das Herz des Drachens zu braten und legt sich einstweilen zur Ruhe.
Sigurd geht an diese kleine Arbeit und versucht nach einiger Zeit,
ob das Herz wohl gar ist, indem er es mit den Fingern anfaßt; dabei
verbrennt er sich und steckt die Finger rasch in den Mund. Darüber
kommt etwas Drachenblut an seine Zunge, und er versteht plötzlich,
was die Vögel in den Bäumen über ihm reden. So erfährt er denn von
ihnen, daß Regin darauf denkt, wie er Sigurd beseitigen kann, teils um
seine Rachegelüste zu befriedigen, -- denn er hat gewissermaßen die
Verpflichtung, seinen Bruder Fafnir zu rächen, -- teils um den Hort
für sich zu gewinnen. Daraufhin tötet Sigurd den Regin. Durch die Vögel
erfährt er weiter von dem Dasein des Schatzes und wird hingewiesen
auf eine Jungfrau, zu der ihn zunächst sein Weg führen soll. Mit dem
Schatze beladen zieht er ab und kommt nach einiger Zeit an eine Höhe,
die den Namen Hindarfjall (der Hindenberg) führt. Die Erzählung (hier
die Prosa des Sammlers der Lieder-Edda) fährt wörtlich fort (Gering S.
210): „Sigurd ritt hinauf nach Hindarfjall, und seine Absicht war es,
gen Süden nach dem Frankenlande zu ziehen. Auf dem Berge sah er ein
helles Licht, als ob Feuer darauf brannte, und der Schein leuchtete zum
Himmel empor. Als er aber näher kam, stand dort eine Schildburg, und
über ihr wehte ein Banner. Sigurd ging in die Schildburg und erblickte
darin einen Mann, der in voller Rüstung da lag und schlief.“ Es brennt
also kein Feuer, sondern die glänzenden Schilde, die zu einer Art von
Zaun zusammengestellt sind -- das ist die Schildburg --, leuchten in
der Sonne, so daß es von weitem aussieht, als brännte ein Feuer. Ein
wirkliches Feuer aber ist hier in der Überlieferung nicht gemeint. Es
ist das wesentlich für die Auffassung eines bestimmten Zugs unserer
Sage. Der schlafende Mann wird von Sigurd erweckt; er schneidet ihm
den Panzer auf und erkennt nun, daß er ein Weib vor sich hat. Das Weib
erwacht und erzählt ihm ihre Schicksale. Sie heißt Brynhild und war
früher eine Walküre des Gottes Odin (also ursprünglich ein dämonisches,
kein menschliches Wesen). Als einmal ein Kampf zwischen zwei Königen
ausbrach, Hjalmgunnar und Agnar, da stand Odin auf Seite des erstern,
des ältern und berühmtern. Niemand aber wollte dem Agnar helfen. Das
unternahm nun gegen den Willen des Gottes die Walküre Brynhild. Dafür
ist sie von Odin aus der Schar der Walküren ausgestoßen, in Schlaf
versenkt und zur Vermählung bestimmt worden. Sie aber hat vorher noch
das Gelübde getan, nur dem sich zu vermählen, der das Fürchten nicht
kenne. Erweckt, gibt sie zunächst dem Sigurd weise Lehren. Alsdann
verloben sie sich miteinander. Sigurd aber nimmt Abschied, ohne daß
die Ehe sofort vollzogen wird[11]. Diese Unterlassung wird nicht
begründet, wie überhaupt die ganze Erzählung viel Seltsames hat und
uns noch seltsamer anmutet, wenn wir unmittelbar hinterher von einer
zweiten Begegnung Sigurds mit Brynhild erfahren, die so erzählt
wird, als ob die erste gar nicht stattgefunden hätte. Wir stehen
allerdings jetzt in der Lücke des ~Codex regius~ und können nur die
Volsungasaga benutzen, die für uns die Lücke ausfüllt. Nach ihr kommt
Sigurd, nachdem er vom Hindenberge weggeritten ist, zu einem Helden,
namens Heimir, der in Hlymdalir wohnt. Dieser Heimir hat einen Sohn
Alsvinn, mit dem sich Sigurd befreundet. Sie jagen zusammen. Auf einer
Jagd gelangt Sigurd im Walde auf einen einsamen Turm. Hier findet er
Brynhild, wird mit ihr bekannt, wirbt um sie und wird nicht abgewiesen,
obgleich sie Bedenken gegen die Werbung hat, denn sie sagt, sie wäre
eine Schildmaid und trüge im Dienste von Königen die Waffen. Sie ist
hier also kein übermenschliches, sondern ein rein menschliches Mädchen.
