Nach Einbruch der Nacht wird der tote Siegfried über den Rhein nach

Worms gebracht und der Kriemhilt vor die Kammertür gelegt, so daß sie

am andern Morgen, als sie zur Mette gehen will, sofort die Leiche

des Gatten findet. Sie erkennt ohne weiteres, daß dieser Mord in

Zusammenhang steht mit dem Streite, den sie mit Brünhilt gehabt hat,

sowie mit dem, was Hagen aus ihr herausgebracht hat, und erkennt somit

zunächst ohne Beweis den Mörder. Der Beweis selbst wird ihr bei der

Beisetzung geliefert, indem Siegfrieds Wunde, als Günther und Hagen

an seine Bahre herantreten, von neuem zu bluten anfängt. Das ist das

Bahrrecht, ein merkwürdiger Aberglaube des Mittelalters, nach dem

die Wunde eines Gemordeten wieder zu bluten anfängt, wenn der Mörder

in seine Nähe tritt. Trotzdem wird die Übeltat von Günther und Hagen

geleugnet: nach ihrer Aussage haben ihn Räuber erschlagen.

Der alte Sigemund, der mit Siegfrieds Mannen doch auch in Worms zugegen

ist, denkt nicht daran, sofort Rache für seines Sohnes Tod zu nehmen,

sondern zieht klagend in seine Heimat am Niederrhein ab, läßt aber

seltsamerweise seine Schwiegertochter in Worms zurück; sie will nicht

mitgehen, sondern bei ihren Brüdern bleiben. Dieser ihr Entschluß ist

innerlich nicht begründet und um so auffallender, als sie damit ihr

Kind verläßt, das sie von Siegfried geboren hat; er ist nur dadurch

bedingt, daß die weitere Erzählung ihren ferneren Aufenthalt in Worms

erfordert. Diese Seltsamkeiten sind wieder Folgeerscheinungen jener

Änderung unseres Dichters, die Siegfried den niedrig erzogenen in einen

nach jeder Seite vollwertigen Königssohn umgeschaffen hat; ursprünglich

hat offenbar Siegfried als Ehemann keine andere Heimat als Worms, wo

denn natürlich seine Witwe zurückbleibt. Von Sigemund hat unser Dichter

gewiß nichts weiter gewußt als den Namen, sonst verstünde man nicht die

Umwandlung des alten gewaltigen Helden in einen schwächlichen Greis.

Eine weitere Folge des veränderten Standes Siegfrieds ist auch die nun

folgende Erzählung, daß der Hort der Nibelunge jetzt erst, indem er

als Kriemhilts Eigentum angesprochen wird, aus fernem Lande nach Worms

geholt wird. Über das weitere Schicksal des Schatzes ist das Gedicht im

Unklaren: an unserer Stelle (Holtzmann 1144 ff.) nimmt ihn Hagen auf

eigene Verantwortung ihr weg und versenkt ihn bei „Loche“ (unbekannter

Lage) in den Rhein; als Kriemhilt später Etzels Werbung folgt, wird

er ihr abermals weggenommen, damit sie die große Macht, die er ihr

verleiht, nicht zur Rache benutzen kann; die letztere Auffassung ist

gewiß die ältere.

Der erste Teil der Erzählung ist damit zu Ende. Obgleich er in der

deutschen Fassung äußerlich recht reichlich ausgestaltet erscheint, ist

er innerlich doch viel dürftiger als in der nordischen. Die wichtigen

Geschichten von Siegfrieds Jugend und seinem ursprünglichen Verhältnis

zu Brünhilt sind kaum erwähnt. Was aus letzterer schließlich wird, hat

der Dichter uns zu sagen ganz und gar vergessen. Sie hört für ihn auf

interessant zu sein, nachdem sie den Anlaß zur Ermordung Siegfrieds

gegeben hat; später wird ihrer kaum noch gedacht; ihre Aufgabe in

der Dichtung, Kriemhilts Gegenspieler zu sein, ist eben auf Hagen

übergegangen.

