behandelt. Diese Neuerung, die in moderner Zeit Uhland aufgenommen hat
(z. B. in seinem Balladenzyklus von Eberhard dem Greiner), ist nicht
glücklich, denn sie löst die Strophe in Reimpaare auf; dann ist ja
durch nichts mehr markiert, daß die Strophe aus vier Versen bestehen
soll, sondern die beiden Reimpaare stehen in der Form ganz gleich
nebeneinander, und ob wir dann zwei derselben oder drei oder auch nur
eins als Ganzes fassen, ist für unser Empfinden ganz gleichgültig. Die
vier Zeilen der zwei Reimpaare müssen erst durch eine Besonderheit am
Schlusse der ganzen Reihe zusammengeschlossen werden, wie es im alten
Liede der Fall ist.
Das Lied setzt (abgesehen davon, daß es mit einer Art
Theaterzettel[15] beginnt, der aufzählt, was in Worms, am Sitze des
Königs Günther, des Bruders der Kriemhilt, alles vorhanden ist an
Helden) gleich an einer vorgerückten Stelle des Stoffes ein, fängt also
nicht mit dem eigentlichen Anfang der Sage an. Infolgedessen hat der
Dichter an spätern Stellen das eine oder andere berichtweise nachholen
müssen.
An den Theaterzettel (wie man die einleitenden Strophen genannt hat,
da sie poetisch ohne Wert sind) schließt sich zunächst die Erzählung
vom Traume der Kriemhilt an. Kriemhilt ist dieselbe Person, die in der
nordischen Sage Gudrun heißt, also die Schwester des burgundischen
Königs Günther aus dem Geschlecht der Nibelunge[16]. Sie erzählt ihrer
Mutter Ute folgenden Traum: sie hat sich einen Falken erzogen, der ihr
lieb ist, und den ihr zwei Adler töten; das ist ihr größter Kummer.
Die Mutter deutet den Traum auf den künftigen Gatten Kriemhilts und
darauf, daß sie ihn vorzeitig verlieren werde. Daraufhin verschwört die
junge Kriemhilt das Heiraten, die Mutter meint aber, sie solle die Rede
lassen, denn allein durch die Liebe werde sie auf der Welt froh werden.
Diese kurze Geschichte geht der eigentlichen Erzählung voraus.
Sie findet in der nordischen Version gelegentlich ihr Gegenstück,
ohne daß dies irgendwie die Darstellung und den Gang der Erzählung
beeinflußt. Ehe Sigurd in der nordischen Erzählung an den Hof Gjukis
kommt, hat Gudrun einen ähnlichen Traum wie Kriemhilt in der deutschen
Sagenfassung. Die nordische Gudrun fährt zu Brynhild[17] und läßt sich
von ihr den Traum deuten. Brynhild weiß denn auch gleich (ein Motiv,
das im Norden oft verwendet wird, so ungeschickt es ist) alles, was
sich aus dem Traume ergibt, und erzählt ihre beiderseitigen Schicksale
bis ans Ende mit klaren Worten, ohne daß dies Wissen auf das spätere
Verhalten der Personen auch nur den geringsten Einfluß ausübte; eine
Seltsamkeit, die wir ähnlich schon S. 6 beobachten konnten.
Das Lied setzt dann an einer ganz andern Stelle ein. Über
Niederland[18] regiert der König Sigemund, vermählt mit einer Gemahlin
namens Sigelind. Beider Kind ist Siegfried (mittelhochdeutsch Sîfrit),
der als junger Fürst am Hofe seiner Eltern erzogen und mit aller
Vornehmheit, aller zeitgemäßen Bildung ausgestattet wird. Er wird
waffenfähig erklärt, wie es sich für einen Ritter des 12. Jahrhunderts
geziemt, und beschließt, einmal soweit gekommen, zu heiraten. Diesen
Wunsch trägt er seinem Vater vor, und zwar will er sich um Kriemhilt,
die Schwester des Königs Günther in Worms, bewerben. Der Vater warnt
ihn: am Hofe Günthers sei eine Reihe trotziger Helden, die Gefahr,
dorthin zu gehen, also ziemlich groß. Siegfried läßt sich dadurch nicht
abschrecken, im Gegenteil, er wird eher angereizt, und begibt sich mit
geringem Gefolge nach Worms. Dort erscheint er, sofort erkannt von
Hagen, der hier der vornehmste Vasall des Königs Günther ist und nicht
sein Bruder, aber immerhin ein Verwandter; er führt den Beinamen „von
Tronje“ (vgl. S. 83).