Schildmädchen, d. h. Frauen, die sich dem Kriegerberufe gewidmet haben,
sind in der nordischen Tradition gar nichts seltenes, sind sogar auch
in der altgermanischen Welt überhaupt nichts seltenes gewesen. Man
erinnere sich ferner daran, daß schon die Griechen im Norden Europas
die Amazonenvölker, also kriegerische Frauen, kennen. -- Sigurd und
Brynhild schwören einander Eide, und zwar, wie die Volsungasaga ganz
naiv sagt, von neuem; die Verlobung wird also zweimal geschlossen.
Selbstverständlich haben wir hier zwei parallele Dichtungen, die
nebeneinander stehen, die aber der Sagaschreiber einfach hintereinander
erzählt. Die eine schließt die andere aus. Welches die altertümlichere
ist, kann meines Erachtens nicht zweifelhaft sein: die zweite ist die
ältere.
Das menschliche Schildmädchen ist aus den altgermanischen Verhältnissen
heraus ohne weiteres verständlich; die zur Strafe unter die
Menschen versetzte, ursprünglich rein dämonische Walküre setzt die
ganze Entwicklung der speziell nordischen Form des germanischen
Götterglaubens notwendig voraus; die Walküren als Botinnen Odins
und Gefährtinnen der seligen Helden können nicht ohne diese (die
Einherjar) gedacht werden, letztere wieder nicht ohne die nordische
Eschatologie, die ihrerseits bestimmt erst unter südeuropäischen
(römisch-klassischen und römisch-christlichen) Einflüssen zustande
gekommen ist.
Nachdem Sigurd die Brynhild zum zweiten Male und ebenfalls ohne Angabe
eines rechten Grundes verlassen hat, zieht er weiter und kommt an den
Hof des Königs Gjuki. Gjuki ist die nordische Namensform des deutschen
Gibich (mhd. Gibeche, ursprünglich Gibica). König Gjukis Volk wird im
Norden entweder nicht oder als „Goten“ benannt, eine Auffassung, die
wohl damit zusammenhängt, daß man sich im Norden die eng mit den Goten
verbundenen Hunnen in Norddeutschland wohnend dachte und Sigurd zu den
Hunnen rechnete. Im allgemeinen wird Gjukis Geschlecht und dann auch
sein Volk mit dem Namen der Nibelunge bezeichnet (die nordische Form
ist Niflungar). Der Name Nibelunge ist im Norden ziemlich selten. Wo er
vorkommt, bezeichnet er stets den König Gjuki und seine Angehörigen.
König Gjuki hat eine Gattin Grimhild und mehrere Kinder, vor allen
die Söhne Gunnar (deutsch Günther) und Hogni (deutsch Hagen, der also
im Norden ein Bruder Günthers ist) und die Tochter Gudrun. Außerdem
erscheinen noch gelegentlich andere Kinder Gjukis, darunter ein Sohn
Gudorm, der in der nordischen Sage zu besondern Zwecken verwandt wird
und nicht auf gleicher Stufe mit seinen Geschwistern steht.
Am Hofe des Königs Gjuki erregt Sigurd großes Aufsehen, so daß man
beschließt, ihn an sich zu fesseln. Als treibend tritt hierbei
Grimhild, die Gattin Gjukis, auf (nicht zu verwechseln mit unserer
deutschen Kriemhilt die vielmehr der nordischen Gudrun entspricht).