So dürftig im Grunde der erste Teil unseres Liedes ist, um so wuchtiger

schreitet die Erzählung im zweiten Teile vorwärts. Dieser ist in

der nordischen Fassung dürftiger, wenn auch altertümlicher; in der

deutschen ist er an Inhalt viel reicher geworden. Charakteristisch ist

für ihn das Auftreten vieler neuer Personen, die nur mit ihrem Namen

ohne jede erklärende Bemerkung eingeführt werden; so gleich im Anfang

(Strophe 1166 des Textes ~C~):

~Daz geschach in den gezîten, dô frou Helche erstarp

unt daz der künec Ezele ein ander wîp warp.~

Wer Helche und Etzel sind, wird mit keinem Worte angedeutet, sondern es

wird einfach vorausgesetzt, daß das Publikum sie kennt. Wir treten hier

in die Dietrichsage ein, die in Süddeutschland heimisch und jedermann

bekannt war; alle diejenigen Figuren, die der Dietrichsage entstammen,

werden vom Nibelungendichter einfach als bekannt vorausgesetzt. Für

Günther und seine Brüder, für Kriemhilt, Siegfried usw. hat er eine

erklärende Einführung gegeben; für die Helden der Dietrichsage hatte er

das nicht nötig.

Etzel der Hunnenkönig überlegt mit seinen Leuten, wer geeignet ist,

seine verstorbene Gattin, die Königin Helche, zu ersetzen. Man rät ihm

zu Kriemhilt, der Witwe Siegfrieds, und Etzel schickt seinen ersten

Vasallen, den Markgrafen Rüdeger von Bechelaren, nach Worms, daß er

für ihn um sie werbe. Rüdeger reist nach Worms und bringt die Werbung

vor. Die Könige, ihre Brüder, wissen die große Ehre, die ihnen damit

erwiesen wird, wohl zu würdigen; um so bedenklicher äußert sich Hagen.

Kriemhilt lehnt indes die Werbung kurzerhand ab, denn sie lebt nur

noch dem Andenken ihres gemordeten Gatten. Erst allmählich, als ihr

zugeredet wird, kommt ihr der Gedanke, daß sie durch die angebotene

Heirat in die Lage versetzt wird, Rache an den Mördern zu nehmen,

und auf diese Aussicht hin nimmt sie schließlich Etzels Werbung an.

Markgraf Rüdeger muß ihr freilich mit allen seinen Mannen schwören,

ihr immer treu zu dienen, angetanes Leid zu rächen und nichts zu

versagen. Er denkt dabei nicht an Rache für Siegfried, sondern will ihr

die Furcht vor den ihr fremden Verhältnissen, in die sie gehen soll,

benehmen. Er hat sich damit für später die Hände gebunden. Hier hat der

Dichter die künftige Entwickelung der Dinge sehr geschickt vorbereitet.

Rüdeger geleitet nunmehr Kriemhilt von Worms nach Etzelnburg[23]; König

Etzel zieht seiner Braut mit glänzendem Gefolge entgegen und empfängt

sie bei Tuln (an der Donau, oberhalb Wiens). Innerhalb Österreichs (im

engern Sinne) zeigt sich der Dichter mit den örtlichen Verhältnissen

auf das genaueste bekannt; Schritt für Schritt begleitet er Kriemhilt

und weiß jeden Ort der Wirklichkeit entsprechend zu benennen, in dem

sie über Nacht Herberge genommen hat. In Wien findet das Beilager statt

unter großen Festlichkeiten, an denen sich all die ungezählten Scharen

des Ostens beteiligen, die sich der Dichter unter König Etzels Hoheit

stehend denkt.

Als Gattin des Hunnenkönigs lebt sie zwölf Jahre friedlich; während

dieser Zeit gebiert sie Etzel einen Sohn und Erben, den jungen Ortlieb.