Hagen beobachtet den ankommenden Siegfried mit seinen Leuten und sagt:
„Ich habe ihn zwar nie gesehen, aber nach dem Auftreten kann der
Ankömmling niemand weiter sein als Siegfried.“ Nun berichtet uns der
Dichter durch Hagens Mund nachträglich alles, was Siegfried bisher
getan hat.
Als Siegfried einst allein unterwegs war, stieß er auf zwei Könige, die
miteinander stritten. Es waren die Brüder Nibelung und Schilbung, Söhne
eines alten Königs Nibelung, der eben verstorben war; sie stritten
um die Teilung des Erbes. Als Siegfried hinzukam, ward er von ihnen
sofort als Unparteiischer berufen und beauftragt, ihnen den Hort, den
der Vater hinterlassen, zu teilen; als Lohn gaben sie ihm zuvor das
Schwert, das ihr Vater früher geführt hatte, und das Balmung hieß.
Siegfried konnte ihnen indes die Teilung nicht zu Danke machen und
geriet darüber mit ihnen beiden in Kampf; er besiegte und tötete sie,
dann überwand er noch ihren Diener Alberich und ward dadurch Herr der
Nibelunge und ihres unermeßlichen Hortes, dessen Bewachung er Alberich
anvertraute. Nibelunge heißen also in diesem Teile der Erzählung die
ursprünglichen Besitzer des Schatzes.
Weiter berichtet Hagen noch, daß Siegfried einen Drachen getötet
hat; doch steht hier die Drachentötung nicht in Zusammenhang mit der
Gewinnung des Hortes, sondern ist ein Ereignis für sich. Dagegen wird
an sie die Behauptung angeknüpft, daß Siegfried sich im Blute des
erschlagenen Drachen gebadet und dadurch eine Hornhaut bekommen habe,
die kein Schwert zerschneiden könne. Nur an einer Stelle, auf dem
Rücken, wo ihm ein Lindenblatt auf den nackten Körper gefallen wäre,
sei das Drachenblut nicht direkt mit der Haut in Berührung gekommen,
und habe diese daher ihre natürliche Weichheit behalten.
Die Trennung des Drachenkampfes vom Hortgewinn kann unmöglich alt
sein. Schon der Umstand, daß es sich um einen Drachen handelt, den
er tötet, weist darauf hin, daß die beiden Ereignisse, Drachentötung
und Hortgewinn, zusammenfallen. Denn ein Drache ist an sich ein
Schatzhüter. Als solcher ist dies mythische Wesen von vornherein
gedacht. Man hat das in Deutschland offenbar vergessen, wie man
überhaupt auf die jugendlichen Heldentaten Siegfrieds hier wenig Wert
legt; hat man doch auch die Jugendgeschichte schon dadurch, daß er am
Hofe des Königs, seines Vaters, als vollgültiger Prinz erzogen wird,
gänzlich umgestaltet.
Inzwischen hat Hagen seine Erzählung beendet. Siegfried tritt herein
und wird von Günther feierlich empfangen. Wir erinnern uns, daß er
ausgezogen war, um Kriemhilt zu werben. Hier in Worms sagt er davon
kein Wort, sondern fordert plötzlich ohne jeden Grund Günther zum
Kampf um Land und Leute heraus; das dürfte doch wohl so ziemlich das
ungeeignetste Mittel für ihn sein, den angegebenen Zweck zu erreichen.
Es entwickelt sich eine heftige Szene, die ebenso unbegründet, wie sie
entstanden ist, durch ein freundliches Wort Giselhers, des jüngsten
Bruders des Königs, beigelegt wird. Siegfried wird wieder ganz
friedlich und liebenswürdig, und die ganze Sache ist vergessen. Aber
ebenso vergessen ist im Augenblick auch, weshalb er überhaupt nach
Worms gekommen ist.