Sie gibt dem Sigurd einen Vergessenheitstrank, worauf er nicht mehr an
Brynhild denkt, und rät dann ihrem Manne, dem Sigurd die Tochter Gudrun
zum Weibe anzubieten. Gjuki antwortet darauf, es sei nicht üblich,
daß man seine Tochter jemandem zum Weibe anbiete, aber doch noch
ruhmvoller, sie Sigurd anzubieten, als wenn ein anderer käme, um sie zu
werben. Also die Wertschätzung Sigurds ist sehr groß. Sigurd vermählt
sich darauf mit Gudrun und wird in die Familie aufgenommen durch die
Formel des Blutsbundes. Gunnar, Hogni und Sigurd fügen sich eine
leichte Wunde zu, lassen das Blut in ihre gemeinsame Fußspur rinnen,
vermischen es auf diese Weise und gelten nunmehr als Blutsverwandte,
als wirkliche Brüder. Ein solcher Blutsbund ist heilig und hat alle
rechtlichen Folgen echter Verwandtschaft.
Nach einiger Zeit beschließt Gunnar, Gjukis Sohn und Sigurds Schwager,
sich um Brynhild zu bewerben. Zu dieser Werbung ziehen aus Gunnar,
Hogni und Sigurd. Sie holen sich zunächst an den zuständigen Stellen
die Einwilligung, erst bei König Atli, dem Bruder der Brynhild, dann
bei ihrem Pflegevater Heimir, bei dem Sigurd sie kennen gelernt hatte,
und begeben sich dann zu ihr. Sie sitzt jetzt in einem Schlosse, das
von wogendem Feuer umgeben ist. Gunnar versucht hindurchzureiten; sein
Roß scheut zurück. Er bittet daraufhin zunächst Sigurd um sein Pferd
Grani und erhält es; aber unter Gunnar geht auch Grani nicht durchs
Feuer. So tauscht denn schließlich Sigurd mit Gunnar die Gestalt
(wieder ein solcher Gestaltentausch, der ohne Schwierigkeit gelingt)
und reitet auf Grani in Gunnars Gestalt durch die Flammen. Drinnen
sitzt Brynhild und ist gewärtig (was eigentlich nicht erklärt wird),
daß nur Sigurd es wagen werde, durch die Flammen zu reiten. Sie sieht
aber, daß ein anderer kommt, der sich Gunnar nennt, und da er durch die
Flammen geritten ist, also die erforderliche Bedingung erfüllt hat,
so ergibt sie sich ruhig in ihr Schicksal. Sigurd in Gunnars Gestalt
bleibt drei Nächte lang bei ihr, ohne sie jedoch zu berühren; vielmehr
trennt ein blankes Schwert ihrer beider Lager. Dann folgt Brynhild dem
Gunnar als Ehefrau, und eine Zeitlang leben die beiden jungen Paare
neben Hogni und den übrigen Familienmitgliedern zusammen in allem
Frieden an demselben Hofe.
Da erhebt sich ein Streit zwischen den beiden Königinnen Brynhild
und Gudrun, und zwar um den Rang. Es sind außerordentlich einfache
Verhältnisse, die hier geschildert werden: obgleich königliche Frauen,
gehen sie doch in ganz volkstümlicher Weise zusammen im Flusse baden.
Während des Badens ändert plötzlich Brynhild ihren Platz, indem sie
ihre bisherige Stellung unterhalb der Gudrun mit einer oberhalb
derselben vertauscht. Gudrun fällt das auf; sie fragt, warum sie das
täte, worauf Brynhild erwidert, sie möge nicht mit dem Wasser baden,
das von der Gudrun abgelaufen ist, weil sie (Brynhild) die vornehmere
sei. Gudrun sei die Gattin eines Knechtes[12], während Gunnar den Ritt
durch die Flammen vollbracht habe. Gudrun, über diese Vorwürfe sehr
erzürnt, enthüllt das Geheimnis: nicht Gunnar, sondern Sigurd ist durch
die Flammen geritten; der Mann, der dabei den Ring Andvaranaut gegeben
hat (oder genommen -- das ist nach den Darstellungen verschieden),
kann nur Sigurd gewesen sein. Brynhild ist über diese Enthüllung sehr
unglücklich, geht nach Hause und brütet Rache.
Die Rolle, die der Ring als Beweisstück in dem Zanke der Königinnen
spielt, ist je nach der Einzelquelle verschieden gefaßt, doch bleibt
es sich tatsächlich gleich, ob im Augenblicke des Zankes Brynhild den
Ring trägt, und Gudrun ihr sagt, „dieser Ring stammt doch aus Fafnirs
Schatze, den kann dir nur Sigurd gegeben haben“, oder ob Gudrun den
Ring trägt und sagt „den Ring, den ich hier habe, den hat Sigurd dir
damals abgenommen“. Die Wirkung bleibt die gleiche.