Dann aber denkt sie an ihre Rache und bewegt ihren Gatten, ihre

Brüder einzuladen. Er tut es in guter Meinung. Als Boten werden zwei

einfache Spielleute verwendet[24]. Die burgundischen Könige sind trotz

übler Vorzeichen bereit, die Schwester aufzusuchen, nur Hagen äußert

Bedenken, läßt sie aber fallen, als man ihm vorwirft, er habe wohl

Furcht; dann natürlich ist er der erste, der sich dem Zuge nach dem

Hunnenlande anschließt. Tausend Ritter und neuntausend Knechte werden

mitgenommen.

In dem Augenblicke, da die Burgunden von Worms aufbrechen, tritt

uns auf einmal der Name „Nibelunge“ für „Burgunden“ entgegen; im

Anfange des Liedes bezeichnete dieser Name nur das Volk, das den Hort

ursprünglich besaß, jetzt geht er unvermittelt auf die Burgunden über.

Eine Erklärung ist frühzeitig versucht worden (wie es scheint, nicht

vom Dichter des Liedes); nach ihr wäre der Name an das Land der früher

erwähnten Nibelunge geknüpft und mit diesem nach Siegfrieds Tode auf

die Burgunden übergegangen; das ist nach Lehnsrecht ganz korrekt

gedacht; doch widerspricht dieser Auffassung, daß Siegfried selbst

niemals zu den Nibelungen gerechnet wird. In Wirklichkeit treten wir

in diesem Augenblicke in eine vom Dichter benutzte neue Quelle ein.

Von hier an beginnt die Erzählung den großartigsten Schwung zu nehmen,

von hier an beginnt auch die genauere Übereinstimmung mit der noch

zu besprechenden Thidrikssaga. Die Quellen, die unser Dichter bisher

benutzt hatte, hatten ihm die jetzt auftretende Bedeutung des Namens

Nibelunge nicht geboten.

Die Erzählung, wie die Burgunden an den hunnischen Hof gelangen,

berichtet mannigfache Abenteuer. Zunächst erreichen sie die Donau und

haben Schwierigkeit, hinüber zu gelangen: das Wasser ist ausgetreten,

eine Brücke ist nicht da, auch keine Fähre. Da geht Hagen selbst

nach einer Gelegenheit suchen. In einem dem Flusse nahegelegenen

Brunnen hört er ein Plätschern und entdeckt zwei badende Wasserweiber

(übernatürliche Wesen); ihre Gewänder liegen am Ufer. Er bemächtigt

sich derselben und bringt die Nixen dadurch in seine Gewalt. Für

Herausgabe der Gewänder versprechen sie ihm zu sagen, was aus der Reise

ins Hunnenland wird. Darauf geht er ein, und die eine sagt ihm: „Ihr

kommt alle gesund wieder nach Hause.“ Sehr erfreut gibt er ihnen die

Gewänder zurück, da aber ruft die andere: „Meine Muhme hat gelogen;

in Wirklichkeit kommt niemand von euch zurück als des Königs Kaplan;

alle andern bleiben tot im Hunnenlande.“ Außerdem gibt sie ihm noch

einen Hinweis, wo eine Fähre zu finden ist, und wie er den Fährmann

gewinnen kann. Dieser gilt für einen Dienstmann und Grenzwächter

der Bayernfürsten Else und Gelfrat. Hagen sucht ihn auf und ruft in

grimmiger Laune hinüber: „Hol’ mich über, ich bin Amelrich, der wegen

Feindschaft aus diesem Lande hat fliehen müssen.“ Daraufhin fährt

der Fährmann zu ihm hinüber. Hagen bietet ihm außerdem noch einen

goldenen Ring von großem Werte an (ein Anerbieten, das sich mit den

übrigen Verhältnissen nicht recht verträgt, denn entweder fährt der

Fährmann um Lohn oder im Dienste seiner Herren; eins schließt das

andere aus; es liegt wieder eine Unstimmigkeit vor, entstanden durch

ein Übereinander zweier Schichten der Erzählung). Der Fährmann sagt:

„Ihr mögt wohl Amelrich heißen, aber der, den ich zu sehen erwartete,

seid Ihr nicht. Das war mein Bruder.“ Indes, das Schiff ist einmal an

Hagens Ufer, er springt einfach hinein. Der Fährmann widersetzt sich

und schlägt mit seinem Ruder auf den Helden ein; aber Hagen tötet ihn

kurzerhand und bringt die Fähre zu seinen Herren; er hat nun lange

zu tun, bis er mit dem einen kleinen Schiffchen das ganze Heer von

zehntausend Mann übergesetzt hat. Auch hier eine Unstimmigkeit, die

durch Überarbeitung hervorgerufen ist: in der ältern Erzählung haben

die Könige offenbar eine an Zahl nur geringe Begleitung mitgehabt;

der Ferge war ursprünglich ein einfacher Mann, der durch das Angebot

eines größern Lohnes sich bereit finden ließ, zu fahren. Das blickt

alles noch durch, ist aber übertüncht. Als Hagen die letzten übersetzt,

packt er den Kaplan, der mit auf dem Schiffe ist, wirft ihn in die Flut

und verhindert ihn sogar, sich aufs Schiff zu retten; trotzdem er

nicht schwimmen kann, ertrinkt er indes nicht, sondern gelangt an das

eben verlassene Ufer zurück und geht wieder nach Worms. Daran erkennt

Hagen, daß ihm das zweite Wasserweib die Wahrheit vorausgesagt hat, und

zertrümmert das Fahrzeug, damit kein Feigling entrinnen könne.

Nun ziehen die Nibelunge weiter durch Bayern und bilden eine Nachhut,

weil sie erwarten, daß wegen des erschlagenen Fährmannes Rache versucht

werden wird. In der Tat werden sie von den Bayern nachts eingeholt und

angefallen. Es kommt zu einem Gefecht, in dem sich Dankwart besonders

auszeichnet[25]. Nachdem sich die Nibelunge der verfolgenden Bayern

entledigt haben, erreichen sie die Grenze des Nachbarlandes und finden

den Grenzwächter schlafend. Hagen nimmt ihm sein Schwert ab und weckt

ihn; er beklagt sich, daß er die Grenze so schlecht gehütet hat; dabei

stellt sich heraus, daß es Eckewart ist, der einzige Burgunde, der

Kriemhilt ins Hunnenland gefolgt ist. Eckewart warnt die Burgunden vor

Kriemhilt; dann aber weist er sie nicht nach Etzelnburg, wie man doch

erwarten sollte, da er im persönlichen Dienste der Kriemhilt steht,

sondern nach Bechelaren. Die Eckewart-Episode ist nur verständlich als

Überbleibsel einer ältern Fassung, der der Aufenthalt in Bechelaren

ganz unbekannt war. In Bechelaren finden sie eine außerordentlich

liebenswürdige Aufnahme. Im einzelnen ist die Schilderung derselben

ganz besonders wohl gelungen. Der Dichter hat eine neue Verwickelung

hineingebracht, indem er den jungen Giselher sich mit des Markgrafen

Tochter verloben läßt; das Beilager soll erst bei der doch bald zu

erwartenden Rückkehr von Etzelnburg stattfinden. Wie jung diese Einlage

ist, zeigt auch der Umstand, daß man im Liede nicht einmal den Namen

dieser Tochter Rüdegers erfährt (erst in der Klage wird er genannt: sie

heißt Dietlind).

Nun ziehen sie nach Ungarn, dem eigentlichen Hunnenlande, und

schicken Boten voraus; daraufhin macht sich Dietrich auf, um mit

seinen Amelungen den Nibelungen entgegenzureiten und sie zu warnen.

Wer dieser Dietrich ist, und wie er an Etzels Hof kommt, wird als

selbstverständlich bekannt vorausgesetzt. Dietrich ist der König

(der Ostgoten), der früher in Italien geherrscht hat (in Bern, d. i.