Die Szene hat gar keine Wirkung, vielmehr bringt die liebenswürdige
Rede des jungen Giselher alles ins gleiche. Damit ist Siegfried als
Gast am Hofe des Königs Günther aufgenommen. Er scheint ganz und
gar vergessen zu haben, weshalb er nach Worms gekommen ist, und hält
sich hier ein volles Jahr auf, ohne auch nur eine Spur seiner Absicht
laut werden zu lassen. Der Dichter bedarf erst eines neuen treibenden
Momentes, um die Erzählung ins Rollen zu bringen. Er hat sich dabei
nicht ohne Geschick einer Sage bedient, die sonst selbständig vorkommt:
er verwendet die Geschichte vom Kampfe der Sachsen und Dänen gegen die
Franken oder Burgunden[19]. Die Franken haben in der Zeit Karls des
Großen mit den Sachsen und auch mit den hinter den Sachsen wohnenden
Dänen, die jene unterstützten, mannigfache Kämpfe ausgefochten. Von
diesen Kämpfen ist die Erinnerung jahrhundertelang lebendig geblieben;
sie werden nun hier verwendet, um Siegfried zu einem Entschluß zu
bringen, sonst würde er zeitlebens der schüchterne Liebhaber bleiben.
Es kommen Boten von Liudeger von Sachsen und Liudegast von Dänemark,
um den Burgunden Fehde anzusagen. Günther hat große Sorge, aber
Siegfried erlöst ihn, indem er ihm seine Hilfe zusagt. Es wird nun der
Feldzug geschildert, der im Handumdrehen durch Siegfrieds Tüchtigkeit
den Burgunden die beiden feindlichen Herrscher in die Hände liefert.
Damit ist Gelegenheit gegeben zu einem Siegesfeste[20]. Siegfried hat
für seine entscheidende Teilnahme am Kampfe eine besondere Belohnung
verdient. Sie besteht darin, daß man ihn bei dem Feste zum ersten Male
den Frauen des Hofes vorstellt und ihm Kriemhilt zu führen gestattet.
So sehen sich Siegfried und Kriemhilt zum ersten Male, ohne sein
direktes Zutun (abgesehen davon, daß er mit der Absicht, zu werben,
nach Worms gegangen ist), und ohne daß er hier seine Pläne irgendwie
weiter verfolgt. Dazu bedarf der Dichter noch eines weitern treibenden
Momentes.
Plötzlich kommt eine ganz neue Botschaft nach Worms: es sitzt
eine Königin jenseits des Meeres von so großer Schönheit, daß
man ihresgleichen nicht kennt, dazu von einer solchen Kraft, daß
sie denjenigen, die ihre Hand begehren, auferlegen kann, sie im
Speerschießen, Steinwerfen und Weitspringen zu übertreffen; eine
Aufgabe, die bisher noch niemand gelöst hat. So führt uns die Erzählung
mit einem Sprunge hinüber zu Brünhilt, die uns in der deutschen
Überlieferung bisher noch nicht begegnet ist. Sie ist eine heldenhafte
Königin, und zwar nach der Anschauung des Dichters in Island gesessen.
Wie er dazu kommt, sie nach Island zu versetzen, ist unklar und
führt zu Unstimmigkeiten. Aber sie muß jenseits des Meeres sitzen
und möglichst weit entfernt, sonst hätten die Zuhörer möglicherweise
kontrollieren und dem Dichter falsche Angaben vorwerfen können.
Die Erzählung fährt ganz nach der Art der so häufigen
Brautfahrtgedichte fort: Günther überlegt sich, daß er als regierender
König verpflichtet ist zu heiraten. Man rät ihm, sich um Brünhilt
zu bewerben, die in Island als Königin und als schönste Frau der
Gegenwart lebt. Siegfried aber spricht dagegen. Er kennt alles, was
sich auf Island bezieht, ohne daß irgendwie erklärt wird, woher.
