbstverständlich nicht

fragen, wohl aber nach dem Volke, dem er angehört hat. Das ist

wahrscheinlich eben das fränkische gewesen. Die Burgunden selbst

können es nicht gewesen sein, denn sie sind aus jenen Gegenden durch

die Ereignisse weggeschwemmt worden; auch finden wir bei ihnen

später keine Kunde von unserer Dichtung. Die Franken waren aber in

der Zeit, da die Ereignisse sich zutrugen, der Burgunden nördliche

Nachbarn; sie erlebten staunend diese Katastrophen mit, sie waren

auch vielfach selbst in die Kämpfe verwickelt und haben im Jahre 451

teils für, teils gegen Attila gefochten. Daß also die Franken jene

Vorgänge im Gedächtnis festhielten und die Kunde von ihnen der Nachwelt

übermittelten, ist demnach wohl verständlich.

~b~) Sage und Mythus.

Besitzen wir so für den zweiten Teil der Sage eine einwandfreie

geschichtliche Grundlage, so ist es leider bis jetzt noch nicht

möglich gewesen, eine solche mit einiger Sicherheit für den ersten

Teil (d. i. die Geschichte, die mit Siegfrieds wunderbarer Jugend

beginnt und mit seiner Ermordung schließt) zu finden. Man hat deshalb

für diesen Teil ganz besonders lange, ja bis heute noch, an der

Behauptung festgehalten, er beruhe auf mythischen Grundlagen, d. h.

es seien vermenschlichte Götter, die uns hier vorgeführt würden, die

Dichtung behandle also im Grunde nicht Schicksale von Menschen, sondern

Ereignisse der Natur.

Bevor wir zu dieser Anschauung Stellung nehmen, dürfte es sich

empfehlen, die Begriffe „Sage“ und „Mythus“ möglichst genau

festzulegen. Was „Sage“ ist, läßt sich aus der eben behandelten

Herkunft des Stoffes der Attila-Burgunden-Erzählung am besten erkennen:

„Sage“ ist eine Form der Überlieferung historischer Ereignisse, die

sich von andern Formen (der annalistischen oder der pragmatischen

Geschichtschreibung) in erster Linie dadurch unterscheidet, daß sie im

wesentlichen auf mündlichem Wege weitergegeben wird; die Möglichkeit,

alle Angaben auf ihre Richtigkeit zu prüfen, ist außerordentlich

gering; um so größer ist die Einwirkung derjenigen Männer, in deren

Händen ihre Pflege liegt; so wird sie denn bald von dichterischem

Beiwerk dicht umrankt, ist aber doch ihrem Ausgangspunkt nach

Geschichte und beansprucht das so lange zu sein, solange nicht eine

urkundliche Kontrolle sie unrichtiger Angaben überführt.

Den Ausdruck „Mythus“ dagegen beschränken wir am richtigsten auf

diejenigen Erzählungen, die der naive Mensch als Erklärung von

Naturerscheinungen vorgebracht hat; sie verdanken ihre Entstehung dem

menschlichen Bedürfnis, für die zur Empfindung gelangenden Wirkungen

der Naturkräfte die hinter ihnen liegenden Ursachen zu finden. Wie

also „Sage“ das Resultat einer naiven Weltgeschichte ist, so darf man

„Mythus“ als das Resultat einer naiven Naturgeschichte bezeichnen. Der

Mythus erklärt die großen Naturkräfte, besonders diejenigen, die das

Klima beeinflussen, als das Wirken großer Götter, das geheimnisvolle

Treiben in der scheinbar unbelebten Natur als Lebensäußerungen mehr

oder minder mächtiger dämonischer Wesen, die eigenartigen Tatsachen des

Traumes und des Todes als Folge des möglichen körperlosen Daseins der

menschlichen Seele. So ist denn der Mythus in erster Linie Grundlage

der Religion; solange er rein existiert (und das tut er in vieler

Beziehung noch heute, sei es im Glauben, sei es im Aberglauben),

ist er wirklich, und kann also jeder Erzähler seine Helden mit

mythischen Wesen in Zusammenhang darstellen, da seine Zuhörer die

Möglichkeit eines solchen Zusammenhanges für ihre eigenen Personen

ohne weiteres zugeben; ich verweise zur Erläuterung auf die Wirkung

von Gespenstergeschichten, wenn sie im Kreise abergläubischer Menschen

vorgebracht werden.