Verona), damals aber aus seiner Heimat vertrieben ist und im Exil bei

Etzel lebt, bis er schließlich mit hunnischer Hilfe in sein Reich

zurückgeführt wird. Die Warnung, die Dietrich den Nibelungen angedeihen

läßt, hat keinen Erfolg; sie ziehen weiter und werden zunächst von

Kriemhilt allein empfangen: sie begrüßt Giselher, allenfalls auch die

andern Brüder, nicht aber den Hagen. Es kommt daher sofort zu einer

scharfen Auseinandersetzung zwischen ihnen beiden, die im Grunde die

folgende Erzählung teilweise unmöglich macht: klipp und klar tritt

hervor, daß die Burgunden sich auf die allergrößte Hinterlist gefaßt

machen müssen, daß sie verraten und überfallen werden sollen. Kriemhilt

stellt gleich die Frage an Hagen, wo der Nibelungenhort stecke, den er

ihr doch hätte mitbringen müssen, und das Ende ist, daß Kriemhilt im

Bösen die Burgunden stehen läßt, nachdem ihr Dietrichs Warnung bekannt

geworden ist. Während dieser Zeit wird Etzel im Schlosse sitzend und

die Gäste erwartend gedacht; er schaut vom Fenster herab, ohne ihnen

entgegenzugehen, und macht seine Bemerkungen über die einzelnen Helden,

die er sieht. Auch dann erfolgt der eigentliche Empfang noch nicht,

sondern es wird erzählt, daß zwei Helden, nämlich Hagen und Volker,

der Spielmann von Alzei, sich von den übrigen trennen und den Saal

aufsuchen, in dem sich Kriemhilt im Augenblicke aufhält. Sie setzen

sich ihren Fenstern gegenüber auf eine Bank, und Hagen legt in offenem

Hohne das Schwert Siegfrieds, den Balmung, über seine Knie, damit

Kriemhilt an Siegfrieds Tod erinnert werde. Sie erscheint denn auch

haßerfüllt vor ihrem Saale, sammelt eine Anzahl Hunnen und fordert sie

auf, die beiden festzunehmen. Aber an deren trotziger Haltung scheitert

das; die Hunnen haben viel zu große Angst, als daß sie es wagten, sich

an ihnen zu vergreifen. Damit muß Kriemhilt den Versuch, Hagen und

Volker in ihre Gewalt zu bringen, aufgeben. Sie kehrt in ihren Palast

zurück, die Helden aber begeben sich zu ihren Königen, die immer noch

auf Etzels Hofe zwecklos herumstehen.

Man sieht, wie ungeschickt der Dichter in der Verbindung der einzelnen

Szenen verfährt. Jede ist nur für sich betrachtet künstlerisch zu

genießen. Aber es ist alles in die alte Grunderzählung hineingestopft

-- eine Folge des Stoffhungers jener verkehrsarmen Zeit; kein

Dichter mochte, weil er etwas Neues zu sagen wußte, deswegen das Alte

weglassen, wenn es sich auch mit jenem nicht vertrug.

Jetzt endlich begeben sich die burgundischen Gäste, geleitet von

Rüdeger, in den Saal zu König Etzel um ihn zu begrüßen, werden von

ihm in feierlicher Weise empfangen und treten ihm nicht minder

höflich entgegen -- was nach den beiden scharfen Szenen, die sich

bereits zwischen Kriemhilt und ihren Feinden abgespielt haben, ganz

unbegreiflich erscheint. Es findet ein Abendessen statt, dann werden

die Gäste in einem großen Saale untergebracht, der für die Menge der

Erschienenen Platz hat. Nicht alle werden hier einquartiert, nur die

Könige und die Ritter, während die Knechte eine Herberge für sich

erhalten; an ihrer Spitze steht als Marschall, dessen Amt es ja ist,

für das Gefolge zu sorgen, Dankwart, Hagens Bruder. In der Nacht haben

die Nibelunge große Sorge vor einem Überfall. Hagen und Volker halten

die Nachtwache; letzterer spielt die Fiedel und schläfert damit die

übrigen reisemüden, sorgenden Helden ein. Diese Wachsamkeit erweist

sich als begründet: bewaffnete Hunnen, von Kriemhilt abgeschickt,

schleichen heran. Die beiden Wächter erkennen aber rechtzeitig den

geplanten Überfall und rufen die Feinde an; ohne Antwort drückt sich

der Gegner, sobald er merkt, daß er seine Absicht nicht erreichen kann,

verfolgt von Volkers Hohnreden.