Die Tatsache des dreitägigen, wenn auch keuschen Beilagers von Sigurd
und Brynhild wird natürlich in dem Königinnenstreite verdreht und dazu
benutzt, die Katastrophe herbeizuführen: Gudrun wirft der Brynhild vor,
daß nicht Gunnar, sondern Sigurd ihr erster Mann gewesen sei. Über die
Wirkung dieser Behauptung im einzelnen sind die nordischen Quellen
nicht recht einig, vermutlich, weil wieder mehrere Parallelerzählungen,
die sich gelegentlich widersprechen, nicht voll miteinander
ausgeglichen sind. Das Ursprüngliche scheint zu sein, daß Brynhild die
falsche Behauptung aufnimmt und bewußt verlogen zugibt, daß Sigurd
dem Gunnar in jenen kritischen Nächten die Treue nicht gewahrt habe.
Dadurch gewinnt sie letztern für die Rache, die Ermordung Sigurds.
Freilich sind Gunnar sowohl wie Hogni vermöge des Blutbundes nicht in
der Lage, die Rache persönlich auszuführen. Zu diesem Zwecke taucht nun
jener dritte Sohn Gjukis, Gudorm, auf. Er wird als geeignetes Werkzeug
zur Rache verwendet. Die Art, wie Sigurd von Gudorm getötet wird, wird
wieder in der verschiedensten Weise erzählt. Die nordischen Texte
kennen drei Darstellungen von Sigurds Tode: nach der einen (sie scheint
im Norden die altertümlichste zu sein) wird er ermordet während des
Rittes zur Volksversammlung; nach der zweiten, ausdrücklich als deutsch
bezeichneten Darstellung wird er im Walde auf der Jagd ermordet, und
nach der dritten Darstellung, die im kurzen Sigurdsliede vorliegt und
von der Volsungasaga aufgenommen ist, wird er nachts im Bette schlafend
ermordet, an der Seite seiner Gattin. Diese Darstellungen gehen zum
Teil auf verschiedene Grundlagen zurück, zum Teil sind sie willkürliche
Änderungen derselben.
Nach Sigurds Ermordung gibt Brynhild zu, daß er stets die Treue
gehalten hat und unschuldig ermordet worden ist; sie läßt sich mit
ihm auf demselben Scheiterhaufen verbrennen. Gudrun aber nimmt nach
einiger Zeit von ihren Angehörigen die Mordbuße für den erschlagenen
Gatten an, und es führt im Grunde von diesem Teile der Erzählung zu dem
folgenden keine innere Brücke. Dieser ist mit dem bisher betrachteten
lediglich dadurch verbunden, daß dieselben Personen auftreten, nicht
aber dadurch, daß die Handlung des zweiten Teiles mit der des ersten
innerlich in Zusammenhang steht. Einen schwachen Versuch hat der Norden
gemacht, einen Zusammenhang herzustellen, indem er Brynhild zu einer
Schwester des Königs Atli, des demnächst auftretenden zweiten Gatten
Gudruns, gemacht und diesem damit die Pflicht auferlegt hat, diese
Schwester zu rächen.
Nachdem Gudrun eine Zeitlang bei ihren Verwandten gelebt hat, kommt der
neue Werber, König Atli[13], und Gudrun reicht ihm ihre Hand. Nachdem
sie eine Zeitlang verheiratet sind, beschließt Atli, ohne daß Gudrun
dazu irgend etwas tut, die Niflunge zu vernichten, um einerseits --
das ist die nordische Zugabe -- seine Schwester Brynhild zu rächen
und andererseits -- das ist die eigentliche Hauptsache -- den großen
Hort zu gewinnen, der nach Sigurds Ermordung natürlich in den Besitz
der Niflunge übergegangen ist. Er ladet die Niflunge freundlich,
aber verräterisch zu sich ein. Gudrun versucht sie zu warnen, aber
ohne Erfolg. Gunnar und Hogni kommen mit mäßigem Gefolge an den Hof
des Atli. Den Hort haben sie, wie sich aus der folgenden Darstellung
ergibt, vorher versteckt: sie haben ihn in den Rhein versenkt. Auch
hier tritt der deutsche Strom, der Rhein, auf und zeigt, wo die Sage
zunächst heimisch war.