Gewisse Beziehungen zwischen Siegfried und Brünhilt werden durch
die eigentümliche Art der Darstellung in unserm Liede zweifellos
vorausgesetzt. Aber kein Wort deutet darauf hin, daß der Dichter von
einem Verlöbnis zwischen Siegfried und Brünhilt irgendwelche Ahnung
hätte. Siegfried weiß nur, daß die Werbung um Brünhilt eine große
Gefahr bedeutet. Da sagt nun Hagen: „Wenn du so genau weißt, wie es
um die Königin steht, so hilf uns doch dazu, daß wir sie gewinnen“,
und Siegfried sagt diese Hilfe zu, wenn Günther ihm seine Schwester
zur Frau geben will. Nun ist er endlich so weit, daß er seine Werbung
anbringt, um deretwillen er vor mehr als Jahresfrist nach Worms
gekommen ist. Günther sagt ihm die Hand der Kriemhilt zu, und nun
fahren Günther, Hagen, Siegfried und (verhältnismäßig nebensächlich)
Dankwart, Hagens jüngerer Bruder, ohne weitere Begleitung von Worms den
Rhein hinab nach Island, nachdem sie sich vorher durch die fleißigen
Hände der Frauen in ritterlichem Geschmack haben ausstaffieren lassen.
Daran, daß sie unterwegs Siegfrieds Heimat passieren müssen, denkt
der Dichter nicht. Als sie sich nach zwölftägiger Fahrt dem Lande der
Brünhilt nähern, und allmählich ihr Schloß in Sicht kommt, spricht
Siegfried sich darüber aus, wie man die Sache angreifen soll. Dabei
sagt er: „Wenn wir dahin kommen, will ich euch leiten, dann werden wir
am besten zu unserm Ziele kommen. Nur müssen alle ein und dasselbe
behaupten, nämlich Günther sei mein Herr und ich sein leibeigener Mann,
dann kommen wir am besten durch.“ Warum er das sagt, ist hier nicht
abzusehen. Später allerdings wird seiner Gattin vorgeworfen, daß er
ein leibeigener Mann sei. Da nun der Dichter Siegfried als Königssohn
schildert, so würde diese in der alten Sage begründete Schmähung
hinfällig sein, wenn hier nicht eine neue Unterlage geschaffen würde.
Das ist ziemlich ungeschickt angefangen, denn es führt zu nichts; ob
er als Freund Günthers oder als sein Vasall nach Island kommt, bleibt
gleichgültig.
Inzwischen haben die Frauen die Fremden kommen sehen. Eine von ihnen
schildert der Königin, wie die Fremden aussehen, und daß einer in
seinem Aussehen dem Siegfried entspräche, ganz als ob Siegfried schon
einmal dagewesen wäre. Darauf sagt Brünhilt: „Wenn er hierher gekommen
ist, um meine Liebe zu erwerben, so wird es ihm gehen wie jedem
andern.“ Dann aber begrüßt sie ihn vor allen andern wie einen alten
Bekannten. Er sagt darauf: „Ich danke Euch sehr, Frau Königin, daß Ihr
mich zu grüßen geruht. Aber erst müßt Ihr den begrüßen, des Untertan
ich bin; Günther ist mein Herr, ihm kommt der Gruß zuerst zu. Er wirbt
um Eure Liebe.“ „Gut,“ sagt sie, „wenn dein Herr um meine Liebe wirbt,
so muß er wie jeder andere die Kampfspiele bestehen.“ Diese bestehen
darin, daß zunächst mit dem Speer geworfen, und der Wurf pariert
wird; an zweiter Stelle, daß ein Stein von ungewöhnlicher Schwere
möglichst weit geworfen wird, und endlich drittens, daß ein weiter
Sprung ausgeführt wird. Günther würde diese Bedingungen nicht erfüllen
können, Siegfried kann sie erfüllen. Er kann nun nicht für Günther
eintreten, denn dieser muß öffentlich in Gegenwart von Brünhilts Leuten
kämpfen. So greift denn der Dichter zu folgendem Auswege: Siegfried
bekleidet sich mit der Tarnkappe, dem unsichtbar machenden Mantel,
den er seinerzeit dem Zwerg Alberich abgenommen hat, und unterstützt
Günther bei den Spielen: beim Speerwerfen mit dem Erfolge, daß Brünhilt
ins Straucheln kommt und fällt; beim Steinwerfen wirft er für Günther
und übertrifft Brünhilts außerordentlich weiten Wurf. Beim Springen
aber wird die Sache recht bedenklich; dem Dichter selbst fällt auf, daß
er seinen Zuhörern reichlich viel zu glauben zumutet; er sagt: „Das
war ein großes Wunder, nicht bloß weiter zu springen als Brünhilt,
sondern im Sprunge auch noch den König Günther zu tragen.“ Diese
Ungeschicklichkeit ist eine Folge der Komposition des Ganzen: nach
der nordischen Darstellung ward der Preis erworben im Durchreiten des
Feuers; das tat Sigurd an Stelle und in Gestalt Gunnars; wenn aber
Günther vor allem Volke den Beweis seiner Überlegenheit erbringen muß,
wird die Aufgabe des Dichters allerdings arg erschwert.