Die Luft wird kühler, der Morgen bricht an. Sie kleiden sich nicht in

Festgewänder, sondern in Panzerringe. So gehen sie zur Kirche[26].

Nach dem Kirchgang folgt ein Turnier, bei welchem Volker böswillig

einen edlen Hunnen, der recht fein geputzt erscheint, niederstößt, und

dadurch große Aufregung bewirkt; Kampf droht auszubrechen, wird aber

unterbrochen durch persönliches Eingreifen Etzels, der (wie es scheint,

mit bewußter Unwahrheit) sagt: „Volker kann nichts dafür, sein Pferd

ist gestrauchelt, so hat sein Speer aus Versehen den Mann getroffen.“

Dann begibt man sich zu Tisch in den Saal, in dem die Helden nachts

untergebracht waren.

Bevor man zu Tische geht, sucht Kriemhilt nochmals ihren Willen

durchzusetzen. Sie wendet sich aber an ungeeignete Leute, sogar auch

an Dietrich, von dem sie doch weiß, daß er zuerst die Nibelunge gewarnt

hat. Alle lehnen es ab, bis endlich Etzels Bruder Blödel es unternimmt,

gegen das Versprechen hoher Belohnung Kriemhilts Willen zu tun: er soll

die Knechte in der Herberge überfallen und damit den Kampf zum Ausbruch

bringen. Unmittelbar nachdem Blödel sich bereit erklärt hat, den Verrat

zu beginnen, fährt das Gedicht (in der Fassung ~B~, Bartsch Strophe

1912) fort:

~Dô der strît niht anders kunde sîn erhaben

(Kriemhilde leit daz alte in ir herzen was begraben),

dô hiez si tragen ze tische den Etzelen sun.

wie kunde ein wîp durch râche immer vreislîcher tuon?~

Also: da es auf keine andere Weise möglich ist, den Streit ins Werk

zu setzen, so beabsichtigt Kriemhilt ihren und Etzels Sohn der

Rache zu opfern. Die Strophe setzt voraus, daß Kriemhilt mit dem

Versuche, einige Helden für sich zu gewinnen, nichts erzielt hat; im

vorausgehenden ist das gerade Gegenteil berichtet (der Text ~C~ hat

deshalb auch geändert). Die Erzählung vom Opfer des Kindes wird durch

die Thidrikssaga und einen vereinzelten deutschen Bericht des 15.

Jahrhunderts[27] bestätigt, auch durch die nordische Darstellung (in

der ja Gudrun ihre Söhne schlachtet) unterstützt; auch in unserm Liede

war sie offenbar ursprünglich, ist aber durch mehrfache Bearbeitung

gemildert worden.

Bei Tisch erscheint nun der junge Ortlieb und wird den Verwandten

vorgestellt. Etzel gedenkt der Verwandtschaft mit außerordentlich

freundlichen Worten: er hofft, daß sein Sohn das werden soll, was die

Oheime sind; allein Hagen meint, der junge Königssohn sähe aus, als ob

er nicht lange leben würde.