In Atlis Lande angekommen, werden Gunnar und Hogni von den Feinden
überwältigt und gefangen. Atli richtet an Gunnar die Frage, ob er sein
Leben durch Auslieferung des Hortes lösen wolle. Er erklärt, erst müsse
er Hognis Herz als Beweis von dessen Tode sehen. Daraufhin wird Hogni
getötet und sein Herz dem Gunnar gebracht; nun ruft dieser aus, daß der
reißende Rhein viel besser geeignet sei, den Schatz zu hüten, als Atli
und seine Leute. Gunnar wird in die Schlangengrube geworfen, erwehrt
sich aber der Schlangen noch eine Zeitlang durch ein seltsames Mittel:
da ihm die Hände gefesselt sind, schlägt er mit den Füßen eine Harfe,
die ihm seine Schwester Gudrun noch zugereicht hat, und schläfert
dadurch alle Schlangen ein bis auf eine, die ihn schließlich ins Herz
sticht.
Damit sind die Niflunge vom Schauplatz abgetreten, und der Gudrun,
ihrer Schwester, als der letzten des Geschlechtes, fällt die Pflicht
der Rache zu; sie rächt ihre Brüder an ihrem Gatten. Immer geht in der
nordischen Anschauung die Blutsverwandtschaft der Ehegemeinschaft vor,
ein besonders altertümlicher Zug, der dieser Gestalt anhaftet. Die
Rache setzt Gudrun ins Werk, indem sie ihre beiden, dem Atli geborenen
Söhne schlachtet und ihm beim Festmahle vorsetzt; nachdem er vom
Fleische seiner Söhne gegessen und ihre Hirnschalen als Becher benutzt
hat, enthüllt sie ihm, was sie getan, und tötet ihn selbst.
Der zweite Teil der Sage hat damit sein Ende erreicht; von den
handelnden Personen ist Gudrun allein übrig. Ein innerer Zusammenhang
zwischen diesem zweiten Teile und dem ersten besteht, wie gesagt,
nicht, denn der zweite Teil kann an sich allein vollkommen verstanden
werden. Er ist keine innere Folge des ersten. In der nordischen
Überlieferung kommt aber noch ein dritter Teil hinzu, dessen Anknüpfung
uns höchst seltsam anmuten muß: Gudrun versucht, sich das Leben zu
nehmen, indem sie sich ins Meer stürzt; allein die Wogen tragen sie
und bringen sie an einen fremden Strand, wo sie aufgenommen wird und
sich zum dritten Male vermählt. Der König des Landes, Jonakr (ein Name,
der uns sonst nicht weiter bekannt ist), nimmt sie zur Gattin, und sie
hat bei ihm noch zwei oder drei Söhne (darin ist die Überlieferung
nicht ganz klar). Diese heißen Hamdir, Sorli und Erp; nach der einen
Tradition sind sie alle drei die Söhne Gudruns, nach der andern ist
Erp ein Sohn Jonakrs von einer andern Mutter. Außerdem wird am Hofe
Jonakrs die nachgelassene Tochter des Sigurd und der Gudrun erzogen.
Wie sie dahin gekommen ist, wird gar nicht erklärt. Sie führt den Namen
Svanhild[14].
Um sie wirbt ein schon bejahrter, aber mächtiger und gewaltiger König,
Jormunrek, wie er im Norden heißt. Er ist der historische Gotenkönig
des 4. Jahrhunderts Ermanarich. Er sendet seinen Ratgeber Bikki und den
bereits erwachsenen Sohn erster Ehe Randver die junge Braut einholen.
Svanhild wird ihnen übergeben. Unterwegs fängt Bikki an, seine Ränke zu
spinnen; er raunt dem jungen Paare, der Stiefmutter und dem Stiefsohne,
zu, daß sie zueinander viel besser paßten, als der alte König zu der
jungen Svanhild, und versucht auf diese Weise ein Verhältnis zwischen
den beiden herbeizuführen, aber ohne Erfolg. Als die Braut am Hofe
Jormunreks eingetroffen ist, berichtet Bikki dem Könige das Verhältnis
als Tatsache, und dieser rächt sich, indem er seinen Sohn erhängen und
Svanhild von wilden Pferden zertreten läßt.