Siegfried begibt sich nun zum Schiffe zurück, legt dort, ungesehen von
den übrigen, die Tarnkappe ab und stellt sich bei der Rückkehr, als ob
er keine Ahnung davon hätte, daß die Wettkämpfe schon vorüber sind.
Brünhilt, von Günthers überlegener Tüchtigkeit überzeugt, sagt diesem
ohne Zögern ihre Hand zu.
Es folgt nun eine eigentümliche Szene, die für den Fortgang
der Erzählung nichts bedeutet: um nämlich dem neuen Herrn zu
huldigen, werden die Mannen der Brünhilt nach der Burg der Königin
zusammengerufen. Jetzt sehen die Gäste, was für eine Menge Recken sich
versammeln, und fürchten Verrat. Deshalb entschließt sich Siegfried,
heimlich nach dem Nibelungenlande (das etwa in Norwegen gedacht wird)
zu fahren und seine Recken zu holen. Er stellt sich dort als Fremder,
bezwingt den riesenhaften Burghüter, kämpft mit seinem Kämmerer, dem
Zwerge Alberich, und besiegt ihn, erprobt auf diese Weise die Treue
seiner Mannen und führt dann tausend der besten Nibelunge zu Schiffe
hinüber nach Island. -- Die ganze Erzählung ist nur eingeflochten, um
darzustellen, wie Siegfried mit Alberich kämpft; der Dichter hat ja
die ganze Vorgeschichte weggelassen und bemüht sich, einzelne Szenen
derselben gelegentlich nachzuholen; dabei hat er für sein ritterliches
Empfinden noch den Vorteil, dem König Günther ein größeres Gefolge zu
verschaffen, als die drei Männer, die ihm nach der alten einfachen
Darstellung folgten.
Nachdem nun Brünhilt gewonnen ist, fährt man nach der Heimat
zurück. Siegfried wird als Bote vorausgeschickt und verkündet den
Frauen das Nahen der Braut. Nach der Ankunft wird er mit Kriemhilt
verlobt, indem Günther sie bittet, sein Wort einzulösen. Kriemhilt
gibt gern ihr Jawort, und die Hochzeit der beiden jungen Paare wird
gleichzeitig gefeiert. Als aber an der Hochzeitstafel Brünhilt
unerwartet sieht, daß ihres Gatten Schwester mit Siegfried vermählt
wird, bricht sie in Tränen aus und erklärt es für eine Schmach, daß
Kriemhilt einen Leibeigenen ihres Bruders heiraten soll. Dadurch kommt
Günther natürlich in große Verlegenheit; er vermag Brünhilt über die
eigentlichen Gründe dieser Heirat nicht aufzuklären, kann aber auch das
Vasallentum Siegfrieds nicht ableugnen, da dieser seinerzeit selbst den
Rat gegeben hat, ihn als Eigenen hinzustellen.
An dieser Stelle wird Siegfrieds Leibeigenschaft, seine minderwertige
Herkunft notwendig gebraucht, und da man ihn zu Anfang des Gedichtes
zu einem Prinzen gemacht hatte, mußte man etwas finden, was es der
Brünhilt ermöglicht, ihn für einen Leibeigenen zu halten. Daher der
seltsame Rat, den Siegfried auf der Reise zu Brünhilt gibt.