Damit ist nun die Möglichkeit mythischen Beiwerks in der Sage ohne

weiteres zugegeben, dagegen die Möglichkeit mythischen Ursprungs

einer Sage noch keineswegs erwiesen. Ich will nun eine solche nicht

allgemein leugnen, muß aber behaupten, daß ein Mythus einen sehr

langen Weg zu durchlaufen hat, ehe er als Sage in die Erscheinung

treten kann. Ein solcher Weg dürfte etwa der folgende sein: die naive

Erklärung einer Naturerscheinung verdichtet sich zur Erzählung von

den Taten einer Gottheit; diese Gottheit, erst hochverehrt, sinkt

allmählich in der Achtung infolge fortgesetzt wachsender menschlicher

Erkenntnis; hauptsächlich ist es naturgemäß die menschliche äußere

Form der Götterhandlung, die einst der naive Mensch mangels einer

bessern zur Darstellung der Naturerscheinung gewählt hat, die aber

nunmehr, unverstanden, den Spott des fortgeschrittenen herausfordert.

Schließlich kommt ein Erklärer mit der Behauptung heraus, der

angebliche Gott sei überhaupt nur ein göttlich verehrter Mensch der

Vorzeit; soweit hat eben das menschliche Beiwerk bereits den alten

Grundgedanken überwuchert. Nun erst ist der Punkt erreicht, an dem der

Mythus zur Sage werden kann. Die altgriechischen Göttergeschichten

haben im allgemeinen den eben geschilderten Weg durchlaufen; wie

selten aber ist ihre Entwicklung so weit gediehen, daß der Held des

ursprünglichen Mythus überhaupt nur noch als Mensch empfunden worden

ist!

Die germanische Götterwelt war, als das römische Christentum ihre

Herrschaft beendete (vom vierten nachchristlichen Jahrhundert an),

in ihrer Entwickelung überhaupt noch nicht weit gediehen; es scheint

vielmehr, als ob die schemenhaften Gestalten, in denen die alten

Götter noch bis in die neueste Zeit umgehen, gerade das wären, was die

Germanen in vorchristlicher Zeit an religiösen Vorstellungen besessen

hätten. Daraus erklärt sich denn die rasche und kampflose Annahme

des Christentums bei allen südlichen Germanen; der alte Volksglaube

wurde dabei kaum angetastet, sondern rückte nur in die zweite Linie.

Erst bei denjenigen Germanen, die sich längere Zeit feindlich an

ihren christlichen Stammverwandten gerieben haben, erscheint der

alte Götterglaube zur wirklichen Religion erhoben, ja zur Göttersage

ausgebildet; so bei den Sachsen und den nordischen Völkern.

Daß also der Kern des ersten Teiles unserer Nibelungensage mythischen

Ursprungs sei, also Siegfried etwa als vermenschlichter Sonnengott

gedacht werden könne, der in der Jugend strahlend die Mächte der

Finsternis überwunden hat, um ihnen am Ende seiner Laufbahn wieder

zu verfallen, vermag ich unter diesen Umständen nicht zu glauben.

Mythisches Beiwerk wird selbstverständlich nicht geleugnet, doch

beweist dies, wie wir gesehen haben, nichts für mythischen Ursprung.

Wir müssen uns nach andern Erklärungsmöglichkeiten der Siegfriedsage

umsehen.

Es wäre denkbar, daß die Siegfriedgeschichte nicht einheimischen

Ursprungs, sondern im wesentlichen aus dem Auslande übernommen wäre

(man hat z. B. an eine Umdichtung der Argonautensage gedacht: goldenes

Vließ = Nibelungenhort, Jason = Siegfried, Medea = Brünhilt); dann

müßte die eigentliche Erklärung sich mit der ausländischen Grundlage

beschäftigen. Allein die Versuche dieser Art sind ebenso als

gescheitert anzusehen wie die eben abgelehnten, weil sie ebensowenig

vom eigentlichen Kernpunkt der Erzählung ausgehen; dieser Kernpunkt

aber ist der Zank der Königinnen. Es bleibt nur die Möglichkeit der

historischen Ableitung, und zwar nach zwei Seiten hin: 1. entweder

ist die ganze Geschichte in allen wesentlichen Punkten historisch,

und nur die Dürftigkeit der beglaubigten Geschichte gestattet uns

nicht, sie in dieser wiederzufinden, oder 2. der (uns wohlbekannte)

historische Ausgangspunkt ist von der Dichtung derart überwuchert, daß

er eben deshalb schwer zu erkennen ist. Im ersten Falle müssen wir uns

bescheiden; im zweiten Falle dürfen wir noch eine Erklärung erhoffen.