So erwächst der Gudrun wiederum die Pflicht der Rache für ihre nächste
Verwandtschaft. Sie reizt ihre Söhne dritter Ehe auf, die Rache zu
vollziehen; diese lassen sich auch dazu bereit finden und machen sich
auf den Weg. Unterwegs geraten sie miteinander in Streit, und Erp wird
von den beiden andern erschlagen. Als sie dann am Hofe Jormunreks
erscheinen, greifen sie den König an und verwunden ihn, indem der
eine ihm die Hände, der andere die Füße abschlägt. Dem Erp aber war
nach der etwas merkwürdigen Auffassung dieser Dichtung zugedacht, das
Haupt des Königs abzuschlagen; da Erp nun fehlt, wird Jormunrek also
nur verwundet, aber nicht getötet. Er hat noch die nötigen Kräfte,
sich zu rächen, indem er seine Mannen aufruft: „Tötet die Fremden mit
Steinwürfen.“ So fallen Hamdir und Sorli durch die Goten; damit hat
die nordische Form der Nibelungensage ihr letztes Ende erreicht.
Gudrun, die Hauptfigur, die durch alle drei Teile der eigentlichen
Nibelungensage, ungerechnet die Vorgeschichte, hindurchgeht, ist noch
am Leben. Wo sie hingekommen, was aus ihr geworden, wird nicht erzählt;
nur das Gedicht von „Gudruns Aufreizung“ deutet an, daß sie schließlich
(wie Signy) freiwillig den Flammentod suchen wird.
Die nordische Form der Nibelungensage hat noch eine Erweiterung
erfahren durch die Geschichte der Aslaug, der bei Heimir aufwachsenden
Tochter Sigurds und der Brynhild; die Annahme, daß dies Paar eine
Tochter gezeugt habe, ist zwar dem Geiste der alten Sage zweifellos
zuwider, doch nicht so sehr, wie es uns auf den ersten Blick scheint:
Aslaug ist eine Frucht der frühern Bekanntschaft ihrer Eltern, hat
also nichts zu tun mit der Pflicht der Treue, die Sigurd dem Gunnar
bei Gewinnung der Brynhild schuldig ist. Heimir befürchtet für Aslaug
nach dem Tode ihrer Eltern Nachstellungen und entflieht mit dem Kinde
in Verkleidung; unterwegs wird er von einem Bauernehepaare, bei dem er
eingekehrt ist, ermordet, und Aslaug wächst nun in niedriger Umgebung
auf. Als Jungfrau erregt sie die Liebe des Königs Ragnar Lodbrok, der
auf einer seiner Wikingsfahrten in die Gegend, wo sie lebt, gelangt
ist, wird seine Gemahlin und gebiert ihm eine stattliche Reihe Söhne,
unter ihnen den Sigurd ~ormr í auga~ (Schlange im Auge), der zum
Beweise seiner Herkunft vom Drachentöter das Bild des Fafnir auf der
Hornhaut seines Auges trägt; seine Tochter heißt wiederum Aslaug und
ist die Urgroßmutter des Harald Harfagri, ersten Alleinherrschers in
Norwegen (gestorben um 930). Die ganze Erzählung zielt, wie vorhin
schon bemerkt wurde, darauf ab, die norwegischen Könige als Nachkommen
der Volsunge zu erweisen; der Name Aslaug ist offenbar von der
gleichnamigen jüngern (die historisch zu sein scheint) auf Brynhilds
Tochter übertragen.
Schon aus der einfachen Erzählung der nordischen Sagenform dürfte
sich ergeben haben, wie wenig klar die ganze Darstellung ist. Wir
dürfen diese Unklarheit aber nicht etwa einem einzelnen Manne, einem
Dichter der ganzen Sage, in die Schuhe schieben, sondern wir müssen
uns gegenwärtig halten, daß wir hier keine geschlossene Überlieferung
vor uns haben, sondern uns lediglich eine Reihe von Einzelgedichten
überliefert ist, von denen jedes für sich seine besondere
Selbständigkeit hat und seine eigene Würdigung erfordert. Die einzelnen
Dichter in sich sind in der Regel geschickt und geschlossen; aber der
eine hat die Erzählung so, der andere so aufgefaßt und durchgeführt.