In der Brautnacht widersetzt sich Brünhilt ihrem Gatten, weil sie
von ihm durchaus den Grund erfahren will, weshalb seine Schwester
mit einem Leibeigenen verheiratet wird. Als Günther sein Gattenrecht
geltend machen will, fesselt sie ihn sogar; seine Kräfte reichen
eben nicht aus, sie zu besiegen. Am andern Tage klagt Günther dem
Siegfried, der mit Kriemhilt glücklicher gewesen ist, sein Leid,
und dieser muß nochmals helfend mittels der Tarnkappe eingreifen.
In der folgenden Nacht überwindet er abermals an Günthers Statt die
gewaltigen Körperkräfte der Brünhilt, bis sie selbst sagt, sie habe
erkannt, daß er ihr Meister sein könne; dann tritt er zurück, ohne ihre
Jungfräulichkeit berührt zu haben, und Günther wird nun ihr Mann.
Diese eigenartige und nicht durchweg glückliche Fassung der Erzählung
ist nötig, weil Siegfried später doch wegen unlautern Verkehrs mit
Brünhilt ermordet werden muß. Hat er nichts weiter getan, als Günther
bei den Kampfspielen unterstützt, so war zu solchem Verkehr keine
Gelegenheit. Es ist aber notwendig, daß Siegfried und Brünhilt so
vereinigt werden, daß üble Nachrede möglich ist; sonst ist die weitere
Entwicklung nicht verständlich. In der nordischen Darstellung ritt
Sigurd durch die Lohe und blieb drei Nächte bei der Braut; damit war
die Möglichkeit übler Nachrede ohne weiteres gegeben. In der deutschen
Darstellung muß sie erst geschaffen werden; die Gewinnung der Brünhilt
ist damit in zwei Akte zerlegt.
Nachher zieht Siegfried mit seiner jungen Frau von Worms in seine
Heimat am Niederrhein zurück. Die Erzählung ist also vorläufig bei
einem Ruhepunkte angekommen. Jahrelang leben beide Paare in glücklicher
Ehe an getrennten Orten, Günther mit Brünhilt in Worms, Siegfried mit
Kriemhilt in Niederland. Die Erzählung würde zu Ende sein, wenn man die
Hauptpersonen nicht wieder zusammenbrächte. Deshalb wird behauptet,
daß Brünhilt sich noch immer nicht über Siegfrieds Leibeigenschaft
beruhigt habe. Er ist nun zwar, nachdem sein Vater abgedankt hat, König
in Niederland, muß aber doch, wenn er Günthers Eigenmann ist, diesem
Tribut zahlen; davon bemerkt Brünhilt natürlich nicht das geringste.
Sie wendet sich daher an ihren Gatten mit der Bitte, Siegfried und
Kriemhilt nach Worms einzuladen. Das geschieht, und sie leisten ohne
Hintergedanken Folge, ja sogar der alte Sigemund begleitet sie. In
Worms findet glänzender Empfang statt, und es werden die vom Dichter
unseres Liedes so gern geschilderten ritterlichen Feste gefeiert. Bei
einem Turnier, dem die Damen zuschauen, freut sich jede ihres Gatten
und preist seine Vorzüge. Dabei geraten Kriemhilt und Brünhilt in
Zwist, denn letztere sagt: „Mag dein Siegfried noch so tapfer sein,
er hat doch einen großen Fehler, da er ein Leibeigener ist.“ Darauf
erwidert Kriemhilt: „So hätten meine Brüder nie an mir gehandelt,
daß sie mich an einen Leibeigenen verheirateten.“ Sie ist also genau
derselben Ansicht wie Brünhilt, daß die Ehe mit einem Leibeigenen eine
große Schmach wäre. Daraus entwickelt sich das heftige Zerwürfnis der
beiden Frauen. Kriemhilt sagt: „Ich werde dir zeigen, daß ich dir nicht
nachstehe, indem ich beim Kirchgang den Vortritt vor dir behaupten
werde.“ Am Portal des Münsters geraten dann beide Königinnen feindselig
aneinander, da Brünhilt natürlich nicht zurücktreten will; Kriemhilt
aber überwindet die Gegnerin, indem sie ihr vorwirft, Siegfrieds Kebse
gewesen zu sein, und als Beweis den Gürtel vorweist, den Siegfried
ungeschickterweise seinerzeit, als er Brünhilt an Günthers Stelle
bezwang, mitgenommen und Kriemhilt gegeben hat. Die völlig zerschlagene
Brünhilt bricht in Tränen aus; Kriemhilt geht stolz an ihr vorüber und
vor ihr ins Münster. Brünhilt klagt ihrem Gatten die ihr widerfahrene
Schmach. Siegfried wird von Günther vorgefordert und verteidigt sich,
indem er sich mit einem Eide von dem Verdachte reinigt; die Sache
erweist sich als das, was sie ist, als bloßer Klatsch, und gilt damit
für erledigt. Kriemhilt erhält von Siegfried ihre Strafe für ihre
boshaften Reden.