In diesem Augenblicke erscheint an der Tür des Saales Dankwart, über

und über blutbespritzt, und bringt die Botschaft, daß Blödel mit

hunnischen Scharen die Knechte der Burgunden überfallen habe, und alle

erschlagen seien, auch Blödel selbst. Als einziger ist Dankwart aus

dem Gemetzel entkommen. Als Hagen dies hört, springt er sofort auf und

schlägt dem Sohne Etzels kurzerhand das Haupt ab, so daß es der Mutter

in den Schoß springt[28]. Damit ist Etzel zum Feinde seiner Gäste

geworden; er ruft seine Mannen zur Rache auf. Allein da die Burgunden

auf den Kampf vorbereitet sind und sogar bei Tische im Harnisch

sitzen, die übrigen aber im Festgewande, so haben sie jetzt die Hunnen

völlig in der Hand. Volker und Dankwart versperren den Ausgang, und

die Burgunden machen zur Rache für ihre erschlagenen Knechte alles

nieder, was in der Halle ist, bis Dietrich mit lauter Stimme für sich

und die Seinen freien Abzug verlangt. Ihm und Rüdeger wird daraufhin

von Günther gestattet, mit den Ihren den Saal zu verlassen; Günthers

Feinde, die Hunnen, sollen jedoch drinnen bleiben. Es folgt nun eine

höchst seltsame Szene: Dietrich nimmt, als ihm der Ausgang gewährt

wird, den König Etzel an einen Arm, die Königin an den andern, und geht

mit ihnen ungehindert hinaus. Die Burgunden lassen das zu. Als aber

ein Hunne versucht, hinter seinem Könige auch hinauszukommen, schlägt

ihm Volker das Haupt ab, so daß es Etzel vor die Füße rollt. Immerhin

sind nun Etzel und Kriemhilt, die ärgsten Feinde der Burgunden, aus

dem Saale entlassen (was noch drinnen ist, wird von den Burgunden

erschlagen), und wir haben eine neue Lage: die Hunnen befinden sich vor

dem Saale, die Burgunden in demselben und richten sich zu hartnäckiger

Verteidigung ein. Unverständlich aber am Verhalten der Burgunden

bleibt, daß sie Etzel und Kriemhilt ungehindert hinauslassen; wenn sie

jetzt, da sie wissen, wie die Verhältnisse liegen, sich dieser beiden

Hauptpersonen bemächtigen -- sie brauchen sie nicht einmal zu töten --

so ist der Sieg auf ihrer Seite, aber auch -- die Erzählung zu Ende.

Offenbar ist hier ein neuer Lappen auf das alte Tuch der überlieferten

Erzählung genäht: das Gastmahl, der Kampf des viel zu zahlreichen

Gefolges in der Herberge, in dem Dankwart sich besonders auszeichnet,

der Kampf der Helden im Saale, all das sind neue Zutaten, im einzelnen

zwar gut ausgeführt, mit dem Alten aber ungeschickt verbunden, so daß,

wie gesagt, die Erzählung von Rechts wegen in diesem Augenblicke zu

Ende gelangt, und zwar zu einem der Überlieferung widersprechenden

Ende. Die Torheit, die der Dichter die Burgunden mit der Entlassung der

ärgsten Feinde begehen läßt, muß ihm die Möglichkeit geben, in den

ursprünglichen Gang der Sage wieder einzulenken. Die Lage wird wieder

hergestellt, die sich schon an einer frühern Stelle des Gedichtes

vorfindet: die Burgunden in dem Saale, in dem sie während der Nacht

untergebracht waren, an der Tür wachend die Haupthelden, in erster

Linie Hagen und Volker, und von außen herannahend die feindlichen

Hunnen.

Mit Hohnreden begrüßen sich die Gegner, und Kriemhilt bietet großen

Lohn demjenigen, der ihr Hagen in die Hände liefert. Hier treten einige

Helden auf, die ursprünglich einem andern Sagenkreise angehören, aber,

da man sie sich im Hunnenlande lebend denkt, in unsere Sage eingeführt

werden. Es sind Irnfrid, Landgraf von Thüringen, Hawart der Däne und

sein Mann Iring. Sie versuchen zuerst den Ansturm auf die im Saale

verschanzten Burgunden, finden aber nach kleinen Erfolgen ihren Tod,

ohne daß die Gesamtlage sich ändert; die Szene ist also überflüssig und

dadurch als junger Zusatz gekennzeichnet[29].

Der Sagenkreis der Nibelungen · 第 4 / 14 段