Eine älteste Gestalt der Sage aus diesen ziemlich stark
auseinanderklaffenden Stücken herauszufinden, würde wohl kaum möglich
sein, wenn wir nicht neben der nordischen Überlieferung noch die ganz
selbständige deutsche Überlieferung hätten, die sich von der nordischen
getrennt hat im 9. Jahrhundert, als die Wikinger den deutschen Stoff
vom untern Rheine nach dem Norden verpflanzten.
III.
Form, Inhalt und Kritik der deutschen Überlieferung.
~a~) Der Nibelunge Lied.
In Deutschland ist uns nun die Sage in allererster Linie erhalten in
unserm Nibelungenliede. Das Nibelungenlied ist ein ritterliches Epos,
in der ältesten Form entstanden im 12. Jahrhundert. Es steht also dem
Zeitpunkte, da sich der deutsche Überlieferungszweig vom nordischen
trennte, dem 9. Jahrhundert, schon ziemlich fern und hat bereits
stofflich eine weitere Entwickelung durchgemacht. Der Stoff war, ehe
der Nibelungendichter daran ging, sein Werk zu gestalten, bereits sehr
stark verändert. Selbstverständlich hat nun auch unser Dichter noch
alles mögliche Neue hinzugefügt und den alten Stoff nach vielen Seiten
hin ergänzt oder auch verkürzt.
Das Lied, das uns in mehreren Handschriften erhalten ist, und von
dessen weiter Verbreitung außerdem eine große Anzahl Bruchstücke
anderer Handschriften zeugen, ist in eine eigenartige Form gegossen.
Obgleich ein großes Epos, ein langes erzählendes Gedicht, benutzt es
doch keinen glatt durchlaufenden epischen Vers, sondern es liegt uns
vor in einer der Ballade nahekommenden Form. Es ist nämlich abgefaßt
in Strophen, die, verhältnismäßig wenig umfangreich, dem Dichter
häufig beschränkende Fesseln anlegen. Bald ist die Strophe zu kurz,
den gegebenen Stoff in sich aufzunehmen, bald zu lang, einen einfachen
Gedanken kurz darzustellen. Oft bleibt dann in ihr noch Platz für
etwas anderes, etwa für den Anfang eines neuen Gedankens. Der Dichter
ist bei dieser formalen Schwierigkeit vor die Frage gestellt: soll er
den noch freien Raum der vorliegenden Strophe dazu benutzen, einen
neuen Gedanken anzufangen, der dann in der Strophe nicht aufgeht,
sondern in die nächste übergreift und damit die strophische Gliederung
zerstört, oder soll er den Rest mit leeren Redensarten ausfüllen?
Beides kommt ziemlich häufig vor. Das hat die Gelehrten, die sich mit
dem Nibelungenliede beschäftigt haben, lange Zeit sehr gestört; daß
der Grund der vielen vorkommenden leeren vierten Zeilen lediglich
der ist, daß die Strophenform eben entweder zu kurz oder zu lang
für die geschlossene Darstellung eines Gedankens ist, hat man erst
verhältnismäßig spät erkannt.
Die Nibelungenstrophe besteht aus vier paarig gereimten Langversen, so
daß also der erste mit dem zweiten, der dritte mit dem vierten durch
Reim gebunden ist. Die drei ersten Verse sind einander gleich, und
zwar haben sie vor dem Abschnitt, der in die Mitte des Verses fällt,
vier Hebungen, nach dem Abschnitt drei Hebungen; die vierte Zeile aber
hat vor und nach dem Abschnitt je vier Hebungen. Die vierten Hebungen
vor dem Abschnitte (gelegentlich auch die dritten Hebungen der zweiten
Hälften des ersten und zweiten Verses) dürfen durch klingende Ausgänge
vertreten werden. Als Beispiel setze ich Strophe 924 des Textes ~C~
(nach Holtzmanns Bezifferung) hierher und bezeichne die Hebungen:
~Gúnthér und Hágené, die réckén vil bált,
lóbten mít untríuwén ein pírsen ín den wált;
mít ir schárpfen gếrén si wólden jágen swî́n,
pérn únde wísendé. waz móhte kǘenérs gesî́n?~