~c~) Die Merowinge.

Es gibt eine Periode der Geschichte, in der alle wesentlichen Motive

der Siegfriedsage sowie mehrere Personen mit Namen, die denen dieser

Sage gleich oder ähnlich sind, beisammen gefunden werden: das ist die

Zeit der Enkel des Frankenkönigs Chlodowech. Sein Sohn Chlothachari

I., der das ganze fränkische Reich in seiner Gewalt vereinigt hatte,

starb 561 und hinterließ vier Söhne; einer von ihnen, Charibert,

starb bereits 567 sohnlos, und es blieben seine drei Brüder übrig,

deren gleichzeitige Herrschaft die lange geltende Dreiteilung

des Frankenreiches begründete: Sigebert herrschte in Austrasien

(Ostfranken), Chilperich in Neustrien (Westfranken), Gunthchramn im

südlichen Teile des Reiches, der nach dem dazu gehörigen Hauptlande

Burgund genannt wurde. Von der damals geltenden Sitte, einheimische,

also nicht ebenbürtige Frauen zu heiraten, wich zuerst im Jahre 567

Sigebert ab, indem er sich mit Brunichild, der Tochter des in Spanien

herrschenden Westgotenkönigs Athanagild, vermählte. Ihr feierlicher

Einzug in Frankreich machte auf die Zeitgenossen großen Eindruck, der

aus den Berichten des Hofdichters Fortunatus und des Historikers Gregor

von Tours noch hervorleuchtet. Besonders aber stach den Herrschern die

reiche Mitgift, die die königliche Braut einbrachte, der „Hort“, in die

Augen; ist doch in jener Zeit die Größe des Schatzes, den ein König

besitzt, bestimmend für die Größe seines Einflusses und damit seiner

Macht. So verstieß denn auch Chilperich seine bisherigen Weiber (er

hatte deren mehrere), unter denen Fredegund hervorragt, und bewarb sich

um Brunichilds Schwester Gailswinth; sie ward ihm mit reicher Mitgift

vermählt. Allein als Chilperich diese einmal in der Hand hatte, geriet

er bald wieder unter den Einfluß der Fredegund und ließ Gailswinth

erdrosseln. Dieser Mord war die Ursache der immer wieder ausbrechenden

Fehden zwischen Sigebert und Chilperich, bzw. ihren Nachkommen, bis zum

Erlöschen der einen Linie im Jahre 613.

König Athanagild war kurz vorher gestorben, und, da Spanien damals ein

Wahlreich war, hier ein anderes Geschlecht auf den Thron gekommen;

so fiel der Brunichild die Pflicht der Rache für den Tod ihrer

Schwester zu. Die einzelnen Phasen des Kampfes brauchen wir hier nicht

zu betrachten; kurz, im Jahre 575 gewann Sigebert vollen Sieg über

Chilperich und ward sogar von den Neustriern als ihr König auf den

Schild erhoben. Kurz darauf aber erlag er bei einer Heerschau in Vitry

den Streichen der von Fredegund ausgesandten Mörder.

Von den in der Geschichte noch folgenden Ereignissen ist für uns nur

von Wichtigkeit, daß Brunichild erst für ihren jungen Sohn Childebert

(† 595), dann für dessen Söhne, ihre Enkel, schließlich (613) sogar

für ihre Urenkel die Regierung zu führen und ein mächtiges Königtum

gegenüber dem trotzigen Adel zu behaupten sucht, zuletzt aber doch

unterliegt: der Adel liefert sie 613 dem Sohne ihrer Feindin Fredegund,

Chlothachari II., aus, und sie wird getötet. Nicht selten hat sie,

gewaffnet zu Rosse sitzend, die Vasallen persönlich im Zaum gehalten.

Der Sagenkreis der Nibelungen · 第 6 / 14 段