Die ganze Szene ist unglücklich, ungeschickt komponiert. Unser Dichter
arbeitet häufig so, daß die Erzählung eigentlich zu Ende gekommen ist
und erst durch Einfügung eines neuen Momentes wieder in Fluß gebracht
werden kann. Dies neue ist die Gier nach Siegfrieds großem Horte,
die in der nordischen Überlieferung nur dem Atli zugeschrieben, hier
aber von den Burgunden behauptet wird. Hagen ist der Vertreter des
Gedankens, daß durch Siegfrieds Ermordung sein Hort gewonnen werden
kann. Dadurch wird die Grundlage der ganzen Dichtung verschoben;
führte bisher Brünhilt das Gegenspiel gegenüber Kriemhilt, so geht
diese Rolle jetzt völlig an Hagen über. Seinen Herrn gewinnt dieser
durch abermaligen Hinweis auf Siegfrieds mögliche Untreue: „Sollen
wir Bastarde aufziehen? das wäre geringe Ehre für so gute Helden!“
So wird denn der schwarze Plan geschmiedet, Siegfried zu ermorden,
und etwas umständlich ins Werk gesetzt. Man weiß, daß Siegfried eine
Hornhaut hat und, außer an einer Stelle zwischen den Schultern, nicht
verwundbar ist. Diese Stelle muß herausgebracht werden; mit teuflischer
Verschlagenheit holt sich Hagen die Kunde bei Kriemhilt. Er läßt zuerst
falsche Boten angeblich von Liudegast und Liudeger nach Worms kommen,
die eine erneute Herausforderung zum Kriege überbringen; Siegfried
wird um Beistand gebeten und sagt ihn ohne weiteres zu. Nun begibt
sich Hagen zu Kriemhilt, kündigt ihr den bevorstehenden Kriegszug an
und verspricht ihr, Siegfried an der verwundbaren Stelle besonders zu
schützen, da dieser bei seiner großen Tapferkeit und das durch die
Hornhaut erzeugte Sicherheitsgefühl gerade leicht verwundet werden
könnte; so bringt er sie dazu, die verwundbare Stelle durch ein dem
Rocke aufgenähtes Kreuzchen zu bezeichnen, das ihm einen bequemen
Zielpunkt für seinen Speer bieten soll. Dann wird der angebliche
Kriegszug gegen die Sachsen angetreten. Als Hagen das Kreuzchen auf
Siegfrieds Rücken gesehen hat, läßt er andere Boten kommen, die wieder
Frieden anbieten, und der Feldzug ist zu Ende. An seiner Stelle wird
eine große Jagd angesagt, die in den nächsten Tagen im Odenwald
stattfindet[21]. Auf dieser Jagd nun wird Siegfried ermordet, und
zwar unter Anwendung einer neuen Hinterlist: das Getränk fehlt beim
Jägermahle; Hagen hat es absichtlich nach einem anderen Orte gelenkt,
damit der große Jägerdurst nur an einem Waldbrunnen zu stillen sei.
Während Siegfried niedergebeugt aus diesem seinen Durst löscht, stößt
ihm Hagen von hinten durch das aufgenähte Kreuzchen den Speer ins
Herz[22].